Allerlei Arbeitshäusler.

[64] Nach der Kirche und dem Essen unterhielt ich mich mit einem Magdeburger, einem jungen Menschen, der vierzehn Tage früher vom Tränensberg nach hier kam. Er war 21 Jahre alt und hatte früher in Buckau gearbeitet. Durch Arbeitslosigkeit gezwungen, mußte er »talfen« (betteln) wurde erwischt und hatte, wie ich, ein halbes Jahr Arbeitshaus. In der Woche mußte er zwei Stunden die Schule besuchen, weil er noch nicht über dreißig Jahre alt war. Er zog Eisenstäbe aus eingespannten Rippenmatten und füllte den leeren Raum mit Faserstricken aus, die er an einer langen Nadel befestigte.[64] Er war ein fleißiger Arbeiter und bei M. und den beiden Kupplern sehr beliebt. Konnten sie doch leichter mit ihm machen, was sie wollten – was ich mir nicht gefallen ließ oder nur um des lieben Friedens willen leider gefallen lassen mußte. Er fügte sich und ging sogar auf die Aufforderung des Anstaltsgeistlichen zweimal zum Abendmahl – denn in einem Jahre wurde an die Korrigenden, die es wollten, das Abendmahl viermal verabreicht. Viel kannte der Mensch nicht von der Welt und vom Leben. Früh hatte er seine Eltern verloren und war bei fremden Leuten erzogen worden. In der Woche, wenn die Luft rein war (d.h. kein Beamter zu sehen war), kam er in unseren Raum, und die drei Mann narrten mit ihm herum. Einmal hatten sie ihm sogar das Glied aus dem Hosenschlitz herausgeholt. Er war aber zu feige, es zu melden, denn M. hätte ihn terrorisiert – wie dieser verstand es keiner in der ganzen Anstalt.

Mit dem alten Manne, der auf dem Kopfe freihändig stehen konnte, unterhielt ich mich über Londoner Verhältnisse, weil er auch zwei Jahre dort gelebt hatte, und er sagte: »Das Leben ist dort doch besser für die Arbeiter als in einer deutschen Großstadt, wenn auch Sonntagsruhe ist. Man kauft seinen Whisky eben in der Woche und sein Porterbier. Ist es Sommer und man hat kein Geld zum Logieren, schläft man in den großen Parks, wie der Hyde-Park einer ist – und von der Polizei wird man nicht so belästigt wie in Deutschland.«

Ich erwiderte ihm: »Lieber Freund, es wird wohl auf der ganzen Mutter Erde keinen Fleck geben, wo sich ein Ausgestoßner der menschlichen Gesellschaft wohl fühlen kann. Es sind überall Mängel, überall Hindernisse. Doch wird wohl die neue Welt noch am humansten sein. Als »Tramp« in den Vereinigten Staaten von Nordamerika bin ich viele Nächte obdachlos gewesen. In allen nur möglichen Winkeln und Ecken habe ich dort schon geschlafen während meiner Existenzlosigkeit, aber mit der Polizei bin ich fast gar nicht in Berührung[65] gekommen. Ein einziges Mal in Buffalo im Staat New-York, weil ich als blinder Passagier gefahren; der Richter, der ein Gesicht hatte wie ein polnischer Arbeiter, verknackste mich zu: ›Dreißig Tagen Arbeitshaus!‹ Ich muß noch lachen darüber: ›Arbeitshaus!‹ Wir waren fünf Mann in einer Zelle. Aber arbeiten brauchten wir nicht und das Essen war trotz alledem besser als hier, und es sollte eines der miserabelsten Kittchen sein in den ›United States of North America!‹« Der alte Mann gab mir recht.

Am Nachmittag, als der wachhabende Beamte unseren Arbeitsraum verließ, waren M. und der Vorgesetzte zusammengeraten wegen einer unbedeutenden Kleinigkeit und jeder von den beiden Korrigenden suchte seine Autorität zu behaupten. Der Bandweber verbot M., in die Abteilung zu gehen, wo sein Bandstuhl stand, es klang doch bald zu kindisch; und M. sagte, er solle beim Beten nicht so eine krumme Schnauze ziehen. Mit dem Bandweber war nicht zu spaßen und er meldete auch einmal M., aber dieser stritt es ihm im Beisein eines Aufsehers ab, so daß keine höhere Meldung daraus entstand.


