Friedrich Beckmann.

[115] »Die Mehrzahl der Menschen hat instinktmäßig das Bedürfnis, aufgeheitert zu werden. Jedermann strebt nach Glück, und heitere Stunden sind für jedermann ein Ersatz für Glück. Es gibt also nichts Populäreres als einen wirklichen Komiker. Beckmann war einer. Er war ein komischer Künstler, er war ein komischer Schauspieler.« Diese kurzen Worte des Lobes stammen aus der Feder Laubes, sie wiegen um so schwerer, weil der Direktor mit dem Komiker nicht immer auf dem besten Fuße stand. Laube läßt ihn auch nicht ungerupft und macht ihm den Vorwurf, daß er selten versucht habe, zu charakterisieren: »Es lag nicht außer seiner Fähigkeit, aber es überstieg die Enthaltsamkeit, deren er fähig war. Er war immer Beckmann.« Wie oft mag indessen Laube bei schwachen Stücken, die auf dem Punkte waren, umzukippen, dafür dankbar gewesen sein, daß der »Hauptfeuerwerker,« wie er Beckmann genannt, durch eigene Witzraketen über viele Fährlichkeiten hinweghaft. Siegerhaft sah der Hauptfeuerwerker des lustigen Spieles nicht aus. Er machte beim ersten Anblick den Eindruck eines gemütlichen Altbürgers, der sich aus früheren Tagen den Anstrich eines Lebemannes bewahrt hat. Der Hut saß ihm unternehmend auf dem Kopfe, etwas seitwärts geneigt, dadurch kontrastiernd mit der bürgerlichen Erscheinung. Ein spießiger Spazierstock, den er manchmal recht kühn in die Seite stemmte, kam nie aus seiner Hand. Faßte man ihn aber schärfer ins Auge, dann blieb kein Zweifel, daß man einen komischen Künstler vor sich habe. Er wirkte sorgenverschenchend,[115] bevor ein Wort aus seinem Munde kam. Sein Gesicht war voll, umrahmt von halblangen, dunkelblonden, mit Silberfäden durchzogenen Haaren, die sich, in eine großwellige Locke eingebogen, um den Kopf legten. Beckmann nannte sich selbst einen verschossenen Blondin. Kleine Backenbärtchen, nur bis zum Ende des Ohres reichend, vervollständigten des Haarwuchs; Augenbrauen waren nur angedeutet, die Wimpern wie ausgezupft. Seine Augen waren von verquollenen Liedern bedeckt und lagerten auf hervortretenden Tränensäcken. Blitze konnten diese Augen nicht schleudern, aber sie konnten dem Gesicht den Ausdruck von unendlicher Gutmütigkeit, Dummheit, Verblüffung, Angst und Bauernschlauheit verleihen. Der Mund aber ließ erraten, war von ihm zu erwarten war, in seinen Winkeln lauerten alle Humore, und die bewegliche Oberlippe konnte sich zu einem kleinen spitzigen Schnabel formen, der sehr possierlich wirkte. Seine Darstellung strotzte von drolligliebenswürdiger Naturwahrheit und war von jener echten Naivität, welche die jungen Jahre überdauert. Die schauspielerische Macht, die er ausübte, vermochte nur ein Augenzeuge zu begreifen, und das Wesen seiner Komik konnte man nur empfinden, aber nicht in Worte fassen. Von der Pike auf hat er dem Theater gedient, und es ist ihm nicht leicht geworden, sich hinauf zu arbeiten zu der Höhe, die nur von wenigen erreicht wird. Er hat das nie vergessen; neben seiner angeborenen Gutherzigkeit war das wohl mit Veranlassung, daß er den Neulingen, die dem Künstlerkreis des Burgtheaters angereiht wurden, ein unbefangen liebenswürdiges Entgegenkommen zeigte, was von diesen als wahre Wohltat empfunden wurde, denn die allerersten Sterne strahlten aus unnahbarer Ferne. Es brauchte Zeit, bis junge Mitglieder durch ihr Verhalten als Mensch und Schauspieler sich offenbart und würdig befunden wurden, die Bannlinie zu überschreiten. Als Fichtner das Jubiläum seiner vierzigjährigen Burgtheater-Tätigkeit beging, waren[116] die Allerjüngsten, als ob das selbstverständlich wäre, von der Feier ausgeschlossen. Nach wenigen Jahren, als die junge Garde mit ins Vordertressen rückte, wurde das anders, und durch die Feste, mit denen das Burgtheater seine verdienstvollen Mitglieder ehrte, ging sogar ein demokratischer Zug. Selbst Beckmann fühlte sich dem Regiequartett Anschütz, Löwe, Fichtner, Laroche nicht völlig ebenbürtig. Der Sohn des Töpfergesellen konnte ihnen gegenüber eine gewisse hochachtungsvolle Scheu kaum überwinden. Besonders für Meister Anschütz hatte er eine große Ehrerbietung, er nannte ihn »unser alter Herr,« und vielleicht, um sich ein wenig von diesem Gefühle freizumachen, freute es ihn, daß er dem Unfehlbaren ein kleines Versehen auf der Bühne nachweisen konnte. »In Breslau, im Jahre 1820,« so erzählte er, »war schon damals unser alter Herr Regisseur und erster Schauspieler, der wie heute mit größtem Ernste an alle seine Aufgaben ging, vor dem ich einen heillosen Respekt hatte. Da begab sich's, daß wir ein Ritterstück spielte, in dem unser alter Herr, damals ein junger Herr, den edlen Helden darstellte, welcher von dem Bösewicht des Stückes im tiefsten Verlies gefangen gehalten wird. Während der verwandlungsreichen Komödie stand Anschütz mit seiner Herzdame, die jetzt seine Frau ist, zwischen den Kulissen und plauderte mit ihr. Da schreckt ihn ein Verwandlungszeichen auf, und in der Meinung, seine große Kerkerszene sei an der Reihe, kreuzt er die Arme und betritt gesenkten Hauptes die Bühne, dort erhebt er den Blick und sieht sich zu seinem Schrecken in einem wohnlichen Gemach, dem bösen Ritter gerade gegenüber. Jetzt merkt er, daß er um eine Verwandlung zu früh aufgetreten ist. Die Gegner starren sich sprachlos an, der Bösewicht fängt schon an, vor Angst zu schlottern, da faßt sich Anschütz und sagt mit eisernem Ernst: »Herr Ritter! Ihr glaubtet mich wohlverwahrt im untersten Turmgewölbe – und ich bin hier! Seht, Herr Ritter, ich wollte Euch nur zeigen, wie schlecht man Eure Gefangenen[117] bewacht. Seid ruhig – ich gehe selbst in mein Verlies zurück.« Und stolz kehrte er seinem Peiniger den Rücken, die Szene verlassend.

