Achtes Kapitel

[95] Ich machte mich darauf mit meinem neuen Schiffsvolk an die Ankerwinde, um unter Segel zu gehen. Da sah ich denn nun klärlich, was für schlechten Kauf ich gemacht hatte. Nur zwei darunter waren befahrene Matrosen, während die übrigen kaum wußten, was auf dem Schiffe hinten oder vorne war. Wahrlich, mir graute innerlich, die Reise anzutreten. Mein bestes Vertrauen mußte ich in mich selbst und in die günstige Jahreszeit setzen; denn es war jetzt zu Anfang Mais, da ich aus dem Texel lief. In der Mitte des Monats kam ich vor Noirmourtiers glücklich vor Anker.

Hier fand ich drei Schiffe vor, deren Kapitäne sämtlich zu meinen guten Freunden und Bekannten gehörten, nämlich Neste, mit einem Dreimaster aus Danzig, und Fries und Jantzen, beide Königsberger. Alsbald auch kamen sie sämtlich zu mir an Bord; allein so willkommen sie mir selbst waren, so unerwünscht war mir die mitgebrachte Zeitung, daß schon die drei Frühergekommenen hier ihre Ladung an Salz nicht völlig aufzubringen vermöchten und gleichwohl das Muid mit fünfundachtzig Livres aufwiegen sollten. Nach längerer Beratschlagung fanden wir es für das dienlichste, uns nach den nächstgelegenen Salzhäfen Croisic, Bernif und Olonne zu verteilen, um anderswo, wenn möglich, bessern Markt zu finden, wobei das Los entscheiden sollte, wer hier zu bleiben und wohin ein jeder in seinem Boote zu gehen und vorläufig seinen Handel für alle abzuschließen hätte; letzteres jedoch nur mündlich, damit jeder Gelegenheit behielte, an dem wohlfeilsten Preise teilzunehmen.

Als nun die Lose gezogen wurden, traf mich die Fahrt nach Croisic, welche nicht nur die weiteste (da die Entfernung von Noirmoutiers zehn bis zwölf Meilen beträgt), sondern auch die gefährlichste war; denn sie geht durch den offenen Ozean, ohne durch Vorgebirge oder Inseln geschützt zu sein. Mein in Texel neu angeschafftes Boot stand auf Deck und ward nun sofort über Bord gesetzt; allein so wie es das Wasser berührte, drang dieses auch zu allen durch die lang ausgestandene Hitze aufgetrockneten Nähten hinein. Es schien unmöglich, mich in diesem Zustande hineinzuwagen! Aber schon sah ich meine Freunde Neste und[95] Fries in ihren Fahrzeugen abstoßen, um sich auf ihre ihnen zugefallenen Posten zu begeben. Ich zitterte vor Ehrbegierde, ihnen in Pünktlichkeit nicht nachzustehen!

Nun hatt' ich außer jenem Boote noch eine kleine, fichtene, sogenannte Berger Jolle. Flugs sah ich sie mir drauf an, ob sie mich in diesem Fall der Not nicht ebensowohl nach Croisic sollte tragen können. – Wozu längeres Bedenken? Es mußte gewagt sein! – Ich ließ Mast und Segel auf derselben einrichten und bestieg sie mit zwei Mann. Um mir jedoch nicht offenbar ein Tollmannsstückchen zuschulden kommen zu lassen, wollte ich es zuvor auf eine kleine Probe anlegen, segelte vom Schiffe abwärts, legte bei, machte diese und jene Wendungen und bestärkte mich solchergestalt in meiner Zuversicht, daß ich nichts Unmögliches wagte.

