Abfahrt von Amsterdam

[181] Schon am ersten Tag unsrer Abfahrt bekam ich einen heftigen Fieberanfall, am zweiten verlor ich alle Besinnung, und am dritten wurd ich so tödlich krank, daß der Schiffskapitän mich auf ein nach Amsterdam zurückgehendes Schiff bringen ließ, wo mir Arznei gereicht wurde, während ich auf einer Matratze in einem eisernen Bette, in eine wollene Decke gehüllt, nicht anders glaubte, als daß ich das feste Land nicht wieder zu sehen kriegen würde. Im Rate meines Schicksals war es jedoch anders beschlossen, denn kaum war der Schiffer auf der Reede vor Anker gegangen, so ließ er mich durch ein paar Matrosen nach dem N.-N.-Damm in ein ansehnliches Haus bringen, worin ich die sorgsamste Pflege erfuhr. In den ersten Tagen erhielt ich, allemal um den dritten Tag, ein Vomitiv, wodurch das Fieber wich. Die kräftigen Suppen, welche man mir reichte, stärkten mich so, daß ich am neunten Tage den mir gegebenen Rat befolgen und vor der Türe das schöne Wetter genießen konnte.

Bis dahin hatt ich mich um gar nichts bekümmert und noch nicht gefragt, wem ich die sorgfältige Wartung und menschenfreundliche Pflege zu danken hätte. Als ich es nun tat, antwortete man mir: »De leiben Good, he wird ook alles betalen.«

Diese Antwort brachte mich auf die Vermutung, daß ich verkauft wäre und nun jahrelang für die Kur-und Verpflegungskosten würde arbeiten müssen; wie angenehm ward ich daher aus meinem Irrtum gerissen, als man mir sagte, daß der Kapitän, welchen ich in dem »Huus de Beible« mit bedient hatte, mich diesem Hause zur Verpflegung empfohlen und die Schiffsgesellschaft dem Schiffer zwanzig Gulden für mich bezahlt hätte.

Nach vierzehn Tagen fühlt ich mich hergestellt und dachte an die Zurückreise nach Deutschland; aber ich hatte das Herz nicht, nochmals zu fragen, was ich noch[182] schuldig wäre, da mein Kassenbestand sehr gering war. Indem ich mit diesen Gedanken umging, trat mein guter Schweizer, der mir drei Dukaten auf meine Uhr geliehen hatte, zu mir ins Zimmer und rief mir zu: »Bi Gott, was machst du?« Nachdem ich ihm erzählt hatte, was mich in das Haus gebracht habe, sagte er mir, daß er mein Schicksal erfahren und mich deshalb aufgesucht habe, um mir mit Rat und Tat beizustehen.


Dies bracht in meinen umflorten Blick

Den Tag zurück,

Und Lebensgefühl in die Glieder;

In Wonne verlor sich der Ängstlichkeit Schmerz,

Ich sank ihm und er mir inbrünstig ans Herz,

Als wären wir leibliche Brüder!


Unter solchen gegenseitigen Herzergüssen hatt ich ihm meinen Plan zur Rückkehr nach Deutschland mitgeteilt und ihn empfänglich gemacht, mich dahin zu begleiten. Wir kamen überein, schon den Folgetag, als den ersten Juni, unsern Marsch anzutreten, und schieden zufrieden voneinander. Jetzt stand mir nur noch der Sturm bei meiner Frau Wirtin bevor, deren Freundlichkeit mich endlich ermutigte, nochmals mich bei ihr zu erkundigen, wieviel ich ihr für alle mir erzeigten Wohltaten schuldig wär.

»Oh«, erwiderte die liebenswürdige Frau, »ich habe es Ihnen ja schon gesagt, daß Sie uns nichts schuldig sind; wir machen uns ein Vergnügen daraus, daß wir imstande gewesen sind, Ihnen helfen und dienen zu können. Sie waren mir empfohlen; und wir würden Sie in Dienste genommen haben, wenn Ihre Natur den Seedienst vertragen könnte. Ist es Ihr Wille, zu den Ihrigen zurückzureisen, so sei Gott Ihr Begleiter.«

