Dreizehntes Kapitel

[207] Ich ging inzwischen aus dem Texel in See und hatte in den ersten drei Wochen mit widrigen und stürmischen Winden zu schaffen, die mich in der Nordsee umherwarfen. Als ich jedoch Dover passiert war, wurden sie mir günstiger, obwohl sie bald in den stärksten, anhaltenden Sturm ausarteten. Mein Schiff lief vor demselben in fliegender Fahrt mit so unglaublicher Schnelle einher, daß ich – was vielleicht zuvor nie erhört worden – den Weg von Dover nach Lissabon binnen vier Tagen zurücklegte, und also in jeder Stunde im Durchschnitt vierthalb Meilen zurücklegte. Ein portugiesischer Kapitän, den ich als Passagier an Bord hatte, und der wegen Unpäßlichkeit während dieser ganzen Zeit nicht aus der Kajüte hervorgekommen war, wollte seinen Augen nicht trauen, als er das Verdeck bestieg und die Ufer seines vaterländischen Tajo blühend vor sich liegen sah. Nur in unsrer Eigenschaft als Ketzer und unsrer daraus hergeleiteten näheren Verbindung mit dem Fürsten der Finsternis vermochte er sich eine Fahrt zu erklären, die nicht durch die Wellen, sondern durch die Luft bewerkstelligt sein müsse.

Ein solcher Wahn mochte einem Manne verziehen werden, dem früh eingesogene religiöse Vorurteile den Sinn besingen; allein, was sollte ich sagen, als ich des andern Tages an der Tafel meines Korrespondenten, Herrn John Bulkeley, mit mehreren englischen und amerikanischen Schiffskapitänen zusammentraf, denen ich von dieser Schnelligkeit meiner letzten Reise erzählte, und dabei deutlich an ihren verzogenen Gesichtern und blinzelnden Blicken bemerkte, wie wenig sie, zumal in Erwägung der schweren Befrachtung meines Schiffes, Glauben in meine Versicherung setzten? Im stillen Ärger konnte ich kaum des nächsten Tages erwarten, wo wir wiederum beisammen waren, um diesen schnöden Zweiflern mein mitgebrachtes Schiffsjournal vor Augen zu legen und dadurch zu ihrer aller Beschämung aber auch desto höherer Verwunderung meine Wahrheitsliebe zu rechtfertigen.

Bald darauf kam ich ans Ausladen meiner eingenommenen Güter, und nachdem ich des Teers ledig geworden, traf nunmehr die Reihe meinen bedeutenden Käsevorrat. Hierbei aber mischte sich die Hafenpolizei von Lissabon auf eine mir unbegreifliche Weise ins Spiel, indem sich zwei portugiesische Barken,[207] deren eine mit Militär besetzt war, mir zu beiden Seiten legten. Der Käse ward Stück für Stück aus dem Raume hervorgelangt, aber auch von den bestellten Aufsehern sorgfältig untersucht, befühlt und berochen, ob sich nicht irgendwo eine faule oder verdächtige Stelle zeigte. Jedes der Art warf man sofort in die bewaffnete Barke, und als ich erstaunt nach der Ursache eines so wunderlichen Verfahrens forschte, ward mir der Bescheid: kein Käse, der einen angekommenen oder gedrückten Fleck an sich habe, werde als der Gesundheit hoch nachteilig im Lande zugelassen, sondern sofort ins Wasser geworfen. Vergebens erwiderte ich, daß in aller übrigen Welt gerade der angefaulte Käse seine besondern und häufigen Liebhaber finde: denn man meinte, dazu gehöre auch ein ketzerischer Magen; in Portugal hingegen müsse aus solchem Genusse alsobald die Pest entstehen.

Allmählich hatte sich die als verdächtig ausgemerzte Ware in der Kriegsbarke zu einem ansehnlichen Haufen angesammelt. Diese machte sich demnach von meinem Borde los, entfernte sich einige hundert Klafter abwärts und begann nun den konfiszierten Käse ins Wasser zu werfen. Überall trieben die Stücke umher; aber ebensobald auch machten alle Schaluppen und Fahrzeuge in der Nähe Jagd auf eine so willkommene Beute. Die Soldaten in der Barke suchten zwar diese Kapereien zu verhindern, schrien, schimpften und machten sogar Miene, Feuer zu geben; doch dessenungeachtet ward ein großer Teil von diesem Pestkäse glücklich wieder aufgefischt und hoffentlich auch ohne weitern Nachteil für Leben und Gesundheit verzehrt.

Aber auch selbst mein eingeladener Weizen machte den Polizeioffizianten eine ähnliche Unruhe und Besorgnis. Denn ihre sieben an der Zahl fanden sich, als derselbe gelöscht werden sollte, an meinem Borde ein, um seine Beschaffenheit zu untersuchen.