Beckmann war mitteilsam, besonders liebte er es, lustige Stückchens aus seiner frühesten Theaterzeit zu erzählen; sein erster Hervorruf und sein erstes Extempore waren Ecksteine im Aufbau seiner Erinnerungen. Den ersten Hervorruf erzielte er in Breslau als Statist in »Macbeth« neben Anschütz, der die Titelrolle vor einem gedrängt vollen Hause spielte. Dieser hatte eben die Szene mit den Hexen wirkungsvoll beendigt und war abgegangen, starken Eindruck hinterlassend. Das erste Verwandlungszeichen war gegeben, Hexenkessel und Versatzstücke bei offener Szene glücklich in die Kulissen gezogen, nur die große Schlange, dieselbe, die auch in der »Zauberflöte« eine bedeutende Rolle spielte, die sich eben noch unheimlich um den Kessel bewegt hatte, blieb liegen und rührte nicht den Schwanz, denn die Leitungsschnur war angerissen. Das Ungeheuer mußte aber fortgeschafft werden, sonst hätte Lady Macduff bei der nächsten Verwandlung die Schlange mitten im Zimmer gehabt. Der Inspizient stieß also Beckmann in die Seite und hieß ihn die Schlange »abräumen.« »Das war ein kitzlicher Auftrag,« erzählte er, »holst du die Schlange herein, dachte ich, so wirst du vom Sonntagspublikum heillos ausgelacht und verhöhnt, du mußt die Lacher auf deine Seite bringen. Da schlich ich mich denn als schottischer Krieger hinaus und faßte die Schlange scharf ins Auge, zog behutsam mein Schwert und stürzte mich plötzlich auf sie, wild einstehend und kreuz und quer über sie springend, bis ich ihr den Kopf durchstach, die Schlange triumphierend in die Höhe hob und abschleifte. Während des Kampfes hatte sich schallendes Gelächter erhoben, und als ich abgehen wollte, brach ein Beifallssturm los. An der Kulisse kehrte ich wieder um, löste die Schlange vom Schwert und drückte ihren Kopf liebend an meinen Busen,[118] mich tief verneigend. Unter großem Jubel und Applaus konnte ich mich in die Kulissen zurückziehen, aber hier wurde mir ein anderer Empfang – oijeh!«

