Ueber Arbeit und Bettel.

[78] So ist es auch bei mir. Im Jahre 1900 wurde ich in Ilmenau das erste Mal bestraft wegen Bettelns – und jetzt bis 1906 habe ich die zwölfte Bettelstrafe.

Weshalb ich bestraft worden bin?

Weil ich durch die ständige Verbesserung der Technik in die Reihen der relativen Uebervölkerung gedrängt worden bin, also in die industrielle Reservearmee, unter die Ausgestoßenen, die Armen und Elenden.

Es ist eine Lüge, wenn Leute sagen: »Es gibt Arbeit genug, wenn man nur arbeiten will, und auch Brot für Leute, die arbeiten wollen!«

Ich bin Industriearbeiter von meinem siebzehnten Jahre an. Oben angeführte Redensart ist mehr als oberfaul. Um bei den Bauern zu arbeiten, ist mein Körper zu schwach. Auch kann ich, selbst wenn ich wollte, einfach diese Art von verschiedenen Arbeiten in der Landwirtschaft nicht verrichten.

Einmal konnte ich bei einem Bauer als Fütterer eingestellt werden, dieser »arme Mann« wollte nicht einmal »sieben Mark« pro Woche und frei Kranken- und Invalidenversicherung bezahlen. Dieser »gute Mann« konnte für seinen großen Viehstand, den ich pflegen und reinigen sollte, bloß drei Mark die Woche geben. Solche Leute brauchen sich nicht beleidigt zu fühlen, wenn ein Vagabund von ihnen sagt: »Wer sich mit Hornvieh und Schweinen viel beschäftigt, eignet mit der Zeit sich ihre Angewohnheit an und ähnelt diesen an ihrer Dummheit und Vollgefressenheit.«

Für mich ist die Landarbeit immer ein Ekel – ein Greuel gewesen in meinem Leben, alt bin ich nie bei Bauern geworden.[78]

In den Vereinigten Staaten habe ich bei einem Farmer volle vierzehn Tage geschafft, dann wurde es warm. Die Spatzen piepten wieder auf den Dächern der Gebäude und schlecht bezahlte er mich auch.

Im Staat Iowa, zehn engl. Meilen westlich von Iowa City, bei den Mennoniten war es gewesen. Der Farmer gab mir die schönsten, besten Worte: ich sollte bleiben, aber leider sehr niederen Lohn. Er sollte mir das Doppelte geben. – Er wollte aber keine fünfundzwanzig Dollar den Monat mit voller Beköstigung bezahlen. Zum Arbeiten war ich recht, aber ein Recht, meinen Lohn selbst zu bestimmen, ließ mir dieser fromme Mann nicht. Ich hörte auf. Von dem schweren Spalten des kanadischen Eichenholzes war ich hundsmatt. Von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends. Morgens, mittags und abends fütterte ich die Pferde. Ein paar Tage hatte ich auch gepflügt. Wie gesagt – ich kalkulierte: »Bist Du beim Stromern, dann kannst Du, wenn Du nachts keine Ruhe hast, am Tage Dich von der Sonne ausbrüten lassen. Da haste wenigstens Deine Ru–he, und bei dem frommen Farmer kann man noch nicht einmal richtig ausschlafen.« Hundsmüde schlief ich da ein, und mit Schlaf in den Augen stand ich auf.

