Neuntes Kapitel

[105] Da ereignete sich's im Jahre 1769, daß der geheime Finanzrat Delatre, welchen König Friedrich II. an die Spitze der neuen Regie aus Frankreich berufen hatte und der damals alles bei ihm galt, nach Königsberg kam. Sein neuestes und weitaussehendes Projekt, womit er dem Monarchen große Summen fremden Geldes ins Land zu ziehen verhieß, ging da hinaus, daß von dem Überfluß an dem schönsten Schiffbauholz in den königlichen Forsten in Stettin für königliche Rechnung eine Anzahl großer Fregatten erbaut, armiert und ausgerüstet und dann zu gutem Preise an auswärtige Mächte abgelassen werden sollten. Friedrich war auch auf diesen Vorschlag eingegangen, und so lag denn bereits ein Schiff von vierzig Kanonen bei Stettin auf dem Stapel.

Ich weiß nicht, auf welche Weise ich dem Franzosen bekannt und als der Mann empfohlen sein mochte, dem die Ausrüstung, Einrichtung und Führung dieses Schiffs vor andern anzuvertrauen wäre. Kurz, er ließ mich zu sich rufen, erklärte mir seine Meinung, und bot mir endlich diese Kapitänsstelle unter solchen Bedingungen an, daß ich bei hinlänglicher Überzeugung, dem von mir geforderten Dienste gewachsen zu sein, auch kein Bedenken fand, mich für dies Unternehmen zu verpflichten. Der Kontrakt wurde von beiden Seiten in bester Form abgeschlossen, und ich ging unverzüglich nach Stettin ab, um meine Funktion anzutreten.

Während nun hier der königliche Schiffsbaumeister, Herr Catin, die Fregatte in ihrem Bau nach Kräften förderte, war ich meinerseits nicht minder geschäftig, Masten, Segel, Tauwerk und jedes andere Zubehör in fertigen Stand zu setzen. Sobald sie demnach im Mai 1770 glücklich vom Stapel gelaufen war, tat ich mein Bestes, daß sie schon in den nächsten vier Wochen, zu Anfang des Junius, für völlig ausgerüstet gelten könnte. Dem damaligen Gouverneur, Herzog von Bevern, zu Ehren, erhielt sie den Namen Duc de Bevre, und war wirklich ein schönes und tüchtiges Gebäude.

Erfreut über den hurtigen Fortgang, hatte mir mein Gönner Delatre bei Sr. Königl. Majestät das in seiner Art erste Patent als Königl. Preuß. Schiffskapitän samt der Berechtigung zu Tragung der Königl. Uniform und eines[105] Säbels mit Portepee ausgewirkt, die mir vom Herzoge mit eigenen Händen überreicht wurden.

Doch war ich nicht der einzige, der sich in diesem neuen Zweige des Königl. Militärdienstes angestellt sah; sondern die preußische Flagge sollte nun auch einen eigenen Admiral aufzuweisen haben. Dazu schlug Herr Delatre seinen eignen Bruder vor – einen jungen, im Seewesen ganz unerfahrenen Menschen, der indes früher als Unterleutnant auf einer französischen Fregatte gedient hatte, mit derselben im letzten Kriege den Engländern in die Hände gefallen und dort (eben) erst durch des zu Glück und Ehren gelangten Bruders Vermittlung aus dem Schuldgefängnisse hervorgekrochen war. Er kam nach Stettin, und ich war eben nicht sonderlich erbaut, meinen neuen Herrn Admiral kennen zu lernen und zugleich zu erfahren, daß ihm das Kommando der nächsten zu erbauenden Fregatte zugeteilt werden sollte. Bis dahin hatte er nun freilich wenig oder gar nichts zu tun, und so verführte der Müßiggang den lustigen Patron zu einer Menge alberner Streiche, die ihm wenig zur Ehre gereichten. Unaufhörlich gab es Neckereien und blutige Händel mit den Offizieren von der Garnison, so daß er am Ende sich kaum mehr durfte blicken lassen, um nicht der schimpflichen Ahndung eines gerechten Unwillens anheim zu fallen.

Gegen Ende des Junius ging ich mit meinem Schiffe die Oder hinab und war angewiesen, auf der Reede von Swinemünde eine Ladung Balken einzunehmen, die ich nach Cadix bringen und dort womöglich mitsamt dem Schiffe losschlagen sollte. Es kostete jedoch nicht wenig Not und Mühe, bevor ich das große und tiefgehende Gebäude über die Bank am Ausflusse des Stromes zu schaffen und mich außen auf der Reede vor Anker zu legen vermochte. Ich hatte dabei einen sehr untätigen Zuschauer an meinem Admiral, der mir die unverlangte Ehre erzeigte, mich bis hierher zu begleiten.

Sobald ich meinen gelegenen Ankerplatz gefunden, befahl ich, die Stangen und Rahen niederzulassen, wie es Seemannsbrauch ist, wenn ein noch unbeladenes Schiff auf der Reede liegt, um das übermäßige Schwanken desselben zu vermeiden. Dieser notwendigen Anordnung widersetzte sich aber der Patron zur Befriedigung seiner kindischen Eitelkeit, die das Schiff noch länger in Parade sehen wollte. Vergeblich bedeutete ich ihn, daß es hier mehr auf Sicherheit als auf stattliches Ansehen ankomme, und daß ich wissen müßte, was ich zu tun hätte. Das Fäntchen erboßte sich, trotzte und pochte und wollte durchaus wie ein unzeitiges Kind seinen Willen haben. Freilich kam es da bei mir eben an den Unrechten. Ich wich ihm keines Daumens breit.

Nun war vollends Feuer bei ihm im Dache! Er parlierte mir, rot um den Kamm wie ein Puter, allerlei dummen Schnack vor und trat endlich drohend auf mich ein, indem er die Hand an das Gefäß seines Degens schlug. »Oho Bürschken«, sagte ich, und besah ihn mir schmunzelnd von unten bis oben –[106] »das wollen wir dir wohl anstreichen!« – Ich ging in die Kajüte, schnallte mir meinen Säbel um und kam wieder aufs Verdeck, um ihm das Weiße im Auge zu sehen. Weil sich seine Galle aber immer noch nicht legen wollte, seine geläufige Zunge wie ein Rohrsperling schimpfte und bei jedem dritten Worte die Faust immer wieder nach dem Degen fuhr, riß mir endlich auch die Geduld. Ich legte ebenfalls die Hand und eben nicht sanft an meinen Säbel und forderte ihn auf, zur Stelle mit mir ans Land zu kommen, damit ich sähe, was Vater und Mutter aus ihm gefuttert hätten – wie wir Pommern zu sagen pflegen.

