Am Rad.

[55] Ich folgte dem Aufseher eine Treppe tiefer. Wir kamen in einen gleich großen Raum. Es standen auch einige Webstühle darinnen. Im hinteren Teile stand ein Bandwebstuhl, ein alter gebrechlicher Karren. In der Mitte war ein Bock zum Kettenwickeln angebracht. Es wurden die Ketten für die Läufer von großer Länge zugerichtet. Mein neuer Schrank hing in einem Durchgang zur Holzdrechslerei. Der Drechsler machte bloß Ersatzteile für Webstühle und schärfte die großen Scheren für den Abschnitt zu Faserdecken.

Beim Einpacken brachte mir der Aufseher ein rotes numeriertes Schild, ich war noch der Löschkolonne zugeteilt worden und erhielt einen zweiten Auftrag, nämlich jeden Morgen, Mittag und Abend das Essen zu holen. Dann wurde ich in den Raum eingeführt, in dem die Decken per Maschine nachgeschoren wurden. Der Raum war etwa 21/2 m breit und nicht ganz 6 m lang. Ein Fenster mit eisernen Traillen und grobsiebartigem Gitter, das war die einzige Tageslichtspenderin.[55]

Fünf Gestalten empfingen mich. Der Schlafsaalvorgesetzte, der an der Maschine arbeitete, einer, der die Arbeit an der Maschine lernte, und drei Mann, die an einem Drehbock standen und drehten. Eine Riemenscheibe leitete durch einen Riemen die Kraft auf die Maschine.

Wie ich in diesen Raum eintrat, faßten mich die Kerle zwischen die Beine. Unvorsichtigerweise verbat ich mir dies und sagte, wenn dies weiter so fortginge, würde ich mich beschweren. So fing der Bruch zwischen mir und diesen Leuten gleich an. Das beginnt ja gut, dachte ich abends im Bett. Ich hatte mich in ein Brennesselterrain gesetzt.


* *

*


Nach dem Verlassen der Schlafsäle ging ich mit den Anderen, die auch zur Essentransport-Kolonne gehörten, nach der Frauenabteilung. Eine dicke Aufseherin wies uns für jede Abteilung die kupfernen Kübel an. Für unsere Abteilung waren wir vier Mann. Drei Mann trugen das Essen. Der letzte Mann trug einen Eimer mit heißem Wasser. Jede Woche wechselten wir im Tragen, so daß jeder alle vier Wochen den Eimer mit Wasser trug.

Nun kam ich jeden Tag auf den Hof und auch in den Vorraum der Küche. Mittags und abends stand das Essen außerhalb des Hofes der Weiberabteilung. Früh gingen wir unter nicht so scharfer Beamtenkontrolle nach der Küche. Mittags und abends mußten sämtliche Essenträger sich im Hausflur aufstellen und nach dem Sammeln sämtlicher Träger kommandierte der Aufseher: »Marsch« und wir gingen je zwei Mann nach der Abholungsstelle.

Frühmorgens habe ich dann manche Korrigendin gesehen, manches junge, fesche Weib war darunter, aber auch manche häßliche, verschrumpelte Person. Der Hauptbestand mußten Prostituierte sein.

Nach der mich bis an den Hals ekelnden Singerei und Beterei aß ich und ging an meine neue Beschäftigung. Meine neuen Mitarbeiter hatten den Beschluß gefaßt, mir diese Beschäftigung[56] zu verekeln. Den ersten Tag nach der Arbeit fühlte ich mich abends hundsmatt. Sie drehten im Uebermaß schnell und forderten mich auf, dasselbe zu tun. Das Raddrehen brauchte ich nicht erst zu lernen, denn schon früher hatte ich an einer Buntdruckpresse das Betriebsrad gedreht. Da natürlich alleine. Es war in Gotha bei Oesterheld gewesen, Lithographie und Kartonagenfabrik; leider, weil diese Arbeit zu schwer war, nur drei Tage. Der Schlafsaalvorgesetzte lernte einen gewissen M. aus Magdeburg an, welcher am 22. Juli 1903 in diese Anstalt kam und ein Jahr abmachte wegen Kuppelei, auch sein Weib war mit in der Weiberabteilung. Dieser M., wie er selbst erzählte, hatte, wenn dieses Jahr für ihn beendet war, 24 Jahre hinter der Mauer periodenweise verlebt und war 45 Jahre alt, also vom »schiefen Giebel« (verwahrloste Knaben), »Gefängnis« und »Zet«. Der erste von den Raddrehern war ein zuletzt in Halberstadt wohnhafter Pferdehändler und hieß D. Er hatte ein Jahr wegen Kuppelei. Der zweite war ein Zigarrenmacher namens W. Der dritte war ein Arbeiter und wegen Winde in mehrfacher Auflage hatte er eine Strafe von 11/4 Jahr zu verbüßen. Der Schlafsaalvorgesetzte ging nächste Woche am Montag ab: er hatte seine Strafe, ein halbes Jahr, verbüßt. Auch er war in der Nähe von Magdeburg gebürtig. Wegen Bettelns und Obdachlosigkeit war er in das Arbeitshaus geschickt worden.