Eiligst versah ich mich nun noch an Bord mit einem durchgeschnittenen halben Oxhoft, welches ich zum sichern Reisebehälter für einen Kompaß, Brot, Fleisch, einige Flaschen Wein und Branntwein und andere kleine Bedürfnisse bestimmte. Noch nahm ich einen Bootsanker, ein Tau und drei Regenröcke für uns ein, und so versehen, trieb ich meine beiden Gefährten zum Einsteigen, rief ein herzhaftes: »Nun, mit Gott!« und stieß ab. – Zwar ward mir's, ehe wir noch fünfzig Klaftern gesegelt waren, hell und klar, daß ich meine Jolle mit all den Siebensachen zur Ungebührnis überladen und daß ich den dümmsten Streich in meinem ganzen Leben begangen hatte, drei Menschenleben in die augenscheinliche Gefahr des Verderbens zu setzen; aber sollte ich mir die Schande antun, noch einmal umzukehren? – Lieber wäre ich dem Tode in den offenen Rachen gesegelt!

Bis ich um die kleine Insel Piquonnier herumkam, ging auch alles gut. Hier aber rollte mir die spanische See von der Seite her in langen und hohen Wogen mächtig entgegen; der steife Wind stand von dorther gerade aufs Land, und es sah ganz danach aus, daß wir hier mit Gemächlichkeit ersaufen könnten. Gleichwohl hätte man alles von mir fordern können, nur nicht, daß ich hier noch umsatteln sollte. »Du willst der Gefahr standhalten!« sagte ich zu mir selbst, und faßte mein Steuer nur noch fester in die Faust.

Nach vier oder fünf Stunden begann indes der Einbruch der Nacht, und mit der Dunkelheit schien auch der Wind mehr Stärke zu gewinnen. Keiner von uns sprach ein Wort; aber meine Matrosen drängten sich immer näher an mich, der ich am Ruder saß und die Schote des Segels zugleich in der Hand gefaßt hielt. Allmählich singen die beiden rohen Kerle, ergriffen vom Gefühl ihrer Lage, bitterlich an zu weinen. Ihre Todesangst ließ mich nicht ohne Mitgefühl; denn wie konnte ich die Schuld von mir abwälzen, ihnen samt mir durch meinen unzeitigen Ehrgeiz dies nasse Grab gegraben zu haben? – Ich sagte ihnen zu ihrer Beruhigung, ich wolle vom Winde abhalten und, da wir an der Mündung der Loire schon vorüber wären, in die ich uns sonst geflüchtet haben würde, geradezu[96] auf das Land steuern. Dort würde es freilich eine hohe Brandung geben; daher sie, sobald wir in diese hineingerieten, sogleich zu beiden Seiten der Jolle ins Wasser springen, sich an ihren Bord hängen und, sobald sie Grund unter den Füßen fühlten, das Fahrzeug mit der Spitze scharf gegen den Strand halten müßten, damit es nicht in die Quere unter die See käme. Wenn dann die letzten Sturzwellen vom Ufer zurückrollten und den Boden trocken lassen wollten, hätten sie sich mit aller Macht entgegenzustemmen, damit nicht auch das leichte Boot mit zurückgespült würde. Alles das und noch mehreres band ich ihnen fest auf die Seele, und sie gelobten auch, es treu zu beobachten. Es kam aber anders.

Um ihnen nun Wort zu halten, steuerte ich gerade auf die Küste. Die Jolle schoß wie ein Pfeil durch die Wogen, und nach einer guten halben Stunde drang uns auch schon das schreckliche Gebrüll der Brandung in die Ohren. Nun sahen wir angestrengt vor uns hin nach dem weißen Schaume derselben; allein die Nacht ward so finster, und unser Fahrzeug flog so schnellen Laufs, daß wir uns plötzlich mitten darin befanden. Ehe wir uns auch nur besinnen konnten, erblickten wir kurz hinter uns den beschäumten Kamm einer Woge, die sich bis zur Höhe unseres Mastes aufbäumte, dann brausend über uns niederschoß und uns zu unterst zu oberst in ihren Abgrund mit sich fortriß.