Ich sprang voran in die Schaluppe und bot sechs Matrosen auf, die Riemen zur Hand zu nehmen. Mein Urian kam auf mein wiederholtes Winken mir nachgestiegen. Ich stellte mich ans Ruder und steuerte nach dem Packwerk, war mit einem Satze am Lande und warf, meines Gegners gewärtig, mir Hut und Rock vom Leibe, der denn auch bald hinter mir dreinfackelte. Wir zogen beide blank und standen verbittert einander gegenüber. Monsieur machte mir mit seinem Degen allerlei Figuren und Firlefanz vor der Nase, bis ich mit einem abgepaßten Hiebe von unten herauf ihm unterhalb des Gefäßes eins quer in den Arm zog; und mit der nämlichen Wendung gab ich ihm einen Denkzettel hinters linke Ohr, so daß er, wenn er nicht an dem einen, doch an beiden genug haben konnte.

Nun, er verlangte eben auch nicht mehr, warf flugs den Degen an die Erde und schüttelte die verwundete Hand mit einem etwas verstörten Gesichte. Auch ich schleuderte meinen Sarras überseite, um aus seinem Rocke, der im Sande lag, ein Schnupftuch hervorzusuchen, welches ich, nachdem ich ihm das Blut vom Ohre gewischt, sein säuberlich um die lahme Hand wickelte. Dann machte ich dem Herrn ein Kompliment, so gut ich's ohne Tanzmeister gelernt hatte, und ließ ihn stehen, indem ich wieder in die Schaluppe stieg und nach dem Schiffe zurückfuhr.

Zwei Tage nach diesem Abenteuer erhielt ich einen schriftlichen Befehl des Herrn Geh. Finanzrat Delatre, angesichts dieses in Stettin zu erscheinen. Ich erwiderte darauf: »Das Schiff, welches ich kommandierte, läge in See, und ich wäre für dessen Sicherheit verantwortlich. Ich würde mich einstellen, sobald man mir einen Stellvertreter schickte, der der Mann dazu wäre, es in versicherte Aufsicht zu nehmen.« Dies Notabene hatte denn auch die Wirkung, daß bald nachher ein gewisser Schiffer Stöphase, einer unsrer besten preußischen Seemänner, zu mir an Bord kam und sich durch schriftliche Orders als meinen Nachfolger auswies. Zugleich wurde aber auch der Befehl zu meiner unverzögerten Gestellung in Stettin erneuert und geschärft, und ich tat, was man haben wollte.

Mein ungnädiger Gönner, mit dem ich es hier zu tun hatte, ließ mich gar hart an, daß ich so gröblich gegen die Subordination im Dienst gehandelt. Ich war aber auch kurz angebunden, schenkte ihm über seinen Herrn Bruder, den Admiral, klaren Wein ein und bewies dessen Ungeschick in einem gepfefferten[107] Text so kräftig, daß eben nicht sonderlich viel darauf zu antworten blieb 6. Aber es war einmal sein Bruder, dem er nicht ganz entstehen konnte, und so ergriff er um so lieber ein leicht von mir hingeworfenes Wort, um mir, wenn ich nicht anders wollte, meine Dienstentlassung anzukündigen. – »Herzlich gern!« war meine Antwort – »mit Vorbehalt jedoch, daß meine Tauglichkeit zum Königlichen Dienst nicht in Abrede gestellt werde.«

»Wer zweifelt daran, Herr? Wenn Sie sich nur fügen wollten...«

»Gehorsamer Diener!« erwiderte ich, »da mag es wohl liegen! Aber wenn auch mein Kopf etwas hart ist, so erinnert er sich doch an eine Klausel in meinem Kontrakt, daß mir, falls ich einst meines Seedienstes entbunden würde und gegen meine Taugsamkeit nichts einzuwenden wäre, ebensowohl eine Gratifikation von zweihundert Talern als meine rückständige Monatsgage zugute kommen solle. – Wohl denn, ich habe bisher meine Schuldigkeit getan, jetzt erwarte ich ein Gleiches von der Regierung.« – Die Zahlung geschah auf der Stelle, und so kriegte denn mein königliches Seekommando ein baldiges und betrübtes Ende.

Mein Vornehmen war jetzt, nach Königsberg zu meiner Familie zurückzugehen und eine Gelegenheit zu suchen, wo mir's möglich würde, die Arme ein wenig freier zu rühren. Auf dem Wege dahin sprach ich indes bei meinen Eltern in Kolberg ein, und sei es nun, daß es hauptsächlich ihr dringendes Zureden vermochte oder daß die alte Vorliebe für meine Vaterstadt wieder lebendig in mir erwachte, während ich gegen Königsberg, wo mir so vieles den Krebsgang genommen hatte, einen heimlichen Widerwillen spürte: – genug, ich glaubte wohl daran zu tun, wenn ich meinen dortigen Wohnsitz aufgäbe, um mich fortan hier unter den Meinigen häuslich niederzulassen. Anstatt also meine Reise fortzusetzen, ließ ich vielmehr Weib und Kind zu mir herüberkommen und begann, mich hier häuslich einzurichten.

Aber Kolberg war doch der Ort nicht, wo meinesgleichen auf die Länge seine Rechnung finden konnte. Der Seehandel hatte damals hier eben auch nicht viel zu bedeuten, und die Kolberger Schiffer waren gar zahme Leute, die sich eben nicht weit in die Welt hinaus vertaten. Es gab daher auch wenig Anschein, daß ich hier sobald ein braves Schiff unter die Füße würde bekommen können und wurden mir gleich binnen Jahr und Tag zu wiederholten Malen kleine Jachten zur Führung angeboten, um damit die Ostseehäfen zu besuchen, so war dies doch ein zu enger Spielraum für mich, als daß ich mich darauf hätte einlassen mögen. Lieber errichtete ich eine kleine Navigationsschule, in welcher ich junge Seefahrer für ihr Fach tüchtig auszubilden suchte, und noch jetzt in meinem hohen Alter habe ich das Vergnügen, einige brave Schiffer am Leben zu wissen, die ich als meine Schüler betrachten darf.

