Briefe.

[264] Nicht gar lange war ich in Leipzig, so bekam ich Briefe von Wien, und von dem Herrn v. Kurz aus Mainz. Ansehnlicher Gehalt wurde mir geboten. Doch ich schrieb es ab. Koch hätte ich für kein Theater in der Welt vertauscht, und man hätte mir noch so viel bieten können, was denn auch geschah. In Wien sollte ich nur fordern, und Kurz bot mir allein 19 Taler. Ich sagte niemand was davon und war bei meinen 71/2 Talern so glücklich, als ich nur wünschen konnte. Bald darauf bekam ich auch einen Brief von dem jungen Herrn Schiro. Er meldete mir, wie er sich in meine Entfernung nicht zu finden wüßte. Daß er zwar alles versprochen, aber unfähig wäre zu halten, daß er mich liebe und ewig lieben müßte. Er wolle nach Holland gehen, aber bloß in der Hoffnung daß ich einst, wenn er zurückkäme, seine Hand nicht ausschlagen würde usw. Ohne mich viel zu besinnen, siegelte ich den Brief wieder zu, schickte solchen an Herrn Kummerfeld mit der Bitte, solchen dem alten Pastor Schiro zu geben und seinen Sohn vor einer neuen Unbesonnenheit zu warnen. – Eben, da ich die Briefe von Herrn Kummerfeld nachsehe, finde ich den Namen, wie sich der Pastor schrieb: Guiraud. Herr Kummerfeld schickte dem Pastor durch Herrn Herzog den Brief zu. Der alte Vater sagte: »Nun komme ich doch hinter meines Sohnes Verlangen, ist er denn noch ein Narr?« Darauf wandte er sich zu Herzog und sagte: »Grüßen Sie mir Mademoiselle Schulze tausendmal, und ich bin ihr für den abermaligen Beweis ihrer Freundschaft sehr verbunden. Gott wird ihr soviel Gutes schenken, wie ein Sterblicher empfangen kann. Ich werde Bedenken tragen, meinen Sohn nach Holland zu schicken, denn er könnte mir doch noch nach Leipzig echapieren.« Kurz, so rechtschaffen wie ich gegen den Vater und[264] Sohn gehandelt, so habe ich doch nach der Zeit erfahren, daß der Herr Pastor sich über die Sache sehr zweideutig ausgelassen, wenn er befragt wurde, und mehr die Schuld auf mich als auf seinen Sohn legte. Doch das ist der Lauf der Welt.

Auch Soltau, der einen zweiten vergeblichen Selbstmordversuch gemacht hat und dann nach Rußland geflohen ist, muß aufs neue abgewiesen werden.

Auch erhielt ich durch Herrn Kommissionsrat Schmidt aus Hamburg einen Brief mit folgendem Inhalt:


»Mademoiselle!

Sie kennen die Achtung, die ich für Sie habe. Sie wissen, wie sehr ich Ihre Entfernung von dem hamburgischen Theater bedauert. Diese Gesinnungen werden mich rechtfertigen, wenn ich sage: Möchten Sie doch bald wieder bei uns sein! Ich habe zu persönliche Freundschaft gegen Herrn Koch, zu viel Liebe für das Leipziger Publikum, da Ihnen schmeichelhaften, verdienten Beifall schenkt, als daß ich die Erfüllung meines Wunsches zu übereilt hoffen sollte. Aber ich weiß auch, wie oft Sie an Hamburg zurückdenken, an Ihre Freunde, deren ungekünsteltes Lob Sie für den Neid, der wahre Talente stets verfolgt, schadlos hielt. Die Entrepreneurs unseres Theaters wünschen Ihre Zurückkunft. Herr Bubbers ist Ihr Freund: Er läßt Sie durch mich versichern, daß, wenn Sie Vertrauen in ihn setzten und sich näher und schriftlich gegen ihn erklären wollten, er für Sie und Ihren Herrn Bruder für Advent d.J. oder noch eher die besten, vorteilhaftesten Bedingungen festsetzen könnte. Wie groß ist mein Vergnügen, daß ich Ihnen diese Nachricht geben kann. Kommen Sie doch wieder zu uns! Geben Sie unserem Theater die liebenswürdige Aktrice zurück! Empfehlen Sie mich dem Herrn Bruder, und bleiben Sie von mir versichert, daß ich mit der vorzüglichsten und verbindlichsten Hochachtung sei, Mademoiselle dero

ganz ergebenster Diener Schmidt,

Kommissionsrat.

