Achtes Kapitel

[142] Mein Weib war eben im Begriff, mit meinem Schwager und einem Memorial nach Wien zu gehen und meine Schwester mit weißer Wäsche zu mir nach Innspruck zu schicken, als der Bot kam, mit Vermelden, wie und wo ich wäre. Sie erschrak aus Freude darüber, gab ihm 4 fl. Geld, Schnupftüchel, Hut, Schuhe, Rock und Brustfleck mit und sagte, sie werde sich gleich auf München begeben, wo wir uns einander sehen könnten. Ich blieb noch zween Tage liegen, weil ich nicht gehen konnte. Dem vierten Tage stund ich auf, und es wurde beschlossen, daß mich der Prälat mit einem Jäger über die Lampsen bis in die baierische Riß zu nachts sollte führen lassen. Um zwo Uhr nachts traten wir den Weg an; ich bedankte mich vorher, weil ich für Kost und Liegerstätte nichts bezahlen durfte, und nahm Abschied. Wir gingen bei drei Stunden über ein grausam steiles und felsigtes Gebirg hinauf der Lampsen zu. Der Jäger hatte Brot und Brandwein bei sich, davon wir bisweilen einen Bissen nahmen und einen guten Schluck darauf taten. Gegen fünf Uhr sahen wir von ferne auf einer Felsenwand etliche Gemse; ich wartete, der Jäger ging darauf zu, er ließ knallen, und es burzelte ein Gemsbock herunter; der Jäger öffnete ihn, schoppte Taxen hin ein, ließ ihn liegen und deckte ihn zu. Wir gingen unsern Weg, kamen auf die Lampsen und hielten allda Mittag. Darnach gingen wir dem Berg hinunter und kamen durch die kaiserliche in der baierischen Riß auf dem Abend an.

Es war allda nur ein einziges Wirts- und Jägershaus zugleich, woselbst wir über Nacht blieben.[143]

Des andern Tags bedankte ich mich beim Jäger; er ging wieder zurück, und ich ging durch das Tal im Isarwinkel bis nach Lengries, dort fuhr ich auf einem Floß nach München.

Als wir zu München unter der Isarbrücke fuhren, sah ich mit größter Freude mein Weib und meinen Schwager auf der Brücke stehen. Wir stiegen aus, ich und mein Weib und Schwager kamen zusammen; Hand in Hand umarmten wir uns, gingen in ein Wirtshaus, aßen und tranken; ich erzählte ihnen alles, wie es mir ergangen, welches mein Weib mit Weinen anhörte; wir beratschlagten uns auch, was wir weiters anfangen sollten. Mein Weib hatte die Vorsicht gebraucht und meine zu Haus gehabte Ware auf dem Postwagen gegeben.

Nun wurde beschlossen, nach Ellwang zu gehen, weil sie die Ware dorthin bestellt hatte. Wir gingen auf Dachau, Schwabhausen, Aicha und Postholzen. Da blieben wir über Nacht; ich und mein Weib schliefen zusammen. Ich hatte meine Hosen und Hemd an; der Schröcken war noch in mir und mir kam im Schlafe vor, die Schergen wären wieder hinter mir: ich sprang zum Bette und Haus hinaus, der Straße nach durch Rhain, Donauwörth, Harburg und etwelchen Dörfern bei zwölf Stunden weit, bis Wallerstein zum Kronenwirt ins Haus. Dieser kannte mich, gab mir Essen und Trinken, und weil ich nichts redete, als von Schergen und Verfolgen und eine große Furcht zeigte, so sperrte er mich in ein Zimmer, womit ich zufrieden war. Die Sache wurde im Städtchen bekannt. Dem Tag darauf kam mein Weib und Schwager, erfragten mich und brachten mir wieder meine Kleider. Was war das wieder für eine Freude! Der Haushofmeister von Wallerstein kannte mich auch,[144] ließ mich und mein Weib nach Ellwang führen, damit ich nicht mehr durchgehen könnte. Wir kamen zu Ellwang in der Residenz an. Der Fürst, welcher schon alles wußte, hatte eine Freude, daß ich wieder angekommen wäre; er versprach mir gleich seinen Schutz, gab mir Quartier bei Hofe, wie auch die Kost, und ich war nun außer aller Sorge und Furcht. Der Leibmedikus Tröltsch von Nördlingen und Doktor Steinmann verschrieben mir Medizin, und in einem Vierteljahr wurde mir von dem Kammerdiener Singheiser wohl öfters als siebenmal zur Ader gelassen; ich bekam aufs neue mit schärferm Befehl meinen Hofmeister, durfte auch ohne Erlaubnis nirgends hin als in Hofgarten und zur fürstlichen Tafel gehen; bisweilen auch in Märzenkeller und zu St. Sebastian unter die große Linde außer der Stadt. Ich wurde nach und nach besser, und der Fürst erfreute sich, daß ich wieder gesund war. Ich blieb noch bei einem halben Jahre in Ellwang.

Meine Handschuhe waren angekommen; ich war besser, so daß nichts mehr zu fürchten war. Mit Erlaubnis des Fürsten, der mir was schenkte und den Befehl gab, bald wiederzukommen, gingen wir auf Grallzheim, Barthenstein, Mergenthal und Würzburg; allda kamen wir zu meiner Mutter, Oberpostmeisterin von Decos, und logierten bei ihr. Zu Würzburg war von meiner Affäre noch nichts bekannt; ich ging mit meinen Handschuhen zu den Herrschaften, welche eine Freude hatten, mich wieder zu sehen, verkaufte auch überall.