Man wird sich jedoch leicht denken, daß all dies Tun und Treiben nur ein Notwerk blieb, dessen ich gern entübrigt gewesen wäre, und daß ich mich in meiner[108] Lage mit jedem Tage mißmutiger und unzufriedner fühlte. Auf die Länge konnte so das nicht bleiben. Was aber dem Fasse vollends den Boden ausschlug, war ein Schimpf, der mir von einem Manne widerfuhr, um den ich wohl ein Besseres verdient gehabt hatte. Dieser Kaufmann K. nämlich, für den ich vormals als eigner Schiffsreeder Güter und Frachten mit Ehren über See gefahren hatte, glaubte ein Werk der Barmherzigkeit an mir zu tun, wenn er mir das Glück widerfahren ließe, unter seinem unwissenden Bauerschiffer als Steuermann zu dienen. Meine ganze Seele fühlte sich über diesen erniedrigenden Vorschlag entrüstet. Es war, als ob jeder Bube in Kolberg mit Fingern auf mich wiese, und so ließ mir's auch länger keine Ruhe, als bis ich mich im Jahr 1771 als Passagier nach Holland auf den Weg machte, in voller und gewisser Zuversicht, daß dies Land mir für mein besseres Fortkommen in allen Fällen die gewünschte Genüge leisten werde.

Mein eigentlicher Plan bei diesem rasch gefaßten und ausgeführten Entschlusse war auf die Küste von Guinea gerichtet, wo die Art des Handelsverkehrs mir bei meiner ersten Ausflucht bereits bekannt geworden war, und da ich mich der damals erlernten Landessprache noch immer mächtig fühlte, im Navigationswesen es mit manchem aufnahm und mir auch sonst zutrauen durfte, Herz und Verstand am rechten Flecke zu haben, so war ich darauf aus, mich auf irgendeinem dorthin bestimmten Schiffe als Obersteuermann anzubringen. In Amsterdam zwar gab es hierzu für diesen Augenblick keine Gelegenheit; als ich mich aber durch Freunde und Bekannte in gleicher Angelegenheit an das Haus Rochus & Copstadt in Rotterdam empfehlen ließ, erhielt ich auch sofort einen Ruf dahin und ward mit den Reedern einig, auf einem ganz neuen Schiffe, namens Christina, unter Kapitän Jan Harmel als Obersteuermann die Fahrt auf die Küste von Guinea anzutreten.

Im November des nämlichen Jahres gingen wir von Goree unter Segel. Unsre Ladung bestand in solchen Artikeln, wie die Afrikaner sie gegen Sklaven, Goldstaub und Elefantenzähne am liebsten einzutauschen pflegen. Die Schiffsmannschaft betrug hundertsechs Köpfe, und das Schiff führte vierundzwanzig Sechspfünder, weil Holland damals mit dem Kaiser von Marokko in Mißhelligkeiten geraten war, weswegen allen Schiffen, die des Weges fuhren, aufgegeben worden, sich gegen jeden etwaigen Anfall der Korsaren gehörig auszurüsten. Aus dem nämlichen Grunde versäumten wir auch nicht, sobald wir in den Ozean gekommen waren, unser Schiffsvolk täglich in der Bedienung des Geschützes und in andern kriegerischen Handgriffen zu üben, damit wir's mit den Marokkanern um so besser aufzunehmen vermöchten, und, falls es zum Schlagen käme, jeder am Borde wüßte, wohin er gehöre und wie er es anzugreifen habe. Und daß es hiermit nicht etwa von unserm Kapitän nur für die Langeweile gemeint war, kann ich sofort durch ein Beispiel belegen.[109]

Um mich aber hierüber noch mit einigen Worten weitläufiger auszulassen, sei mir zuvörderst erlaubt, zu bemerken, daß ein Kapitän auf dieser Art von Schiffen sich seinen Dienst insofern bequem genug macht, als er sich (dringende Notfälle ausgenommen) die Nacht hindurch in der Regel an nichts, was am Borde zu tun ist, kehrt, sondern abends um acht Uhr ruhig zu Bette geht und vor sechs Uhr morgens nicht wieder zum Vorschein kommt. Er verläßt sich lediglich auf seine vier Steuerleute, deren je zwei zusammen in ihren vierstündigen Wachen abwechseln, und begnügt sich, morgens beim Aufstehen den Rapport über alles, was nächtlich vorgefallen ist, anzunehmen und mittags um zwölf Uhr bei der Beobachtung der Sonnenhöhe zugegen zu sein, um den Stand des Schiffs nach Länge und Breite in das Schiffstagebuch einzutragen.

Solchergestalt kam ich (nachdem Kapitän Harmel mir schon früher aufgegeben hatte, von unserm Konstabler ein Faß halbgefüllter Kartuschen anfertigen zu lassen) einst in dieser Zeit des Morgens zu ihm in die Kajüte, um meinen nächtlichen Rapport abzustatten, und verwunderte mich nicht wenig, als ich ihn am Tische, den Kopf auf beiden Händen liegend, wie im tiefen Traume sitzen sah; – übrigens nackt und bloß bis auf ein paar linnene Hosen und das Hemde, das an beiden Armen bis hoch an die Achseln hinauf gestreift und mit roten Tüchern festgebunden war. Das gelockte Haar hing ihm rings um den Kopf auf den Tisch hinab, und vor ihm auf demselben lag ein blanker Schiffshauer.

Wie wild und furchtbar er mir in diesem Aufzuge auch erschien, so fing ich doch an zu lachen, und eben wollte ich fragen, was diese Maskerade zu bedeuten habe, als er mich martialisch anblickte, den Säbel ergriff, aufsprang, an mir vorbeieilte und, indem er aufs Verdeck stürzte, aus vollem Halse schrie: »Ho, da der Feind! Ho, da der Feind! – Feuer! Vom Steuerbord Feuer!« – In der ersten Überraschung meinte ich wirklich, er sei toll geworden; sobald ich jedoch seine wahre Meinung ahnte, den Mut und die Geistesgegenwart seiner Schiffsmannschaft auf die Probe zu setzen, so schrie ich tapfer mit: »Feuer! Steuerbord Feuer!« und es gab einen Lärm am Borde, der hinten und vorn und aus allen Winkeln gräßlich zusammendröhnte.