Von Breslau kam Beckmann durch den Komiker Schmelka, dem er sich unentbehrlich gemacht hatte, an das neuerrichtete Königstädter Theater in Berlin, wo er für seinen Drang, sich nützlich zu machen, ein weites Feld fand. Er war Garderoben-Inspektor, Hilfsinspizient, Schauspieler und Helfer in allen Theaternöten. Man brauchte Beckmann in dem neuen Hause, wo noch nichts recht klappen wollte, überall nötiger als auf der Bühne; Rollen bekam er wenige, nur das, was übrig blieb. Der Komiker Schmelka, dem Geschmack der Zeit folgend, gab auf der Bühne gerne tolle Rätsel auf, und die sie lösen sollten, mußten einfältige Menschen sein, die er zum Gaudium des lieben Publikums gehörig hänselte. Unter einer Gruppe von Bauern, die von Schmelka in solcher Weise genarrt wurden, befand sich auch Beckmann. Schmelka stellte die Rätselaufgabe: »Das erste ist schwarz, das zweite ist schwarz, das dritte ist schwarz, das vierte ist schwarz – aber das Ganze ist schwärzer als schwarz. Was ist das?« Schon die Aufgabe erregte Lachen, um so gespannter war man auf die Lösung. Die Bauern glotzten dumm, nur Beckmann machte ein schlaues Gesicht und nickte, als ob er herausgebracht und als ob seine Lösung die richtige sein müsse. Schmelka, der einen Hauptpaß witterte und sicher war, daß Beckmann die Auflösung: »kohl–pech–raben–schwarz« nicht finden könne, zog ihn an den Souffleurkasten vor und sagte: »Mir scheint, du weiß es?« Beckmann lächelte siegreich-bescheiden: »Ja, ich hab's raus!« – »Na, was ist's?« – »Rote Tinte!« sagte Beckmann. Der König in seiner Loge und das ganze Publikum krümmten sich vor Lachen. Beckmann hatte seinen Meister geschlagen und war von Stund' an ein anerkannter Komiker. Als solcher wurde er von Pokorny für das Theater an der Wien verpflichtet. Hier sah ihn Laube (1845), der in seiner Geschichte des[119] Burgtheaters anführt, daß er den Anstoß gegeben habe, Beckmann für das Burgtheater zu engagieren, indem er die Aufmerksamkeit des Grafen Dietrichstein auf die Fähigkeiten des Komikers gelenkt habe. Davon wollte Beckmann nichts wissen; er meinte, daß seine Beliebtheit bei Hofe allein ihm den Weg ins Burgtheater gebahnt habe. Vielleicht sind beide im Recht, jedenfalls hat aber Beckmann viel für sich getan; er war von jeher in den verschlungenen Gängen der Fürstenschlösser ein guter Pfadfinder. Er trat im Jahre 1846, und zwar gleich als wirklicher Hofschauspieler mit Dekret, in den Verbau des Burgtheaters, eine Auszeichnung, die einzig dasteht. Beckmann wurde unter Laubes Direktion zur Opposition gerechnet, aber es war eine mäßige »allergetreueste« Opposition, die er machte. Der Zweifelpalt zwischen Direktor und Komiker war nicht tief, dazu fanden sie zu viel Gefallen aneinander und hatten einander zu nötig. Laube konnte herzlich über Beckmann lachen, und dieser empfand es recht angenehm, wenn ihm der Direktor in seinen Übersetzungen französischer Stücke die Rollen so recht nach seiner Eigenart zuschnitt, wie es in den »Biedermännern,« »Pelikan,« »Familie nach der Mode« geschah. In einem Punkte gerieten sie manchmal aneinander. Beckmann konnte es nicht lassen, in seine Rollen Einschübe und Extempores zu machen, sogar in klassischen Stücken. Wenn es auch nur ein Wort war – seinen Einschub mußte er haben. Als erster Totengräber in »Hamlet« hat er seinem Kameraden den Unterschied zwischen zufälligem Tod und Selbstmord klar zu machen und schildernd zu sagen: »Hier ist das Wasser. Gut; und hier« – auf den zweiten Totengräber deutend – »steht der Mensch. Gut« Ist hier ein komischer Einschub erfindbar? Beckmann fand ihn, er sagte: »Hier ist das Wasser. Gut; und hier steht der Mensch – entschuldige!« Diese Extempores suchte Laube einzuschränken, und manches Witzwort fiel unter der Zensur des Direktors; aber es kam vor, daß dem Beckmann auf der Bühne solch[120] ein gestrichener Witz entschlüpfte. Dann suchte er sich aber zu verkrümeln, denn Laube kam blitzschnell aus seiner Loge auf die Bühne, wie nach jedem Verstehen, nach jeder auffälligen Pause. Niemand konnte erklären, wie Laube es möglich mache, den weiten Weg von der Loge zur Bühne so schnell zurückzulegen. Baumeister wußte es: »Der Alte rutscht auf dem Treppengeländer 'runter!« In guter Stunde haben wir einmal unserm Direktor von dieser Patentbahn erzählt, da hat er sich vor Lachen geschüttelt, daß ihm die Tränen in die Augen kamen.