Unglücklicherweise fanden sich nun einige zwanzig Weizensäcke, die zu äußerst an den Seiten gelegen hatten, und von dem feuchten Dunst im Raume auswendig beschimmelt waren. Sofort war auch ihnen das Todesurteil gesprochen! Sie wurden aufgeschnitten und der Inhalt kurzweg über Bord geschüttet. Ich bewies ihnen durch den Augenschein, daß der Weizen in diesen Säcken nicht den mindesten Schaden gelitten; ich klopfte ihnen sogar auf ihre Schubsäcke, die sie mit diesem nämlichen für verpestet ausgeschrienen Korne dick auszustopfen nicht verabsäumt hatten. Sie schüttelten bloß die Köpfe und entgegneten, die eingesackten Pröbchen seien nur zum Futter für ihre Hühner bestimmt, die sich ja als ein unvernünftiges Vieh den Tod nicht daran fressen würden.

Überhaupt sollte mein diesmaliger Aufenthalt in Lissabon nicht so geeignet als jener frühere sein, mir eine vorteilhafte Meinung von den Portugiesen beizubringen. Als ich eines Tages mit meinem Sohne, der mich auf dieser Fahrt begleitete, durch eine abgelegene Gasse ging, erblickten wir unter einem Bogengewölbe ein Muttergottesbild, vor welchem mehrere Lichter brannten. Vor dergleichen[208] pflegt kein guter Katholik vorüberzugehen, ohne seine Knie zu beugen und seinen Rosenkranz abzubeten. Zu beidem spürten wir keine Luft in uns. Ich blickte daher sorgsam vor und hinter mich, und da ich nirgend eine menschliche Seele gewahrte, rief ich meinem kleinen Begleiter zu, tapfer mit mir fortzuschreiten, bevor uns jemand hier erblickte und uns vielleicht ein böses Spiel bereitete.

Doch in dem nächsten Augenblick führte unser Unstern einen liederlichen Gassenbuben herbei, der unsern Mangel an Andacht wahrgenommen haben mochte, und sofort mit Hallo und Geschrei hinter uns drein lief, Steine aus dem Pflaster aufriß und uns mit Würfen verfolgte. Gleich in der nächsten Minute hatte sich ein ganzer Menschenschwarm gesammelt, der auf uns einstürmte, uns mit Unflat bewarf und aus vollem Halse den Ausruf: »Ketzer! Ketzer!« hinter uns her ertönen ließ. Glücklicherweise konnten wir um eine Straßenecke und dann wieder um eine Ecke einbiegen, wodurch wir dem rasenden Pöbel aus dem Gesichte kamen. Zu noch besserer Sicherheit traten wir in einen uns eben aufstoßenden Gewürzladen, wo ich eine Kleinigkeit kaufte und den aufgeregten Sturm vollends vorüberziehen ließ.

Alles dies vermehrte meinen Wunsch, diesen Hafen je eher je lieber wieder zu verlassen. Auch fand ich binnen kurzem eine anderweitige Ladung, aus Zucker, Kaffee, Wein usw. bestehend, die auf Hamburg bestimmt war, und mit deren Einnehmung ich mich sofort aufs fleißigste beschäftigte. Hier aber traf mich alsobald ein Verdruß andrer Art, der mich um all meine gute Laune zu bringen drohte. Es gab nämlich eine Menge von dänischen, schwedischen und holländischen Schiffen auf dem Platze, welche mir diese vorteilhafte Fracht beneideten und sie womöglich gern rückgängig gemacht hätten. Da sie nun allesamt mit den Barbaresken im Frieden lebten, ich aber als Preuße keine Türkenpässe aufzuweisen hatte, so sprengten sie an der Börse die lügenhafte Zeitung aus, daß zwei Algierer vor der Mündung des Tajo kreuzten und auf gute Beute lauerten.

In der Tat erreichten sie insofern ihren Zweck, daß meinen Abladern unheimlich bei der Sache wurde, da sie bei mir auf keine freie Flagge zu rechnen hatten, und einer von ihnen, der mir bereits zwei Kisten mit spanischen Talern als Frachtgut in meine Kajüte gegeben hatte, ließ sie zurückfordern und zog es vor, sich mit mir um Erlegung der halben bedungenen Fracht zu einigen. Dagegen wußte ich die übrige, schon eingenommene Ladung standhaft zu behaupten, stach mit Ausgang des Julius in See, ohne einen Korsaren zu erblicken, und erreichte sonder alles weitere Abenteuer die Elbe glücklich und wohlbehalten.

Indes schien es mir gleichwohl vom Schicksal be stimmt, daß ich immer aufs neue mit Lissabon zu schaffen haben sollte; denn gleich meine nächste Fahrt mit allerlei Stückgütern von Hamburg war wieder auf diesen Platz gerichtet. Ich ging dahin im September ab, konnte aber erst in der Mitte Novembers im Tajo[209] den Anker werfen. Desto hurtiger ging es aber mit meiner nächsten, wiederum nach Hamburg bestimmten Rückreise, wo ich bereits nach Verlauf von vier Wochen anlangte, aber nun auch des inzwischen eingetretenen starken Frostes wegen mich entschließen mußte, zu überwintern. Ich gestehe aber gern, daß ich, an rastlose Tätigkeit gewöhnt, mich mit dieser gezwungenen Winterruhe je länger je weniger auszusöhnen vermochte.