Meine Mitarbeiter in dem Raum der Deckenschermaschine waren sonst nicht schlecht gegen mich und das zwischen die Beine Greifen und mit dem Besen Kitzeln rechne ich ihnen nicht schwer an.

Man muß sich in die Lage solcher Menschen eben hineindenken. Hatten doch die drei Mann M., D. und W. sich von ihren Weibern ernähren lassen und dafür die Wollust ihrer Weiber nach jedem Bedürfnis hin befriedigt. Eine lange Gefängnishaft hatten sie durchgemacht, so im Durchschnitt über ein Jahr Haft und nun ein Jahr Arbeitshaus. Nun ärgerten sich die Leute, daß ich bloß ein halbes Jahr hatte.[57] Zur Zeit, als ich mit diesen Leuten zusammen sein mußte, war ich wütend und verdammte heimlich die Oberleitung, die mich zwang, einem Menschen in punkto Arbeit untertan zu sein, der bald 24 Jahre hinter der Mauer verbracht hatte.

Wir drehten an meinem ersten Tag wie die Wahnsinnigen. Am Nachmittag waren wir schon nach 2 Uhr mit der letzten Decke fertig. Das Messer an der Maschine war stumpf und M. sagte zu seinem Lehrmeister: »Wir wollen das Messer schleifen und abziehen, damit ich Bescheid weiß, wenn Du am Montag abdampfst!«

Der Schlafsaalvorgesetzte willigte auch ein. Ich legte unter die Maschine Jutereste und alte Sackstücke und schob ein mit Sackzeug belegtes Brett unter das Messer. Das Messer wurde an den mit Spiralfedern gespickten Cylinder fest angeschraubt. Wir drehten in entgegengesetzter Richtung und der Vorgesetzte zeigte M., wie er den mittelgroben Oelschmirgel auf den Cylinder zu bringen hatte. Wir drehten, daß die Funken von den Federn des Cylinders und dem Messer stoben. Je nach Bedürfnis wurde weiter zugespannt und dann wieder gedreht, bis das Messer regelrecht geschliffen war.

Das Brett mit der belegten Sackleinwand zog ich vor. Sie war voller Schmirgel. Der Messerbock wurde gelüftet und das Messer nach oben gedreht, mit einem Schiefer oder Stein abgezogen – und dann nach Ablegen des Grades mit einem Oelstein.

Während dieser Zeit wurde zum Bierholen namenweise aufgerufen. Ein Korrigend verlas die Liste. Ein Beamter sah zu und jeder, der auf der Liste eingetragen war, erhielt seinen Topf Braunbier.