* *

*


Mein Partner, der mit mir drehte, riß nun die letzte Woche herunter und zählte bald die Stunden, wieviel es noch waren bis 9 Uhr morgens zu seiner Entlassung. Ich habe mich mit ihm sehr gut vertragen; er hatte keine Profession gelernt. Bei Bauern hatte er geschafft und periodenweise vagabundiert. Auch als Hilfsarbeiter an Bauten gearbeitet. Er war kein Mensch von Intelligenz, stumpfsinnig geworden von schwerer Arbeit. Sinn für eine Arbeitervereinigung irgend welcher Art hatte er überhaupt nicht. Für mich war er deshalb ein guter Partner, weil er seine Schuldigkeit tat im Raddrehen und nicht die Last auf die Kräfte eines anderen schob.


* *

*
[66]

Heute sind der Schneider und seine Frau gekommen. Seine Frau ist sofort in die Frauenabteilung überführt worden, wie er mir später erzählte.

Am Donnerstag sprach ich zuerst mit ihm.

Ich begrüßte ihn mit den Worten: »Alter Mückenfett, nun bist Du auch hier und kannst Rippenmatten machen, bis Du am 9. März aus dieser Himmelsversorgungsanstalt wieder herauskommst! Bis dahin kannst Dir den Mehlsuppenklaps holen. Ich habe ihn schon weg. Oben haben sie mich drei Wochen malträtiert, ich sollte das Faserdeckenmachen lernen – ist aber in mein dämliches Begriffsvermögen nicht hineingegangen. Da habe ich das Spinnen gelernt. Jetzt bin ich beim Raddrehen. Wenn der Spanner sch....n geht, kannst mal in unseren Inquisitionsraum kommen und die verkehrte Welt sehen am Radarbeiten.«

Er mußte über meine tragikomische Begrüßung lachen.

Er lernte seine Arbeit schnell und machte später auch sein Pensum. Ich foppte ihn öfters wegen seines Karrens und seiner Lumpen, die darin lagen, und sagte: »Schneider, sage mir mal auf Ehre und Gewissen, was willst denn im »Germinal« (Keimmonat) anfangen? Da wirst doch mit Deiner lieben Frau entlassen, wenn Du kein Malheur hast und keinen Ober-und Unterspanner ärgerst, daß Du noch drei Monde Zulage bekommst. Sage einmal die Wahrheit von der Leber runter.«

»Ja,« sagte er, »ich flicke wieder Kiepen und alte Körbe, denn als Schneider kann ich meine Familie nicht ernähren. Von dem vielen Geld, sieben Pfennig pro Tag, wovon ich einen Teil für Fettigkeiten hier brauche und den Rest ausgezahlt bekomme bei meiner Entlassung, kann ich mir keine Wohnung mieten. Wer gibt mir denn Arbeit, wenn ich von der Winde komme? Kein Mensch, noch nicht einmal Konfektion als Heimarbeit. Ich kaufe mir einen Hund und ziehe in die Ballertkaffs (Walddörfer), von einem – zum andern.«[67]

»Was wird denn nun aus Deinem kleinen Mädchen?« war meine Frage.

»Die hole ich wieder und dann geht es, wie früher in der letzten Zeit, im schiefen Geleise, aber vorsichtiger, und meine Frau wird auch hier sich fügen gelernt haben,« erwiderte der Schneider.

»Na, laß mal sein, wenn Du wieder im Braunschweigischen bist, hast Moneten, und wir treffen uns, dann wird aber einer gepfiffen aus der Literpulle und die alte Freundschaft aufgewärmt wie blaue Kartoffelpuffer. Da wirst dann wieder im Sommer die Kirschenbäume plündern als Pflücker und das Kirschwachs klauen. Dann kommt die Hauptsache, – dann wirste Deine Frau und manche Tippelschickse bestätigen, Du alter Mormonerich in deutschen Landen«, sagte ich zu ihm.

