Suppen essen. Körperhaltung. Besuche.

[49] Daß auch in Etikettefragen Theorie und Praxis ein gar verschieden Ding sein kann, merkte ich neulich an mir selbst. In meiner letzten Schicklichkeits-Plauderei hatte ich es als ästhetischer fürs Auge hingestellt, den Suppenlöffel mit der Breitseite und nicht mit der Spitze zum Munde zu führen. Ich machte einen schüchternen Versuch, Wort und That in Einklang zu bringen, aber nur einen einzigen Versuch, die Sache war mir zu unbequem; als ich den Löffel mit der Breitseite zum Munde führte, war mir mein Schnurrbart im Wege. Und wenn ich mir ihn hätte sofort abrasiren lassen, wäre mir ja die Suppe kalt geworden. Aber auch später habe ich mich entschlossen, in diesem Falle auf den höheren Grad von Aesthetik zu verzichten, und bin in diesem[49] wichtigen Entschlusse durch einen gütigen Beitrag aus dem Leserkreise bestärkt worden.

Aus dem freundlichen Koburg kamen u. A. folgende Zeilen: »Der jetzt fast ausschließlich übliche Eßlöffel, welcher in eine Spitze ausläuft, weist mit seiner Form einzig und allein auf den Gebrauch hin, ihn mit der Spitze in den zarten Mund zu führen und die Suppe an der Spitze auslaufen zu lassen, nicht über Bord zu kippen. Nicht den Arm muß man verrenken, um den Löffel mit der Spitze in den Mund zu führen, sondern nur das Handgelenk mit Geschick und Feinheit biegen gleich dem gewiegten Violinspieler, der mit geschmeidigem Handgelenk den Bogen führt.« Der Ausdruck »zarter Mund« ist hier besonders am Platz; denn nur dem glücklichen Besitzer eines großen Mundes – in billigen Zeiten geht viel rein, in teuren nichts daneben! –, nur diesem wird es leicht sein, beim Führen der Breitseite des Löffels an den Mund nichts daneben gehen zu lassen oder nicht auch die Mundwinkel mit dem Inhalt des Löffels in Berührung zu bringen. Die vermeintlich ästhetischere Art des Suppens verführt außerdem leicht zum wenig ästhetischen hörbaren Einschlürfen der Suppe.[50]

Eine wichtige Sache für das Benehmen bei Tisch möchte ich noch erwähnen: die gerade Körperhaltung. Die behagliche Stimmung, in die uns Essen und Trinken versetzt, verleitet Viele, sich gehen zu lassen, mit krummem Rücken dazusitzen oder gar die Ellbogen auf den Tisch zu stützen. Ob auch bei Tische, weiß ich nicht, aber im Allgemeinen glaube ich entschieden, die Männer haben eine bessere Körperhaltung als das zartere Geschlecht, und das ist sicher das Verdienst der militärischen Erziehung. Solange es kein Amazonenkorps giebt, sollten unsere jungen Damen, auch die älteren, freiwillig turnen und Zimmergymnastik treiben. Wer Gefallen an jungen, anmutigen Damen findet. dem thut es in der Seele weh, wenn er sie mit nach vorn geneigtem Kopf, mit hochgezogenen Schultern gehen, stehen oder sitzen sieht; und gegen das »Sitzenbleiben« erlaube ich mir mithin – wenn auch nicht gerade als wichtigstes Mittel – zu empfehlen: »Kopf zurück! Schultern herunter! Stolz, frei und froh in die liebe Herrgottswelt schauen, meine Gnädigsten!«

Bei Tisch – Geduld, ich komme gleich zu etwas Anderem – bemühe man sich, Oberarme und Ellbogen nicht abzuspreizen, sondern[51] leicht anzuziehen, aber beileibe nicht hierbei die Schultern hochziehen; denn sonst macht die Körperhaltung einen gezwungenen ängstlichen Eindruck. Durch Herannehmen der Oberarme vermeidet man ein Belästigen des Tischnachbars und erleichtert man den Dienstboten das Präsentiren der Schüssel. Wer heute beim Kommerzienrat A. bequem tafelt, also mit weiten Zwischenräumen zwischen den einzelnen Tischplätzen, der übe sich trotzdem darin, sich in horizontaler Richtung möglichst wenig auszudehnen; denn vielleicht muß ebenderselbe morgen beim Professor B. verteufelt eng sitzen! Weeß mersch denn!?

