Der Souffleur.

[131] Des Menschen Wissen ist Stückwerk. Von der Wahrheit dieses Satzes wird niemand so oft und eindringlich überzeugt, als der Souffleur, der berufen ist, menschliches Wissensstückwerk zusammen zu halten. Sein Geschlecht ist uralt und sein Stammbaum reicht bis in die vorchristliche Zeitrechnung, denn wir lesen, daß schon die altrömischen Theater monitores, Erinnerer, hatten. Man kann wohl annehmen: seit Komödie gespielt wird, und wäre es zur Steinzeit gewesen, haben Einhelfer, Einbläser Souffleure existiert. Das findet seine Begründung in der mangelhaften menschlichen Natur, die uns schon in der Schule so dankbar macht für die ersten geleisteten Souffleurdienste, und wir werden dieses »notwendige Übel,« wie hervorragende Theatermänner (Goethe, Holtei etc.) die Einbläserei benannten, niemals loswerden – und loswerden wollen.

Als die extemporierte Komödie im Schwange war, gab es allerdings keine Souffleure im heutigen Sinne, aber man hatte Erinnerer, das waren die Szenarien, welche die Einteilung des Stückes in Auftritte und deren Inhalt wiedergaben, die auch die Stichworte feststellten, auf welche die Schauspieler die Bühne zu betreten hatten. Diese Szenarien hingen entweder zur Einsicht aller Schauspieler zwischen den Kulissen oder jeder Akteur hatte sein Szenarium in der Tasche. Als man von der extemporierten Komödie zum regelmäßigen Schauspiel überging, mag es den zwangentwöhnten Darstellern schwer geworden sein, die Worte der Dichtung so wieder zu geben, wie sie im Buche[131] standen, daher sich das dringende Bedürfnis eines Einhelfers fühlbar machte, der das wiederspenstige Gedächtnis unterstützen sollte.

Den Mann mußte man nahe haben, im Auge und im Ohre; demgemäß wurde ihm an beherrschender Stelle auf der Bühne eine Stätte eingerichtet. In der Mitte des Prosceniums, zunächst am Orchesterraum zwischen den Fußlampen, schnitt man ein Loch in die Bühnenbretter, so groß, daß ein Mann mit dem Oberkörper darin auf- und untertauchen konnte, hing in dieses Loch einen Kasten, der oben offen, aber unter dem Podium mit einer Tür verstehen war, die in den Versenkungsraum des Theaters führte. Über den offenen Ausschnitt oben stülpte man ein Dach von Holz oder Blech in Form einer Muschel, deren Ausmündung der Bühne zugewendet wurde, so daß der Insasse den Augen des Publikums entzogen blieb.

Es wird überall Sorge getragen, den Souffleurkasten kein und unscheinbar zu gestalten, daß er möglichst wenig ins Auge fällt. Wie staunten die Burgschauspieler, als sie bei der Eröffnung des neuen Theaters einen Souffleurkasten erblickten, beinahe meterhoch, mit vergoldeten Arabesken, der alle Blicke einfing und die Schauspieler fast zur Hälfte deckte. Dieser Prunkkasten durfte erst nach dem Tode des Baukünstlers gegen ein bescheideneres Exemplar ausgetauscht werden.

Ausgestattet wurde der Souffleurkasten mit einem Sitze für den Troglodyten, einem verschiebbaren Lesepult, das vor ihm auf der Bühne stand, mit einem Stabe, welcher als vorbereitendes stummes Zeichen zum Fallenlassen des Vorhanges vom Souffleur herausgelegt wurde, während ein von ihm gegebenes späteres Klingelzeichen den Vorhang fallen machte. Außerdem hatte er noch verschiedene Drahtzüge in seiner Behausung, mittels deren er die schwarzen, roten und blauen Lampenschirme der Fußbeleuchtung verschob, wodurch Tag und Nacht, Morgen- und Abendrot, auch der Schein[132] einer Feuersbrunst, und Mondlicht hervorgezaubert wurde. Mir anderen Zügen gab er Zeichen für die Versenkungen und für Donner und Einschlag. So war der Pfeiler beschaffen, auf dem Thaliens Tempel ruhte, der Souffleurkasten, und der Mann, der ihm den Namen gab, wurde eine wichtige Person im Theaterstaate.

In den Naturtheatern der Rokokozeit, die auch vor fünfzig Jahren hin und wieder improvisiert wurden, bestanden die Kulissen aus gewachsenen und zugeschnittenen Laubwänden und der Souffleur saß in einer Erdvertiefung, gedeckt durch ein Blätterdach.