Im nächsten Frühling 1782 neigte sich der amerikanische Krieg immer mehr zum Ende – ein Ereignis, welches sofort auch einen sehr bemerkbaren, ungünstigen Einfluß auf den bisher so lebhaft betriebenen Handel der Neutralen äußerte, und wovon ich selbst unmittelbar die Folgen spürte, indem ich beinah den ganzen Sommer auf der Elbe liegen blieb, ohne irgendeine mir konvenable Fracht zu finden. Diesen mir aufgedrungenen Müßiggang benutzte ich dazu, meine Papiere in Ordnung zu bringen und mich mit meinem Patron, Herrn Groß in Stettin, über sämtliche Reisen, die ich bisher für ihn getan hatte, zu berechnen. Sobald dies Stück Arbeit fertig war, schickte ich es mit sämtlichen Belegen über Einnahme und Ausgabe an ihn ein und machte ihm bemerklich, wie ich mit seinem Schiffe nach Abzug aller Ausrüstungs- und Unterhaltungskosten, aller Volkslöhnungen, angeschafften und verbrauchten Provisionen, Assekuranzprämien, außerordentlichen Kosten usw. reine fünfunddreißigtausend Taler für ihn verdient habe. Was jedoch den letzten Artikel der »extraordinären Ausgaben« betreffe, so beruhigte ich mich in seiner eignen, langen Erfahrung im Schiffswesen, daß er den Unterschied der Zeiten nicht übersehen werde, und wie nach Umständen so manches kaum glaubliche Opfer habe gebracht werden müssen, um nur hurtig wieder in Gang und Verdienst zu kommen.

Diesen Rechnungen schloß ich nun zugleich eine Übersicht meiner eigenen, bei ihm gut habenden Forderungen bei, die sich auf tausendsiebenhunderteinundsiebzig Taler und einige Groschen beliefen, mit der Bitte, mir darüber einen Revers zukommen zu lassen, den ich um Lebens und Sterbens willen bei Joh. Daniel Klefecker in Hamburg niederzulegen gedächte. Meine Papiere aber wünschte ich, nachdem sie von ihm durchgesehen und gutgeheißen worden, von seiner Güte zurückzuempfangen.

Herr Groß schien jedoch bei diesem allen keinesweges die Eile zu haben, welche meine Ungeduld bei ihm voraussetzte. Seine gehoffte Antwort blieb mir bald gar zu lange aus, und dies erweckte in mir die Sorge, daß er wohl gar in meinen Rechnungen einigen Anstoß gefunden und deshalb erst noch mit andern konferieren möchte. Alles, was mir früher von seiner unverträglichen Gemütsart gesagt worden, stieg mir wieder zu Kopfe, und da ich noch verschiedene Posttage wieder vergeblich geharrt hatte, konnte ich mich nicht länger entbrechen, ihm schriftlich mein Befremden zu äußern, daß er mich in dieser peinigenden Ungewißheit lasse. Erregten ihm meine Rechnungen einiges Mißtrauen und zweifle[210] er an meiner Redlichkeit, so möge er hier in Hamburg einen andern Schiffer bestellen, damit ich mich in Stettin persönlich ausweisen, jeden Zweifelsknoten lösen und meine Ehre sicherstellen könne.

Kaum war dies Dokument meines Unmuts auf den Weg gegeben, als mit nächster Post ein Schreiben von Herrn Groß einlief, das mich in der innersten Seele beschämte. Er äußerte sich darin: »Mein lieber Sohn, ich bin mit Ihnen wie mit Ihren Rechnungen und Handlungen herzlich zufrieden. Für Ihre treuen und ehrlichen Dienste übersende ich Ihnen hierneben als Geschenk einen Wechsel von tausend Mark Hamb. Banko, den Sie sogleich ziehen mögen, damit Sie Geld für sich in Händen haben. Demnächst erhalten Sie den verlangten Revers über tausendachthunderteinundsechzig Taler, die Sie bei mir zugute haben.«

Hier gab es jedoch eine Differenz von neunzig Talern in dem letztern Posten, die, so sehr auch alles übrige mich freute, nur in einem Rechnungsfehler meines Patrons ihren Grund haben konnte und also ehebaldigst ausgeglichen werden mußte. Indem ich mein Buch zu Hilfe nahm, konnte ich ihm sogar auch die Gelegenheit nachweisen, wo ich diesen sich doppelt angerechneten Vorschuß von neunzig Talern in Stettin verausgabt hatte. Ich machte ihn also hierauf schriftlich aufmerksam und bat, mir einen andern, um so viel niedriger gestellten Revers zu behändigen. Er aber antwortete mir: »Allerdings habe ich mich in meiner Rechnung versehen, allein nicht in Ihrer Rechtschaffenheit, und so soll es mit meinem zuerst ausgestellten Reverse sein Bewenden behalten.«

Inzwischen hatte ich diesem Ehrenmann, als bereits der Julius herangelaufen war, gemeldet, daß mir's unerträglich fiele, mit seinem Schiffe hier noch länger untätig auf der Bärenhaut zu liegen und es im Hafen verfaulen zu sehen. Er möchte mir demnach gestatten, Ballast einzunehmen und nach Memel zu gehen, wo ich eine Ladung fichtener Balken für eigne Rechnung einzunehmen und diese in Lissabon abzusetzen gedächte, die dort meiner Erfahrung nach mit Vorteil abzusetzen sein würde. Als Rückfracht ließe sich im schlimmsten Falle wiederum eine Ladung Seesalz einnehmen und nach Riga verführen.