Meine Absicht war, das Bier von der Allendorfschen Brauerei nicht zu trinken; denn ich hatte im Jahre 1903 den Magdeburger Bierboykott mitgemacht und kein Bier getrunken, das unter Boykott stand. Sogar hatte ich mich mit einem intimen Freund erzürnt, der von einem nahen Verwandten,[58] einem Brauer in der Neustädter Aktienbrauerei, ein kleines Faß Bier als Präsent erhielt und mir in Gestalt von einem Glas Bier einen Brudergruß anbot. Ich sagte: »Lieber Karl, ich trinke kein boykottiertes Bier und auch dann nicht, wenn es für naß läuft!« Mein Freund war erzürnt und sagte: »Ernst, so genau wie Du nimmt man die Sache nicht! Es ist ja ein Präsent von Robert! In unseren Parteiregionen werden auch Fehler gemacht!« Ich trank trotzdem keinen Tropfen. Ende Juni las ich in Philadelphia, Pennsylvanien, im roten Tageblatt, daß der Boykott in Magdeburg für die denkenden Arbeiter in das Wasser gefallen und der Arbeiterkandidat Klees in den Reichstag gewählt war. – Leider muß ich konstatieren, daß es nicht so schlimm war, denn ein Mann, der allein den Boykott bricht, macht eine große Sache nicht zu nichte, wenn nicht noch viele den Boykott gebrochen hätten. Uebrigens hatte ich nun Arbeitshaus – und ich trank das Allendorfer Plempel zu einem Stück Hanf (Brot) schon aus Aerger, weil ich noch unter den römischen Sklaven stand.

Der Feierabend nahte. Der erste Tag meiner neuen Beschädigung war zu Ende. Hundsmüde legte ich mich diesen Abend in mein Bett.

Mein Schlafkollege, der »außer dem Haus« in der Deckenfabrik arbeitete und Fasern färbte, sagte zu mir: »Ernst, wie gefällt Dir die neue Beschädigung mit Umgebung?«

Ich erwiderte ihm kurz: »Es ist schwere Arbeit und eine neue Gesellschaft!«

Er sagte: »Ja, ich kenn' die Brüder; der erste ist ein Erzgauner und die andern beiden sind Schnallentreiber. Da ist doch noch ein Schweinetreiber besser als die!«

Die Tage der ersten Woche vergingen und jeden Abend war ich hundsmüde, hatte auch von D. wegen einer geringschätzigen Bemerkung eine in das Gesicht bekommen, ebenfalls von M. eine Schelle.

Den Beschwerdeweg schlug ich nicht ein. Es hätte mir auch nichts genützt. Ich hätte bloß Oel in das Feuer[59] gegossen, denn offen herausgesagt, das Beamtentum verdirbt es selbst nicht mit solchen Menschen, wie M. war. M. verstand die ganze Routine im Arbeitshaus, war er doch als sehr junger Mensch nach dem Verlassen des schiefen Giebels, eines Hauses für verwahrloste Knaben, bald nach dem Arbeitshaus gekommen. Und wenn auch 20 Jahre darüber verflossen waren. – Die drei Mann verstanden es, mir die Zeit meines gezwungenen Aufenthaltes schwer zu machen, und ich dachte manchmal an Dantes »Hölle« und an Dostojewkys Memoiren aus dem sibirischen Ostrog.

Es kam dann der Sonntag. Ein alter Mann von 69 Jahren redete mich auf englisch an und bot mir den Morgengruß, als ich beim Schuhputzen war. Er fragte mich, wie es mir gefiel. Ich gestand ihm in englisch, daß ich das volle Haus mit allem, was d'ran hing, in die Hölle verwünschte. Er drückte mir die Hand und sagte: »Ich pflichte Dir bei, was soll ich nun sagen, ich habe zwei Jemmchen (Jahre) und Du hast immer bloß ein halbes, das ist eine vermaledeite, ewig lange Zeit; da kann einen das Grasbeißen ankommen!«

Wundern mußte ich mich doch über den Alten. Trotz seiner bald siebzig Jahre und trotz seines haarlosen Schädels konnte er, wenn wir es verlangten und er bei guter Laune war, freihändig auf dem Kopfe stehen.

Auch lernte ich einen Menschen kennen, der das Benehmen eines Geistlichen markierte. Ich fragte ihn: »Na, Kollege, was hast denn für ein Metier?«

Er sagte: »Ich bin Schauspieler und habe dreiviertel Jemmchen!« Er war eine von jenen verkrachten Existenzen, die in der Jugend von Lorbeerbäumen geträumt und jetzt mit ihren 45 Jahren am Bettelstab war. Oder schließlich war er bei einer Schmiere Statist oder Kulissenschieber gewesen; denn unter uns Vagabunden gibt es wunderliche Leute, gerade und krumme, schiefe und bucklige, ehrliche und unehrliche.