Da nun auch schon seit einiger Zeit unsre Kanonen mit Kugeln geladen bereit standen, so währte es auch keine drei Minuten, daß die ganze volle Lage gegen den eingebildeten Korsaren abgefeuert wurde. Sofort hieß es: »Schiff gewendet!« und als dies im Nu geschehen war: »Feuer! Vom Backbord Feuer! Am Steuerbord geladen! – Wieder wenden! Vom Steuerbord Feuer! Am Backbord geladen!« – und so lustig fort, bis der Konstabler zu mir herantrat, um zu melden, daß das Oxhoft voll Kartuschen glücklich in die Luft verplatzt sei. Ich brachte die Meldung an den Kapitän, und »Gut!« sagte dieser – »nun laß die Marokkaner nur kommen!«[110]

»Aber« – unterbrach er sich plötzlich – »entern – entern wollen die Hunde! Die sollen sich bei uns die Nasen verbrennen! Hallo! Allmann auf seinen Posten!« – Flugs traten angewiesenermaßen vierzig Mann auf dem halben Deck zusammen; jeder ergriff sein geladenes Gewehr aus der dort in Bereitschaft stehenden Kiste. Hier war das Kommandieren an mir: »Feuer über Steuerbord!« während andre, die in Reserve standen, ihnen die frisch geladenen Büchsen zureichten und die abgeschossenen empfingen. So folgte Lage auf Lage, und die Kerle hielten sich so wacker dazu, daß wir unsre Lust und Freude daran hatten.

Dabei begab sich's nun, daß ein Matrose seinem Nebenmann zur Rechten beim Abfeuern das Gewehr zu nahe an sein langes struppiges Haar hielt, welches vom Zündpulver ergriffen ward und augenblicklich in lichten Flammen stand. Zur Strafe solcher Ungebühr ward der Schmied, der in solchen Fällen den Sergeanten vorstellt, hervorgerufen, um den Unvorsichtigen als Arrestanten abzuführen; während noch das Manöver mit dem Handgewehr so lange fortgesetzt wurde, bis der Tambour (der so lange aus Kräften fortgewirbelt hatte) Befehl erhielt, Appell zu schlagen, und vom geschlagenen Feinde nichts mehr zu sehen war.

Nun sollte der Arrestant ins Verhör; aber der hatte seine Zeit so gut abgepaßt, daß während der Zeit, daß seine Wächter dem Spektakel zugafften, er sich glücklich überseite machte, doch nur so lange, bis er in seinem Versteck erwischt worden und nun seinen nachlässigen Wächtern vorn in der Back Gesellschaft leistete, bis ihm seine Strafe diktiert worden. Er sollte auf dem halben Deck durch sechzig Mann vierundzwanzigmal Gassen laufen, wobei statt der Ruten Reiszeisinge als Stellvertreter dienten; doch kam der arme Schelm mit sechs Malen ab und mochte sich sowie seine mit derben Fuchteln bestraften Wächter an der reichlichen Portion Branntwein trösten, die ihnen gegeben wurde, sich ihren wunden Buckel zu waschen.

Dies Pröbchen von strenger Subordination mag zugleich beweisen, mit welchem Ernst und welcher Regelmäßigkeit der Dienst auf den holländischen Schiffen damals versehen wurde, daher ich auch stets auf denselben die beste Ordnung gefunden habe. Nicht so bei den Engländern, wo man dergleichen als Kleinigkeiten ansieht, die mit Fußtritten, Faustschlägen und Rippenstößen abgemacht werden, und von solcher barbarischen Willkür bin ich stets ein abgesagter Feind gewesen.

Wenige Tage später, etwa in der Mitte Oktobers, da wir uns unter dem einundvierzigsten Grade nördlicher Breite und ohngefähr neunzig Meilen von[111] der portugiesischen Küste entfernt befanden, erblickten wir in den Vormittagsstunden ein Schiff vor uns über dem Winde, das uns, da wir den Kopf immer voll von Seeräubern hatten, verdächtig vorkam. So wie schon früher teils aus Vorsicht, teils um unsre Mannschaft zu üben, geschehen war, so oft ein Segel in unsrer Nähe auftauchte, so ward auch jetzt im Augenblick an unserm Borde alles zum Gefecht bereit gemacht. Allein indem unsre Blicke aufmerksam auf jenes Schiff gerichtet blieben, wurden wir mit Verwunderung gewahr, daß es gar keinen geraden Kurs hielt, sondern bald nördlich, bald östlich am Winde lag. Alle Segel waren festgemacht bis auf das Vordermarssegel, das frei im Winde flog, während dieser aus Südwesten her sich fast zum Sturm verstärkte, so daß wir selbst unsre Marssegel hart eingerefft führen mußten.

Indem es nun solchergestalt vor uns vorübertaumelte, so daß wir ihm bald über den Wind kamen, wußten wir immer weniger, was wir aus dieser Erscheinung schließen sollten, und da es wenigstens noch anderthalb Meilen von uns entfernt lag, so konnten wir auch nicht entdecken, was es eigentlich im Schilde führte. Nichtsdestoweniger schien es uns wohlgetan, dies in der Nähe etwas genauer zu untersuchen, um unsere Schanze desto besser wahrzunehmen. Indem wir also unsre Flagge hinten sowie vorn die Gisse und einen Wimpel an der Spitze des großen Mastes aufsetzten, um unsre Bravour zu zeigen und uns den Anschein eines Kriegsschiffes zu geben (wie denn auch unser Schiff aus der Ferne wirklich ein stattliches Ansehen hatte), so richteten wir unsern Lauf gegen den wunderlichen Unbekannten, doch so, daß wir ihm oberhalb Windes blieben.

Als wir demselben auf die Hälfte nähergekommen waren, taten wir einen blinden Schuß gegen ihn als Aufforderung, unsre Flagge zu respektieren und uns die seinige zu zeigen. Diese kam gleichwohl nicht zum Vorschein; selbst dann nicht, als wir im Abstande von einer halben Meile jenes Signal wiederholten. Ja, sogar der dritte Gruß dieser Art, im steten Näherrücken, verfehlte die gehoffte Wirkung; denn keine Flagge ließ sich blicken. Unter der Zeit war das fremde Schiff in den Bereich unsers Geschützes gekommen, und wir bedachten uns nun nicht länger, ihm auf gut Glück eine scharfe Kugel zuzuschicken. Diese schlug auch hart vor ihm nieder, aber seine Flagge verzog noch immer, sich uns zu zeigen.

