Neue Abenteuer

[189] Unterweges bis Utrecht stieß uns nichts Unangenehmes auf, als daß schlechtes Wetter einfiel und viele Bauern, bei welchen wir herbergen wollten, uns abwiesen, weil wir – wie wir von einem Gastwirte erfuhren – durch unsre bei uns habenden Seitengewehre in den Verdacht kamen, zum Militär zu gehören, gegen welches sie eine entschiedene Abneigung hätten.

In Utrecht traten wir in einem Wirtshause ab, in welchem eine Menge Offiziere speiseten. Der Schweizer sagte zu mir, er würde sich anwerben lassen, weil es ihm unerträglich wäre, ohne Geld zu sein. Ich suchte ihm den Gedanken auszureden, aber vergebens; er ging zu einem Werbeoffizier und ließ sich für zwölf Dukaten Handgeld unter die holländische Reuterei annehmen.

Indem ich über die Torheit dieses Menschen nachdachte, trat einer von jenen Offizieren zu mir und frug mich[189] nach dem Zweck meiner Reise. Ich erzählte ihm kürzlich, daß ich mit meinem Herrn, dem Herrn von Seebach, nach Amsterdam gekommen wäre, seinen Dienst aber verlassen hätte, um mir einen bessern zu suchen. Hierauf sagte er zu mir, er wolle mich als Bedienten bei dem Herrn Obristen annehmen und mir acht Dukaten Handgeld darauf geben. Ohne meine Antwort abzuwarten, bestellte er bei dem Wirte eine Portion Essen für mich und ließ nicht nach, bis ich sie annahm und aß.

Als ich abgegessen hatte, trat ein Unteroffizier zu mir und sagte, ich solle ihn zu dem Herrn Obristen begleiten, welcher mich sehen wolle. Obgleich der Antrag von acht Dukaten Handgeld Schwansfedern bei mir erregte, so folgt ich ihm doch ohne weiteres, um nur zu sehen, wo das hinauswolle.

Der Herr Obriste empfing mich recht freundlich und sagte zu mir, er habe von meinem Kameraden erfahren, daß mein Herr nach Ostindien gereiset wäre und mich krank in Amsterdam zurückgelassen hätte, jetzt wäre ich im Begriff, mir einen andern Herrn zu suchen; ich gefalle ihm, wenn ich also bei ihm als Bedienter antreten wolle, so möchte ich das mir gebotene Handgeld getrost annehmen; dies hätte weiter keinen Nachteil für mich, als daß ich in der Soldatenliste mit aufgeführt würde, ohne Militärdienste zu tun. Ich kannte schon dergleichen Sprache und dachte, warte, dich soll man nicht fangen! Deswegen antwortete ich ihm, wenn ich nicht für Frau und Kinder zu sorgen hätte, so würde ich das gnädige Anerbieten des Herrn Obristen mit Dank und Vergnügen annehmen, aber so wäre es mir unmöglich. Hierauf setzt ich ihm meine ganze Lage auseinander und rührte ihn so sehr, daß er mich mit einem Dukaten beschenkte und mir eine glückliche Reise wünschte.

Kaum war ich einige Schritte von seinem Hause entfernt, so kam der Offizier mit dem Unteroffizier mir entgegen und frug mich, wohin ich wolle. »Fort«, war meine Antwort, »der Herr Obriste haben mich abgefertigt.« –[190] »Halt, Bursch«, erwiderte der Unteroffizier, indem er mich beim Arm ergriff, »wir haben erst noch ein Wörtchen mit dir zu sprechen! Den Augenblick wieder zum Herrn Obristen!« – »Meinst du, Kerl«, fuhr der Lieutenant fort, »daß ich dich umsonst hätte speisen lassen? Wir wollen dich schon kriegen!« – Unter diesen Reden hatte man mich wieder in das Haus des Obristen gebracht, welcher sogleich den Bedienten herunterschickte und dem Offizier sagen ließ, daß man mich ungehindert gehen lassen möchte. Hiermit war dieser aber nicht zufrieden, sondern ließ mich in den Händen des Unteroffiziers und ging zum Herrn Obristen hinauf.

Während ich seiner Rückkehr wartete, brachte man auch meinen Reisegefährten, welcher sein Handgeld erhalten hatte und zur Fahne schwören sollte.

Endlich erhielt ich abermals die Erlaubnis, in Gottes Namen abgehen zu können. Ich dankte Gott für die glückliche Erlösung aus der ausgestandenen Angst und verließ noch an demselben Abend die Stadt, aus Furcht, der arglistige Offizier möchte mir noch neue Händel machen.