In dem Lustspiel »Cato von Eisen« war der Autor desselben, Laube, von Beckmann in den späteren Aufführungen nicht mehr recht befriedigt. Er schreibt: »Beckmanns komischer Vater, bei den ersten Vorstellungen noch in den Schranken der Charakteristisch, war von liebenswürdiger Komik, allmählich wischte er alle besonderen Züge radikal aus und war zuletzt ein höchst komischer Beckmann, aber gar nicht mehr der Herr von Eisenstein.« Seine Extempores jagten einander in dem Stück, besonders mußten die Namen der Personen herhalten; so dichtete er: »Kreuzer, Semmel und Eisenstein, die wollen gute Freunde sein.« Dann kam eine Alliteration: »Sieh, sieh: Semmel sammelt Summen!« – auch noch ein Namensscherz: »Semmel, du bist hart!« Das Publikum lachte unbändig und Laube schüttelte den Kopf. »Es war nötig, Doktor,« pflegte dann Beckmann zu versichern.

Es gab kaum ein Mitglied des Burgtheaters, dessen Namen er nicht mit einem Scherz in Verbindung gebracht hätte. Toll trieb er es als »Vater der Debütantin.« Gleich im Anfang des Stückes ließ er sich von seiner Tochter (Fräulein Kratz) den Frack aus dem Schranke reichen, fand aber, daß rote Schweizerpuffen darauf genäht waren. »Richtig!« sagte er, »ich habe darin zuletzt den Wilhelm Tell gespielt, die Puffen müssen herunter; mein Engel kratz ab.« Zu Frau Kierschner, welche in dieser[121] Posse die erste Liebhaberin des Theaters gab, sagte er, ihren Pelz streichelnd: »Ein schöner Pelz, Sie müssen einen guten Kierschner haben.« Dem Widersacher seiner Tochter, der Debütantin, von Landvogt gespielt, rief er zu: »Der unsterbliche Schiller hat recht; der See kann sich – der Landvogt nicht erbarmen!« – In »Preziosa,« mit der Wolter in der Titelrolle, jagte er als Schloßvogt Pedro auf Befehl des Grafen die Zigeuner weg mit den Worten: »Macht euch fort, euch allen grollt er; niemand bleibt, nur die, die wollt' er! (Wolter).« Baumeisters Namen mußte oft herhalten: »Der Plan ist von mir, doch hier steht der Baumeister.«

Beckmann hatte oft frappierende Augenblickseinfälle, die meisten Extempores waren jedoch wohl vorbereitet, aber seine Kunst bestand darin, sie wie plötzliche Eingebung erscheinen zu lassen. Man sah ihn oft hinter den Kulissen über einem Witz studieren, bis er ihn geläufig, wirksam und natürlich wiedergeben konnte. Im Orchester des Operntheaters, der Geburtsstätte manches trefflichen Scherzes, war ein Witzwort über die Sängerin Destin im Umlauf, das Beckmann in Vertrieb nehmen wollte. Weil es aber ein Witz im schönsten »Wienerisch« war, das ihm nicht recht geläufig, ging er beinahe eine halbe Stunde im Hintergrunde der Bühne auf und ab, jeder Anrede ausweichend. Endlich, nachdem er seiner Sache sicher geworden war, trat er an uns heran und fragte: »Ist das gut so? Dös Des, dös die Destin singt, ist dös Des dünn!« Alle diese Scherze hatten eine Wirkung, von der man sich heute kaum einen Begriff machen kann. Man mußte über Beckmann lachen, ohne das man zum Nachdenken kam, er wirkte unmittelbar. Nur ein Mensch vermochte seiner Komik gegenüber ernsthaft zu bleiben, das war Gottfried Keller. Ein Ensemble von Burgtheater-Mitgliedern, dem auch Beckmann angehörte, absolvierte im Sommer 1865 ein Gastspiel in der Schweiz. Der Ästhetiker F. Th. Vischer in Zürich verkehrte in ihrer[122] Gesellschaft und versprach, auch einmal seinen Freund Keller mitzubringen. Dieser erfreute sich damals noch nicht allgemeiner Anerkennung, sein »Grüner Heinrich« lagerte noch in erster Auflage bei Bieweg in Braunschweig, aber uns war der große Erzähler kein Unbekannter mehr, denn die Wiener Kritik hatte zeitig seinen Ruhm verkündet. Da rüsteten sich die Hofschauspieler, dem Dichter einen besonders heiteren Abend zu bereiten. Beckmann und seine Frau, die früher sehr beliebte Soubrette Adele Muzarelli, suchten die leckersten Bissen aus ihren Vorträgen heraus, auch die übrigen beeiferten sich, das Fest nach Kräften zu würzen. Gottfried Keller aber saß da und verzog keine Miene. Beckmann erlahmte allmählich und starrte zuletzt auf den steinernen Gast wie auf ein Meerwunder – zum erstenmal sah er einen Menschen, der über ihn nicht lachen konnte. Beckmann war geknickt. Keller verließ als Erster allein das Fest, und Vischer sagte, ihm schmunzelnd nachsehend: »Ja, 's ischt ein wunderlicher Heiliger!«