Bei den kleinsten Wandertruppen, Meerschweinchen genannt, mußte manchmal, bei Vorstellungen in der Scheune, ein aufgespannter Regelschirm als Souffleurkasten gelten.

In Frankreich und England fand der Souffleur seinen Platz in den ersten Kulissen, mehr Nachlesen als Souffleur, der selten zu einem Einhelfer kam, weil der ersten Aufführung der Stücke mit den folgenden endlosen Wiederholungen dreißig und mehr Proben vorangingen, welche den Spielern vollkommene Sicherheit gaben. In Italien, wo die Souffleure sehr bezeichnend Suggeritore, Einrauner, genannt werden, die dem Schauspieler »etwas unter den Fuß geben,« nimmt man ihnen zuweilen die deckende Muschel, und ich habe selbst in Sondrio einen dachlosen Souffleur in seinem Ausschnitte sitzen sehen, der sein Haar kämmte, Bekannte im Publikum grüßte und den Chorgesang durch seine Stimme verstärkte.

Die Handreichungen, die der Souffleur der Theatermaschinerie zu leisten hat, kommen nicht in Anrechnung gegenüber den anderen, bedeutenderen Forderungen, die an ihn gestellt werden. Für die Zeit seines Kastenlebens soll nur die Welt auf den Brettern für ihn existieren, der er seine ganze Geistestätigkeit, seine konzentrierte Aufmerksamkeit zuzuwenden hat. Ungehört vom Publikum, soll er den Schauspielern ihren Part zuflüstern, ohne Betonung, mit scharfer Akzentuierung. Er soll so viel Sprachkenntnisse besitzen, daß ihn[133] französische, englische, lateinische Sätze und Fremdworte nicht in Verwirrung bringen, so viel grammatikalische Kenntnisse, daß er in eine Satzkonstruktion weitersonfflieren kann, die nicht mit dem Buche übereinstimmt, die der Schauspieler irrtümlich begonnen. Genaue Kenntnis des Stückes soll ihm die Beurteilungskraft verleihen, entscheiden zu können, ob eine übersprungene Stelle gebracht werden muß oder wegbleiben kann. Er soll ein Menschenkenner sein, der mit den Gewohnheiten und Schwächen seiner Darsteller vertraut ist, der den Stellen Aufmerksamkeit widmet, in denen sie auf der Probe unsicher waren. Er soll helfend beispringen, wenn es verlangt wird, wenn seine Dienste aber nicht nötig aber gar störend wirken, sich zurückziehen und doch bereit sein, das eine fehlende Wort hören zu lassen. Menschlichkeiten und Angewöhnungen muß der Souffleur außerhalb des Kastens lassen; er darf in der Posse nicht lachen, in rührenden Stücken nicht weinen, darf keine Preise nehmen, weder niesen, noch sich schneuzen, am allerwenigsten darf er einschlafen. Er wird tyrannisiert, aber er ist selbst ein Tyrann. »Das Schicksal der Schauspieler liegt in seiner Hand, hängt an seinen Lippen. Er sitzt unter ihnen im Loch, aber aus seinem Loch beherrscht er sie.« (Holtei.) In »Wilhelm Meisters Lehrjahre« läßt Goethe einen vollkommenen Einhelfer durch Serlo schildern: »Kein Zuschauer wird ihn jemals hören, wir auf dem Theater verstehen jede Silbe. Er hat sich gleichsam ein eigen Organ dazu gemacht und ist wie ein Genius, der uns in der Not vernehmlich zulispelt. Er fühlt, welchen Teil der Rolle der Schauspieler vollkommen inne hat, und ahnt von weitem, wenn ihn das Gedächtnis verlassen will.«

Holtei hatte Lust, solch ein Wundermann zu werden, aber es kam nicht dazu; in den »Vierzig Jahren« spricht er davon: »Wenn es wahr ist, daß die Hauptaufgabe jedes Menschen bleibt, nur in dem Fache zu wirken, wo ihm Vollkommenheit winkt, dann mußte ich Souffleur werden.[134] Offenbart hat die Übung im Vorlesen, die vielseitige Ausbildung im Artikulieren, der rasche Überblick, mit dem ich mich gewöhnte, ganze Seiten auf einmal zu durchfliegen, und die unermüdliche Ausdauer meiner Lungen und Sprechorgane, mich mehr als jeden anderen dafür befähigt. Beim Wiener Hof-Burgtheater wäre ich heute (1845) noch bereit, den Posten eines Souffleurs anzunehmen.« Ich glaube kaum, daß ein Burgschauspieler ihm jemals dazu geraten hätte. Als Blasel Direktor des Josefstädter Theaters war, erkundigte ich mich bei ihm nach dem Stück eines Burgtheater- Souffleurs, das bei ihm gerade einstudiert wurde. »Das Stück ist nit schlecht, aber es wird furchtbar drin g'schimpft. Das geht nit, hab' ich dem Herrn Souffleur gesagt, i begreif' ja, daß Sie sich entlasten wollen, aber lassen's die Biecher wo anders aus, mein Theater ist keine Menagerie.«