Ich konnte mich der Tränen der Rührung und Dankbarkeit nicht enthalten und versicherte ihr, daß ich nie vergessen würde, was sie und ihr braver Mann, Herr Beecke, an mir getan habe. Als ich ihr darauf sagte, daß ich in[183] dem Schweizer, der mich vorhin besucht habe, einen Reisegefährten gefunden hätte, mit welchem ich den Folgetag abreisen wolle, so riet sie mir, den Nachmittag mich doch in Amsterdam noch umzusehen, welches mancherlei Merkwürdigkeiten enthalte. Ob ich gleich mit meinem Herrn fast alles Sehenswerte schon in Augenschein genommen hatte, so stellte ich mich doch ganz fremd, um aus dem Munde meiner liebenswürdigen Wohltäterin mir die nötigen Nachweisungen über ihre Vaterstadt erbitten zu können. Sie tat dies mit ungemeiner Bereitwilligkeit und las mir darüber fast ein topographisches Kollegium. »Amsterdam«, sagte sie, »liegt an der Stelle, wo der Fluß Amstel sich in den Het-Ve ergießt; deshalb nennt man die Stadt auch Amsteldam. Sie ist die größte aller vereinigten Provinzen und war in ihrer schönsten Blüte die vornehmste Handelsstadt in Europa. Da sie auf morastigem Boden erbaut ist, so hat sie die doppelte Unannehmlichkeit, daß die Häuser auf Pfählen ruhen und bei großer Hitze die Luft wegen der Ausdünstungen ungesund wird. Um diesem Übel soviel als möglich abzuhelfen, hat man die größte Reinlichkeit eingeführt und eine Menge Kanäle angelegt, welche die Stadt in allen Richtungen durchschneiden. Von der Seeseite hat Amsterdam die Gestalt eines Halbzirkels, und von der Landseite ist es von einem mit sechsundzwanzig Bastionen versehenen Wall umgeben. Der Hafen kann gegen tausend Schiffe fassen. Er ist von einem Kai begrenzt, welcher gegen 51324 Toisen oder ein Kilometer lang ist. Ganz nahe daran ist ein trefflicher Spaziergang. Das ansehnlichste Gebäude ist das Stadthaus. In einem Gewölbe dieses Gebäudes werden die unermeßlichen Schätze aufbewahrt, welche der Bank zur Grundlage dienen und dem Handel so große Vorteile gewähren. Die Börse, das Leihhaus, das Kollegium der Anatomie und Chirurgie, der Botanische Garten, welcher außerhalb der Stadt liegt, das Marine-Comptoir, welches im Wasser des Hafens aufgeführt ist, das Schauspielhaus, das[184] Magazin, die Hotels der Ost- und Westindischen Kompanie und mehrere von den siebenundfünfzig Kirchen sind der Aufmerksamkeit der Fremden würdig.«

Darauf frug sie mich, was mir denn während meines Aufenthalts in Amsterdam vorzüglich aufgefallen wäre. Ich antwortete ihr, in den ersten Tagen wären es die vielen mit Hunden oder Böcken bespannten Kinderwagen gewesen, die mir in allen Straßen, mit allerhand Lebensmitteln beladen, begegnet wären, dann aber und noch mehr die Gewohnheit, daß nicht nur Mannspersonen, sondern auch Frauenzimmer sich mit dem Angeln der Fische beschäftigten.

»Dies ist«, fiel sie ein, »hier eine Lieblingsbelustigung für alle Stände beiderlei Geschlechts. Ich dächte aber«, fuhr sie fort, »das Spätaufstehen müßte Ihnen als Ausländer besonders aufgefallen sein. Das ist nun einmal so, wer früh aufzustehen hat, muß sich einen Wecker bestellen, deren es in allen Stadtvierteln gibt.« Ich erwiderte scherzweise, dies scheine anzudeuten, daß die Herren Holländer sich früh schwer von den liebenswürdigen Holländerinnen trennen könnten, und ich verdächte es ihnen nicht, wenn alle ihr glichen.

Sie schien diese Bemerkung sehr günstig aufzunehmen und sagte, sie hätte nicht geglaubt, daß die Herren Thüringer so fertige Schmeichler wären; es wäre gut für die Holländerinnen, daß sie nur selten von Thüringern besucht würden, sonst würd es übel um die Ruhe der Holländerinnen stehen. Auf sie wäre jedoch mein Kompliment nicht anwendbar, da sie eine geborne Hannoveranerin wäre.