»Das wird gemacht, Ernst, wenn wir uns treffen. Da wird einer aus der Pulle genommen, daß wir beide den blauen Himmel für einen Dudelsack ansehen!« Der Schneider gab mir die Hand darauf. Er wußte ja auch, was er an mir hatte. Mehr wie einmal habe ich was »Gefackeltes« an seine Frau abgegeben, oder an eine andere, ohne daß man mich erwischte, – oder daß ich dann verpfiffen worden wäre. Die Strafe wäre hoch genug gewesen. Das erste Mal gleich Kostabzug oder extra Kittchen. Von anderen ließ er sich das nicht bieten, und er hatte auch ein giftiges Maul ... Die ganze Woche drehten wir Rad und M. scherte Decken, aber wie gerupft sahen die Fasern aus. Das Messer wurde bei jeder Cylinderumdrehung angeschlagen. Der alte Karren war aus dem Lot, wie M. sagte. Wir waren in der mißesten Laune und ich mußte die Laune der drei Vertreter der Halbwelt auch noch ertragen. So vergingen die Tage der siebenten Woche und ich wünschte die anderen neunzehn Wochen noch zum Teufel.


* *

*


Mein Partner hatte noch zwei Tage, dann konnte er die goldene Freiheit genießen. Vielleicht hatte er das Unglück,[68] bald wieder zu kommen, wenn er keine Beschäftigung fand. Der Werkmeister war hier am Eingang unseres Raumes und wünschte meinem Kollegen »ein gutes weiteres Fortkommen.«

Wir sprachen alle fünf Mann über unsere Entlassung. M. sagte: »Ich habe noch eine lange Zeit bis zum 22. Juli. Da kann ich noch viel erleben, hauptsächlich als Deckenscherer. Wenn nur einer von Euch es lernen wollte, ich habe keine Lust an dem Karren mehr. Jeden Tag häuft sich die Arbeit. Es ist kein Wunder, früher ließ ich die Decken zweimal durch und sie waren tadellos, und jetzt drei- und auch viermal. Dabei sind sie dann doch noch schlecht. Es ist bei mir nun die neunte Woche. Verdammt, ich wünschte, meine Zeit wäre um.

Meine Frau kommt um Weihnachten hier aus diesem Haus. Ich habe ein halbes Jemmchen mehr Strafe, als mein Weib. Der Richter sagte bei meinem Termin: Jetzt, wo es nicht mehr mit Diebstahl gehe bei mir, finge ich mit Kuppelei an. Aber hol's der Teufel, wenn bei mir ein Masematten fiel (ein Einbruch glückte), waren es meine Komplizen, die mich verasserten (verrieten). Kein Wunder, daß ich von »der Kühle« (Untersuchungshaft) aus ins Kittchen kam, oder nach Zet. Die letzten Jahre bin ich aus dem verfluchten Schlamassel (Unglück) nicht herausgekommen. Nun steht man hier an dem ausgeleierten Karren und soll tadellose Arbeit liefern. Seit der verdammte Paragraph 181a im Strafgesetzbuch existiert, müssen wir Luden schwer büßen!«

Dann fing D. an zu erzählen: »Bei meinem Krachengehen (Verhaftung) in Halberstadt ging es verteufelt schnell. Ich saß mit meiner Frau beim Morgenkaffee, da kommt einer von der Polente (Polizei) und bringt mir einen Schein. Ich solle mit ihm gehen, sagte er. Ich frug den Schmiermichel, was los sei. Er sagte, er wisse es nicht. Ich zog also meinen Rock an und ging auf die Polente. Dort lag eine Klage wegen Kuppelei gegen mich vor. Natürlich stritt ich es ab und sagte, daß ich mit Pferden handle und nicht nötig hätte, den Luden zu machen, kam aber doch in Untersuchung. Dann[69] haben sie mir ein und ein halbes Jahr eingespunnt seit 1902 und nun habe ich ein Jemmchen hier noch als »Ueberschmiß«. Bin nur froh, daß sie mein Weib nicht mit verknaxt (verurteilt) haben. Hier wird man ganz »vogelich« mit der Zeit. Meiner Alten habe ich eingeschärft, daß sie sich nicht der venus vulgivaga während meiner Abwesenheit hingibt. – Ein gutes Weib habe ich; ich kann nicht alles erzählen, was mir meine Alte während meiner »Kühle« geschickt hat. Eine Woche vor dem Antritt meines Ueberschmisses hat sie mir noch eine neue grüne, wollene Jagdweste geschickt. Das Ding kostet zehn Emmchen (Mark). Ich habe ein gutes Weib. Im Jahre 1902 hat die Greiferei (Verhaftung) in Halberstadt und Magdeburg kein Ende genommen. Wir sind hier an zehn Luden und zwei kommen noch!«

W. sagte darauf: »Mich hat meine Alte reingeritten; sonst wäre ich nicht hier. Das Aas hat mich schwer verassert.

Beim Haupttermin frug der Richter sie, ob ich von ihr Geld genommen hätte.