Am Montag wurde der Vorgesetzte entlassen, und M. war Deckenscherer, wenigstens solange ich im Arbeitshaus war.[60]

Ein alter Korrigend, der am Bandstuhl webte und Cordband verfertigte, war auch Vorgesetzter für unsere Abteilung. Er war schon ein viel mit Ueberweisung Vorbestrafter. Seine schlechte Gesinnung wußte er durch Frömmelei schlau zu verdecken, nämlich mit einem scheinheiligen Augenaufschlagen. Er hat manchen von uns beim Aufseher angeschwärzt, so daß wir Strafen erleiden mußten. An diesem Manne war ein Pfarrer verdorben; beim Gebet hatte er sich den Ton angewöhnt, so zu sprechen wie ein leibhaftiger Pastor.

Wir drehten Rad; der letzte Tag meiner vierten Woche verschwand auch in der unendlichen Reihe vergangener Tage. Leider aber nicht, ohne daß ich mit meinen Kollegen Streit gehabt – und diese unter sich ...


* *

*


Wir, in unserem viel zu schmalen Raume, hatten den härtesten Posten. Wenn wir drehten, war eine starke Staub- und Dunstatmosphäre. Der Cylinder mit den sieben spiralförmigen Federn drehte sich schnell rotierend gegen das Messer, und der Transporteur schob die Decken langsam durch die Ritze, in welche diese eingeschoben wurden. M. hatte am meisten zu leiden. Er bekam den Staub direkt in das Gesicht, so daß sich seine Augen öfters entzündeten, waren doch die Fasern teils gefärbt, teils geschwefelt. Die Naturfarbe von Kokosfasern ist braun. Schwefeln machte diese hell resp. weißgelb. M. beklagte sich auch bei uns. Hier muß ich einschalten, erzählen konnten wir uns den ganzen Tag etwas. Die Aufseher kamen nicht viel wegen des Staubes, der Herr Direktor bloß viermal während meines Hierseins. Der Werkführer in Uniform, mit dem Betragen und Benehmen eines hohen Militärs, war kein Bäckerdutzend mal in unserem »Klosett«.

»Verflucht,« fing M. zu schimpfen an, »hier in dieser Bude kommt einen bald das »Beikern« an. Der elende, schwere Staub! Ich kann kaum mehr aus meinen Augen[61] sehen. Das alte Viech, der Transporteur, will nicht mehr transportieren. Das Messer ist zu kurz und die Federn vom Cylinder auch durch die viele Schleiferei; die Rotgußlager sind ausgescheuert. Der olle, miserable Karren von Maschine gehört zum alten Eisen. Aber da soll gespart werden. Neu haben sie diese Maschine nicht gekauft. Die frühere Firma war froh, daß sie den ausgemergelten Karren los war. Beim Turnmattenscheren ist das Messer zu kurz, und unsereins soll gute, fehlerfreie Arbeit liefern! Ich sage es dem Meister, daß ich wieder Rippenmatten machen will: da verdiene ich jeden Tag zwanzig Pfennige, und an dem Lausekarren bekomme ich acht ganze deutsche Reichspfennige!«

Und er sagte es auch dem Meister, der meinte aber kalt: »Das geht nicht. Sie müssen an dem Posten aushalten; die Firma kann nicht jede vier oder sechs Wochen einen neuen Mann anlernen. Sie sind ein heller Kopf; die meisten hier eignen sich nicht für diese Arbeit. Es wird schon gehen!«

M. erwiderte: »Das geht auf keinen Fall. Die Maschine ist nicht in Ordnung, und Maschinenschlosser bin ich nicht. Die Lager, in denen der Cylinder ruht, sind kaput, und der ganze Karren ist hin. Schaffen Sie einen neuen Karren an, dann bekommen Sie auch prima geschorene Decken!«

Da kam aber M. schön an! Der Meister sagte, das mache die Firma nicht.

Da standen wir und mußten die alte Maschine wieder in Bewegung setzen.

D., W. und ich beschwerten uns, daß der alte Karren sich seit einigen Tagen unheimlich schwer drehe, und daß wir von der Quälerei und dem Staube alle fünf Mann den Husten hätten. Wir dampften auch periodenweise in Schweiß, und dann beim Ruhen froren wir; das grobleinene Hemd klebte uns auf dem Nacken, denn es war vollgesaugt vom Schweiß.