Mein Weib aber, weil sie jung und schön war, nahm ich nicht mit mir; man weiß schon, wie es bei Herrschaften hergeht, wenn sie ein fremdes Wildpret sehen; nur zu der Obersthofmeisterin von Greiffenklau ging sie mit[145] mir und blieb auch manchen ganzen Tag bei ihr im Zimmer, weil sie die Frau Obersthofmeisterin gern hatte. Mein Weib war ohnedem scheu und nicht gerne unter vielen Leuten; deswegen blieb sie gern zu Hause. Ich kam nach Hof, und der Fürst hatte eine rechte Freude, mich wieder zu sehen, weil ich so lang ausgeblieben war, aber um alles übrige wußte er nichts. Ich bekam, wie ehevor, meinen Tisch bei der Knaben- und Offiziertafel, und alle Kavalier hatten mich sehr gern. Eines Tags ging der Fürst mit vielen Herrschaften ins Kollegium, um neue elektrische Maschinen zu sehen und zu probieren. Ich mußte auch mitgehen. Wir kamen in den Saal, und es fing an zu donnern, zu blitzen und zu regnen: alles war mathematisch. Man zeigte dem Fürsten allerhand Sachen. Ich hatte lederne Hosen an. Der Herr Oberststallmeister von Welden kam wie ungefähr zu mir und sagte, ich sollte mich in den Lehnstuhl, der in der Gegend stund, setzen. Ich tat es, und er plauderte mir von seinem Pferde was vor, welches er mir schenken wollte. Ich spürte etwas, und man pumpte mir das ganze Hinterquartier in den Stuhl hinein.

Der Fürst kam gegen mir herunter; man sagte mir, ich sollte aufstehen, ich konnte mich aber nicht losmachen, soviel ich mich auch bemühete. Der Fürst, alle Herrschaften stunden vor mir und sagten, ich sollte doch aufstehen, es schicke sich nicht, vor dem Fürsten zu sitzen. Ich konnte aber nicht. Alles lachte, besonders der Fürst so sehr, daß ihm die Augen übergingen.

Ich mußte eine Weile hangen, bis ich wieder losgelassen wurde. Ich konnte aber zween Tage kaum mehr sitzen. Man sah noch allerhand Sachen. Endlich mußte ich auf[146] ein Bänkel stehen; man gab mir einen Eisendraht in die Hände und trieb ein Rad um.

Weil ich den Likör gern trank, kam der Fürst mit einem Gläsl und sagte: »Peterl! riech nur, wie herrlich er schmeckt!« – Ich schmeckte, und sieh! aus meiner Nase brach Feuer heraus und zündete den Brandwein an; das Feuer fuhr so in meine Nase herauf, daß ich glaubte, es werde mir meinen Kopf zerreißen: ich wußte nicht mehr, wo ich stunde. Der Fürst ließ vor lauter Lachen das Glas samt dem Brandwein fallen.

Die Herrschaften konnten sich auch nicht genug lachen, und ich wußte nicht, wie mir geschehen war, denn das war mir kein Spaß. Man sah noch mehrere Sachen; auch die Kirche, die nun sollte gebauet werden. Endlich fuhr man wieder nach Hof.

Es gingen etliche Tage vorbei, und der Fürst erfuhr, daß ich mein Weib bei mir hatte; er fragte mich: »Du hast ja dein Weib bei dir?« – »Ja!« – »Warum führst du mir sie nicht auf und bringst sie nicht nach Hof?« – »Nä! nä! es ist nicht notwendig.« – »Du mußt sie doch einmal hereinführen!« – »Für was? du weißt ja, wie es bei Hofe hergeht: Sippschaft, Oheim, Vetter, Enkel, Schwäger; ich brauch das Ding nicht, ich mag nicht.« – »Ist sie so schön?« – »Ja freilich!« – »Morgen bring sie mit dir herein oder ich laß sie holen; du mußt nicht so kindisch sein, es geschieht ihr ja nichts bei Hofe.« – »Ja! du weißt es nicht und bist nicht überall dabei.« – »Nun, ich sag es dir, bring sie morgen mit dir, oder ich –.«

Die Tafel war vorbei, ich ging nach Haus und erzählte meinem Weib alles, welche keine Freude daran hatte, auch nicht gern nach Hof ging, weil sie scheu und furchtsam war. Ich hatte es zwar auch nicht gern, allein es[147] mußte doch sein. Es war Sonntag und bei Hofe große Kapiteltafel. Ich legte mein schönes Kleid, blau und rot mit Silber, und mein Weib ihr Feiertagskleid an. Wir aßen zuvor bei meiner Mutter über Mittag. Es schlug zwei Uhr. Ich nahm einen langen Strick, womit man die Wäsche aufzuhängen pflegt, band mein Weib am rechten Fuß damit an und das andere Ende wickelte ich drei- bis viermal um meinen linken Arm. Also führte ich sie durch die Stadt nach Hof. Wir hatten nicht wenige Begleiter.

Als wir über den Residenzplatz kamen, schauete bei Hof alles heraus. Der Hoffourier führte uns in den Marschallsaal. Potz Blitz! da gings zu: »Peterl, daher! Peterl, hierher!«, ich aber setzte mich mit meinem Weibe zwischen zween aufrichtig guten, vertrauten Freunden, dem General Münster und General Kerpen. Wir waren sicher. Alle Kavalier brachten meinem Weibe Konfekt, Äpfel, Mandeln, Birne und Wein, aber mir nichts. Sie gefiel ihnen, aber ich hielt meinen Strick fest. Im Fürstensaal war Musik. Es war der Domprobst Frankenstein, Domdechant Groß, Weihbischof, Landrichter Greiffenklau, Kammerpräsident Kuttenburg, Obermarschall, General Stetten, Jägermeister Pöllnitz, Stallmeister und viele Damen und Domherren gegenwärtig. Das Konfekt wurde aufgetragen.

