»Gnäjes« Fräulein! Schwülstige Ausdrucksformen.

[97] Wie reden sich junge unverheiratete Damen untereinander an? – Von adligen Fräuleins untereinander habe ich nur die Anrede: Fräulein und den Familiennamen gehört, z.B.: »Fräulein von X.« Von bürgerlichen gleichaltrigen Fräuleins vernahm ich jedoch öfter die Anrede »gnädiges Fräulein«; mir kommt dies – wohlgemerkt: bei geringem Altersunterschied und gleicher sozialen Stellung der Damen – affektirt und protzig vor. Beinahe hätte ich mich verschrieben und statt »affektirt« mir die etikettenwidrige Bezeichnung »affig« geleistet. Auch die Erklärung, daß eine junge Dame die andere »gnädiges Fräulein« nenne, weil sie den Familiennamen nicht wisse, wird nur selten zutreffen; denn in den meisten Fällen bedarf es doch[97] eigentlich überhaupt keiner Namensnennung; daß ich mit Jemandem sprechen will, merkt dieser Jemand doch daran, daß ich dicht bei ihm bin und ihn ansehe und auf ihn zu spreche. Und mit »gnädiges Fräulein« bezeichne ich doch keine bestimmte Dame. Gnädige Fräuleins sind sie doch alle, auch die Ungnädigen. Also »gnäjes Fräulein«, wie der Zeitersparnis wegen meist nur gesagt wird, das lasse man nur für jüngere Fräuleins und Frauen zur Anrede der älteren Fräuleins reservirt und für Herren zur Anrede aller Fräuleins, wenn diese Herren ihr höfliches Unterthänigkeitsgefühl betonen wollen. Aber, meine Herren, nicht beständig Sätze bilden, wie: »Gnädigstes Fräulein waren gestern auf der Eisbahn, werden gnädiges Fräulein morgen usw.« Allzuviel ist ungesund, und das ewige »gnädig« und »gnädigst« stimmt jene Damen sicherlich ungnädig, die einer natürlichen Redeweise vor einer geschraubten phrasenhaften den Vorzug geben.

»Sie, heda! Sie« wäre natürlich für ein gesellschaftliches Anrufen etwas, oder vielmehr sehr unzart, – dahingegen kommt es immer mehr auf, in der Unterhaltung sich des einfachen »Sie« zu bedienen und besondere Anreden und[98] Titulaturen nur zu Beginn der Unterhaltung und wärend derselben nur sparsam zu verwenden.

Aeltere Fräuleins und Frauen werden sich im Allgemeinen gegenüber jüngeren auch das »gnädig« in der Anrede sparen und dieselben eben Fräulein X. und Frau X. ansprechen; denn Gnade kann doch nur der höher Stehende bethätigen, also gnädig nur die in der Gesellschaft mehr geehrte ältere Dame gegenüber der jüngeren sein.

Durch eine Zuschrift von wohlunterrichteter und höchst kompetenter Seite werde ich auf folgenden Punkt aufmerksam gemacht. Wenn der Unterscheidung wegen die Angabe des Vornamens einer Dame auf dem Couvert nicht nötig ist, so gilt es im Allgemeinen für chevaleresker und als Zeichen einer mehr reservirten und weniger vertraulichen Höflichkeit, daß Herren beim Adressiren der ihnen ziemlich fernstehenden Dame deren Vornamen nicht angeben. Ich selbst will dies in Zukunft beachten, da ich es wohl für möglich halte, daß manche in der Angabe des Vornamens ein Zeichen einer gewissen Intimität erblicken. Also wer an ein Fräulein schreibt, das noch mindesten eine Schwester hat, ist sein[99] raus, der darf und muß sich vertraulich gebärden und der Unterscheidung wegen auch den Vornamen der Dame auf der Adresse anführen. In Amerika ist es Sitte, die älteste Tochter z.B. Miß Miller (ohne Vornamen), und die jüngeren Schwestern z.B. Miß Mary Miller, Miß Ethel Miller zu nennen. Es ist eigentlich grausam, die Miß Miller dadurch deutlich als Aelteste zu kennzeichnen; Miß Miller kann doch nichts dafür, eine von drei Schwestern muß doch die älteste sein, wenn sie nicht Drillinge sind.