Es war fiel, was man von einem Einhelfer verlangte, und doch drängten sich die Bewerber, diesen Posten zu bekommen: Schiffbrüchige, die sich an die Bühnenbretter anklammerten, Schauspieler, die unter die Räder des Thespiskarren geraten waren, Leute, die vom Theaterteufel gepackt, ohne Theater nicht leben konnten, begabte Menschen, denen ein Körpergebrechen verwehrte als Darsteller zu wirken. Es währte nicht lange, so traten Frauen als Wettbewerber um diesen Posten auf, die Souffleusen, welche jetzt den Souffleuren starke Konkurrenz machen. Aber die Behausung hatte der Mann getauft, und von einem Souffleusenkasten hat noch niemand gesprochen.

Die Entlohnung des Souffleurs stand in schlechtem Verhältnis zu den Auforderungen, die an ihn gestellt wurden. Er erhielt selten mehr als ein Schauspieler der untersten Rangordnung, der den Wagen vorfahren ließ oder das gesattelte Pferd anmeldete. So war er darauf angewiesen, sein fixes Einkommen zu vermehren. Sein Privilegium war, daß er gegen karge Verzahlung die Rollen aus den Stücken[135] für die Direktion abschrieb. Sporteln fielen ihm zu von den Lernfaulen, die in die Taschen greifen mußten, um ihn anzueifern. Eine ergiebige Geldquelle war für ihn das Abschreiben der neuen Stücke, die ihm in die Hände fielen und die er dann weiter an Theater-Direktoren und Nachdrucker verkaufte, welche zu jener Zeit, wo es keinen Schutz des geistigen Eigentums gab, auf diese Weise den Dichter um kein Honorar brachten. An Johann Fr. Schütze in Hamburg schreib ein kursächischer Buchhändler ganz ehrlich (!) und rund heraus: »Sie kennen ohne Zweifel den Souffleur der Schröderschen Bühne. Senden Sie mir doch gelegentlich durch ihn (oder mit seiner Hilfe) Manuskripte Schillerscher Stücke. Ich will sie gut bezahlen.« – Holtei erzählt vom Souffleur W. beim Königlichen Theater in Berlin, daß er einen verbotenen Kleinhandel mit abgeschriebenen Manuskripten betrieb. In späteren Jahren verfielen neue Couplets und Einlagen aller Arten, trotz Vorsichtsmaßregeln der Urheber und Eigentümer, den Geiersgriffen der Souffleure, welche Abschriften machten und verkauften, bis endlich die Gesetze zum Schutze des geistigen Eigentums diesem Standrechte ein Ende machten.

Hand in Hand mit dem unrechtmäßigen Manuskriptenschacher ging eine Art Seelenverkauf. Der ehrenwerte Direktor, welche die Stücke vom Souffleur erwarb, kaperte durch ihn auch begehrenswerte Schauspieler für seine Bühne. Der Souffleur, der das neue Engagement vermittelte, nahm dafür Gebühren, womöglich von beiden Kontrahenten. So entstanden die ersten Winkeltheater-Agenturen, die sich später zu großartigen Geschäften entwickelten. Jener Souffleur W. vom Königlichen Theater in Berlin, von dem Holtei berichtet, wendete sich auch diesem Geschäftsweige zu, und wurde der Stammvater der sich immer mehr ausbreitenden, nun konzessionierten Theateragenten.

Eine rechtmäßige Einnahmsquelle bildete die Herausgabe des Journals, welches den Personalbestand des Theaters,[136] die täglichen Aufführungen, Prologe und Epiloge, Bühnenereignisse und Anekdoten zum Abdrucke brachte. Bei ständigen Theatern wurde das Journal einmal im Jahre, gewöhnlich als Neujahrsgruß von den Souffleuren den Gönnern gegen ein Douceur überreicht, bei reisenden Gesellschaften hingegen hatte der Souffleur die Berechtigung, in jeder Stadt, die besucht wurde, von der Abreise seine Ernte zu halten. Dieses sogenannte »Journal-Machen« sollte dem Souffleur eine Extraeinnahme gewähren, wie das Benefize den darstellenden Mitgliedern. Für die Theaterforschung sind die Journale, besonders die aus der ersten Periode des regelmäßigen Schauspieles, wo die Theateralmanache nur sporadisch erschienen und deren Mitgliederverzeichnisse sehr mangelhaft waren, von großer Wichtigkeit.

