Neuntes Kapitel

[165] Ich ging mit meinen Handschuhen sogleich in die Josephsstadt zu meinem Vater und Mutter Kotegg, wo ich allemal freie Kost und Quartier hatte, welche wahrhaft eine große Freude hatten, mich wieder bei sich zu sehen. Meine Handschuhe waren die meisten schon bestellt bei der Fürstin von Schwarzenberg, Hatzfeld, Colloredo, Auersberg, Claris, Schulenburg, Thierheim und noch mehr andern. Siebenundzwanzig Dutzend durfte ich nach Hofe nehmen. Eines Tags kam ich mit meinem Vater Kotegg dahin. Die Gräfin Insagin meldete mich bei Ihro Majestät der Kaiserin, welche mich auch gleich kommen ließ. Ich machte meinen schuldigen Kniebucker und küßte ihr den Rock. Sie grüßte mich und fragte, wie ich hierher gekommen. Ich sagte ihr, auf dem Wasser, und wie es mir zu Linz ergangen sei. Sie lachte und sagte: »Was an den Galgen gehört, ertrinkt nicht.« Sie hieß mich aufstehen, ich gab ihr Handschuhe, wie auch drei neue Kupferkreuzer zur Steuer von meinem Häusel und ein Memorial wegen meiner versprochenen Wirtsschaft. Sie nahm alles gnädigst an, versprach mir auch die Wirtschaft und gab mir zwölf Kremnitzer Dukaten für meine drei Kupferkreuzer als Steuer und für Zehrgeld. Sie redete noch allerlei Dinge mit mir vom Tyrol, ob man sie gern habe und dergleichen. Sie ließ mir meine Handschuhe durch die Obersthofmeisterin, Gräfin von Baar, bar bezahlen und sagte, ich sollte in etlichen Tagen zum böhmischen Kanzler, Rudolph Kotegg, gehen, er werde mir etwas Schriftliches nach Innspruck mitgeben. Ich machte meinen Fußfall, dankte ihr für alles tausendmal, küßte ihr den Rock, nahm Abschied, und[166] sie sagte, ich soll ihr die Stiftsdamen zu Hall grüßen.

Sie ging in ihr Zimmer, ich aber nahm rückwärts meinen Weg und ging nach Haus; mein Vater und Mutter hatten eine sehr große Freude, daß ich wieder so glücklich gewesen war. Der böhmische Kanzler, Rudolph Kotegg, war meines Vaters Bruder, dieser schickte mich in etlichen Tagen mit einem Bedienten zu ihm, welcher mich gleich vor sich kommen ließ; er befand sich aber nicht gut und sagte, ich sollte heut bei ihm bleiben; der Bediente soll nach Haus gehen und seinem Bruder sagen, daß ich bei ihm sei; er gab mir auch folgendes Schreiben nach Innspruck mit.


Formalia


AN IHRO RÖM. K.K. APOST. MAJESTÄT ETC. ETC.

Peter Prosch, aus Tyrol, alleruntertänigst gehorsamstes Anflehen und Bitten, um Verleihung der Wirts-und Gastgebs-Gerechtigkeit.


Resolutum


Dem k.k. Landesgubernio in Tyrol ex officio mit dem Auftrag beizuschließen, daß, wenn keine erhebliche Bedenken (welche allenfalls ehestens anzuzeigen) obwalten sollten, dem Supplikanten in seinem Gesuche zu willfahren sei.

Per Sacr. Caesar. Reg. Majest.

Wien, den 26. Dezemb. 1767.

Jos. W.v. Krisch.


Er ging nicht aus; zur Tafel kamen einige Herrschaften, und ich durfte auch mitspeisen. – Es wurde herrlich traktiert und alles war aufgeräumt. Man stund auf und trank Koffee. Die Herrschaften gingen nach Haus, und ich[167] mußte bei ihm bleiben. Ich habe in der Frühe etwas von Handschuhen verkauft, welches er wußte; ich hatte auch eine rote und grüne Kleidung mit Silber von Würzburg an und 40 fl., welche ich für Handschuhe eingenommen habe; wir waren allein. Auf einem Tische lag das Damenbrett, Becher und Pasch.

Er sagte: »Peterl! setze dich, wir wollen paschen.« – »Wie teuer?« – »Um einen Taler.«

Wir setzten uns und, um ihm keinen Verdruß zu machen, spielte ich mit; verspielte das erstemal, zweit-, dritt- und viertemal. Ich fing an zu schwitzen und saß ganz locker auf meinem Stuhl.

Wir spielten fort; der Graf lachte heimlich, und in anderthalb Stunden waren meine 40 fl. weg. Ich zitterte an Händ und Füßen und über meinen Rücken und Gesicht floß immer ein Schweißtropfen auf den andern. Ich wollte deswegen und auch, weil ich nicht mehr setzen konnte, aufhören; er sagte aber: »Wie hoch hältst du deinen Hut?« – »Fünf Taler.« Wir spielten, und diese waren auch weg. Ich wollte wieder aufhören, aus Furcht vor meinem Vater und Mutter, wenn ich nach Hause käme und alles verspielt hätte; er sagte aber: »Das tut nichts. Wie hoch hältst du deine Bauchbinde?« – »Sieben Taler.« Wir spielten wieder fort; ich warf in Leid und größten Sorgen, verspielte allemal, und meine Binde war fort. Ich fing an zu weinen, weil ich fürchtete, ich därfte mich zu Hause nicht mehr sehen lassen. Ich wollte aufhören.

»Das tut nichts, laß du mich sorgen. Wie hoch hältst du deinen Rock?« – »Ich gebe ihn nicht her.« – »Probiere es, du kannst vielleicht alles wieder gewinnen.« – »Lieber Gott! zwanzig Taler.«[168]

Wir spielten; in einer halben Stunde saß ich neben dem Grafen ohne Geld, ohne Hut, ohne Binde und ohne Rock, waschnaß, und alles war verspielt.

Ich rehrte, und der Graf lachte heimlich, nahm mein Geld und Kleider und ging damit in sein Kabinett, sagte aber lachend: »Ich komme bald wieder.« Nun saß ich in meinem Elend und dachte: Was wird das werden, wenn ich nach Hause komme? Wohl eine Stunde lang sah ich niemand, es wurde finster, endlich kam ein Kammerdiener, ich fragte: »Wo ist der Graf?« – »O! der Graf hat sich schon lang retiriert, heute siehst du ihn nicht mehr, du mußt ein andersmal kommen.« Ich ging dann weinend ohne Hut, Bauchbinde, Rock und Geld über den hohen Graben, h. Dreifaltigkeitsplatz und Mehlgrube bis in die Himmelburgsgasse.