Herr Groß stand nicht an, diese Vorschläge zu genehmigen. Ich nahm, da ich meine Leute schon im Winter entlassen, neues Hamburger Schiffsvolk an und trat in der Mitte Augusts die Reise nach Memel an. Als wir zur Elbe hinaus und gegen Helgoland kamen, ging der Wind in Westnordwest, und es ward regnerisches und stürmisches Wetter. Mein Steuermann hatte, wie ich mit Leidwesen bemerkte, etwas zu tief in die Flasche gesehen. Ich wollte dem Dinge abhelfen, ließ einen Teekessel mit Wasser und Wein aufsetzen und reichte ihm davon einige Tassen zur Ernüchterung; allein das schien ihn fast noch mehr zu benebeln. Um acht Uhr abends teilte ich die Wachen ein, demzufolge der Steuermann und das halbe Volk die erste bis Mitternacht übernehmen sollten, und wobei ich den erstern anwies, auf keinen Fall östlicher als nordost zu steuern,[211] um nicht auf Land zu geraten, bei dem mindesten Vorfall aber, der sich ereignen könnte, mich sofort zu wecken.

Zwar begab ich mich hierauf in meine Kajüte zur Ruhe, doch war mein Gemüt zu voll von Unruhe und böser Ahnung, als daß ich hätte Schlaf finden können. Ich warf mich hin und her im Bette, horchte nach jedem Geräusch, das auf dem Verdecke über mir laut ward, und hörte endlich den Mann am Ruder in die Worte ausbrechen: »Nein, es geht doch toll auf diesem Schiffe her! Kein Licht beim Kompaß, kein Steuermann auf dem Deck; ich weiß selbst nicht mehr in der Finsternis, welchen Strich ich halten soll.«

Es war mir bei diesen angehörten Stoßseufzern, als ob mich der Donner rührte. Ich fuhr mit gleichen Füßen aus dem Bette und sprang aufs Verdeck. »Was steuert ihr auf dem Kompaß?« fragte ich den Menschen und erhielt eine konfuse Antwort, aus welcher ich jedoch vernahm, daß ihm der Wind das Licht, welches sonst regelmäßig neben dem Kompaß in einer Laterne brennt, ausgeweht habe. Daneben spürte ich deutlich, daß uns der Wind von hinten kam, anstatt daß er höchstens den Backbord hätte treffen sollen. – »Wo ist der Steuermann?« – Der lag in seiner Koje, schnarchte und wußte von seinen Sinnen nichts.

Fast hätte eine so rasende Unordnung mich auch um die Meinigen gebracht! Ich machte Lärm unter dem Volk, es mußte Licht gebracht werden, und als ich damit den Kompaß beleuchtete, ersah ich mit Todesschrecken, daß das Schiff gegen Südosten gerade auf die Küste zu anlag. Ohne einen Augenblick zu verlieren, griff ich zur Ruderpinne, wandte das Schiff durch Süden nach Westen und ließ gleich darauf das Bleilot auswerfen, welches nicht mehr als vier Klafter Tiefe anzeigte. So lag es denn am Tage, daß wir nur noch ein paar Minuten länger in jenem verkehrten Kurs hätten fortsteuern dürfen, und wir wären ohne Rettung auf den Strand gegangen, wo wir vielleicht Schiff, Leib und Leben eingebüßt hätten.

Aber auch jetzt noch blieb es für die ersten Augenblicke zweifelhaft, ob alle unsre Anstrengungen uns aus dieser dringenden Gefahr wieder loshelfen würden. Sobald ich jedoch endlich diese glückliche Überzeugung gewonnen hatte, schien es mir nötig, ein Beispiel zu statuieren. Ich holte den Taugenichts von Steuermann bei den Haaren aus seiner Kammer hervor, trat und stampfte ihn mit Füßen, wie er's verdient hatte, und hielt zugleich auch der übrigen Mannschaft eine Strafpredigt, woran sie sich spiegeln und meinen Ernst abnehmen mochte. Was es aber fruchten werde, mußte ich dahingestellt sein lassen.

Von jetzt an gab es nichts als widrige Winde, die uns volle vierzehn Tage hindurch nötigten, in der Nordsee und bei Skagerrack umherzukreuzen. Was aber meinen Unmut noch höher steigerte, war der dünkelvolle und widerspenstige Sinn meines Schiffsvolks, der sich je länger, je ungescheuter offenbarte. Kam es zu verdienten Verweisen und Ermahnungen, so hieß es immer: »Pah![212] Wir sind Hamburger und keine Preußen! Wir kennen unsre Gesetze und Rechte, und so muß man uns nicht kommen!« – Was mich jedoch am meisten verschnupfte, war eine gegen allen Seemannsbrauch streitende Gewohnheit, die sie unter sich und gegen meinen Willen in Gang zu bringen suchten. Sie lagen nämlich bei Tag und Nacht über ihren Tee- und Kaffeekesseln, und so oft ich in die Kombüse sah, hingen oder standen acht oder zehn solcher Maschinen bei einem Feuer, woran man vielleicht einen Ochsen hätte braten können – ein Unwesen, wobei nicht nur unser Kohlenvorrat unnütz verschwendet, sondern auch dem Schiffe die beständige Gefahr eines besorglichen Unglücks durch verwahrlostes Feuer bereitet wurde.

