Vierzehntes Kapitel

[219] Übrigens machte ich in Memel für meinen Patron ein noch besseres Geschäft, als ich gehofft hatte, indem ich, anstatt eine Ladung für eigene Rechnung einzunehmen, Gelegenheit fand, mit Herrn Kaufmann Wachsen (auch einem Kolberger) eine leidlich gute Fracht auf Lissabon über eine Partie Schiffsmasten, fichtene Balken und Stangeneisen abzuschließen. Zufällige Umstände verhinderten jedoch, daß ich vor Anfang November nicht klar werden konnte, und dann hatte ich des früh eingetretenen Winters wegen Mühe, durch das Eis in See zu gegelangen. Überdem noch trieben mich widrige Winde fast drei Wochen in der Ostsee umher, bevor ich in den Sund kam, nun aber mit günstiger Fahrt die Nordsee erreichte.

Allein auf die Dauer eines solchen erwünschten Wetters war in dieser vorgerückten Jahreszeit freilich nicht zu rechnen, und wirklich gab es auch schon in den ersten Tagen des Dezembers wieder konträren Wind und Sturm, wobei wir rings um uns her mancherlei Schiffstrümmer, Masten, Stengen, Ruder und ein umgekehrtes Boot treiben sahen. Noch auffallender aber war uns der Anblick eines Schiffes etwa eine Meile nördlich vor uns, dem der große Mast fehlte und das noch mancherlei andre sichtbare Spuren von Zertrümmerung zeigte, weshalb wir auch urteilten, daß jene schwimmenden Trümmer wohl von demselben herrühren möchten.

Abends um acht Uhr, als wir des widrigen Windes wegen uns gegen Norden legen mußten, und ich eben die Wache hatte, meldete mir der Ausgucker, daß er nahe vor uns ein Schiff gewahr werde. Ich ließ sofort eine Laterne bei mir aushängen und erwartete, daß auch jenes, wie es der Gebrauch ist, ein Gleiches tun werde, damit wir nicht zu nahe aneinander gerieten und uns beschädigten. Es geschah aber nicht; ich aber lief inzwischen, so dicht an demselben vorüber, daß ich trotz der Dunkelheit deutlich erkennen konnte, wie ihm der große Mast und die Vorstenge fehlten und die See schäumend über Bord hinstürzte. Es war also ohne Zweifel das nämliche Schiff, welches wir schon tags zuvor erblickt hatten, und deuchte mir von ziemlicher Größe zu sein, aber steuerlos auf seiner Last zu treiben.[219]

Im Vorübersegeln rief ich es zu wiederholten Malen durch das Sprachrohr mit Holla! Holla! an, erhielt jedoch keine Antwort und mußte daraus schließen, daß es von seiner Besatzung verlassen worden. Dies regte nun allmählich allerlei wunderliche Gedanken bei mir auf, die sich endlich in die Vorstellung auflösten, wie es wohl des Versuchs nicht unwert sein möchte, das herrenlose Wrack mit dem grauenden Morgen wieder aufzusuchen, es ins Schlepptau zu nehmen und nach Norwegen zu führen, von dessen Küsten wir nur einige und zwanzig Meilen entfernt waren. Der Wind zur Fahrt dahin wehte günstig, und für die aufgewandte Zeit und Mühe schien ein so bedeutender Fund auch ohne Rücksicht auf die etwaige Ladung uns genüglich entschädigen zu können.

Bei dem Wechsel der Wache um Mitternacht teilte ich diesen Anschlag dem Steuermann mit, der meiner Meinung beistimmte, und mit dem ich nunmehr für die übrige Nacht einen solchen Kurs verabredete, daß wir hoffen konnten, uns bei Tagesanbruch wieder in der Nähe jenes Schiffes zu befinden. In der Tat auch erblickten wir dasselbe kaum eine halbe Meile vor uns unter dem Winde. Obwohl nun das Wetter ziemlich stürmisch war, setzten wir doch sofort unser großes Boot aus, und indem wir uns mit unserm eignen Schiffe unter zum Teil festgemachten Segeln dem Wrack bis auf eine Entfernung von etwa achtzig Klaftern näherten und mit dem Boote ein Kabeltau auslaufen ließen, versuchte ich nebst den mit mir genommenen sechs Matrosen unser möglichstes, dort an Bord zu gelangen.

Freilich ward dies Wagstück bald um so schwieriger, da wir's nicht verhindern konnten, hinten unter dem Schiffe vorüber getrieben zu werden, während dieses von den Wogen aufs heftigste gewälzt wurde, und wir jeden Augenblick befürchten mußten, mit unserm Boote und dem schweren, verhinderlichen Ankertau in den Grund zu versinken. Endlich gelang es uns zu entern, das Ende des Taues zu befestigen und uns, während ein Mann zur Wache im Boote zurückblieb, auf unsrer Prise ein wenig genauer umzusehen. Es war eine greuliche Zerstörung auf derselben vorgegangen, und sicherlich hätte sie längst sinken müssen, wenn sie nicht, wie ich fand, mit Holz und Balken geladen gewesen wäre, die sie knapp über dem Wasser erhielten.

Nachdem wir auf diesem Schiffe bei möglichst abgekürztem Aufenthalt alles beschickt hatten, was unsre nächste Absicht erforderte, kehrten wir nach unserm eigenen zurück, hingen das andre Ende des Schlepptaues in unser Hinterteil und richteten nunmehr mit unsrer neuen Last den Kurs auf Norwegen zu. Freilich hatten wir, da der Wind von hinten kräftig in unsre Segel blies, uns Rechnung gemacht, den Weg dahin rasch zurückzulegen; allein unsre nachgeschleppte Prise ging so tief und drückte so schwer, daß wir binnen einer Stunde kaum eine Viertelmeile fortrückten. Doch beharrten wir den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht in unserm Beginnen.[220]

Mit meiner Morgenwache aber in der Stille der Dämmerung stiegen mir wiederum allerlei Grillen in den Kopf, die mir diesen Handel je länger, je bedenklicher machten. Ich erwog, was für eine langsame und mühselige Schlepperei dies abzugeben drohte, wie kurz in dieser Jahreszeit die Tage, und wie es gleichwohl, wenn wir nach Norwegen herein wollten, unumgänglich erforderlich sein werde, schon zur frühesten Morgenzeit nahe am Lande zu sein, um nicht unser eignes Schiff den Klippen preiszugeben, die sich meilenweit längs der Küste in dichter und starrer Saat hinziehen. Überdem war auf den Bestand von Wind und Wetter keinen Augenblick zu rechnen, und so schien es am geratensten, ein Unternehmen lieber freiwillig aufzugeben, welches selbst im glücklichsten Falle ein unangemessenes Zeitversäumnis erforderte, leicht aber auch mich gegen meinen Reeder und Befrachter einer schweren Verantwortlichkeit bloßstellen konnte.

Ich eröffnete beim Wechsel der Wache dem Steuermanne auch diese meine veränderte Ansicht samt ihren Gründen und beschloß nun, mit ihm gemeinschaftlich das Schlepptau sofort wieder abzulösen und das Wrack seinem Schicksal zu überlassen. Die Ausrichtung war zwar nicht leicht, da das Wetter noch stürmischer geworden; doch machte ich mich getrost daran und hatte auch, wiewohl nicht ohne gefahrvolle Anstrengung das Glück, meinen Zweck zu erreichen. Noch während der Ablösung fiel es mir indes bei, daß es doch wohl recht und billig wäre, uns für unsre viele vergebliche Mühe und Zeitverlust durch irgend etwas, das uns nutzen könnte und hier doch nur den Wellen schmählich preisgegeben war, schadlos zu halten. Mir fielen die Anker, welche noch alle unversehrt am Buge hingen, ins Auge. Ich befahl demnach, unser Tau in den Ring des größten derselben einzuknüpfen, die Leinen und Reepe, die es hielten, zu kappen und es fallen zu lassen, damit es jenseits von unserm Schiffe wieder emporgewunden werden könnte.

Dies geschah; wir stiegen in unser Boot zurück und ließen das Wrack treiben, ohne daß uns möglich gewesen wäre, weitere Kundschaft von seinen näheren Umständen einzuziehen. Nur so viel hatten wir bemerkt, daß es ein großes holländisches Flütschiff war, hinten den Namen »Dambord« und auch ein angemaltes Damenbrett im Spiegel führte. Einige Tage später, wo Wind und Wetter zusamt unserm Kurse zum öftern wechselten, trafen wir auf einen Holländer, der nach dem Texel wollte, und dem ich zurief, daß ich in der und der Gegend ein Schiff seiner Nation als ein Wrack treibend gesehen, welches den Namen Dambord führte. Er möge solches, wenn er nach Amsterdam käme, an der Börse bekannt machen, damit der Eigentümer erfahre, was aus seinem Schiffe geworden. Mir selbst aber ist hierüber keine spätere Kunde zugekommen.