Im Prinz Eugenischen Bau neben der Münze logierte mein Vater im Winter. Die Herrschaft war schon bei der Tafel, und ich suchte unvermerkt in meiner Mutter Kabinett zu kommen, schlüpfte unter ihr Kanapee und schlief die Nacht ziemlich ruhig. Der böhmische Kanzler hatte das, was sich mit mir zugetragen, schon vorher zu wissen gemacht; sie warteten beim Essen mit Verlangen auf mich; sie schickten deswegen drei-, viermal hin und her, und wußten beide Herrschaften nicht, wo ich hingekommen wäre; es war ihnen doch wieder um mich leid.

Des andern Tags in der Frühe, wie mein Vater und Mutter Koffee tranken, redeten sie von mir und ließen den Haushofmeister kommen, dem sie befohlen, weil ich diese Nacht nicht nach Hause gekommen, in der Stadt nachzufragen, wo ich wäre.

Ich rief nun vor Freuden laut unter dem Kanapee: »Mutter![169] da bin ich.« Sie erschraken, ich kroch heraus, da fing man an laut zu lachen, weil ich so en Negligé im Vorschein kam. Ich erhielt einen beiderseitigen Verweis, und alle Hausoffizianten waren froh, daß ich wieder an das Tageslicht gekommen bin. Ich mußte meine ordinäre Tyroler Reisekleider anziehen, und der böhmische Kanzler tat nichts dergleichen, daß er mir meine abgespielten Kleider wieder zurückgeben wollte. Wir blieben noch eine Zeitlang zu Wien. Endlich kam die Zeit, daß ich und die Herrschaft auf unsere Güter ins Böhmen gehen sollten. Wir kamen mit sechs Wägen zu Neuhof an. Der Erzbischof von Prag, Bschidofzgi von Bschidofzgi, und der Bruder, der böhmische Kanzler, kamen auch, meinen Vater und Mutter auf ihren Gütern heimzusuchen. Alles war wohlauf; wir hatten ein Gut in der schönsten Lage, Fischweiher, die schönste Orangerie und Fasanerie. Man fuhr spazieren und spielte auf dem Abend. Der böhmische Kanzler wollte wieder mit mir paschen. Ich sagte aber: »Nä, nä! mit dir tu ich nimmer, du gewännst mir die Hosen auch noch ab.« Mein Vater und Mutter, wie auch der Erzbischof von Prag sagten mir aber, ich sollte keck mitspielen, ich werde gewiß nichts verspielen und glücklich sein. Der Erzbischof lieh mir 6 kaiserl. Taler; wir setzten uns, paschten, und vier Taler waren in kurzer Zeit wieder verspielt.

Nun fing ich abermal an zu schwitzen; alles lachte. Die Gesellschaftsfräule Tonnerl hatte mich gewiß inniglich lieb; sie steckte mir rückwärts 3 kaiserl. Taler zu und sagte: »Du mußt Courage haben und keck spielen.« Durch diesen jungfräulichen Eifer angetrieben, stund ich auf, voll Courage; ich gewann immer fort; meine Mutter lachte heimlich, mein Vater auch; alles patschete und[170] sprach mir zu: ich bekam noch mehr Courage und gewann meine 40 fl., Hut, Bauchbinde, Rock und noch dazu 27 fl. Kaisergeld. Itzt sprang ich auf, fiel meinem Herrn Onkel, dem Kanzler, um den Hals, küßte die Tonnerl und meiner Mutter die Hand und versprach, in meinem Leben nicht mehr mit einem großen Herrn auf Risiko zu spielen.

Alle Herrschaften hatten mich gern, und deswegen blieb ich noch eine Weile. Mein Bruder, der junge Johann Kotegg, welcher die Gräfin Klary geheuratet hat und itzt bei der Justizstelle Präsident ist, gab mir zween Karolins zur Apanage von unsern Gütern; sohin gingen wir mit dem Erzbischof nach Prag, wo wir herrlich bewirtet wurden, in des Erzbischofs Residenz logierten und alles Merkwürdige in der Stadt besahen.

Der Erzbischof, als Herr Vetter, schenkte mir einen sechsfachen Kremnitzer Dukaten, wofür ich ihm die Hand küßte und mich höflichst bedankte. Mein Bruder, der junge Graf, ging zu seinen Eltern, nach Neuhof, zurück; ich küßte ihm tausendmal die Hand, nahm Abschied und marschierte über Thabor, böhmisch Buttweiß und Linz nach Salzburg, wo ich beim Bierbräu in der Höll einkehrte. Ich hatte noch von des vorigen Erzbischofs von Schrattenbach Zeiten her ein und andere Bekannte, als den Obersthofmeister, Graf Arko, den Oberststallmeister, Graf Kimburg, die Grafen Seau und Kimburg, Domherren von Salzburg und Ellwang.

Ich legte meinen würzburgischen Uniform an und weil ich des Erzbischofs Vater und Geschwisterte von Wien aus kannte, kam ich nach Hof. Der Erzbischof war ganz freundlich und hatte eine Freude mich zu sehen, weil er von den Hofleuten von mir schon vorher erzählen gehört[171] hatte. Der Oberststallmeister, Graf Kimburg, war mein bester Patron. Ich hatte Essen und Trinken bei der Kavaliertafel. Der Fürst und die Domherren waren alle aufgeräumt und lustig und hatten mich recht gern.