›Ja,‹ sagte sie, ich habe ihn ›von meinem Gelde unterhalten müssen?‹

Das Aas hätte ich umbringen können, und von meiner Bank aus habe ich ihr auch einige wilde Blicke zugesandt. Man verknaxte mich zu einem Jahr Gefängnis und dem »Ueberschmiß.« Als ich aus dem Gerichtssaal geführt wurde, ging sie stolzerhobenen Hauptes die Treppe hinunter und raffte ihr seidenes Kleid und die weißen Unterröcke in die Höhe. Na, wenn ich herauskomme, verhau' ich sie so, daß sie in keinen Sarg paßt, das Aas hat schon früher mächtige Kloppe von mir gekriegt, als sie mich ans Wut verpfiffen hatte. Uebrigens komme ich im Juni raus, und mache wieder Zigarren, denn so an siebzig Emmchen bekomme ich im Juni 1904 beim Verlassen von Burg Schadeleben. Ich will nicht mein ganzes Leben wegen Kuppelei hinter den schwedischen Gardinen verbringen!«[70]

Wir drehten dabei Rad und die zwei Tage flossen in die große Pfütze gewesener Tage.

Den Abend vorher bekamen wir einen Ersatzmann. Er hieß Priest, genannt Pust. War ein Mensch von 36 Jahren, mit gedrungenem mittleren Körperbau und großem Kopf. Er war geistesgestört. Ein Aufseher brachte ihn, der sonst bei Allendorf in der Brauerei die Korrigenden beaufsichtigte. Der schärfte ihm folgendes fest ein: »Priest, daß Du Deine Arbeit gut machst, Du hast bei mir keine Strafe bekommen, wie Du bei mir in der Kolonne warst! Sieh zu, daß Dir nichts passiert!«

Zu uns sagte der Aufseher: »Ihr behandelt den Kerl ein bischen besser, denn er ist nicht ganz richtig!«

Dieser Aufseher nannte uns Korrigenden: Du. Nach seiner Aussage meinte er es väterlich wohlwollend. Wir hätten uns aber nicht erlauben sollen, ihn mit »Du« anzureden.

Also Priest oder Pust fing an zu arbeiten. Bei diesen gereizten Menschen hatten wir nun noch einen Geisteskranken! Er klagte immer über Kopfschmerzen und daß einer, der die schwarze Kunst verstände, ihn auf Schritt und Tritt verfolge, und fragte uns, ob wir auch was von der schwarzen Kunst verständen. Der Kerl, der ihn verfolge, sauge ihm die Kraft aus den Gliedern und jeden Abend stehe er vor seinem Bette.

Die erste Woche war er fleißig und drehte flott Rad. Er klagte über Mattigkeit in den Gliedern. Einmal frug ich ihn über seine Vergangenheit. Er gab mir keine richtige Antwort. Er litt hochgradig an Verfolgungswahn. Die erste Zeit war dieser Kranke eine Abwechslung für uns; aber seine Krankheit nahm so zu, daß wir Unheil befürchteten und es deshalb mehrmals dem Aufseher meldeten. Er hat so an vierzehn Tage bei uns gearbeitet, dann kam er zum Enden-Verlesen und Kokosgarnabfälle-Sortieren. Wir arbeiteten mit ihm und M. hatte seinen Spaß an dem verrückten Kerl »mit der schwarzen Kunst«, wie er sagte. So verging auch die achte Woche bei mir, mit diesem Geisteskranken – Rad drehend,[71] und denkend: bei dieser Arbeit und dem Umgang mit diesem Menschen wirst du vielleicht auch noch verrückt. – –


Der September war bald zu Ende. Der heiße August hatte das Laub ausgedörrt und bunt gefärbt. – Das rote Laub fiel von den Bäumen. Wir sahen's bei unserem Antritt vor der halben Stunde Rundgang, wenn wir uns sammelten.

Wir gingen zweimal links und machten auf den holprigen Steinen zwischen zwei kahlen weißgrauen Gebäuden unseren Rundgang. Es war Herbst und bald mußten wir unsere Sonntagsjacken anziehen. Der Rundgang, so uninteressant er auch aussah, war für uns Leute doch ein Punkt, wo wir manches Wort austauschten und auch einer dem anderen etwas zustehen konnte. Die Aufseher waren darin nicht sehr scharf.