Wie in den schriftlichen Anreden, neigt man setzt dazu, auch am Schluß eines Briefes weniger schwülstig als früher zu verfahren. Die briefliche Anrede »Hochwohlgeborene Frau« und in der zweiten Zeile »Hochzuverehrende gnädigste Frau« oder »Hochgeborener Herr« und in der Zeile darunter »Hochverehrter Herr Graf«, solche Anrede-Seeschlangen wird man sich heutzutage wohl nur selten leisten, sondern höchstens, wenn man Grund zu einer ganz besonderen Ehrung zu haben glaubt. Auch am Schluß des Briefes hat man sich zwar etwas, aber noch viel zu wenig, gebessert, man »erstirbt« nicht mehr in allen möglichen und unmöglichen Unterthänigkeitsausdrücken, dafür aber bittet man noch (das[100] heißt, ich thue es nicht) seinen Freund, daß er Einen seiner hochverehrten Gattin zu Füßen legt, – auch wenn man selbst in Frankfurt an der Oder haust und an seinen Freund in Frankfurt am Main schreibt. Entsprechend dem mündlichen Gruß »Gehorsamer oder ergebenster Diener« ist es auch Sitte, Briefe an Personen, die durch Lebensalter oder soziale Stellung besonders hervorragen, besonders zu schließen: »Ich habe die Ehre zu sein Euer Exzellenz, Euer Hochwohlgeboren, der gnädigsten Frau ganz gehorsamer oder ganz ergebenster Diener X. X.« Ein Brief, in dem man der kurzen Mitteilung, der gnädigen oder gütigen Einladung Folge leisten zu wollen, eine bedeutend längere Schlußfloskel folgen läßt, macht einen zu sonderbaren Eindruck. Trotzdem will der Phrasenenthusiast ernst genommen sein, und wird auch ernst genommen, der seinen Brief etwa also schließt: Mit der Bitte, mich der hochzuverehrenden Frau Gemahlin zu Gnaden (zu Gnaden ist ein Ausdruck allererster Klasse; doch um Himmels willen, das ist nur nota bene gesagt und gehört nicht in die Schlußfloskel hinein) zu empfehlen und mit der Versicherung ausgezeichnetster Hochachtung habe ich die Ehre zu sein Euer Exzellenz ganz gehorsamster[101] X. X. Wem das noch zu schlicht erscheint, der kann auch Seine Exzellenz bitten, den Ausdruck seiner vollkommensten Verehrung entgegennehmen zu wollen, mit der er die Ehre hat zu sein usw. Wie so'ne und so'ne Menschen, giebt es auch noch so'ne und so'ne Exzellenzen. Eine Exzellenz der letzteren Art zeigte mir mal einen Brief und sagte dabei: »Sehen Sie, der, der mir diesen Brief geschrieben hat, ist ein verständiger Kerl.« Der Brief schloß schlicht und bieder: Gute Nacht, Exzellenz; grüßen Sie Ihre hochverehrte Frau von mir Ihr sehr ergebener X. X. Der Ausdruck »allerunterthänigst« ist von der Etikette für Souveräne und deren Gemahlinnen reservirt, und zwar thatsächlich auf die Genannten beschränkt. Der Ausdruck »unterthänigst« soll eigentlich nur als Zeichen der Ergebenheit gegenüber den Prinzen und Prinzessinnen souveräner Häuser Verwendung finden, wird aber auch gegenüber besonders ehrwürdigen oder sozial besonders hochstehenden Damen gebraucht. Auch habe ich schon gehört von Herren, die im Gebiete »Guter Ton« durchaus bewandert waren, daß sie sich auch bei älteren Herren »unterthänigst« bedankten. Daß man aber im Allgemeinen nur den Damen Unter würfigkeits-Versicherungen[102] zu teil werden läßt, kann man ja daraus schließen, daß der unter seines Gleichen wohl gebräuchlichste Ausdruck »gnädig« wenigstens in der Anrede doch unter Gesellschaftsmenschen nur gegenüber Damen gebraucht wird.