Ohne ferneres denkwürdiges Begebnis langten wir in der Hälfte des Januars 1783 glücklich zu Lissabon wieder an und ankerten zufällig neben einer[221] amerikanischen Fregatte von vierundvierzig Kanonen, deren Kapitän mir einige Tage später gesprächsweise als ein Deutscher, namens Johann Ollhof, genannt wurde. Wundersam fiel dieser Name mir auf, da ich mich erinnerte, im Jahre 1764 einen Matrosen Johann Ollhof im Dienste gehabt zu haben, der mir in Amsterdam mit meinem guten Willen entlief, und von dem ich seitdem nie wieder gehört hatte. Wie sich das damals begab, mag mir hier, obwohl geringfügig an sich, mit wenig Worten zu erzählen erlaubt sein.

Ich war zu jener Zeit im Begriff, mit meinem Schiffe von Amsterdam wieder nach der Heimat zurückzukehren, als der gedachte Mensch, der ein sehr guter Junge und vom Treptower Deep gebürtig war, an einem Sonnabend zu mir in die Kajüte trat und mich von Himmel zu Erde beschwor, ihn hier freizulassen; denn wenn er wieder in seine Heimat müsse, erwarte ihn der leidige blaue Rock, und dann sei er zeitlebens eine unglückliche und verlorne Kreatur. – »Hört, Johann«, war meine Antwort, »ich mag Euer Unglück nicht, will aber übrigens von dem, was Ihr tut oder nicht tut, nichts wissen.« – Er verstand mich und erwähnte noch seiner Monatsgage von einundzwanzig Gulden, die er bei mir gut habe. – »Nun«, unterbrach ich ihn, »morgen ist ja Sonntag, wo wohl einige von unsern Leuten werden an Land gehen und auch Geld fordern wollen. Dann läßt sich weiter davon sprechen.«

Der Sonntagmorgen kam; mit ihm drei meiner Matrosen, denen auch Johann sich angeschlossen hatte, um sich Urlaub zum Erlustieren und auch Geld dazu von mir zu erbitten. Ich entließ sie mit der Ermahnung, keine Händel anzufangen und bei guter Zeit sich wieder am Borde einzustellen. Jeder erhielt ein paar Gulden; doch als Johann seinen vollen Lohn forderte, stellte ich mich zum Schein befremdet, bis er mir erklärte, daß er seinen Geschwistern daheim allerlei Geschenke zugedacht habe, die er dafür einzukaufen gedenke. Allein am Abend kamen zwar die übrigen alle, nur mein Johann Ollhof nicht zum Vorschein. Natürlich gab ich mir auch keine sonderliche Mühe, seiner wieder habhaft zu werden, und so blieb er seinem guten oder bösen Geschick überlassen.

Jetzt, da ich mich eben im Gewühl der Lissaboner Börse befand, hörte ich einen Kaufmann laut nach dem Kapitän Johann Ollhof rufen, den ich selbst in dem dichten Haufen nicht gewahr zu werden vermochte. Doch sah ich gleich darauf eine Figur nach jenem sich hinwenden, in welcher ich mit freudigem Erschrecken trotz der glänzenden Uniform, des Degens und der Schärpe augenblicklich meinen ehemaligen Deserteur erkannte. Wie hätte ich mich enthalten können, mit rascher Bewegung und der Frage auf ihn zuzutreten: »Ist's möglich? Johann Ollhof, seid Ihr es?« – Verwundert sah er mir scharf ins Gesicht, erkannte mich im nächsten Moment nicht minder und fiel mir mit dem Freudenruf um den Hals: »Kapitän Nettelbeck – Sie finde ich hier wieder? Oh, tausendmal willkommen in meinen Armen!«[222]

Nun gab es unzählige Fragen und Erkundigungen gegenüber auszuwechseln, die mir seine mancherlei Glückswechsel, seine Verschlagung nach Nordamerika und sein schnelles Steigen im Seedienst der jungen Republik erklärten. Er drang in mich, am Nachmittage zu ihm an Bord zu kommen, wohin er mich abholen lassen wolle. Dagegen berichtete ich ihm, daß uns das Ungefähr dermalen zu nahen Nachbarn gemacht, und bestand darauf, daß es ihm, dem Jüngern, wohl geziemen würde, mir den ersten Besuch zu machen. Auch hätte ich ein Schiff unter den Füßen, auf welchem ich mich nicht schämen dürfte, einen so lieben Gast zu empfangen. Er gab mir recht und versprach, bei mir zu erscheinen.

In der Tat legte seine Schaluppe, mit zwölf ausgeputzten Ruderern versehen, zur bestimmten Zeit an meine Seite, und er kam, von einigen seiner Offiziere begleitet, zu mir an Bord, wo das Verdeck zum Teil mit in der Ausladung begriffenen Eisenstangen angefüllt lag, so wie denn überhaupt mein Schiff ein wenig tief ging. Kaum angekommen, machte er hierüber seine Bemerkung und rief: »Mein Gott, Freund, wie können Sie doch Ihr Leben auf so einem Kastenwagen?« – Ich will nicht leugnen, daß dieser Hochmut (wofür ich es hielt) mich ein wenig verdroß, und daß ich mein Schiff nicht verachten lassen wollte. Drum versetzte ich: »Johann Ollhof, mir deucht, daß Ihr, solange Ihr noch ein Preuße hießet, wohl nie das Glück gehabt, auf einem solchen Schiffe wie dieses zu fahren.«

Er nahm es hin; ich aber, obwohl ich es in der stattlichen Aufnahme meiner Gäste an nichts ermangeln ließ, fühlte mich doch verstimmt. Ja, selbst als er beim Abschiede freundlich bat, seinen Besuch aufs baldigste zu erwidern, brach der innere Groll unaufhaltsam hervor in dem Geständnisse: »Ich bin nicht gut auf Euch zu sprechen, Kapitän, denn Ihr habt mir meine Puppe, mein Schiff, verachtet.« – Demungeachtet wiederholte er seine Einladung nur um so herzlicher und bat zugleich um Verzeihung wegen seiner unschuldigen Äußerung, allein Herz und Sinn hatten sich bei mir von ihm abgekehrt; ich konnte mich nicht entschließen, zu ihm an Bord zu gehen, und habe ihn auch nicht wieder gesehen. Mag wohl sein, daß diese widrige Empfindung bei mir noch tiefer lag, und daß mein Matrose Johann Ollhof und der amerikanische Fregattenkapitän in meinem Hirne nicht zu einer Person zusammenschmelzen wollten.

Überdem gab es bald allerlei Verdrießlichkeiten, die meinen Sinn auf andre Dinge lenkten. Gerade damals lag eine starke englische Kriegsflotte im Tajo; ich aber hatte, wie bereits gesagt, drei in Memel angenommene englische Matrosen im Dienst, welche am Lande mit ihren Landsleuten von jener Flotte häufig zusammenkamen und von diesen sich ohne Zweifel ihre gute und bequeme Lage verleiden ließen. Denn eines Tages traten sie unerwartet zu mir in die Kajüte mit der Erklärung, daß sie es vorzögen, unter ihren Freunden und Landsleuten[223] auf der Flotte zu dienen; daher sie ihre Entlassung von meinem Schiffe, aber auch ihre rückständige Löhnung (für jeden wohl über sechzig Taler) forderten.

»Kinderchen«, erwiderte ich ihnen, »ihr steht alleweile auf einem preußischen Schiffe und im preußischen Dienste, seid also auch vor der Hand nicht Engländer, sondern Preußen. Daß ich euch eure Löhnung auszahle, oder gar, daß ich euch frank und frei gebe, daran ist gar nicht zu denken.« – Freilich mochten sie sich durch diesen Bescheid nicht sonderlich befriedigt fühlen, und so geschah es denn wohl auf ihren Betrieb, daß wenige Tage nachher ein Offizier von der britischen Flotte an meinem Borde erschien, mit dem Auftrage von seinem Admiral, die augenblickliche Auslieferung von drei geborenen englischen Untertanen von mir zu verlangen, die sich, wie er erfahren habe, auf meinem Schiffe befänden, und deren völlige Entschädigung für den bisherigen Dienst zugleich erfolgen müsse.