Gerne hätte Beckmann wie mancher Komiker auch einmal tragisch gewirkt, aber immer blieb der Erfolg aus. Als alter Schäfer Tityrus im »Wintermärchen« hatte er bei einem Abgange eine größere ernsthafte Rede zu sprechen, die ihm, wie er glaubte, einen Applaus bringen mußte. Jedesmal horchte er nach diesem Abgang, ob sich nichts rege, aber das Publikum »saß auf den Händen« und kicherte über den Komiker, der auch spaßig war, wenn er ernst sein wollte.

Bei einer Kahnfahrt, welche die Wiener Gastspieler auf dem Züricher See machten, zog Beckmann mit Feierlichkeit eine Flöte aus der Tasche, setzte sie sorgsam zusammen, hauchte hinein und fing dann an, ein schmelzendes Adagio zu blasen. Wie er dabei die Oberlippe zum Schnabel formte, die Augenbrauen in die Stirne hinaufzog und uns schmachtend anblickte, brachen alle in helles Lachen aus und applaudierten, in der Meinung, daß Beckmann eine neue komische Produktion vorführen wolle. Er brach ab, sah uns vorwurfsvoll[123] an, nahm die Flöte wieder auseinander und steckte sie ein. »Ach so! Ihr seid nicht in Stimmung – dann nicht,« sagte er, zog eine Mundharmonika heraus und spielte listige Weisen. Die höhere Weihe, die er erzielen wollte, wer ausgeblieben.

Seine Frau hatte allein von Zürich aus einen Abstrecher nach Schaffhausen gemacht, um sich den Rheinfall anzusehen. Bei ihrer Rückkehr zeigte sie uns auf einer Photographie einen Felsen nahe am Wasser, von dem sie sich das Naturschauspiel angesehen hatte. Beckmann geriet außer sich. »Also hast du wieder einmal dein Leben aufs Spiel gesetzt, ohne an die Rückbleibenden zu denken! So macht sie es nämlich immer,« wendete er sich an uns. »Wie war es in Triest? Ich sitze draußen am Meer bei stürmischem Wetter und sehe in der Ferne ein Boot mit den Wellen kämpfen. Alle Schiffer behaupten, daß die Leute im Boot rettungslos verloren sind. Ich hatte keine Ahnung, daß meine Frau mit dabei war, und ringe teilnahmslos die Hände« – weiter kam er nicht mit der Geschichte – »teilnahmslos die Hände ringen« – das war zu gut! Wir lachten, und er hatte uns erschüttern wollen. Was er eigentlich gesagt und warum wir lachten, darüber konnte er sich wohl kaum Rechenschaft geben, dieses »teilnahmslose Händeringen« gehörte zu seinem Naturell.

