Bei der Arbeit und am Feierabend.

[45] Den Montag lernte mich der Vorarbeiter an, eine Kette zu ziehen an meinem Webbock, und ich sollte Fußkratzer weben. Wie schon gesagt, ich lernte sehr schwer, weil ich zu dieser Arbeit keine Lust hatte. Das Weben gefiel mir nicht, diese langweilige Arbeit. Ich bewegte wohl meine Hände, machte es teils verkehrt und bekam doch nichts fertig.

So verging mir die erste, qualvolle Woche.


* *

*


Eines Tages in der zweiten Woche lieferte ich die ersten zwei Decken ab und der Werkmeister, der von der Schönebecker Firma eingestellt war, sonst ein guter Mann, gab mir einen scharfen Rüffel und sagte:

»Schuchardt, Sie machen die Decken sehr schlecht und verarbeiten das Material zu miserabel und ungleichmäßig; bei Ihrer Arbeit ist die Verknüpfung zu lose. Wenn die Decken unter die Schermaschine kommen, gehen sie zum Teufel. Auch arbeiten Sie viel zu langsam. Sie müssen mehr – mehr liefern.«

Der Aufseher in dieser Abteilung, ein Mann von etwa vierzig Jahren, gab mir auch einen Anschnauzer:

»Sie wollen bloß nicht arbeiten! Wenn Sie nicht schneller arbeiten – und liefern Ihr Pensum nicht, dann werde ich Sie melden. Wenn die anderen ihr Pensum leisten und meist Ueberpensum machen, dann können Sie es auch!«

Ich gab zur Antwort: »Herr Aufseher, ich habe als Textilarbeiter noch nie gearbeitet, und zu solcher Arbeit eigne ich mich auch nicht. Es ist mir übrigens ganz gleich, ob Sie mich melden oder nicht.« –

»Gehen Sie an Ihren Platz und arbeiten Sie weiter,« war seine barsche Antwort.

Dieser Aufseher war bei uns Korrigenden nicht beliebt.

Ein Wunder ist es nicht, den ganzen Tag in einer Dunst- und Staubatmosphäre stecken. Wenn auch die Säle jeden Tag zweimal ausgefegt und am Tage die Fenster geöffnet[46] wurden, so waren die Handfeger doch fast borstenlos. Es sollte eben gespart werden. Mit Wasser wurden die Fußböden nicht aufgewischt. Und durch den Umgang teils sich verrückt stellender und teils halbverrückter Korrigenden wird schließlich ein Aufseher geistig abgespannt; er leidet mit der Zeit an Neurasthenie.

Barnack bekam ebenfalls einen Rüffel. Er hatte seine Arbeit ebenso minderwertig hergestellt wie ich und auch kein Pensum geliefert.

Als er seinem Platz zuschritt und ein Gesicht zog wie ein Junge, dem die Butter vom Brot fällt, rief ihm der Aufseher nach: »Ich werde Euch schon kriegen! Ihr wollt kein Pensum machen. – Ich garantiere, Ihr macht es schon. Wir haben schon manchen kuriert, Ihr Tagediebe!«

Er meinte mich und Barnack.

In der Mittagsstunde, als der Aufseher den Saal verließ, kamen der Vorarbeiter und andere Korrigenden und versuchten uns Angst zu machen:

»Paßt mal auf, Schuchardt und Barnack, wenn Ihr so schlecht weiter schinakelt (arbeitet) und macht kein Pensum, gibt es Kostabzug oder Ihr werdet eingespunnt! Da gibt es bloß trocken Hanf (Brot) und Wasser und Ihr könnt dann Platte auf der Pritsche reißen!«

Ich war vorsichtig genug und erwiderte nichts darauf.

Ein Zimmermann aus Magdeburg, ein untersetzter Mensch, den ich im Tränensberg kennen lernte und der eine Woche früher hier ankam, dreiviertel Jemmchen hatte und die Tage auskalkulierte, wie lange er hier war, sagte: Zweihundertdreiundsiebzig Tage seien kein Katzendreck. Die seien wohl schmal – aber verflucht lang. Er brachte aus Ulk zwei Decken, legte diese oben auf meinen Webbock und sprach: »Siehste, Du dummer Hund, da hast zwei Decken und die verrechnest Du, da hast Dein Pensum!« –

Die Decken hatte er Einem weggenommen aus Spaß, um sich und den Anderen ein Gaudium zu machen. Selbstredend[47] lachte die ganze Gesellschaft. Auch der Stationsschreiber – ein Halberstädter Lude (Zuhälter) – der ein volles Jahr abzumachen hatte, uzte mich und sagte: »Laß mal sein, wenn Du Dein Pensum nicht erreichst und machst weiter so schlechte Ware, da kriegste Zulage!« Er meinte, ich bekäme länger Arbeitshaus.