Ich beobachtete bei diesem sonderbaren Vortrage ein ruhiges Schweigen, ließ aber in der Stille die preußische Flagge über unsern Köpfen aufziehen, die ich meinem Gaste zeigte, indem ich hinzufügte: »Sehen Sie, mein Herr, unter dieser Flagge stehen jene drei Leute in Dienst, und ich kenne kein Gesetz, das mich verpflichtete, sie hier in einem fremden Hafen daraus zu entlassen. Jede weitere Prozedur des Herrn Admirals werde ich erwarten.«

Eine Zitation vor das portugiesische Seegericht ging bald darauf an mich ein, um meine Sache im Beisein des Admirals, der gleichfalls erscheinen würde, zu verantworten. Jetzt ward also der Handel ernsthaft, und ich hielt es für geraten, zu unserm preußischen Gesandten, dem Herrn von Heidecamp, zu gehen, dem ich die Lage der Dinge vortrug und um Verhaltungsregeln bei ihm nachsuchte. Sein Ausspruch war: daß, falls ich nicht gutwillig wolle, niemand mich zwingen könnte, die Leute freizugeben, noch weniger, ihnen ihre Löhnung auszuzahlen, welche nach Recht und Gesetz dann erst fällig sei, wenn mein Schiff wieder einen preußischen Hafen erreicht habe. Zugleich unterrichtete er mich genau, wie ich mich vor Gericht zu verhalten hätte, und fügte hinzu: in Ansehung alles übrigen sollte ich ihn gänzlich sorgen lassen, indem er gesonnen sei, bei dem Termine gleichfalls in Person zu erscheinen.

Dies geschah nun gleich am nächsten Tage. Wir fanden den englischen Admiral (schade, daß mir sein nicht unbekannter Name wieder entfallen ist!) mit zwei Flottenkapitänen bereits vor, und er eröffnete die Verhandlung durch das bestimmte Begehren, die drei britischen Untertanen in seinen Dienst ausgeliefert zu erhalten. Meine verweigernde Antwort stützte sich auf die Gründe, welche ich schon angeführt habe. Ja, ich war so keck, gegen ihn zu bemerken: ohne Zweifel befänden sich auf seiner Flotte viele geborne preußische Untertanen, gleichwohl stände noch dahin, ob er sich verpflichtet halten würde, diese auf mein Verlangen ihres Dienstes zu entlassen?[224]

»Topp!« rief er feurig aus; »ich gebe drei Preußen von meiner Flotte in die Stelle der drei Engländer!« – »Ein Erbieten«, entgegnete ich, »das aller Ehren wert ist, wenn ich nur hoffen dürfte, anstatt der tüchtigen Leute, die mir abgefordert werden, etwas Besseres als den Ausschuß von der ganzen Flotte zurückzuempfangen, und mit dem ist mir nicht geholfen.« – Sofort auch nahm der Gesandte das Wort, und da ich sah, daß der Handel anfing, zu einer Ehrensache zwischen ihm und dem Admiral auszuschlagen, so konnte ich den fernern, lebhaften Wortwechsel mit desto besserer Seelenruhe anhören, bis zuletzt das Gericht seinen Ausspruch tat, der die Matrosen schuldig erkannte, auf meinem Schiffe zu verbleiben, bis sie in dem nächsten erreichten preußischen Hafen abgelöhnt werden könnten.

So war nun zwar dieser Strauß glücklich und mit Ehren ausgefochten, allein einige Tage nachher erfolgte ein Ding, das ebensosehr zu erwarten, als schwer zu verhindern war. – Die drei Kerle machten sich heimlich aus dem Staube und gingen auf die Flotte zu ihren Landsleuten über, ohne auf ihre im Stiche gelassenen Monatsgelder zu achten. Mochten sie laufen! Ich konnte ihrer entraten!

So wie ich nun meine Ladung in diesem Hafen löschte, entstand auch die Verlegenheit, in dieser ungünstigen Jahreszeit (es war mitten im Winter) nicht sofort wieder eine vorteilhafte Fracht zu finden. Nach Süden, ins Mittelländische Meer, durfte ich mich aus Mangel an Türkenpässen nicht wagen, und in der Nord- und Ostsee hatte der Frost die Schiffahrt geschlossen. Ich mußte also bis in den Monat März die Hände notgedrungen in den Schoß legen, und, da mir auch dann noch keine Fracht nach meinem Sinne angeboten wurde, mich entschließen, eine Ladung Salz für eigne Rechnung zu kaufen und nach der Ostsee zu verführen.

Hiermit war ich noch beschäftigt, als sich ein Sturm aus Westen erhob, der mehrere Schiffe und unter diesen auch ein unbeladenes portugiesisches Schiff, welches uns einige hundert Klafter weit über dem Winde lag, von den Ankern trieb. Dies letztere rückte dem meinigen gerade auf den Hals, und da es so gut als ganz sich selbst überlassen war (denn nur zwei Jungen befanden sich am Borde), so hatten wir Not und Mühe, es nur so weit abzulenken, daß es endlich uns zur Seite zu liegen kam. Gleichwohl war bei dem anhaltenden Unwetter nicht zu verhindern, daß es unaufhörlich gegen unsern Bug stieß und drängte, wodurch bei mir die gerechte Besorgnis entstand, daß beide Schiffe davon großen Schaden nehmen könnten, wenn jenes nicht bald seine Stellung veränderte und unter Windes von uns gebracht würde.

Dies stellte ich meinem Schiffsvolk vor, und wir beschlossen, alsogleich Hand an ein so nötiges Werk zu legen. Indem wir aber hierzu insgesamt an den portugiesischen Bord hinübersprangen, ergriff jene beiden Jungen, die von unsrer[225] Absicht nichts wußten, ein Todesschrecken. Sie erhoben ein Geschrei aus voller Kehle, welches auch nicht ermangelte, ihre Landsleute von fünf oder sechs der nächstgelegenen Fahrzeuge im Hui auf ihr Verdeck herbeizulocken. Dies Gesindel nahm sich nicht die Zeit, uns anzuhören oder sich mit uns zu verständigen, sondern augenblicklich galt es ein wildes Zuschlagen auf uns mit Knütteln, Handspaten und Bootshaken, so daß wir genötigt waren, auf unser Schiff zurückzuflüchten.

Doch auch hiermit nicht zufrieden, verfolgten uns unsre übermächtigen Gegner auf unser eignes Verdeck und trieben uns je länger, je mehr in die Enge. Mein Steuermann erhielt einen Schlag, daß er zu Boden stürzte, und ich nicht anders glaubte, als daß ihm der Rest gegeben worden. Ich selbst mußte mein Heil in der verriegelten Kajüte suchen, so wie meine Leute genötigt waren, sich im Raume zu bergen und in ihrem Roof zu verschließen, um nicht ferneren Gewalttätigkeiten ausgesetzt zu sein. Endlich stieß nun zwar die wilde Rotte wieder nach ihren Schiffen ab, aber der Portugiese blieb zu meiner Seite liegen und fuhr fort, die ganze Nacht hindurch sich gegen mein Schiff abzuarbeiten und an der Verkleidung desselben zu reiben.

Die Folgen zeigten sich gleich morgens an ihm selbst, indem ganze Planken in Stücken von seiner Seite hinwegtrieben, der Fockmast aber über Bord gefallen war, und das ganze Gebäude wie ein zerschelltes Wrack sich seitwärts neigte. Allein auch ich selbst bemerkte an dem meinigen mehrere Beschädigungen, die mir um so mehr Galle ins Blut trieben, je leichter sich dies alles hätte vermeiden lassen, wenn das Recht und die Vernunft nicht der verstandlosen Gewalt hätte weichen müssen.

Höher noch stieg freilich diese Galle, als einige Stunden später der portugiesische Kapitän des Schiffes zu mir an Bord kam. Es fand sich, daß ich ihn einigermaßen kannte, indem er verschiedentlich mit mir im Kontor meines Korrespondenten, Herrn Bulkeley, zusammengetroffen war und an dessen Tische gespeiset hatte. Sein Name war Sylva. Pochend und mit schäumendem Munde fuhr er auf mich ein, ihm für den an seinem Schiffe erlittenen Schaden gerecht zu werden, und nur mit Mühe mäßigte ich mich zu der gelassenen Antwort: daß, wenn er es mit der gehörigen Mannschaft besetzt gehalten, Schaden und Unglück entweder nicht stattgefunden haben oder doch geringer ausgefallen sein würden. Er war aber nicht in der Verfassung, Vernunft anzunehmen, sondern fuhr drohend und scheltend wieder an Land.

Kaum aber waren ein paar Stunden verlaufen, so ließ er sich abermals bei mir blicken und war diesmal von einer Art Gerichtsperson oder Notarius begleitet, der mir einen langen schriftlichen Aufsatz von anderthalb Bogen vorlegte, mit dem Ansinnen, daß ich meinen Namen unterzeichnen möchte. – »Unter eine Schrift in einer Sprache, die ich nicht verstehe?« gab ich zur Antwort.[226] – »Mit nichten, meine Herren! Geht damit, wenn es euch beliebt, zum preußischen Konsul, dort werde ich mich gleichfalls finden lassen.«

In der Tat war sofort mein nächster Gang zu diesem Konsul, namens Schuhmacher, gerichtet, um ihn von dem unangenehmen Vorfalle vollständig zu unterrichten und mich mit ihm zu beraten. Sein Gutachten fiel dahin aus, daß ich nachmittags mit meinem Schiffsvolk vor ihm erscheinen solle, um in Gegenwart eines Notarius über den wahren Verlauf der Sache eidlich vernommen zu werden. Auf dem Rückwege stieß ich auf meinen Korrespondenten Bulkelen, und nachdem ich in dessen Kontor getreten, benachrichtigte er mich, daß soeben Kapitän Sulva ihm über das bewußte Ereignis eine schriftliche Erklärung vorgelegt, die er auch unbedenklich mit meiner Namensunterschrift versehen habe.