Die neue Erscheinung des Souffleurkastens auf den Brettern mag anfänglich befremdend für Darsteller und Publikum gewesen sein, und der unsterbliche Hauswurst, dessen Kleider und Pritsche man wohl verbrannt hatte, der aber in neuer, wechselnder Gewandung auf dem reformierten Theater lustig weiter agierte, ließ es sich nicht entgehen, den Souffleur mit ins Spiel zu ziehen. Es reichte ihm Nahrungsmittel in den Kasten, schenkte ihm ein Glas Wein ein, bewarf ihn mit dem Flaschenkork oder setzte sich auf den Kasten und bot ihm eine Prise an. Wurde der verkappte Hauswurst verfolgt, kroch er angstvoll in den Souffleurkasten oder kam durch diesen wieder zum Vorschein. Überlieferungen auf dem Theater sind langlebig, wie die Moden auf dem Lande, und so haben sich diese Späße mit dem Souffleur und dessen Kasten lange erhalten, am längsten auf kleinen Wanderbühnen. Bei Aufführungen der Posse »Robert und Vertram« ist es heute noch üblich, daß einer der lustigen Vagabunden bei der Verfolgung in den Kasten kriecht, ebenso wie der Souffleur Salomon in »Kean« heute noch aus dem Kasten kommt, um dem Publikum mitzuteilen, daß Kean wohnsinnig geworden. Das sind die Fälle, wo der Souffleur ausnahmsweise[137] sein Schneckenhaus räumen muß, das ja nur einen bergen kann. Bei Ballettaufführungen darf er sein Haus nicht einmal als Zuschauer beziehen, weil es dann vom Podium verschwinden muß. In großen Städten, wo eine Novität hundert und mehr Vorstellungen nacheinander erleben kann, pflegt man den Souffleur bei der fünfundzwanzigster oder dreißigsten Wiederholung mit seiner herabgeminderten Tätigkeit in die erste Kulisse zu postieren. Bei kleinen Theatern jedoch, wo das Repertoir täglich wechseln muß, wenn der Direktor auf guten Besuch rechnen will, darf der Souffleur, der hochwichtige, »vielsagende« Mann, die Seele des ganzen Unternehmens, den Kasten nie verlassen. Hier fühlt sich der Souffleur als Gott, weil er dem Schauspieler, »von allem Wissensqualm entladen,« den Lebensodem einhaucht. Hier ist der gute Souffleur, respektiert, den Darstellern beinahe gleichgestellt, und wird von diesen verhätschelt und umschmeichelt.

Wesentlich anders gestaltet sich seine Stellung an Hofbühnen1 und großen Stadttheatern, wo er manchmal zum Südenbock gemach und arg geschoren wird. Wie oft ist der Souffleur ein Blitzableiter für die Ausladungen nervöser Schauspieler. Man muß nur die verschiedenen Verhaltungsmaßregeln hören, die er vor Beginn einer Probe oder Vorstellung bekommt: »Ich brauche nur einen Anschlag, aber scharf!«

»Bitte, mir gar nicht zu soufflieren, ich weiß jedes Wort.«

»Nicht schreien und um Gottes willen nicht hetzen.«

»Mir können Sie alles bringen, dann weiß ich, daß Sie bei der Sache sind.«[138]

»Betonen Sie nicht, das werde ich besorgen. Sie haben mir nur das Rohmaterial zu liefen, ausarbeiten werde ich es.«

»Na, gestern haben Sie mich schön hängen lassen, und ich brauchte nur ein Wort.«

»Verschreien Sie mir meine Pausen nicht, Sie müssen doch fühlen, was eine Kunstpause ist.«

»Lieber Freund, heute kann ich keine Bohne, halten Sie mir den Schwimmgürtel parat.«

»Herr Souffleur: Sssst!«

»Sie können den Mund schon auftun. Sie sind ja nicht Souffleur beim Affentheater.«