Schon war die Nacht eingebrochen; ich trat auf, was ich nur konnte, um wenigstens ein Dorf zu erreichen, aber vergebens; endlich stieß ich auf eine Mühle und dachte, gottlob, hier wirst du doch wohl herbergen können! aber, o Himmel, in dem Augenblicke sprang mich ein fürchterlicher Hund mit entsetzlichem Gebelle an, daß mir für Schrecken das Blut fast in den Adern stockte; er würde mich vielleicht zerrissen haben, hätt ich mir ihn mit dem Hirschfänger nicht vom Leibe gehalten. Nachdem ich lange um Hülfe gerufen hatte, kam der Müller, mit einer Flinte bewaffnet, rief den Hund an sich und frug mich, mit gespanntem Hahn, was ich so spät in der Nacht hier zu suchen habe. Ich antwortete ihm, ich sei ein ehrlicher Mann und habe ihn, weil ich vom Wege abgekommen wäre, um ein Nachtlager ansprechen wollen. »Ich habe kein Quartier für Reisende«,[191] erwiderte er, »hier hat Er ein Paar Stüber und such Er sich anderswo eine Herberge!« – Sonach mußt ich auf gut Glück weitergehen und kam endlich in ein Dorf, wo ich dasselbe Schicksal hatte, überall abgewiesen zu werden, weil man mich vermutlich für einen gefährlichen Menschen hielt. Dies bestimmte mich, seitwärts, nach einem kleinen Gehölz, zu gehen, wo ich mein Nachtlager aufschlug. Es fiel ein starker Reif und wurde so kalt, daß ich es nicht länger an der Erde aushalten konnte. Zum Glück gelang es mir, ein Feuer anzumachen, woran ich mich lagerte und wobei ich, bis zu Tages Anbruch, Tabak rauchend verweilte.

Kaum war ich früh wieder auf die Landstraße gekommen, wo ich mich rechts und links umsah, um zu erfahren, wohin ich meinen Weg zu nehmen hätte, so hört ich hinter mir ein Geräusch, das ich einem Wildbrete zuschrieb, welches vielleicht vorübergeeilt wäre; als aber das Geräusch immer stärker wurde und mir näher kam, so beschloß ich zu warten, in der Hoffnung, daß es ein Mensch wäre, welcher mich zurechtweisen könne. Man denke sich mein Erstaunen, als ich plötzlich meinen Schweizer auf mich zukommen sah, welcher sich mit seinen zwölf Dukaten Handgeld aus dem Staube gemacht und seine Sachen dafür im Stiche gelassen hatte. Die Furcht, eingeholt zu werden, trieb ihn so schnell vorwärts, daß ich ihm nicht folgen konnte und von ihm Abschied nehmen mußte. Er versprach mir, an der holländischen Grenze auf mich zu warten, aber ich habe ihn nicht wieder zu sehen bekommen.

Nachdem ich eine geraume Zeit allein fortgewandert war, erreichte ich ein Dorf, worin aber leider kein Wirtshaus war. Mich schläferte, fror und hungerte, und zwar so sehr, daß ich fast nicht mehr von der Stelle konnte; ich wendete mich daher an einen Bauer, welcher mir Herberge gab. Da schlechtes Wetter ein fiel, so mußte ich einige Tage bei ihm verweilen. Meine Kost bestand mehrenteils aus Milch und Kartoffeln, und da mir die[192] Tenne zum Nachtlager angewiesen war, so zog ich mir durch Erkältung das Fieber zu, welches den Mann bewog, mir aus Mitleid eine Kuse mit einer wollenen Decke und Matratze zurechtzumachen und mir einige Tropfen Arznei zu reichen, welche mich erwärmten und bald soweit wiederherstellten, daß ich mich vollends am Steinkohlenfeuer auswärmen und wieder herumgehen konnte. Um nicht müßig zu sein, griff ich verschiedene Arbeit mit an und machte mir dadurch den Mann so gewogen, daß er mir jährlich hundert Gulden versprach, wenn ich bei ihm bleiben und mit ihm arbeiten wolle. Ich entschuldigte mich, daß ich sein Anerbieten jetzt nicht annehmen könne, weil ich schlechterdings jetzt in meine Heimat müsse, daß ich aber wiederkommen wolle.

Unter der Zeit trat noch ein Reisender bei ihm ab, welcher sagte, daß er studiert habe, und mich beredete, mit ihm zu gehen. Bald wurd ich gewahr, daß er die Kunst zu betteln studiert haben mochte, weshalb ich mich von ihm trennte und über Nimwegen nach Grave ging, wo ich die unvermutete Gnade hatte, den durchlauchtigsten Bruder der regierenden Frau Herzogin von Weimar, den Prinzen von Hessen-Darmstadt, zu sprechen zu bekommen, welcher als Chef eines Regiments daselbst stand. Das Reisegeld, womit er die Gnade hatte mich zu beschenken, war so ansehnlich, daß ich davon eine beträchtliche Strecke zurücklegen konnte. Ich setzte daher meinen Weg über Hertogenbosch und Eindhoven nach Stadt Weerd fort, wo ich in ein neues Abenteuer verwickelt wurde.

Quelle:
Sachse, Johann Christoph: Der deutsche Gil Blas oder Leben, Wanderungen und Schicksale Johann Christoph Sachses, eines Thüringers. Von ihm selbst verfasst, Berlin 1977, S. 189-193.
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