Die Kavalier gingen hinüber und ich mit meinem Weibe auch hinten drein.

Als uns der Fürst kommen sah, lachte er schon von ferne. Ich führte sie zu ihm hin, wir küßten ihm die Hand; er lobte sie und lachte mich aus, daß ich sie nicht eher nach Hof gebracht hätte. »Früh genug«, sagte ich. Der Fürst lobte sie abermals, wie auch alle Herrschaften,[148] und verwunderten sich, daß sie mich hat heuraten mögen, und dennoch war ihr keiner lieber als ich; denn sie wußte schon warum. Ich hielt immer meinen Strick fest und dachte, jetzt hat es keine Not mehr. Die Tafel ging zu Ende, man stund auf und trank Koffee. Mich führte man aber zum Schenktische; weil sie mich alle gerne hatten, tranken sie mir eines zu auf die alte Hack; schwarze Guckele; was scherts die Welt; blaue Guckele; Hannsl im Keller; drei Hauptständ; uns wohl, niemand übel; brave Soldaten; ins Herz hinein, daß's bufft; alle schöne Mädeln; so viel Tropfen, so viel Jahre. Sie gaben meinem Weib auch zu trinken, und wir tranken guten Wein.

Dem Fürsten gefiel es, daß mich die Kavalier gerne hatten, und lachte sehr.

Alles stund voll herum; der Fürst redete lang mit mir, und ich hielt meinen Strick fest. Unter dieser Zeit schnitt der Domprobst Frankenstein den Strick ab, und mein Weib war fort. Er war zwar beiläufig siebzig Jahre alt. Der Fürst redete noch mit mir; wir tranken; ich hatte aber auf mein Weib vergessen; er ging, die Herrschaften auch; ich sah mich um nach meinem Weib: au weh! ich hatte nichts als einen Züpfel Strick noch um den Arm. Da war es aus.

Ich lief fort nach Haus, und sie war nicht da. Ich suchte sie im roten Bau, Rosenbach, Zobl, konnte sie aber nirgends finden noch erfragen. Ich nahm zween Stadtknechte; wir suchten alle Häuser in der Stadt aus bis in die Nacht, aber umsonst. Ich weinte, weil ich wohl wußte, daß meinem Weibe auch nicht wohl wäre. Die Nacht ging, wiewohl traurig, vorbei.

Dem andern Tag ließ mich meine Mutter kommen und[149] sagte, ich sollte mich nur nichts bekümmern, sie wäre an einem guten Ort und wohl aufgehoben. –

»Das macht nichts, ich bin Possessor, und wenn sie kömmt, so will ich sie recht abtrischacken.« – »Untersteh dich, und rühre mir wegen diesem das gute Weib an; sie kann nichts dafür.« – »Was, parbleu! ich sie nicht anrühren?« –

Unter dieser Zeit kam der Hofläufer Joseph und sagte, ich sollte gleich zum Fürsten kommen. Ich ging, der Fürst war noch im Schlafrock in der kleinen Galerie; ich ging hinein und küßte ihm die Hand.

»Wie hast du geschlafen?« – »Ich habe nicht geschlafen; ich weinte.« – »Du mußt kein so Narr sein; dein Weib, die Kapfinger Maidäl, ist bei der Kammerjungfer der Frau von Frankenstein gelegen; du kennst ja den Domprobst, er ist ja ein alter Herr.« – »Ja, Fürst! alte Kühe lecken auch gern Salz; ich will sie schon trischacken, wenn sie kömmt.« – »Wenn du sie trischackst, so will ich mit dir auf der Fürstenwacht trommeln lassen; untersteh dich und füg ihr nur das mindeste Leid zu! Ich werde es gleich von deiner Mutter erfahren, so darfst du sodann nicht mehr nach Hof.« – »So! du hilfst auch noch dazu zum Mätressieren?« – »Ja, auf solche Art, weil man dich nur vexiert; es ist ja nur Spaß.« – »Ah Spaß! was verstehst du von der Weiberei.« – Der Fürst lachte und sagte: »Itzt geh nach Haus und wenn sie kömmt, gieb ihr gute Worte und küsse ihr die Hand.« – »Ja, ja! ich will sie schon küssen.« – »Untersteh dich!«

Ich ging nach Haus: meine Mutter saß im Zimmer und fragte mich, was der Fürst gesagt hätte. Ich setzte mich auch in einen Winkel. Endlich kam mein Weib weinend, weil sie mich schon kannte. Ich sah sie nicht an und[150] kehrte mich gegen die Wand. Meine Mutter fing an: »Schämst du dich nicht, du eifersüchtiger Lally? die Herrschaft macht Spaß, und du plagst dein Weib auch noch? Sie hat sonst nicht viel Gutes an dir; gleich schau sie an und gieb ihr die Hand!« – »Ja, wenn sie solche küßt.« – »Vom Herzen gern, mein Schatz!« sagte mein Weib.

Ich schaute sie nun ein wenig an und gab ihr die Hand; sie küßte mir selbe und bat mich um Verzeihen; ich fuhr ihr um den Hals, und wir waren nun wieder ein Paar. Wir blieben auch noch eine Zeitlang in Würzburg, bis wir alle unsere Handschuhe verkauft hatten. Zuletzt bedankten wir uns beim Fürsten, weil er uns was Ehrliches geschenkt und gesagt hat, ich sollte mit meinem lieben Weib gescheit sein, gut hausen und bald wiederkommen.

Wir nahmen von allen Herrschaften Abschied, gingen zurück über Pittert, Mergenthal, Parthenstein, Grallzheim und kamen wieder auf Ellwang. Den dasigen Fürsten freuete es, daß wir so glücklich gewesen und ich wieder ganz gesund wäre. »Itzt müßt ihr eine Zeitlang bei mir bleiben und ausruhen.« Wir blieben da, alles war recht lustig, und wir hatten die schönste Zeit.