Schlecht waren sie sonst nicht gegen mich, ich gab eben Keinem Gelegenheit dazu.

Mein Arbeitskollege, der hinter mir saß und, wie ich schon mitteilte, mir Rücken an Rücken, sagte zu den Anderen: »Wenn das Mistvieh nur nicht so sch....n täte! Der muß faul im Ranzen sein; mir wird es ganz schwummerig vor die Nase! Ich muß ihn faktisch den Tag dreimal nach den Kübel schicken – wenn der Einen fahren läßt, kann man in Ohnmacht fallen!« –

»So schlimm ist es nun nicht,« sagte ich dann, »Du hast bloß so ein feines Riechorgan; Du kannst nichts Gutes vertragen!«

Tatsächlich – von dem nicht gewohnten, mageren Essen und dem trockenen, schwarzen Brot rochen meine Winde wie faulendes Aas.

Trotzalledem vertrugen wir uns gut und er zeigte mir die Arbeit, so vortrefflich er es verstand, obgleich er nicht dazu verpflichtet war. Wenn er auch griesgrämig und verbissen dreinschaute, war er doch ein guter Partner, der mich aufmunterte, wenn der Spanner die zweite und dritte Abteilung durchschritt, oder sich in der dritten Abteilung mit dem Vorarbeiter und dem Stationsschreiber unterhielt. – Der Aufseher verlangte von uns, daß wir uns bloß in punkto Arbeit verständigen sollten.

Es kam dann bald der Samstag heran und die Auswärtigen kamen nach Hause, um, wie die Ordnung lautete, die Kirche zu besuchen. Sie richteten ihr Bettzeug über die kahlen Matratzen und Kopfstücke. Es begann ein Leben und Treiben an diesem Abend. War es doch der Tag, an dem[48] wir unsere Wäsche erhielten. Die Korrigenden brachten mir mein Hemd, die Strümpfe, Halstuch, Taschentuch und Handtuch. Auch diesmal wurde nummernweise aufgerufen. Ein Jeder half dem Anderen und so war die Angelegenheit schnell erledigt. Die Beamten zählten uns, verließen die Schlafsäle und schlossen ab.

Unter den Auswärtigen war auch ein Zimmermann aus Wilhelmshaven; wegen Bettelns machte er seine erste Winde ab. Er kam auf meine Ansprache an mein Bett und gab mir ein Stück Wurst und Kautabak und erzählte mir, daß er bei der Kahnausladungskolonne sei und sich in punkto Beschäftigung nicht gerade beklagen könne. Er erhielt pro Tag zwanzig Pfennige und genug Schmalz und Wurst. Manchmal gaben die Schiffer auch einen Schluck aus der Pulle ab. Ich erzählte ihm mein Mißgeschick und er bemitleidete mich und sagte: »Wenn Du so stramm wärst wie ich, könntest Dir bei dem Direktor melden für diese Arbeit, aber leider bist Du ihr nicht gewachsen. Siehst, ich bin Schiffszimmermann, aber es gibt da Säcke zu schleppen, – da habe ich schon volle Kraft anzuwenden. Und dann ist das Essen doch nicht so, als wenn man ein freier Mann wäre und singen kann, wie Herwegh sagte!«

Alle vierzehn Tage kam er und brachte mir Wurst mit und Kautabak, auch manchmal ein oder zwei Exemplare der Magdeburger »Volksstimme«; »die freien Arbeiter in Schönebeck sind ganz zünft'ge Brüder, von die kann man schon einiges erlangen,« erzählte er. »Und wenn mich ein Korrigend verpfeift (verrät), na, da machen wir Fangball-Arbeit (schlagen)!« Er lachte dabei leise.

