Takt des Herzens. Murmeln beim Vorstellen. Vernunftgründe.

[106] Wie in vielen Etikettesachen, so ist es namentlich für die Art des Vorstellens schwer, allgemein gültige Regeln aufstellen zu wollen. Wie vielerlei Rücksichten da zu nehmen sind, möchte ich zunächst andeuten, indem ich viele Fragen in dem einen Satz zusammenquetsche: Es kommt darauf an, wer wen wo vorstellt. Natürliches Taktgefühl zu besitzen und sich davon leiten zu lassen, ist tausendmal besser, als sich in seinem Verhalten überall stumpfsinnig und sklavisch nach feststehenden Anstandsregeln zu richten. Es giebt Fälle, wo ich gerade dadurch seines Taktgefühl verraten werde, daß ich Etwas thue, was sonst etikettenwidrig wäre. Nehmen wir an, ich bekomme als[106] Gast einer alten ehrwürdigen Dame ein Stück Torte vorgesetzt und zu seiner Vertilgung als einziges Instrument ein Messer – hoffentlich ist es stumpf! – so werde ich eben, wenn dies auch im Allgemeinen der Etikette zuwider ist, entweder mit den Fingern oder (entsetzlich!) sogar mit dem Messer die Torte zum Munde führen, Letzteres, wenn das Zeug fürs Anfassen mit den Fingern mir zu blübbrig oder klebrig ist. Das ist viel vornehmer und taktvoller, als eine alte Dame belehren zu wollen und – etwa noch mit süffisanter Miene – ihr vorzuhalten »ich darf wohl aber hierzu um eine Gabel oder wenigstens einen Löffel bitten!« Außer durch Takt des Herzens, wie im eben erwähnten Beispiel, wird man oft durch seinen natürlichen Menschenverstand, durch irgend einen logischen Grund sich veranlaßt sehen, in seinem Benehmen von dem abzuweichen, was für das Vornehmste gilt. Es gilt für das Vornehmste, den Leutnant Müller und den Referendar Hofmann »Herr Müller« und »Herr Hofmann« vorzustellen; man wird dies dann zweifellos thun, wenn man weiß, dieselben wollen so vorgestellt und genannt sein; es ist diese Art der Vorstellung dann auch artig und[107] richtig gegenüber der Person, welcher ich die Genannten vorstelle, denn ich sage der betreffenden Persönlichkeit damit: So, wie ich Dir die Herren vorstelle, so wollen sie auch von Dir genannt und angeredet werden. Wenn ich aber weiß, meine Gewährsleute wollen lieber als Leutnant und Referendar vorgestellt werden, so werde ich eben ihren Wünschen entsprechen, wenn mein Sinn für Nächstenliebe stärker ist, als die Angst vor der schrecklichen Gefahr, für nicht ganz bewandert zu gelten betreffs der Art, wie ich Jemanden vorzustellen habe. Einen triftigen Grund, beim Vorstellen die Titel Leutnant und Referendar zu nennen, habe ich zum Beispiel auch, wenn ich es für angezeigt halte, dieselben näher zu kennzeichnen. Wenn ich meinen Referendar als solchen einem älteren Herren desselben Berufes vorstelle, so sagt sich dieser doch sofort: »Gott sei Dank, endlich ein verständiger Mensch, mit dem Du über das neue bürgerliche Gesetzbuch sprechen kannst!« Wenn ein Leutnant auf Urlaub Zivil trägt – außer auf Urlaub, kommt dies sa nie vor –, und ich habe irgend einen Grund, ihn beim Vorstellen näher zu bezeichnen, so werde ich ihn eben als »Herr Leutnant X.« vorstellen, da er[108] zur Zeit nicht durch seine Uniform als Leutnant kenntlich ist. Aus seiner Haltung allein, also auch in Zivil, kann man den Leutnant als solchen nicht mehr sicher erkennen, auch andere, oft ganz junge Herren, selbst wenn sie »nicht einmal Korpsstudenten« sind, haben heutzutage vielfach die Kühnheit, durch sicheres Auftreten und elegante Kleidung einem Leutnant in Zivil zu gleichen!? Nur im Tanzen, finde ich, ist der Leutnant im Allgemeinen doch unerreichbar.