Als mir dieser Unfug endlich zu arg ward, tat ich ihnen ernstliche Vorhaltung, daß dies gegen alle gute Ordnung streite und fortan abgestellt bleiben müsse. Es solle dagegen mein eigner großer Kessel fortwährend am Feuer stehen, und was ich selbst nicht gebrauchte, möchten sie nehmen und unter sich einteilen. Allein auch das war in den Wind geredet, und mit dem Tee- und Kaffeegesöff blieb es beim alten. Fast gewann es sogar den Anschein, als ob man Luft habe, sich um meine Gebote und Anordnungen gar nicht mehr zu kümmern. Wie mir dieser bewiesene Trotz im Herzen kochte und sprudelte, wird man sich leichtlich vorstellen können.

Eines Abends nach Endigung des Gebets hieß ich der Mannschaft noch etwas stille sitzen zu bleiben, weil ich ihnen etwas vorzustellen hätte, und mit ebensoviel Ernst als Güte deutete ich ihnen meinen festen Willen an, daß das Kunkeln mit den vielen Teekesseln von Stund an ein Ende haben solle. Sie hingegen pochten unter Lärm und Geschrei nach gewohnter Weise, daß sie Hamburger wären und keine Preußen und sich ihr Recht nicht nehmen lassen würden. Ich hielt jedoch an mich und sagte mit möglichster Ruhe: »Ihr wißt nun meinen Willen, und das ist genug!«

Am nächsten Morgen um acht Uhr stieg ich meiner Gewohnheit gemäß in den Mastkorb, mich umzusehen. Indem ich dabei meine Blicke zufällig nach unten richtete, nahm ich wahr, daß mein ganzes Volk, den Bootsmann und den Koch an der Spitze, wie verabredet in einer Reihe und jeder seinen Teekessel in der Hand von hinten nach der vordern Luke zuschritten, um sich im Raume mit frischem Wasser zu versehen. Dies sehen und mich am nächsten besten Tau an den Händen hinunterlassen, war das Werk eines Augenblicks. Glücklich gelangte ich so aufs Verdeck, bevor sie noch die Luke erreichten, und mit fester Stimme rief ich: »Was ist das? Was soll das?« – indem ich zugleich dem Bootsmann wie dem Koch die Teekessel aus den Händen riß und weit hinaus über Bord ins Meer schleuderte.

Hui, das hieß in ein Wespennest gestochen! Die Kerle schlossen einen dichten Kreis um mich her und schrien wie unsinnig: »Schlagt zu! Schlagt zu!« – doch[213] keiner hatte das Herz, der erste zu sein. Diese bemerkte Unschlüssigkeit gab mir Zeit und Raum, mit der größten Behendigkeit mich durch sie hindurchzuwinden und mit starken Schritten nach meiner Kajüte zu eilen, wiewohl alsobald auch der helle Hause mit einem fürchterlichen »Halt auf! Schlagt zu! Halt fest!« mich auf dem Fuße dahin verfolgte. Doch gelang mir's, die Kajütentüre hinter mir zuzuschlagen und den Riegel von innen vorzuschieben.

In der Tat war nun meine Lage bedenklich genug, und ich durfte von den erhitzten Meuterern leicht das Ärgste erwarten; denn mein Leben sowohl als die Erhaltung des Schiffs standen hier auf dem Spiele. Sinnend und in stürmischer Bewegung ging ich in der Kajüte mit großen Schritten auf und nieder, um über irgendeine durchgreifende Maßregel zu meiner Rettung mit mir einig zu werden. Ich erinnerte mich endlich, daß ich einige Reisen früherhin in Hamburg einen Abdruck des dort geltenden Schiffs- und Seerechts gekauft und bei mir an Bord hatte, sowie daß ich dasselbe zum öftern durchblättert und mir mehrere Punkte angestrichen hatte, worüber Volk und Schiffer am leichtesten und gewöhnlichsten miteinander zu zerfallen pflegen, falls ich irgendeinmal in einen ähnlichen Zwist geraten sollte.