Manchmal putzte auch eine Korrigendin Fenster, dann hörte das Lachen in unseren Reihen nicht auf – bis ein Ordnungsruf von dem Aufseher wieder die Ruhe herstellte. Ein Jeder machte dann ein glattes Gesicht – außer den geistig nicht ganz Normalen.

Wir hatten einen von Aschersleben dabei. Der Mensch bekam öfter Lachkrämpfe und sein Lachen tönte laut bis an die Grenzen des Anstaltsplatzes. Ein Aufseher hatte ihn gemeldet. Aber der Doktor hatte festgestellt, daß der Mann an solchen Anfällen litt. Priest, genannt Pust, fing zu Zeiten auch recht unheimlich zu lachen an, öfters sogar auch auf dem Hofe. Schritt hielt er nicht ein und der Beamte rüffelte ihn ab. Wenn wir ihm den Rüffel vorhielten, sagte er: »Der Spanner versteht auch etwas von der schwarzen Kunst. Hier komme ich nicht mehr heraus.«

Wir lachten ihn aus und sagten. wenn er den Mann sehe, solle er ihn uns zeigen, nämlich den, der ihm die Kraft aussauge.

Eines Morgens kam er ganz verstört nach dem Essen in[72] unseren Arbeitsraum. Wir fragten ihn: »Priest oder Pust, was ist mit Dir? Du siehst verteufelt angegriffen aus.«

»Ja, die Nacht hat mir der Kerl die ganze Kraft ausgesaugt. Die ganze Nacht hat er mich nicht schlafen lassen,« erzählte er.

Wir lachten ihn natürlich aus und widerlegten es ihm. Die drei Mann erklärten nun einstimmig, daß es die Verwaltung darauf absehe, hier Verrückte hineinzuschicken. Nicht genug, daß sie schon ein Jahr Ueberweisung hätten, sollten sie sich auch noch mit einem Geisteskranken einlassen und mit ihm arbeiten. Ein Mensch, der geistig nicht normal sei, könnte diese Arbeit nicht machen. Mehr als einmal hörte Pust plötzlich beim Drehen auf und ich mußte ihm zureden, doch weiter zu drehen. Oft, wenn M. nun das Signal zum Stillstand gab, versuchte er weiter zu drehen. Für die erste Zeit war dieses Benehmen von Pust uns eine Unterhaltung: wir mußten lachen. Aber bald wuchs uns dieses zum Halse heraus.

Abends kam auch der Aufseher, bei dem Pust gearbeitet hatte, und fragte uns, wie wir mit ihm fertig würden. M. sagte: »Mit diesem Mann kann ich nicht arbeiten. Die Anderen beschweren sich darüber, daß er ungleichmäßig drehe und bloß ein Hindernis sei.«

Der Aufseher sagte dann: »Seht nur zu, daß Ihr mit dem armen Teufel fertig werdet, wir wissen auch nicht, was wir mit ihm anfangen sollen!«

»Ja,« sagte ich, »der gehört als Geisteskranker in eine Anstalt und nicht hierher. Soviel müßte der Herr Doktor doch selbst wissen.«

»Ja, das stimmt. Aber der Landarmenverband will nichts ausgeben und wir Aufseher müssen uns mit solchen nicht normalen Leuten rumquälen. Ehe von oben etwas geschieht, geht eine geraume Zeit hin, und dann ist solchen Leuten ihre Zeit abgelaufen. Sie werden entlassen. Wir können uns bloß mit solchen Leuten herumärgern; viel zu bestimmen haben wir auch nicht!«[73]

Also blieb es beim Alten. Pust blieb ....