Die von ihm so heiß ersehnten und endlich erreichten Ordensauszeichnungen brachten ihm manche Leidensstationen in Erinnerung, die er durchmachen mußte, bevor er an das Ziel gelangte. In vormärzlichen Zeiten war der Schauspieler von jeder Ordensauszeichnung ausgeschlossen. Ifflands Dekorierung bildete die Ausnahme, der aber nicht als Schauspieler, sondern als Patriot und Direktor des königlichen Hoftheaters mit dem Roten Adlerorden vierter Klasse ausgezeichnet worden war. Das Unerreichbare reizt, und Beckmanns Traum war ein Orden. In Berlin fügt es der Zufall, daß ein Mann in das Wasser stürzt, in dem der Komiker fischt; er springt ihm[124] nach und bringt ihn lebend aus Land. Da winkt dem Liebling des Berliner Hofes ein Orden – er bekam die Rettungsmedaille, die er nicht tragen durfte, zu der kein Band gehörte. Erst als Burgschauspieler erhielt er, auf wirksame Fürsprache und auf sein Bittgesuch die Begünstigung, die Medaille am Bande des Roten Adlerordens tragen zu dürfen. Im Jahre 1863 erwirbt er sich durch ein Gastspiel im Hoftheater zu Koburg das Ritterkreuz des ernestinischen Hausordens. Das gab nun mit dem gelbweisen Bande des Adlerordens eine hübsche Rosette ins Knopfloch, aber seine Wünsche verstiegen sich höher. Nachdem Anschütz, Laroche, Löwe und Fichtner mit dem Franz-Josefsorden ausgezeichnet waren, gewann er frischen Mut, das Unerreichbare trat ihm näher. Auch ein preußischer Orden kam in Sicht, als eine Gruppe Burgschauspieler unter Laubes Führung im Spätsommer 1865 nach Salzburg ging, und dort vor dem allerhöchsten Hof und dem König von Preußen zu spielen. Natürlich war Beckmann, als Lieblingsschauspieler König Wilhelms, der Mittelpunkt des Repertoires. Im »Schiff« waren wir einquartiert und sahen, wie Beckmann in höchster Gala morgens um neun Uhr das Hotel verlassen wollte. Auf unser erstauntes »Wo hinaus?« gab er zur Antwort, daß er sich beim König »a bissel« in Erinnerung bringen möchte; Hofrat Volk habe versprochen, ihm ein Platzel anweisen zu lassen, wo Se. Majestät vorübergehen müsse, vielleicht daß er die Gnade habe, ihn anzureden. Wir ahnten, wo das hinaus wolle, und wünschten gut Glück. Am selben Abend veranstaltete der Statthalter Graf Taaffe, der spätere Minister, nach dem Theater ein Fest, zu dem Beckmann geladen wurde, im Anhang auch Direktor Laube und die anderen Hofschauspieler. Die Fahrt dahin war sehr ergötzlich. Laube in Hofuniform gewährte einen seltenen Anblick. Alles genierte ihn, der Degen war ihm zu lang und gerade, der hohe Uniformkragen schnitt ihm in die Ohrläppchen, mit dem Dreispitz stieß er an die Wagendecke. Kurz entschlossen nahm er ihn unter den linken[125] Arm, drückte mit der behandschuhten Rechten die widerspenstigen Haare, die sich gruppenweise sträubten, wieder an das Haupt und setzte eine weiche, graue Filzmütze auf. Gleich beim Einsteigen hatte Beckmann zum Direktor gesagt: »Bevor ich's vergesse, Herr Doktor, entschuldigen Sie mich, wenn ich morgen früh zur Probe a bissel später komme; Hofrat Bork hat mir heute während der Vorstellung in die Garderobe sagen lassen, ich möchte morgen um halb zehn Uhr zu ihm kommen, er hätte mir was zu überreichen.« – »Na also,« sagte Laube, »gratuliere! Machen Sie aber die Sache möglichst kurz ab.« Mit Beckmann war der kleine Verstl eingestiegen, ein Schauspieler, der im Burgtheater kleine treue Diener mit großer Würde spielte, der trotz hoher Ansätze und Hüte, trotz seines ausgebildeten Streckvermögens, zu seinem Kummer immer der kleine Verstl blieb, dem ein Mann von gutem Militärmaß auf den Hutdeckel sehen konnte. Verstl war Beckmanns Adjutant, der Mann, der ihm in den komischen Szene, die er in Gesellschaften zur Darstellung brachte, den Prügelknaben abgab und ihm für seine Witze die Stichworte bringen mußte, der Mann, der Beckmann bemutterte, ihm während eines Strohwitwertums die Krawatte band, die Koffer packte, auf Reisen und in Karlsbad ein unentbehrlicher Begleiter war. Für alle Dienstleistungen hatte Verstl die Ehre erworben, Beckmann tyrannisieren zu dürfen, der sich ohne kleine Liebestyranneien nicht wohl fühlte, der sogar unter dem Pantoffel seines Theaterkleiders stand. Beckmann mußte, daß es heute abend ohne einige Vorträge nicht abgehen werde, und hatte sich mit Verstl darauf vorbereitet, aber die Unruhe kam gleichwohl über ihn. »Haben Sie die Piecen auch alle eingesteckt, Verstl? Ich muß sie vorher noch einmal durchlesen.« – »Aber Fritz! Sie wissen, daß bei mir immer alles in Ordnung ist.« – »Ja, ja – aber es wäre schrecklich, wenn Sie was vergessen hätten.« – »Lieber Fritz, Sie wissen, daß ich noch nie etwas vergessen habe.« – »Nein, nein – aber wenn Sie den Reisepaß nicht eingesteckt –« –[126] »Hier Fritz, in meiner Brusttasche habe ich alles, was wir brauchen.« Beckmann überzeugte und beruhigte sich. Wir fuhren vor und stiegen die breiten Stufen hinauf, Direktor Laube voraus, mit großer Gravität, den Dreispitz unterm Arm, die graue Filzmütze auf dem Kopfe. So wollte er auch in den Saal treten – da machte ihn der Fürhüter auf den vergessenen Filzdeckel aufmerksam, der sofort rückwärts in eine Tasche versenkt wurde. Beckmann hielt Einzug wie ein Sieger, man drängte ihm entgegen, die Gesichter erheiterten sich bei seinem Erscheinen – der Freudenspender kam!