»Er soll und muß es!« rief unser Kapitän. – »Konstabler, schießt ihm eine Koppelkugel in den Rumpf und seht wohl zu, daß Ihr trefft!« – Gesagt, getan! Wir waren ihm jetzt so nahe, daß sich unmöglich fehlen ließ, und die Kugel fuhr ihm in den Bug, daß wir die Holzsplitter umherfliegen sahen. Dennoch keine Flagge! – So etwas ging über alle unsere Begriffe. Allein nun wurden auch wir immer hitziger und beschlossen, ihm oberhalb Windes so dicht als immer möglich auf den Leib zu rücken.[112]

Dies geschah auch, indem wir kaum im Abstande eines Flintenschusses an ihm vorüber liefen und zugleich ihn mit dem Sprachrohr anriefen. Auf unser drei- bis viermaliges Hallo! keine Antwort. Ebensowenig erblickten wir eine Menschenseele am Borde. Nur ein großer, schwarzer Hund richtete sich über die Borde empor, uns heiser anzubellen. Indes trieb uns der starke Wind nach wenig Augenblicken vorüber; doch vermochten wir im Vorbeisegeln zu erkennen, daß die Finkennetze und Schanzgitter längs der ganzen Seite mit Weißkohlköpfen vollgepackt waren, und daß auch einige Stücken frisches Fleisch unter der großen Mars in der Luft aufbewahrt hingen. Ja, einige von unsern Matrosen, die sich oben im Mastkorbe befanden, wollten zu gleicher Zeit bemerkt haben, daß auf dem Verdeck des fremden Schiffes menschliche Leichname ausgestreckt umher gelegen.

Diese vermeintliche Entdeckung war gleichwohl zu unstatthaft, um bei uns übrigen Glauben zu finden. Was sollte diesen Unglücklichen den Tod gebracht haben? Das Schiff schien unversehrt und gut; kein Feind hatte mit Feuer und Schwert darauf gehauset. An ansteckende Seuchen, an Verhungern und Verdürsten war ebensowenig zu denken; denn die frischen Lebensmittel, die wir wahrgenommen, bewiesen genüglich, daß das Schiff erst ganz vor kurzem einen europäischen Hafen verlassen haben müsse. Genug indes, daß uns hier ein Rätsel aufgegeben war, dessen Lösung uns ebenso eifrig als fruchtlos beschäftigte!

Inzwischen legten wir um und hielten diesmal unsern Strich noch näher an das verödete Schiff, ohne es an unserm wiederholten und durchdringenden Holla! Holla! fehlen zu lassen. Immer noch sahen wir kein lebendiges Wesen und hörten keine Stimme als das Bellen des Hundes, der nach uns herüber winselte. Es schien nun wohl entschieden, daß das Schiff leer und verlassen von Menschen sein müsse; aber eben dies weckte in mir und andern mehr die Luft, die Schaluppe auszusetzen und zu einer genaueren Untersuchung dieses wunderbaren Vorfalls hinüberzufahren; denn so, wie sich die Sache anließ, kam es hier vielleicht bloß darauf an, ein herrenloses Eigentum als gute Prise in Besitz zu nehmen.

Meine hierauf gerichteten Vorschläge fielen jedoch bei dem Kapitän in taube Ohren. Er meinte, der Wind bliese zu frisch und die See ginge zu hoch, als daß er Boot und Menschen einem solchen Wagnis preisgeben könnte, und auch im besten Falle werde es um den Rückweg gegen den Sturmwind an noch mißlicher stehen. Erpicht wie ich auf den Handel war, stellte ich ihm vor, wie es füglich so einzurichten wäre, daß die Schaluppe mit Wind und Wellen geradezu auf das fremde Schiff lossteuerte, und das unsrige nach erfolgter Besichtigung sich jenseits unter den Wind legte, um uns mittels dieses Manövers gemächlich wieder an Bord zu nehmen. »Nettelbeck!« rief er, »das wird der Teufel nicht mit Euch wagen!«[113]

»Das käme noch drauf an!« meinte ich, »laß einmal hören! – Jungens«, rief ich, indem ich auf das halbe Deck vortrat, unsern Leuten zu, »wer von euch hat die Courage, mit mir in unsrer Schaluppe nach jenem Schiffe hinüberzufahren? Wenn wir das vielleicht als gute Prise in Besitz nehmen könnten!«

»Ich – ich – ich!« schallte mir's von allen Seiten entgegen. – »Und was sagt Ihr nun, Kapitän?« wandte ich mich an unsern Befehlshaber.

»Fahrt meinetwegen, wenn ihr Luft habt zu ersaufen!« gab er mir verdrießlich zur Antwort, und ich hielt ihn sogleich wenigstens wegen des erstern beim Worte. Die Schaluppe ward mit dem größten Feuer angegriffen, in die Takel gehängt und über Bord gesetzt. Noch hatte sie ihr nasses Element nicht erreicht, als ich mich bereits hineinstürzte. Alles stürzte mir nach und wollte mich begleiten, so daß ich genug zu steuern und abzukehren hatte, um nicht mehr als die beschlossene Zahl von zwölf Mann hinüberzulassen, die ich namentlich aufrief und als tüchtige, zuverlässige Kerle kannte. Da auch von dem neulichen Scheingefecht her die offne Gewehrkiste noch auf dem Verdeck vorhanden war, so wurden uns Pistolen und Hauer in solchem Überflusse zugelangt, ja sogar in die Schaluppe geworfen, daß ich genug mit Händen und Füßen abzuwehren hatte.

So gingen wir nun mit unserm Fahrzeuge vor See und Wind gerade auf das Schiff zu, welches auch kaum in der Weite eines Pistolenschusses vor uns auf den Wellen trieb. Leichter und glücklicher als ich selbst gehofft hatte, legten wir uns ihm an Bord, und gehörig bewaffnet stieg ich sofort mit elf Mann auf dasselbe hinüber, während der zwölfte im Boote zurückblieb und dieses mit einem Schlepptau hinten angehängt wurde. Auf dem Verdeck fanden wir, wie zu vermuten war, niemand als jenen Hund, der uns freundlich zuwedelte und die Hände leckte, und einen Behälter mit lebendigen Hühnern und Enten, die noch Gerste und frisches Wasser im Troge hatten. Überall lagen Kleidungsstücke zerstreut umher. Die Schaluppe stand, wie sich's gehört, im Boot; alles ordentlich befestigt; kein Takel hing über Bord, woraus man hätte schließen mögen, daß etwa ein Fahrzeug zur Flucht der Mannschaft ins Wasser gelassen worden, weil das Schiff vielleicht leck geworden und man das Sinken befürchtet.