Mit dem Denunzieren wäre es wohl auch faul gewesen. Jeder war froh, etwas zu erfahren, wie es außerhalb der Mauern zuging. Die Arbeiter in der Kokosdeckenfabrik außerhalb des Arbeitshauses brachten ja auch heimlich die Magdeburger »Volksstimme«, den »Wahren Jakob« und den »Süddeutschen Postillon« mit auf die Schlafsäle und so konnten wir im Sommer von sieben Uhr abends bis zum Dunkelwerden[49] lesen. Manchmal tauschten wir auch Worte aus und erzählten uns Wahres und Erdichtetes aus unserer Stromerzeit, von guten und harten Menschen und kritisierten die Sünden von Leuten der sogenannten besseren Gesellschaft, bis wir durch den Ordnungsruf von dem Vorgesetzten, auch einem Windenbruder, zur Ruhe und zum Schlafen aufgefordert wurden. Es war eben strenge Disziplin. Nachts mußten wir beim Urinieren uns auf die Kübel setzen und bei sonstiger Meldung sehr geräuschlos unsere Notdurft verrichten. So vergingen denn die Tage der zweiten Woche.

Doch habe ich noch eine neue Bekanntschaft in der freien Zeit am Sonntag nachmittag gemacht. Es war ein Schlosser, welcher an der fixen Idee litt, eine Maschine zu erfinden; die Art und Weise der Maschine und ihren Zweck konnte er mir nicht mitteilen. Er war geistig ruiniert, hatte einundeinhalbes Jahr bekommen und das damit verbundene geisttötende Leben hatte schon früh seine Nervenstränge erschlafft. Er arbeitete in dem Lieferungsraum und spließte Garn zur Kette und für die Nadel. Er war ein fleißiger Arbeiter und sehr ruhig. Wenn er sprach, war es, als ob er jedes Wort erst abwägen müsse. Sein Blick war glanzlos und ängstlich, wie bei einem Menschen, der sich verfolgt glaubt. Er fragte mich, wie lange ich Winde hätte.

»Ein halbes Jahr, wenn es nicht noch Zulage gibt,« war meine Antwort.

Darauf erwiderte er: »Das erste Mal sollte ich ein halbes Jahr bekommen. In Glückstadt war es; aber sie haben mir das Leben versauert, hauptsächlich meine Kollegen – und ich habe Einen tüchtig verhauen. Das Ende vom Lied waren vier Wochen Kostabzug und ein viertel Jahr Zulage! Der Direktor, welcher zu meiner Zeit in Glückstadt amtierte, war eben nicht der beste Bruder!«

Ich entgegnete: »Was, ein viertel Jemmchen, und noch dazu beim ersten Gang, hast Du als Zulage in jener Himmelsversorgungsanstalt erwischt?«[50]

»Ja, ja, es ist kein Wunder, wenn mir das Sprechen schwer wird. Das viele verfluchte Einsperren und die gar nicht in mein Fach einschlagenden Arbeiten sind daran schuld, daß ich hier bin. Wenn man einmal auf der Klappe gewesen, will ja kein Fabrikant oder Krauter (Meister) uns Gesellen in Lohn oder Brot nehmen,« sagte er und spielte an einem seiner Jackenknöpfe ....

»Wir sind zu bedauern und ich werde wohl dieselben traurigen Erfahrungen machen, als Du und mancher, welcher hier in dieses Haus hineingeraten ist«, war meine Antwort.

Er legte seine Hand bedächtig auf meine Schulter und mit einem halb geistesabwesenden Blick und unheimlichen Kichern gab er mir Recht.

So ging auch dieser zweite Sonntag hin, nur mit einem tieferen Eindruck, ich lernte das »De Profundis« mit Menschen besser kennen und den Wunsch hatte ich heimlich: Wenn es doch schon der 26. Sonntag wäre! ...

Am Montag meldete mich der Aufseher dem Werkmeister, einem alten Beamten mit weißen Bartkoteletten à la Puttkamer, der kolossal an Beamtendünkel leiden mochte und manchmal traumverloren mit einer Hand an dem vergoldeten Degengriff spielte. Ich wurde in sein Zimmer geführt. Er redete mich hinter seinem Schreibtisch barsch an: »Der Aufseher hat gemeldet, Sie machen Ihr Pensum nicht und Ihre Arbeitsleistungen sind sehr schlecht. Was haben Sie darauf zu sagen?«

Frei erwiderte ich: »Herr Werkmeister, zu dieser Arbeit eigne ich mich nicht, denn ich bin kein Textilarbeiter. Und ich werde auch bei Strafe nicht das Pensum leisten können.«

Mit den Worten entließ er mich: »Machen Sie Ihre Arbeit und leisten Sie Ihr Pensum, sonst werden Sie bestraft!« Ich hatte meinen ersten Verweis weg. So verging denn die zweite Woche mit Bangen; denn vor Strafe wollte ich mich hüten.