Nun trat die See für ein paar Augenblicke zurück; ich bekam den Kopf in die Höhe. und meine Füße spürten Grund. Ehe die nächste brandende Welle wiederkehrte, hatte ich meine Sinne glücklich gesammelt; ich hielt stand, und da sie mir diesmal nur bis unter die Arme reichte, so eilte ich guter Dinge dem Strande zu, wo ich mich in weniger als einer Minute in voller Sicherheit befand. Meine beiden Gefährten hatten ebenso gutes Glück. Wir fanden uns bald wieder zusammen; nur unsere Jolle war wieder mit in die See gerissen worden, bis sie endlich mit dem Kiel nach oben dennoch an Land trieb. Aber alles, was darin gewesen war, ging uns verloren, ohne daß wir in der Dunkelheit etwas davon aufzufischen vermochten. Wir mußten uns also begnügen, unser Fahrzeug am Strande so hoch hinauszuziehen, daß es gesichert war, von den Wellen nicht mehr erreicht zu werden.

Hierauf gingen wir landeinwärts, um zu Menschen zu kommen, sahen auch aus der Ferne ein Licht schimmern, auf welches wir freudig zutrabten, und wo wir dann bei einem Bauer übernachteten und uns trockneten. Allein morgens begaben wir uns samt unserm Wirte nochmals zum Strande zurück, um nach unserer Jolle und dem verlorenen Gepäck zu sehen. Jene fanden wir noch auf ihrer alten Stelle; nur aber auf dieses mußten wir zu unserm Verdruß völlig verzichten. Zwar auch mit unserm Fahrzeuge gerieten wir in Verlegenheit, da die See noch nicht wieder fahrbar geworden, bis unser Bauer, dem ich mich durch einen meiner Matrosen verständlich machen konnte, uns aus der Verlegenheit half. Wir hatten bereits erfahren, daß wir uns hier anderthalb Meilen von Pollien (ebenfalls ein[97] Salzhafen, wie das noch zwei Meilen weiter entfernte Croisic) befänden; und dahin erbot er sich, gegen gute Bezahlung unser Puppenfahrzeug über Land zu transportieren, indem es zwischen zwei von seinen Eseln hinge.

Wirklich auch hielten er und seine Esel redlich Wort! In dem lustigsten und nie gesehenen Aufzuge zogen wir zu Pollien ein, und die ganze Stadt lief über dem seltsamen Schauspiel zusammen. Meine erste Erkundigung war sofort nach dem angesehensten Salzhändler des Orts. Man nannte mir einen Kaufmann namens Charault, und während ich zu ihm hineinging, ward die Jolle vor seiner Türe niedergelassen. Meine Aufnahme war freundlich; auch brachte ich sogleich eine Unterhandlung wegen des gesuchten Salzes in Gang, wobei es zu dem Ausschlage kam, daß ich volle Ladung für alle vier Schiffe, das Muid zu vierundfünfzig Livres, akkordierte, und zwar dortigen Gemäßes, welches noch um fünf Prozent größer ist als auf Noirmoutiers. Ich durfte mir also schmeicheln, einen vorteilhaften Handel abgeschlossen zu haben.

Nun ging meine nächste Sorge dahin, mein Boot wieder zuzutakeln und meine Rückfahrt damit anzutreten. »Wie? In der Nußschale?« fragte Herr Charault, indem er es von allen Seiten verwundert ansah. – »Lassen Sie das Dingelchen hier in Gottes Namen stehen, bis Sie mit Ihrem Schiffe kommen, es abzuholen. Ich gebe Ihnen meine Barke, die Sie mir dann ja wieder mitbringen können.« – Der Vorschlag war aller Ehren wert; allein dann wäre ich dem Manne fester verbunden gewesen, als ich wünschte, falls meine Freunde anderwärts vielleicht noch besser gemarktet haben sollten. Also schlug ich diese Güte dankbar aus und setzte mich zwei Tage später mit meinen Leuten guten Mutes wieder in die Nußschale, wie er's genannt hatte. Dadurch gab ich nun zwar den Müßiggängern im Orte ein neues Schauspiel, indem sie sich zu Hunderten auf den Sunddünen sammelten, um uns abfahren zu sehen; allein das Wetter war schön, der Wind günstig und Noirmoutiers nach einer ruhigen Fahrt von zwölf bis vierzehn Stunden glücklich wieder erreicht.