»Muß man Abschiedsbesuche erwidern? Muß ich einer von der Reise zurückgekehrten Dame zuerst einen Besuch machen?« – Meine Antwort darauf: Man erwidert gewöhnlich die Abschiedsbesuche nicht, man würde ja die guten Leutchen nur im Packen und Räumen stören. – Wenn man aber dabei helfen will, so ist das dann eben kein feierlicher, offizieller Besuch. – Etikette-Vorschrift ist es, daß der von einer Reise Zurückgekehrte zuerst Besuch macht. Fühlen Sie Sich aber infolge Alters oder sozialer Stellung der betreffenden Dame untergeordnet,[52] so werden Sie unter Umständen dieselbe zuerst besuchen, aber besser erst dann, wenn Sie durch eigene Anfrage oder durch Andere erfahren haben, daß die von der Reise zurückgekehrte Dame wieder Besuche annimmt. Denn leider ist man im gesellschaftlichen Verkehr nicht offen genug, um stets Besuche, die Einem aus irgend einem Grunde nicht genehm sind, einfach abzulehnen. Gewiß nicht selten spielt sich etwa folgendes Theater ab: Das Dienstmädchen überbringt der Frau des Hauses zwei Visitenkarten. Letztere seufzt schwer auf, giebt aber trotzdem dem Dienstboten die Weisung: »Sagen Sie, die gnädige Frau freut sich sehr, die Herrschaften zu empfangen.« Draußen hat das Besuch machende Ehepaar sich noch schnell zugeflüstert: »Tolles Pech, man nimmt uns heute überall an!« Drinnen – während das Dienstmädchen die große Freude der Gnädigen draußen vermeldet – drinnen macht sich die Gnädige noch schnell Luft: »Ach, daß diese Menschen gerade heute kommen müssen« – um gleich darauf den Eintretenden in den süßesten Flötentönen zu versichern: »Nein, ist das eine freudige Ueberraschung, nein, wie wird sich mein Mann freuen!« Der arme Mann, der aus seinem[53] Mittagsschlaf gerüttelt wird, freut sich aber ganz und gar nicht! – Auch bei Abendgesellschaften erleben wir oft Aehnliches. Es ist schon nicht mehr »heute«, Gäste und Wirte möchten sich von Herzen gern endlich los sein. Aber nein! Man langweilt sich noch gegenseitig bis nach ein Uhr, denn bei Baurats vor acht Tagen hat's auch so lange gedauert. Ein Bild des Kleinstadtlebens, aber auch manchmal eines kleinstädtischen Großstadtlebens! Natürlich schließe ich von meinem Mitleid die verruchten – meist nicht mehr ganz jungen Junggesellen aus, die bloß aus der Gesellschaft fortdrängen, um noch am runden Stammtisch sitzen zu können. Doch beim Besuchs-Thema war ich. Wie kann man bei Besuchen die sogenannten Notlügen vermeiden? Wenig geeignet hierzu ist die übliche Frage des Besuchenden: »Sind die Herrschaften zu Hause?« Mit dieser Frage allein sagt man doch: wenn sie zu Hause sind, dann müssen sie mich auch empfangen. Aber die Betreffenden, denen man Besuch macht, können doch zu Hause sein und trotzdem den Wunsch haben, ungeschoren gelassen zu werden. Am einfachsten, praktischsten und bequemsten finde ich es, dem die Thür öffnenden Dienstboten – zugleich[54] als Zeichen, daß man weder Wachspuppe noch stumm ist – »Guten Tag« zu sagen und dann, aber stumm, seine Visitenkarte zu überreichen. Wer aber seiner doch klar auf der Hand liegenden Absicht noch sprachlichen Ausdruck verleihen will, der frage und spreche also: »Falls Herr oder Frau X. zu Hause sind, so bringen Sie mir Bescheid, ob ich näher treten darf, oder ob sie meinen Besuch annehmen wollen!« Dann warte man ruhig der kommenden Dinge und grolle nicht, wenn man statt der eventuellen sogenannten gesellschaftlichen Notlüge »Die Herrschaften sind nicht zu Hause« den ehrlichen Bescheid erhält: »Die Herrschaften bedauern sehr oder (noch etwas höflicher) sind momentan zu ihrem großen Bedauern nicht in der Lage, Besuch annehmen zu können.