Wer sich genirt, von einer Etikettenregel abzuweichen, sobald er einen triftigen Grund dazu hat, ist eine ängstliche Natur, ohne Murr im Leibe. Noch thörichter ist es, eine widersinnige Sitte mitzumachen, aus einem gewissen Autoritätsdusel, nur weil gerade diejenigen Leute, die einem sonst imponiren, sich so oder so benehmen. Die Unsitte, beim Selbstvorstellen nur zu murmeln, anstatt seinen Namen deutlich auszusprechen, diese Unsitte habe ich früher namentlich bei Herren beobachtet, die mir durch eine besonders reservirte Vornehmheit und durch tadelloses äußeres Ajustement auffielen. Früher murmelte beim Vorstellen nur der Diplomat, der Gardekavallerist und der Kammerjunker, jetzt ist diese Sitte schon durch die vielen sozialen[109] Zwischenabstufungen hindurch ziemlich weit nach unten gesickert. Den Grund hierfür sehe ich in jenem oben erwähnten Autoritätsdusel. Wem Vernunftgründe nicht maßgebend dafür sind, seinen Namen beim Vorstellen deutlich auszusprechen, der unterläßt vielleicht das Murmeln, weil diese Unsitte thatsächlich nicht mehr als ein apartes Erkennungszeichen der eleganten Welt gelten kann, sondern in allen Gesellschaftsschichten verbreitet ist. Eine Erklärung für die Sitte, seinen Namen kaum hörbar zu flüstern, kann man in einer wirklichen oder markirten Gleichgültigkeit finden. Entweder hat man dabei den bescheidenen Hintergedanken, es kann oder wird dem Anderen, dem man sich vorstellt, doch egal sein, wie man heißt, – oder aber man ist im Gegenteil sehr arrogant besaitet und hat den geheimen Gedanken: »ich lege keinen Wert darauf, daß Du, verehrter Mitbürger, meinen Namen zu hören bekommst, und wenn Du ihn wissen willst, so kannst Du Dich ja bemühen, ihn durch Andere zu erfahren.« Manche begleiten das Murmeln ihres Namens mit einer ungemein wichtigen und geheimnisvollen Miene. Es giebt ja Viele, denen es sicher imponirt, wenn sich dann der wie ein[110] hochbedeutsames Staatsgeheimnis geflüsterte Name als ein Freiherr »von, zu und auf« oder gar als ein »Prinz X.« entpuppt. Aber die überwiegende Mehrzahl, die über einen einfachen biederen Namen verfügt, sollte doch wenigstens von ihrem natürlichen Recht Gebrauch machen, beim Vorstellen ihren Namen hörbar auszusprechen. Der Zweck des Sprechens ist doch wohl der, gehört zu werden! Mancher kann ja schließlich in den Verdacht kommen, als genirte er sich, seinen einfachen Namen laut und deutlich zu nennen!

Es gilt für besonders vornehm, oder galt jedenfalls dafür, denn jetzt ist es auch nicht mehr apart genug, wenn Adlige bei der schriftlichen oder mündlichen Angabe ihres Namens – also wenn sie sich selbst vorstellen oder bei Unterschriften – die Adelspartikel zwischen dem Vor- und Familiennamen ganz fortlassen. Beim Vorstellen nennt man nur den Familiennamen, und zwar gilt dies für das Vornehmste vom niederen Adel bis zum höchsten Adel hinaus. Also der Prinz Bolko Hohenburg stellt sich vor schlankweg »Hohenburg«, und zwar heutzutage wieder ganz deutlich; denn murmeln thun ja jetzt auch Nichtprinzen; er unterschreibt sich in[111] Briefen – oder schräg auf seiner Photographie – und zwar mit großer Bismarckschrift: »Bolko Hohenburg«. – Adolar von Bramberg unterschreibt sich »Adolar Bramberg« und stellt sich vor: »Bramberg«. Das ist sehr bescheiden, so denkt der geneigte Leser. O nein! Viele Adlige mögen ja die Adelspartikel aus einer gewissen Nonchalance fortlassen, ein Teil macht es eben – überhaupt und so – mit. Aber mein Gewährsmann, der auf dem Mondflecken Nr. 87 wohnende Adolar von Bramberg, flüstert beim Vorstellen sein »Bramberg« mit einer Miene, aus der sein Gegenüber leicht entnehmen kann, Herr von Bramberg denkt im stillen Busen »es ist selbstverständlich, daß ich adlig bin, man muß es mir ansehen, auch muß man wissen, daß die Brambergs eben adlig sind«. Man kann sonst ganz gutmütig sein, aber doch seine Freude haben, wenn man erlebt, wie ein Herr von A. sich mit Weglassung der Adelspartikel vorstellt, aber dann nervöse Zuckungen bekommt, wenn er nur »Herr A.« angeredet wird. Ein kluger Herr von A. wird sich mit Gleichmut über die unheilvollen (?) Folgen seiner unvollständigen Namensnennung beim Selbstvorstellen hinwegsetzen, oder einfach darauf aufmerksam machen,[112] daß er eben »von A.« heißt, ja unter Umständen, falls er einen auch als bürgerlich oft vorkommenden Namen trägt, dankbar für die Erkenntnis sein, in diesem Spezialfall doch lieber nicht sein zu sein, sondern sich in Zukunft besser als »von A.«, wie als »schlankweg A.« vorzustellen.