Auch auf den Warnungsruf des Farmershörte ich nicht, als ich ging: »Bleibe lieber hier, sonst wirst wieder lausig!« Ich muß gestehen, als ich anfing bei ihm, hatte ich eine Unzahl von diesen Tierchen. – Es zog mich mit einer Riesengewalt nach Chicago in die freie Stadtbibliothek des Stadthauses, wenn ich auch da in allen Ecken und Winkeln schlief. – Junker und Bauern und Pfaffen sind immer meine liebsten Freunde gewesen. In großem Bogen gehe ich diesen Leuten aus dem Weg; was ich während meiner »Vagabundenzeit« von diesen erhalten habe, kann eine Katze mit ihrem Schwanz fortschleifen. Ländliche Arbeit ist die Hölle für jeden Industriearbeiter, ergo auch für mich. Dasselbe ist es, wenn ein leichter Wagengaul nach fünfzehnjähriger Tätigkeit auf einmal große Lastfuhren ziehen sollte, dies ist ein tierquälendes Verlangen. Vieh und[79] Mensch find ein Produkt ihres Umganges und ihrer Verhältnisse. Deswegen arbeitete ich bei keinem Bauer, für seinen Fünfziger per Tag. Wie oft kam mir der Gedanke da: lieber meinen Bettelsack tragen! ...

In Fabriken bekam ich schwer Arbeit, oder sollte für sehr niedrige Lohnsätze arbeiten. Ein altes Sprichwort sagt: »Je schwerer die Arbeit, desto niedriger der Lohn.« Als Streikbrecher wollte ich aus zwei Gründen nicht gehen. Erstens hatte ich Bettelbrot gegessen von Fabrikarbeitern. Zweitens wollte ich nicht den letzten Funken meines Ehrgefühls zum Teufel gehen lassen. Ein Spitzbube ist in meinen Augen nicht so verkommen als ein Arbeitswilliger. Mir tat es ja selbst weh, wenn mir jemand meine Arbeit stahl, wie liebe Freunde in Ansbach: M. und F.; denen habe es nicht vergessen und ich werde es auch nicht.

So kam ich mit der Polizei und Gendarmerie in Konflikt, wurde mit Haft und wieder Haft bestraft und mit Arbeitshaus. Aber das Betteln haben mir die Strafen nicht abgewöhnt. Gegen den rebellischen Magen sind sie machtlos. Wenn ich nicht im Besitz von dem Notwendigsten zum Leben bin, so betreibe ich dies, wenn ich muß, von jetzt an feiner; denn wenn ich auch kein Recht auf Arbeit in diesen deutschen Staaten habe, aber ein Recht auf Existenz nehme ich mir, und werde ich erwischt, dann mache ich meine Strafe ab. Dort wird auch Brot verabreicht, wenn es auch verflucht knapp ist ....

Bei meinen vielen Irrfahrten, wie ich meine »Stromerzeit« nenne, habe ich noch keinen Menschen (von der mit Glücksgütern beladenen Welt) getroffen, der mir statt Vorwürfen eine »ehrliche Arbeit« nachge wiesen hätte. Diese ehrliche Arbeit meine ich so: Eine Arbeitsleistung nach dem Wert zu bezahlen. – Was man mir gab, waren aber bloß nichtssagende, tiefverletzende Worte oder heftiges Tür- vor- der- Nase- zuschlagen.

Von den Herren Richtern bekam ich auch keine Arbeit nachgewiesen, obwohl sie mich bestraften und ganz entrüstet sich gebärdeten und sagten, ich sei arbeitsscheu. Bei den Herren[80] Pfarrern war es dasselbe. In Sangerhausen besuchte mich der Anstaltsgeistliche, ein junger Mann, im Gefängnis, er wollte mich mit leeren Worten trösten. Wir waren morgens in der Kirche gewesen und er hatte gepredigt: Der Name Jesu sei weltbekannt, weil er Gottes Sohn wäre. Immanuel Kant, der größte Philosoph Deutschlands, der vor hundert Jahren geboren, sei gewiß ein berühmter Mann, aber doch nicht so bekannt, wie der Name Jesu Christi. Der gute Mann berücksichtigte nicht, daß die Religion dem arbeitenden Volke bei Kindesbeinen schon eingepaukt und die Bibelsprüche eingeprügelt werden. Abends müssen die Kinder stundenlang ochsen, daß dieses Ungereimte im Gehirn sitzen bleibt. Ich habe in der Schule den Namen Kant noch nicht einmal gehört, aber den Namen Christi einen und alle Tage, daß mir in meinem vierzehnten Lebensjahr dieser Unterricht zum Halse heraushing. Wenn uns in den Schulen Kant, Börne und Feuerbach so eingeprügelt worden wäre, wie die Religion und die Lebens-und Leidensgeschichte Jesu Christi, so würde es besser bestellt sein um die Volksbildung ... Also der gute Mann besuchte mich und fragte, weshalb ich in diesem Haus sei.

»Wegen Nicht-Anmeldens bei der Polizei sitze ich hier in Untersuchung«, war meine Antwort, »und bin erst vor kurzem vom Arbeitshaus entlassen worden.«

»Ja«, sagte er, »Sie müssen an den lieben Gott glauben, da geht es Ihnen auch wieder gut!«

»Herr Pfarrer, wenn Sie mir keine Unannehmlichkeit machen, dann will ich Ihnen Farbe bekennen,« war meine Antwort.

»Durchaus nicht! Erzählen Sie nur, was Sie auf dem Herzen haben!« sagte der Anstaltsgeistliche.

»Herr Pfarrer, ich bin im Arbeitshause gewesen. Der barbarische Drill, wie er dort mit der christlichen Religion getrieben wird: Morgens Singen und Beten, mittags Beten, abends Singen und Beten; Sonntags in der Predigt ein Runterputzen von uns Korrigenden – auf Ehre und Gewissen, Herr Pfarrer: Ehe ich die Anstalt betrat, war noch ein ersterbender[81] Funke von Christentum in mir, heute ist er erloschen – ausgelöscht durch den Anstaltsgeistlichen von Großsalze. Dieser Mann hat mir den letzten Rest genommen. In die Kirche mußte ich, es ist preußische Gefängnis-Diktatur und wird auch im Arbeitshause so ausgeübt. Wer die Kirche nicht besucht, wird gestraft. Das Essen reicht in diesem Hause, weil man arbeiten muß, und ich bin kein Asket, um meinen Magen zu betrügen oder meinen Körper auf die Holzpritsche zu legen. Ich liebe so ein Märtyrertum nicht! Es ist mir leid, Herr Pfarrer, entschuldigen Sie, zum Christentum kehre ich nicht wieder retour! Es ist zu spät.«

Der Anstaltsgeistliche machte ein ernsthaftes Gesicht, sprach mir aber auch Mut zu. Seine letzten Worte waren: »Schuchardt, wenn Sie entlassen werden, besuchen Sie mich, ich will Ihnen beweisen in der Tat, daß es einen Gott gibt, nicht bloß mit leeren Worten!«

Als sich die Türe hinter ihm schloß, klopfte mir ein Sangerhäuser Arbeiter auf die Schulter. »Den Schwarzen hast gut mit der Geistesfackel geleuchtet. Wirst Du ihn besuchen? fragte er.

»Nein«, war meine Antwort. »Er kam zu spät.«

Der Arbeiter hatte vierzehn Tage, weil er einen Sack Kleie stahl; er dachte, es war Mehl. Arbeitslos war er – und seine Familie litt Hunger. Da konnte doch seine Frau backen, – es war vor Weihnachten. Er wurde erwischt. Der Richter hatte keinen Begriff, daß Hunger weh tut und kein Stoff auf dem Planeten Erde verloren geht und dem Mehl es gleich ist, ob es von Hungernden oder Satten verzehrt wird ....

Also mit einem Wort: die Strafen haben mich nicht gebessert, aber eines haben sie mich gelehrt: dem Proletariat dankbar, ewig dankbar zu sein, weil ich bloß von ihm das Bettelbrot gegessen habe. –

Quelle:
Schuchardt, Ernst: Sechs Monate im Arbeitshaus. Erlebnisse eines wandernden Arbeiters, Berlin [1907], S. 78-82.
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