Hier waren die beiden anderen Abgeschickten schon vor mir angelangt, und alles hatte uns so gut als verloren gegeben. Daher mischten sich in ihren herzlichen Willkommen zugleich auch heftige Vorwürfe über meine Tollkühnheit, die sie sehr richtig dem wahren Grunde zuschrieben, und worauf ich freilich nur wenig zu erwidern hatte, da ich vollkommen fühlte, wie sehr verdient sie waren. Bei alledem hatte ich doch, wie sich's nunmehr ergab, das vorteilhafteste Geschäft gemacht; nur waren die beiden Königsberger, da sie auf mich nicht mehr rechneten, kurz zuvor in Noirmoutiers eine neue Verbindlichkeit eingegangen, wodurch sie dort zurückgehalten wurden, wiewohl sie das Muid mit achtzig Livres zu bezahlen genötigt waren. Und doch schlug diese Trennung wiederum zum Glücke für mich aus; denn als ich nun mit Kapitän Neste in Pollien anlangte, konnte Herr Charault kaum uns beide befriedigen. Ich zwar, als der erste, ward schnell[98] genug befrachtet; dagegen aber mußte jener noch die nächste Springflut und die darauf folgende Salzerzeugnis abwarten, um seine volle Ladung zu bekommen.

Unterm 12. Junius schrieb ich nunmehr an meine Korrespondenten, die Herren Kock und van Goens in Amsterdam, daß ich heute mit der Ladung meines Schiffes begänne und ihnen auftrüge, die Assekuranz auf dasselbe zu achttausend holländischen Gulden, für die Salzladung aber mit zweitausend Gulden von hier auf Königsberg zu besorgen. Sechs Tage später wiederholte ich diese nämliche Order mit dem Beifügen, daß ich bereits segelfertig läge und nur auf einen günstigen Wind wartete. Zum Überfluß aber ließ ich auch noch am 22. Juni ein drittes Aviso abgehen, worin ich mich auf meine früheren Schreiben bezog und die geschriebene Versicherung von Schiff und Ware als besorgt voraussetzte oder auch neuerdings dringend aufgab; indem ich in diesem Augenblick bereits in See sei und bloß zu mehrerer Sicherheit noch an mein Verlangen erinnern wolle.

Indes überfiel mich bereits am 24. Juni ein so harter Sturm, daß ich nur vor einem kleinen Sturmsegel unterm Winde liegen konnte. Eine besonders schwere Sturzwelle, die sich über meinem Hinterteil brach, zertrümmerte mein Steuerruder acht Fuß über dem unteren Ende in der Mitte durch, so daß von diesem Augenblick an alles Steuern damit ein Ende hatte und auch in offener See an kein Ausbessern desselben zu denken war. Um gleichwohl das Schiff nach Möglichkeit bei einem regelmäßigen Gange zu erhalten, suchte ich es mit den Vorder- und Hintersegeln zu zwingen. Indem aber der Wind geradezu aufs Land stand, ward meine Lage dadurch noch wesentlich verschlimmert; denn nun war ich genötigt, Segel über Segel aufzusetzen, um nur das Schiff hart an den Wind zu halten und vom Legerstrande fernzubleiben. Demungeachtet liefen wir, des Schiffes nur unvollkommen mächtig, bald in den Wind, bald wieder fielen wir vor den Wind, und da wir eine solche Menge Segel machen mußten, so bekamen auch Stengen und Masten schier über ihre Kräfte zu tragen.

Wirklich geschah auch gar bald, was ich gefürchtet hatte, denn mit einer schweren Buy (Stoßwinde), die sich plötzlich erhob, brach der große Mast acht oder zehn Fuß überm Deck gleich einer Rübe entzwei und stürzte samt der ganzen Takelage über Bord, und nicht nur das allein, sondern dies ganze Gewirre von Rundhölzern – Mast, Stengen und Rahen – stießen nun auch unaufhörlich und mit solcher Macht gegen die Seiten des Schiffes, daß wir uns auf dem Verdeck kaum stehend erhalten konnten und jeden Augenblick erwarten mußten, Planken und Fütterung zertrümmert zu sehen. Nichts blieb übrig in dieser Not, als schnell alles Tauwerk, das mit dem gestürzten Mast noch zusammenhing, zu kappen, um solchergestalt davon loszukommen.

Eigentlich aber hub unsere wahre Not jetzt erst an, da unser schwer beladenes Schiff gleich einem Klotz auf dem Wasser trieb, ein Spiel der Wellen, die sich unaufhörlich drüber hin brachen und uns überspülten. Selbst die Kajüte schwamm[99] beständig voll Wasser; unsre Lebensmittel wurden naß, und unsre Ladung hatte kaum ein besseres Schicksal zu gewarten, da wir das eindringende Wasser mit beiden Pumpen kaum zu überwältigen vermochten. Überdies alles trieben wir augenscheinlich immer näher dem Lande zu, indem wir nachts um elf Uhr bereits in einer Tiefe von vierzig Faden Grund fanden. Ungesäumt ward jedoch der Anker ausgeworfen, und ich ließ das Ankertau hundert bis hundertzehn Faden nachschießen. Nun lag das Schiff bequem gegen die hohe See wie eine Ente, die auf ihrem Teiche schwimmt, und der Sturm ward glücklich ausgehalten.

Des andern Tages, sobald das Wetter sich abgestillt hatte, hoben wir unser Bugspriet aus, befestigten es, so gut es gehen wollte, an dem Stumpf des abgebrochenen Mastes, takelten diesen Notmast nach Möglichkeit zu und zogen daran ein paar Segel auf, die wir noch in Vorrat besaßen. Der Wind hatte sich gedreht und blies aus Ostsüdost längs dem Lande hin, so daß wir hoffen durften, uns von demselben zu entfernen. Um aber auch das ermangelnde Steuerruder durch irgend etwas zu ersetzen, ließ ich ein Ankertau vom Hinterteil hinaus etwa zwanzig Klafter lang an einem großen Klotze treiben, und indem von vorn gleichfalls an jeder Seite ein Tau mit diesem Klotze zusammenhing, ließ sich das Schiff daran zur Notdurft links oder rechts umholen, obwohl freilich nicht daran zu denken war, mittels eines so unzulänglichen Behelfs einen ordentlichen Kurs zu halten. Vielmehr trieben wir bei anhaltendem Ostwinde auf Gottes Gnade immer weiter in die spanische See und auf das Atlantische Meer hinaus und erkannten es für unser größtes Glück, daß wir noch ein dichtes Schiff behalten hatten.

In der Tat kann man sich unsre Lage nicht mißlich genug denken. Leben und Seele war gleichsam aus unserm Schiffe gewichen. Jeder Veränderung des Windes preisgegeben, trieben wir hiehin und dorthin auf dem unermessenen Raume des Großen Ozeans. An eine Berechnung von unserm Kurs und Distanzen war gar nicht mehr zu denken. Zwar gaben mir meine Beobachtungen an Sonne und Sternen zuzeiten die Breitengrade an, unter welchen wir uns befanden; allein über unsre Länge war auch nicht einmal eine ohngefähre Schätzung anzustellen, noch weniger richtige Rechnung zu führen. Es war aber sicher genug, daß wir uns in weiter Entfernung von allen europäischen Küsten befinden mußten, da die Winde meist östlich und südlich waren. Auch erblickten wir während dieses ratlosen Umhertreibens nur zweimal ein fremdes Segel, zuerst ein englisches und demnächst ein schwedisches Schiff, welche zwar beide uns beizukommen suchten, aber durch das schlechte Wetter daran verhindert wurden. Sie gereichten uns also zu keiner Hilfe, sondern mußten sich begnügen, uns durch das Sprachrohr zu beklagen und besseres Glück zu wünschen. Doch gewährte uns dies Zusammentreffen den Trost, daß sie uns ihre beobachtete Länge mitteilten, so daß wir uns doch einigermaßen belehrten, auf welchem Punkte des Erdballs wir uns befänden.[100]

Schon hatten wir auf diese Weise sechs Wochen lang ebenso nutz- als hilflos auf dem Weltmeer umhergekreuzt, als uns unter der am 2. August beobachteten nördlichen Breite von 58 Grad 33 Minuten (so hoch hinauf nach Norden waren wir verschlagen!) ein gewaltiger Sturm aus Südwesten ereilte. Am 6. August sprang der Wind nach Westen um, und das Wetter ward so furchtbar, als ich es je erlebt habe. Alle unsre andre Not und Gefahr aber ward noch durch die Besorgnis vermehrt, daß wir bei Nacht gegen die Lewisinseln und die dort zahlreich umherliegenden Klippen geworfen werden könnten. Diese Furcht schwand erst dann, als wir uns am 9. August mitten zwischen den orkadischen Inseln und im Angesicht von Fairhill erblickten. Da auch zugleich der Wind nach Nordwesten ging und kräftig zu blasen fortfuhr, so wuchs uns der Mut, daß wir unser Schiff nach Ostsüdost zu treiben zwangen, um die norwegische Küste zu erreichen und dort Hilfe zu finden.

Am 13. trat uns diese gewünschte Küste auch wirklich ins Gesicht, und am folgenden Tage abends kamen wir ihr so nahe, daß wir deutlich die zahllosen, teils emporragenden, teils blinden Klippen vor uns erkannten, an welchen die tobende See hoch in die Lüfte zerschäumte. Dieser Anblick schlug unsre Freudigkeit um ein großes nieder; ja, diese verwandelte sich gar bald in eine peinliche Todesangst, da wir die Unmöglichkeit fühlten, unser unlenksames Schiff davon abzusteuern. Mußte es nicht uns doppelt schmerzlich sein, nach so langer ausgestandener Not uns hier, wo wir unsre Rettung gesucht und gehofft, von einem unvermeidlichen Untergange bedroht zu sehen?

Doch nicht Untergang, sondern Rettung hatte der gütige Himmel diesmal über uns beschlossen! Mitten zwischen den grausigen, steilen Klippenwänden trieb unser Schiff wie von unsichtbaren Händen gelenkt hindurch in eine Bucht, wo ich Ankergrund und stilles Wasser fand. Es war abends um neun Uhr, als ich hier den Anker fallen ließ, und nun erst mit voller Besinnung an die schreckliche Vergangenheit zu denken vermochte, der wir in einem Fahrzeuge ohne Mast und Ruder auf einem unermeßlichen Irrwege unter Hunger, Durst, allem nur erdenklichen Drangsal und stetem Todeskampfe nach sieben ewiglangen Wochen endlich glücklich entronnen waren.

Unser Nothafen hieß Bommelsund, wie wir noch in der nämlichen Nacht von einigen Leuten erfuhren, die vom Land zu uns an Bord kamen und mir behilflich waren, das Schiff noch tiefer in die Schären hinein in Sicherheit zu bringen. Am Morgen fuhr ich selbst an Land, um mir Hilfe zu suchen; denn es fehlte mir geradezu an allem, um weiter von der Stelle zu kommen. Allein Mast, Ruder und Takelwerk, wie ich's brauchte, war in dieser ganzen Gegend nicht zu erlangen, und so mußt' es mir genügen, daß ich hier Fahrzeuge und Leute annahm, die mich, zwischen den Klippen entlang, täglich eine kleine Strecke[101] weiter bugsierten. So gelangte ich kümmerlich am 19. August in den Hafen von Fahresund.

Hier wandte ich mich unverzüglich an das Handelshaus Lund & Komp., welches auch nicht ermangelte, mir schnellen und tätigen Beistand zu leisten, damit ich mein Schiff wieder in gehörigen Stand setzte. Um nichts zu versäumen, ließ ich vor allen Dingen mein Schiffsvolk eine gerichtliche Erklärung über unsre erlittenen Unglücksfälle während dieser Reise ablegen, versah mich mit allen übrigen erforderlichen Zeugnissen und übersandte dies alles an meine Korrespondenten nach Amsterdam mit dem Auftrage, mir in ungezweifelter Voraussetzung der von ihnen bewirkten Versicherung meines Schiffes auf den Grund derselben einen Kreditbrief von einer Summe, wie ich sie etwa zur Ausbesserung meines Schiffes erforderlich glaubte, zu übermachen.

Demnächst ging ich nun mit Eifer an dies Werk selbst, wobei es denn allerdings mehr zu schaffen und auszuflicken gab, als ich selbst vermutet hatte. Bei dem Ausladen des Schiffes, welches vorangehen mußte, fand sich's, daß zehn bis zwölf Lasten Salz verschmolzen waren. Ich ließ nun den Boden kielholen, ein neues Steuerruder einhängen, einen neuen Mast aufrichten, besorgte alle fehlenden Rundhölzer, Segel und Takelwerk, ersetzte, was gebrochen, verfault oder sonst verdorben war, und setzte mich so allmählich wieder in Stand, die offene See zu halten. Freilich war dies alles nicht möglich ohne den bedeutenden Aufwand von viertausendvierhundert Talern dänisch Kurant, und ich konnte mich, um mich meines Schadens zu erholen, nur an die auf mein Schiff gezeichnete Assekuranz halten.

Soweit war ich, als ich von den mehrbenannten Herren Kock und van Goens ein Schreiben empfing, worin sie mir empfahlen, mich in meinen Ausgaben möglichst zu menagieren, indem es ihnen nicht möglich gewesen wäre, für mein Schiff und Ladung eine Versicherung zu bewirken. – Als hätte der Donner vor meinen Füßen eingeschlagen, so überraschte und erschütterte mich dieser trockne Bericht! Zugleich aber gingen mir auch plötzlich die Augen auf über das Schelmstück, das man mir gespielt hatte. Wie? Auf drei nacheinander folgende Avisos in der sichersten Jahreszeit und auf einem Platze wie Amsterdam sollte für keine Prämie, hoch oder niedrig, eine mäßige Assekuranz zu beschaffen gewesen sein? Oder wenn in Holland kein Mensch sein Geld an eine so geringe Gefahr hätte setzen wollen, stand dann meinen Beauftragten nicht Hamburg, Kopenhagen oder London oder jeder andre Handelsort frei und offen? – Allein es war klar (und in diesem Urteil hatte ich alle Sachverständigen auf meiner Seite), daß die seinen Herren es für zuträglicher gehalten hatten, die Assekuranz gar nicht auszubieten, sondern es immerhin im Vertrauen auf meine Tüchtigkeit und die anderweitigen günstigen Umstände zu wagen. Lief die Fahrt glücklich ab, wie zu hoffen war, so würden sie nicht vergessen haben, mir die Assekuranzprämie[102] gehörig anzurechnen; nun aber, da ich Havarei hatte, entschuldigten sie sich als Schurken, wie es auch die Folge sattsam erwiesen hat.

Was war nun zu tun? – Ich saß in der Klemme und mußte abermals auf Schiff und Ladung Bodmerei zeichnen. Indes erhielt es mich noch einigermaßen bei gutem Mute, daß ich der gewissen Hoffnung lebte, das saubre Paar seiner Schelmerei zu überweisen und so wieder zu dem Meinigen zu gelangen. Ich ging also wieder in See und langte bald darauf glücklich in Königsberg an. Kaum aber hatte ich meine Ladung Salz dort gelöscht, so trat auch der Bodmereigeber auf und forderte sein auf das Schiff vorgestrecktes Geld zurück, welches sich mit allen Nebenausgaben auf die Summe von siebentausend Talern belief. Da ich nun auch noch in einigen andern Schulden steckte, so kam ich von Tag zu Tag immer mehr ins Gedränge; denn an ein schleuniges Ende des Prozesses, den ich nun zunächst gegen Kock und van Goens in Amsterdam angestrengt hatte, war sobald gar nicht zu denken.