Das Weglassen der Adelspartikel beim Selbstvorstellen ist also meist eine nur vermeintliche Beschei denheit, als wirkliche Bescheidenheit kann man es auffassen, wenn Jemand beim Selbstvorstellen nur seinen Familiennamen ohne Berufstitel nennt, und zwar als eine um so größere Bescheidenheit, je höher der Berufstitel ist. Nach meinen Erfahrungen gilt es im Allgemeinen für das Vornehmste, beim Selbstvorstellen nur seinen Familiennamen ohne Berufstitel zu nennen, namentlich wenn Letzterer ein verhältnismäßig niedriger ist. Aber – wie schon betont – Alles ist richtig, wofür ich einen logischen Grund habe. Läßt sich der Hauptmann M. in der Gesellschaft lieber »Herr Hauptmann M.« als, »Herr M.« tituliren, so wird er sich eben auch »Hauptmann M.« und nicht allein mit »M.« vorstellen. Auch wenn ich mich Jemandem vorstelle, von dem ich annehmen[113] kann, er nennt den lieben Nächsten lieber mit seinem Berufstitel als mit dem bloßen Namen, weshalb soll ich ihm dann meinen Berufstitel verheimlichen!? Wenn ich mich z.B. Vielen vorzustellen habe und Wert darauf lege, von Berufsgenossen gleich erkannt zu werden, so ist doch eben das einzige Mittel hierzu, meinen Berufstitel beim Vorstellen zu nennen. Jemandem, der mir etwa markiren wollte, in der Zeremonie des Selbstvorstellens verdiente ich nicht die beste Zensur, den würde ich höflich und bestimmt bitten, eine andere Ansicht haben und dieser meiner Ansicht als der für mich maßgebendsten folgen zu dürfen.

Bezüglich dreier Anfragen noch kurz Folgendes: Ein Dr. juris B. wird sich – entsprechend obiger Darlegungen – am besten »Dr. juris B.« vorstellen und nicht allein »Dr. B.« oder »B.«, wenn er eben Doktor genannt und als Jurist erkannt sein will.

Einen Reserveleutnant X. werde ich, wenn er nicht – wie z.B. viele Gutsbesitzer – »Herr Leutnant« titulirt sein will, gesellschaftlich stets »Herr X.« anreden, auch wenn derselbe Uniform trägt.[114]

Manche Gutsbesitzer, denen ein Offizierstitel zusteht, lassen sich mit diesem, praktischer Weise ihrer Autorität wegen, von ihren Leuten anreden, sonst aber gesellschaftlich mit ihrem Familiennamen allein und dem vorgesetzen Wort »Herr« titulieren.

Wer Vorsichtskandidat ist und Keinem mißfallen will, wird den Kneifer im Moment des Vorstellens abnehmen; ich nehme ihn nicht ab, denn ich trage keinen Kneifer und wäre auch im Prinzip gegen das Abnehmen des Kneifers.[115]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 106-116.
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