Die üblichste und einfachste Art der Schlußfloskeln in Briefen ist die, daß man am Ende schreibt: Ihr ergebener oder sehr, ganz ergebener, ergebenster oder gehorsamer usw. X. X., oder daß man als Solcher »verbleibt« auch mit dem Zusatz: Mit gehorsamem Gruß oder mit angelegentlichsten oder ergebensten, gehorsamsten Empfehlungen. Regeln für Dies und Jenes aufstellen zu wollen, würde zu weit führen; auch sind die Geschmäcker zu verschieden. Ich bin ein Feind des Ueberschwenglichen, Schwülstigen. Manchen Höflichkeits-Redensarten allerdings kann man sich nicht entziehen, wenn man nicht als Barbar gelten will; aber wenigstens sollte man, soweit es eben irgend angeht, nur Worte wählen, die seinen thatsächlichen Empfindungen entsprechen. Es geht zum Beispiel nicht an, dem Drange seines Herzens zu folgen, wenn man Jemanden auch noch so gern erwidern möchte, daß er Einem unausstehlich ist.

Wenn man einer Dame in der Gesellschaft[103] die Ergebenheitsbezeigung des Handkusses erweist, so halte ich in einem Briefe an dieselbe den Schlußpassus für höflich und doch auch sinngemäß: »Ich küsse Ihnen, gnädige Frau, die Hand« usw. Wenn dies auch im Briefe nur bildlich gemeint ist, so ist es doch Etwas, was ich in Wirklichkeit bei der gesellschaftlichen Begrüßung thatsächlich ausführe, im Gegensatz zu jener oben als briefliche Schlußfloskel erwähnten Bitte an einen Herrn, er möchte Einen seiner hochverehrten Frau Gemahlin zu Füßen legen. Im brieflichen oder mündlichen Verkehr mit einem Grafen oder Baron ist es chiker, nicht von dessen Frau Gemahlin, sondern von der Frau Gräfin und Frau Baronin oder (etwas vertraulicher) von der Gräfin oder der Baronin zu sprechen, und gegenüber dem Fürsten und Prinzen spricht man statt von seiner Frau Gemahlin, entweder von Ihrer Durchlaucht oder (vertraulicher) von der Fürstin oder der Prinzessin. Eine Frau Gemahlin hat ja jeder andere verheiratete Sterbliche auch; und mit dem weiblichen Artikel »die«, »der« Gräfin, Baronin usw. meine ich eben diejenige, die dem Ehemann am nächsten steht, also seine Frau. Ebenso fragt man, wenn man möglichst stilvoll fragen will, nicht nach[104] der Frau Mama der genannten Adligen, sondern nach dem Befinden der Baronin-, der Gräfin-Mutter usw. Mir gefällt diese Wortverbindung, weil man dabei ausschließlich das Wort »Mutter« gebraucht. Die Verbindung »Baronin-Mama« hätte etwas Lächerliches an sich für im guten Ton bewanderte Ohren, sie mögen noch so klein oder noch so groß sein.

Wie stellt man vor, und zwar zunächst: wie stellt man sich selbst vor? Was da – jedenfalls vielfach unter Herren – für vornehm gilt, nämlich statt deutlicher Angabe seines Namens unverständlich zu murmeln, diese vermeintliche Vornehmheit halte ich für eine widersinnige, tadelnswerte Unsitte. Doch ich muß schließen und möchte auch noch etwas Galle sammeln, bevor ich mich über dies Thema weiter auslasse.[105]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 97-106.
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