D. 9. July 1767.«[265]


Konnte ich noch mehr Revanche verlangen? Geben sie mir solche nicht alle selbst, ohne daß ich sie suche? Ich leugne nicht, ich tanzte mit dem Brief in der Stube herum. Wen konnten sie besser zum Briefschreiben in dieser Sache wählen, wie den Kommissionsrat, von dem ich gewiß wußte, daß mich der Mann nie beleidigt, und der immer mein Freund war, trotz der genauen Bekanntschaft, in der er mit den übrigen stand. Der Teufel müßte mich ganz gepackt haben in seine Klauen, wenn ich aus dem reizenden Lustgarten gewichen, und mich nach Hamburg auf das Mistbeet gesetzt hätte. – Nun antwortete ich, und, wohl zu merken, die Worte mit lateinischen Lettern sind der Hamburger Critici ihre eigenen Worte.


Werter Freund!

Ich bin zu sehr von Ihrem rechtschaffenen Herzen gegen mich überzeugt, daß Sie es sind, als daß ich mich eines Namens bedienen sollte, der in der jetzigen Welt nur in dem Schall des Wortes allein besteht. Wie angenehm ist es mir, daß Sie mir Gelegenheit geben, ohne alle Verstellung mein Herz auszuschütten. – – – Ich leugne es nicht, daß ich anfänglich und durch das viele Zureden meiner Freunde wünschte, zu bleiben. Nach meiner Denkungsart war ich überzeugt, daß ich mit den Entrepreneurs keinen Verdruß haben könnte. Denn von einer gewissen Theater-Seuche, wovon der größte Teil unserer Theater-Helden und -Heldinnen angesteckt sind, und in Neid der Rollen und des Putzes besteht, bin ich, dem Himmel sei Dank, niemals mit angesteckt worden. Eine Rolle hatte ich mir zu der meinigen gewählt, nämlich die Mädchen weil solche sich nicht allein mit meiner Sprache, sondern überhaupt zu meinem körperlichen Bau, kurz sich am besten für mich schickten. Daß ich andere Rollen spielte, war oft die größte Not da; und Herr Ackermann mußte ja froh sein, daß man solche ohne Widerwillen von mir ansah? Doch dieses konnte man mir nicht verdenken, und ich sagte es Ihnen ja, daß, wenn ich bliebe, ich keine Hanna in der Sara oder sonst eine schlechtere Rolle in einem Stück annehmen würde, in welcher ich sonst die erste gehabt hätte. Ja, auf jedem anderen Theater, wenn[266] solche schon besetzt sei, wäre mein Verlangen unbillig, doch nicht in Hamburg und in der Verfassung. Mit der Direktion hätte ich mich auch nicht abgegeben, weil ich als Aktrice bezahlt werde. Hätte ich gefehlt und man mir in Freundschaft meine Fehler gezeigt und ich gefunden, daß man recht hätte, würde ich es ein andermal anders gemacht haben; und übrigens mir auf dem Theater eines so lieb gewesen wie das andere, und nie mich geweigert haben, neben dieser oder jener nicht zu spielen, wie sie's da machen, von gewissen Rollen u. dgl. Von diesem allem überzeugt und in Gesellschaft meiner rechtschaffensten Freunde, die ich nie vergessen werde, konnte ich auch angenehme Tage mir versprechen. Weiter! Man wußte nicht, was man mit meinem Bruder anfangen sollte. Das war viel! Da man doch weit schlechtere, als er war, ansprach, zu bleiben, und Personen annahm, die noch gar nichts konnten. Ich weiß, daß mein Bruder aus dem Agieren nur ein Nebenwerk gemacht. Allein, oft verändern die Umstände die Sache, und wenn auch kein Ballett gewesen, er gewiß nicht den Schimpf auf sich genommen, er verdiene seine Gage nicht. Herr Ackermann selbst war schuld, daß er sich auf das Agieren niemals gelegt. Denn ein Norton in der Sara, und ein Blont im Kaufmann von London waren keine Rollen für einen Burschen von 17 Jahren. Nach der Zeit war es zu spät, und er hatte in vielen Stücken recht, daß er nicht zwei Teile bestreiten wollte. Ferner (denn Sie müssen wissen, ich weiß alles, wie es zuging): Es wurde auf Recommendation fort geschrieben: ein junges, hübsches Weibchen verlangte man, die meine Stelle vollkommen besetzen könne. Vollkommen? Da ich nicht so stolz war noch bin, um zu denken: ich machte eine Szene vollkommen, viel weniger eine ganze Rolle. Das Weibchen kam nicht. Nun sollte ich der Notnagel sein, und das nicht allein: ich sollte noch Gott danken, daß man mich würdigte, mich zu behalten. Deswegen schrieb und druckte man die infamsten Sachen, um an anderen Orten mir meinen Weg abzuschneiden: Epigramme, die wochenlang auf den Putztischen lagen, man mir sie auswendig sagte, ehe sie noch in[267] die Wandsbeker Zeitung kamen. Kurz, elende Kreaturen, die alles Mögliche versuchten, mich nicht allein in Hamburg, sondern auch in der ganzen Welt verhaßt zu machen, die Lügen erfanden und mich zu einem Monster, zu einem Teufel an Körper und Seele abbildeten (das ging zu weit! Und wenn ich alle Glückseligkeit in Hamburg hätte erwarten können!) mußten mir diesen Ort zum Ekel werden lassen. Geringschätzig kann ich mich nicht ansehen lassen, dazu bin ich zu stolz. Da habe ich es mir in meinem Leben zu sauer werden lassen und niemals das Theater zu einem Deckmantel gebraucht. Von allen diesen Streichen wußte ich, und ich versichere Sie, daß ich mich eher auf die kümmerlichste Art hätte behelfen wollen, als in Hamburg zu bleiben. Wie ruhig lebe ich hier! Mit welchem Vergnügen gehe ich auf das Theater! Und wenn ich weggehe, ist es immer mit dem Wunsch, daß doch bald wieder der andere Abend da sein möchte! Hier bei Herrn Koch kann ich sagen, daß ich das erstemal mit meinem Stand zufrieden bin und Gott danke, daß ich bin, was ich bin. Wenn es nicht an dem wäre, weswegen sollte ich es sagen? Und noch dazu, da ich mich in Ansehung der Gage verbessern konnte? In Hamburg würde man mir mehr geben. Nach Wien kann ich jeden Augenblick. Vor 4 Tagen bekam ich von Herrn von Kurz aus Frankfurt Briefe, der mir mit dem Bruder 24 Gulden Gage bietet. Doch eine geldgierige Milwood bin ich nicht. Zufriedenheit und Ruhe kann man mit Geld nicht erkaufen. Die Gesellschaft liebt mich, ich sie wieder. Hier weiß man von keinem Neid! Und entweder außerordentliche Glücks- oder Unglücksfälle müssen mich von H. Koch bringen, sonst nichts!! Sollte ich mir selbst so verhaßt sein, und in eine solche Verwirrung zurückkehren, wie auf dem Hamburger Theater herrscht? Man weiß hier alles. Die werden fett von anderer Magrigkeit. Und wie viel haben die Vernünftigen darunter nicht zu tun, den Frieden nur noch öffentlich vor der Welt zu erhalten. Denn heimlich? Ich muß lachen, und Sie lachen gewiß auch, indem Sie oft ein Zuschauer mancher tragischkomischen Auftritte gewesen. Sie sehen, daß es mir nicht möglich ist, in Ihr Verlangen zu[268] willigen. Vielleicht könnten Sie sagen, man spräche oft mehr, als an dem ist. Doch es ist unmöglich, alles zu erdenken, und das meiste davon bleibt doch immer wahr. Leben Sie wohl! Vergeben Sie, daß mein Brief zu lang geworden! Doch Sie wissen, Mädchen in Komödien und auch außer derselben plaudern gern. Mein Bruder und ich, wir empfehlen uns den H. Entrepreneurs und danken ihnen für die Ehre, die sie uns erzeigten. Leben Sie wohl, werter Freund! Bleiben Sie derselbe alle Zeit von uns, mein Bruder vereinigt diesen Wunsch mit mir, und glauben Sie, daß ich stets mit aller Hochachtung sein werde dero