* *

*
[51]

Am Mittwoch der dritten Woche kam der Vorarbeiter und sagte: »Schuchardt, Du mußt jetzt Decken machen – weiße mit schwarz-roten Einlagen, nach diesem Muster. Zieh' Dir eine Kette auf mit der bestimmten Zahl Fäden und spann' dann die oberen Balken gleichmäßig horizontal ein. Wenn Du fertig bist, rufe mich. Ich will Dir dann den Anfang machen und Dir es zeigen. Heute habe ich ein gut Wort bei dem Werkführer für Dich eingelegt. Du wirst im Laufe der Woche andere Beschäftigung bekommen. Der Werkführer will Dich wo anders unterbringen. So dumm wie Du Dich bei der Arbeit anstellst, ist mir, seit ich Vorarbeiter bin, keiner vorgekommen. Entweder hast ein Fell wie ein Rhinoceros oder Du bist so dumm, daß Dich die Gänse beißen!«

Er lachte dazu und freute sich, daß er in vierzehn Tagen wieder ein freier Mensch war.

Ich machte meine Arbeit, es ging langsam. Die Decke war fertig und brauchbar, aber in einer Zeit gemacht, wo mindestens zwei mußten fertig sein.

Der Vorarbeiter zeigte dem Werkführer diese Decke, und dieser sagte: »Schuchardt, so wie diese Decke machen Sie jede andere; die ist gut, aber flinker arbeiten – mehr liefern!«

Darauf entgegnete ich: »Meister, die Decke hat mir der Vorarbeiter angefangen und beendet. Für diese Arbeit eigne ich mich nicht!«

»Machen Sie nur vorläufig tüchtig Decken, es ist kein Posten wo anders frei!« Der Werkführer lachte dazu. Doch anscheinend nicht aus Bosheit. Ergo: ich murkste weiter.

Der Spanner ließ mich den ganzen Tag nicht aus den Augen, aber ich gab ihm keine Gelegenheit, daß er mich hätte melden können. Gewiß arbeitete ich, bewegte meine Finger – aber das Pensum der verhaßten Arbeit machte ich nicht. Ich ging von der Grundidee aus: wenn Du einmal Pensum machst, dann bist d'ran und bekommst keine andere Arbeit.

In dieser Woche kam ein Besuch an. Ein paar Schwestern und Fräuleins sahen sich die Arbeit von uns Korrigenden an[52] und wie sie hergestellt wird. Es wurden bei uns große Turnmatten angefertigt, auch große Hotel-, Flur- und Hallendecken, meist mit dem Namen des Hotels oder Gasthauses eingewebt. An den Webstühlen wurden Treppen- und Hallenläufer gewebt, meist schöne und auch manch' künstlerische Sachen.

Diese Frauen kamen auch in die Nähe meines Webbockes und sahen sich meine Arbeit an, welche wohl recht bunt, aber sonst die schlechteste Arbeit war. Was verstanden denn solche Leute von Textilarbeit? Wie sie sich alles von einem Aufseher hatten zeigen lassen, gingen sie wieder. Was wissen solche Leute vom Korrigendenleben? Die denken: »Ach diese Leute haben es doch gut.« So waren meine Gedanken und ich beneidete diese freien Menschen.

Sonst ging ein Tag wie der andere hin, alles schablonenhaft, maschinenmäßig. – Dieses Gleichmäßige ekelte mich an, das ewige – ewige Einerlei den ganzen Tag – die volle Woche, Monat für Monat ...