Mein Logement hatte ich, wie allemal, bei Hofe. Unter dieser Zeit war bei der fürstlichen Tafel der Diskurs wegen meiner vorjährigen Affäre, und der Fürst sagte, man müsse doch was anfangen und nach Wien an die Kaiserin schreiben, sonst wäre ich zu Haus nicht sicher. Unterdessen hatte er Kundschaft von Innspruck eingezogen. Der Herr von Leyden war Vizedom, ein vernünftiger und gescheiter Herr, dieser mußte mich unter die Hand nehmen und abhören. Außer der Stadt in dem Graben[151] mußte ich wieder Inquisit werden. Das Examen fing so an: Wo bist du her? Wie heißt du? Wie alt? Auch kamen öfters wieder Servancis servacis und Factis specis zum Vorschein, und so fort bis zum Henken: von da aus bis zum Ausspringen vom Zuchthaus und so alles akkurat, als wie es unsre Obrigkeit zu Haus gemacht hatte, daß ich wirklich geglaubt habe, sie haben es miteinander abgeredet. Der Herr von Leyden machte einen Auszug und Bericht dazu. Der Fürst begleitete es mit einem Schreiben und bekräftigte es mit seinem großen Signet und eigener Unterschrift. Nun sollte ich mit meinem Weib nach Wien zu der Kaiserin gehen. Weil ich aber noch furchtsam war, getrauete ich mir nicht in das Kaiserliche zu kommen, aus Furcht, ich möchte aufgefangen werden. Ich wartete noch etliche Tage, und es trug sich zu, daß mein Vetter Urban Mayr mit seinem Bruder Philipp auch von der Handelschaft hier anlangten.

Wir hatten eine Freude einander zu sehen. Sie kamen zum Fürsten, und weil der Fürst wußte, daß der Urberl schon einmal mit mir zu Wien gewesen war, fragte ihn der Fürst, ob er nicht wollte mit meinem Weibe nach Wien zu der Kaiserin gehen; er wollte ihn schicken. »O ja! als Gesandter gehe ich gern.« Der Fürst gab ihm 20 bairische Taler, für beide zur Zehrung.

Der Fürst gab ihnen die Briefe, sie gingen nach Regensburg und fuhren auf dem Wasser nach Wien. Die Kaiserin war dazumal zu Laxenburg. Durch meinen Vater Kotegg fanden sie bei der Kaiserin einen Zutritt; mein getreues Weib tat einen Fußfall und bat für mich. Die beste Kaiserin versprach ihr alles bei der Hand, schenkte mir alle künftige Strafe und gab ihr noch 12 Kremnitzer Dukaten zu einem Reisegeld. Mein Weib bedankte sich,[152] küßte ihr den Rock und ging wieder nach Wien. In zween Tagen bekam sie einen Brief vom Graf Würm an die Obrigkeit zu Innspruck, daß, wenn nichts anders obwalte, als was sie vorgeben, die Kaiserin mir alles geschenkt habe und ich frei wäre.

Mit Freuden schrieb sie mir alles nach Ellwang. Sie fuhr sogleich von Wien mit einem Zeiselwagen über Linz und Salzburg ins Tyrol, und kam in zehn Tagen glücklich zu Hause an. Nun wollte ich auch nicht mehr lang bleiben; ich machte mich auf, bedankte mich beim Fürsten und ging auch wieder nach Hause.

Alle Leute verwunderten sich, daß ich mich aus dieser Wäsche so glücklich herausgearbeitet habe. Ich blieb eine Zeitlang zu Hause, und wir lebten miteinander in Lieb und Frieden. Mit der Zeit hielt ich zu Innspruck bei dem Gouverneur, Grafen von Enzenberg, um das Brandweinbrennen an, welches ich auch laut folgenden Patents erhielt.


Formalia


WIR N. UND N. DER RÖM. K.K. APOSTOL. MAJESTÄT usw. usw. Repräsentations- und Hofkammer-Präsident, auch Rat der O. Oe. Landen, urkunden hiemit, daß wir dem Peter Prosch zu Ried, Gerichts Rottenburg am Inn auf sein eingereicht bittliches Anlaschen das Kerschen-, Wachholder-, auch allerhand Obst- und Beerbrandweinbrennen mit zween Häfen in der von den Häusern entlegenen Hütte auf seine Person, auch auf Wohlgefallen und Widerrufen, gegen nachfolgenden Bedingnissen bewilliget haben, daß er, Prosch, in das unter-inntalische Umgelderamt, solang selber mit dem Brandweinbrennen im obgemeldeten Ort fürfahren wird, 2. fl. Umgelds-Rekognition[153] jährlich zu entrichten habe und zu sotaner Brandweinbrennerei sich allein des Holzes aus dem Salzburgischen (wozu er sich anheischig gemacht) zu gebrauchen, dann den Brandwein nicht als ein Zechgetränk weder zu Hause noch sonst kleinwein auszuschenken, minder einig verdächtigen Personen Aufenthalt zu geben, gehalten und verbunden sein solle. Anbei wird ihm, Prosch, anbefohlen, wenn er jemand andern wissen sollte, so derlei Brandwein brennete, und nicht mit einem von uns ordentlich ausgefertigten Patent versehen wäre, solches unverlangt und zwar bei Verlust dieser Konzession anhero anzuzeigen. Zu welchem Ende dann und mit obig ausführlichen Bedingnissen wir eröftertem Peter Prosch diese Konzession unter etwelch aus unsern Miträten Handschrift und Petschaften verfertiget, bestellen lassen. Gegeben zu Innspruck, den 23. Monatstag Februar Anno 1761.