Meine neunte Woche ging zu Ende. Es war der 29. September. Am Nachmittag bekamen wir außergewöhnlich noch einen Mann Zuwachs. Er kam von Gommern, wenn ich nicht irre, und hatte wegen Kuppelei ein Jahr Arbeitshaus abzumachen. Mit M. war er bekannt von Gommern aus. Beide hatten im genannten Gefängnis in der Filzschuhabteilung gearbeitet. Er war ein Mensch mittlerer Statur, stramm gebaut, etwas beleibt, im 28. Lebensjahre. M. brachte er Kautabak mit, und auch jeder von uns anderen vier Mann erhielt von ihm ein Röllchen. Nach seinen Erzählungen war er Magdeburger und besserer Leute Kind. Er war mit seiner Prostituierten auf Helgoland und der Insel Rügen gewesen. Seine ihn unterhaltende Prostituierte wohnte in Berlin. Er hatte aber auch bei anderen Prostituierten den Beutelschneider gemacht und war durch einen Hurenvater in Nobben denunziert und durch Aussagen von Prostituierten der Kuppelei überführt worden. Seine Eltern haben ihn wegen dieser Sachen nicht verstoßen, denn während meiner Zeit hatte er dreimal Besuch von seiner Schwester, und hat von ihr auch ein paar wollene Hemden bekommen, – daß dieses Muttersöhnchen ja nicht frieren sollte. Der Aufseher bestimmte ihn zum Garndurchziehen an Rippenmatten, und er stand nicht weit von den jungen Menschen, mit denen die drei Mann den Faselhans spielten. Die späteren Tage war er auch, wenn die Luft rein war, öfters bei uns in der Deckenschererei.


* *

*


Eines Tages hatten wir drei Turnmatten zu scheren. M. ließ jede bald an fünfmal durch; die Maschine arbeitete sehr fehlerhaft, sodaß die Nachscherer schimpften, denn der Meister trieb. Die drei Matten sollten mit der ersten Post versandt werden. Barnack hatte die Order, sie sofort in Packleinwand zu packen.[74]

Als die Decken fertig waren, schliffen wir das Messer; aber trotzdem blieb es bei der alten Leier.

Der Meister probierte selbst, aber es ging nicht besser. Wir drehten Rad und die Maschine murkste weiter.

Nach dem Mittagsessen ertönte die Glocke. Es war das Feuersignal, und wir, die bei der Löschmannschaft waren, zogen unsere Jacken an, setzten die Kappen auf, nahmen unser rotes Blechschild und stürmten hinaus. Dem Schneider rief ich zu, seine Kleiderbürste nicht zu vergessen. Der lachte und kam uns nach. Auf dem Hof stellten wir uns in zwei Reihen. Es war blinder Alarm gewesen. Auf Kommando marschierten wir in Eilschritt nach dem Spritzenhaus, holten den zweirädrigen Schlauchwagen und fuhren nach dem Hydranten. Andere fuhren mit den Leitern an. Der Hausvater zeigte uns, wie die Schläuche verbunden und am Hydranten angeschraubt wurden. Die andere Abteilung stellte die Leitern auf und nun begann die Spritzenprobe. Uebung mit dem Rettungssack brauchten wir nicht zu machen. So etwas brauchte die Anstalt nicht. Die Probe fiel schlecht aus. Es war meine erste und letzte in dieser Anstalt. Wir fuhren dann die Schläuche und Leitern wieder in das Spritzenhaus, marschierten wieder vor das Haus und gingen in unsere bestimmten Abteilungen, um weiter zu arbeiten. Der Schneider sagte mir noch: »Wenn es da mal brennt, da werden die Kunden auch nicht viel helfen können. Das war eine schlechte Probe!«

Ich sagte zu ihm: »Schneider, das ist alles nicht so schlimm. Es kommt nicht darauf an, wenn wir auch nicht löschen können. Die Hauptsache ist, wir sind beim Feuer. Uns kann es egal sein, ob diese Teufelsburg abbrennt, dann hat doch hier wenigstens unser Jammer ein Ende!«

»Du hast recht,« sagte er. »Und morgen früh bringste meiner Alten was. Werde es heimlich fackeln.«

Den anderen Morgen schob ich ein gefaltetes Papier seiner Frau verstohlen zu. Die Aufseherin war nicht in der Küche.[75]

Barnack fragte mich noch: »Was – Du poussierst wohl mit den Schneider seine Ollsche?«

»Freilich,« sagte ich und er mußte lachen. Gesehen hatte er es aber doch nicht, daß sie etwas von ihrem Mann durch mich bekommen hatte.