Wir wurden durch die Dazwischenkunft des Schweizers unterbrochen, der mir meldete, daß er sein Reisebündel geschnürt habe und nun ganz zu meinen Diensten stehe. Er machte meiner Frau Wirtin einige Komplimente über ihre Menschenfreundlichkeit und hatte dafür den Vorteil, von ihr zum Mittagsessen invitiert und behalten zu werden, welches einem Gastmahl ähnlich war.[185]

Nach Tische gingen wir aus, sowohl um die gerühmten Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen als auch meinen Paß vom Rathause abzuholen, auf welchem bemerkt war, daß ich meinem Herrn nicht länger habe dienen wollen und einige Wochen in A. krank gelegen habe, wo ich meinen nach Batavia verreiseten Oheim hätte besuchen wollen. Der erste Gang war in die St.-Katharinen-Kirche, deren Kanzel allein zwanzigtausend Taler gekostet haben soll und welche mit den schönsten Gemälden und andern Denkmälern pranget, die wir leider nur im Fluge besehen konnten. Ebenso ging es uns mit der Besichtigung des Stadthauses, der Börse, des Irrenhauses und des Hafens, bei welchem wir uns, wegen des imposanten Anblicks, am längsten verweilten. Der Eindruck eines solchen Anblicks ist unbeschreiblich; man muß so etwas selbst sehen!

Ein Hauptmangel dieser sonst so herrlichen, großen Stadt ist der des süßen Quell- oder Brunnenwassers, welches sechs Stunden weit aus der Vecht für eine Bevölkerung von 217000 Seelen herbeigeschafft werden muß, und doch ist ebendieser Wassermangel auf der andern Seite wieder ein einträglicher Erwerbzweig für einen Teil der Bevölkerung.

Erst gegen Abend kehrten wir von unsrer Stadtbeschauung zurück und wurden abermals von meiner liebenswürdigen Wirtin mit einem delikaten Abendessen regaliert, während welchem wir ihr von unsrer Wanderung Rechenschaft ablegten. Gegen zehn Uhr trennte sich der Schweizer von mir unter dem Versprechen, mich frühmorgens zur Abreise abzurufen.

Als er frühe mit seinem Reisebündel eintrat, hatt ich eben gefrühstückt und stattete noch meiner gütigen Frau Wirtin meinen herzlichsten Dank für alle erzeigten Wohltaten ab. »Nichts von Danke«, sagte sie zu mir, »was ich getan habe, hab ich auf Empfehlung meines Mannes und aus Menschenliebe getan. Ihre Schiffsgesellschaft hat mir für Ihre Verpflegung auch zwanzig Gulden[186] geschickt; hier nehmen Sie sie zum Reisegelde von mir an; und sollten Sie wieder nach Amsterdam kommen, so wird es mir angenehm sein, wenn Sie bei uns abtreten wollen.«

Solch eine unerwartete Güte hatt ich mir nicht träumen lassen; ich wollte ihr meinen Dank stammeln, aber ich konnte ihn bloß durch Tränen ausdrücken; tief gerührt ergriff ich ihre Hand, drückte sie dankbar an mein Herz und sagte ihr schluchzend ein herzliches Lebewohl, welches sie ebenso herzlich erwiderte.

Für lauter Dankgefühl wär ich ohne mein Reisebündel fortgegangen, wenn sie mich nicht darauf aufmerksam gemacht und zu mir gesagt hätte: »Nun, Sie werden doch Ihr Reisepäckchen nicht im Stiche lassen wollen? Ich habe Ihre Wäsche Ihnen waschen und instandsetzen lassen, auch noch ein Paar Hemden von meinem Manne dazugelegt, die Sie auf dem Marsch anziehen können.«

Das war zuviel Güte, und im überströmenden Gefühl dankbarer Rührung drückt ich ihr die Hand, als ob ich von der besten Mutter Abschied nähm, und stürzte dann, ohne weiter ein Wort zu sagen, zur Türe hinaus. Solange ich das Haus noch sehen konnte, dreht ich mich öfters nach demselben um und wedelte ihr, als ich sie am Fenster mir nachschauen sah, mit dem Hute mein Lebewohl zu.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 181-187.
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