Ein Erzherzog näherte sich ihm und sagte: »Es ist schön lieber Beckmann, daß Sie uns heute mit einigen Vorträgen erfreuen wollen.«

Beckmann machte ein überraschtes Gesicht und stotterte hervor, daß er nicht vorbereitet sei, daß er nachdenken müsse was er –

»Aber bitte, geben Sie sich doch keine Mühe,« wurde ihm zur Antwort, »wie ich Sie kenne, haben Sie den Dolch im Gewande.«

Beckmann, etwas verblüfft, fing seine Vorträge an, und dann war es vorbei mit Zurückhaltung, er gab und gab in sprühender Laune – und es wurde mehr und immer mehr verlangt. Den größten Erfolg hatte eine Szene im photographischen Atelier. Beckmann erschien und wünschte eine Photographie seines Vaters machen zu lassen, den er aber nicht mitgebracht habe, weil er schon lange gestorben sei, auch ein Bild habe er nicht von ihm, aber er bittet, ihn nach einem mitgebrachten alten Reisepaß aufzunehmen, der sehr ähnlich sei. Man lachte, man weinte vor Lachen, hielt sich die Seiten, bat, aufzuhören, verlangte noch mehr, und erst als dem hohen Publikum »alles weh tat,« konnte sich Beckmann zurückziehen.

Am nächsten Morgen kam er, befrackt, richtig zu spät auf die Probe. Wir stürzten ihm entgegen: »Nun, Beckmann, was hat es gegeben?«[127]

»Den Stock,« versetzte er kleinlaut, und zeigte ein schönes Rohr mit birnenförmigem Knopf, der abzuschrauben war und dann eine feingeschnitzte Elfenbeinbüste König Wilhelms zeigte. Es war eine schöne Auszeichnung, die er auch tragen konnte, leider nicht im Knopfloch.

Um so eifriger war er in Wien bemüht, das rote Band zu gewinnen. Auf Rat eines Gönners suchte er Belege zusammen, ganze Berge von Theaterzetteln, Dankschreiben, Quittungen, welche Zeugnis ablegten, wie uneigennützig und erfolgreich Beckmann seit langen Jahren im Dienste der Wohltätigkeit gewirkt hatte. In den ersten Tagen des Februar 1866 erhielt er für »gemeinnütziges Wirken,« wie die »Wiener Zeitung« kundgab, den Franz-Josefs-Orden, der sein höchstes Sehnen stillte.

Zum Glück war der Fasching noch nicht zu Ende, und er konnte seinen Orden in gesellschaftlichen Kreisen »lüften,« wie er sagte. Die erste Gelegenheit dazu bot ihm einer der damals so beliebten Maskenbälle im Theater an der Wien. Sein Freund, der Schauspieler Bergmann, empfing ihn hier mit den Worten:


Fritz, du bist Ritter worden!

Du trägst ja einen Orden,

Mit Schwertern? Nein – ich glaube,

Du hast dein Kreuz mit Laube.