« Das »zu ihrem großen Bedauern« kann ja dabei auch noch geschwindelt sein, wenn absolut geschwindelt werden muß. Man ist in der Großstadt – Gott sei Dank – im Besuchszeremoniell weniger penibel. Z.B. schickt der Minister einfach dem Leutnant als Quittung seines Besuchs die eigene – des Ministers – Visitenkarte durch einen Diener oder durch die Post in einem Couvert zu. Und andere Leute, die nicht Minister sind, aber doch[55] auch ihre Zeit gern nützlicher als mit persönlichen Besuchen zubringen, thuen desgleichen. Die Visitenkarten als Drucksache im offenen Couvert zu versenden, ist auch eine billige Sache. Ich entsinne mich, beim Jahreswechsel in Zeitungen gelesen zu haben, daß man sich vielfach – durch ein pekuniäres Opfer zu einem wohlthätigen Zweck – von der Verpflichtung der Neujahrs-Gratulationen loskauft. Weshalb könnte es nicht auch eingeführt werden, sich von der Etikettenpflicht der Besuche loszukaufen? Man verschickt per Post als Drucksache die Visitenkarte, versehen mit einem Vermerk oder Zeichen, daß man für die Armen eine Summe von 10 Suppen essen. Körperhaltung. Besuche aufwärts stiftet, je nach dem man, seinen Einnahmen entsprechend, den durch einen Besuch entstehenden Zeitverlust bewertet. Unter Umständen könnte man ja den Armen auch die ersparte Droschke erster oder zweiter Güte zuwenden. Ein Rothschild könnte doch mindestens für einen nicht abgestatteten Besuch immer 20 M. stiften. Welch herrliche Gelegenheit eröffnete sich da manchem Geldprotzen, mit hoher Bewertung seiner Zeit zu renommiren! Natürlich würde man auch bei Einführung einer solchen Sitte in den Fällen[56] immer persönlich Besuch machen, wenn man thatsächlich auf eine persönliche Bekanntschaft gerade gelegentlich des Besuches Wert legt, wie dies in kleineren Städten meist der Fall ist. In der Großstadt, in großen Häusern namentlich, will man doch oft nur durch Abgabe seiner Visitenkarte andeuten, daß man gern eingeladen sein, nicht aber in engeren Familienverkehr treten möchte. In solchen Fällen – auch wenn ich es für leicht möglich halte, durch meinen Besuch lästig zu werden – genire ich mich nicht, dem Portier oder Dienstboten meine Karte einzuhändigen etwa mit den Worten: »Bitte, die Karte abzugeben, ich möchte nicht persönlich stören« und, ohne eine Antwort abzuwarten, mit Ruhe und Würde sofort zu verduften. Wer aber auch in größeren Häusern empfangen sein will, wird gut thun, sich beim Portier nach dem Empfangstage der Gnädigsten zu erkundigen. Uebliche Besuchszeit ist in der Großstadt zwischen 12 bis 2 und zwischen 4 bis 7 Uhr. Letztere Zeit ist dann praktischer zu wählen, wenn man den Wunsch hat, auch angenommen zu werden. Diesen Wunsch habe ich aber dann stets, sobald ich bei Besuchen um Bescheid bitte, ob die Herrschaften mich empfangen wollen. Ich[57] halte es für ein erfreuliches Zeichen, daß man sich von lästigem Etikettenkram loszumachen sucht, wenn man z.B. bei Besuchen den einfachen deutlichen Bescheid erhält: »Die Herrschaften sitzen gerade bei Tisch!« Sehr erheiternd ist es, wenn der Dienstbote die Nichtannahme des Besuches recht schön einkleiden will durch Worte wie: »Die Herrschaften lassen sehr bedauern, aber sie sind nicht zu Hause!« Wie höflich und trotz der Unwahrheit wie ehrlich und aufrichtig! Eine Abweichung von dem Etiketten-Schema »F« wirkt oft wohlthuend und erfrischend. Ein Leutnant wurde durch mündliche Bestellung von einer befreundeten Familie zum Abendbrot eingeladen. Er paukte darob seinem Burschen – Bursche war sich Vollblut-Pollack, noch hinter Inowrazlaw zu Hause – die geschmackvollen, nicht ganz außergewöhnlichen Worte ein: »Der Herr Leutnant wird sich die Ehre geben, der gütigen Einladung ergebenst Folge zu leisten!« Der arme Matschkaischek hatte natürlich den ganzen Zimt bereits auf halbem Wege vergessen. Am betreffenden Abend erzählt die Tochter des Hauses dem Leutnant: »Sie haben ja einen zu drolligen, aber praktischen Burschen; denn den Sinn seiner Bestellung hat er jedenfalls richtig[58] wiedergegeben. Als ich heute mittag« – so berichtete das Wirtstöchterlein weiter – »nach Hause kam und mich schon im ersten Stock befand, ruft mir von unten ein Artillerist zu: Wohnt sich hirr – und nun kam unser Name in etwas verstümmelter Form. Als ich den Artilleristen fragte, was er zu bestellen hätte, ich würde es ausrichten, da rief er mir kurz und klar von unten herauf, in seiner sichtbaren Freude, die Treppen ersparen zu können, zu: ›Das is scheen; mein Leitnant wird er kummen heite abend. Hatche!‹ Bravo, Matschkaischek! Du hast durch Dein Benehmen schon manchem meiner Zuhörer Freude bereitet, dem ich die Geschichte erzählte; hoffentlich glückt es Dir auch bei unseren Lesern.«[59]

Quelle:
Pilati, Eustachius Graf von Thassul zu Daxberg: Etikette-Plaudereien. Berlin 3[1907], S. 49-60.
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