Der Weltkrieg

[131] Alles, was entsteht,

Ist wert, daß es zugrunde geht;

Drum besser wär's, daß nichts entstände.

Goethe.[131]


Bereits seit 1882, seit ich England und die Engländer kennen zu lernen anfing, ist mir klar gewesen, daß, wenn Deutschland im Ernst daran gehen wollte, sich aus seiner mitteleuropäischen Einschnürung herauszuarbeiten, dies nur im Gegensatz zu England geschehen könne. Die Engländer hatten ihr völkisches Selbstbewußtsein in einer so einseitigen Weise entwickelt, welche schlechtweg verletzend für Fremde war, und sie erhoben derartige Ansprüche an die überseeische Welt, welche sich zu einer Anerkennung fremder Mitansprüche freiwillig nie verstehen würde. Die ganze Anschauungsweise dieses Inselvolkes anderen gegenüber war derartig verzerrt, daß man sie, auch wenn man im übrigen angelsächsisches Wesen lieben mochte, nur als anmaßend bezeichnen konnte. Ein friedliches Zusammenleben mit dieser Art war für eine Nation, welche selbst ein Herrenvolk werden wollte, nach menschlicher Berechnung kaum möglich. Das mußte früher oder später zum Zusammenstoß führen. Diese Überzeugung hat meine ganze politische Wirksamkeit beeinflußt.

Wenn Deutschland sich also aus einem ackerbaulichen in ein industriel les Volk umwandelte, wenn es seinerseits zu der Überzeugung gelangte, daß auch seine Zukunft über See liege, wenn es ebenfalls seinen Platz an der Sonne suchte, wenn in Mittel-Europa statt vierzig, siebzig Millionen Menschen wohnen wollten, so mußte unser Vaterland wenn nicht an britische Rechte, doch an englische Ansprüche anstoßen, und das mußte die beiden Staaten in Kampf und Krieg verwickeln.[132]

Es war demnach kurzsichtig, sich hierüber zu täuschen und sich selbst vorzuspiegeln, daß der wachsende Zwiespalt mit England nur auf Mißverständnissen beruhe und überbrückt werden könne. Wirkliche Interessengegensätze zwischen zwei Völkern lassen sich durch den guten Willen der Staatsmänner auf beiden Seiten, noch weniger durch Reden und Freundlichkeiten, nicht aus der Welt bringen, und es ist in der Regel ein Zeichen unklarer Köpfe, dies zu versuchen oder politisch anzustreben.

Sache des kühl berechnenden Staatsmannes ist es, diese Tatsachen zu erkennen und ihnen gemäß seine Politik einzusetzen. Das unterscheidet ihn vom nebelhaften Phantasten und verschafft ihm dauernde Erfolge in der Geschichte, während der gemütvolle Schwärmer in der Regel scheitern und sein Volk mit in den Untergang hineinreißen muß. So z.B. war es eine unklare Halbheit, zu glauben, daß man einerseits Deutschland in die Weltwirtschaft und Weltpolitik hineinführen, gleichzeitig durch Reden und Verbrüderungen Freundschaft mit dem britischen Reich haben könne.

Seit ich die deutschen Interessen auf der Erde erkannt habe, ist mir klar gewesen, daß für unser Volk eine feste Anlehnung an Rußland das Gegebene war, daß unsere Politik ihre »Orientierung«, wie man heute sehr schief sagt, im Osten suchen müsse. Deshalb ist mir stets die Politik des Dreikaiserbündnisses von 1873 als die gesündeste Grundlage für das Deutsche Reich erschienen. Die Voraussetzung dafür ist, daß wir mit Rußland über seine Politik an der Donau und im nahen Osten zu einem ehrlichen und offenen Ausgleich kommen, und ich kann mir sehr wohl vorstellen, daß wir dort mit den österreichischen Plänen in Gegensatz geraten können. Wenn Bismarck in der Tat gesagt hat, Österreich müsse seinen Schwerpunkt nach dem Osten verlegen, und Deutschland es dort decken, so barg dieser Gedanke in der Hand von weniger genialen Staatsmännern[133] in der Tat den Gegensatz zu, die Spannung mit, und den Krieg gegen Rußland in sich.