Ungesäumt holte ich dies Buch aus seinem Winkel hervor, schlug den gesuchten Artikel nach und fand folgendes verzeichnet:

»Einem Schiffer steht frei, seine Leute zu züchtigen, und es darf keine Gegenwehr geschehen. Sollte aber ein Schiffsmann sich unterstehen, seinen Schiffer zu schlagen oder sonst zu mißhandeln, so wartet seiner der Galgen nach Hamburger Recht. – Ebenso nach englischem und holländischem Seerecht. – Nach dänischen und schwedischen Gesetzen wird der Verbrecher mit der Hand an den Galgen genagelt, um sechs Stunden daran zu stehen, bis ihm das Messer, womit er angenagelt ist, wieder herausgezogen worden. – Nach preußischem Seerecht wird er sechs Monate in Eisen an die Karre geschmiedet.«

Ich zeichnete nunmehr diese Gesetzstelle, legt das Titelblatt mit den großgedruckten Worten »Hamburgisches Schiffs- und Seerecht« aufgeschlagen auf den Tisch und meinen kurzen, aber gewichtigen Rohrstock daneben und zog nun die Glocke, die den Kajütenjungen mit seiner Frage: »Was zu Dienst?« herbeirief. – »Der Bootsmann soll zu mir kommen.« – Eine Minute später trat der Geforderte zuversichtlich in die Kajüte, die ich sofort hinter ihm ins Schloß warf.

»Kannst du deutsch lesen, Bursche?« fragte ich ihn, indem ich ihm dicht auf den Leib trat. – »Hm, ich werde ja! Was soll's damit?« lautete die Antwort. – »So tritt her und lies diesen Titel. Das sind die Gesetze, wonach deine Vaterstadt dich und deinesgleichen richtet. Und nun lies und beherzige hier auch diesen Artikel.« – Er sah den Paragraphen überhin an und fuhr dann heraus: »Hoho, das ist nur Wischewäsche!« – »So, guter Kerl? Nun,[214] so will ich dir zeigen, was Wischewäsche ist«, und damit griff ich nach dem spanischen Rohr und walkte ihn durch aus Leibeskräften. Das böse Gewissen erlaubte dem Buben nicht, sich tätlich zu widersetzen, sondern er taumelte nur stöhnend aus einem Winkel in den andern, um meinen Streichen zu entgehen. So geschah es, daß mein Strafgericht in dem engen Raum der Kajüte ebensowohl die umher angebrachten Glasschränke samt den darin befindlichen Gläsern und Tassen traf, was ich aber in meinem brennenden Eifer nicht achtete.

Endlich, da ich meinen Arm erlahmt fühlte, stieß ich den Taugenichts mit den Füßen zur Kajüte hinaus, riegelte die Türe hinter mir zu und nahm mir nun etwas Zeit zum Verschnaufen. Der Anfang zur Wiederherstellung meiner Autorität war glücklich gemacht und damit zugleich ein schwerer Stein von meinem Herzen gefallen. Die Kerle steckten in keinen reinen Schuhen und singen an, bei meiner Entschlossenheit perplex zu werden. Ich durfte nun aber auch nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern sie mußten noch gewichtiger fühlen, daß ich ihnen gewachsen war. Sobald ich mich demnach ein wenig erholt hatte, zog ich abermals die Schelle und ließ nunmehr auch den Koch vor mich fordern.

Der Schelm mochte nun wohl schon erfahren haben, was seiner wartete. Er leistete also zwar Gehorsam, beobachtete aber die kluge Vorsicht, die Türe nur gerade so weit zu öffnen, daß mir Nase und Augen sichtbar wurden. »Näher, Schurke!« donnerte ich ihm entgegen; er hingegen suchte mich zu begütigen und bat: »Oh, lieber Kapitän, laßt es doch gut sein!« – Ich wiederholte mein Gebot; da er aber gleichwohl die Tür in der Hand behielt, warf ich ihm mein Rohr an den Kopf, und er sah dabei seine Gelegenheit ab, die Türe zuzuschnappen und sich aufs Verdeck zurückzuziehen. – Auch der zweite Feind war nun aus dem Felde geschlagen; jetzt kam es noch darauf an, einen entscheidenden Hauptschlag zu vollführen und die Kerle durch plötzlichen Schreck vollends zu unterjochen.

Ich überlegte im Aufundabgehen, daß, je längere Zeit ich bei dem anhaltenden Gegenwinde bedürfen würde, um den Sund zu erreichen und mein rebellisches Volk durch obrigkeitlichen Beistand zu Paaren zu treiben, leicht in den nächsten Augenblicken sich etwas ereignen könnte, was den gesunkenen, frechen Mut desselben wieder höbe und das Übel ärger machte. Am gescheitesten also schien mir's, den nächsten norwegischen Nothafen aufzusuchen und dort Recht und Gerechtigkeit zu fordern.

Hierzu entschlossen, nahm ich meinen Schiffshauer unter den Arm, kam festen Schrittes auf das Verdeck hervor und gebot dem Mann am Ruder: »Paß auf, Junge, und steure nach Nordnordost!« – Das gesamte Schiffsvolk stand auf einem Haufen versammelt und steckte die Köpfe zusammen. Als ich ihnen aber zurief, nach vorn zu gehen und die Segel nach dem Winde zu ziehen, verrichteten sie diese Arbeit pünktlich und in sichtbarer Gemütsbewegung. Nur der Steuermann, der sich bei dem ganzen Vorgange wie ein Dummbart abseits[215] gehalten, trat jetzt mit der verwunderten Frage zu mir heran: »Ei, Kapitän! Wo denn nun hin?« – »Wie?« – rief ich in Gift und Galle, »Ihr seid Steuermann und begreift das nicht? Nach Norwegen geht der Kurs und dort geradezu auf den Galgen los. Will ich meines Lebens und Schiffes sicher sein, so müssen binnen hier und drei Tagen ein paar Rebellen hoch in der Luft baumeln.«