»Wie?« rief ich, hoch verwundert, »unterschrieben mit meinem Namen? Unterschrieben ohne mein Wissen und Einwilligung? – Von diesem Augenblick an, Herr, hören Sie auf, mein Korrespondent zu sein, und ehe und bevor ich meinen Fuß aus Ihrem Hause setze, fordre ich, daß Sie mir den Abschluß meiner Rechnung vorlegen.« – Er zauderte; ich aber erklärte ihm so fest und bestimmt, ich würde ohne Abrechnung nicht vom Platze weichen, daß er sich endlich meinem Verlangen fügen mußte.

Es war notwendig, den Konsul augenblicklich von diesem Schurkenstreiche in Kenntnis zu setzen. Wie vollkommen aber sein Betragen diesen Namen verdiente, entwickelte sich erst nachher, da es an den Tag kam, daß dieser nämliche Bulkelen auch Reeder des Schiffes war, welches Kapitän Sulva führte. – »Ruhig, mein Freund!« tröstete mich der Konsul; »treffen Sie nur schleunige Anstalt zur gerichtlichen Vernehmung Ihrer Leute und lassen mich dann für das übrige sorgen.« Jenes ward auch gleich am nächsten Morgen mit allen Förmlichkeiten bewerkstelligt, und während ich das Original dieser Erklärung in des Konsuls Hände niederlegte, versäumte ich nicht, durch den Notarius eine beglaubigte Abschrift ausfertigen zu lassen, die ich auf den Fall der Notdurft für mich selbst zurückbehielt.

Noch erklärte ich meinem wackern Beschützer meine Absicht, binnen zwei oder drei Tagen die Anker zur Abfahrt zu lichten, daß ich aber von meinem Widersacher jede Art von Schikane und also auch wohl eine Beschlagnahme meines Schiffes bis zu ausgemachter Sache erwarten müßte. »Dann«, erwiderte er, »bin ich es, der Kaution für Sie leistet und, wenn Sie abgesegelt sind, den Prozeß für Sie führt.« – So getröstet, nahm ich nun in aller Gemächlichkeit den Rest meiner Salzladung ein und ging des dritten Tages darauf unter Segel, ohne daß es auch einem Menschen nur einfiel, mir etwas in den Weg zu legen.

In die Stelle der entlaufenen drei Engländer, die mir zu meiner vollen Bemannung[227] fehlten, glückte mir's, noch am Tage vor meiner Abreise zwei schwedische Matrosen ähnlichen Schlags zu erhalten, daneben aber auch noch einen dienstlosen Engländer auszukundschaften, den ich in seiner Schlafstelle aufsuchte und für meinen Dienst annahm. Freilich mußte ich ihn bei seinem Wirte, dem er schuldig geworden, erst mit einem vollen Monatsgelde auslösen; doch gerade darauf mochte der Kerl spekuliert haben: denn kaum war er mit mir auf der Straße, so zeigte er eine so entschiedene Neigung, mir wieder zu entlaufen, daß ich hinter ihm dreinschreien mußte, bis er von andern Leuten festgehalten wurde, ich mich seiner versichern und ihn in meine naheliegende und mit vier Mann besetzte Schaluppe bringen lassen konnte.

Es war begreiflich, daß der Mensch sich unter diesen Umständen auf meinem Schiffe wohl nicht sonderlich gefallen mochte. Das bewies er auch am nächsten Morgen, wo wir in See gehen wollten, indem er sich die längelang aufs Verdeck streckte, nicht arbeiten mochte und krank zu sein vorgab, was sich aber bei näherer Untersuchung als falsch befand. Nun bequemte er sich endlich, auf ernstliche Bedrohung mit Hand anzulegen und seinen störrischen Sinn fahren zu lassen. Dennoch sollte ich von ihm, wie man in der Folge sehen wird, noch sehr ernsthaften Verdruß erleben.

Als wir zum Tajo herausgekommen waren, machten wir die unangenehme Entdeckung, daß unser Schiff viel Wasser einließ. Anfangs meinten wir, daß, da wir mit demselben so lange ledig gelegen und hohen Bord gehabt, die Fugen mancher Planken durch die Sonnenhitze voneinander getrocknet sein möchten und daß diese Nähte unter Wasser bald wieder zuquellen würden. Allein der Leck nahm so überhand, daß wir das Schiff bald mit beiden Pumpen kaum über Wasser halten konnten. Zudem stand der Wind vom Lande, und es war also unmöglich, wieder in den Hafen zurückzusteuern.

In dieser Not lag uns alles daran, den schadhaften Fleck aufzufinden, um demselben womöglich beizukommen und ihn zu stopfen. Man weiß, wie klar und durchsichtig die Gewässer des Atlantischen Ozeans in dieser Gegend sind, und daß man darum ziemlich deutlich auch in eine größere Tiefe sehen kann. Wir hielten also fleißige Nachsuchung, ob wir nicht außerhalb Bords unter Wasser etwas zu erkennen vermöchten: und da fand ich denn endlich, daß an der Seite und ungefähr vier bis fünf Fuß tief unter der Oberfläche die Späne von der äußern Haut abstanden. – Also wohl unstreitig ein trauriges Andenken an unser Zusammenstoßen mit jenem portugiesischen Schiffe und die Ursache unsers immer bedenklicher werdenden Lecks!

Je unmöglicher es war, daß wir unser Schiff auf den Pumpen so über See tragen konnten, desto unerläßlicher mußte hier schleuniger Rat geschafft und ein Pflaster über die wunde Stelle befestigt werden. Ich ließ sogleich eine von den Zitronenkisten, die wir in Lissabon eingenommen hatten, zerschlagen, um den[228] biegsamen Boden derselben zu gewinnen, schnitt nach der Größe desselben meine mit Baumwolle gesteppte Bettdecke entzwei, teerte und talgte sowohl diese als jenen Kistenboden an beiden Seiten, heftete beide mit kleinen Nägeln aneinander; bohrte am Rande acht oder zehn Löcher umher, steckte in jedes derselben einen größeren Nagel, den ich, damit er nicht herausfiele, mit etwas Werg umwickelt hatte, und sann nun darauf, wie diese Zurichtung an ihre rechte Stelle zu bringen wäre.

Es gab kein anderes Mittel, als daß einer von meinen Leuten sich entschlösse, sich rittlings auf den vierarmigen Bootsanker befestigen und unter Wasser bis zu dem Leck hinabzulassen, das präparierte Brett auf den zerstoßenen Fleck zu passen und mit dem an die Hand gebundenen Hammer schnell, ehe ihm der Atem entginge, festzuklopfen. Ich schlug dies der Mannschaft vor: allein keiner hatte Ohren zu dieser halsbrechenden Wasserfahrt. Ich bot dem, der es wagen würde, eine Monatsgage; niemand meldete sich, sie zu verdienen. Ich stellte ihnen aufs nachdrücklichste vor, daß, wenn sie dies kleine Wagnis so sehr scheuten, wir ja doch ohne Barmherzigkeit alle ersaufen müßten. Ich bat, ich flehte; ich schalt und drohte; aber die feigen Seelen sahen mich verdutzt an und blieben bei ihrem Kopfschütteln.

»Nun denn!« sagt' ich endlich im innern Ingrimm; »so will ich selbst der Mann sein, der sein Leben für euch H...r in die Schanze schlägt!« – Dieser Entschluß entstand auch um so weniger aus Prahlerei, da ich als junger Bursche mit meinen Spielkameraden das Schwimmen und Untertauchen fleißig geübt hatte und oftmals unter dem Wasser geblieben war, bis die Beistehenden langsam dreißig zählten. Hoffentlich hatte ich diese kleine Kunst in den drei Dutzend Jahren nicht ganz wieder verlernt, und sollte ich denn doch ertrinken, so konnte mir die Art und Weise wohl ziemlich gleich gelten.

So nahm ich also getrost meinen Platz auf dem Bootsanker, dessen Tau meine Leute oben in die Hände fassen und mich daran in die bezeichnete Tiefe hinablassen mußten. Nach meiner Anweisung sollten sie von dem Augenblick an, wo ich mit dem Munde unter Wasser käme, sekundenmäßig zu zählen anfangen und mich, wenn sie bis fünfundzwanzig gekommen wären, hurtig wieder emporziehen. Ich meinesteils haftete mich, soviel ich vermochte; zwei bis drei tüchtige Schläge auf jeden Nagelkopf, und das Brett saß an der rechten Stelle fest, während der Zug des Wassers nach innen das übrige tat, die Fasern der Decke in die offenen Fugen dichteinzusaugen. Kurz, ich war fertig, aber die droben dachten noch immer an kein Hinausziehen. Endlich nach einigen Sekunden brachten sie mich wieder an Gottes freie Luft, und so war das Abenteuer glücklich bestanden!