Das soll er sich nun merken und aller Wünsche befriedigen! Zuletzt bittet noch flehentlich eine junge Dame, die ihren ersten theatralischen Versuch macht, keine Silbe zu soufflieren, es beirre sie. Der Souffleur denkt sich: »So nimmt ein Kind der Mutter Brust nicht gleich im Anfang willig an, doch bald ernährt es sich mit Lust.«

Wie ein großer Mann vor seinem Kammerdiener an Größe verliert, so ergeht es oft dem Darsteller vor seinem Souffleur. Was ein Souffleur alles wahrnimmt, wovon sonst kein Zuschauer die entfernteste Ahnung hat! »Es ist wie bei einer Spieluhr. Die anderen Leute hören wohl, wenn sie stockt und falsche Töne von sich gibt, aber nur, wer das innere Werk gründlich kennt, den Mechanismus versteht, vermag zu entdecken, wo es sitzt.« (Holtei.)

Von Altmeister Döring erzählt man sich viele Souffleuranekdoten. Köstlich mag es gewesen sein, wie er als alter Oberst v. Kollwitz im »Prinzen von Homburg,« zum Auftreten bereit, hinter den Kulissen mit den Kollegen plaudert und plötzlich von dem Inspizienten gemahnt wird, auf die Szene hinauszugehen, und wie er die Worte, die er noch hinter den Kulissen zu rufen hat, nun vor dem Souffleurkasten stehend, sagt: »Wer hilft vom Pferde[139] mir?« Die Auseinandersetzungen, die er mit den Einhelfern bei seinen Gastspielen hatte, waren berühmt. In P. fand er eine recht kümmerliche Souffleuse, die ihm auf der Probe nichts recht machte, die ihn fortwährend stecken ließ. Er kauert sich vor den Kasten nieder und macht ihr eindringliche Verschriften – es hilft nichts, er bleibt wieder hängen. »Bei der Frau bin ich verloren! Ihr Anblick dreht mir das Herze um – wenn das Elend im Kasten sitzt, kann ich nicht spielen! Schminken Sie sich rote Backen, stecken Sie sich eine Rose ins Haar – dann wird's gehen.« Unter großen Jubel wurde vor der Vorstellung die Souffleuse von dem übermütigen Theatervolk knallrot geschminkt und mit Rosen überladen in den Kasten gesetzt. Döring hatte einen guten Abend, das Publikum jubelte, und im Zwischenakte ließ er die Souffleuse heraufkommen. »Sehen Sie, so ist's gut. Merken Sie sich: Heiter, heiter ist die Kunst!«

Wenn ein Schauspieler auf einem Ohre schwerhörig ist, sucht er die Seite der Bühne zu gewinnen, auf welcher er dem Souffleur das gute Ohr zuwenden kann, aber ergötzlich ist es zu sehen, wenn zwei auf gleichem Ohr geschädigte Schauspieler, um die günstige Souffleurseite einen stillen Kampf kämpfend. Dingelstedt, der Direktor des Burgtheaters, führte ein nicht pensionsberechtigtes Mitglied des Hofschauspieles, welches vor dem Souffleurkasten eine längere Rede loslassen wollte, seitwärts an die Kulisse: »Unglücklicher! Wo stellen Sie sich hin! Das ist ja das Platzel für die wirklichen Hofschauspieler!«

Würden alle Ermordungen, die von steckengebliebenen Schauspielern den Souffleuren angedroht werden, wirklich ausgeführt, man könnte einen eigenen Friedhof für Souffleure anlegen. Der Unglückliche aber, welcher Nestroy als Käsperle in der »Teufelsmühle« rettungslos sitzen ließ, hätte ganz gewiß sein Leben lassen müssen, denn der rasende Komiker erwartete ihn an der Treppe zur Unterwelt mit[140] gezogenem Säbel, wenn die Mordwaffe nicht vorschriftsmäßig von Holz gewesen wäre.

Die häufigen Differenzen zwischen Schauspieler und Souffleur werden nicht früher aufhören, bis die stetig fortschreitende Wissenschaft eine telephonische Verbindung zwischen ihnen zustande bringt, die allen Übelständen mit einem Schlage ein Ende machen wird.


Ende.


Fußnoten

1 Die alten Burgschauspieler Laroche und Mama Haizinger redeten die Souffleure mit »Er« an; so sagte letztere einmal: »I hör', sei' Frau ischt krank. Jessus! Jessus! Er muß nit dran denke. Er muß sich ein bißle zerschtreue. Weiß Er was? Souffleure Er mir heut' recht gut – i kann's brauche.«


Quelle:
Schöne, Hermann: Aus den Lehr- und Flegeljahren eines alten Schauspielers. Leipzig [um 1903].
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