Das sämtliche Volk hatte diese Drohung, wie es meine Absicht war, mit angehört. Ich hörte ihr Geflüster und sah, wie sie untereinander etwas ernstlich zu bereden schienen. Noch konnte ich nicht erraten, was sie im Schilde führten. Um aber auf alles gefaßt zu sein, zog ich meinen Hauer blank, trat mitten unter sie und fragte gebieterisch, was sie wollten. – Der Bootsmann, dem sie nach und nach alle beifielen, nahm für sie das Wort und gestand mit Zerknirschung: sie hätten sich übereilt und vergangen, bäten mich um Vergebung und versprächen, sich hinfüro besser gegen mich zu betragen.

»Ei wohl!« entgegnete ich ihnen. »Respekt und Gehorsam gegen mich verstehen sich wohl von selbst. Aber was ich wegen des Vergangenen über euch beschließe, darüber werde ich mich allerdings noch besinnen müssen. Jetzt an die Arbeit!« – Für mich selbst aber zog ich nunmehr in Erwägung, daß, da die Kerle dergestalt zu Kreuze gekrochen, die Fahrt nach Norwegen nur eine unnötige Zeitoersplitterung sein und es bessern Vorteil versprechen werde, in See zu bleiben und meine Reise möglichst zu beschleunigen. Indem ich sie also aufs neue zusammen berief, erklärte ich ihnen, daß ihr böser Handel fürs erste mit dem Liebesmantel zugedeckt, wenngleich nicht ganz vergeben sein solle, was sich zu seiner Zeit weiter ausweisen werde.

Demnach änderte ich meinen Kurs wieder nach Osten gegen das Kattegat, bis mich in der Nacht vom 2. zum 3. September ein dermaßen schrecklicher Sturm aus Nordosten überfiel, wie ich ihn kaum jemals erlebt habe, und wie er in dieser beengten Meeresgegend verdoppelte Gefahr drohte. Am Abend vorher zählte ich in meinem Gesichtskreise auf etwa zwei Meilen umher nicht weniger als zweiundvierzig Segel, die gleich mir nach dem Sunde steuerten. Der Sturm verstärkte sich aber von Stunde zu Stunde, so daß ich endlich keinen einzigen Lappen Segel führen konnte und mit jeder Woge fürchten mußte, auf eine blinde Klippe zu stoßen, welche hier meilenweit vom Lande zu Hunderten umhergesät sind. Doch Gott erhielt uns wunderbarlich; des nächsten Morgens aber waren von jenen zweiundvierzig Schiffen nah und fern nicht mehr als vierzehn zu erblicken, und gewiß ging der größte Teil der fehlenden in dieser entsetzlichen Nacht zugrunde. Für uns Geretteten hingegen stieg alsobald wieder ein freundliches Wetter auf, das uns glücklich nach dem Sunde führte.

Hier nicht länger als unumgänglich notwendig war, zu verweilen, gab es noch einen geheimen, aber meinem Herzen angelegenen Grund für mich. Ich[216] hatte meinem Vater schon von Hamburg aus nach Kolberg geschrieben, daß ich auf dieser Reise alles dransetzen würde, mich der Reede meiner Geburtsstadt dergestalt zu nähern, daß ich die Freude haben könnte, ihn und die Meinigen im Vorüberfahren auf einige Stunden bei mir am Borde zu begrüßen. Ich wollte dabei an einem roten Stender kenntlich sein, den ich vom Vordertop würde wehen lassen, und ich bat ihn und alle guten Freunde, mir diesen gehofften Genuß nicht zu verderben.

In der Tat wollten mir auch Wind und Wellen so wohl, daß ich – obgleich erst zum 29. September – mich auf der Kolberger Reede zeigen konnte. Da es gerade ein Sonntag war, so befanden sich nicht bloß meine erbetenen Gäste, sondern auch noch anderweitige zahlreiche Bekannte auf der Münde, welchen der Besuch an meinem Schiffe eine gelegene Lustpartie schien, und die mir daher, vielleicht hundert Köpfe stark, gern gesehen an meinem Borde zusprachen. Bei dem schönen Wetter ging ich gar nicht einmal vor Anker, sondern blieb mit Hinundherkreuzen unter Segel, Kajüte und Verdeck wimmelten von bekannten Gesichtern und fröhlichen Menschen, bis endlich abends alles wieder zu Lande fuhr, und ich darf mit Wahrheit sagen, daß ich diesen Tag für einen der vergnügtesten meines ganzen Lebens achte.