»Ich kann Euch nicht helfen,« sagte der Meister von der Firma, »macht Eure Arbeit, so gut es geht. Eine neue Maschine schafft meine Firma nicht an. M., Sie können ja[62] die Lager aus der Maschine reizen, und ich lasse neue Rotgußlager gießen. Der Chef ist der Ueberzeugung, daß eine neue Maschine hier bloß ruiniert würde!« Der Meister sagte dies im ernsten Tone – und wir lachten.

M. riß die beiden Lager heraus und gab sie dem Meister. Wir spließten zwei Tage Garn und sortierten Kokosenden, bis die neuen Lager gegossen waren.

Der Meister brachte sie am Morgen. Ein Korrigend, Maschinenschlosser von Beruf, feilte sie zurecht. Waren es doch die unteren Hälften. Die oberen waren nicht ausgescheuert, weil der schwere Cylinder auf den erneuerten Hälften ruhte.

Durch die neuen Lagerteile war die Maschine nun richtig aus der Richtung, und die Scherung der Decken war geradezu miserabel. M. versuchte alles Mögliche – es ging nicht richtig. Wir schliffen die Messer dreimal in der Woche. Es half nichts, wir lieferten fehlerhaft geschorene Ware. Auch ein alter Cylinder wurde von dem Lager geholt, in eine Kiste gepackt und nach der Fabrik befördert, die neue Federn einzog. Auch dies ging nicht, als er kam und eingesetzt wurde. Dabei mußten wir schuften beim Drehen, weil die neuen Lager noch nicht eingelaufen waren. Es ging nicht und sollte doch gehen.

Der Werkmeister in Uniform kam und sagte barsch: »Ihr wollt bloß nicht! Ist es doch früher gegangen! Weshalb geht es bei Euch nicht?«

Der Herr Direkte kam, sah sich die Maschine an und sagte uns bald dasselbe. Wir mußten weiter schuften an dieser Höllenmaschine.

Als wir allein waren, sagte M.: Gut, wir arbeiten weiter und lassen die Decken statt zweimal dreimsl durch. Sind sie dann schlecht, so können sie die Handscherer nachschneiden!«

So verging der Samstag in dieser Höllenabteilung.

Endlich kam der Samstag Abend, und ich freute mich; denn heute schlief der Wilhelmshavener Zimmermann in unserer[63] Abteilung wegen des vierzehntägigen Kirchganges. Brachte er mir doch die »Magdeburger Volksstimme«, ein oder zwei Exemplare, Kautabak und ein Ende Blutwurst mit. Trotzdem ich noch keinen »Stift« schreiben lassen konnte, bekam ich von meinen internen Bekannten doch Kautabak. Dies ging alles heimlich. Die Wurst war in Papier und die Zeitung stopfte er mir selbst in die Jackentasche, aber erst, wenn die »Spanner« (Aufseher) die Säle verlassen hatten. –

Den anderen Morgen war wieder Kirchenappell. Der Herr Direktor stieß bei dieser Musterung mit dem Finger gegen meine Jacke in der Richtung, wo ein leeres Knopfloch war. Ich hatte einen Knopf vergessen in das Knopfloch zu schieben, und er wollte sich überzeugen, ob ich auch noch die bestimmte Zahl Knöpfe an meiner Jacke hatte. »Knöpfen Sie zu,« sagte er ernst.

An meiner Jacke konnte er nichts tadeln, die hatte ich mit Wasser ausgebürstet, so daß der Stoff nicht so von dem Tageslicht ausgesaugt erschien. Der Hausvater gab mir keine neue.

Ich fragte ihn nach dem ersten Appell wegen einer anderen Jacke, und er sprach: »Schuchardt, Sie haben bloß ein halbes Jahr; bürsten Sie Ihre Jacke gut aus, diese hält dann schon so lange aus.«

Quelle:
Schuchardt, Ernst: Sechs Monate im Arbeitshaus. Erlebnisse eines wandernden Arbeiters, Berlin [1907], S. 55-64.
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