Dies zu ergxünden, stellte ich sofort meine Leute an beide Pumpen, und mittlerweile, daß sie diese in Bewegung setzten, ging ich auf dem Schiffe von hinten nach vorn und nach allen Seiten, besah mir's oben und unten und nahm endlich wahr, daß die Tür zur Kajüte niedergehauen war. Sogar das Beil, mit welchem dies geschehen sein mochte, lag noch daneben. Ich erschrak nicht wenig über diesen unvermuteten Anblick; denn nun schoß mir's aufs Herz, daß hier gottlose Buben gehaust hätten, die den Kapitän oder sonstigen Befehlshaber ermordet haben müßten und sich in diesem Augenblick vielleicht absichtlich im untern Raume versteckt hielten. Voll von dieser Vorstellung, hielt ich es auch nicht für ratsam, mich dahinunter zu wagen.[114]

Unterdes hatten meine Begleiter wacker an den Pumpen gearbeitet und erklärten nach etwa zwölf oder fünfzehn Minuten, das Schiff sei rein und die Pumpen zögen kein Wasser mehr. »So kommt denn alle!« rief ich, »nehmt eure Wehren zur Hand, spannt den Hahn und folgt mir dicht zusammengeschlossen nach.« – In solcher Ordnung nun stiegen wir zuvörderst in die Kajüte hinab, wo der zertrümmerte Eingang uns nichts als einen vollen Greuel der Verwüstung erwarten ließ. Dem war jedoch keineswegs so, sondern überall das Geräte in bester Ordnung, als ob gar nichts vorgefallen. Ich hob den Deckel von einer Seitenbank empor und fand den Sitz angefüllt mit Weinflaschen, die sorgsam im Stroh gepackt waren. Zu näherer Untersuchung zog ich eine daraus hervor, hielt sie gegen das Licht und fand sie mit rotem Clairet gefüllt. Eine Schieblade im Tische, die ich hervorzog, enthielt allerlei Tafelgerät, Messer, Gabeln usw. Ich nahm ein Messer, schlug jener Bouteille den Hals ab, und wir machten ein Schlückchen nach dem andern, bis uns der Boden entgegenleuchtete. Nun machten meine Gefährten nicht übel Miene, auch dem Reste auf gleiche Weise zuzusprechen; allein, bange vor den möglichen Folgen, rief ich mein »Halt! keinen Tropfen mehr!« dazwischen und schritt sofort zu einer weitern Untersuchung.

In einer andern Schieblade, die ich öffnete, fiel mir ein starkes Pack Br iese in die Hände, deren Aufschriften sämtlich nach Port au Prince, Martinique, Guadeloupe und andern französischen Inseln lauteten. Ich griff einige auf gut Glück hervor und steckte sie zu mir, um sie demnächst bei besserer Muße genauer zu untersuchen. Für den Augenblick aber ward meine volle Aufmerksamkeit von einer Luke angezogen, die sich in der Mitte des Fußbodens der Kajüte vorfand und angelweit offen stand. »Hier wird es doch der Mühe wert sein, hinunterzusteigen«, sagte ich zu meinen Leuten, »wäre es auch nur, um zu erfahren, womit das Schiff geladen sein mag.« – Zu gleicher Zeit ließ ich mich an den Händen hinab, ohne jedoch mit den Füßen Grund zu erreichen. »Nun, es wird ja so tief nicht mehr sein!« dachte ich bei mir selbst, ließ oben fahren und purzelte auf einen Haufen, den ich alsbald für Steinkohlen erkannte.

Indem ich über dies unbequeme Lager hinüber kroch, geriet ich, bald hier, bald dort im Dunkeln umher tappend, an Fässer, Ballen und Packen in Bastmatten gehüllt, die mich auf eine vermischte Ladung schließen ließen. Unwillkürlich aber stieg mir bei die ser irren Beschäftigung auch die Befürchtung zu Kopf, daß in diesem Chaos auch wohl Menschen stecken und mir auf den Dienst lauern könnten. Schon war mir's, als ob sie mir überall auf dem Nacken säßen, als würde bei jedem nächsten Tritt eine grimmige Faust mich anpacken. Vergeblich sträubte sich mein Mut und suchte diesen feigherzigen Gedanken abzuschütteln. Mich ergriff ein Zittern, das mich mit einer Gänsehaut überlief, und wohl oder übel wieder nach dem Tageslichte hin zurückdrängte. Erst dann ward mir wieder[115] wohl, als ich oben an der Luke ein paar von meinen Gefährten erblickte, die auf den Knien lagen und in den Raum hinabsahen. An ihren dargereichten Händen ward ich wieder emporgezogen.

Inzwischen war auch mein Kapitän bei seinem Manövrieren dem Schiffe wieder nahe genug gekommen, um mir durchs Sprachrohr zuzurufen: wie es an meinem Borde zustände? – Da ich ein ähnliches Werkzeug auf dem Verdeck an seiner gewohnten Stelle vorfand, so antwortete ich ihm: das Schiff sei fest und dicht, und alles darauf in guter Ordnung, aber nicht Mann noch Maus darauf zu spüren. Er befahl mir darauf, ihm die Schaluppe mit acht Mann hinüber zu schicken, weil er selbst willens wäre, den Fund in Augenschein zu nehmen. Das erstere geschah; als er jedoch auf dem Herwege noch etwa achtzig Klafter von meinem Borde entfernt war, erhob sich plötzlich ein so heftiger Windwirbel, daß man sich auf unserm eigenen Schiffe genötigt sah, die Segel eiligst einzuziehen. Dieser Zufall benahm meinem Kapitän den Mut. »Kommt! kommt! zu mir herüber!« rief er mir aus dem Fahrzeuge zu, und indem er an meine Seite legte, hörte er nicht auf mit: »Her zu mir, in die Schaluppe! fort! fort!« bis ich ihm den Willen tat, mit dem Rest meiner Leute zu ihm einstieg, und solchergestalt mit ihm nach unserm Schiffe zurückruderte. Als wir dort ankamen, ward die Schaluppe unter die Takel gebracht, emporgehoben und wieder an ihrem Platze befestigt.

Sobald wir nun wieder in Ordnung und zu Besinnung gekommen waren, galt es die Frage: was mit dem herrenlosen Schiffe zu tun oder zu lassen sei? – Ich und mehrere mit mir stellten dem Kapitän auf das triftigste vor, daß es doch Sünde und Schande sein würde, wenn wir diesen Fund so um nichts und wieder nichts aufgeben wollten. Allein wie dringend wir ihm auch anlagen, so schien doch sein Widerwille gegen jedes weitere Vornehmen zu diesem Zwecke so gut als unbezwinglich, und wohlerwogen war es ihm eigentlich auch nicht zu verdenken, wenn er üble Luft bezeugte, sich mit einem Handel dieser Art zu schaffen zu machen. Die Sache hing aber so zusammen.

Auf seiner vorigen Fahrt nach der Küste von Guinea hatte Kapitän Harmel von einem englischen Sklavenschiffe Besitz genommen, das infolge einer unter den Schwarzen ausgebrochenen Meuterei von diesen überwältigt worden war. Sie hatten beinahe hundert Köpfe stark die ganze Schiffsmannschaft bis auf einen Steuermann und zwei Matrosen ermordet, welche unter dem Beding verschont worden waren, daß sie die Neger in deren Heimat zurückführen sollten. Auf diesem Zuge nun fielen sie meinem Kapitän in die Hände, und es munkelte nicht nur, daß er mit ihnen wie mit der Schiffsladung nicht zum besten gewirtschaftet, sondern daß auch das Schiff selbst von seinen darauf gesetzten Leuten verwahrlost und bei St. Georg de la Mina gestrandet sei. Hierüber hatten die Reeder desselben in England gegen Harmel ein gerichtliches Verfahren eingeleitet[116] und wollten ihn für nichts Besseres als einen Seeräuber erklärt wissen. Dieser Prozeß schwebte auch noch in dem nämlichen Augenblick vor den holländischen Gerichten, und je zweifelhafter es war, wie das Endurteil ausfallen könnte, um so weniger mochte er allerdings Neigung in sich spüren, etwas Frisches auf sein Kerbholz zu bringen.

Wir jedoch, die wir die Sache mit ganz andern Augen ansahen, drangen so ungestüm und unablässig in ihn, das Schiff zu besetzen, daß er endlich einwilligte, die große Schiffsglocke läuten zu lassen und einen allgemeinen Schiffsrat zu halten, dessen Gut achten nicht zweifelhaft ausfallen konnte, indem hier alle und jeder ihre Meinung von sich geben sollten. Es ward beschlossen, daß zwölf von den Unsern das Schiff zur Notdurft bemannen und ich die Ehre haben sollte, es nach einem holländischen Hafen in Sicherheit zu bringen.

»Gut gemeint, aber schlecht beraten!« war meine Einrede, »und so muß ich mich der zugedachten Ehre höflichst bedanken. Wer möchte wohl eine solche Kommission so losen Fußes auf sich nehmen? Denn wie? wenn nun auf dem Wege nach Europa irgendein englisches, französisches oder anderweitiges Kriegsschiff auf mich stieße und nach meinen Schiffspapieren fragte? Möchte ich zehnmal versichern und schwören, daß es mit dem Funde ehrlich und christlich zugegangen: wer würde mir's glauben und mich nicht vielmehr für einen argen Freibeuter erklären und mir und all meinen Gefährten die hanfene Schleife zuerkennen? – Und steckt nicht noch dort die Kugel im Schiffsrumpfe in dem gesplitterten Barkholz, die wir vorhin abgeschossen haben, und Zeugnis von gebrauchter Gewalt gegen uns ablegen würde? – Im besten Falle würden wir in ein finstres Loch gesteckt und könnten schwitzen, bis wir schwarz würden, bevor die Mannschaft der Christina, die unterdes in den afrikanischen Gewässern umherschweifte, vernommen werden könnte und uns wieder aus der Patsche hülfe.«

Meinem Bedenken war nicht füglich zu widersprechen; doch fand und ergriff man endlich den Ausweg, daß zu meiner bessern Beglaubigung ein schriftliches Zeugnis über den ganzen Hergang mit all seinen besonderen Umständen ausgefertigt und von der gesamten Harmelschen Schiffsmannschaft eigenhändig unterzeichnet werden sollte. Da es nun in Holland herkömmliche Einrichtung ist, daß vor dem Auslaufen eines jeden Schiffes die gesamte Besatzung ihre Namenszüge bei der Admiralität in die Schiffsregister eintragen muß, um vorkommenden Falles dadurch bewahrheitet zu werden, so konnte die Echtheit dieser Urkunde in Rotterdam unfehlbar ausgemittelt werden und diesem Beweise unsrer Ehrlichkeit nichts zur Gültigkeit abgehen. Auch ich erklärte mich nun mit einem solchen Passe zufrieden.

Inzwischen nahte der Abend bereits heran, und bei dem stürmischen Wetter schien es am ratsamsten, jene Ausfertigung bis zum nächsten Morgen zu verschieben; damit jedoch dem fremden Schiffe bis dahin, falls es länger sich selbst[117] überlassen bliebe, kein Zufall zustieße, sollte der Untersteuermann Peters dasselbe mit zehn Matrosen vorläufig sogleich in Obhut nehmen. Seine Instruktion lautete dahin, sich mit dem Schiffe so nahe als möglich an dem unsrigen zu halten, und es wurden die Signale verabredet, woran beide sich während der Nacht erkennen wollten. Zwar kannten wir ihn als einen nicht sonderlich gewiegten Seemann, doch schien der Dienst, wozu er beordert worden, um so weniger bedenklich, da ich ihn binnen zwölf oder fünfzehn Stunden abzulösen gedachte, um sodann das Schiff nach Holland heimzuführen.

So fuhr denn Peters mit seiner bestimmten Mannschaft in unsrer Schaluppe an Bord hinüber; die Segel wurden dort den unsrigen gleichgestellt, und das Schiff gewann wieder einen festen und regelmäßigen Gang, bei welchem es etwa in der Entfernung eines Kanonenschusses uns zur Seite blieb. Mit Einbruch der Nacht steckten wir unsre Laterne aus, und dort geschah ein Gleiches. Ich versah die erste Wache von acht bis zwölf Uhr und nahm mit meinen Leuten wahr, daß sich das jenseitige Licht immer mehr und mehr entfernte und endlich zwischen zehn und elf Uhr gar erlosch. Augenblicklich ward dies dem Kapitän gemeldet und hierauf beschlossen, einen Stückschuß abzufeuern, um unserm Gefährten unsre Richtung anzugeben.

Der Erfolg war keineswegs befriedigend. Wir wiederholten nun diese Signalschüsse von Zeit zu Zeit die ganze Nacht hindurch, ja steckten endlich selbst scharfe Patronen auf, um den Knall zu verstärken und in desto weiterer Ferne gehört zu werden. Unter steigender Unruhe graute endlich der Morgen heran; alles eilte an den Masten hinauf, um sich rings umher umzusehen. Umsonst! Freund Peters samt unsrer Prise war und blieb verschwunden!

Unsre Bestürzung war nicht geringe. Wie war dies zugegangen? Was war geschehen? Was konnte geschehen sein? – Ein unermeßliches Feld eröffnete sich unsern Mutmaßungen und Zweifeln. Manche waren der Meinung, unsre Leute wären samt dem Schiffe gesunken; sowie es auch zuvor schon von seiner eigentlichen Besatzung um irgendeines nicht mehr zu stopfenden Lecks willen verlassen worden sein möchte. Dem mußte ich aber mit Fug entgegnen, daß ich samt allen, die mit mir an Bord gewesen, das Schiff dicht und gut befunden, daß wir das wenige Wasser, das sich am Kiel gesammelt, mit leichter Mühe ausgepumpt und daß ich ja auch selbst in den Raum hinabgestiegen gewesen, ohne etwas von eingedrungenem Wasser zu spüren. Billig also ward diese Voraussetzung verworfen.

Möglicher aber schien es uns und stieg bald zur ängstlichen Besorgnis, daß allerdings doch Leute im Schiff versteckt gewesen, die bei Nacht unversehens hervorgebrochen, die Unsrigen überwältigt und ermordet und sich unter Begünstigung der Finsternis davongemacht hätten. Gewalttätigkeit und Meuterei schien, wie die zersplitterte Kajütentüre bewies, aller dings vor dem Begegnis mit uns[118] auf dem Schiffe stattgefunden zu haben. Wußten sich nun die Empörer schuldig, so war es wohl natürlich, daß sie, als sie uns unter Flagge und Wimpel auf sich zukommen und sie mit Kanonenschüssen begrüßen sahen, in der Unmöglichkeit, uns zu entkommen, sich lieber in die geheimsten Winkel verkrochen hatten und es auf den Zufall ankommen lassen, ob wir sie entdecken oder ob sie vielleicht den Mantel der Nacht gewinnen würden, um mit dem Schiffe wieder durchzugehen. Wir hatten also wohl nur zuviel Ursache, das Schicksal unsrer armen zwölf Gefährten zu bedauern.

Allein selbst wenn wir ihnen auch das bessere Los wünschen wollten, daß sie – sei es durch Zufall, Ungeschicklichkeit oder gar durch vorsätzlichen bösen Willen – in der Nacht von uns abgekommen, so waren sie darum noch wenig besser beraten, und nicht nur sahen sie sich all den Gefahren ausgesetzt, die ich gescheut und zu vermeiden gesucht hatte, sondern es stand auch überhaupt gar sehr dahin, ob sie jemals Holland oder irgendeine andere Küste wohlbehalten ere reichen möchten. Der Steuermann war, wie schon gesagt, ein Dummbart, welcher der Führung eines Schiffes auf einen so weiten Weg keineswegs gewachsen war. Doch hätt' es auch besser um sein Wissen gestanden, so fehlte es ihm auch zu einem solchen nimmer von ihm zu erwartenden Wagestück ganz an einem festen Punkte, welchen er bei seiner Schiffsrechnung hätte zum Grunde legen können; denn in der Eile, mit welcher seine Absendung betrieben wurde, war entweder nicht daran gedacht oder überhaupt für die kurze Zeit seines Dienstes nicht für nötig gehalten worden, ihm unsre zuletzt beobachtete Länge und Breite mitzugeben. Ebensowenig fand er dort Instrumente nach holländischer Art (wie er sie allein gewohnt war), um die Sonnenhöhe zu nehmen, und fielen ihm auch die dort geführten Schiffsjournale und Seekarten in die Hände, so blieben sie ihm doch ebenso unnütz zum Gebrauche, da sie in französischer Sprache verzeichnet waren. Immer also gaben wir nicht ohne Kummer ihn und die Seinen verloren!

Erst einige Tage nachher klärte sich wenigstens einiges, was uns an diesem Schiffe rätselhaft war, um etwas heller auf; aber den völligen Zusammenhang der Dinge, sowie das weitere Schicksal desselben, sollte uns erst in späterer Zeit und auf verschiedenen Wegen zu einer befriedigenden Kenntnis kommen. Jene ersten Entdeckungen ergaben sich uns, als ich zufällig den Schanzloper wieder auf den Leib zog, welchen ich zu jenem Male, da ich auf dem fremden Schiffe gewesen, getragen. Indem ich nämlich zufällig in die Tasche griff, kamen mir die Briefe wieder in die Hände, welche ich damals zu mir gesteckt hatte, ohne mich ihrer bis jetzt wieder zu erinnern. Ich eilte mit meinem Fund zu dem Kapitän in die Kajüte, und es gab kein Bedenken, die Briefe zu öffnen, damit wir einst im entstehenden Falle um so leichter von unserm bestandenen Abenteuer Rede und Antwort zu geben vermöchten.[119]

Zwar waren diese Papiere, wie wir nunmehr ersahen, französisch abgefaßt und also uns beiden unverständlich, allein wir hatten einen französischen Matrosen, namens Josephe, an Bord, welcher recht hübsche Kenntnisse besaß und sofort gerufen wurde, um uns als Dolmetscher zu dienen. So bestätigte sich denn unsere frühere Vermutung, daß das verlassene Schiff ein französisches gewesen. Es war von Havre de Grace ausgegangen, und zwar nur vier Tage früher als wir von Goree in See gelaufen. Martinique hatte sein Bestimmungsort sein sollen. Name des Schiffs sowie des Kapitäns sind mir wieder entfallen; auf die Sache selbst aber werde ich noch weiterhin wieder zurückkommen.

Inzwischen beförderten wir unsre Reise nach Möglichkeit, kamen ins Gesicht von Madeira und Teneriffa, passierten die Kapverdischen Inseln und erblickten am 24. Dezember die Küste von Guinea unter vier Grad zehn Minuten nördlicher Breite, liefen anfangs nach der Sierra Leona hinauf und warfen endlich am 4. Januar 1772 vor Kap Mesurado den Anker.[120]

Quelle:
Nettelbeck, Joachim: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet. Meersburg, Leipzig 1930, S. 105-121.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet
Joachim Nettelbeck, Burger Zu Colberg (3); Eine Lebensbeschreibung, Von Ihm Selbst Aufgezeichnet
Bürger zu Kolberg: Eine Lebensbeschreibung, von ihm selbst aufgezeichnet

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