J.G. FREIH. V. ENZENBERG.

Sebastian Graf Trapp.

Franz G. Sterzing.

Joh. Ach. Fenner.


Ich brannte also Kerschen-, Wachholder-, Zwetschken-, Äpfel- und Birnbrandwein. Ich hatte die Gerechtsame und meine Schwestern Lisl und Threindäl taten die Arbeit. Ich trug öfters Schwarzkerschenbrandwein nach Innspruck zum Enzenberg, Spaur, Trapp und Findler. Sie lobten solchen und zahlten mir ihn auch gern. Doch dieser kleine Handel wollte nicht viel austragen; auch der Frankenwein schmeckte mir besser und lag mir mehr in dem Kopf als der Tyrolerwein, besonders weil ich[154] diesen kaufen mußte und jenen bei Hofe umsonst trinken konnte. Ich legte mir also wieder Lederwaren und Handschuhe zu, ging nach Haus zu meinem Weib, nahm von ihr Abschied und wanderte im Gottes Namen mit meiner Handelschaft auf das Land. Ich kam nach München. Der Kurfürst Maximilian sah mich gern; und gemeiniglich, wenn ich ihm einen guten Morgen gab, nahm er mich beim Schopfe, schüttelte mich, machte mir darnach das h. Kreuz und ließ mich laufen.

Bis zur Tafelzeit konnte ich hingehen, wohin ich wollte, und verkaufte also sehr viele von meinen Handschuhen. Der itzige Kurfürst von Trier, als Bischof zu Regensburg und Freysing, war auch zu München bei Hofe. Eines Tags, als ich bei meiner liebsten Kurfürstin Mariandl im Kabinett war, wo sie arbeitete, kam ihr Bruder herein; sie rekommandierte mich ihm und sagte zugleich: »Bruder, der ist der einzige Narr, den ich leiden kann – er ist brav, schwätzt nicht und kann gescheit sein, wenn man will. Man darf ihm trauen; mein Kurfürst und ich haben ihn recht gern.« Er gab mir die Hand zu küssen und sagte, ich sollte ihn auch einmal heimsuchen, er könne mir auch zu essen und zu trinken geben. »Wa!« sagte ich, »ein Mann ein Wort.« Er gab mir die Hand, ich küßte sie, und nun wars richtig.

Er hatte einen Hofmarschall, dieser war ein Pol, mit Namen Saboiski; er fragte mich, wo ich hingehe? – »Nach Regensburg.« Er sagte: »Komm morgen zu mir auf ein Frühstück; der Fürst geht morgen nach Freysing, du kannst auf einer Chaise aufsteigen, so kommst du leichter hinunter.« Mir war es auch recht. Ich packte diesem Tage meine Bagage zusammen und bedankte mich beim Kurfürsten und der Kurfürstin. Dem Tag[155] darauf um acht Uhr kam ich zum Hofmarschall; der Fürst war auch dabei; man trank Koffee, ich bekam auch einen. Zuletzt gab mir der Hofmarschall ein rotes Gläschen voll guten Likör, ich trank ihn, sie lachten; es ward aufgepackt, eingespannt, ich stieg hinten auf, und man fuhr von München ab. In einer Stunde, als wir gegen Freymann kamen, fing es in meinem Bauche desperat zu rumpeln an, so daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Ich mußte absteigen. Neben der Straße in einem Graben ging ein Spritzer, wie ein Brunn. Sie fuhren fort, und ich mußte nachlaufen, holte sie ein, stieg auf, aber durch das Nachlaufen hat es sich in meinem Leibe recht durcheinander geschüttelt. Es rumpelte wieder im Bauche, ich mußte absteigen, auf die Seite, fortfahren, nachlaufen, aufsteigen; rumpeln, absteigen, fortfahren, nachlaufen, aufsteigen; rumpeln, absteigen, auf die Seite, fortfahren, nachlaufen, aufsteigen; rumpeln, absteigen, auf die Seite, fortfahren, nachlaufen, aufsteigen; rumpeln, und so bei zwanzigmal in vier Stund: den halben Weg gelaufen, den halben gefahren, den Hintern und die Hosen schier zerrissen, stramazed und gallad kam ich zu Freysing an und sah aus, wie ein weißes Tuch. Ob die Herrschaft unterwegs gelacht oder geweint habe, weiß ich nicht.

Ich ging zum Bräu Lederer Hansen, ließ mir eine Suppe geben und legte mich ins Bett, wo ich gut geschlafen.

Die Herrschaft ließ mich demselben Tage, als wir ankamen, überall suchen, es konnte mich aber niemand finden. Des andern Tags in der Früh ging ich nach Hof, packte meine Handschuhe aus und verkaufte auch einige. Bei der Tafel fragte mich der Fürst, wie es mir gestern ergangen und wie ich heruntergekommen sei. Ich erzählte[156] ihm alles natürlich; sie lachten vom Herzen darüber und wünschten mir Glück zur baierischen Aderläß.

Mir ging es zu Freysing gut; ich hielte mich noch etliche Tage auf, bedankte mich, nahm Abschied und ging alsdann nach Regensburg. Mein alter Fürst Taxis Alexander war unter dieser Zeit in Witwenstand gekommen, weil seine gute Fürstin von Fürstenberg gestorben war; er war auch sehr betrübt.

Ich war es nicht weniger, weil sie mich sehr gern gehabt hat. Eine Karolin, welche ich alle Jahre von ihr hatte, war auch hin. Der Fürst konnte mich ebenfalls wohl leiden und unterhielt sich öfters mit mir, besonders wenn ich ihm vom Tode des Kaisers Franz erzählte, da rollten ihm öfters Tränen über die Wangen, denn er war gut kaiserlich gesinnt. Er ließ mir einmal in einer Gesellschaft sechs Dutzend Handschuhe auspaschen, wo er selbst mitspielte. Mein Essen und Trinken hatte ich in der Pagerie beim Knabentische, wo ich öfters als einmal bei einer Flasche Burgunderwein auf des Fürsten Taxis Gesundheit getrunken habe.

Wenn viele fremde Herrschaften da waren und der Fürst sah, daß sie lustig waren, befand er sich in seiner Herrlichkeit und war aufgeräumt; er vergönnte auch jedem, sowohl Einheimischen als Fremden, was er hergab. Alles lebte bei diesem Hofe und war vergnügt. Leute, die er auch nicht brauchte, fanden bei ihm Brot, und er war in vielen Ländern berühmt; kurz, es war nur ein Fürst Taxis.

Alle Kavalier und Damen konnten mich gedulden und ein jeder aus ihnen versprach mir, alle Jahre einen kleinen Taler zu geben. Dieses gefiel dem Fürsten, der mir eine neue Uniform, blau und rot, schön mit Silber bordiert[157] machen ließ. Ich blieb noch eine Zeit, verkaufte Handschuhe, bedankte mich, nahm Abschied und ging mit meiner Handelschaft über Nürnberg und Erlang nach Bamberg.

Mein bester Fürst Adam Friedrich war von Würzburg nach Bamberg gezogen. Dieser erfuhr meine Ankunft im Nachtzettel, ließ mich dem andern Tage im Steinwege beim Einhornwirt mit drei Grenadier abholen und ich kam auf die Fürstenwacht, bis es zur Tafel Zeit war. Der Hauptmann Redwitz und ich waren auf der Wacht lustig; es ging mir auch in der Tat nicht übel. Es besuchten mich einige von meinen Herren Vettern. Man ging zur Tafel, und ich wurde hinaufgeführt. Ich küßte dem Fürsten die Hand, er gab mir einen Verweis, daß ich so lang ausgeblieben wäre, meine Residenz nicht zur gehörigen Zeit angetreten und die Vesper versäumt hätte. Ich entschuldigte mich mit dem, daß ich auswärtige Staatsangelegenheiten zu verrichten gehabt hätte.

Der geheime Rat Aufseß und General Redwitz saßen nebeneinander und der Graf Natt darzwischen. Der Fürst war gutes Humors, alle Herrschaften waren lustig und aufgeräumt. Nach der Tafel trank ich eins mit dem Domherrn von Pibra und Doktor Petz auf die alte Hack. Es hatte vorher geschnieen, und der Fürst fragte den Petz, was er glaube, daß aus diesem Schnee wohl werden wird. Ich wurde einquartiert und bekam meinen Tisch wie gewöhnlich in der Pagerie bei den Knaben, welche mich auch alle gern hatten und meine besten Kameraden waren. Der Hofmeister Carame war ein närrischer, lustiger und, wenn er wollte, auch gescheiter Mann. Der Zeremoniarius Dietrich, Professor Behr, Repetitor Faber, Knaben Franz Kuttenburg, Lochner,[158] Lips, Fett und Künsberg, Würzburger Kanzelisten, Geiger und Stang, wir alle waren bei einem Tische beisammen. Das war ein Leben. Studiert, repetiert, disputiert, auch bisweilen gezwickt; dabei hatte doch jeder seinen Dienst und seine Standespflichten erfüllt.

Eines Tags hatte der Oberstjägermeister von Schamberg ein großes Diner oder Mittagstafel. Ich, der Nathan, Fischerl und ein paar Juden kamen auch dahin. Alles war lustig und aufgeräumt; nüchtern waren wir auch nicht. Das Mittagsmahl dauerte bis in die Nacht. Es wurde gespielt. Einigen Kavalieren kam in den Sinn, mich und den Jud Nathan zu klistieren.

Ich bekam 5 fl. und der Jud 3 fl. Es wurde zugerichtet: man legte uns nebeneinander auf einer Tafel auf die Bäuche. Die Operation ging vor sich; ich wurde mit kaltem und der Jud mit warmen Wasser bedient. Au weh! wie schrien wir, da alle übrige in ein lautes Gelächter ausbrachen. Ich lief in dieser Verwirrung aus dem Zimmer über die Stiege hinab, zum Haus hinaus über den Platz und kam ohne Stock und Hut in mein Quartier, weiß aber nicht, wie der Jud davongekommen ist. Dem andern Tage ging ich mit meiner Ware in der Stadt herum bei meinen bekannten Herrschaften und verkaufte überall etwas, weil sie mich alle gerne hatten und leiden konnten.

Unterdessen wurde zu einer großen Schweinjagd über den Seehof hinaus unweit Bratwurstsberg die Anstalt gemacht. Es war ein eingesperrtes Jagen, und ich, als Kammerherr von hinten und Nachtstuhlverwalter, fuhr auf des Fürsten Chaise auch dazu.

Beim Fürsten war der Domprobst von Hutten, Domdechant von Fett und Kammerpräsident von Kuttenburg[159] Alle Herrschaften und Fremde fanden sich auch dabei ein. Der Zug ging durch etliche Dörfer, und überall liefen viele Leute nach. Man kam bei Bratwurstsberg an, der Fürst stieg aus und ging mit allen Herrschaften in den Umfang und zubereiteten Schirm hinein, welcher mit einem großen Gitter versehen war. Mehr als zweitausend Zuschauer waren auf den Bäumen und überall herum. Vor dem Schirm steckten fünf oder sechs große Schweinsfedern; ich war beim Fürsten in dem Schirm, und es durfte niemand schießen als der Fürst und die ersten, wie auch fremde Herrschaften. Die Jagd fing an, alsobald kamen zwei und drei große Schweine heraus, so geschossen wurden, denn der Fürst war ein sehr guter Jäger. Es kamen wieder andere und wurden auch geschossen. Man zog den Zeug auf und zu und ließ nur so viele heraus, als der Fürst befahl.

Endlich kam ein zweenjähriger Keiler, der Fürst schoß ihn an, er stürzte, lief aber wieder davon. Ich fragte den Fürsten, ob ich hinaussteigen, eine Feder nehmen und das Schwein totstechen dürfte. Der Fürst erlaubte es mir; ich stieg hinaus, nahm eine Feder und ging auf die Sau los.

Der Fürst schickte jedoch einen Jäger und Heiducken mit Federn mir nach, welche ich aber nicht gesehen habe. Die Sau lief davon; ich bekam Courage und verfolgte sie herzhaft und, wenn ich sie erwischt hätte, hätte ich sie in den Arsch oder Bauch gestochen, weil ich das Jägerhandwerk nicht verstund und nie gesehen habe; sie lief aber davon, ich herzhaft nach und schrie eines Schreien: »Hui Sau! Hui Sau!«

Ich weiß nicht, durch mein Schreien oder des Volkes Gelächter und Geschrei oder vom Schmerzen des empfangenen[160] Schusses wurde die Sau wild, kehrte schnell um und in vollem Grimme auf mich zu. Ich – ach ich! wo ist Courage? – zurück, verlor meinen Spieß, meinen Hut und einen Schuh und machte solche Sprünge dem Schirm zu, daß ich völlig in den Lüften über das Gitter hineingehupft bin. Der Fürst sank zurück auf seinen Stuhl, die Augen gingen ihm über, er konnte nichts reden, alle Herrschaften hebten ihre Bäuche, und das ganze Volk schrie und lachte so, daß mir Zeit und Weil lang wurde. Mir war gar nicht lächerlich bei der Sache, ich sah gelb, grün, blau und weiß aus und zitterte auf Händen und Füßen.

Ich sah zurück: weit hinter mir lag Jäger, Heiduck und Schwein beisammen. Wie der Fürst vom Stuhl aufstund und vor Lachen wieder reden konnte, sagte er mir: »Itzt hast du dein Courage gezeigt und du darfst keck ohne Gefahr draußen bleiben, denn die Sau holt dich gewiß nimmer ein.«

Der Fürst und alle Herrschaften sagten, sie hätten in ihrem Leben keine solche Sprünge und Sätze gesehen; allein, was tut Furcht und Schröcken nicht? Die Jagd ging weiter fort, ich aber setzte mich aus Mattigkeit hinter dem Fürsten nieder.

Man schoß in allem zweiundsiebzig Schweine, und die Hauptsau war um drei Zoll länger als ich. Es wurde abgeschossen und alles ging wieder in seiner Ordnung zurück; wir kamen nach Bamberg, wo ich nicht wenig von dem Fürsten und allen Herrschaften die ganze Zeit hindurch wegen meinem Courage und Mut geplagt wurde. Eben dazumal fiel das Fest des h. Benediktus ein, an welchem der Prälat von Münchsberg gemeiniglich einige Herrschaften zur Tafel einzuladen pflag; ich war auch[161] darunter begriffen; ich bat daher den Obermarschall von Stauffenberg um Erlaubnis, der mir sagte: »Du kannst zwar hinaufgehen, aber zu nachts bei des Fürsten Spiele, weißt du schon, daß du erscheinen mußt.« – »Ganz gewiß!« antwortete ich. Man fuhr hinauf ins Kloster: der Kammerpräsident Guttenburg, Oberstjägermeister von Schamburg, Oberst von Marschall und noch mehrere Herrschaften waren dabei.

Man ging zur Tafel, man speiste, es gab guten Wein, man wurde warm und aufgeräumt, kurz, alles war gutes Humors, so daß ich auf den Obermarschall, auf den Fürsten und sein Spiel vergessen habe. Ich kam gut illuminiert um zehn Uhr in mein Quartier beim Raben im Sande an und schlief ganz herrisch meinen Rausch aus; nichts blieb mir als ein wenig Kopfweh mehr übrig. Dem andern Tag ging ich wie gewöhnlich nach Hof; mein Hofmeister hatte sein Essen in der Ritterstube und aß um eilf Uhr zu Mittag und auf die Nacht um sechs Uhr. Wir gingen hin und, weil ich noch einen Brand von gestern hatte, trank ich mit ihm ein Glas Wein zum Frühstück. Es schlug eilf Uhr, ein Viertel darüber, und er bekam nichts. Wir glaubten, es wäre darauf vergessen worden; aber die Aufwärter lachten und sagten, es wäre heut Fasttag.

Wir gingen in das Knabenzimmer, und ich dachte, ich kann ihm wohl von meinem Tisch etwas zukommen lassen.

Es schlägt zwölf Uhr. Man trägt die Suppe auf, man betet und setzt sich zu Tische, und der Hofmeister Carame legte wie gewöhnlich vor.

Ich bekam aber keine Suppe und, weil er öfters so Spaß machte, wollte ich selbst um den großen Löffel langen[162] und mir vorlegen. »Halt!« hieß es auf einmal, »es ist der Befehl vom Obermarschall, du hast Fasttag.« Ich bekam also nichts und die andern fraßen neben mir mit desto größerm Appetit darauf.

Der Hunger und Durst drangen noch ärger in meinen Leib; fuchswild stund ich vom Tische auf und gab meinem Hofmeister 30 kr., er sollte mir aus dem Wirtshause beim Raben etwas zu fressen holen. Er ging, kam aber nicht wieder, und ich wartete mit Ungeduld darauf. Es schlug ein Uhr, und er kam noch nicht. Ich wollte darnach umsehen und ging zur Residenz hinaus, man nahm mich aber gleich in Empfang und brachte mich auf die Fürstenwacht. Wie erstaunte ich, als ich meinen Hofmeister mit seinem Topfe schon darin sitzen sah. »Es ist der Befehl vom Obermarschall«, hieß es wiederum, »du hast Fasttag.« Es schlug zwei, drei, halbvier Uhr und war noch immer Fasttag; mich hungerte, daß mir die Augen übergingen. Man stellte das Konfekt und, weil nichts Warmes mehr auf der Tafel war, kam der Befehl, daß ich hinaufkommen sollte.

Ich ging ins Tafelzimmer, alles lachte; ich küßte dem Fürsten den Rock; er grüßte mich und sagte: »Wo kommst du her, du Süffling?« – »Von der Wacht.« – »Wie hat das Mittagsmahl geschmeckt?« – »Gar nicht gut.« Er lachte und sagte: »Hast du einen kleinen Appetit?« – »Kannst dir es denken, ich bin noch nüchtern.« – »Wenn man halt ungehorsam ist, so muß man büßen.«

Die Kavalier wollten Spaß machen, aber vor Hunger ging mir nichts vom Herzen. Der Fürst sagte endlich: »Nun geh hin zum Kuchlmeister und laß dir etwas anrichten.«[163]

Vom Herzen gern ging ich; ich wurde auch doppelt mit Essen und Trinken traktiert. Itzt war es besser.

Daß ich den Tisch bei den Knaben hatte, ist schon bekannt. Einsmal nach dem Essen machte der Herr Hofmeister Carame seinen Koffee im Zimmer, wo er das Wasser in einem Teekessel auf der Kohlpfanne hatte. Der geheime Rat Brinner und Hofkaplan Faber waren bei ihm. Es wurde Zeit, daß ich hinunter zur Tafel mußte; ich nahm also Abschied und ging meinen Weg über den langen Gang: unterwegs ging ich linker Hand aufs Privet. Keinen Hut hatte ich auf; ich setzte mich ganz ruhig nieder, den Kopf auf beide Arme stützend, und dachte weiter an nichts.

Gerad hinauf ging ein Dampfloch; der Hofmeister sah mich hineingehen, geschwind nahm er seinen Teekessel voll warmes Wasser, lauft damit über eine Stiege zum Dampfloch hinauf und schüttet mir das warme Wasser gerad auf meinen Kopf herab. Ich habe geglaubt, der Schlag rühre mich. Vor Schröcken machte ich einen Sprung zur Tür hinaus, vergaß meine Hosen hinaufzuziehen und in dieser Verwirrung lief ich über die Stiege ins Tafelzimmer hinein.

Alles fing an zu schreien und zu lachen; der Fürst fragte: »Was giebts? was giebts?« – – »Ich weiß nicht, was es giebt«; ich konnte vor Schröcken nicht erzählen, wie es mir ergangen, und der Fürst wußte nicht, was mir geschehen war. Endlich kam der Kammerfourier und erinnerte mich an meine Hosen: ich zog sie hinauf und legte mich ordentlich an. Als ich zu mir selbsten kam, erzählte ich dem Fürsten, wo ich gewesen und wie es mir ergangen ist. Der Fürst lachte, daß ihm die Augen übergingen, wie auch alle Herrschaften.[164]

Ich blieb noch eine Zeitlang zu Bamberg, und es kam die Zeit, daß der Fürst wieder nach Würzburg ging; ich bekam die Erlaubnis, nach Hause zu gehen. Er gab mir meine Pension und sagte: »Habe Gott vor Augen, reise glücklich, haus mit deinem Weibe gut, bleib nicht zu lange aus und komm bald wieder.«

Ich küßte dem besten Fürsten die Hand, bedankte mich, und wir gingen von Bamberg ab über Nürnberg, Donauwörth, Augsburg und sodann ins Tyrol; ich kam auch zu Hause glücklich an, wo ich mein Weib mit einer neugebornen Prinzessin ganz gesund angetroffen, worüber ich mich sehr erfreuet habe. Ich blieb eine Zeitlang zu Haus bei meinem Weib und Kind, brannte Brandwein, ging wieder nach Innspruck, zahlte meine Handschuhe, kaufte neue ein, ging zurück, blieb noch eine Zeit zu Haus und fuhr alsdann mit einem Haller Ordinär-Schiffe auf dem Inn mit meiner Ware nach Passau und Linz; weil aber die Schiffleute nicht genug vorsichtig und das Wasser hoch war, so scheiterte das Schiff an einem Joch der Brücke. Einige Menschen kamen ins Wasser, einige sprangen in die nächststehende Salzzillen; unser drei sprangen an das nämliche Brückenjoch, wo das Schiff angefahren ist, und hielten uns über zehn Minuten aneinander fest, bis man uns mit Seilern zu Hülfe gekommen ist. Es waren sehr viele Menschen am Ufer, welche die ins Wasser gefallenen Menschen und Waren aufgefangen und bis auf eine Weibsperson, so ertrunken ist, gerettet haben. Es wurde alles auf ein anders Schiff gebracht, wir fuhren hernach glücklich über dem Strudel und Wirbel und kamen in der Rossau auf dem Schänzl zu Wien an.

Quelle:
Prosch, Peter: Leben und Ereignisse des Peter Prosch, eines Tyrolers von Ried im Zillerthal, oder Das wunderbare Schicksal, Geschrieben in den Zeiten der Aufklärung, München 1964, S. 142-165.
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