Auf diesem Zettel stand: »Liebe Frau! Weine nicht immer, wie es mir Leidensgefährten mitteilen. – Trage Dein Geschick mit Geduld, hier heißt es: »fügen«. Wenn wir wieder frei sind, läßt es sich schon wieder machen, wie wir wollen. Die Woche melde ich mich beim Herrn Direktor, ob ich nicht mit Dir ein paar Worte wechseln darf. Meine Arbeit mache ich, das heißt das Pensum, und habe noch keinen Verweis von den Beamten bekommen. Nimm Dich zusammen, daß Du nicht noch Zulage erhältst, sonst muß unsere Kleine noch länger bei fremden Leuten bleiben. Es grüßt Dein Wilhelm!«

So war der Inhalt der Zeilen, bloß nicht besonders schön geschrieben und stark mit orthographischen Fehlern gespickt. Die meisten Schneider haben eine nicht besonders gute Hand im Schreiben; ob dies von der schweren Eisenstange kommt, welche sie den ganzen Tag balanzieren, oder von dem Bügeleisen, kann ich eben nicht ermitteln. Aber das weiß ich, daß es die witzigsten und die fidelsten Leute sind unter den Handwerkern.

Nun will ich wieder zu meinen Leuten, mit denen ich arbeiten mußte, zurückkehren und meine Ideen darüber niederschreiben.

Der Zuchthäusler M. war für mich nicht der schlechteste Mensch und hätte ein sehr nützliches Mitglied der heutigen Gesellschaft sein können, wenn er nicht von dieser ausgestoßen worden wäre. Aus seinen Erzählungen griff ich dies heraus:

In der Freiheit nach seiner Bestrafung hatten ihm seine Arbeitskollegen Hindernisse in den Weg gelegt. Es gab Leute, die erklärten rundweg seinen Arbeitgebern, mit M. nicht arbeiten zu wollen, er sei vorbestraft. Aber dies nicht allein, auch die Polizei machte ihm Schererei, sie machte die Arbeitgeber darauf[76] aufmerksam, daß M. wegen Diebstahls vorbestraft sei und unter »Polizeiaufsicht« stände.

Kein Wunder, er mußte seine besten Arbeitsplätze meiden, und ein Arbeiter heutiger Zeit kann sich bei kurzen Arbeitsperioden kein Geld zurücklegen oder selbst, wenn er auch wollte, gleich einer »Sparagnes« leben.

Dies ist eine Unmöglichkeit. Durch die Arbeitslosigkeit hat der Mensch ein unregelmäßiges Leben. Die Nichtachtung von Menschen macht solche Leute, wie M. war, verbissen. Sie müssen Kohldampf schieben (hungern), kein Mensch borgt ihnen etwas. Sie besuchen eben dann die »Kaschemmen«, wo sie ihresgleichen finden. Da sprechen sie sich aus, und weil das Gefängnisleben, trotz seinen noch lange nicht menschenwürdigen Einrichtungen, immer noch besser ist als die für sie kalte Außenwelt, werden sie immer wieder rückfällig.

Kein Verbrecher, kein Mensch, der ein Verbrechen plant, will hinter die Mauern. Er will frei sein, bloß die Mittel zu seiner Existenz will er haben, und hat man die Mittel, das Geld, – dann kommt auch die Achtung der Mitmenschen. In den Kaschemmen wird dann beratschlagt, wie ein Ding gedreht wird. Da wird nicht lange gefackelt, mit dem äußersten Mut, manchmal mit Heldenmut, wird es ausgeführt, denn klappt dieses Ding, dann sind die Mittel vorhanden und reichen wieder für eine Periode. M. war Dachdecker von Beruf. Auf dieser Profession erhielt er nicht immer Arbeit. Er machte auch den Hilfsarbeiter im Baugewerbe, deckte alte Bauten ab, riß Steine und Balken los, also eine sehr schwere Arbeit, zumal mit einem durch Gefängnis- oder Zuchthauskost entmergelten Körper. Es ist eine Unmöglichkeit, für die Dauer solche schwere Arbeit zu verrichten, denn um den Arbeitsplatz zu halten, muß so ein Mann, wie M. war, mehr leisten als ehrliche Leute, die vielfach bloß von der Sonne Glück beschienen wurden. Die Polizei erwischte sie eben nicht, obgleich sie manchmal auf einer tieferen Sumpfplattform standen als M.[77] So ist denn M. mit der Zeit zu seinen 24 Jahren hinter den Mauern gekommen.

Quelle:
Schuchardt, Ernst: Sechs Monate im Arbeitshaus. Erlebnisse eines wandernden Arbeiters, Berlin [1907], S. 64-78.
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