Es wurde wieder Sonntag. Barnack war schon einige Tage nicht mehr in der Kokosweberei in unserer oberen Abteilung. Er war schon am Mittwoch umgezogen. Er gab mir den Schlüssel zum Schrank, den wir geteilt hatten. Jetzt war ich alleiniger Inhaber des Schrankes. Es war mir recht, denn jeder mußte für seine Sachen Garantie leisten. Wer Ueberpensum machte, erhielt nachmittags Bier. Manchmal wurde durch die Haft, mit der die Leute schinakelten, ein Topf umgestoßen und zerbrach. Dann gab es Leute, welche sich für 10 Pf. keinen neuen kaufen wollten, und sie stahlen sich eben einen anderen. Das Bier war aus der Allendorfschen Brauerei, die auch Korrigenden für 1,50 M. pro Tag beschäftigte. Dieses Geld erhielt die Anstaltsverwaltung und der Herr Allendorf hat auch später, nach meiner Haft, bei dem Schönerer Brauerstreik von der Anstalt nicht genug Korrigenden als Brauer bekommen können, obwohl diese Anstalt aus der Provinz Sachsen soviel als möglich Brauer als Korrigenden zu bekommen suchte. Folgendes Beispiel bestätigt[53] meine Logik. Ein Schneider – ein tüchtiger Beamten- und Damenschneider – wurde im August entlassen, ein flinkes Kerlchen, der wegen seiner tadellosen Arbeit vom Direktor bis zum Aufseher und auch bei deren Weibern beliebt war, weil er sowohl diesen wie jenen eine tadellose Kleidung geliefert hatte. Er sagte manchmal, ob in Spott oder Wahrheit:

»Man ist Korrigend und kann doch die Aufseherinnen und Beamtenweiber beim Anproben an die Brüste fassen! Ja, so ein Damenschneider!«

Es waren keine fünf Wochen verflossen, und an einem Abend war der Liebling der Anstalts-Ober-und -Unterbeamten wieder bei uns. Er erzählte: zwanzig Mark habe er noch im Sack gehabt und ein Schmiermichel (geheimer Polizist) habe ihn beim Talfen (Betteln) erwischt. Das Gericht habe ihn wegen Unverschämtheit im Talfen zur zweiten Ueberweisung verurteilt – als ob zwanzig Mark ein Königreich seien – und jetzt freuten sich alle, vom Direktor bis zum Nachtwächter, daß er wieder hier sei. Bloß eines täte ihm leid, daß das Pulver noch nicht alle war und daß seine sonst ganz interessante Harzer Ballertreise so jäh unterbrochen sei. – Einige Wochen später erhielt er von dem Direktor eine feine Kluft.

Die Zeit verging; am letzten Tag dieser Woche, nachmittags, kamen der Vorarbeiter und der Stationsschreiber, mir folgendes berichtend: »Schuchardt, Du kommst von dem Webbock weg. Du sollst mit noch drei Mann an der Deckenschermaschine Rad drehen. Da kriegst alle Tage Dachstubenporter. Jede Woche ein Viertelpfund Schmalz und jeden Tag ein Stück Brot mehr! Da biste schön 'raus, und kommst in die Ludenabteilung! Was guckst denn so dumm mit Deine Scheinlinge (Augen) wie ein Stallhase, der eins hinter seine Löffel bekommt? Murkse nur weiter, bis Dir es der Spanner (Aufseher) sagt. Die Firma von unsere Kokosprodukte kann froh sein, denn Du Viech hättest sie doch bloß bankrott gemacht.«[54]

Nun muß ich in Erinnerung bringen, daß der Aufseher zu dieser Zeit nicht in den drei Abteilungen war.

Mein Nebenmann im Rücken fing an: »Das ist gut, daß Du altes Unglückswurm wegkommst; nun hört doch der faule Geruch auf. Wenn Du unten auch so sch ...t, bei die Halberstädter und Magdeburger Gentlemens, da kriegst keinen guten Tag!« Er gab mir die Hand und lachte dazu. Nach dieser Mitteilung kam wirklich der Beamte an meinen Platz und sagte: »Schuchardt, packen Sie Ihre Sachen zusammen und liefern Sie ab. Dann packen Sie Ihren Schrank aus und nehmen Ihr Zeug. Sie werden eine Etage tiefer einquartiert zum Raddrehen!«

Dem Befehl gehorchend und meine Sachen auf den Arm nehmend, verließ ich innerlich froh diese Werkstatt.

Quelle:
Schuchardt, Ernst: Sechs Monate im Arbeitshaus. Erlebnisse eines wandernden Arbeiters, Berlin [1907], S. 45-55.
Lizenz:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Prinzessin Brambilla

Prinzessin Brambilla

Inspiriert von den Kupferstichen von Jacques Callot schreibt E. T. A. Hoffmann die Geschichte des wenig talentierten Schauspielers Giglio der die seltsame Prinzessin Brambilla zu lieben glaubt.

110 Seiten, 4.40 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon