Siebentes Kapitel

[119] Eine Stunde vor der Ankunft in meine Heimat ging mir mein liebes Weib entgegen. Vor Freuden, daß sie mich wieder sah, fuhr sie mir um den Hals, weinte und sagte: »Mein Schatz! Gott hat unsre zwei Kindern zu sich genommen, und du triffst zu Hause keines mehr an.« Je nun, als Vater betrübte es mich doch auch und tat mir im Herzen leid, daß ich sie nicht mehr gesehen habe; ich sagte zu ihr: »Mein Schatz! bekümmere dich nicht so viel und gieb dich zufrieden, es war ja der Willen Gottes; man soll heutiges Tages froh sein und Gott danken, wenn einem unser Herr Gott die Kinder zu sich nimmt; du siehst ja, wie hart man sich fortbringen muß und wie ausgelassen und boshaft die Welt ist. Wenn man nicht Vermögen vom Hause aus hat und sie versorgen kann, so weiß man nicht, wo oft dergleichen Kinder hinkommen und wie es ihnen ergeht; im Gottes Namen.«

Unter diesen Gesprächen kamen wir bald nach Haus. Wir zogen uns aus, sie brachte mir warmes Wasser, und wir wuschen uns. Auf die Nacht kochte sie mir Wassernudeln mit Käse und erzählte mir, was unter dieser Zeit zu Haus passiert sei; wir gingen darauf schlafen. Ich blieb einige Tage zu Haus und ging alsdann nach Innspruck, um meine Waren zu bezahlen. Ich kam zu der Gräfin von Trapp, welche mich gerne sah und mit mir Mitleiden hatte, wie auch zur Gräfin von Künigl, Tannenberg, Taxis, Wellersberg und Lodron.

Unter andern ging ich auch mit einem Memorial, wegen meiner Wirtschaft, die mir die Kaiserin Maria Theresia versprochen hat, zum Gouverneur Grafen von Enzenberg[120] und gab ihm solches, mit Bitte, er möchte mir dazu verhülflich sein. Da ich wohl bekannt war, kam ich durch unterschiedliche Zimmer in der Residenz, unter andern durch den annoch schwarz spalierten Riesensaal, ins Vorzimmer, wo unser höchst selige Kaiser Franz so schnell und unversehen dahingestorben ist.

Ein Schauer durchdrang mich, das Andenken an mein durch den so schnell erfolgten Tod verursachtes Unglück und an die das letztemal hier gesehene betrübte Kaiserin Marien Theresien kam wieder in mein Gemüt und Seele so lebhaft zurück, daß ich ganz niedergeschlagen und traurig mich aus der Residenz hinaus machte, noch zu ein und andern Herrschaften, und hernach ganz betrübt wieder von Innspruck in das Zillerthal nach Haus ging.

Unterwegs stiegen schwarze Wolken und allerhand melankolische Gedanken in meiner Seele auf; der Tod schwebte wieder vor meinen Augen, und ich kam ganz niedergeschlagen und betrübt nach Haus zu mei nem Weibe, welche gleich sah, daß es mit mir nicht recht richtig wäre. Wir hatten uns einander lieb, deswegen war sie für mich bekümmert und grämte sich sehr; sie ließ mich die wenigste Zeit allein; ihr Bruder Michael Fiechtel war mein Hofmeister und mußte auf mich acht haben. Es ging so eine Zeit vorbei. In der Frühe war ich ganz munter und aufgeräumt, bis Nachmittag gegen drei bis vier Uhr wurde ich betrübt und niedergeschlagen; vor langer Weile fing ich an zu weinen und wußte nicht, warum: es kam mir alles verdrüßlich vor; das dauerte schier alle Tage bis neun bis zehn Uhr in die Nacht, wo ich ruhig wurde und wieder einschlief. Eines Tages stund ich auf, und wir gingen in unsre Kirche.[121]

Die Leute sahen mich an, und es wurde überall bekannt, daß ich melankolisch wäre. So ging eine geraume Zeit herum. Die Leute, wie auch der geistliche Herr Provisor besuchten mich öfters, er sprach mir zu und suchte mir die Sachen aus dem Kopfe zu bringen. Ich und mein Weib gingen wallfahrten auf St. Georgenberg. Ich ließ mir öfters zur Ader, aber es wollte nichts helfen und besser werden, so daß viele Leute mit mir Mitleid trugen, manche auch mir es wohl gönnten, weil ich ihnen zu glücklich war, und darum hatte ich sowohl Freunde als Feinde. Unter andern war Rupert Mayr oder der sogenannte Bögler Riepl, Schmied zu Ried, ein junger, sehr starker Mensch, der im Raufen wenig seinesgleichen hatte.

Dieser war zur selben Zeit mein guter Freund, und wir waren Kameraden; er besuchte mich dann öfters; sein Schmiedhandwerk wollte ihm nicht recht anschlagen und er hauste mehr rückwärts als vorwärts; er war auch ein Projektmacher wie ich. So lagen wir miteinander manche Stunde vor meinem Hause auf dem Scholderbichl und machten Projekte. Er hatte nicht viel Kapital und ich gar keines. Wir kauften nichtsdestoweniger in Gedanken zu Ried nächst der Kirche ein altes Bauernhaus und Gütl, genannt Glaser. Dieses ließen wir miteinander abreißen und neu aufbauen.

Untenher zu ebener Erde sollte ich Bier schenken und Wirtschaft treiben, wozu ich Hoffnung hatte, das Recht von der Kaiserin zu bekommen, weil sie es mir versprochen hatte. Im zweiten Stockwerk wollte Riepl Theriak machen und Öl brennen; die Erlaubnis dazu hoffte er bald zu erlangen, weil er bei dem Gouverneur darum angelangt hatte; es wäre auch alles so geschehen, wenn[122] wir nur dabei geblieben wären. In solchen Gesprächen brachten wir manche Zeit zu.

Es kamen öfters mehrere gute Freunde zu mir: mein Vetter Urban Mayr oder Seitner Urbl, mein Schwager Kapfinger Märtl, Riepl Peter, der Kerl, Schmied Jagl und der Bader zu Stum unterhielten mich mit Diskursen, auch manchesmal mit Kartenspiel; allein nach mittags gegen drei bis vier Uhr wurde ich niedergeschlagen und traurig: ich fing wieder an zu weinen, wiewohl ich nicht wußte, warum. Man redete es mir aus, soviel man konnte; allein mir war immer bang und ich suchte allein zu sein. So war es täglich bis gegen neun bis zehn Uhr in die Nacht, wo ich wieder einschlief. In dieser betrübten Lage und Marter ging bald ein Jahr vorbei: vormittag wußte ich niemal und konnte es nicht glauben, daß ich nachmittag nicht bei mir selbst und ganz konfus und närrisch sein sollte. Aber alle andre Leute wußten es. Vor allen war mein armes gutes Weib Tag und Nacht bekümmert und wegen meiner Gesundheit besorgt, weil sie mich vom Herzen liebte.

Eines Abends in der Fasten, da ein tiefer Schnee lag, spann mein Weib beim Licht, und ich las in einem Buche.

Es wurde acht Uhr, und ich wollte schlafen gehen. Mein Weib nahm ein Licht und ging mit mir in die Kammer; ich zog mich aus und legte mich im Hemde ins Bett. Mein Weib, weil sie an mir nichts merkte und ich ruhig war, sagte zu mir: »Ich will noch ein wenig spinnen und hernach gehe ich auch schlafen.« Sie gab mir einen Kuß und ging wieder in die Stube, um zu spinnen. Ich lag bei einer halben Stunde und schlummerte ein. Es kam mir vor, als hörte ich vor dem Hause die Tochter[123] meines Vetters Mosel-Martel ein vom Berg herunter zu mir sagen: wenn ich die Bodenläden und Zaunstecken haben wollte, so sollte ich nur gleich heraufkommen, ihr Vater wollte sie mir zu kaufen geben.

Ich stund auf, weiß aber heutzutage noch nicht, wie ich aus dem Hause gekommen; wäre ich über die Stiege hinuntergegangen, so hätte mich mein Weib gehört; oder bin ich vielleicht über den Solder hinabgesprungen? Kurz, ich ging im bloßen Hemd und bloßen Füßen in dem tiefen Schnee bei einer halben Stunde weit über den Riedberg hinauf, kam zu Moslers Hause und klopfte an. Die Bäurin war meiner Mutter sel. Schwester, die machte mir die Tür auf. Wie erschrak sie aber, da sie mich erkannte und mich im bloßen Hemd sah! Ich fragte nach Martelein, sie führte mich in die Stube, worin acht Personen waren, lauter Vetter und Bäsel von mir, welche schon wußten, daß ich närrisch war. Ich grüßte sie; alle erschraken, ja einige machten sogar das h. Kreuz.

Ich fragte, ob er mir die Bretter und Zaunstecken zu kaufen geben wollte.

Sie stunden alle auf, setzten sich mit mir hinter dem Tische, nahmen eine Kreide und fingen mit mir zu rechnen und zu handeln an, schickten aber geschwind einen Buben, den Mosl Bärtl, zu meinem Weib, welche, da sie mich in meinem Bette nicht angetroffen, schon vorher Lärm und Anstalten gemacht hatte, mich mit hölzenen Fackeln aufzusuchen.

Ich diskurrierte mit den Leuten, welche ich alle kannte, wußte aber dabei nicht, daß ich im bloßen Hemd war und habe mich auch nicht geschämt, wollte auch öfters in meine Hosentasche um meine Tobaksdose greifen,[124] wiewohl ich keine Hosen anhatte. Ich sagte auch, ich wollte wieder nach Hause; denn mein Weib möchte nicht wissen, wo ich hingegangen wäre, aber man ließ mich nicht aus, und sie handelten mit mir fort. Endlich kam Knappenhoißl, Ried Peter, mein Schwager, und mein Weib, welche weinte und auf ihrem Arm meinen Hut, Rock, Hosen, Strümpfe und Schuhe hatte; ich erkannte sie gleich und ging darauf zu; weil sie weinte, fragte ich sie, was ihr fehle? Sie gab mir meine Kleidung, ich zog mich an, zween führten mich, und wir kamen gegen eilf Uhr in der Nacht nach Haus, wir zogen uns aus und legten uns schlafen. Die übrigen schliefen in der Stube.

Des andern Tags in der Frühe stunden wir auf, gingen in die h. Messe, und ich wußte von allem wiederum nichts; es kam der Bader von Stum, man ließ mir wieder zur Ader, aber es blieb beim alten, und auf dem Abend bekam ich allzeit den alten Anfall von meiner Melankolie bis in die Nacht.

So gingen etliche Wochen armselig vorbei; wir waren recht zu bedauern; denn ich und mein Weib nahmen grausam ab, und es konnte mir auch kein Mensch helfen.

Es war an einem Sonntag auf dem Abend, daß Leute in meiner Stube beim Tisch mit Karten spieleten, nämlich meine zween Schwäger, Knappell Hoißl und Schuster Sepäl; ich und mein Weib sahen ihnen zu. Ich hatte aber keine Freude daran, doch merkte man an mir nicht, daß es mir im Gehirn fehlen sollte. Aus der Stube ging eine Tür in ein kleines Zimmerl, welches nur ein Fenster hatte, in diesem war meines Schwagers Bett und meine Bücher, die ich von ein und andern Herrschaften geschenkt[125] bekommen hatte. Es ging auch von der Haustür ein Riemen in dieses Zimmerl herab, daß, wenn wer klopfte, man die Tür aufziehen konnte. Da ging ich hinein, nahm ein Buch und legte mich nieder. Mein Weib legte sich auch in der Stube auf eine Bank hin. Die andern karteten fort bis in die Nacht hinein. Ich lag eine Weile, und es kam der alte Anfall wieder. Ich ward sehr ängstig und schwermütig: allein war ich und so henkte ich mich an dem Riemen auf. Was ich itzt schreibe, haben mir hernach meine Leute gesagt; wenn ich nur daran denke, stehen mir noch die Haare gen Berg. Wie lange ich aber gehangen bin, weiß ich nicht.

Es ward Abend. Ich hatte zwo Geißen hinter dem Hause in einem Ställerl. Diesen wollte mein Schwager das Nachtfutter geben, ging ums Haus bei diesem Fenster vorbei dem Ställerl zu; weil ich aber schon lange ruhig war, schauete er zum Fenster hinein und wollte sehen, ob ich schlief; er sah mich aber hangen. Vor Schröcken sprang er zurücke, konnte nicht reden, ließ sich aber nicht die Zeit, die Schnalle bei der Tür aufzumachen, und so brachte er sie nicht auf. Da die andern beim Tische hörten, was geschehen sei, fuhren sie geschwind auf, sprengten die Türe ein und sahen mich auch sogleich hangen. Mein Weib fiel aus Schröcken in Ohnmacht; sie lösten oder schnitten mich herunter und legten mich auf das Bett: weil sie aber kein Fünklein Lebenszeichen mehr bei mir spürten und in Furcht waren, ich wäre schon verschieden, so wurde beschlossen, mich wieder hinaufzuhenken.

Allein mein Weib ließ das nicht geschehen, und also blieb ich liegen. Das Haus wurde gleich gesperrt, und mein Weib schickte geschwind um den Bader, welcher[126] auch gleich mich besichtigte, aber nichts anzufangen wußte: er schlug mir eine Ader, aber es ging kein Blut. Also blieben sie um mich bis zehn Uhr, und mein liebes bedrängtes Weib schickte noch um ein paar Mannsbilder zum Wachen.

Nach zehn Uhr spürten sie bei mir Leben, sie rüttelten und schottelten mich, die geöffnete Ader fing an zu bluten, und es stieß mir einen Topfen zum Mund heraus, so groß wie ein Finger und in der Form eines geschnittenen Stücklein Käses. Ich spürte grausames Halsweh und bekam starke Gichter, so daß sie mich an Händen und Füßen festhalten mußten. Man ließ die Ader wieder laufen, verband mich und gab mir auch ein; so lag ich in einer Art von Raserei bis vier Uhr in der Frühe, wo es endlich nachließ und ruhig wurde. Ich kam zu mir selbst, schwach und matt, und spürte noch grausames Halsweh. So lag ich bei sechs Tage; der Bader kam täglich zweimal und stellte mich wieder ziemlich gut her. Ich stunde auf, ging in meine Kirche und mit andern Leuten um und konnte kaum glauben, was sie mir von dieser Geschichte erzählten. Ich war etwas bessers, doch noch nicht ganz richtig, denn auf dem Abend spürte ich allezeit meine Traurig- und Schwermütigkeit; daher mir meine Freunde rieten, ich sollte Waren einkaufen und damit wieder auf das Land gehen, daß ich es eher vergessen sollte. Es gingen drei Wochen vorüber, ich ging nach Innspruck, kaufte ein und kam wieder nach Haus; ich ließ noch einmal zur Ader und war Willens, innerhalb acht Tagen auf das Land zu gehen.

Wie schon gemeldet, habe ich bei Ihrer Majestät der Kaiserin Marien Theresien um eine Wirtschaft angehalten,[127] welche sie mir auch zugesagt haben und versprochen. Da aber eine halbe Stunde von mir, nämlich zu Uderns, ein sehr reicher Wirt war, mit Namen Anton Pachmayr, welcher auch bei uns zu Ried ein Zapflhaus hatte, wandte er alles auf, um nur keine neue Gerechtigkeit aufkommen zu lassen.

Unsere Obrigkeit, welche zu gewissen Zeiten des Jahres hereinkam, um Gerichtstage zu halten, nämlich Thäding, Kirchenrechnung und dergleichen, war bei ihm im Hause; er galt viel bei ihr und was er sagte, hatte Hände und Füße, NB. er war reich, und ich war arm, und der Gerichtsschreiber Schröck hatte eine Tochter von diesem reichen Wirte zu einem Weibe, er vermochte auch viel beim Pfleger.

Diese zween mochten mich wohl beim Pfleger nicht gar zu gut rekommandiert haben, und vielleicht hätten sie gerne gesehen, wenn ich so unter der Hand nichts erhalten würde, damit nur keine neue Schankgerechtigkeit im Orte aufkommen möchte.

Sei ihm, wie ihm wolle. An einem Nachmittag, als ich meine Handschuhe und wenige Kleider einpackte, waren wir, ich und mein liebes Weib, meine Schwester Lisl und mein Schwager beieinander in der Stube, als der Amtsknecht mit einem großen Hunde und Seitengewehr in die Stube trat und sagte: »Du sollst mit mir hinaus zum Pfleger kommen.« Wir alle erschraken, und ich fragte: »Ist es dann nicht Zeit, daß ich morgen um acht Uhr zum Pfleger hinausgehe?« Er aber zeigte mir die Schnüre und sagte: »Wenn du nicht gleich gutwillig mitgehest, so muß ich Gewalt brauchen und dich gebundener hinausführen.«

Es waren drei Stunden bis ins Rotholz; ich zog mich an,[128] mein Schwager lief auf den Berg hinauf, um Riepl Peterl: dieser kam und verwunderte sich sehr; ich, mein Weib und dieser wanderten also mit dem Amtsknecht hinaus, ohne viel zu reden, und kamen beim Schloß an. Ich wollte geradenwegs zum Pfleger gehen, um zu erfahren, was es dann wäre; allein der Amtsknecht sagte, ich därfte nicht, es wäre der Befehl, ich sollte gleich mit ihm ins Amthaus gehen. Ich und mein liebes Weib weinten und schieden betrübt voneinander. Mein Weib und der Riepl Peter gingen zum Pfleger, fanden aber kurzes Gehör, mit der Antwort, es werde sich alles zeigen.

Ich wurde zu dem Gerichtsdiener in die Stube geführt. Der Gerichtsdiener Anton saß beim Tische und schnitzelte an einem Polzscheiblein; er legte solches von sich, stund auf und grüßte mich. Ich saß beim Ofen auf einer Bank. Ach Gott, wie erschrak ich! als ich sah, daß der Gerichtsdiener mit einer langen und schweren Kette und einer Schelle zu mir kam. Ich sah gegen Himmel und fing an laut zu weinen.

Er legte mir die Schelle an den linken Fuß; es ging ein Loch durch die Wand, durch dieses ging die Kette, und in der Kuchl wurde ich angeschlossen. Da saß ich auf einer breiten Bank und wenn ich aufstehen wollte, konnte ich nur auf einem Fuß stehen, den andern mochte ich nicht wegen Kürze der Kette auf den Boden bringen. Der Gerichtsdiener visitierte mich, nahm mir mein Messer aus dem Sack, meinen Flor vom Hals und meinen Brustfleck und Hosenträger ab, damit ich mich ja nicht mehr henken könnte, wo ich doch schon einige Wochen gesund und besser war. In diesem jämmerlichen Zustande saß ich nun auf der Bank und weinte[129] eines Weinens zu sagen Tag und Nacht in schröcklicher Erwartung, was noch daraus werden sollte.

Also war ich von allen meinen Freunden verlassen, und was mich noch am allermeisten schmerzte, war, daß mir auch der Trost meines Weibes geraubet wurde; sie durfte nicht einmal zu mir kommen und auch im Beisein des Gerichtsdieners kein Wort mit mir reden.

Ich war zu selbiger Zeit sehr furchtsam, und weil man mir vielleicht nicht trauete, mußte des Gerichtsdieners Knecht bei mir in der Stube schlafen. So gingen bei acht Tage vorbei; unter dieser Zeit wurden von unserm Ort und Nachbarschaft Leute zitiert: Verwandte, Freunde und auch Feinde, und wer mich nur kannte, mußten zu Gericht; man hörte einen jeden insbesondere ab, einer wußte dieses, der andere das und der dritte wußte von meiner Sache gar nichts; so gab es durcheinander eine saubere Wäsche.

In der zwoten Woche kam der Bahnrichter Lengauer mit einem Schreiber und dem Gerichtsverpflichteten von Straß mit Tinte, Feder und Papier Vormittag zu mir in die Stube, setzten sich zu Tisch, die Feder hinter dem Ohr, und fingen an zu schreiben: »Wie heißest du?« – »Peter.« – »Wie noch?« – »Prosch.« – »Woher?« – »Von Ried.« – »Wie alt bist du?« – »Bei dreiundzwanzig Jahren.« – »Bist du verheuratet?« – »Ja, der Pfleger hat es mir erlaubt, er kennt mich ja.« – »Warum bist du daher gekommen?« – »Das weiß ich nicht.« – »Kannst du dir nicht einbilden, wessen Ursach halber?« – »Nein, ich kann es mir nicht einbilden.«

Und alsofort fragte man mich um allerhand, auch weitschichtige Sachen aus: man examinierte mich mit unterschiedlichen Fragen, welche ich beantworten mußte;[130] alles dauerte bei zwo Stunden, welche mir sehr lang vorkamen. Man packte zusammen und ging zum Mittagessen; ich war sehr betrübt, weil ich nicht wußte, was dieses alles bedeuten sollte und ich noch niemal bei dergleichen Sachen gewesen war.

Dem andern Vormittag kam der Bahnrichter wieder mit dem Schreiber und Beisitzer, sie fingen mich aufs neue zu examinieren an, wo sie es gestern gelassen hatten. Sie fragten mich um allerhand Sachen, meine Lebensart und Aufführung betreffend, deren ich mich nicht mehr alles zu erinnern weiß; wenn ich alle Akten in Händen hätte, wollte ich sie gern anführen, aber es wäre vielleicht zu langweilig, und mein gegenwärtiges Werk würde gewiß statt dreißig – siebzig Bogen stark. Soviel weiß ich gewiß, daß dieses Verhören bei vierzehn Tage fortgedauert hat. Man kam immer weiter, so fort bis zum Aufhenken, aber da dauerte es lang.

Man fragte mich, ob ich weiß, wie ich es gemacht habe, wie und warum ich mich gehenkt habe, ob ich Schmerzen gehabt, ob ich vorher Verdruß oder Rausch gehabt, oder ob ich in Rache und Feindschaft mit einigen gelebt und dergleichen. Es wurden auch unter dieser Zeit wiederum allerhand Leute auf meine Aussagen zitiert und verhört, um zu sehen, wie die Sachen aufeinander gingen, um welches ich aber nichts wußte. Ich wurde nicht mehr verhört, die Akten wurden geschlossen, es wurde ganz ruhig und still und man sagte mir, daß der Bericht nach Innspruck gelaufen wäre.

Diese Nachricht kam auch in mein Haus zu meinem bekümmerten Weib, welche die ganze Nacht nichts als geweint hatte. Diese, voller Freuden, glaubte, es wäre schon gewonnen, machte sich gleich mit meiner Schwester[131] auf und kam zu mir heraus, dachte auch, es brauche nichts mehrers, als ich därfte mit ihr nach Haus gehen.

Man ließ sie aber nicht zu mir und sie durfte nicht einmal mit mir reden. Der Gerichtsdiener versicherte und tröstete sie, sie sollte nur Geduld haben, der Sentenz würde bald von Innspruck zurückkommen; es wäre gar nichts Übels zu befürchten, weil sich kein großes Verbrechen gezeiget hätte. Sie ging also wieder nach Haus. Ich bekam auch größere Freiheit, und der Gerichtsdiener ließ mich einmal von der Kette los, damit ich in der Stube spazieren gehen könnte, schloß mich aber gleich wieder an. Etliche Tage waren herum, und ich hörte von weitem, daß zwar etwas von Innspruck zurückgekommen wäre, aber für mich nichts Entscheidendes. Unter andern, daß, wenn sich nichts anderes äußern sollte, als daß ich ein melankolischer Narr gewesen, ich zu entlassen wäre; man sollte aber die Sache nochmal untersuchen; ich konnte aber nichts Gewisses erfahren, worüber ich wieder ganz bestürzt wurde, weil ich schon so nahe bei meiner Erlösung war und itzt wieder alle Hoffnung verschwand.

Es wurden auf das neue Leute zitiert, und zwar einige meiner nicht besten Freunde. Ich wurde wie das vorigemal verhört: wie ich heiße, woher, wie alt und dergleichen. Es kam auch öfters das Servanci servacis und ein Factis specis, oder wie sie es heißen, zum Vorschein. Der Herr Bahnrichter Lengauer hatte auch viele Gläubiger, wenigen Kredit und nicht vielen Verdienst, doch von einem Verhör seine gute Besoldung. Dieser fand es vielleicht für notwendig, die Sache in die Weite und Länge zu ziehen und recht zu untersuchen, weil er nie etwas dabei einbüßte und etwas doch besser ist als gar nichts,[132] auch sonst keine Arrestanten da waren. Die Passion des Pachmayrs und seines Schwiegersohns, des Gerichtsschreibers Schröck, wegen der Wirtschaft mochten meine Sache wohl auch nicht verbessert haben. Es wurden über zwanzig Personen männlich und weiblichen Geschlechts verhört und mußte zu Gericht, wer mich, sozusagen, nur kannte. Über vierzehn Tage dauerte dieses Verhör wieder, und der Gerichtsdiener wurde mit mir nun ganz ernsthaft. Es wurden drei Gerichtsverpflichtete zitiert, man hielt über mich Rechts-Geding; ich konnte aber nicht erfahren, was darin beschlossen worden, und der Gerichtsdiener war gegen mich sehr mißtrauisch.

Hierüber ging die Sache wieder nach Innspruck. In Verlauf etlicher Tage aber kam der Bescheid zurück. Des Tages darauf kam der Bahnrichter Lengauer, ich weiß nicht mit wem noch, in meine Stube mit dem Befehl von Innspruck unter einem Arm. Mit einem feuerroten Gesicht und starker Stimme liest er mir mein Urteil herunter, welches ich vor Schröcken nicht verstanden habe; ich erfuhr aber hernach, daß ich zur wohlverdienten Strafe auf zwei Jahre lang nach Innspruck in das Zuchthaus geliefert werden solle.

Alle Glieder brachen mir ab, und ich verwußte mich vor Schröcken nicht.

Diesem Nachmittag mußte ich mit dem Gerichtsdiener an der Kette in eine grausame finstere Gefängnis oder Keiche und wurde daselbst angeschlossen. Nun, lieber Gott! glaubte ich für gewiß, es gehe mir an mein Leben, wußte aber nicht, daß des Gerichtsdieners Weib die Stube brauchte, indem sie diesem Abend darin niedergekommen ist. Des andern Tags kam ein Wagen, man führte mich hinaus, schloß mich an den Wagen und[133] wurde so sorgfältig durch den Schörgenknecht und Hund begleitet, daß ich unterwegs gewiß nicht gestohlen werden konnte.

Das Fuhrwerk ging über Schwatz, Wehr, Kohlseß, Wattens, Folders nach Hall. Unterwegs, wo mich die Leute gut kannten, wurde ich von vielen sehr bedauert, weil sie nicht wußten, was ich verbrochen hätte. Wir kamen um drei Uhr nachmittags zu Innspruck an. Man entledigte mich meiner Fessel; ich wurde dem Zuchtverwalter vorgestellt und mit einem Brief übergeben, welcher mir meinen Platz in einem Zimmer bei einem etlich und siebzigjährigen Manne anwies. Ich war im dreiundzwanzigsten Jahr, nicht schändlich und auf tyrolische Weise schön gekleidet.

Ich hatte weiße Strümpfe, eine schwarzlederne Hose mit drei silbernen Knöpfen an. Des Zuchtverwalters Frau bedauerte mich und hatte gleich Mitleiden mit mir; ich wurde auch nicht mehr eingeschlossen, so daß ich, wenn ich wollte, zum Prüglvater und seiner Frau, wie auch zum Zuchtverwalter, welcher im dritten Stock logierte, kommen konnte.

Es befanden sich übrigens zu ebner Erde in einem Gange, welcher besonders gesperrt war, etlich und achtzig Züchtlinge, worunter auch mehrere mit Springern waren; unter diesen durfte ich nicht sein. Im zweiten Stock, auch in einem verschlossenen Gange, waren ebensoviele Weibsbilder.

Die Kost, wie ich gehört, war schmal und viel zu wenig. Am Sonntag auf einem Mann drei gar kleine Knödeln; am Montag Blendten, Dienstag Türkenkoch, Mittwoch eine Handvoll Dampfnudeln; donnerstags wieder drei kleine Knödeln; freitags mehr eine Handvoll Dampfnudeln;[134] samstags wieder Blendten. Auf die Nacht allzeit eine Wierlsuppe oder eine Pfanne voll Türkenkoch, so dick und steif, daß zwölf Paar einen Schleifer darauf hätten tanzen können.

Ich war aber nicht gezwungen, von dieser Kost zu essen; denn sobald es in der Stadt bekannt wurde, daß ich auf eine solche Art zu Innspruck Bürger geworden bin, so schickten mir ein und andere gute, mir wohl bekannte Herrschaften zu essen und zu trinken, daß ich mich also wegen diesem nicht beklagen konnte. Unterdessen kam auch mein Schwager und mein liebes Weib vom Hause herauf. Was war das für eine Freude, da wir, über sieben Wochen abgesondert, in dieser betrübten Lage uns wiedersahen, uns umarmen und unser Herzenleid einander erzählen konnten. Sie ließ gleich eine Bouteille Wein holen, gab mir 5 fl. im Geld, und wir beratschlagten uns, wie mir zu helfen wäre.

Ich gab ihr den Einschlag, zu den mir bekannten Herrschaften zu gehen und zu bitten; es geschah. Einige gaben mir den Rat, ein Memorial machen zu lassen, und damit sollte sie nach Wien zu der Kaiserin gehen; man ließ ihr eines aufsetzen, sie ging damit, in Willens nach Wien zu reisen, von Innspruck ab. Dies erfuhr ich vom weiten durch meine guten Freunde, welche mir von den Herrschaften zu Essen und zu Trinken brachten. Ich hatte dann weder Rast noch Ruhe, bekam auch bei meiner letzten Aderläß ein gutes Attestat von meinem Medikus, daß ich ganz gesund, vernünftig und gescheit wäre, welches wohl wenige bei itziger Zeit aufweisen können; er sagte auch dabei, wenn man mich nicht bald entlasse, so wäre es kein Wunder, wenn ich ein rechter Narr würde. So gingen noch bei acht Tage vorbei. Mein[135] alter etlich und siebzigjähriger Kamerad, welcher in seiner Narrheit glaubte, er wäre aus einem herzoglichen Geschlechte, tat nichts als kommandieren und befehlen.

Ein anderer Kamerad, der auch im Zimmer war, fluchte und schwur immer. Ein dritter, welcher für einen Hexenmeister gehalten wurde, unterhielte sich mit Segensprechen und Beten. In dieser Kameradschaft wäre es wohl kein Wunder gewesen, wenn ich meinen noch übrigen Verstand verloren hätte.

Das Andenken, daß mein Weib so weit von mir sei, brachte mein ganzes Geblüt in eine Wallung und führte mich auf Gedanken, welche mir hernach viel Verdruß machten; ich nahm daher meine Zuflucht zu Gott und sprach im Geheim bei mir also: »Lieber Herr Gott! hilf mir aus meinem Jammer und erlöse mich nur diesmal, aber bald, ich will dir in meinem ganzen Leben nichts mehr einreden und du kannst mit mir hernach schalten und walten, wie du willst. Du hast ja alle Menschen erschaffen und ihnen den freien Willen gegeben; alle Menschen sehnen sich nach der edeln Freiheit, warum soll dann ich sie nicht suchen, wenn es in meinen Kräften ist. Du hast dir kein großes Verbrechen vorzuwerfen; man fragte dich nicht, da man dich der Gefangenschaft übergab, so bist du auch nicht schuldig, jemand zu fragen, wenn du dich in Freiheit setzen kannst, denn Notwehr ist ja auch erlaubt.« Mit tausenderlei solchen Gedanken ging ich um, und die edle Freiheit wirkte in mir so viel, daß ich mich entschloß, alles für sie zu wagen; ich dachte mir: entweder mußt du sterben oder du wirst ein Narr; denn lang kannst du hier nicht dauern.

Es wurde endlich sieben Uhr abends, und ich lag ausgezogner auf meinem Strohsack. Der Prügelvater kam[136] und rief uns zum Rosenkranz. Ich entschuldigte mich mit einem starken Bauchgrimmen; er ließ es dabei bewenden und ging seine Wege.

Nun war alles in der Kapelle; ich rief dem Prügelknecht und sagte ihm, daß ich starkes Bauchgrimmen hätte, er sollte mir ein Frackäl Bierbrandwein holen. Er brachte ihn alsogleich; ich tat einen starken Schluck, er trank auch. Geschwind noch einmal! er brachte ihn wieder: wir tranken wie zuvor; und geschwind zum dritten Male! Wie er fort war, nahm ich den Rock und die Schuhe auf den Arm und sprang beim Fenster hinunter in den andern Hof von der Tuchfabrik; halb gefallen, halb gesprungen zum großen Tor hinaus. Dort schauete des Zuchtverwalters Tochter zum Fenster hinaus und sah mich. Sie wollte geschwind zurück, schlug aber ihren Schädel desperat am Fensterstocke an, daß ich lachen mußte; ich hielte mich aber nicht lange auf: durch die Kotlacke, durch die Vorstadt hinaus auf Millau bei der Wacht vorbei, der alten Straße nach, durch die Haller Au hinunter ließ ich mir gewiß kein Gras unter den Füßen wachsen.

Bei der Stadt Hall vorbei gegen der Foldererbrücke wurde es gegen acht Uhr, und es begunte Nacht zu werden; ich wollte noch hinüber, wiewohl ich schon einen Weg von drei Stunden gemacht hatte. Allein, da mich des Zuchtverwalters Tochter flüchtig gehen sah, wurde gleich Lärm gemacht und mir nachgesetzt. Wie ich hernach vernommen, wurde alles genau verhört, Verwalter, Prügelvater und Prügelknecht; weil die Kommission, welche den Augenschein eingenommen, nicht glauben konnte, daß es möglich wäre, daß ich von diesem Orte hätte entweichen können.[137]

Wie erschrak ich also, da ich drei oder vier Schergen von Hötting oder Thauer erblickte; weil es aber schon finster wurde, wollte ich sie nicht genau betrachten und bekam Füße wie ein Hirsch, Ohren wie ein Fuchs und Augen wie ein Falk, und die Haare stunden mir gen Berge wie einem Igel. Ich dachte mir: erhaschen sie dich, so siehst du in deinem Leben kein Tageslicht mehr und du kannst nicht mehr zu deiner Kaiserin gehen, dich auszubitten.

Mit Schröcken erfüllt sprang ich links in die Kornäcker hinein dem Gebirge zu; da fand ich etliche miserable Irrwege, lief bei einem Baurenhof vorbei; ein großer Hund bellete, ich durchaus; kam sohin zu einem großen Mühlbach, da ich aber diesen Weg niemals gemacht, so wußte ich selben auch nicht zu treffen.

Ich hörte schon wieder den Hund hinter mir auf dem Hofe bellen. Aha! dachte ich mir, meine Verfolger kommen nach; ich hatte keine Brücke und wußte auch keine. Ich sprang also in den Vomperbach hinein, welcher sehr steinigt war, willens hinüber zu watten; allein das Wasser riß mich unter den Füßen weg und trug mich wohl zehn Schritte hinab, doch zum Glück kam ich auf die andre Seite. Da verlor ich auch meinen Hut; Stock und Schuhe auf dem Arm waren ohnehin schon weg.

Nun ging es über ein Feld, tropfnaß kam ich wieder zu einem Bauernhaus, wo wieder ein Hund bellete, ich lief aber geschwind vorbei.

Hier erreichte ich einen Wald, und hinter mir hörte ich schon wieder den Hund bellen; durch diesen Wald sprang ich durch, und weil er bergigt war, zerkratzte ich mir nicht wenig die Hände und Füße. Endlich kam ich hinaus, und weil es Mondschein war, sah ich von weitem[138] ein Dorf mit einer Kirche; diesem eilte ich zu, und wie gemeiniglich bei uns in den Dörfern viele Obstgärten sind, sprang ich, da ich auf dem rechten Weg nicht war, über einen Zaun hin und über einen andern her, bis ich endlich unweit der Kirche ein Bauernhaus erlangte. Ich kam zum Tennentor, so offen war, ging hinein und sperrte es hinter mir zu; ich griff auf dem Tennen herum und fand eine Leiter, legte solche an einem Ort an und stieg auf eine Stallung hinauf, zog die Leiter zu mir hinauf, damit, wenn jemand kommen sollte, er nicht so leicht hinaufkommen, ich aber auf einer andern Seite hinunterspringen könnte. Ich suchte und fand allda einen Haufen Heu, darin verbarg ich mich, daß man mich nicht finden sollte: ich grube herum wie eine Schermaus und, o Jammer! die Bretter brachen unter mir, ich fiel hinunter zwischen zwei Pferde in den Roßstall. Wie ich da wieder erschrocken bin, kann ich nicht beschreiben.

Ich richtete mich auf, stieg auf den Roßbarn und schlüpfte durch das nämliche Loch wieder unter dem Heuhaufen hinein. Ich lauerte (denn geschlafen hab ich gewiß nicht) so bei zwo Stunden. Endlich hörte ich laut reden, es wurde ärger und so laut, als wenn zehn bis zwölf Personen über eine wichtige Sache Rat hielten oder sich zertragen hätten.

Ein neuer Schröcken! ich dachte mir, die Schergen wären gekommen und hätten in dem Dorf Lärmen gemacht. Ich zitterte an Händen und Füßen; doch fiel mir ein, wenn sie es wirklich sind, so wissen sie doch deinen neuen Weg in den Roßstall nicht, wohin du entfliehen kannst. Nach und nach hörte und merkte ich, daß die Weibsbilder frühe aufgestanden zu waschen. Ich hielt[139] mich noch still und ruhig, bis fünf Uhr in der Frühe; da kam ein junger Knecht, schaute sich auf dem Tennen nach seiner Leiter um und fing an zu fluchen: »Die Schwanzbuben sind schon wieder aufm Gäßl gewest und haben mir meine Leiter gestohlen.« Aber mir war nicht ums Gaßlgehen. Die Gsottbank stund neben mir; der Knecht mußte also auf einem Baum heraufklettern, um Gsott zu schneiden.

Er erstaunte, als er seine Leiter heroben sah, schaute umher und wußte nicht, was es bedeuten sollte; fing doch an, Gsott zu schneiden. Ich dachte mir: was machst du itzt? Ha! er wird doch auch ein Mensch sein, Gefühl haben und Mitleid tragen, wenn du ihm deine Sache entdeckest. Ich schlüpfte also unter dem Heu heraus. Wie erschrak er, als er mich sah, sprang zurück und glotzte starr auf mich. Ich kniete nieder, bat ihn und erzählte ihm meine Umstände, daß er mich ja nicht verraten möchte.

Vom Mitleiden gerührt ging er fort, kam aber bald wieder, brachte mir einen halben Laib Bauern-Hausbrot und sagte, ich sollte essen. – »Mein Freund, ich bedanke mich, es ist mir weder um Essen noch Trinken«; ich gab ihm drei Siebenzehner und bat ihn, er möchte mir einen Fußsteig auf St. Georgenberg, wo ich sicher gehen könnte, anzeigen, welches er mit Freuden versprach, zugleich bat er mich, ihn auch nicht zu verraten, wenn ich sollte erwischt werden. Er schnitt Gsott bis auf Mittagzeit, ging zum Essen, kam aber bald wieder im großen Schröcken, bat mich aufs neue, ihn ja nicht zu verraten, und sagte mir: ob ich wüßte, wo ich wäre? Ich sagte, »nein.« – »Beim Gerichtsverpflichteten im Hause«, widersetzte er; »drei Schergen sind schon im Dorfe, sie[140] suchen alles aus und kommen schon über die Gasse herauf.« Der Knecht war weg. Mit Zittern wartete ich unterm Heu; keine Ausflucht war mehr übrig, als durch meinen heimlichen Weg. Ich will sie abwarten und auf den Tennen kommen lassen, dachte ich mir, so kann ich eher entfliehen.

In einer halben Stunde kamen die drei Schergen mit noch drei andern auf den Tennen, suchten alles aus und stiegen endlich zu mir herauf. Sie sahen das Heu und fingen mit Gabeln an wegzuräumen. Itzt nahm ich stillschweigend den Abschied durch mein Loch in den Roßstall, zur Tür hinaus, und machte Sätze, daß ich mir in meinem Leben dergleichen keine mehr zu machen getrauete; auch ein Hund würde mich nicht leicht erwischt haben. Ich lief dem Gebirge zu, durch das Dorf im Galopp; ehevor ich zu dem Gebirge kam, gelangte ich auf einen Fahrweg rechter Hand nach dem Gebirge hinunter. Diesem lief ich schnell nach, kam über eine Brücke und endlich nach Vomp, durch das Dorf durch und dem Kloster Fiecht zu; ich ging zum Klosterbauer hinein und erzählte der Bäurin meine Umstände, welche gleich Mitleiden hatte und mich in einem Keller versteckte; sie brachte mir eine Schüssel voll Schmalznudeln, aber mir war nicht ums Essen. Ich ruhete diesem Nachmittage im Keller ziemlich aus und auf den Abend trat ich meine Reise durch den Wald auf den St. Georgenberg hinauf an; um neun Uhr kam ich im Kloster an. Ich war vorher schon öfters allda, und meine Geschichte war weit und breit bekannt. Der P. Superior Benedikt führte mich in ein Zimmer, wo ich mich in ein Bett legte. Man brachte mir eine Suppe, und weil ich nun in der Freiung war, schlief ich diese Nacht ganz ruhig.[141]

Den Tag darauf kam der Pater Benedikt, fragte mich um alles aus, und ich war am ganzen Leibe wie gerädert; itzt spürte ich erst, daß ich mir an meinem rechten Fuß mit Abspringen vom Zuchthaus eine zween Finger tiefe Wunde versetzt habe. An Händen und Füßen war ich geschunden. Meine Schuhe und Kleider habe ich im Bach verloren.

Der P. Superior schickte gleich einen Boten in mein Haus um Geld und notwendige Kleider.

Quelle:
Prosch, Peter: Leben und Ereignisse des Peter Prosch, eines Tyrolers von Ried im Zillerthal, oder Das wunderbare Schicksal, Geschrieben in den Zeiten der Aufklärung, München 1964, S. 119-142.
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