Vielmehr ward hier nun ein Federfechten begonnen, das Jahr und Tag dauerte und immer bunter und verwickelter wurde. Endlich ward mir der Handel und die Rabulisterei für meinen armen schlichten Menschenverstand zu arg. Ich packte meine dicken Prozeßakten zusammen und legte sie in tiefster Devotion Sr. Majestät dem Könige vor mit inständigster Bitte, Sich Ihres allergetreuesten Untertanen anzunehmen und diesen Prozeß gegen Kock und van Goens durch den preußischen beglaubigten Minister im Haag ausmachen zu lassen.

Während aber nun meine Sache diesen gemächlichen Gang ging, mußte ich, um meine Gläubiger zu befriedigen, die nicht Luft hatten, den weitaussehenden Erfolg abzuwarten, zuvörderst meine Ladung, dann aber auch mein schönes, liebes Schiff samt allem, was ich um und an mir hatte, soweit es langte, losschlagen. Das unschuldige Opfer eines schändlichen Betruges stand ich da und konnte kaum das Hemde mein nennen, das ich auf dem Leibe trug! Meine einzige letzte Hoffnung beruhte auf dem Ausgange meines in Holland obschwebenden Prozesses, und selbst auch hier schwand mir mein anfänglicher Mut je mehr und mehr, je tiefere Blicke ich in das Gewebe rechtlicher Schikane tat, das hier von meinen Gegnern angezettelt wurde, um womöglich Weiß in Schwarz zu verdrehen.

Dieser unselige Rechtshandel bedrohte aber nicht bloß mein geringes Vermögen, sondern griff zugleich tief in meinen ganzen Lebensgang ein und legte meinem aufstrebenden Geiste Hemmketten an, die ihm je länger je unerträglicher fielen. Nach der Einbuße meines eignen Schiffes hätt' ich wenigstens als Schiffer für fremde Rechnung fahren und meinen mäßigen Erwerb suchen können; allein all augenblicklich gab es des Prozesses wegen in Königsberg gerichtliche Termine, wo ich zur Stelle sein und Rede und Antwort geben sollte. Gleichwohl wollten Frau und Kinder (denn auch der Ehesegen hatte sich nach und nach bei mir eingestellt) auf eine ehrliche Weise ernährt sein. Was blieb mir demnach[103] übrig, als daß ich mich noch einmal unter das alte, verhaßte Joch bequemte, und als Setzschiffer auf einem Leichterfahrzeuge zwischen Königsberg, Pillau und Elbing hin und her tagelöhnerte, um nur mein kümmerliches Brot zu verdienen.

Drei mühselige Jahre blieb mein Schicksal in dieser Schwebe, und Gott weiß, wie sauer, ja bitter sie mir geworden sind! Endlich ging vom preußischen Gesandten im Haag ein großes Schreiben an mich ein, mit der Verkündigung: mein Prozeß sei in letzter Instanz glücklich gewonnen. – Gottlob! hätt' ich gerne aus tiefer, erleichterter Brust gerufen, wäre nur nicht unmittelbar die Hiobspost damit verbunden gewesen: Kock, der eine meiner Widersacher, sei gestorben, nun sei der Bankerott des Hauses ausgebrochen, von den übrigen Gläubigern auf alle Effekten desselben Beschlag gelegt worden und zur Befriedigung meiner Anforderung leider nichts übrig geblieben. – So war ich denn ein ruinierter Mann, hatte mir die schönsten Jahre meines Lebens gleichsam stehlen lassen, mir den Leib unaufhörlich voll geärgert und mochte nun in Gottes Namen anfangen, zu meinem künftigen Glücke, wo ich wüßte und könnte, wieder den allerersten Grundstein zu legen![104]

Quelle:
Nettelbeck, Joachim: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet. Meersburg, Leipzig 1930, S. 95-105.
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