Nun kam es darauf an, zu erfahren, was wir damit gewonnen hatten. Wir eilten an die Pumpen, die nunmehr das eingedrungene Wasser bemeisterten und[229] sichtbar verminderten. Der Leck hatte wirklich so abgenommen, daß wir uns getrauen durften, mit einer Pumpe die See zu halten. Wunderbar aber blieb unsre Rettung nicht minder, als wenn, wie mir ein Beispiel bekannt geworden, ein ähnlicher Leck durch eine in die offene Fuge eingeklemmte Flunder gestopft ward, oder wenn ein Schiffer von meiner Bekanntschaft im Danziger Neufahrwasser nach mehrmaligem vergeblichem Aus- und Umladen den seinigen nur dadurch unschädlich machte, daß er vorbedächtig längs den Seiten des Schiffs eine Menge Torfmull ins Wasser schütten ließ, welches sich durch den unmerklichen Wasserzug in allen Ritzen und Spalten der Planken festsetzte.

Indes förderten wir mit getrostem Sinn unsre Reise, bis wir in den Kanal gelangten, wo wir auf ein englisches Kriegsschiff stießen, welches meine Schiffspapiere zu sehen verlangte. Ich erwiderte, daß ich zur Vorzeigung derselben aber nur an meinem eignen Borde bereit wäre. So kam denn ein Offizier in der Schaluppe zu mir herüber; doch während er in der Kajüte die geforderte Untersuchung anstellte, machte sich mein oben erwähnter englischer Matrose an seine Landsleute in der Schaluppe, die zum Teil auch auf das Verdeck gekommen waren, und in welchem Sinne er mit ihnen gesprochen, ergab sich, als ich meinen Gast aus der Kajüte zurückbegleitete, da jene Engländer ihrem Leutnant meinen Matrosen vorstellten, der wider seinen Willen hier an meinem Borde zurückgehalten würde, und der auch selbst erklärte, daß er Luft hätte, auf jenem englischen Schiffe zu dienen.

»Den Menschen nehme ich auf der Stelle mit«, wandte sich der Offizier an mich: »Ihr habt kein Recht an ihn.« – »Nun«, war meine Antwort, »so will ich doch sehen, wer mir in offener See auch nur meinen schlechtesten Kajütenjungen wider meinen Willen wegnehmen soll. Dazu fehlt es Ihnen an Fug und Recht.« – Doch der Matrose hatte nicht für gut befunden, das Ende unsers Wortwechsels abzuwarten, sondern war bereits samt seinen Landsleuten in die Schaluppe gesprungen. Ich bedachte mich indes keinen Augenblick, ihm dahin nachzufolgen, und war darüber her, ihn, wie sehr er sich auch sträubte, an Bord zurückzuziehen, bis auch der Leutnant herabkam und von mir verlangte, daß ich die Schaluppe verlassen sollte.

Natürlich weigerte ich mich einer solchen Zumutung, und selbst als er drohte, daß er abstoßen und nach seinem Schiffe fahren werde, versicherte ich, daß ich gesonnen sei, ohne meinen Matrosen nicht vom Flecke zu weichen. Schleppe er mich dann aber nach dem Kriegsschiffe hinüber, so bliebe das meinige und alles, was demselben begegnen könne, auf seine Gefahr und Verantwortung. Indes setzten sie wirklich mit der Schaluppe ab, und ich behielt kaum die Zeit, meinem Steuermanne zurufen, daß er sich, solange ich nicht wieder an Bord käme, in der Nähe des Kriegsschiffes halten möchte.[230]

Sobald wir auf diesem letzteren angekommen und der Handel dem Kapitän vorgetragen war, erklärte dieser (ganz im Geiste jenes Admirals), der Kerl sei ein Brite, und er werde ihn auf seinem Schiffe behalten. »Dann, mein Herr«, entgegnete ich ihm, »mögen Sie auch mich in den Kauf hier behalten; denn ich bleibe, wo mein Matrose ist, und mein Schiff dort schwimmt oder sinkt von diesem Augenblick an auf Ihr Risiko. Tun Sie nun, was Ihnen beliebt! Tot können Sie mich nicht schlagen vor so vielen Augen, und alles übrige werde ich erwarten.«

Dieser feste Sinn schien den Kapitän doch einigermaßen stutzig zu machen. Er ging mit einigen Offizieren abseits in die Kajüte – wahrscheinlich, um sich mit ihnen näher zu beraten; dann aber, als sie wieder zum Vorschein kamen, stieß der eine und andre von ihnen meinen aufsässigen Matrosen in die Zähne und in die Rippen und so wieder in die Schaluppe hinein, worauf ich ungenötigt folgte und mit meinem Ausreißer wieder an mein Schiff gebracht wurde. Damit jedoch diesem sein Frevel nicht ganz ungenossen ausginge, ward ich mit meinem Steuermanne einig, ihn mit Händen und Füßen an die große Spille festzubinden und so sein Gat durch jeden von unsern Leuten mittels eines Endchens Tau mit einer Anzahl wohlgemessener Hiebe heimsuchen zu lassen. Die Kur schien auch für die fortgesetzte Reise nicht ohne gute Wirkung zu bleiben.

Seitdem wir die Küsten von Dover und Calais aus dem Gesichte verloren und abwechselnde, aber meist stürmische Winde uns elf Tage lang in der Nordsee umhergeworfen hatten, während welcher wir weder Jütland noch Norwegen oder sonst ein Land erblickten, wagten wir es dennoch im guten Glauben an unsre geführte Schiffsrechnung und einige angestellte astronomische Beobachtungen, uns mit dem Senkblei in der Hand um die gefährliche Spitze vom Skagerrak ins Kattegat hineinzutasten. Es glückte, aber gerade hier überfiel uns nunmehr auch ein schrecklicher Sturm aus Norden, der so hart in unser dicht eingerefftes Fock- und Vormarssegel blies, daß bald die Fetzen davon in den Lüften umherflogen.

Nach diesem Verluste wollte sich unser Schiff nicht mehr vor dem Winde steuern lassen, sondern ward unter den Wind gedreht. Es sollte eine andre, neue Focke untergeschlagen werden, allein das Schiff arbeitete und schlenkerte in der brausenden, kochenden See voll blinder Klippen so gewaltig, und der Sturm hielt mit so viel Ungetüm an, daß wir alle kaum die Augen aufschlagen konnten. Das neue Focksegel ward zwar aus der Segelkammer hervorgezogen und an die Rahe geschlagen, allein so wie diese in die Höhe ging, peitschte auch jenes mit seinen Zipfeln dergestalt um sich, daß es in den nächsten Augenblicken ebenfalls in Lappen davongeführt wurde. Ich schrie, ich bat, ich fluchte meinem Volke entgegen, das oben auf den Masten saß, die Fäuste wie brave Kerle zu rühren und das Segel unter die Rahe zu bringen. Endlich stieg ich selbst in die[231] Höhe und überzeugte mich, daß es schlechterdings unmöglich sei, diese Absicht zu erreichen.

In diesem Augenblick ward geschrien: »Brandenburg leewärts!« (d.i. unterm Winde). Das war die Minute der Entscheidung! Denn da das Schiff dem Ruder nicht mehr folgen mochte, so ward hier alle Kunst des Steuerns zuschanden! Wir wurden mit sichtlichen Augen in unsern Untergang hineingetrieben und standen nach wenig Augenblicken auf einem Steinfelsen fest. Sogleich auch stürzte die stürmende See in furchtbaren Wogen über unser Schiff hinweg, daß der Schaum bis hoch an die Mastkörbe emporspritzte, indes jenes durch die gewaltigen Stöße am Boden durchlöchert wurde und voll Wasser lief. So war denn an ein Wiederabkommen von dieser Klippe und an Rettung des Schiffes gar nicht mehr zu gedenken!

Dies Unglück traf uns am 11. Mai, abends um neun Uhr. Auf dem Verdeck konnten wir uns der überflutenden Brandung wegen nicht mehr erhalten, sondern waren alsogleich sämtlich auf die Masten geflüchtet. Ich selbst und sechs Mann hingen oben am Besanmast, während die übrigen acht Mann den großen Mast erklettert hatten. Ein Wunder wäre es wohl nicht gewesen, wenn wir alle die Besinnung verloren gehabt; indes blieb mir doch soviel Gegenwart des Geistes, daß ich unsre Lage richtig ins Auge fassen und den einzig möglichen Ausweg zu unsrer Errettung gewahr werden konnte. Ich stellte demnach meinen bei mir habenden Unglücksgefährten vor, wie unser aller Heil darauf beruhe, daß wir unsre Schaluppe in unsre Gewalt bekämen. Einige von ihnen, die die Rüstigsten wären, sollten sich ein Herz erfassen, herniederzusteigen und die Taue, woran dieselbe auf dem Verdeck festgebunden stehe, zu zerhauen, nachdem sie ein oder mehrere Taue dran festgeknüpft haben würden, deren Enden wir übrigen oben am Maste sicher zu halten gedächten. Bräche dann gleich das Schiff und die Schaluppe würde über Bord gespült, so könnte sie uns dennoch von den Wellen nicht entführt werden. Oder möchte sie sich auch voll Wasser gefüllt oder gar das Unterste nach oben gekehrt haben, so würden wir sie gleichwohl nahe zu uns heranziehen, ausschöpfen und zu unsrer möglichen Bergung instand setzen können.

Durch diese Vorstellungen gewonnen, kletterten auch sofort drei wackre Kerle hinab, löseten die Schaluppe vom Verdecke ab, und jeder von ihnen versah sich hinwiederum mit seinem dazu mitgenommenen Tau, deren entgegengesetzte Enden sie glücklich wieder zu uns in die Höhe brachten. Nun aber verzog es kaum noch eine Stunde, als eine ungewöhnlich hohe Sturzwelle über das Verdeck hinschlug, das Fahrzeug weit mit sich hinaus über Bord schleuderte, den Boden nach oben umkehrte, aber die Gegenkraft der Angst, womit wir, koste es was es wolle, die Taue festhielten, nicht zu überwältigen vermochte.

Um elf Uhr brach, wie wir längst gefürchtet hatten, unser Schiff in der[232] Mitte auseinander; der Fock- und große Mast stürzten über Bord – letzterer jedoch in einer so glücklichen Richtung, daß er auf das Hinterteil zufiel und dergestalt dicht neben uns hinstreifte, daß die an demselben klebenden acht Menschen zu uns heranklettern konnten. So war denn die volle Mannschaft von vierzehn Köpfen hinten bei mir auf dem Besanmaste beisammen. Durch das Bersten des Schiffsrumpfes aber hatte sich das Hinterteil, worauf wir uns befanden, dergestalt gelöset, daß es in eine starke Bewegung geriet und mit jeder Sturzwelle wechselsweise bald sich seitwärts weit aufs Wasser legte, bald wieder in die Höhe hob. Man mag daraus ermessen, wie übel uns dabei oben auf dem schwanken Maste zumute geworden!

In dieser höchsten Not schien denn kein längeres Zaudern ratsam. Wir zogen die Schaluppe an ihren Tauen näher zu uns heran, kehrten sie nicht ohne große Mühe wieder um, holten sie mit ihrem Vorderteil so weit in die Höhe, daß ein Teil des Wassers, womit sie erfüllt war, sich daraus verlief, und indem wir, so wie wir der Reihe nach hineinstiegen, den Rest mit unsern Hüten vollends hinausschöpften, schnitten wir endlich alle Taue, die uns noch am Schiffswrack festhielten, in Gottes Namen los und kamen glücklich aus dem Labyrinth voll brandender Klippen in offenes Wasser zu treiben, nachdem wir die vier in der Schaluppe festgebundenen Ruder zur Hand genommen und uns dadurch instand gesetzt hatten, notdürftig vor dem Winde zu steuern.

Ost zwar füllten ungestüme Schlagwellen unser Fahrzeug fast bis zum Sinken mit Wasser an, doch waren wir unermüdet und auch zahlreich genug, es augenblicklich mit unsern Hüten wieder hinauszuschaffen, zwar stets unsern Tod dicht vor Augen sehend, aber auch einmütig entschlossen, unsre letzte, angestrengte Kraft zu seiner Abwehr aufzubieten. So trieben wir demnach von ein Uhr nachts bis zum Vormittag des 12. Mai, wohin Wind und Wellen wollten, bis wir endlich die Insel Anholt vor uns zu Gesicht bekamen und hier an der Ostspitze unweit des Feuerturmes, wiewohl mit neuer, dringender Lebensgefahr, gegen ein Uhr nachmittags auf den Strand setzten.

Mein erstes war, mich in den trockenen Ufersand auf die Knie zu werfen und dem Barmherzigen droben mit heißglühender Seele für die wunderbare Erhaltung meines Lebens wie des meiner Gefährten zu danken. Dann aber stiegen freilich auch im Sinnen über mein Schicksal allmählich allerlei trübe Gedanken bei mir auf, die wohl fähig waren, mein Herz mit Wehmut zu erfüllen. Mein schönes, gutes Schiff war verloren! Wäre mir ein Freund abgestorben, so hätte mir sein Verlust nicht näher abgehen können; denn meine Anhänglichkeit und Liebe zu demselben war mit jedem Tage stärker geworden. In einem unglücklichen Sinne wird mir daher auch der Steinfelsen, genannt »der Thronsitz«, merkwürdig bleiben, an welchem es zerscheiterte, und der mitten im Fahrwasser des Kattegat liegt.[233]

Doch wie manches ging zugleich in dieser unglücklichen Nacht und mit meinem Schiffe verloren! Zwar mein Reeder in Stettin war zu allen Zeiten ein zu umsichtiger Mann gewesen, um sich nicht auch gegen ein Ereignis dieser Art möglichst zu decken. Ich hatte von dem Augenblicke an, da ich die Führung des Schiffes übernahm, den Auftrag von ihm erhalten, dasselbe, so oft ich aus einem Hafen abging, durch Besorgung des Hauses Joh. Dav. Klefecker in Hamburg assekurieren zu lassen. Es war demnach auch jetzt für eine Summe von zwanzigtausend Talern oder vierzigtausend Mark Hamburger Banko versichert. Da nun dies Schiff mit seinem vollen Zubehör und Ausrüstung neu nur zweiundzwanzigtausend Taler gekostet hatte, die Ladung von Seesalz aber für eigne Rechnung nur einen Wert von eintausendfünfhundert Talern betrug, so ließ sich wohl absehen, daß der Verlust des Schiffes ihm keinen wesentlichen Schaden zuführen würde.

Anders aber fiel die Sache für mich selbst, und ich durfte wohl gestehen, daß dieser Schiffbruch mein eignes, eben wieder aufkeimendes Glück völlig zertrümmerte. Meinen Erwerb an festem Gehalt als Schiffer hatte ich stets bei meinem Patron stehen lassen, und dieser war mir nun allerdings unverloren; allein ein Schiffskapitän hat auf vollkommen rechtmäßige Weise noch so mancherlei Gelegenheit zu allerlei Nebenverdienst; ihm kommen Kajütenfracht und Kapplacken zugut; und nicht leicht läßt er einen Hafen, ohne zugleich auch auf irgendeinen kleinen Handel zu seinem Privatvorteil spekuliert zu haben, und der um so besser einschlagen kann, da er ebensowohl die Frachtgelder als die Assekuranzprämien daran erspart. Alle diese kleinen Ersparnisse hatte ich immer wieder aufs neue in Waren angelegt, und so war nach und nach mein Privatverkehr zu dem Umfange gediehen, daß ich diesmal beinahe den Wert von elftausend holl. Gulden am Borde führte. Alles dies ging nun mit dem Schiffe unwiederbringlich zugrunde! Ich hatte mir's alle diese Jahre ganz vergeblich sauer werden lassen!

Als wir demnächst auf dem betretenen Boden etwas genauer um uns sahen, erblickten wir auf der Landspitze neben dem Feuerturme ein einzelnes Haus, auf welches wir zuschritten und darin den Feuerinspektor, seine Frau und zwei zur Unterhaltung des Feuers erforderliche Knechte vorfanden. Erschöpft von so viel Anstrengungen und niedergedrückt von Sorge und Kummer, sank ich gleich nach der ersten Begrüßung auf ein dastehendes Bette und verfiel in ein halbwaches Hinbrüten, aus welchem ich mich mehrere Stunden lang nicht zu ermuntern vermochte. Gleichwohl hörte ich es während dieses fieberhaften Zustandes wie im Traume mit an, daß die Wirtsleute sich mit einem Volk über unsre Umstände unterhielten, daß dabei erwähnt wurde, unser Schiff habe nach[234] Stettin zu Hause gehört, und daß darauf die Hausfrau sich für meine Landsmännin erklärte.

Ihre dadurch geweckte nähere Teilnahme gab sie mir kund, indem sie mit einer Schüssel voll gekochten und gebratenen Geflügels an mein Bette trat und mich einlud, davon zu meiner Erquickung zu genießen. »Wie?« rief ich, mich ermunternd, »Federwild auf dieser Insel, wo überall kein Strauch, kein Grashalm, sondern nur der nackte Flugsand sich zeigt? Das ist doch wunderbar!« – Bei weitem so sehr nicht, als ich glaubte, ward mir zur Antwort. Auf den Abend sollte mir das Rätsel gelöst werden, wie sie imstande wären, in den Wintermonaten ganze Körbe voll davon nach Kopenhagen zu schicken.

Aber auch das Rätsel unsrer Landsmannschaft bat ich die gefällige Frau mir zu erklären, und so erfuhr ich, daß sie in Berlin geboren, in ihrem vierzehnten Jahre nach Kopenhagen bei der Silberdienerei auf dem Schlosse in Dienst gekommen und dann mit dem königlichen Silberdiener verheiratet worden sei, als dieser durch Anstellung zum Feuerinspektor auf Anholt seine lebenslängliche Versorgung erhalten habe. Wirklich auch schien es diesem Ehepaare trotz seiner öden Abgeschiedenheit von der Welt nicht an Glück und Zufriedenheit zu fehlen.

Abends, als das Feuer auf dem Leuchtturme angezündet worden, sah ich nun freilich, wie von Zeit zu Zeit, von dem hellen Scheine angelockt, zahlreiche Schwärme von Vögeln aller Art herbeiflogen und, von dem Feuer geblendet, demselben so nahe flatterten, daß sie, mehr oder weniger an Flügeln und Federn versengt, zu Boden fielen und mit Händen gegriffen werden konnten. Meine Leute, von der Neuheit dieses Schauspiels gereizt, machten eifrige Jagd auf die armen Tiere, bis ich es ihnen untersagte, um das genossene Gastrecht nicht zu beleidigen. Morgens trieb mich gleichwohl die Neugierde, unsre Wirte wieder dahin zu begleiten und Zeuge des reichen Fanges zu sein, der wirklich mehrere Körbe füllte.

Nachdem wir uns hier zwei Tage lang von unsern erlittenen schweren Mühseligkeiten bei diesen freundlichen Gastgebern erholt, aber sie auch beinahe rein ausgezehrt hatten, wofür ich ihnen eine angemessene Anweisung nach Kopenhagen ausstellte, ward es freilich wohl hohe Zeit, unsern Stab weiter zu setzen. Auf dem östlichen Ende der Insel, wo sie am breitesten ist, lag noch das einzige hier vorhandene Fischerdörfchen von etwa fünfzehn Hütten, dem ein Schulze, hier Drost genannt, vorstand. An diesen hatte ich bereits tages zuvor geschrieben, daß wir als Schiffbrüchige auf seinen obrigkeitlichen Beistand zu unserm weitern Fortkommen rechneten. Ich würde zu einer bestimmten Zeit mit einem Gefolge von vierzehn Köpfen bei ihm erscheinen und eine bereitgehaltene, tüchtige Mahlzeit, ein Fahrzeug zur Überfahrt nach Helsingör und ausreichenden Proviant für drei Tage – alles gegen Bezahlung – vorzufinden erwarten.

Statt dessen wurden wir von diesem Manne mit einer so abschreckenden[235] Gleichgültigkeit und Kälte empfangen, und für alle unsre Bedürfnisse war so wenig irgend einige Sorge getragen, daß es mir als eine in diesem Falle sehr verzeihliche Eigenmacht erschien, wenn wir zuvörderst auf gut soldatisch seinen wohlgefüllten Speiseschrank in Requisition setzten, seiner Rauch- und Brotkammer für den uns nötigen Seeproviant zusprachen und endlich das größte unter den am Strande liegenden Fischerbooten zu unsrer Reise in Beschlag nahmen und mit den vorgefundenen Gerätschaften zutakelten. Alles das im Beisein sowohl des bestürzten und zitternden Drosten, der seine gelieferten Lebensmittel selbst schätzen mußte und dafür schriftliche Anweisung empfing, als des Bootseigentümers, der, gern oder ungern, mit uns an Bord ging, um uns nach Helsingör zu führen und dort seine Bezahlung zu empfangen. Dieser war es denn auch, der uns unterwegs über jene unwirtliche Aufnahme aus dem Traume half, indem er gestand, uns sei das Gerücht vorausgegangen, daß wir eine Bande Seeräuber wären, die nicht das Kind im Mutterleibe verschonten.

Am 18. Mai erreichten wir Helsingör, wo ich, um die Zahlung der Assekuranz zu sichern, sofort darauf bedacht war, im Gefolge meiner geborgenen Mannschaft vor Gericht eine eidliche Erklärung über die Umstände des uns betroffenen Unglücks niederschreiben zu lassen. Meine Leute empfingen ihre Löhnung, die ihnen nach den Seerechten gebührte, und so ging alles, da wir aus mehrerlei Nationen bestanden, nach allen Himmelsgegenden auseinander – nacht und bloß freilich, wie wir aber gingen und standen; denn von dem Schiffe hatten wir keine Faser gerettet. Ich selbst mußte mich, bevor ich von Helsingör abreiste, von Haupt zu Fuß neu bekleiden, wenn ich mich vor Leuten wollte sehen lassen können.

Ich würde mir's nicht verzeihen können, wenn ich hierbei mit Stillschweigen überginge, was mir mit einer Jüdin begegnete, in deren Trödelbude ich ein neues Hemde zu kaufen im Begriffe stand. Den geforderten Preis aufzählend, beantwortete ich ihr zugleich einige Fragen, welche ihre Neugier an mich richtete, durch Hindeutung auf meinen neulichen Schiffbruch, aus welchem ich nicht einmal meine Kopfbedeckung gerettet hätte. Meine Erzählung lockte ihr Tränen ins Auge, sie schlug die Hände zusammen und rief: »So soll mich doch Gott bewahren, daß ich Geld von Ihnen für das Hemde nähme!« – Vergebens versicherte ich ihr, daß es, nun ich erst am Lande wäre, keine Not mit mir habe; sie steckte mir das zusammengeraffte Geld in die Hand und das Hemde in den Busen, und als ich jenes dennoch auf den Ladentisch legte und mit Dank meines Weges ging, lief sie mir nach, um es mir wieder aufzunötigen, so daß ich sie endlich bitten mußte, auf der Straße kein Aufsehen zu erregen, und mit einem gerührten Händedruck von ihr schied.

Nun ging ich baldmöglichst als Passagier mit einem Schiffe nach Stettin, um meinem Patron der Überbringer der unangenehmen Nachricht von dem Verluste[236] seines Schiffes zu sein und ihm über alles Rede und Antwort zu geben. Wir rechneten darauf miteinander ab; ich empfing von ihm meine rückständigen Gelder und begab mich nun nach Kolberg, um über mein weiteres Tun und Lassen zu einem festen Entschlusse zu kommen. Es wurden mir verschiedene Schiffe zur Führung angeboten; allein die nächsten Jahre nach dem amerikanischen Kriege waren für Handel und Schiffahrt überhaupt so ungünstig, daß unsereiner bei seinem Handwerk ferner weder Ehre einlegen noch seinen Vorteil absehen konnte. So gab ich denn in Erwägung, daß die bessere Halbschied meines Lebens bereits hinter mir lag, lieber das ganze Seewesen auf und war darauf bedacht, mich in meiner lieben Vaterstadt auf eine stille, bürgerliche Nahrung mit Bierbrauen und Branntweinbrennen, wie es mein Vater seither getrieben hatte, einzurichten.

Nach dreiviertel Jahren etwa, als ich allen Seegedanken längst entsagt hatte, auch mein werter Patron und Freund Groß bereits mit Tode abgegangen war, kam mir ein Schreiben von dessen Schwiegersohne und Nachfolger in seinen Geschäften, dem Kaufmann Herrn Boneß, zu, der mich auf einmal wieder in die alten Angelegenheiten und Sorgen zurückstürzte. Er meldete mir, es sei von Lissabon ein Wechsel auf ihn zu dem Belauf von beinahe dreitausend Talern eingelaufen als Ersatzsumme für das Schiff des Kapitäns Sylva, welches ich übersegelt und zugrunde gerichtet haben sollte, daher ich doch hierüber einige nähere Auskunft mitteilen möchte.

Man kann leicht denken, wie ich erstaunte, daß man jenem Vorfall auf dem Tajo eine solche Wendung zu geben gedachte. Das Vorgeben mit der Übersegelung war eine offenbare, grobe Erdichtung. Hatte das portugiesische Schiff Schaden genommen oder war es endlich darüber zugrunde gegangen, so mochte der Kapitän lediglich seine eigene Nachlässigkeit und seinen Mangel an Aufsicht anklagen, und sollte von einem Schadenersatz die Rede sein, so wäre ich, auf den jenes Schiff zugetrieben kam, während ich selbst ruhig vor Anker lag, dergleichen zu fordern ungleich mehr berechtigt gewesen. Dieserwegen berief ich mich auf die gerichtliche Aussage meiner Mannschaft, wovon das Original in in den Händen des preußischen Konsuls zurückgeblieben, während meine mitgenommene beglaubigte Abschrift mit meinem verunglückten Schiffe leider ein Raub der Wellen geworden war.