Eines Tages, wie es in Salzburg schon seit vielen Jahren gebräuchlich sein muß, kamen mit dem Konfekt vier schöne kleine Salzstöckeln auf die Tafel in Form großer Zuckerhüte, welche jährlich an einem gewissen Tag von den Salzarbeitern in Hallein dem Erzbischof wegen gewissem Trinkgeld zum Präsent gemacht werden. Die Herrschaften lobten solche, und der Erzbischof fragte mich, wie mir diese Zuckerhüte gefielen. »Recht gut«, sagte ich, »wenn ich nur ein halbes Dutzend zu Haus hätte.« Er sagte: »Ich will dir ein Paar schenken, wenn du sie mit dir nach Haus nehmen willst.« Ich küßte ihm dafür die Hand und dankte. Er schenkte mir noch zween Dukaten und sagte, ich sollte ihn bald wieder heimsuchen. Ich ging von Salzburg nach Reichenhall, Lofer und den tyrolischen Paß Strub, wo ich für meine zween Zuckerhüte, welche 16 lb. wogen, 1 fl. 32 kr. K.G. Maut bezahlen mußte. Ich kam mit meinen Zuckerhüten glücklich zu Hause an, wo ich mein liebes Weib und meine Kinder gesund antraf. Ich zeigte ihr sogleich meine Zuckerhüte, welche ich von Salzburg bis nach Haus auf dem Buckel getragen habe. Sie hatte eine große Freude daran und sagte: »Schatz! nun haben wir auf viele Jahre Zucker genug.« Wir aßen auf die Nacht und gingen schlafen. Des andern Tags in der Frühe sagte ich zu meiner Frau Liebsten: »Mach uns ein warmes Bier, aber gut.«

Sie nahm eine Maß Bier und machte es wie gewöhnlich; wir setzten uns zum Tische, ich schenkte ein. Ich gab[172] auch meinem Kind davon zu trinken; dieses machte ein Maul, als wenn Gall darinnen wäre. Ich trank auch, und es war teufelmäßig sauer; ich greinte deswegen mit meinem Weibe und glaubte, sie habe ein Tropf- oder sonst ein saures Bier genommen; sie sagte aber: »Nein.«

Ich tat noch einen Brocken Zucker darein, rührte um, versuchte noch einmal; es war aber weit mehr sauer als zuvor; ich gab auch der Hauskatze davon, diese mochte aber keines.

Ich schleckte endlich am Zucker und merkte, daß es Salz sei.

Itzt war mein Handküssen, Zollgeben, Buckeltragen, unsere Freude und alles umsonst; es reuete mich nur, daß der Zoll mehr austrug, als das Salz wert war. Nach einer kurzen Zeit ging ich nach Innspruck, meine Handschuhe zu bezahlen, und gab dem Graf Enzenberg meinen Brief, welchen mir der böhmische Kanzler zu Wien, Graf Kotegg, mitgegeben hat. Also erlangte ich endlich in zwei Jahren nach vielen gemachten Wegen und großer Mühe meine Schenkgerechtigkeit, wiewohl der Anton Pachmayr stark dawider war und mich nicht aufkommen lassen wollte, auch die Obrigkeit es nicht gern sah, da doch die ganze Gerechtigkeit jährlich nicht 20 fl. austrägt und dem Hauptwirt gar keinen Schaden tut, wie sich hernach gezeiget hat; nichtsdestoweniger wurde die Sache durch falsche Vorspieglungen von zerschiedenen Parteien bei der hohen Stelle rückhaltig und meiner Ehre und gutem Namen ziemlich nachteilig gemacht, welches ich aber an seinem Ort gestellt sein lasse, bis ich endlich aus beigebrachten überzeugenden Beweistümern und Attestaten folgendes Dekret bekam.


[173] Formalia


VON DER RÖM. K.K. APOST. MAJESTÄT ETC. ETC. WEGEN, hiemit in Gnaden anzufügen, auf das bittliche Gesuch des Peter Prosch zu Ried Gerichts Rottenburg am Inn, um Verwilligung einer realen Bier- und Brandwein-Fratschlerei nebst Auskochung warmer Speisen, will man bei dermal nicht sonders widrig für waltenden Umständen solche Bier- und Brandwein-Frätschlerei und Abgab der warmen Speisen, jedoch auf seine Person allein und gegen quartaliter zu erlegenden dreißig Kreuzer Umgelds-Recognition hiemit gestattet haben. Wornach dann der Impetrant zu verabscheiden ist.


I.G. FREYH. V. ENZENBERG.


Ex Mand. excell. Gub. sup.

Austr. actum œniponti in

Cons. die 5. Jan. 1769.


Joseph v. Freising.


Hier kann man die Ungleichheit des Resolutum sehen, welches ich von Ihro Majestät der Kaiserin erhielt, und des gegenwärtigen Dekrets, welches nur auf Bier zapfen-Recht lautet, wo mir doch im erstern von der höchsten Stelle aus eine Wirt- und Gastgebs-Gerechtigkeit ist verwilliget worden.


Nun war ich Brandweinbrenner und ein Bierzapfler; weil aber bei diesem Gewerbe vieles auf das Borgen ging, konnte ich mich in meinem Vaterlande nicht ernähren[174] und mußte also mein Brot wieder weiter mit meiner Handelschaft in fremden Ländern suchen. Zu diesem Ende kaufte ich Handschuhe ein, ging damit auf das Land mit meinem Hofmeister und kam nach Augsburg, Dillingen und Ellwang. Der dasige Fürst hatte eine Freude mich zu sehen, und alle Kavalier waren froh, daß ich wieder angekommen bin, weil sich der Fürst manche Stunde mit mir im Diskurs unterhielt und deswegen gutes Humors und aufgeräumt war. Ich blieb eine Zeit dort und bedankte mich beim Fürsten, welcher mir allzeit was schenkte; er sah es aber nicht gern, daß ich fortging, und befahl mir bald wiederzukommen.


Weil aber der Erwählungstag zu Würzburg, nämlich der heilige Dreikönigstag, herankam, wo meine Residenz bis Kiliani anfing, mußte ich trachten daselbst einzutreffen; ich ging also über Grallzheim, Partenstein, Mergenthal nach Würzburg und logierte, wie allzeit, bei meiner Mutter, Madame de Cosse, auf der Post. Ich kam nach Hof; der Fürst lobte mich und sagte: »So bist du brav, wenn du fleißig kömmst; itzt kannst du deine Residenz machen und eine Zeitlang bei mir bleiben.«

Ich verkaufte überall von meinen Handschuhen und wurde fast täglich bei den Herrschaften zur Tafel geladen, so daß ich selten bei Hof speisen konnte, wo ich doch den Knabentisch und Marschalltafel frei hatte. Wenn aber das Konfekt auf die fürstliche Tafel gebracht wurde, mußte ich bei der Hand sein; denn diese war dem guten Adam Friedrich seine Unterhaltungsstunde bei der Tafel, daß er sich von seinen Regierungsgeschäften ein wenig erholen und aufmuntern möchte. So gingen einige Wochen vorbei.[175]

An einem Donnerstag fragte ich den Obermarschall von Gebssattel, ob ich morgen nicht zur Ader lassen und zu Hause bleiben därfte. Er sagte aber: »Du kannst zur Ader lassen und deswegen doch nach Hof kommen.«

Dem anderen Tag ließ ich zur Ader und blieb zu Hause. Mein Herr Gevatter v. Fiechtl, seine Frau, Hofrat v. Heß, Fräulein Augusta und Crescentia v. Schuster, meine Mutter und ich speisten miteinander.

Wir waren lustig, weil ich sonst auch wenig zu Hause war; dem Tage darauf aß ich beim General Münster. Am Sonntag um zwölf Uhr wollte ich in meinem rot und blauen Uniform zu den Knaben zum Speisen gehen. Auf dem Residenzplatz war just Parade, wo alle Tag dreihundert Mann zu der Garde aufzogen; ich wollte bei dem Inglheimer Bau in die Residenz hinein. Der dortstehende Grenadier sagte aber zu mir: »Peterl! gefällt dir die Parade nicht? Schau, betrachte sie nur.« Ich kehrte mich um, betrachtete sie unterm Residenztor noch einmal, und wir plauderten eine Weile miteinander. Ich sah wohl, daß sechs Grenadier mit aufgepflanzten Bajonetts auf uns zugingen; ich dachte aber, sie lösten den Posten ab.

Sie kamen herbei, links hinter uns um und lösten mich ab. Marsch! Zwischen sechs Grenadier mit einem silbernen Uniform über den ganzen Parade-und Residenzplatz führte man mich hinüber, und der Fürst schaute durch die Jalousie herunter. Es war ein schöner Tag, mehrere hundert Menschen waren aufm Platz und sahen zu.

Überall hieß es: »Was hat der Hofnarr angefangen?« Ich aber kam auf die Fürstenwache. Mehr als fünfzehn[176] Offizier besuchten mich gleich. Herr von Adelsheim hatte die Wache. Im Offizierzimmer wurden fünf Stühle gesetzt; auf dem mittelsten mußte ich mich niederlassen, auf einem jeden Nebenstuhle lag ein bloßer Degen, und alle Spitze gingen gegen mich, daß ich mich nicht rühren konnte.

Bei der Tür waren zween Korporale mit häselen Stecken, und so mußte ich mit nüchternem Magen sitzen bleiben bis drei Uhr. Die Herrschaften waren schon lange bei der Tafel. Endlich schickte mir der Obermarschall einen zinnenen Becher voll Wasser und ein Stückl schwarzes Brot. Dieses war mein Traktement, und ich mußte es verzehren. Man stellte das Konfekt auf die Tafel, und ich wurde zween Grenadier übergeben; diese brachten mich zu der Fußgarde und die Fußgarde zur Leibgarde. Nun kam der Kammerfourier Spielberger und führte mich in den Speisesaal. Ich ging zum Fürsten hin und küßte ihm die Hand. Er fragte mich: »Wo kommt der Herr her?« Ich sagte: »Von der Wache.« – »Ist der Herr schon lange hier?« – »Kennst du mich nicht mehr, Fürst?« – »Nein, ich kenne den Herrn nicht.« – »Ich bin der Tyroler Peterl.« – »Nein, das kann nicht sein, mein Peterl ist ein anderer Kerl, der hat Vernunft wie ein Engel. Kennt ihn der Herr vielleicht?« – »Das glaub ich, ich bins ja selbst.« – »Mach mir der Herr nichts weiß.«

Nun fragte mich der Domprobst Frankenstein: »Wo ist der Herr zu Haus?« – »Aus Tyrol.« – »Kennt er vielleicht unsern Hoftyroler, den Peterl, auch? Der ist ein charmanter Mann und der König von allen Tyrolern.« – »Ich bins ja selber.« – »A pah! der Herr ist ein Lügner, ich kenne ihn besser.«[177]

Nun wußte ich gar nicht, wie ich daran wäre. Kein Kavalier tat dergleichen, als ob er mich kennete. Keiner redete mich an, diese machten nichts als Komplimenten, wie einem Fremden, und der Fürst schickte sogar den Läufer Joseph in mein Quartier, um zu fragen, ob ich krank wäre oder wo ich heute speiste. Was ich sagte, hier bin ich, da bin ich, alles half nichts. Ich wußte also nicht, ist der Fürst samt allen Herrschaften konfus, oder hab ich allen meinen Verstand verloren. Ich ging zum großen Spiegel, betrachtete mich um und um und ich sah doch, daß ichs war und mir gleich sahe. Der Fürst stund von der Tafel auf, man ging in das Audienzzimmer zum Koffee, mich aber wollte niemand kennen; ich ging also voller Gedanken nach Haus: ich läutete zu Hause an, meine Mutter, die Oberstpostmeisterin, schaute oben zum Fenster heraus.

»Was will er?« – »Mach auf!« – »Ich brauche nichts!« – »Mach nur auf!« – »Ich kauf nichts!« – »Mach nur auf, ich bins! Kennst mich nimmer?« – »Ich brauch nichts, kauf nichts!« und das Fenster zu.

Nun wußte ich wieder nicht, was das bedeuten soll, ging also geraden Wegs hin zu den PP. Kapuzinern und ließ des Fürsten Beichtvater rufen.

Dieser kam herunter bis in den Kreuzgang. Ich grüßte ihn und fragte: »Wem sieh ich gleich?« Er machte mir ein tiefes Kompliment und sagte: »Ich habe die Ehre nicht, den Herrn zu kennen.«

Itzt hatte ich schon genug und dachte, du bist auch schon angesteckt, ging also meinen Weg wieder nach Haus und kam durch Hülf der Köchin, welche nichts wußte, bei dem hintern Tor ins Haus, wo ich wegen allerlei Gedanken in der Nacht wenig geschlafen. Dem andern Tag[178] ging ich, wie gewöhnlich, nach Hof, aber die Wache ließ mich nicht hinein. Ich verlangte zum Kammerfourier Spielberger; man führt mich hinauf; er grüßte mich, setzte sich zu Tisch und fing an zu schreiben: Wo kommt er her? Wie lang hält er sich hier auf? Was ist sein Tun und Lassen? Was hat er für Gewerb oder Handelschaft? und wo geht er von hieraus zu? –

Von dergleichen Fragen machte er ein ganzes Protokoll und entließ mich mit diesen Worten: »Ich werde sorgen, daß der Herr zu essen und trinken bekömmt«; führte mich auch unter dieser Zeit in das Vorzimmer, wo die Leibgarde war. Hier mußte ich warten, und wiewohl sie mich alle kannten, redete doch keiner ein Wort mit mir. Es wurde Zeit, daß man zur Tafel ging; ich ging auch in der Kavaliersaal, aber niemand sah mich an. Ich setzte mich an den Kavaliertisch neben der Ministers-Tafel. Es waren bei unserm Tische der Hauptmann Gebssattel, Herr von Zobl, Herr von Halbritter, Münster, Adelsheim, Gobl, der geistliche Rat Kales und Strobl. Diese hörten mich alle reden, aber sie sahen mich nicht an. Es wurde bei der fürstlichen Tafel das Konfekt gesetzt, ich mußte nun hinüber. Ich küßte dem Fürsten die Hand; er rief mir; ich sagte: »Hier bin ich.« – »Wo? wo? Ich sehe dich nicht.« – »Das glaub ich, wenn du mich nicht anschauest.«

Stund ich da, schaut er dorthin, stund ich dort, so schaut er daher, und so konnte er mich natürlich nicht sehen. Ich stund ihm also gerade unter das Gesicht. Endlich sah mich der Fürst, hatte eine große Freude und sagte: »Grüß dich Gott, Peterl! was treibst du dann? Ich habe alles gehört, aber dich nicht gesehen.« Alle Herrschaften bezeugten eine Freude, daß sie mich wieder sahen. Kurz:[179] so weit brachten sie es, daß ich mir wahrhaft einbildete, ich wäre unsichtbar gewesen; denn man glaubts nicht, wenn bei einem Hofe viele einander helfen und in ein Horn blasen, so ist es keine Kunst, einen konfus und ganz närrisch zu machen. Der Major Kloben war vor einem halben Jahre durch seine Suppenkochkunst, Musikgeigen und Flautotravers schon fertig gemacht, daß er in seiner Einbildung Herzog von Franken geworden ist. Nun war die Reihe an mir, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ich General Paoli in Korsika geworden, weil mir schon von dorther ein großmächtiges Einladschreiben mit einer griechischen Kleidung auf dem Postwagen zugekommen, franko gegen Auslag 16 Tlr.; doch aber ließ mich der Fürst kommen, redete mir die Sache aus und brachte mich wieder zurecht; er versicherte mich aber, wenn es so fortging und ich nicht schon ein Narr wäre, ich große Hoffnung hätte, bald einer zu werden.

Wir blieben noch eine Zeitlang zu Würzburg, alsdann ging der Fürst in den von der Stadt eine Stund weit entlegenen Garten und Sommerschloß Veitzechheim. Es war die schönste Frühlingszeit; ich kam auch mit, und der Fürst war wohlauf und guten Humors. Unter dieser Zeit war der Herr von Bubenhofen mit dem Herrn Oberststallmeister von Welten in Schwaben auf dem Gut zu Laubheim; zu diesem kamen ein paar Tyroler, welche Öl und Theriak in der Welt herumtrugen. Er fragte sie, ob sie mich kenneten; – ja, und sie wären meine nächste Nachbarn. Gut; er ging mit ihnen ins Wirtshaus, ließ ihnen zu essen und trinken geben, nahm Feder, Tinte und Papier und fragte sie um alles aus: wie mein Haus, wie Stuben und Kammer darin aussehe, wie die Stiege aus der Stube in den Keller hinuntergehe, was[180] im Keller, auf dem Boden, unterm Dach, in meinem Roß- und Geißstall hinter dem Hause sich befinde. Mein Weib hatte er in Würzburg schon gesehen.

Nun kam er nach Veitzechheim, um dem Fürsten aufzuwarten. Er grüßte mich als Schwager, erzählte mir auch zugleich, daß er vor einem halben Jahr eine Reise durch Tyrol nach Italien gemacht und sich bei mir zu Hause und bei meinem Weibe eine Zeitlang aufgehalten habe; er beschrieb mir so natürlich mein Haus, Stuben, Kammer, Keller, Boden, Roß- und Geißstall, Rinder etc., daß ich an der Wahrheit gar nicht mehr zweifelte. Ich kannte zwar mein Weib, aber das Ding stieg mir teufelmäßig im Kopf herum. Mehrere Kavaliere redeten laut und in der Stille davon. Ich fing an Mausbüchsen zu machen und schoß über die Gaißmauer hinunter auf die St. Barbara-Kapelle, wenn die Gänse und die Mäuse miteinander Krieg hatten.

Es war regnerisch, es donnert und blitzet. Ich brauch keine Tobakspfeife, wie die Mannsbilder. Eine ganze Krautbrennten voll Kratzbeere haben die Weiber im Himmel droben. Geweihte Milchkräpfeln, Hündler und Kätzler und nackete Hainzeler haben sie gehabt. Gredler Sandl und Hueben Wastl, Satler Reichard und Krosbichl Gräz und Wastl Wastäl. So ging es in meinem Kapitolium durcheinander, und etliche Wochen konnte ich nicht aus der Sache kommen. Endlich schrieb ich einen Brief nach Haus an mein Weib, sie sollte mir die Wahrheit schreiben, ob ein fremder Herr sich eine Zeitlang bei ihr im Hause aufgehalten habe oder nicht. In vier Wochen bekam ich einen Brief aus Tyrol von meinem lieben, getreuen Weibe. Mit Freude und Furcht machte ich ihn auf und las darin folgendes:
[181]

Ried dem 1. Mai 1769.


Gott zum Gruß!


Vielgeliebter Schatz! ich hoffe, meine Zeilen werden dich gesund und wohl antreffen, welches mich vom Herzen freuet. Ich bin heut Gott Lob um eilf Uhr mit einem frischen und gesunden Bubenhofen, welcher den Namen Philipp Antoni hat, niedergekommen; es ist zwar hart hergegangen, nun ist es aber vorbei, und ich befinde mich ganz wohl. Das Diendl küßt dir die Hand, vielgeliebter Schatz! wenn es sein kann, daß du bald nach Haus kommen könntest, wäre es mir vom Herzen recht. Deine Schwestern lassen dich grüßen, und ich verbleibe wie allzeit dein


getreues Weib

Maria Fiechtlin.


Nun war alles aus: ich kannte die Hand und meines Weibes Schrift zu gut und wußte, daß sie den Bubenhofen nicht kenne und von der ganzen Sache nichts wissen konnte, wenn es nicht wahr wäre; ich fing an zu rehren und zu heulen, ging in mein Zimmer, packte zusammen und wollte fort.

Der Fürst erfuhr dieses und ließ mich geschwind zu sich rufen, redete mir alles aus und versicherte mich, daß so wahr er Fürst wäre, alles nur Spaß und an der ganzen Sache nichts sei. Ich mußte ihm den Brief geben, und er sagte mir, daß sie meinen Brief aufgefangen: mein Weib hätte mir nur geschrieben Buben, und sie hätten hofen dazu gemacht; er wisse es gewiß, mein Weib sei unschuldig und wisse von allem nichts; ich sollte nur nicht so närrisch sein und alle dergleichen Sachen glauben;[182] er gab mir zugleich einen scharfen Verweis, und ich mußte damit zufrieden sein. Alles war wieder in der Ordnung, der Fürst und wir alle waren lustig und wohlauf. Am Sonntag darauf in der Gesellschaft hörte ich vom Bubenhofen, Graf Reuß, Truchseß, Herrn v. Heß und Rittmeister Higele, daß morgen in der Frühe vorm Zellertor beim Soldatengalgen zween erschossen werden. Ich hatte es noch nie gesehen; wir stunden deswegen dem andern Tag um drei Uhr auf, fuhren über den Main und gingen über den Zellersteig hinauf, wo wir schon trommeln hörten, weil das Kerptische Kreisregiment im Feuer exerzierte.

Wir liefen und glaubten, es wäre schon die Exekution; wir kamen ganz nahe hinzu, als auf einmal hinter mir aus den Weinbergen sechs Grenadier herauskamen, mich arretierten und zum Stab hinführten, wo viele Herren beisammen waren. Es wurde mir mein Tyrolerrock ausgezogen, ein Soldatenrock angelegt, Patrontasche, Grenadiershaube und eine Muskete auf dem Arm. Wer mich und mein Courage kennt, kann sich einbilden, wie mir zumute war.

Man führte mich in das erste Glied hinein, schwenkte sich gegen den Galgen und fing an abzufeuern; ich war wohl öfters als zehenmal dabei zu Boden gefallen, man erinnerte mich aber allzeit mit dem Stocke wieder zum Aufstehen; so mußte ich bis halb sieben Uhr im Feuer stehen und mit herumziehen. Was für einen barmherzigen Soldaten ich vorgestellt habe, kann sich jeder leicht einbilden. Zuletzt mußte ich in die Kaserne einrücken. Ein Schweißtropfen floß auf den andern, und ich wußte nicht, was ich denken sollte, weil ich bis zwölf Uhr in der Kasernen bleiben mußte. Ich schickte zu dem[183] Kommandanten, General Stetten, und ließ ihn fragen, ob es der Fürst befohlen hätte; er gab aber gleich den Befehl, mich zu entlassen.

Nun war ich wieder voller Freuden, fuhr auf dem Wasser hinunter und kam zu Veitzechheim an, wo man mich aber auch gleich auf die Wache führte, weil ich ohne Erlaubnis fortgegangen bin. Endlich trug man bei der Tafel das Konfekt auf; ich wurde geholt und wie ich kam, lachte der Fürst schon von weitem, weil ich noch ganz soldatenmäßig aussah und noch nichts im Leibe hatte. Der Fürst fragte mich, und ich erzählte ihm, wie es mir ergangen, wobei der Fürst und alle Herrschaften nicht wenig gelacht haben. Ich bekam wieder zu essen und zu trinken, und weil meine Handschuhe verkauft waren, bedankte ich mich beim Fürsten, der mir meine Pension gab; ich nahm Abschied und ging am Samstag nach Würzburg. Ich blieb allda bei meiner Mutter auf der Post; sie sagte, weil morgen Sonntag ist, sollte ich nicht reisen, sondern bei ihr bleiben, da ich ohnehin nicht viel zu Haus gewesen wäre.

Dem andern Tage ging ich in die Domkirche; da sahen mich der Bubenhof, Franzl Greiffenklau und der Domherr Zurein. Sie kamen zur Mittagstafel nach Veitzechheim und sagten es dem Fürsten, welcher gleich befahl, einen Husaren heraufzuschicken und mich abholen zu lassen.

Wie wir beim Tische waren, kam der Husar vor die Post und rief: »Wo ist der Hoftyroler?« – »Hier! was giebts?« – »Heraus nach Veitzechheim.« – »Wo fehlt es dann?« – »Das weiß ich nicht; es ist der Befehl vom Fürsten; geschwind.«

Ohne Hut mußte ich vor dem Husaren über den Graben[184] hinunter nach Veitzechheim laufen. Unterwegs machte ich mir allerhand Gedanken, was etwa passiert sein möchte. Wir kamen an; der Fürst war im Konzert; Rittmeister Bubenhof und Redwitz empfingen mich auf der Stiege. Ich ging zitternd zum Fürsten und küßte ihm die Hand. Der Fürst sagte: »Bist du noch hier? Ich habe geglaubt, du wärest schon lange im Tyrol.« – »Je nun, Fürst! was giebts dann?« – »Ich habe dich nur noch einmal sehen wollen; du kannst itzt schon wieder gehen.« –

Freudig ging ich den Weg zurück im vorigen Galopp nach Würzburg; meine Mutter und alle verwunderten sich, daß ich schon wiederum so lustig und wohlauf gekommen bin, und sagten zu mir: »Du siehst doch, daß dich der Fürst gern hat und leiden kann.« Der Herr von Rosenbach und seine Frau, eine geborne Kinsbergin, ließen mir sagen, ich möchte auf die Nacht zum Essen kommen. Ich kam, und er schenkte mir ein paar Pistolen auf die Reise.

Nun ging ich mit meinem Fuhrwerk von Würzburg nach Ochsenfurt und Uffenheim. Unterwegs bekam mein Pferd ein Hühneraug an einem Fuß und wurde deswegen lahm, so daß ich es von Uffenheim nicht mehr weiter bringen konnte; was war zu tun? Der Sternwirt, der Bot von Anspach, der Forstner, Gegenschreiber und noch etliche Bürger sagten, ich sollte es ausspielen lassen; ich gab es dann für 11 fl. preis und spielte selbst auch mit ihnen. Das Pferd gewann der Bot von Anspach. Ich hatte also eine Chaise und kein Pferd dazu. Der Rat von Uffenheim, Herr Schmid, kannte mich schon länger und ließ mich mit seinem Pferd bis Lehrberg, eine Stunde von Anspach, führen.[185]

Von da aus schickte ich es zurück, spannte meinen Hofmeister an die Gabl, und ich ging an der Hand.

So zogen wir das Chaisel eine Stunde und hielten zu Anspach bei der Residenz vorbei, das Posthorn an der Seite und die Peitsche in der Hand, zum Schwarzen Bärenwirt unsern Einzug. Der Markgraf erfuhr das bald. Dem andern Tage kam ich nach Hof und küßte dem Markgrafen und der Markgräfin die Hand, welche mich gleich fragten, was meine Pferde machten.

Ich erzählte ihm alles, wie es mir ergangen. Der Markgraf lachte darüber und sagte: »Das geschieht gewiß nicht umsonst; denn ich kenne dich.« Der Hof ging nach Drießdorf, und ich auch mit.

Der Markgraf war gutes Humors und aufgeräumt; man fuhr von da öfters in die Stadt, und mir mangelte das Pferd. Ich hielt alldort sechs Wochen lang meine Residenz; endlich aber kam die Zeit, daß ich wieder nach Hause gehen sollte. Der Markgraf fragte mich öfters: »Wie bringst du dein Chaisel fort?« Ich sagte: »Wie ich es hergebracht habe.«

Wenn ich reiten wollte, widersetzte er, wollte er mir ein Pferd schenken. Weil ich aber seit der Reiterei von Partenstein auf keinen Esel mehr, vielweniger auf ein Pferd gekommen, so ging es sehr hart her; doch es mußte sein, wenn ich anderst ein Pferd haben wollte. Man brachte mir einen schönen Schimmel, und ich mußte darauf sitzen. Im Trapp ging es beim Falkenhaus vorbei, wo die Herrschaften von den Fenstern aus zusahen.

Ich sprang vom Pferde, ließ den Schimmel laufen und ging zu Fuß nach Haus. Die Herrschaften lachten alle darüber; ich kam zum Markgrafen, welcher sagte: »Weil du ein so guter Reiter bist, so mußt du ein Pferd haben;[186] mithin, der Schimmel gehört dir, ich will dir ihn schenken.«

Ich küßte ihm die Hand und dankte ihm dafür; packte meine Sachen zusammen, spannte den Schimmel ein und fuhr mit meiner Equipage über Oettingen, Donauwörth, Rhain, Aicha, Dachau und Mosach nach München.

Bei der Kreuzstraße nach Nymphenburg begegnete mir der Kurfürst mit vier Chaisen, Knaben und andern Reitern. Dieser sah mich und ließ mein Fuhrwerk halten. Er schickte den Kammerknaben von Segesser zu mir und ließ mich fragen, wer ich und was das für ein Fuhrwerk wäre. Antwort: »Ich bin eine Mannsperson.« – »Wo bist du her?« – »Von meiner Mutter aus Tyrol.« – »Wie heißest du Kujon?« – »Dem ganzen Tag Peterl.« Auf dieses fort. Er hinterbrachte alle Antworten dem Kurfürsten, welcher befahl, mich gleich nach Nymphenburg zu führen; er sagte: »Der ist gewiß derjenige, welcher bei der Tafel zu Nymphenburg hätte sollen Soldat werden, aber deswegen davongelaufen und auf dem Buckel gefallen ist.«

Ich mußte also hinaus. Mein Pferd stand beim Haushofmeister im Stalle, und ich hatte mein Essen und Trinken in der Tiernitz. Ich mußte täglich zur kurfürstl. Tafel, wo mich der Kurfürst, die Kurfürstin und alle Herrschaften wohl leiden konnten. Ich hatte auch die Gnade, mich vier Wochen bei dem kurfürstl. Hofe aufzuhalten.

Eines Tages bei der Tafel haben ich und der Kurfürst, nebst andern Unterhaltungen, auch Finger gezogen; er war mir aber viel zu stark und sagte: »Der Bub hat weniger Kraft als meine alte Schloßkatze.« – »Was?« sagte ich. Er sprach: »Ich wette mit dir um vier Bouteillen Burgunder,[187] meine alte Schloßkatz zieht dich über den großen Kanal hinüber.« – »Was?« versetzte ich wieder; »es gilt schon; ich ziehe dich und zehn alte Schloßkatzen über den Kanal hinüber.«

Das Gewett war richtig. Fremde Herrschaften waren zugegen, und zwar die verwitwete Kurfürstin von Sachsen und die verwitwete Markgräfin von Baden-Baden, der Herzog von Zweibrück, der Fürst von Kiemsee und der Bischof von Freysing.

Nach der Tafel brachte man die Katz und ein langes Seil. Alle Herrschaften nebst noch etlichen hundert Menschen sahen zu.

Der Zug ging hinaus zum Kanal; auf beiden Seiten waren Leute. Auf einer Seite war ich und auf der andern die Katze, welche an das Seil, wie ich unter den Armen, angebunden wurde. Ich hatte ein rot und grüne Uniform mit Silber von Würzburg an und stund auf der Seite, wo der Kurfürst und die Kurfürstin waren.

Der Kurfürst sagte: »Wenn ich dreimal gerufen habe, so darfst du ziehen.« Ich stellte mich in Positur am Ranfte des Kanals und dachte bei mir: Um vier Bouteillen Wein, welchen ich gern trinke, will ich das Luder ja herüber bringen.

Holla! ich hatte Courage; denn ich sah, daß der Katze jenseits nicht wohl bei der Sache wäre.

Allein wie betrog ich mich! Ich sah nicht, daß das Seil von der Katze weiter über die Spalier durch den Wald hineinging, hinter welchem zween Heiducken das Seil hielten, die ich nicht sehen konnte. Der Kurfürst rief: »Das Erstemal, Zweitemal«, und ich wartete aufs Drittemal – plumpf! da lag ich im Kanal und wußte nicht, wie mir geschehen war. Die Heiducken zogen mich über den[188] Kanal hinüber, und währenddem plumpfte ich bald in die Tiefe und bald in die Höhe und schnappte mit dem Maul nach frischer Luft.

Der Kurfürst lag vor Lachen auf einem von Rasen gemachten Kanapee und von den übrigen lag eines da, das andere dort; der Kurfürstin Maria Anna gingen vor Lachen und Bedauernis die Augen über. Die Katze an dem Seil lief in den Wald hinein; ich kam hinüber zum Gestad, setzte mich nieder, nahm den Kopf in beide Hände und betrachtete traurig, was mir passiert war. Ich sah auch, daß ich Wasser von mir gab und das Gewett verspielt war.

Es fing nun zu regnen an; die Herrschaften gingen also wieder in das Schloß, und ich ging zum Kontrolor und tröcknete mich. Vor Gift und Zorn über mein verspieltes Gewett soff ich zween Schoppen Brandwein; ich blieb lange aus und dachte mir, es ist doch eine harte Sache, mit großen Herrschaften umzugehen; denn man muß angeführt werden. Bei der Nachttafel kam ich nicht im Vorschein, der Kurfürst aber ließ mich holen. Wie mich die Herrschaften sahen, kamen sie abermal sehr ins Lachen; der Kurfürst schmeichelte mir und sprach: »Wir wollen nun unsern Wein vertrinken, morgen aber will ich dir einen Gnadenpfenning schenken und jährlich eine Pension zukommen lassen.« Ich küßte ihm die Hand, freute mich, hüpfte und sprang, und wir machten wieder Alliance.

Die Tafel ging zu Ende, ich nahm Behüt Gott, gab allen gute Nacht, und man ging schlafen. Des andern Tags in der Früh ließ mich der Kurfürst zum Koffee holen und sagte: »Wie hast du auf dein gestriges Bad geschlafen?« Ich küßte ihm die Hand und[189] sagte: »Recht gut.« Nun gab er mir, so groß als ein bairischer Taler, eine goldene Medaille, worauf sein Porträt und die Aufschrift Gratia principis war, und auch zugleich ein Dekret folgenden Inhalts:


Formalia


Es tragen zwar Se. kurfürstliche Durchläucht weder mit wahrhaften, noch verstellten Narren kein besonders Wohlgefallen, finden auch den Supplikanten viel zu vernünftig, um ihn in solcher Qualität bei Hofe anzustellen. Jedoch in Rücksicht auf des lausigen Peterls besondere Eigenschaften und daß derselbe von Jugend auf sich besonders applicieret, die untern Schulen unter dem Magister Zuchthaus und die höhern unter dem berühmten Professor Strick mit besonderm Lobe absolviert, auch unter letzterm, nebst eigenhändiger Arbeit, in erhabner Stellung sine Præside mit besonderer Geschicklichkeit defendieret; nach abgeschnittenen Studiis aber sich auf das Mausbüchsen machen verleget und in dieser Kunst, besonders im Regenwetter, erstaunliche Sprüng und Progressen gemacht: als haben Höchstdieselben ihm in solcher Qualität gnädigst benennet und ihm ein Gnadengehalt von jährlichen sechs Tausend neun Hundert und zwölf – Pfenning ausgeworfen, welche, so er, oder einer in seinem Namen sich hier legitimieren wird, richtig bei Unserm Kabinett werden entrichtet werden, insolange er sich durch seine gute Aufführung dessen würdig machen wird.


MAXIMILIAN JOSEPH.

Secretarius Droïen.

Cancellist Sack.
[190]

Wie mir der Kurfürst selbst dieses Dekret heruntergelesen und ich die Zahl 6912 hörte, glaubte ich, es wären Gulden, und machte deswegen einen Freudensprung und Burzelbaum. Der Kurfürst hielt ein und sagte ganz sachte: »Pfenning.« Da ich das Wort Pfenning hörte, wurde meine Freude in etwas gemäßiget und ich hierüber gelaßner.

Der Kurfürst selbst dividiert mir diese Summe zu Kreuzer und sodann zu Gulden, welches Produkt jährlich zwölf bairische Taler, folglich alle Monate einen solchen ausmacht, welche ich noch von Sr. itzt regierenden kurfürstl. Durchl. zu Pfalz-Bayern zu genießen und zu erheben habe; wie folget.


Dupplicat. Sign.


Nachdem Ihro kurfürstl. Durchläucht auf untertänigstes Verlangen des Peter Prosch sich huldreichst zu entschließen geruhet haben, demselben oder auch einem, der sich in seinem Namen melden wird, jährlich eine Gratifikation von zwölf bairischen Talern aus Höchstdero Kabinetts-Cassa, solang er sich wohl verhaltet, abreichen zu lassen, so wird solches gedachtem Peter Prosch zu seiner Legitimation hiemit nachrichtlich angefügt.


Sign. München den 13. Oktob. 1771.


NB. Den 7ten November 1778. geruheten Se. itzt regierende kurfürstl. Durchl. etc. etc. oben bemeldte Gratifikation, vermög Signatur, so der Kabinetts-Cassa-Rechnung beiliegt, mildest zu bestätigen.

J.G. Pletz.


Für alles dieses küßte ich dem Kurfürsten tausendmal die Hände, dankte ihm für alles und ging von München[191] wieder nach Haus ins Tyrol. Unterwegs erfuhr ich zu meinem größten Leidwesen, daß mein geliebtes Weib in ihrem letzten Kindlbette aus Abgang der notwendigen Hülfe, weil wir keine unterrichtete Hebammen hatten, unglücklich gewesen und mit Tode abgegangen sei.

Wie groß mein Herzenleid gewesen, kann ich niemand sagen. Wir brachten beim Heuraten einunddreißig Jahre und fünf Monate zusammen, hausten acht Jahre in Lieb und Frieden und erzeugten vier Kinder, deren zwei gestorben, ich aber itzt noch eine Tochter mit eineinhalb Jahr und einen Sohn mit sechs Wochen, aber keine Mutter mehr dazu hatte; und ich endlich ein Mann ohne Weib.

Ich habe in der Jugend meinen Vater und Mutter verloren; mir kam es aber nicht so hart an, als der Tod meines Weibes. Ja, ich will es glauben, wenn einer ein rechtes Zankeisen hat, daß man es leicht entraten kann und man froh ist, wenn ein solches Weib aus der Welt abpatschet; aber das war die meinige nicht: denn alle Leute hatten sie gern, sie wurde von jedermann geliebt, wer sie nur kannte, und sie war gewiß das beste Mensch von der Welt; deswegen kann ich sie nicht vergessen, solange ich lebe, ich war ihrer aber nicht wert. Tröste sie Gott!

Nun nahm ich meine Schwester Regina zu mir, welche mir hausen und den kleinen Kindern warten sollte; ich aber besorgte die Wirtschaft und das Brandweinbrennen.

Quelle:
Prosch, Peter: Leben und Ereignisse des Peter Prosch, eines Tyrolers von Ried im Zillerthal, oder Das wunderbare Schicksal, Geschrieben in den Zeiten der Aufklärung, München 1964, S. 165-192.
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