Der Fasching lag schon in den letzten Zügen, aber die Elitebälle, die noch übrig blieben, hat er alle mitgemacht, aus »Luftungsrücksichten.«

Wenige Tage vor Verleihung des Franz-Josefs-Ordens wurde ihm das Dekret als Regisseur des k.k. Hofburgtheaters zugestellt; er hatte die Ehre, für Anschütz in das Regiekollegium einzutreten, den wir am ersten Tage des Jahres 1866 begraben hatten. Was Beckmann aber als besondere Auszeichnung schätzte, war, daß eine Rolle aus dem künstlerischen Nachlaß von Heinrich Anschütz in seinen Besitz überging. Das hatte der Schlangentöter in Breslau[128] nicht geahnt, daß er den alten Herrn einmal in einer Hauptrolle er setzen würde! Er übernahm von ihm den edlen Ritter Sir John Falstaff. Bisher hatte Beckmann in Heinrich IV. den Rekruten Bullenkalb gespielt, eine Rolle, die man in eine Rußschale pressen konnte, das war freilich in den goldenen Zeiten des Burgtheaters. Große Regietaten hat Beckmann nicht in das Gedächtnis seiner Kollegen eingegraben, er war ein Regisseur wie die andern Regisseure, wie sie von den Verhältnissen gezeitigt wurden. Laube, der Überregisseur, hatte nun 16 Jahre die Zügel fest in seiner Hand gehalten und selten Eingriffe gestattet. Nach und nach waren die großen Schauspieler als Regisseure verstummt und zehrten von ihrem Groll. Als Laube unter den jungen Schauspielern einen führenden Geist entdeckte, erschuf der Überregisseur nach seinem Bilde einen Unterregisseur, Dr. August Förster, bei im Direktionsbureau für ihn die Feder, aber auch am Regietisch die Zügel führen durfte.

Der temperamentvolle Ludwig Löwe fügte sich dem Druck am schwersten; war ihm bei einer Inszenierung etwas gegen den Strich, was sehr oft vorkam, dann sprang er vom Regiestuhl auf, um sich hinter den Kulissen den Unmut auszulaufen. Wehe! wenn er dabei die sogenannten Regiestiefel anhatte, die ein findiger Schuster eigens für Störung der Proben ausgedacht und angefertigt haben mußte. Sie knarrten wie ein überlasteter Frachtwagen, sobald Löwe seinen Groll spazieren führte. Wenn Laube das mit anhören mußte, klopfte er mit dem Stock an seine Stiefelsohle, wie er immer tat, wenn eine ihm unangenehme Sache sich nicht ändern ließ.

Beinahe ein halbes Jahr hatte Beckmann den Titel Regisseur geführt und nach der Dienstordnung als solcher einen Monat amtiert, da wurde das Burgtheater wegen der Ferien im Jahre 1866 geschlossen. Beckmann hatte erreicht, was ihm das Leben bieten konnte. Der ausbrechende Krieg war ein harter Schlag für ihm. Er wußte nicht, wer ihm[129] Freund, wer Feind sein sollte. Er wünschte beiden Gegnern den Sieg, keinem eine Niederlage. Er fürchtete ein Zusammentreffen mit dem befreundeten Feinde in Karlsbad und verzichtete auf die ihm so nötige Brunnenkur. Vielleicht wurde das die Ursache zu seinem Tode. In Gmunden erkrankte er und wurde auf seinen Wunsch nach Wien gebracht, wo er uns am 7. September vom allgewaltigen Feinde des Lachens entrissen wurde. Bei der Trauerfeierlichkeit drängte sich die Menge in den Straßen, um dem toten Manne, ihrem einstigen Lusterwecker, ein stilles Lebewohl zu sagen.

Laube, der in den Vorreden zu seinen Werken und in den Nachreden für seine gestorbenen Schauspieler stets das Beste gab, sprach die Abschiedsworte am offenen Grabe. »Fritz Beckmann,« so schloß er, »unser fröhlicher Fritz, verläßt uns für immer! Zum ersten mal weinen wir schmerzliche Tränen über dich, und nichts bleibt uns, als dein lieblich-fröhliches Gedächtnis in unserer Seele. Beckmann, fahre wohl für diese Welt!«

Mit zuckenden Lippen hatte Laube gesprochen, die aufsteigenden Tränen in den Hals hinunter gedämpft, nun kehrte er sich zu Förster um, der als Nothelfer, mit dem Text der Rede im Hute, hinter ihm stand, und wieder ganz Theatermann, fragte er ziemlich laut: »Hat man mich verstanden?«[130]

Quelle:
Schöne, Hermann: Aus den Lehr- und Flegeljahren eines alten Schauspielers. Leipzig [um 1903], S. 115-131.
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