Nicht aber zufrieden, dies mit der nötigen Ausführlichkeit zurückberichtet zu haben, reiste ich selbst nach Stettin, um jede noch etwa mangelnde Auskunft zu erteilen. Der Wechsel ward demnach mit Protest zurückgesandt, und wir hielten den Sturm für abgeschlagen. In der Tat veränderte man nun auch in Lissabon die Art und Weise des Angriffs; denn nach Verlauf eines halben Jahres lief von dort eine Aufforderung an den Magistrat in Kolberg ein, mich, den Schiffer Nettelbeck, in dieser schon angeführten Sache zu einer zu zahlenden[237] Entschädigung von dreitausend und einigen hundert Talern obrigkeitlich anzuhalten. Da diese Summe nach portugiesischem Gelde, in Reis, ausgedrückt war, deren dreihundert auf einen preußischen Taler gehen, so paradierte demnach in jener Eingabe eine Forderung von beinahe einer Million Reis, welche das Publikum meiner guten Vaterstadt treuherzig mit ebensoviel Talern verwechselte, und nun billig die Hände über den Köpfen zusammenschlug, daß der Nettelbeck tausendmal mehr schuldig sei, als er Haare auf dem Kopfe habe! Meine gegebene nähere Erklärung machte nach und nach dieser Verwunderung ein Ende.

Es versteht sich wohl, daß ich bei meiner gerichtlichen Vernehmung gegen jene Anmutung die nämlichen Gründe geltend machte, welche ich bereits Herrn Boneß an die Hand gegeben hatte. Damit aber noch nicht befriedigt, reiste ich abermals nach Stettin, um ihm wiederholt zu raten, daß er, da doch die Sache ernstlicher zu werden scheine, sich nach Lissabon an den preußischen Gesandten wenden und die dort niedergelegte eidliche Erklärung einziehen lassen möchte, um den Prozeß auf diesen festen und sichern Grund zu führen. Dies hatte er bisher, ich weiß nicht warum, unbefolgt gelassen und sich dadurch wesentlich geschadet.

Den Prozeß aber leiteten nunmehr die Lissaboner ihrerseits bei dem Seegericht zu Stettin in erster Instanz ein; die Sache ward instruiert, und der Spruch fiel dahin aus, daß wir Beklagte zur Bezahlung eines Schadens, den das Gegenpart selbst verursacht habe, nicht anzuhalten wären. Es ward von dieser Sentenz an die königliche Kriegs- und Domänenkammer appelliert, welche jedoch dieselbe in zweiter Instanz bestätigte. Auch hierin aber begnügten sich unsre Gegner nicht, sondern gingen an die dritte Instanz, in das Revisorium. Endlich nach einem halben Jahre schickte mir Herr Boneß den Revisionsspruch zu, der dahin lautete: die Reeder des Stettiner Schiffes hätten den durch dasselbe angerichteten Schaden (der sich nun bereits auf dreitausendfünfhundert Taler belief) zu vergüten, übrigens aber wiederum Regreß an ihrem Schiffer zu nehmen.

Wie mich ein so unerwarteter und nach allen vorliegenden Umständen auch durchaus nicht zu rechtfertigender Ausgang dieses Prozesses in Erstaunen, Unwillen und gerechten Ärger setzen mußte, ist leicht zu begreifen. Herrn Boneß verbarg ich meine Empfindlichkeit nicht, daß er verabsäumt hatte, die sprechendsten Beweismittel herbeizuschaffen, und daß ich allein nunmehr, wie es schiene, unter dieser Vernachlässigung leiden sollte. Aus meinen Papieren könne ich dartun, daß ich seinem Schwiegervater mit diesem Schiffe reine einundvierzigtausend Taler verdient hätte, und so möge denn sein Billigkeitsgefühl entscheiden, ob und welche Ansprüche er noch ferner an mich zu machen gedenke – zumal da mein Gewissen mich von aller Schuld in jener Sache losspreche.[238]

Müßte es jedoch zwischen uns zu einem Prozesse hierüber kommen, so würde ich mich zu verantworten wissen.

Bei alledem war mir doch in dem Handel nicht gar wohl zumute. Ich ward endlich schlüssig, mich in Person nach Lissabon zu begeben und dem Dokumente, auf welchem hier alles beruhte, an Ort und Stelle nachzuforschen. Vorläufig aber gab ich dem Mäkler Brödermann in Hamburg, den ich kannte, den Auftrag, sich bei den zuletzt von Lissabon eingekommenen Schiffern nach Leben oder Tod des dortigen preußischen Gesandten und Konsuls genau zu erkundigen und mir zugleich auf einem etwa binnen Monatsfrist dahin abgehenden Schiffe einen Platz als Passagier zu bestellen. Seine Antwort fiel in jeder Art befriedigend aus, und nun rüstete ich mich, die Reise nach Hamburg und so weiter unverweilt anzutreten.

Mein braver Patron Groß hatte außer dem Kaufmann Boneß noch drei andere Schwiegersöhne, sämtlich Schiffer, als Erben seines bedeutenden Vermögens hinterlassen. Diese alle kannten mich seit langen Jahren und hatten mir stets Beweise ihrer Zuneigung und Achtung gegeben. An diese nun wandte ich mich jetzt schriftlich und ersuchte sie um eine bestimmte Erklärung, ob die Großischen Erben gesonnen wären, einen Prozeß gegen mich anzustrengen? Solchenfalls aber möchten sie damit nicht säumen, indem ich auf dem Sprunge stände, nach Lissabon zu geben und mir neue und hinreichende Beweismittel zu verschaffen.

Die Ehrenmänner gaben mir zur Antwort: sie kennten mich und glaubten mir aufs Wort, daß ich eine gerechte Sache hätte, und Bulkeley so gut als Sulva ein paar Schurken wären. Ich möchte die Lissaboner Reise nur unterlassen, indem sämtliche Großische Erben unter sich übereingekommen wären, jeden Prozeß und Anforderung gegen einen Mann aufzugeben, der ihrem Hause so tätig und redlich gedient und ihm so ansehnliche Summen erworben habe. Wir wollten und müßten Freunde bleiben, und diese unangenehme Verwicklung sei hiermit für immer beendigt und aufgehoben.

So mag sich denn nun auch hier die Geschichte meiner Seereisen und Abenteuer schließen. Wohl aber mag ich auch sagen: Gott hat große Dinge an mir getan; der Name des Herrn sei gelobet!

Nun bin ich denn also aus einem Seemanne ein Landmann und ehrsamer Kolbergischer Pfahlbürger geworden, und was einem Landmann begegnen kann, ist in der Regel nicht so abwechselnd und ausgezeichnet, als daß es eine ausführlichere Erzählung verdiente oder bedürfte. Sind in der Folge meines Lebens Verhältnisse eingetreten, durch welche mein Name für einige Augenblicke aus der Dunkelheit hervorgetreten zu sein scheint, wozu Natur und Schicksal mich wohl eigentlich bestimmt hatten, so fühle ich doch gar wohl, wie wenig es gerade mir geziemen würde, über diese Periode und über mich selbst zu sprechen, wo[239] das, was mir Schuldigkeit und Bürgerpflicht zu tun geboten, leicht als Prahlerei erscheinen könnte.

Findet sonst irgend jemand – sei er Freund oder Feind – Neigung und Beruf, von mir zu schreiben, so sage er, was Wahrheit ist. Mir selbst genügt an dem Bewußtsein, für mein Vaterland, für meinen König und für jeden Menschen getan zu haben, was die schwachen Kräfte eines einzelnen vermochten. Wäre ein Wenigeres geschehen, so würde ich mir's zum Vorwurf rechnen. Meinen heimlichen Feinden und Mißgönnern muß ich es gestatten, im stillen über mich zu cichten und mich zu verurteilen. Öffentlich aber werden sie schwerlich gegen mich auftreten, um meine Ehre anzutasten, die ich bis zu meinem letzten Atemzuge darin setzen werde, ein begeisterter Verehrer meines guten und mannlichen Königs und des gesamten preußischen Regentenhauses, ein getreuer Untertan, ein dankbarer Sohn meiner geliebten Vaterstadt, ein exemplarischer Bürger, der Freund meiner Freunde, und im Großen wie im Kleinen ein ehrlicher Mann zu sein.[240]

Quelle:
Nettelbeck, Joachim: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet. Meersburg, Leipzig 1930, S. 219-241.
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Ausgewählte Ausgaben von
Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet
Joachim Nettelbeck, Burger Zu Colberg (3); Eine Lebensbeschreibung, Von Ihm Selbst Aufgezeichnet
Bürger zu Kolberg: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

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