ergebenste K. Schulze.

Leipzig, d. 5. August 1767.


Meine Antwort machte, daß mancher heimlich lachte, mir recht gab. Auch bekam eine Person das Fieber, so hatte sie sich über den Inhalt geärgert, und jedes Wort war Wahrheit. So gewiß ist's, ich würde, wenn ich auch außer Brot gewesen wäre, lieber den ersten besten Buden-Prinzipal, wie die große Hamburger Entreprise gewählt haben, und wo mehr Ordnung gewesen sein würde, wie da war. Verdient hätten sie es nach ihrer Großsprecherei, nach ihrer vorläufigen Nachricht, die sie ganz ohne gesunde und rechte Ueberlegung (denn Löwe hatte solche geschrieben) in die Welt hineingeschickt und manchen, der gut saß, damit hingelockt zu seinem und der Seinigen Schaden, daß man aufgezeichnete Narrheiten von ihnen öffentlich dem Publikum vorgelegt. Ich, die ich sie alle gesammelt habe, würde sie hier öffentlich mit anführen, wenn, wie ich schon einmal gesagt, die Blätter andere Theaternachrichten enthalten sollten, als die, die mich nur unmittelbar selbst angehen. Ich schweige also von solchen, da ich nicht selbst dabei war.

Quelle:
Schulze-Kummerfeld, Karoline: Lebenserinnerungen. Berlin 1915, S. 264-269.
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