Ich habe zu Beginn dieses Jahres ein Buch »Zum Weltkrieg« herausgegeben, in welchem ich die wachsende Spannung zwischen dem britischen und dem Deutschen Reiche seit 1896 in einer Reihe von Aufsätzen dargelegt habe. Für jeden nüchternen Beobachter klar war das Heranziehen des Kampfes zwischen England und Deutschland seit dem Telegramm des Deutschen Kaisers an Paul Krüger, Anfang Januar 1896, und seit dem sogenannten »Burenrummel« bei uns zu Beginn dieses Jahrhunderts. Denn jeder denkende Brite erkannte in beiden Äußerungen einen Eingriff in die englische Machtstellung südlich des Sambesi, und es war ganz klar, daß man um diese jenseits der Nordsee bis aufs Messer kämpfen werde. Gleichzeitig trieb die Ausführung unseres Flottenplanes den Keil zwischen beiden Staaten von Jahr zu Jahr tiefer. Daß England diesen Krieg mit festländischen Einkreisungen und Verbindungen führen werde, war selbstverständlich, und, als Österreich-Ungarn 1908 durch Einverleibung von Bosnien und Herzegowina die geschichtliche Rolle Rußlands gegenüber der Südslawenfrage mit Rückendeckung Deutschlands angegriffen hatte, ließ sich auch der Umfang der feindlichen Koalition schon ziemlich genau berechnen. Nur ein unpolitischer Kopf konnte da noch bessere Beziehungen mit England zum Gegenstand der eigentlichen Politik machen wollen.

Jedenfalls kann ein Staat, welcher, wie Deutschland, zwischen zwei Weltmächten sitzt, nicht zu gleicher Zeit nach beiden Seiten hin Ausdehnungspolitik treiben. Er muß sich nach einer Seite hin ausgleichen. Deshalb bin ich stets der Ansicht gewesen, daß unser Vaterland, seit seine wachsende Bevölkerungsziffer es zwang, Weltwirtschaft über See zu treiben, sich auf Erkämpfung von Ellbogenraum gegen Westen konzentrieren und dazu den Rücken gegen Osten frei halten müsse.[134]

Ob eine solche Politik noch 1914 möglich war, vermag ich nicht zu beurteilen. Wahrscheinlich würde sie eine völlige Umwandlung der Dreibund-Politik bedeutet haben.

Ich habe hier die Rückwirkung des Weltkrieges auf unser kleines Schicksal zu erzählen. Obwohl ich diesen Krieg seit Jahren hatte kommen sehen, obwohl ich seinen Ausbruch seit dem Morde von Serajewo bestimmt erwartet hatte, rechnete ich doch nicht damit, daß er die einzelnen Deutschen im feindlichen Ausland, insbesondere die in London, ohne weiteres in seinen Wirbel ziehen werde. Ich hatte die Engländer seit einem Vierteljahrhundert als ein zwar hochmütiges, aber doch im Grunde gutherziges und billig denkendes Volk kennen gelernt, so daß ich nicht darauf vorbereitet war, sie plötzlich als Feinde zu betrachten. Ich fühlte mich damals noch sicher unter dem Schutz der Genfer Konvention und lehnte deshalb die Einladung ab, welche an mich erging, mich mit dem Botschafter, welchem die britische Regierung ein Schiff bis Holland zur Verfügung gestellt hatte, einzuschiffen. Ich blieb also in London zurück und wurde gleich nach der Kriegserklärung durch zwei Verordnungen der Regierung überrascht, welche unter andern mich und meine Frau betrafen. Die erstere war, daß sich sämtliche Deutschen auf der Polizei anmelden und einschreiben mußten, die zweite, daß die freie Verfügung über mein Konto bei Lloyd's Bank Ld. beschränkt ward. Ich konnte zwar noch Schecks auf Engländer ausstellen, wenn ich der Bank angab, daß das Geld für unsere Bedürfnisse zu bezahlen sei, und für welche. Aber nicht mehr für meine Frau oder andere Deutsche, auch wenn ich selbst das Geld gebrauchen wollte. Es folgten gleich darauf jene Massenverhaftungen meiner Landsleute und der Deutsch-Österreicher, von denen meine Leser wissen1.[135]

Ich erfuhr durch einen ehemaligen Diener von mir, welcher damals Kellner im Criterion war und sofort entlassen wurde, Genaueres über das Schicksal meiner vielen Landsleute. In jenen ersten Tagen nach der Kriegserklärung kam die Frau eines meiner Freunde zu mir und bat mich, ich möge mich doch mit ihrem Mann zusammen als Engländer naturalisieren lassen, um allen weiteren Unannehmlichkeiten zu entgehen. Dann werde dieser es auch tun. Ich antwortete ihr, der Augenblick, in welchem die halbe Welt über unser Vaterland herfalle, scheine mir der allerunglücklichste zu sein, um einen solchen Entschluß zu fassen. Jedenfalls werde ich dies nicht tun. Dazu war ich entschlossen. In dem großen Kampf zwischen den beiden Staaten, zwischen denen mein Lebensschicksal sich bewegte, gehörte ich auf die Seite meines Heimatlandes. Zwar hätte ich die Kriegszeit wohl auch in England zubringen können. Entweder konnte ich es machen, wie die Frau meines Freundes mir vorschlug, oder aber ich konnte mit meiner Frau nach 68 Buckingham Gate zurückkehren und dort die öffentliche Erregung in Ruhe überdauern. Ich wies beide Möglichkeiten von mir, in diesem Augenblick drängte es mich in mein Geburtsland zurück. Ich bildete mir im August 1914 noch ein, ich könne durch meine genaue Kenntnis des englischen Wesens diesem dienen, und hierzu war ich entschlossen.

Es handelte sich also darum, noch nach Deutschland zurückzukommen. Die Polizei war sehr überrascht, als sie herausfanden, daß ich noch Deutscher sei. Nun wurden auch meine Waffen beschlagnahmt, und ich fand mich unter dauernder Überwachung. Ich konnte die Detektivs gegenüber unserm Hause Tag und Nacht feststellen, und zweimal wurde in meinem Schreibzimmer nachts eingebrochen. Was mir dabei auffiel, war, daß unsere Silbersachen und Gemälde ganz unberührt gelassen, aber meine Papiere durchwühlt waren.

Augenscheinlich hatte man mich im Verdacht der Spionage.[136] Zweimal wurden bei uns auch Haussuchungen abgehalten, aber denselben nicht ich, sondern meine Frau ausgesetzt.

Um diesen persönlichen Belästigungen zu entgehen, siedelte ich in ein sogenanntes Nursery Home in Montague Street im Herzen von London über, meine Frau nahm Zimmer in derselben Straße gegenüber meinem Hause. Meinem Plane, nach Deutschland zurückzureisen, kam im September der Wunsch auf britischer Seite entgegen, noch einmal mit der deutschen Regierung in Beziehung zu treten. Was für Strömungen an der Themse vorhanden gewesen sein mögen, weiß ich nicht. Aber eines Morgens im Anfang September 1914 teilte mir ein persönlicher Freund mit, er komme vom Auswärtigen Amt in Downing Street, und schlug mir vor, ich solle gewisse Friedensanerbietungen nach Berlin überbringen. Ich brauche auf Einzelheiten hier nicht weiter einzugehen. Im wesentlichen handelte es sich um die Wiederherstellung des status quo mit einer Abtretung an uns in Belgien. In bezug auf die Kolonien wollte man eine (Togo) zunächst englischerseits behalten. Als ich indes erklärte, zum Träger solch eines Vorschlages werde ich mich nicht machen, eilte mein Freund noch einmal aufs Auswärtige Amt und kam mit dem Angebot wieder, man werde uns all' unsere Kolonien zurückgeben. Ich habe dann versucht, dieses Angebot in irgendeiner Form schriftlich, wenn auch nur durch einen Brief an meinen Freund selbst, von welchem er mir eine Abschrift geben könne, zu erhalten. Dies gelang mir nicht. Wohl aber verschaffte mir mein Freund eine amtliche Erlaubnis für meine Abreise. In den letzten Wochen meines Aufenthaltes in London haben wir über die Sache nicht mehr gesprochen, und ich hielt sie für erledigt. Jedenfalls konnte ich, wie die Verhältnisse lagen, in Berlin mich nicht als den von der britischen Regierung bevollmächtigten Träger eines Friedensvorschlages in letzter Stunde halten. Ich nahm mir indes vor, den ganzen Vorgang bei meinem ersten Zusammentreffen mit einer verantwortlichen deutschen Persönlichkeit[137] zu erzählen. Dies habe ich auch getan. Daß es erst im Winter 1916 bis 1917 geschah, als sich die Verhältnisse völlig geändert hatten, war nicht meine Schuld.

Mr. Lloyd George, der damalige Finanzminister, wies meine Bank an, mir als Reisegeld von meinem eigenen Konto die Summe von hundert Pfd. St. (etwa zweitausend Mark) auszuzahlen, und somit fuhren wir Anfang Oktober mit der Batavierlinie von Tilbury an der unteren Themse nach Rotterdam. Ein höherer Detektiv begleitete mich von London an Bord des Schiffes. Aber ich wurde von allen Seiten sehr zuvorkommend behandelt, wurde weder persönlich untersucht, noch wurden meine Sachen durchgesehen. Freilich, meine Frau mußte sich einer Untersuchung durch eine Geheimpolizeifrau unterziehen. Ebenfalls unsere Köchin, welche als ihre Jungfer mitging. Auch ihre Sachen wurden flüchtig durchgesehen. Besonders spähte man nach Papieren. Dann schwammen wir durch eine Reihe britischer Kriegsschiffe die Themse hinunter. Es kamen damals bereits auf der Nordsee manche Explosionen durch Minen, auch Versenkungen durch Unterseeboote vor. Als ich am Abend mich zu Bett legte, wehte ein heftiger Sturm, und ich war darauf gefaßt, in der Nacht mit den Beinen aufwärts gen Himmel zu fliegen. Wie behaglich fühlte ich mich am nächsten Morgen, als ich aufwachte und durch die Kabinenluke wahrnahm, daß wir ruhig zwischen den Ufern der unteren Maas auf Rotterdam zu fuhren.

An die Tage, die wir in Rotterdam zubrachten, werde ich stets mit dem Empfinden eines gewissen Glücksgefühls zurückdenken. Es war ein Gefühl der Befreiung, welches wir empfanden: Frei von jeder Beaufsichtigung, von jeder Beschränkung unserer Bewegung, von jeder Bedrohung, welche doch in England stets über uns schwebte. Zwar hatte ich mein Vermögen in London zurücklassen müssen, nur ein kleiner Betrag erwartete mich in Berlin, zwar schwebte dieser ungeheure Krieg wie eine drohende Wolke[138] über unserm Vaterland, aber uns bedrohte vorläufig doch keine persönliche Freiheitsberaubung. Wir brauchten uns nicht bei der Polizei zu melden, uns beengte keine »five miles act« in unseren Bewegungen, wir konnten unsere Mahlzeiten einnehmen, wo wir wollten, ohne das häßliche: »Germans not wanted« und »don't speak german« an den Wänden zu sehen. Und schon tauchten die Namen »Hindenburg«, »Tannenberg«, »Wediggen« an unserm geistigen Horizont auf, die Möglichkeit eines deutschen Sieges und einer großen Zukunft tat sich auf! Im allgemeinen schien mir die Haltung Hollands gegen Deutschland zwar unfreundlich, aber doch vorsichtig zu sein. Von Rotterdam fuhren wir unbelästigt zunächst nach Bentheim und von dort über Osnabrück, Hannover nach Berlin. Überall fanden wir Siegesjubel und Hoffnung auf einen baldigen glorreichen Frieden. Das schien mir freilich sehr voreilig zu sein. Denn noch hatten unsere Feinde ihre Kräfte überhaupt nicht entwickelt, und noch vermochte niemand zu sagen, bis zu welchem Umfang die feindliche Bewegung gegen uns auf der Erde um sich greifen werde.

Jedenfalls war mir ganz klar, daß die Möglichkeit einer schnellen Beendigung dieses Krieges ganz von der Frage abhänge, ob wir das britische Reich, den eigentlichen Herd der Feindschaft, schnell, d.h. noch vor Entwicklung seiner ungeheuren Hilfsmittel zu Boden zu werfen vermöchten oder nicht. Im letzteren Falle war es ganz klar, daß Deutschland militärisch in die Defensive gedrängt werden müsse, und dann war ein Ende des Krieges überhaupt nicht abzusehen. Mir schien 1914, daß man das britische Reich bei uns überhaupt nicht kannte und völlig unterschätzte, daß man nicht erfaßte, daß wir nicht nur nach zwei Fronten, sondern gegen zwei Weltmächte zu kämpfen hatten. Ich habe meine Anschauungen über die Möglichkeit einer Beendigung dieses Krieges im Winter 1914 bis 1915 an der leitenden Stelle dargelegt. Da ich indes von dieser Seite nichts weiter[139] hörte, mich nicht weiter aufgedrängt. So ist auch das seltsame Friedensangebot vom September 1914 nicht zur Sprache gekommen.

Vom Oktober 1914 ab habe ich abwechselnd in Berlin, Hannover und Bad Harzburg gewohnt, als »Kriegsflüchtling«. Da ich eine eigentliche praktische Tätigkeit seit meiner Übersiedlung aus London nicht mehr hatte, habe ich mich mehr als früher schriftstellerischen Arbeiten hingegeben. Im Sommer 1915 schrieb ich meine »Afrikanischen Köpfe«, im Winter 1915 bis 1916 mein, noch nicht erschienenes, Buch: »Südafrikanisches Minenleben«, und im Winter 1916 bis 1917 mein »Zum Weltkrieg« (Hamburg, Rüsch'sche Verlagsbuchhandlung). Im übrigen bin ich bloßer Zuschauer des großen Weltdramas, in welchem wir leben.

Über den Gang dieses Krieges heute schon zu urteilen, ist verfrüht, das wird einem späteren Geschlecht vorbehalten sein. Noch liegen die verschiedenen Drähte des gewaltigen Netzwerkes für den einzelnen nicht erkennbar da. Das eine nur dürfen wir bereits mit Stolz hervorheben, daß das Deutschtum in der Weltkatastrophe, welche wir durchmachen, seines alten kriegerischen Ruhmes und seiner Weltstellung sich würdig zeigt. Das müssen auch die feindlichsten und gehässigsten Völker anerkennen. Wie es auch werden möge, wir bestehen die große Prüfung, auf welche das Schicksal uns gestellt hat, mit Ehren. Und gerade die Tatsache, daß fast alle Völker dieses Planeten gegen uns anrennen möchten, erhöht unsern Ruhm.

Es kann keine Frage sein, daß gerade die Friedenssehnsucht, welche sich seit einem Jahr immer lauter auch bei uns geregt hat, dazu beitrug, diesen Krieg zu verlängern. Denn ein Volk, welches immer hofft, der Krieg werde in zwei, in fünf Monaten zu Ende sein, erweckt bei den Feinden nur gar zu leicht den Eindruck, daß es nicht länger könne und stärkt demnach den Entschluß auf der Gegenseite, unter allen Umständen fortzukämpfen. Ich bin auch überzeugt,[140] daß das Überspringen der Kriegswut auf den westlichen Erdteil zum Teil durch das Friedensangebot unserer Regierung vom 12. Dezember vorigen Jahres hervorgerufen ist. Denn auch dieses mußte in der Fremde den Eindruck vertiefen, daß wir nicht länger könnten. Edle und rein menschliche Gesichtspunkte werden ja in der Regel nicht geglaubt, was man auch sagen mag. Immer denkt der Außenstehende an Motive der Schwäche und der Furcht.

Ich glaube auch, daß das viele Gerede über das Essen, welches naturgemäß mit den Entbehrungen des Krieges übermäßig weit in unserm Vaterlande gehört wurde, ebenfalls kriegsverlängernd gewirkt hat. Weil es in den Feinden die Hoffnung verstärken mußte, sie würden Deutschland nun bald niedergerungen haben. Aber auch dies war am Ende nur natürlich und kaum zu vermeiden. Ich möchte wissen, ob große Völker, z.B. die Römer nach Cannae, solche kleinlichen Sorgen ganz in ihren Busen haben hinunterdrücken können. Der Stoiker auf der Erde sind immer nur einzelne. Wir aber wollen uns des Heldenmutes unserer Brüder an den Fronten und auf der See, unserer Hindenburg, Ludendorff, Mackensen und aller der andern Helden, welche dieser Krieg an die Öffentlichkeit gebracht hat, aus tiefster Seele freuen. Das ist unter allen Umständen besser, als die Erstarrung, in welche das Deutschtum in dem Wohlleben vor dem Kriege zu versinken drohte.


Ich nahe mich jetzt wohl dem Abschluß der mir zugemessenen Lebenszeit. Am Tage nach meinem Tode werde ich meiner Überzeugung nach das sein, was ich am 26. September 1856, dem Tage vor meiner Geburt, oder richtiger, am Tage vor meiner Empfängnis gewesen bin. Was wir vor diesem Leben waren und nachher wieder sein werden, wissen wir nicht. Nur kann es nicht Nichts sein. Denn sonst wären wir auch heute nicht.[141]

Ich finde nicht, daß der Tag vor dem 27. September 1856 und die Jahrtausende, welche ihm vorhergingen, besonders schrecklich für mich gewesen sind. Ebenso bin ich überzeugt, daß die Zeit nach meinem Tode nicht fürchterlich für mich sein wird. Unruhig und sorgenvoll ist ausschließlich die Zeit vom 27. September 1856 bis zu meiner Todesstunde gewesen. Aber auch dieses Zwischenspiel, welches mir heute eine so überflüssige Unterbrechung zu sein scheint, wird seinen Zweck im Zusammenhang des großen Naturganzen irgendwie gehabt haben.[142]

1

S. hierzu mein: »Das deutsche Elend in London«. S. Hirzel, Leipzig 1914, und »Zum Weltkrieg«, S. 111 bis 124, Rüsch'sche Verlagsbuchhandlung, Hamburg 1917.

Quelle:
Peters, Carl: Lebenserinnerungen. Hamburg 1918.
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