Nach genommenen traulichem Abschiede erhielt ich einen guten, steifen Wind, der mich schon zu Abend des andern Tages ins Angesicht von Memel brachte. Hier aber hatte er sich allmählich in einen Sturm verwandelt, der es dem Lotsen unmöglich machte, zu uns heranzukommen, und keck, wie ich war, unternahm ich mir's, auf meine eigne Gefahr auf den Hafen zuzusetzen. Das Wagstück ließ sich auch gut genug an, bis ich zwischen die beiden Hafen kam, wo sich's fand, daß das Fahrwasser viel zu westlich lief, als daß ich mich mit diesem Winde gegen dasselbe wenden konnte. Zwar machte ich, da hier Not an Mann ging, den verzweifelten Versuch; allein das Schiff wollte dem Steuer nicht länger folgen und trieb augenscheinlich gerade auf den Nordhafen zu.

Jetzt stand mit der Entschließung des nächsten Augenblicks unser Leben und alles auf dem Spiel. Ich ergriff ein Beil, kappte flugs das Bugreep und die übrigen Leinen, woran der Anker sich hielt, und der nun mit seinem ganzen vollen Gewicht in den Grund fiel. Nun hatte das Schiff für den Moment den fehlenden, festen Stützpunkt gefunden; es schwang sich um den Anker, und kaum hatte es sich auf diese Weise nach Wunsch gewandt, so hieb ich mit einem kräftigen Streiche auch das Ankertau entzwei, ließ den Anker stehen und kam glücklich und ohne Schaden wieder in See, bis des andern Tages der Wind nördlicher ging und ich nun in aller Gemächlichkeit den Hafen erreichte.

Obwohl nie ein Freund tyrannischer Härte in meinem Kommando und auch hier nicht von einer besonderen Rachsucht getrieben, glaubte ich es doch sowohl mir selbst als dem gemeinen Besten schuldig, meine Schiffsmannschaft wegen[217] ihrer angezettelten Meuterei bei dem Seegericht in Memel sofort nach meiner Ankunft anzuklagen. Die Sache ward untersucht, und der Spruch fiel dahin aus, daß dem Bootsmann, als Rädelsführer, hundert Stockprügel in zwei Tagen, dem Koch fünfzig, und noch einem Matrosen fünfundzwanzig zugezählt werden und sie ihrer verdienten Gage verlustig gehen sollten, welche den seefahrenden Armen zuerkannt wurde. Nach empfangener Strafe aber sollten sie über die nächste preußische Grenze gebracht werden.

Laut dieses Urteils wurden sie sogleich in die Militärwache abgeführt, und an dem bestimmten Tage ein paar Unteroffiziere beordert, die Sentenz an ihnen zu vollziehen. Ich meines Teils erachtete es für gut und wohlgetan, mein übriges Schiffsvolk mit herbeizuführen, um Zeugen der Exekution zu sein und sich daran zu spiegeln. Die drei Kerle traten ziemlich keck aus dem Wachloche hervor und schienen den Korporalstock wenig zu fürchten, bis man sie bis aufs Hemde entkleidete und daneben der warmen Fütterung beraubte, wodurch sie sich zu schützen vermeint hatten. Hoffentlich drang nun der wohlverdiente Denkzettel durch die neunte Haut; ich aber froh, ihrer los und ledig zu sein, nahm wieder in ihre Stelle drei englische Matrosen an, welche von einem Schiffe in Libau heimlich abgegangen waren.

Gehörte jenes Strafgericht zu den Unannehmlichkeiten meines Aufenthalts in Memel, so war mir hier doch auch eine zweifache, herzliche Freude durch lebhafte Rückerinnerung an meine Jugendzeit vorbehalten. Nicht nur fand ich ganz unvermutet in dem Post-und Bankodirektor W. meinen einstmaligen treuen Taubenfreund wieder, dessen ich eingangs dieser meiner Lebensgeschichte unter einem bei weitem nicht so stattlich klingenden Titel gedacht, und der mich mit voller alter Herzlichkeit aufnahm, sondern auch mit dem ehemaligen Kolberger Kaufmann Seeland traf ich hier zufällig zusammen, dessen Dörtchen mir einst nach meinem verunglückten Turmritt eine unvergeßliche Semmel zugesteckt hatte, und die ihn auch jetzt auf dem Wege nach der Insel Oesel begleitete, wo der gute, verarmte Mann bei seinem Sohne, einem dort wohnenden Prediger, Zuflucht und Unterstützung suchte. Wie dauerte mich um meiner jugendlichen Wohltäterin willen das Schicksal dieser Familie! Aber wie machte mich's jetzt auch glücklich, daß ich meinem dankbaren Herzen seinen Willen lassen konnte![218]

Quelle:
Nettelbeck, Joachim: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet. Meersburg, Leipzig 1930, S. 207-219.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet
Joachim Nettelbeck, Burger Zu Colberg (3); Eine Lebensbeschreibung, Von Ihm Selbst Aufgezeichnet
Bürger zu Kolberg: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

Buchempfehlung

Anonym

Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche

Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche

Die vorliegende Übersetzung gibt den wesentlichen Inhalt zweier chinesischer Sammelwerke aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert wieder, die Aufzeichnungen über die Sitten der beiden Vettern Dai De und Dai Schen. In diesen Sammlungen ist der Niederschlag der konfuzianischen Lehre in den Jahrhunderten nach des Meisters Tod enthalten.

278 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon