Reise nach Petersburg

[11] 1802–1803


Von dieser Reise ist ein Tagebuch vorhanden, aus welchem einige Auszüge vielleicht von Interesse sein werden. Es beginnt einige Tage vor der Abreise am 24. April 1802 für einen achtzehnjährigen Jüngling noch sehr kindlich folgendermaßen:


Der Abschied

»Unter die traurigsten Stunden des Lebens gehören die des Abschieds von gütigen Eltern und geprüften Freunden. Sie erheitert nicht einmal die Aussicht auf eine angenehme und nützliche Reise; nur die Zeit und Hoffnung auf baldiges Wiedersehen können so schmerzliche Wunden heilen. Diese sind es, von denen auch ich Erleichterung beim Antritt meiner musikalischen Reise erwarte. So lebt denn wohl, Eltern, Freunde! Die Erinnerung an die fröhlichen Stunden, deren Schöpfer Ihr waret, wird mich stets begleiten!«

Die Reise ging zuerst nach Hamburg, wo Eck Konzerte zu geben beabsichtigte. Mit einer gewissen Genugtuung und Selbstzufriedenheit sah ich die Stadt wieder, aus der ich einige Jahre früher so voller Verzweiflung entflohen war.

Nachdem Eck seine Empfehlungsbriefe abgegeben hatte, begann auch der Unterricht. Es findet sich darüber folgendes im Tagebuch aufgezeichnet:

»Heute früh, den 30. April, fing Herr Eck seinen Unterricht bei mir an. Aber ach, wie sehr wurde ich gedemütigt. Ich, der ich einer der ersten Virtuosen Deutschlands zu sein geglaubt hatte, konnte ihm nicht einen einzigen Takt zu Danke spielen, sondern mußte jeden wenigstens zehnmal[12] wiederholen, um nur endlich einigermaßen seine Zufriedenheit zu erlangen. Vorzüglich mißfiel ihm mein Strich, welchen umzuändern ich nun auch selbst für sehr nötig halte. Es wird mir freilich anfangs sehr schwer vorkommen; doch hoffe ich endlich, von dem großen Nutzen dieser Umänderung überzeugt, damit zustande zu kommen.«

Das Tagebuch berichtet nun in täglichen Referaten über alles, was die Reisenden sahen und hörten. So anziehend dies auch für mich sein mußte, so versäumte ich darüber doch nicht meine Musikstudien. Der Vormittag, der damals in Hamburg bis drei Uhr dauerte, war ganz dem Einüben dessen gewidmet, was Eck mir aufgab. Es dauerte auch nicht lange, so äußerte sich dieser günstig über meine Fortschritte. Schon unter dem 16. Mai heißt es:

»Herr Eck fängt an zufriedener mit meinem Spiel zu sein und war gestern so gütig, mir zu versichern, daß ich das Konzert, welches ich bei ihm einstudiert habe, nun ganz ohne Fehler spielen könne. Er will nun ein andres mit mir vornehmen.«

Die Zwischenpausen, die durch die Ermüdung beim Üben geboten waren, füllte ich mit Malen aus. Von frühster Jugend hatte ich mich im Zeichnen und Malen mit Wasserfarben geübt und es, ohne je guten Unterricht gehabt zu haben, zu ziemlicher Fertigkeit darin gebracht. Meine Neigung dafür war so groß, daß ich eine Zeitlang geschwankt hatte, welche der beiden Künste ich als Lebensberuf erwählen wolle. Nachdem ich mich für die Musik entschieden hatte, trat das Malen in den Hintergrund. Doch hatte ich einen Apparat zum Miniaturmalen mit auf die Reise genommen und machte nun einen ersten Versuch im Porträtieren. Das Tagebuch sagt unter dem 12. Mai:

»Am Sonntag fing ich ein Miniaturbild an, welches ich heute vormittag beendigt habe. Ich versuchte mich selbst zu malen und kann damit sehr wohl zufrieden sein. Dieses und mein Geigenspiel haben mich so beschäftigt, daß ich in diesen vier Tagen beinahe gar nicht aus dem Haus gekommen bin. Ich schickte dieses Bild meinen Eltern und begann dann Herrn Eck zu malen, der geduldig genug war, mir zu sitzen.«

Am 26. Mai sagt das Tagebuch darüber:

»Heute morgen beendigte ich das Miniaturbild des Herrn Eck und überreichte es ihm. Es hatte das Glück ihm zu gefallen und wurde sehr von ihm gelobt. Es ist aber doch nicht ganz getroffen, und ich werde ihn bald noch einmal malen.«[13]

Es möchte nun an der Zeit sein zu erwähnen, daß der junge Künstler von frühester Jugend an sehr empfänglich für weibliche Schönheit war und schon als Knabe sich in jede schöne Frau verliebte. Es ist daher nicht zu verwundern, daß das Tagebuch des nunmehr achtzehnjährigen Jünglings auf vielen Blättern Ergüsse seiner Herzensregungen enthält. Komisch ist jedoch dabei der Ernst, mit welchem diese flüchtigen Neigungen besprochen werden.

In Hamburg war es besonders eine Demoiselle Lütgert, die Tochter eines Musiklehrers, die sein Herz gewann. Nach einem Besuche bei dem Vater schrieb ich darüber folgendes:

»Seine älteste Tochter, ein Mädchen von dreizehn Jahren, ein sehr schönes, unschuldiges Geschöpf, gefiel mir vorzüglich wegen ihres artigen und sittsamen Betragens. Sie ist sehr schön gewachsen, hat von Natur gelocktes Haar, feurige braune Augen und einen blendend weißen Busen, der sich schon sehr wölbet. Ihr Vater, dessen Steckenpferd die Harmonie und der Generalbaß sind, unterhielt mich, weil er bei mir die meiste Geduld fand, seinen Sermon anzuhören, beständig von Auflösung und Verbindung der Akkorde, unterdessen ich viel lieber mit seiner liebenswürdigen Tochter von Verbindung der Herzen und Lippen gesprochen hätte.«

Um mich ihr öfter nähern zu können, bat ich um die Erlaubnis, sie malen zu dürfen, was gern gewährt wurde. Doch ehe noch die Sitzungen begannen, scheine ich durch Herrn Eck, den ich sonderbarerweise zum Vertrauten meiner Liebe gemacht hatte, vor ihr gewarnt zu sein. Denn es heißt in dem Tagebuche:

»Herr Eck, der in der Komödie war, erzählte, daß meine liebe Dlle. Lütgert mit ihrer Mutter und einem fremden jungen Menschen auch dort gewesen sei und mit letzterem viel gescherzt habe. Er hält sie daher für eine Kokette und glaubt sie meiner Zuneigung unwürdig. Ich kann aber ohnmöglich glauben, daß ein Mädchen von dreizehn Jahren schon kokett sein kann.«

Nach der ersten Sitzung scheine ich jedoch auch dieser Ansicht gewesen zu sein, denn es heißt am Tage, wo diese stattgefunden hatte, im Tagebuche:

»Henriette bat mich, sie in dem Kleid zu malen, das sie trage, und versicherte, es gewählt zu haben, weil ihre anderen Kleider nicht weit genug ausgeschnitten seien und den Busen zu sehr bedeckten. Ich erstaunte über ihre Eitelkeit, und der Anblick ihres wirklich reizenden[14] Busens, der mich bei jeder andern Gelegenheit entzückt haben würde, machte mich nun traurig, da ich überzeugt wurde, daß sie schon von der Eitelkeit und Schamlosigkeit der Hamburgerinnen angesteckt sei. Sie sprach, während ich malte, mit ihrer Kusine, einem häßlichen, aber eitlen Mädchen, von nichts als dem Putze, den sie auf dem morgigen Ball anzulegen gedächte, und deckte im Fortgang des Gesprächs so manchen Flecken ihres Charakters auf, daß ich erstaunen mußte, so lang blind gewesen zu sein. Hielt sie es nicht der Mühe wert, sich vor mir zu genieren oder glaubte sie mich so ganz mit meiner Malerei beschäftigt, daß ich ihre Rede nicht hören würde, das weiß ich nicht. Zwar ist sie noch nicht ganz verdorben, aber wie lange wird dies dauern, da sie in so übler Gesellschaft ist.« Naiv, sentimental heißt es dann zum Schluß: »Ganz mißvergnügt kam ich zu Haus und wünschte, daß wir nun bald abreisen möchten, weil mir Hamburg mit seinen Einwohnern immer mehr mißfällt. Mein geselliges Herz, das sich so gern jedem Menschen anschließen möchte, findet hier niemanden. Die Leute werden durch den übermäßigen Luxus für alle feineren Gefühle abgestumpft und kennen Liebe und Freundschaft nur dem Namen nach. Ich glaubte, in diesem Mädchen etwas für mein Herz gefunden zu haben, aber ich sehe mich von neuem betrogen und werde immer mehr überzeugt, daß ich in großen Städten vergeblich suchen werde. Ich hatte mir vorgenommen, eine Kopie von ihrem Bilde für mich zu machen; allein ich bin doch zu sehr auf sie erbittert, um dieses zu können. Auch habe ich nun keine Lust auf den Ball zu gehen und werde auf einen Vorwand denken dort wegzubleiben.«

Zwei Tage später heißt es jedoch: »Heute vormittag arbeitete ich ein wenig an dem Bilde der Demoiselle Lütgert und fing auch die Kopie davon für mich an. Nach Tisch ging ich zu ihr, um es dort zu vollenden. Henriette empfing mich mit Vorwürfen, daß ich nicht auf den Ball gekommen sei, und versicherte, wenig Vergnügen dort gehabt zu haben. Sie war heute so reizend gekleidet und sprach so vernünftig, daß ich mich mehr mit ihr unterhielt, als malte, weshalb ich auch nicht ganz fertig wurde. Es ist wirklich ewig schade, daß dieses Mädchen mit so großem Talente und gesundem Verstande in so schlechter Gesellschaft lebt und dadurch zu den Torheiten Hamburgs verführt wird. Wenn sie jetzt noch unter andere Menschen käme, so könnte das beste Mädchen aus ihr werden, denn sie hat ein gutes Herz und läßt sich gern leiten.«

Mit der Übergabe des Bildes und der bald darauffolgenden Abreise von Hamburg endete dieser kleine Liebesroman, bei dem es jedoch nie zu Erklärungen gekommen war.[15]

Über meine damalige Kunstbildung und meine Kunstansichten gibt das Tagebuch fast auf jeder Seite in der Beurteilung dessen, was ich in Hamburg hörte, vielfache Belege. Freilich sind diese Urteile mit der naiven Zuversichtlichkeit, die der Jugend eigen ist, abgefaßt und würden gewiß mancher Berichtigung bedürfen, wenn diese nach so langer Zeit noch möglich wäre. Die Urteile über Opern und deren Darstellung können füglich übergangen werden, da diese Werke größtenteils vom Repertoire verschwunden und die Sänger längst verschollen sind.

Über einige andere Leistungen sowie über die meines Lehrers mögen aber die betreffenden Stellen hier folgen:

»Den 5. Mai. Wir waren heute mittag bei Herrn Kieckhoefer zum Essen eingeladen und trafen dort Herrn Dussek und einige andere Musiker. Mir war dies sehr erwünscht, da ich mich längst gesehnt hatte, Herrn Dussek spielen zu hören. Herr und Madame Kieckhoefer sind sehr artige Leute und in ihrem Hause ist Pracht mit Geschmack verbunden. Die Unterhaltung bei Tische war fast immer französisch; ich konnte daher, da ich noch nicht sehr im Französischen geübt bin, nur geringen Anteil daran nehmen. Desto größeren nahm ich aber an der Musik, die nachher gemacht wurde. Herr Eck begann mit einem Quartett eigener Komposition und entzückte damit alle Zuhörer. Darauf spielte Herr Dussek Klaviersonaten seiner Komposition, die aber nicht sonderlich zu gefallen schienen. Nun folgte ein zweites Quartett des Herrn Eck, welches Herrn Dussek so hinriß, daß er ihn zärtlich umarmte. Zum Beschluß spielte Herr Dussek ein neues Quintett, das er erst in Hamburg komponiert hat und das man bis in den Himmel erhob. So ganz wollte es mir aber nicht gefallen; denn ohnerachtet der vielen Modulationen wurde es am Ende ein wenig langweilig und das Übelste war, daß es weder Form noch Rhythmus hatte und man das Ende ebenso gut zum Anfang hätte machen können.«

Bei einer Musikpartie auf dem Landsitze des Herrn Thornton lernte ich Demoiselle Grund, die damals gefeiertste Sängerin Hamburgs, kennen. Das Tagebuch spricht von ihr mit großer Begeisterung. Unter anderem heißt es:

Anfangs war die Unterhaltung sehr windig; mit anderen Worten: »Die Herren Kaufleute sprachen von nichts als den widrigen Winden, die ihren Schiffen den Eingang in die Elbe verwehren. Nach und nach wurde sie aber interessanter, besonders da sich Dem. Grund mit in das Gespräch mischte. Schon da bewunderte ich ihre richtige und gebildete Sprache und[16] ihr einnehmendes, zuvorkommendes Betragen, mit dem sie jeden bezauberte. Als sie aber bei Tische bald mit diesem französisch, dann mit jenem englisch sprach und mir einer der Herren erzählte, daß sie vier Sprachen richtig spreche und schreibe, da fing ich an, sie zu beneiden und mich zu schämen, daß ich als Mann diesem Mädchen hierin so weit nachstehe. Auch in der Musik hat sie es sehr weitgebracht und entzückte uns noch gestern abend durch ihren Gesang so sehr, daß Herr Eck sie aufforderte, in seinem Konzert zu singen, was sie auch versprach. Mein Tischnachbar erzählte mir, ihr Vater ernähre seine Familie mit Musikunterricht und verwende sehr viel auf die Erziehung seiner Kinder. Diese, seine älteste Tochter, erleichtere ihm dieses Geschäft dadurch sehr, daß sie nicht allein ihre Geschwister in der Musik und in Sprachen unterrichte, sondern durch häufiges Informieren in den ersten Häusern Hamburgs eine ansehnliche Summe Geldes verdiene. Ich hätte gern ihre Bekanntschaft gemacht, allein sie war so mit jungen Herren umlagert, daß ich nicht an sie kommen konnte.«

Über die Musikpartie am Abend berichtet das Tagebuch noch:

»Herrn Ecks Spiel und der Gesang der Dlle. Grund erhielten den allgemeinsten Beifall. Nicht so ganz gefiel Herrn Dusseks Spiel. Es ist aber auch in der Tat zu wild und disharmonisch. Er spielte ein Klavierkonzert von eigener Komposition, welches Pleyel in Paris unverschämterweise nachgestochen und seiner Frau, die Dussek gar nicht kennt, dediziert hat. Dussek hat nicht übel Lust, diese größte aller Unverschämtheiten öffentlich bekanntzumachen und von Mme. Pleyel ein Geschenk für die Dedikation einzufordern. Nachdem wir zu Abend oder vielmehr zu Nacht gegessen hatten (denn es war 3 Uhr morgens, als wir vom Tisch aufstanden), begaben wir uns in unser sehr elegantes Schlafzimmer usw.« Von dem öffentlichen Konzert des Herrn Eck im Logensaal auf der Drehbahn am 18. Mai sagt das Tagebuch:

»Herr Eck hatte große Ursache mit dem Orchester zufrieden zu sein, da seine Konzerte vortrefflich akkompagniert wurden, nicht ganz so gut die Arien der Demoiselle Grund, die für die blasenden Instrumente etwas schwer waren. An der Spitze dieses gut eingeübten Orchesters steht der durch seine niedlichen Kompositionen bekannte Massonneau. Man sieht es diesem Mann nicht an, wie talentvoll er ist; denn sein Anstand beim Spiel und sein Bogenstrich und sein Anzug sind so schlecht und geschmacklos, daß man ihn für den größten Stümper halten möchte –, und doch dirigiert er gar nicht übel. Obgleich Herr Eck sein erstes Konzert nicht ganz so gut spielte, wie ich es zu Haus von ihm gehört habe, so[17] erhielt er doch allgemeinen Beifall. Dlle. Grund sang eine Arie von Righini und im 2ten Teile eine aus der Schöpfung, beide ganz vortrefflich. Auch Herr Dussek, der zu Anfang des 2ten Teils spielte, gefiel mir dieses Mal außerordentlich, da er nicht nur eines seiner hübschesten Konzerte gewählt hatte, sondern auch mit mehr Delikatesse und Deutlichkeit wie bisher spielte. Hrn. Ecks zweites Konzert, welches er bei weitem besser als das erste vortrug, entzückte alle Zuhörer und entlockte ihnen unzählige Bravos. Überhaupt verließen die Leute den Konzertsaal höchst zufrieden.«

Unser Aufenthalt in Hamburg dehnte sich bis zum 6. Juni aus. Herr Dussek, dem die Anordnung des Konzertes bei einem Feste, welches die in Hamburg wohnenden Engländer zu Ehren ihres Königs für den 4. Juni veranstalteten, aufgetragen war, engagierte Herrn Eck zum Vortrag eines Violinkonzertes und sicherte ihm ein bedeutendes Honorar zu als Entschädigung für den verlängerten Aufenthalt. Erst bei der Probe, die am 3. Juni abends neun Uhr stattfand, entdeckte Herr Eck, daß das Konzert im Freien gegeben werden sollte, wovon früher nie die Rede gewesen war. Man hatte eine Bude von Leinwand aufgeschlagen und in dieser das Orchester, wohl hundert Mann stark, terrassenförmig aufgestellt. »Unter den Sängern (sagt das Tagebuch) sind sehr ausgezeichnete, z.B. Dlle. Grund, Hr. und Madame Miarteni und andre mehr. Zuerst probierte Herr Dussek, dem die Leitung des Ganzen übertragen ist, eine von ihm für dieses Fest komponierte Kantate, die auf mich eine außerordentliche Wirkung machte, da sie nicht allein gut geschrieben und vortrefflich einstudiert war, sondern auch durch die Mitwirkung einer großen Orgel, die im Hintergrund des Orchesters aufgestellt ist, und durch die Exekution in stiller Nacht etwas so Feierliches bekam, daß man ganz hingerissen wurde.«

Nach der Kantate sollte nun Herr Eck sein Konzert probieren. Dieser hatte jedoch, besorgt, daß die feuchte Nachtluft ungünstig auf seine Saiten einwirken und seine Geige nach so kräftig besetzter Vokalmusik und zwischen den Leinwandwänden eingeengt schlecht klingen werde, den Entschluß gefaßt, gar nicht zu spielen. Er erklärte dieses und machte zugleich Herrn Dussek heftige Vorwürfe, ihm nicht gleich gesagt zu haben, daß das Konzert im Freien stattfinden sollte. Es entspann sich darüber ein scharfer Wortwechsel, der zur Folge hatte, daß Eck mit mir sogleich das Lokal verließ und wir auch dem Feste selbst nicht beiwohnten, was von mir im Tagebuch sehr beklagt wird, da außer dem Konzert auch noch ein großes Feuerwerk und Erleuchtung des Gartens[18] zu dem Fest gehörten. Ein Anspruch auf Entschädigung für den verlängerten Aufenthalt in Hamburg, den Eck am andern Tage stellte, wurde zurückgewiesen, und er leitete daher vor der Abreise eine gerichtliche Klage gegen Dussek ein, von deren Resultat aber, wenigstens solange ich bei Eck war, nichts kundgeworden ist.

Die Reise ging nun zunächst nach Ludwigslust, wo Eck bei Hofe gehört zu werden hoffte, was jedoch abgelehnt wurde. Auch nach Strelitz, wohin er Empfehlungsbriefe an den herzoglichen Hof hatte, kam er zu ungelegener Zeit, da der Hof abwesend war. Da dieser aber bald zurückerwartet wurde und das freundliche Städtchen mit seinem reizenden Schloßgarten und dem daran grenzenden See zu längerm Aufenthalte einlud und Eck bedachte, daß er mitten im Sommer auch in Stettin, Danzig und Königsberg keine guten Geschäfte machen könne, so entschloß er sich, die Rückkehr des Hofes abzuwarten. Wir suchten daher eine Privatwohnung und richteten uns für einige Zeit häuslich ein.

Dies war für meine Studien die günstigste Periode der ganzen Reise. Eck, der ganz ohne Beschäftigung war, widmete sich nun dem Unterrichte seines Schülers mit großem Eifer und lehrte ihn alle Geheimnisse seiner Virtuosität. Ich meinerseits, von jugendlichem Ehrgeiz getrieben, war unermüdlich. Ich stand sehr früh auf und übte mein Instrument so lange, bis mich Ermüdung aufzuhören zwang. Doch nach kurzer Rast begann ich von neuem und brachte es auf solche Weise an manchem Tage bis zu zehn Stunden Übung, die Zeit mit eingerechnet, in welcher Eck mich unterrichtete. Man hatte mir von Braunschweig geschrieben, daß die Mißgünstigen unter meinen Kollegen laut geäußert hätten, ich würde mich wohl ebensowenig auszeichnen wie alle andern jungen Leute, die der Herzog bisher bei ihren Studien unterstützt habe. Diese Vermutung zu Schanden zu machen, war ich das Äußerste aufzubieten entschlossen, und wenn daher auch zuweilen der Eifer ermatten wollte, der Gedanke an mein erstes Auftreten in Braunschweig nach meiner Rückkehr belebte mich gleich wieder zu neuer Anstrengung. So gelang es mir, binnen kurzer Zeit eine solche Gewandtheit und Sicherheit in der Technik meines Instrumentes zu erwerben, daß mir von der damals bekannten Konzertmusik nichts mehr zu schwer war. Bei solchen anstrengenden Studien wurde ich durch kräftige Gesundheit und durch einen herkulischen Körperbau unterstützt.

In den Zwischenpausen, die das Üben des Instrumentes übrigließ, wurde komponiert, gemalt, geschrieben und gelesen und der spätere Nachmittag dann zu Ausflügen in die Umgegend verwandt. Ein Lieblingsvergnügen[19] der Reisenden war es, quer über den See zu schiffen und in einer jenseits gelegenen Meierei das Abendbrot einzunehmen. Ich, der ich schon damals ein geübter Schwimmer war, entkleidete mich oft auf diesen Fahrten und schwamm eine Strecke neben dem Kahne her. Mein Verhältnis zu Eck, welches mehr das zweier Kameraden zueinander als das zwischen Lehrer und Schüler war, gestattete solche Freiheiten.

In jener Zeit vollendete ich ein schon in Hamburg angefangenes Violinkonzert, welches später als op. 1 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig erschienen ist, und schrieb die drei Violinduetten, op. 3 bei Kühnel in Leipzig. Beim Einüben dieser Duetten mit Eck wurde es mir zuerst klar, daß mein Lehrer wie so viele Geiger der französischen Schule doch kein durchgebildeter Künstler war; denn so vollendet er auch seine Konzertsachen und einige andere ihm von seinem Bruder eingeübte Kompositionen vortrug, so wenig verstand er es, in den Geist fremder Sachen einzudringen, und es hätten bei diesen Duetten die Rollen füglich getauscht und vom Schüler dem Lehrer angedeutet werden können, wie sie vorzutragen seien. Auch merkte ich nun bei einem Kompositionsversuch, den Eck machte, daß dieser ohnmöglich der Komponist der Violinkonzerte und Quartetten sein könne, die er bisher für eigene Arbeiten ausgegeben hatte. Später erschienen auch die Konzerte unter dem Namen des ältern Eck und die Quartette unter dem des Kapellmeisters Danzi in Stuttgart.

So waren in Erwartung des Hofes vier Wochen höchst einförmig, aber fruchtbringend für mich verflossen, als Eck sich unwohl fühlte und einen Arzt zu Rate ziehen mußte. Die Unterredungen mit diesem waren sehr geheim, und ich konnte lange nicht ergründen, was meinem Lehrer fehle, bis der Arzt es für nötig fand, den jungen unerfahrenen Menschen vor zu naher Berührung mit dem Kranken zu warnen. Der arme Eck, der sich die Krankheit durch frühe Ausschweifungen in Paris zugezogen hatte, war schlecht kuriert worden. Sie kam daher in Strelitz und später noch einmal in Petersburg wieder zum Ausbruch und leider immer bösartiger. Was für traurige Folgen das für ihn hatte, wird später erzählt werden. Noch immer erinnere ich mich des Abscheus, mit dem ich damals zum ersten Male in meinem Leben von dieser Krankheit und ihren gräßlichen Folgen reden hörte, und wohl mag es diesem unauslöschlichen Eindruck größtenteils zuzuschreiben sein, daß ich nie einer Versuchung erlag, die mir eine ähnliche Krankheit hätte zuziehen können.

Da der Kranke während der ersten vier Wochen das Zimmer nicht verlassen durfte, so machte ich von nun an die Abendspaziergänge allein.[20] Auf diesen entspann sich wieder eine Herzensangelegenheit, die im Tagebuche sehr ausführlich und mit großem Ernst erzählt ist. Es heißt am 8. Juli:

»Heute nachmittag trieb mich die Langeweile in eine Leihbibliothek, wo ich mir den bekannten Roman von Lafontaine ›Quinctius Heymeran von Flaming‹ auswählte. Ich ging damit zur Stadt hinaus und suchte mir ein einsames und schattiges Plätzchen am See, wo ich mich lagerte und zu lesen anfing. Ich vertiefte mich sehr in die Lektüre, trauerte mit Lissow um seine Jakobine und verglich sie mit einer lebenden, mir bekannten Dame. Plötzlich hörte ich nahe Tritte, blickte auf, und vor mir standen zwei Mädchen, die eine mit blauen Augen und blonden Locken, schön wie ein Engel, und die andere schwarz von Haar und Augen, minder schön, aber doch nicht häßlich. Ich sprang auf, grüßte sie ehrerbietig und sah ihnen lange nach. Myrrha, Herrn Ecks Hund, den ich mitgenommen hatte, war ihnen gefolgt und schmeichelte der Blondgelockten unaufhörlich, so daß er mein Rufen nicht hörte. Ich folgte daher, um den Hund zu holen und womöglich der Mädchen Bekanntschaft zu machen. Die Blonde kam mir entgegen, bat um Verzeihung, daß sie den Hund zurückgehalten habe, und verlangte das Versprechen, ihn für seinen Ungehorsam nicht bestrafen zu wollen. Mit ihrer süßen Silberstimme hätte sie mir wohl größere Versprechen abdringen können; ich tat daher das Verlangte mit Vergnügen. Die Unterredung war nun begonnen; ich setzte sie fort und begleitete die Mädchen auf ihrem Spaziergange. Die Blonde lernte ich als ein sehr gebildetes und artiges Frauenzimmer kennen. Die Schwarze sprach zu wenig, um über ihre Bildung urteilen zu können. Wir kamen zuletzt an eine Wiese, die von unserm Wege durch einen breiten, zwar sehr seichten, aber für die Frauenzimmer doch zu tiefen Graben getrennt war. Da sie Lust bezeigten, die Wiese zu betreten, so erbot ich mich, sie hinüber zu tragen. Sie wollten anfangs nicht einwilligen, doch ließen sie sich endlich dazu bewegen. Ich nahm die Blonde zuerst, und unbegreifliches Vergnügen ergriff mich, als ich das schöne Mädchen so auf meinen Armen trug. Als ich mit ihr an der gefährlichsten Stelle des Grabens war, fiel mir eine ihrer blonden Locken ins Gesicht. Dies machte mich so verwirret, daß ich mit meiner schönen Last beinahe in den Graben gefallen wäre. Ich brachte sie jedoch glücklich hinüber. Sie dankte so verbindlich und sah mir mit ihren großen blauen Augen so ins Gesicht, daß ich fast vergessen hätte, die andere nachzuholen. Wir spazierten nun auf der Wiese hin und trafen zu meinem Bedauern am Ende derselben einen Steg, der uns über den Graben zurückführte. Dieser neidische Steg raubte mir das Vergnügen, die süße Bürde noch[21] einmal zu tragen. Ich begleitete die Mädchen bis an die Stadt und trennte mich dann sehr ungern von ihnen. – Ich werde mich sogleich nach Namen und Stand derselben erkundigen.«

Schon am folgenden Tage traf ich meine Schöne von neuem. Das Tagebuch erzählt dies auf naiv-komische Weise folgendermaßen:

»Heute nachmittag machte ich, Gott weiß, aus welchem Antriebe, denselben Spaziergang wie gestern und lagerte mich wieder just da, wo ich so angenehm von den Mädchen gestört wurde. Ich begann zu lesen; aber obgleich ich bei einer interessanten Stelle war, so wußte ich dennoch, nachdem ich einige Seiten durchgeblättert hatte, nicht das Geringste vom Inhalte. Ich gestand mir nun, daß ich nicht, um zu lesen, sondern in der Hoffnung, meine neue Bekanntschaft wieder anzutreffen, dorthin gegangen war. Ich steckte das Buch ein und sah mit sehnsuchtsvollen Blicken nach dem Orte, wo ich sie gestern erblickt hatte. Aber nach einem zweistündigen vergeblichen Warten stand ich verdrießlich auf und ging zur Stadt zurück. Dicht davor, wo sich zwei Wege vereinigen, stieß ich auf von der Weide heimkehrende Kühe, die den Weg versperrten und mich zum Warten nötigten. Ich hatte aber da noch nicht lange gestanden, als ich von weitem ein weißgekleidetes Frauenzimmer kommen sah, welches ganz die schöne Gestalt und den edlen Gang der so sehnlich Erwarteten hatte. Als sie näher kam, überzeugte ich mich immer mehr, daß sie es sein müsse, und ging ihr daher entgegen. Ich hatte mich nicht getäuscht, sie war es! Sie grüßte mich mit ihrer holden Freundlichkeit und erkundigte sich nach meinem Befinden. Sie erzählte mir, daß ihre Freundin sich gestern abend erkältet hätte und nun das Bett hüten müsse. Ich bezeigte ihr meine Teilnahme deswegen und befürchtete, die Ursache der Krankheit ihrer Freundin zu sein, da ich die Damen zu lange auf ihrem Spaziergange aufgehalten habe. Sie versicherte mich aber des Gegenteils und schob alle Schuld auf ihre Freundin selbst, die sich zu leicht kleide.

Währenddessen hatte sich die Herde verlaufen, und wir traten den Weg zur Stadt an. In diesem zweiten Gespräch habe ich wieder so viel feine Bildung und so zarte weibliche Delikatesse an ihr bemerkt, daß ich auf eine äußerst gute Erziehung schließen darf. – Noch immer weiß ich nicht, wer sie ist; doch bemerke ich aus ihren Reden, daß sie bürgerlichen Standes sein muß.«

Diese Begegnungen wiederholten sich nun ohne Verabredung fast jeden Abend, und ich fühlte mich sehr unglücklich, wenn ich sie einmal nicht aufgefunden hatte. Ich wurde immer vertrauter mit ihr, erzählte von[22] meinen Eltern, von meinem Beschützer, der mir die Mittel verschaffe, meinen berühmten Lehrer auf dessen Reise begleiten zu können, sprach von meinen Arbeiten und Plänen für die Zukunft und fand mich durch ihre freundliche Teilnahme immer mehr zu ihr hingezogen. Ich sah in ihr den Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheiten und glaubte, die gefunden zu haben, die mein Lebensglück begründen könne. Mehr als einmal war ich im Begriffe, wenn wir im Hölzchen am See Hand in Hand auf und ab gingen, ihr meine Liebe zu gestehen; doch eine Schüchternheit, die ich nicht zu überwinden vermochte, verhinderte mich stets daran. Sie war in bezug auf ihre Verhältnisse sehr zurückhaltend, und ich wußte daher noch immer nicht, wer sie sei. Am 24. Juli heißt es jedoch:

»Endlich weiß ich den Namen meiner Schönen; aber die Erkundigung danach ist mir teuer zu stehen gekommen! Herr Eck, der nun beinahe ganz wieder hergestellt ist und schon einige kleine Spaziergänge gemacht hat, ließ einen Friseur kommen, um sich die Haare schneiden zu lassen. Bei diesem zog ich Erkundigungen ein. Er sagte mir, sie heiße Grot und sei die Tochter eines Kammerdieners des vorigen, vor einigen Jahren gestorbenen Herzogs. Ihre Mutter, bei der sie wohne, lebe von einer kleinen Pension. Auf meine Frage, wie diese ihr so feine und geschmackvolle Kleidung geben könne, antwortete er, es möchten wohl Geschenke des Herrn von Pentz sein, der sie gern leiden möge und häufig besuche. Vor Schrecken hätte ich bei dieser Nachricht beinahe meine Geige aus den Händen fallen lassen und hatte kaum noch den Mut zu fragen, ob man etwa von ihrer Tugend zweideutig spreche? Er versicherte mich jedoch des Gegenteils und meinte, der Herr von Pentz, der erst seit zwei Monaten majorenn geworden sei, habe die Absicht sie zu heiraten. Er sei jetzt auf Reisen und werde in einigen Wochen zurückkehren. Ich lernte diesen Herrn von Pentz vor seiner Abreise im Speisehause kennen und muß gestehen, daß er mir der gesittetste der anwesenden jungen Edelleute zu sein schien. Um so weniger begreife ich aber, daß er ihr Geschenke macht und sie solche annimmt; denn sie kann sich doch wohl keine Hoffnung auf seine Hand machen! Wie dürfte sie sonst als kluges Mädchen in seiner Abwesenheit mit einem jungen Menschen einsame Spaziergänge machen und abends vor der Haustüre sitzen? Die Sache ist mir ein Rätsel, und ich bin zweifelhaft, ob ich heute abend zu ihr gehe oder nicht.«

Der Charakter des Mädchens blieb mir indessen nicht lange ein Rätsel; denn kaum war Eck, der nun die Abendspaziergänge wieder mitmachte, in ihre Bekanntschaft eingeführt, so nahm sie dessen Bewerbungen noch[23] viel freundlicher und zuvorkommender auf. Eck, galant und freigiebig, veranstaltete ihr zu Ehren Ausflüge in die Umgegend, nach Rheinsberg, Hohenzieritz und andern Punkten, und sie lohnte ihm mit der zuvorkommendsten Freundlichkeit und hatte nur noch Augen für ihn. Ich fühlte mich tief gekränkt; das Tagebuch enthält leidenschaftliche Ausbrüche von Eifersucht gegen meinen Nebenbuhler. Zum Glück blieb es bei solchen schriftlichen, und das gute Vernehmen mit dem Lehrer wurde nicht gestört. Die Verachtung, die ich nun für sie fühlte, half mir meine Leidenschaft bezwingen, und ich wandte mich mit erneuetem Eifer meinen Studien zu. Im Tagebuche heißt es:

»Die Progressen, die ich im Spielen mache, merke ich nicht besser, als wenn ich von Zeit zu Zeit Altes hervorsuche und mich dann erinnere, wie ich es früher vorgetragen habe. So nahm ich heute das Konzert vor, welches ich in Hamburg bei Herrn Eck einstudiert habe, und fand, daß mir die Passagen, die ich damals nicht ohne Anstoß spielen konnte, nun mit der größten Leichtigkeit gelingen.«

Auch ließ es der Lehrer nicht an Aufmunterung fehlen, denn unter dem 16. August findet sich im Tagebuche:

»Als ich heute früh mein neues Konzert gespielt hatte, sagte Herr Eck zu meiner großen Freude: Wenn Sie alle Vierteljahre solche Progressen machen als im letzten, so kommen Sie als ein ganzer Virtuos nach Braunschweig zurück!« – Einige Tage später den 19ten August heißt es: »Gestern war ich fast den ganzen Tag zu Haus und komponierte ein neues Adagio zu meinem Konzerte; denn obgleich ich schon drei gemacht habe, so scheint mir doch keins so recht zu den übrigen Sätzen zu passen. Das gestrige wird aber nach einiger Ausfeilung wohl zu gebrauchen sein.«

Als bezeichnend für meinen jugendlichen Künstlerstolz mag noch folgendes aus dem Tagebuche hier Platz finden:

»Man erzählte mir von einem Volksfeste, welches am 27. August, dem Geburtstage des Erbprinzen, in Hohenzieritz veranstaltet werden soll. Es sind dazu die Bauern der umliegenden Dörfer zu Tanz und Abendessen eingeladen. Auch auf dem Schlosse wird man tanzen. Auf meine Frage, woher man die vielen Musiker nehmen werde, erfuhr ich, daß die Janitscharenmusik den Bauern und die Kapelle – man denke sich mein Erstaunen – dem Hofe zum Tanze spielen werde! Ich wollte es anfangs nicht glauben, bis es mir wiederholt beteuert wurde. Aber, fragte ich, wie ist es möglich, daß der Herzog von den Mitgliedern seiner Hofkapelle so etwas verlangen kann, und daß diese so wenig Ehrgefühl und Künstlerstolz[24] besitzen, um sich dessen nicht zu weigern? Der Herzog, antwortete man mir, fühlt nicht, daß es unschicklich für seine Kapelle ist, zu Tanz zu spielen, und der größeste Teil der Mitglieder darf nicht wagen, sich seinen Befehlen zu widersetzen, da sie, wenn man sie hier abdankte, schwerlich bei einer andern Kapelle ein Unterkommen finden würden, weil sie – arme Stümper sind.«

Mir war der Aufenthalt in Strelitz nach dem unglücklichen Ausgange meiner Herzensangelegenheit unerträglich geworden, und ich sehnte mich sehr nach der Abreise. Diese verzögerte sich aber, da der Arzt Herrn Eck noch immer nicht als völlig genesen entlassen konnte, bis zu Ende Septembers. Das Unbehagliche in meiner Lage wurde noch dadurch gesteigert, daß die Freundin meiner Ungetreuen, die ich bei der ersten Begegnung »die Schwarze« genannt, mir unverkennbar ihre Neigung zuwandte, die ich aber, obgleich das Mädchen recht hübsch war, nicht erwidern konnte. Soviel es sich tun ließ, zog ich mich von der Gesellschaft zurück. Doch konnte ich aus Rücksicht gegen den Lehrer mich von den Lustpartien und Ausflügen, die dieser häufig veranstaltete, nicht ganz losmachen, und auf diesen war es dann nicht zu vermeiden, der Gefährte der Schwarzen zu sein. Es finden sich im Tagebuche naive Klagen über die Verlegenheiten, die mir ihr zärtliches Anschmiegen bereitete, und mehr wie einmal wünschte ich den Moment der Abreise herbei, der mich von solchen Versuchungen befreien werde.

Am 27. September heißt es dann: »Endlich ist der Zeitpunkt da, wo wir unsern Schönen Lebewohl sagen müssen. Sophie (so hieß die Schwarze) hatte schon seit drei Tagen eine außerordentliche Trauer affektiert oder vielleicht auch wirklich empfunden. Heute sprach sie kein Wort, seufzte nur zuweilen und warf sich, wenn die andern im Zimmer nicht hersahen, ungestüm an meinen Hals. Etwa um sieben Uhr verließen Herr Eck und Demoiselle Grot das Zimmer. Nun erfolgte erst der eigentliche Ausbruch ihrer Zärtlichkeit; denn nachdem sie auch ihre Geschwister fortgeschickt hatte, ließ sie mich kaum mehr aus ihren Armen. Bis 10 Uhr mußte ich aushalten; dann nahm ich Abschied. Das arme Mädchen vergoß so viel Tränen, daß ich mich ernstlich meiner trockenen Augen schämte und sie, um nicht ganz gefühllos zu scheinen, zuletzt herzlich küßte. Sie begleitete mich bis an die Haustür und drückte mir noch ein Papier in die Hand mit der Bitte, es ihr zum Andenken aufzuheben. Ich eilte zu Haus, öffnete es und fand einen Brief und einen goldnen, mit Haaren durchflochtenen Ring. Der Inhalt des Briefes war folgender: ›Sie, edler Freund, verzeihen einem Mädchen, deren Zudringlichkeit Ihnen gewiß schon auffallend[25] gewesen sein muß. Ich wußte, daß ich zuweilen mehr tat, wie sich für mein Geschlecht schickt. Aber Gott weiß es, daß ich in Ihrer Gesellschaft, die mir so sehr wert war, nie über mich herrschen konnte. Auch jetzt dränge ich Ihnen noch ein kleines Andenken auf, das zwar sehr gering ist, aber mit dem aufrichtigsten Herzen gegeben wird. Mein einziger Wunsch und Bitte ist, daß Sie selbiges tragen und sich dabei meiner erinnern wollen. – Könnte Ihnen doch dieses Papier sagen, wie sehr ich es schätze, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, und wie unendlich ich es bedauere, daß Sie sich so weit von uns entfernen! Ich muß schließen und in der festen Hoffnung, Sie, bester Freund, einst wieder zu sehn, freue ich mich schon jetzt auf den Tag, der Sie uns wiedergeben wird. Leben Sie wohl, so wohl und glücklich, wie es wünscht Ihre Freundin Sophie Ehrick.‹«

Diese unverdiente zärtliche Zuneigung blieb wohl nicht ohne dankbare Anerkennung; denn es wird im Tagebuche der Vorsatz ausgesprochen, den Brief von Stettin aus recht freundlich beantworten zu wollen. Allein mit Beschämung über meinen damaligen Leichtsinn muß ich gestehen, von der Ausführung dieses Vorhabens nichts im Verfolg des Tagebuchs aufgefunden zu haben. Kaum möchte es mir zur Entschuldigung dienen können, daß ich nur höchst ungern an Strelitz und das dort Erlebte zurückdachte.

Eck, dessen Aussicht, in Strelitz bei Hof gehört zu werden, dadurch vereitelt wurde, daß dieser sogleich nach seiner Rückkehr nach Hohenzieritz aufs Land ging, hoffte nun mit Zuversicht, ein Konzert in Stettin veranstalten zu können. Er gab daher seine Empfehlungsbriefe ab; es wurde ihm aber so allgemein abgeraten, daß er sogleich die Weiterreise nach Danzig beschloß. Es findet sich daher im Tagebuch aus Stettin nur eines Besuchs im Theater erwähnt, wo es heißt: »Man gab zwei kleine Opern ›Das Haus ist zu verkaufen‹ und ›Die beiden Savoyarden‹. Das Theater ist klein und unansehnlich, die Dekorationen sind höchst mittelmäßig gemalt, und die Sänger, soweit man sie in den heutigen Stücken beurteilen konnte, auch nicht sonderlich. Das Orchester ist schwach besetzt und, obgleich nicht ganz schlecht, doch schlechter wie das Hamburger. Wir fanden unter den Sängerinnen eine alte Bekannte aus Hamburg, Madame Koch oder, wie sie sich jetzt nennt, Madame Toskani, mit der wir dort in einem Hause wohnten. Bald nach unsrer Abreise hat sie ihren Mann heimlich verlassen und ist mit einem andern Schauspieler durchgegangen. Sie soll sich in Dobberan, einem Bade bei Schwerin, für eine russische Gräfin ausgegeben haben,[26] der die Wechsel ausgeblieben seien. Die Herzogin soll ihr 10 Louisdor geschenkt haben mit dem Bedeuten, das Bad je eher je lieber zu verlassen. Nun ist sie mit ihrem zweiten Manne nach Stettin gekommen und hat hier als erste Sängerin ein vorteilhaftes Engagement gefunden. Herr Koch, den ihre Flucht in Verzweiflung gesetzt hat, wird gewiß bald ihren Aufenthalt erfahren, ihr nachreisen und seine ältern Rechte auf sie geltend machen. Dann wird es sonderbare Händel geben!« Aus dem Reiseberichte bis Danzig möge folgendes Bruchstück hier Platz finden: »Hinter Köslin wird die Gegend bergig und waldig. Unser Postillon erzählte uns, daß ehemals eine furchtbare Räuberbande dort gehauset habe, von deren Schätzen die Stadt Köslin erbauet sei. Er zeigte uns die Stelle, wo die Höhle der Räuber war, die jetzt eingesunken ist und eine bedeutende Vertiefung auf dem Berge zurückgelassen hat. Der Kampf mit der Bande, die beritten war, soll ein höchst blutiger gewesen sein. Man fand im Innern der Höhle viele Pferde und anderes Vieh, in der Schatzkammer viel Geld und geraubte Kostbarkeiten und alle Räume auf das Prächtigste möbliert. Auch ein Horn von ungewöhnlicher Größe, unten und oben mit Silber beschlagen, fand sich vor, welches noch jetzt auf dem Rathause aufbewahrt wird. Noch hat man nicht entdecken können, aus welchem Stoffe dies Horn gemacht ist.«

In Danzig, wo die Reisenden am 3. Oktober ankamen, hatte Eck eine große Menge Empfehlungsbriefe abzugeben und dann sein Konzert zu arrangieren. Dadurch kam der Unterricht, der bisher sehr regelmäßig stattgefunden hatte, ein wenig ins Stocken. Ich beklage mich im Tagebuch darüber, meine jedoch, daß es mich auch schon fördere, wenn ich nur Herrn Eck üben höre. Die Reisenden wurden häufig zu Mittag und zu Abend eingeladen, und das Tagebuch erzählt viel von dem Luxus und der Pracht, die damals in den Häusern der dortigen reichen Kaufleute herrschte. Von einer Einladung nach dem Landgute des Herrn Sauermann erzählt es:

»Wir wurden in der Equipage unseres Herrn Wirts abgeholt. Mit uns fuhren ein junger Engländer, der in Deutschland reiset, um seine Finanzen wieder in Ordnung zu bringen, und Herr Stiemer, ein geschickter Klavierspieler, der in den Häusern der hiesigen angesehenen Kaufleute sehr gelitten ist. Wir fanden die Gesellschaft bereits versammelt und setzten uns bald zu Tische. Das Diner war äußerst prächtig und kostbar. Es brachte Delikatessen aller Zonen und Gemüse und Früchte aller Jahreszeiten. Nach Tische führte uns Herr Sauermann in seinem Garten umher. Dieser ist sehr groß und im englischen Geschmack[27] angelegt. Vor dem Hause sprudeln zwischen hohen Orangen- und Zitronenbäumen eine Menge Fontänen, die eine besondere Zierde des Gartens sind. Hinter dem Hause befindet sich ein Hügel, von dem man die Ostsee und einen großen Teil der Stadt übersehen kann. Der Anblick der See und der vielen darauf befindlichen Schiffe machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich. Da der Tag etwas trübe war, so schienen letztere in den Wolken zu hängen und sich mit diesen langsam fortzubewegen. Ich konnte mich nur mit Mühe von dem prächtigen Anblick losreißen. Das Landgut des Herrn Sauermann liegt ganz nahe bei dem Kloster Oliva in einer sehr reizenden Gegend.«

Bei einem andern Diner im Garten des Herrn Simpson wurde mir die Ehre zuteil, neben der Frau von Hause zu sitzen. Ich nenne sie im Tagebuch »ein sehr gebildetes, kluges, ich möchte sagen, gelehrtes Frauenzimmer«, und die Unterredung, die ich mit ihr hatte, füllt mehrere Blätter desselben. Sie veranlaßte mich durch teilnehmende Erkundigungen, ihr vieles aus meiner Jugendzeit zu erzählen, wie ich anfangs für das Studium der Medizin bestimmt gewesen, dann aber durch leidenschaftliche Hinneigung zur Musik veranlaßt worden sei, mich ganz der Kunst zu widmen, wie ich durch meine Leistungen die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen meines erhabenen Beschützers gewonnen und dadurch das Glück erreicht habe, Schüler des berühmtesten der jetzt lebenden Geiger zu werden. Sie hatte mir mit wohlwollender Teilnahme zugehört, kränkte mich aber zum Schluß durch die hingeworfene Frage, ob ich nicht doch besser getan haben würde, dem Berufe des Vaters zu folgen, und verhehlte nicht, daß sie den des Arztes weit über den des Künstlers stelle. Ganz durchdrungen von der Würde meiner Künstlerlaufbahn antwortete ich entrüstet: »So hoch der Geist über dem Körper steht, so hoch steht auch der, welcher sich der Veredlung des Geistes widmet, über dem, der nur den vergänglichen Körper pflegt.« Lächelnd über meinen jugendlichen Eifer gab sie mir recht, und der Friede war hergestellt.

Das Theater besuchte ich fast jedesmal, wenn eine Oper gegeben wurde. Das Tagebuch enthält dann immer eine Kritik des Werkes und der Leistung. Sänger, Chor und Orchester werden immer scharf mitgenommen, aber sehr überrascht und befriedigt äußere ich mich über die Schönheit des Hauses: »Es ist erst vor wenigen Jahren erbauet und in der Tat das schönste, was ich bisher sah. Es bildet ein Oval, wovon die eine Hälfte zum Parterre, die andere zur Bühne genommen ist. Außer dem Parterre hat es zwei Logenreihen und die Galerie. Die Bühne ist[28] ziemlich groß und kann von jedem Platze gut übersehen werden. Die Dekorationen sind größtenteils vortrefflich gemalt, und die Maschinerie ist schnell und geräuschlos.« Zu meiner großen Freude ward auch »Ariadne auf Naxos«, das berühmte Melodrama von Benda, gegeben, was ich noch nicht kannte. Es beleidigte aber meinen Geschmackssinn, daß in dem darauffolgenden Lustspiel »Die Bauern und Advokaten« der Theseus, »der vorher mit den Griechen fortzog, nun sich in einen Advokaten verwandelt, und die Ariadne, die der Sturm ins Meer schleuderte, als naives Bauernmädchen ein neues Leben beginnt. Die Musik der Ariadne, die ich heute zum erstenmal hörte, entzückte mich, obgleich sie sehr schlecht exekutiert wurde. Wie konnte es aber auch anders sein, da die Partitur erst heute morgen von Königsberg angekommen und heute mittag die erste und einzige Probe war?! Madame Bachmann, die die Ariadne gab, deklamierte sehr gut, aber sie ist zu häßlich für diese Rolle. Der junge Engländer, der neben mir saß, meinte, es sei dem Theseus nicht übel zu nehmen, daß er eine solche Ariadne verlasse. Er erzählte mir bei dieser Gelegenheit folgende Anekdote: ›Auf einem Liebhabertheater in England gab man ebenfalls die Ariadne. Eine schon etwas bejahrte und nichts weniger als schöne Dame spielte die Rolle der Ariadne so vortrefflich, daß die Gesellschaft nach geendetem Stücke in die größten Lobsprüche ausbrach. Bescheiden lehnte sie diese ab und sagte: »Um die Ariadne befriedigend darstellen zu können, muß man auch jung und schön sein.« Ein junger Stutzer, der ihr auch gern etwas Schönes sagen wollte, antwortete: »O Madame, Sie beweisen uns das Gegenteil!«‹«

Das Konzert des Herrn Eck am 16. Oktober im Schauspielhause fiel sehr glänzend aus. Da ich die Konzertsachen, die mein Lehrer vortrug, sehr genau kannte, übernahm ich die Leitung derselben an der ersten Violine. Die Musiker, die bald erkannten, wie sicher der junge Dirigent war, folgten mir willig, und es wurde dadurch dem Solospieler sein Vortrag sehr erleichtert, was dieser auch dankbar anerkannte. Außer den drei Vorträgen des Herrn Eck gab das Konzert noch eine Sinfonie von Haydn, eine Ouvertüre von Mozart, ein Pianoforte-Konzert von Danzi, gespielt von Herrn Reichel, und zwei Arien von Cimarosa und Mozart, gesungen von Dlle. Wotruba und Herrn Ciliax. »Der Beifall nach den Vorträgen des Herrn Eck war ein sehr enthusiastischer und wollte gar nicht enden. Ich hörte ihn aber auch noch nie so gut öffentlich spielen. Auch Dlle. Wotruba erhielt heute vielen Beifall, weil ihre Bravourarie fast immer in der Höhe lag, die sie sehr schön hat, und selten in die Mitteltöne herabstieg, die bei ihr übelklingend sind.[29] Die Arie von Mozart, welche Herr Ciliax vortrug, war mir noch unbekannt. Sie ist mit obligatem Pianoforte und hinreißend schön. Herr Reichel spielte dieses wie sein Konzert sehr gut.«

Am 19. Oktober heißt es: »Da wir morgen abreisen werden, so machte Herr Eck heute seine Abschiedsbesuche. Ich begleitete ihn zu Herrn Ciliax, da ich gern dessen schöne Frau einmal wiedersehen wollte. Aber wie erstaunte ich, auch nicht die geringste Spur ihrer ehemaligen, alles bezaubernden Schönheit wiederzufinden! Zwar besitzt sie noch die Grazie ihrer Bewegungen, die ihr vor drei Jahren, als ich sie zum erstenmal in Braunschweig sah, alle Herzen gewann, aber ihre Körperschönheit ist auf ewig dahin. Die sonst so rosigen Lippen sind jetzt blau und aufgesprungen, die glänzenden, feurigen Augen matt und trübe und von aschgrauen Ringen umschlossen, die ehemals so blendend weiße Haut ist jetzt gelb und das süße Lächeln, mit dem sie den Traurigsten aufzuheitern vermochte, hat sich in einen düstern, melancholischen Zug verwandelt! Womit mag sie sich solch trauriges Geschick zugezogen haben? Vermutlich durch Ausschweifungen, die sie nun bedauern wird!«

In Königsberg verweilten die Reisenden 4 Wochen bis zum 18. November. Herr Eck gab dort zwei Konzerte, die sehr besucht waren. Durch die Empfehlungsbriefe des Herrn Eck in viele der ersten Häuser eingeführt, wurden wir häufig sowohl zu Gastereien wie auch zu Musikpartien eingeladen. Das Tagebuch erwähnt besonders dreier Häuser, wo ich mir sehr gefallen zu haben scheine. Es waren die des General-Chirurgus Gerlach und der Kaufleute Diez und Friedländer. Dlle. Gerlach, die ich »eine durch und durch musikalisch gebildete Dilettantin und vortreffliche Klavierspielerin« nenne, musizierte häufig mit mir und sang mir auch meine neuen Lieder. Ob diese irgendeinen Kunstwert hatten, ist nicht mehr zu ermitteln, da sie ganz verlorengegangen sind. Mit zwei Herren Friedländer, von denen der eine Geiger, der andere Violoncellist war, spielte ich einige Male Quartetten und lobte sie als gute Begleiter. Diese Quartettpartien waren es aber nicht allein, was mich in deren Haus zog. Dlle. Rebekka Oppenheim, die jüngere Schwester der Madame Friedländer, hatte mein leicht entzündliches Herz einmal wieder in helle Flammen gesetzt, und das Tagebuch ergießt sich nun von neuem in lauter Superlativen über ihre Schönheit, ihren Witz und ihr gutes Herz. Charakteristisch dabei ist, daß der damals allgemeine Widerwille gegen die Juden, der auch mir anerzogen war, dieser Neigung nicht abkühlend in den Weg trat; aber er scheint bei mir nicht tief gewurzelt zu haben, denn es heißt schon nach der ersten Bekanntschaft[30] in diesem Hause: »Die Gesellschaft bestand fast nur aus Juden, aber ich muß gestehen, es waren sämtlich artige und gebildete Leute.« Am Tage, wo ich Abschied nahm, heißt es: »Ich traf Madame Friedländer und Dlle. Rebekka allein. Letztere sprudelte einmal wieder über von Witz und Laune, und wir hörten nicht auf zu lachen und zu scherzen, so wenig sich dies auch zu dem Geschäft paßte, weshalb ich gekommen war. Es ist ein Glück, daß wir morgen reisen; denn die Rebekka ist ein gefährliches Mädchen! Wer seine Freiheit und seine Ruhe liebt, muß sie je eher je lieber fliehen.« Noch ehe Herr Eck sein erstes Konzert gab, traf die Familie Pixis auf der Rückreise von Petersburg in Königsberg ein. Ich erneuerte sogleich die Bekanntschaft mit ihnen. »Der älteste Pixis«, so heißt es im Tagebuche, »ist, seit ich ihn nicht sah, sehr groß geworden, und seine Diskantstimme hat sich in eine tiefe Baßstimme verwandelt. Er trägt sich aber immer noch á l'enfant mit einem Kragenhemde und ohne Halstuch. Sie sind sehr unzufrieden mit ihrer Reise nach Rußland, und der Vater behauptet, in Petersburg 1000 Rubel zugesetzt zu haben, obgleich er zweihundert Empfehlungsschreiben dorthin gehabt hatte. Ich bin sehr begierig, den Geiger einmal wieder zu hören. Vielleicht ladet sie Herr Eck zum Quartett ein.«

Einige Tage später trafen wir uns in einer Musikpartie beim Grafen v. Kalnein. »Zuerst spielte der jüngste Pixis Variationen auf dem Fortepiano mit großer Fertigkeit und vielem Geschmack. Auf Herrn Ecks Bitte folgte nun der älteste mit einem Quartett von Krommer. Aber weder die Komposition noch sein Spiel wollten mir gefallen. Sein Ton ist kraftlos und sein Vortrag ohne Ausdruck. Dabei hat er eine solche schlechte Bogenführung, daß er, wenn er diese nicht ändert, nie ein vollkommener Virtuos werden kann. Er faßt den Bogen eine Handbreit vom Frosche und hebt den rechten Arm viel zu hoch. So fehlt ihm alle Kraft im Striche, und die Nuancen von piano und forte fallen bei seinem Spiele ganz weg. Nach ihm spielte Herr Eck ebenfalls ein Quartett von Krommer. Aber Himmel, was war das für ein Unterschied. Die Abwechselung von Stärke und Schwäche in seinen Tönen, die Deutlichkeit der Passagen, die geschmackvollen Verzierungen, womit er selbst die unbedeutendsten Kompositionen zu heben weiß, verleihen seinem Spiel einen unwiderstehlichen Reiz. Er erhielt aber auch den ungeteiltesten Beifall. Pixis spielte noch ein Quartett von Tietz, dem berühmten, verrückten Geiger zu Petersburg, machte aber ebensowenig Glück damit. Zuletzt bat er Herrn Eck, mit ihm ein Duett von Viotti zu spielen, damit er doch sagen könne, er habe mit allen großen Geigern[31] der Zeit gespielt; denn Viotti, Rode, Kreutzer, Giornovicchi, Tietz, Durand und andre hätten ihm bereits diese Ehre erzeigt. In diese Bitte stimmte die ganze Gesellschaft mit ein, und Herr Eck mußte nachgeben. Dieses Duett spielte Pixis noch am besten, obgleich er nicht eine Passage so gut herausbrachte wie Herr Eck, der doch gar nicht auf dieses Duett vorbereitet war.«

Vom Konzerte der Pixis heißt es: »Zuerst spielte der Jüngste ein Konzert von Mozart mit Präzision und Geschmack. Es wurde ihm aber leider sehr schlecht akkompagniert. Dann trat der älteste mit dem Konzert in A # von Rode auf, und es mochte ihm wohl das Herz nicht wenig klopfen, als er da stand, wo 8 Tage vorher einer der größesten Virtuosen sich hören ließ. Sein Spiel war aber in jedem Betracht so schlecht, daß es unmöglich Beifall erhalten konnte. Die Passagen waren undeutlich, der Gesang matt und ohne Ausdruck, ja er griff sogar oft sehr falsch und kratzte zuweilen, daß den Zuhörern die Ohren wehtaten. – Nachdem im zweiten Teile der jüngste Pixis wieder sehr gut und mit vielem Beifall Variationen gespielt und Herr Weiß, ein hiesiger Sänger, eine italienische Arie nicht übel gesungen hatte, spielte der älteste noch das Konzert in Db von Fränzl, aber fast noch schlechter als das erste. Nach dem einstimmigen Urteil der Musikkenner hat der älteste Pixis in Rußland mehr verlernt als erlernt. Meiner Meinung nach spielte er vor 3 Jahren, als ich ihn in Braunschweig zum erstenmal hörte, seine damaligen leichten Konzerte von Giornovicchi und andern besser wie die schweren, womit er sich heute produzierte. Es wird nie ein großer Geiger aus ihm werden, wenn er nicht bald einen guten Lehrer bekommt, der ihn vor allem einen bessern Strich lehrt. Sein Spiel als das eines nun erwachsenen 17jährigen Menschen kann so nicht länger gefallen.« Auf dieses, sicher viel zu harte Urteil wird wohl der Lehrer eingewirkt haben, der ein sehr strenger Richter war. Pixis hatte sich, als ich ihn zehn Jahre später in Wien wieder traf, zu einem ausgezeichneten Virtuosen herangebildet und bewährte sich auch als Professor am Konservatorium in Prag als tüchtiger Lehrer des Violinspiels.

Das Tagebuch erzählt auch in jener Zeit von Fortschritten im Malen. Ich lernte in Königsberg einen Miniaturmaler namens Seidel kennen, der mir einigen Unterricht gab. Ich malte den Herrn Seidel unter dessen Anleitung und lernte so manche technischen Kunstgriffe kennen, die mir bis dahin unbekannt gewesen waren. Das Bild wurde sehr ähnlich, und ich spreche im Tagebuche die Hoffnung aus, »daß ich nun bei[32] meinen künftigen Bildern die Ähnlichkeit nicht mehr verfehlen werde.« Auch vom Komponieren ist die Rede, doch wird nicht gesagt, was es war. Vielleicht jene verlorengegangenen Lieder, die Dlle. Gerlach sang. Aus einer Notiz, wo es heißt »ich war auch heute wieder mit der Ausfeilung meines Konzerts beschäftigt, und das erste Allegro wird bedeutende Veränderungen erleiden«, geht hervor, daß ich damals noch nicht verstand, in einem Guß zu arbeiten, was mir später so gut gelang, daß die Entwürfe nur selten kleine Abänderungen erlitten, das einmal in Partitur Geschriebene aber nie mehr abgeändert wurde.

Von der Reise nach Memel heißt es: »Wir wählten den Weg am Strande, weil er zwölf Meilen näher ist als der andre durchs Land. Auch läßt er sich im Winter, wo der Sand fest gefroren ist, besser wie jener fahren. Drei Meilen von Königsberg kommt man dicht an die See und bleibt bis Memel daran. Wir fuhren die ganze Nacht durch und litten sehr von der kalten und schneidenden Seeluft. Zwischen der vierten und fünften Station hatten wir das Unglück, daß uns ein Rad ablief, weil der Vorstecker verlorengegangen war. Nun mußten wir gar den Wagen verlassen, ihn mit vereinter Kraft wieder aufrichten, das Rad anstecken und mit Stricken, die der Postillon glücklicherweise bei sich hatte, notdürftig befestigen. Dies alles hatte wohl eine halbe Stunde gedauert, und ich fürchtete, die Finger erfroren zu haben, was sich jedoch zum Glück als unbegründet erwies. Auf der Station fanden wir einen Schmied, der den Wagen zur Weiterreise wieder in den Stand setzte. Um 9 Uhr kamen wir vor Memel an, mußten aber drei volle Stunden warten, bis wir über den Hafen gesetzt wurden, weil die Fährleute erst aus allen Teilen der Stadt zusammen gesucht werden mußten.« – Vier Meilen weiter erreicht man die Grenze, wo die beiden Adler friedlich gegeneinander überstehen. Neben dem russischen standen zwei Kosaken mit langen Piken, die ein wildes Aussehen hatten. Unsere Koffer wurden sehr scharf durchsucht, und es dauerte lange, bis man uns weiter ziehen ließ.

Zu dreien hatten wir die russische Grenze passiert, zu einem vollen Dutzend angewachsen kamen wir aber in Mitau an. Myrrha war, ohne daß wir es bemerkt hatten, mit neun Jungen niedergekommen, sechs lebenden und drei toten. »Bis auf zwei wurden sie aber der armen Mutter genommen.«

In Mitau fanden wir in den Häusern, an welche Herr Eck adressiert war, die gastfreundlichste Aufnahme. Man lud uns mittags und abends[33] zu Musikpartien und Bällen ein und bot alles auf, uns den Aufenthalt angenehm zu machen. Nach dem Tagebuch waren es hauptsächlich die Häuser des Gouverneurs, des Herrn von Prelief, eines Herrn von Korff, vormals russischen Generals, und des Kollegienassessors von Berner, wo ich mir besonders gefiel. Bei letzterem ließ ich mich zum ersten Male neben meinem Lehrer und in dessen Gegenwart hören. Herr Eck wurde nämlich, da er einige Quartetten mit großem Beifall gespielt hatte, aufgefordert, einer jungen Klavierspielerin von sechzehn Jahren, Demoiselle Brandt, die eine bewunderungswürdige Fertigkeit besaß, eine Sonate von Beethoven zu begleiten, entschuldigte sich aber mit zu großer Müdigkeit. Da ich wohl wußte, daß es Eck nicht wagen durfte, etwas Unbekanntes a vista zu spielen, so erbot ich mich statt seiner dazu. Zwar war auch mir die Sonate unbekannt, ich vertraute aber meiner Fertigkeit im Lesen. Es glückte, und der junge Künstler, dem man wahrscheinlich nicht viel zugetraut hatte, wurde mit Lobsprüchen überhäuft.

Man forderte mich in den spätern Musikpartien nun jedesmal auf, auch etwas zu spielen, und ich erinnere mich noch, daß mir Herr von Berner bei der Abreise mit väterlichem Wohlwollen sagte: »Mein junger Freund, Sie sind auf gutem Wege, fahren Sie nur so fort! Herr Eck steht wohl als Virtuos noch über Ihnen, Sie sind aber ein viel besserer Musiker als er.«

Im Hause des Herrn Gouverneurs hörte ich auch einen damals in Rußland sehr berühmten Geiger namens Sogeneff, einen Leibeigenen des Fürsten Zubow. »Er spielte Variationen eigener Komposition, die ungeheuer schwer waren. Die Komposition gefiel mir recht gut, sein Spiel aber war, obgleich fertig, doch sehr rauh und dem Ohr widrig. Herr Eck spielte gleich nach ihm, und man konnte daher den Unterschied zwischen beider Spiel recht deutlich hören. Des Russen Spiel war wild, rauh und ohne Abwechselung zwischen Stärke und Schwäche; des Herrn Eck Spiel aber gesetzt, kraftvoll und doch immer wohlklingend.«

Auch russische Militärsänger hörten wir dort. »Es waren sechzehn gemeine Soldaten, von denen einige Diskant sangen. Sie schrien fürchterlich, so daß man sich hätte die Ohren zuhalten mögen. Die Gesänge werden ihnen von einem Unteroffizier mit dem Prügel einstudiert. Bei einigen begleiteten sie sich mit einer Art von Schalmei, die einen solchen penetranten Ton hatte, daß ich fürchtete, die Damen würden in Ohnmacht fallen. Die Melodien der Lieder waren nicht übel, wurden aber mit lauter falschen Harmonien begleitet.«[34]

Von einer Klubgesellschaft im Hause, wo wir wohnten, sagt das Tagebuch: »Die Gesellschaft war sehr zahlreich, und unter den vielen schönen Damen zeichneten sich die Töchter des Herrn von Bienemann besonders vorteilhaft aus. Ich wurde zu einer Spielpartie mit drei Exzellenzen eingeladen, mußte diese hohe Ehre aber teuer bezahlen; denn ich verlor über drei Taler in wenigen Stunden. Herr Eck gab im Saale der Akademie ein sehr besuchtes Konzert. Das Orchester fanden wir sehr schlecht, doch ging es zur Not. Der Saal ist ziemlich groß und für Musik sehr vorteilhaft. Herrn Ecks Spiel gefiel außerordentlich; auch die Sonate, die Dlle. Brandt vortrug, erhielt den verdienten Beifall.«

Die Abreise nach Riga verzögerte sich bis zum 2. Dezember, weil Herr Eck von neuem unwohl wurde. Die Abende verbrachte ich abwechselnd in den Häusern der Herren von Berner und von Korff und musizierte fleißig mit Demoiselle Brandt. Der ganze Sonatenvorrat mit Violinbegleitung wurde durchgespielt, und ich lernte viele mir noch unbekannte Meisterwerke von Mozart und Beethoven kennen. Nach Tische wurde dann noch ein Stündchen geplaudert, oder Fr. v. Korff spielte mit mir Schach, was ich von Kindheit an leidenschaftlich liebte.

Herr von Berner, der mich besonders liebgewonnen hatte, lud mich ein, auf der Rückreise von Petersburg einige Monate bei ihm auf dem Lande zuzubringen und dann um Johannis, wo sich der ganze kurländische Adel in Mitau versammele, einige Konzerte zu geben. Mit großer Genugtuung hörte ich, daß man mich für weit genug fortgeschritten halte, um öffentlich als Virtuos auftreten zu können. Mit Freuden gab ich meine Zusage.

Befremdend ist es, daß das Tagebuch der Kinder des Herrn von Berner gar nicht erwähnt; denn eine Tochter, die später Schülerin Rodes wurde und sich als Violinspielerin auszeichnete, muß doch damals schon ziemlich erwachsen gewesen sein.

Endlich schlug die Stunde des Abschieds, und ich trennte mich mit gerührtem und dankbarem Herzen von den Familien, die mich so wohlwollend bei sich aufgenommen hatten.

In Riga fand ich einen Brief vom Hofmarschall von Münchhausen aus Braunschweig, der mir viele Freude machte. Ich hatte meinen Gönner um die Erlaubnis gebeten, ihm mein neues Konzert als erstes der gestochenen Werke dedizieren zu dürfen, und der Brief brachte die Gewährung dieser Bitte. Voller Ungeduld, mein Werk erscheinen zu sehen, bat ich Herrn Eck, an die Herren Breitkopf und Härtel in Leipzig, mit denen er in Verbindung stand, zu schreiben und ihnen den Verlag[35] des Konzertes anzutragen. Die Antwort erfolgte bald, war aber für mich sehr entmutigend. Zum Trost für junge Komponisten, die für ihre Erstlingswerke keinen Verleger finden können, mögen die Bedingungen, unter welchen die genannte Handlung den Verlag zu übernehmen sich bereit erklärte, hier Platz finden. Ich selbst hatte auf jedes Honorar verzichtet und mir nur einige Freiexemplare ausbedungen. Die Handlung verlangte aber, ich solle ihr hundert Exemplare zum halben Ladenpreise abkaufen! – Anfangs sträubte sich mein jugendlicher Künstlerstolz gegen solche, wie es mir schien, schimpfliche Bedingungen. Doch der Wunsch, die Herausgabe des Konzertes so beeilt zu sehen, daß ich es bei der Rückkehr nach Braunschweig dem Herzog gestochen überreichen könne, und die Hoffnung, daß dieser mir ein Geschenk für die Dedikation machen werde, welches zum Ankauf der 100 Exemplare zu verwenden sein würde, halfen mir, diese Empfindlichkeit niederzukämpfen und die Bedingungen einzugehen. Das Konzert wurde auch zur bestimmten Zeit fertig und lag, als ich zurückkehrte, bereits bei einem Kaufmanne in Braunschweig in einem Ballen mit 100 Exemplaren deponiert, wurde mir jedoch nicht eher verabfolgt, bis die Summe für den Ankauf der Exemplare entrichtet war.

In Riga bekam Eck Händel mit der Konzertgesellschaft der dortigen Dilettanten. Diese, im Besitz des Konzertsaales, verlangte von ihm wie von allen fremden Künstlern, daß er zuerst in ihrem Konzerte auftreten solle, wofür sie ihm dann ihr Lokal und ihr Orchester zum eigenen Konzerte bewilligen würde. Herr Eck weigerte sich, diese Bedingungen einzugehen, und wollte lieber ganz auf ein Konzert in Riga verzichten. Dies machte sie nachgiebiger; sie erklärten sich nun zufrieden, wenn er auch erst nach seinem Konzert bei ihnen spiele. Er sagte dies unter der Bedingung zu, daß es vor der Hand verschwiegen bleibe. Man hatte ihm nämlich gesagt, daß die Abonnenten der Dilettantenkonzerte, wenn sie sicher wären, den fremden Künstler in diesen zu hören, nicht Lust hätten, ein Extrakonzert zu bezahlen. Es war aber doch nicht verschwiegen worden, und die Folge war, daß das Konzert des Herrn Eck leer blieb. Hierüber sehr aufgebracht, verlangte er nun für sein Auftreten im Dilettanten-Konzerte ein Honorar von fünfzig Dukaten als Entschädigung für den Verlust, den ihr Ausplaudern ihm verursachte. Die Herren Direktoren, ihr Unrecht einigermaßen fühlend, verstanden sich nach langem Unterhandeln endlich zu einem Honorar von dreißig Dukaten. Herr Eck beharrte aber auf seiner Forderung. Nun drohten die[36] Herren, ihn durch die Polizei zum Auftreten zwingen zu lassen. Auch wurde er wirklich vor den Polizeidirektor beschieden; es gelang aber, diesen für seine Sache zu gewinnen, und die Herren Dilettanten wurden mit ihrer Klage abgewiesen. Nun endlich, am Tage des Konzertes, nachdem die Konzertzettel, auf welchen Herrn Ecks Name paradierte, bereits an den Straßenecken klebten, bequemten sie sich, das verlangte Honorar zu bewilligen, wurden aber nicht wenig durch die Erklärung des Herrn Eck überrascht, daß er, nachdem sie ihn vor die Polizei geladen, nun gar nicht, selbst nicht für das Doppelte des geforderten Honorars spielen würde. Alles Drohen und Toben half nichts, sie mußten ihr Konzert ohne ihn geben. »Ich war dort,« heißt es im Tagebuche, »und weidete mich an der Gärung, die unter den Dilettanten war. Man sprach nur von Herrn Eck und seiner Weigerung, aber niemand ließ ein Wort zu seinen Gunsten hören. Man war durch die getäuschte Erwartung zu sehr aufgebracht. Das Konzert fiel schlecht aus. Ein Flötenvirtuose aus Stockholm, der sich mit einem veralteten Konzerte von Devienne an des Herrn Ecks Stelle hören ließ, gefiel ebensowenig als ein Dilettant aus Petersburg, der ein Klavierkonzert von Mozart verhunzte.«

Herr Eck hatte aber die Gunst des Polizeidirektors dadurch gewonnen, daß er sich erbot, ein Konzert zum Besten des Nikolai-Armenstifts zu geben. Herr Meirer, der Theaterdirektor, gab dazu das Haus gratis, und die Herren Arnold und Ohmann sowie die Damen Werther und Bauser schmückten es durch ihren Gesang. Die Musikgesellschaft bot alles auf, es zu hintertreiben, aber vergebens. »Gleich bei seinem Erscheinen wurde Herr Eck mit dem lebhaftesten Beifall empfangen, und nach seinem Spiel steigerte sich dieser noch mehr. Die Einnahme belief sich nach Abzug der Kosten auf mehr als hundert Dukaten, die der Kassierer des Armenstiftes in Empfang nahm. Aber auch Herrn Eck wurden hundert Dukaten als ein Geschenk des anwesenden Adels überreicht, und am andern Morgen folgten diesen noch fünfzig Dukaten von einigen reichen Kaufleuten, die dem Adel an Großmut nicht nachstehen wollten. Herr Eck kann daher mit seinen Geschäften in Riga recht wohl zufrieden sein.«

Unter den vielen Einladungen erwähnt das Tagebuch auch einer zum Zuckerbäcker Klein, »einem der reichsten Leute in ganz Riga. Es ging da vornehm her, aber die Leute waren doch sehr artig. Herr Klein hält seinen Kindern nicht weniger als drei Hofmeister, einen Deutschen, einen Franzosen und einen Russen.«[37]

Über die Reise nach Petersburg enthält das Tagebuch folgenden Bericht: »Wir reisten Freitag, den 17. Dezember, von Riga ab. Der Weg war eben, und wir legten die ersten Stationen daher sehr schnell zurück. Diesseits Dorpat (wo wir die Nacht vom Sonnabend bis zum Sonntag schliefen) fanden wir aber so hohen Schnee, daß fast nicht durchzukommen war. Doch ging es noch erträglich bis Narwa, wo wir am Montag abend ankamen. Der Gouverneur dieser Stadt, ein großer Musikfreund, der aus der Paderoschna, die wir am Tor zum Visieren abgeben mußten, ersehen hatte, welch ein berühmter Künstler durchpassiere, ließ uns sogleich für den Abend zu sich einladen. Unsre Entschuldigung, daß wir in Reisekleidern nicht erscheinen könnten, wurde nicht beachtet. Der Gouverneur schickte seinen Staatswagen, und halb mit Gewalt wurden wir zu ihm gebracht. Die Verlegenheit, uns in unserm Aufzuge plötzlich in einer glänzenden Gesellschaft zu befinden, verlor sich nach dem freundlichen Empfang und der zuvorkommenden Artigkeit der Anwesenden sehr bald, und wir verlebten einen vergnügten Abend. Um ein Uhr, wie die Gesellschaft auseinander ging, fanden wir unsern Wagen mit den Postpferden schon vor der Türe und setzten sogleich unsre Reise fort.«

Aber von Narwa bis Petersburg traf uns ein Unfall nach dem andern. »Zwei Stationen diesseits ließen wir uns bereden, wegen des hohen Schnees Schlittenkufen unter die Räder zu nehmen. Aber kaum waren wir eine halbe Stunde damit gefahren, als schon die Stricke, womit sie befestigt waren, rissen und wir nicht weiterkonnten. Der Postillon mußte aus einem nahe gelegenen Dorfe einige Bauern zu Hilfe rufen, welche die Kufen wieder befestigten. Nach vollendeter Arbeit gaben sie uns durch Zeichen zu verstehen, daß wir ihnen fünf Rubel zu bezahlen hätten. Sehr aufgebracht über diese unverschämte Forderung, weigerten wir uns so viel zu geben; doch da sie Miene machten, die Stricke, mit denen sie die Räder befestigt hatten, von neuem mit ihren Äxten durchzuhauen, und da wir sahen, daß mit Gewalt gegen die vielen wilden Kerle, die nach und nach unsern Wagen umringt hatten, nichts auszurichten sei, so mußten wir uns zur Zahlung bequemen. Nach einem Aufenthalt von länger als einer Stunde konnten wir endlich weiterfahren; aber es dauerte nicht lange, so blieben wir nun förmlich im Schnee stecken, und nur mit Hilfe vieler herbeigerufener Leute kamen wir wieder los. Wir sahen nun, daß die Kufen bei dem hohen Schnee mehr hinderten als nützten, und ließen sie daher abbinden. Nachdem dieses geschehen und bezahlt war, ging es wieder weiter; aber noch[38] siebenmal blieben wir stecken, so daß wir zu dieser Station von drei Meilen nicht weniger als sechzehn Stunden gebraucht hatten. Sowie wir Petersburg näher kamen, fanden wir die Wege gebahnter und wurden auch schneller gefahren. Endlich, am Mittwoch abend neun Uhr, langten wir an, nachdem wir sechs Tage und fünf Nächte unterwegs gewesen waren. Die letzte Strecke von Narwa bis Petersburg ist furchtbar einförmig und ermüdend. Diese schnurgerade Straße, durch den Fichtenwald gehauen, mit den bunten Werstzeigern, von denen einer wie der andre aussieht, kann auch den Geduldigsten zur Verzweiflung bringen! Nur selten lichtet sich der endlose Wald, um einigem Anbau und einem ärmlichen Dorfe Platz zu machen. Die Häuser oder vielmehr Hütten dieser Dörfer haben meistenteils nur ein Zimmer mit einem Fenster in der Größe eines Quadratschuhs. In diesem wohnen Menschen und Vieh ganz einträchtig beisammen. Die Wände bestehen aus ungezimmerten, aufeinander gelegten Balken, deren Fugen mit Moos verstopft sind. Sehr warm mag es in diesen Löchern wohl nicht sein; daraus scheinen sich die Bewohner aber auch nicht viel zu machen; denn ich sah Kin der und Erwachsene bei strenger Kälte im bloßen Hemde und barfuß im Schnee herumlaufen. Je ärmlicher und dürftiger die Gegenstände auf der Reise erschienen, um so überraschender ist dann aber das prächtige Petersburg mit seinen Palästen. Doch davon ein andres Mal, wenn ich mich erst umgesehen habe. Wir stiegen im Hôtel de Londres ab und nahmen uns sogleich einen Lohnbedienten, ohne den man hier auch nicht einen Tag sein kann; denn sowie dem Fremden sein Zimmer angewiesen ist, bekümmert sich kein Mensch mehr um ihn.«

In Petersburg war ich in der ersten Zeit bei meinen Studien ganz mir selbst überlassen, da Eck fast den ganzen Tag vom Haus abwesend war, um seine Empfehlungsbriefe abzugeben und sein Konzert zu arrangieren. Diese Zeit wäre daher für mich die geeignetste gewesen, mich in der prächtigen Stadt umzusehen. Dies ließ aber die große Kälte, die bereits über zwanzig Grad gestiegen war, nicht zu. Ich arbeitete daher in der gewohnten Weise fleißig fort, ja mit vermehrtem Eifer, da die Zeit des Unterrichts bei Herrn Eck schon über die Hälfte verflossen war. – Durch ein Mitglied der kaiserlichen Kapelle, Herrn Raab, waren wir in den Bürgerklub eingeführt und lernten dort fast alle in Petersburg anwesenden ausgezeichneten Künstler und schönen Geister kennen. Das Tagebuch nennt die Herren Clementi und seinen Schüler Field, Zeuner, auch ein ausgezeichneter Virtuos auf dem Pianoforte und damals gesuchter Lehrer in den ersten Häusern der Residenz, die[39] Violinisten Hartmann, erster Geiger der Hofkapelle, Remy, auch Mitglied der Hofkapelle (»ein artiger, allerliebster junger Franzose von meinem Alter«, wie ihn das Tagebuch schon nach der ersten Bekanntschaft nennt), Leveque, Sohn des Konzertmeisters in Hannover, Musikdirektor einer Kapelle von Leibeigenen beim Senator Tieplof, Berwald aus Stockholm, den Hornisten Dornaus und andre, deren Namen nun verschollen sind.

Clementi, »ein Mann in den besten Jahren von äußerst froher Laune und einnehmendem Wesen«, unterhielt sich gern mit mir (französisch, was ich bei der vielen Übung in Petersburg und namentlich im Bürgerklub bald ziemlich geläufig sprach) und lud mich nach Tische oft ein, mit ihm Billard zu spielen. Abends begleitete ich ihn einige Male in dessen große Pianoforte-Niederlage, wo Field oft stundenlang spielen mußte, um die Instrumente den Käufern im vorteilhaftesten Lichte vorzuführen. Das Tagebuch spricht mit großer Begeisterung von dessen »vollendeter Technik und dem schwärmerisch-melancholischen Vortrage« des jungen Künstlers, rühmt auch seine Kompositionen. Noch bewahre ich in der Erinnerung ein Bild von dem blassen, hochaufgeschossenen Jüngling, den ich später nie wieder sah. Wenn Field, der aus allen seinen Kleidern herausgewachsen war, sich vor dem Piano niedersetzte, die langen Arme nach der Tastatur ausstreckte, so daß sich die Ärmel fast bis zum Ellenbogen zurückzogen, dann bekam die ganze Figur etwas höchst Englisch-Linkisches. Sobald aber sein seelenvolles Spiel begann, wurde alles vergessen, und man war nur Ohr. Ich konnte dem jungen Manne, der außer seiner Muttersprache keine andre sprach, meine Rührung und Dankbarkeit nur durch einen stummen Händedruck zu erkennen geben. Man erzählte sich schon damals manche Anekdote von dem auffallenden Geize des reichen Clementi, der in spätern Jahren, wo ich in London wieder mit ihm zusammentraf, noch bedeutend zugenommen hatte. So hieß es allgemein, Field werde von seinem Lehrer sehr kurz gehalten und müsse das Glück, dessen Unterricht zu genießen, durch viele Entbehrungen erkaufen. Von der echt italienischen Sparsamkeit Clementis erlebte ich selbst ein kleines Pröbchen; denn eines Tages, wie ich ihn besuchte, fand ich Lehrer und Schüler mit zurückgestreiften Hemdärmeln am Waschkübel beschäftigt, ihre Strümpfe und andre Wäsche zu reinigen. Sie ließen sich nicht stören, und Clementi riet mir, es ebenso zu machen, da die Wäsche in Petersburg nicht nur sehr teuer sei, sondern auch bei der dort üblichen Waschmethode sehr leide. Von allen Bekanntschaften, die ich im Bürgerklub machte, war[40] mir keine lieber als die meines jungen Freundes Remy. Gleicher Enthusiasmus für Kunst, gleiche Studien und gleiche Neigung verknüpften unsre Verbindung immer enger. Wir trafen uns an jedem Tage, wo ich mit meinem Lehrer nicht zu Gast geladen war, beim Mittagstisch im Bürgerklub, und gab es am Abend keine Oper oder kein Konzert, wo Remy beschäftigt war, so spielten wir bis spät in die Nacht Duetten, von welchen Remy eine große Sammlung besaß. Solcher Abende, wo das Theater ausfiel, gab es in jenem kalten Winter sehr viele; denn nach einem Ukas des menschenfreundlichen Kaisers Alexander waren alle öffentlichen Vergnügungen verboten, sooft die Kälte über siebzehn Grad stieg, damit die Kutscher und Diener nicht der Gefahr des Erfrierens ausgesetzt seien. Und in jenem Winter blieb die Kälte oft vierzehn Tage lang über siebzehn Grad. Das war für die Fremden dann eine traurige, stille Zeit. Am übelsten waren aber die fremden Künstler daran, die nicht dazu kommen konnten, ihre Konzerte zu geben. Sank die Kälte unter siebzehn Grad, dann gab es Ankündigungen in Menge, aber oft mußten sie am folgenden Tage schon widerrufen werden. Auch das öffentliche Konzert des Herrn Eck verzögerte sich, nachdem es bereits mehreremal angekündigt war, bis zum 6. März alten Stils. Unterdessen spielte er aber zweimal bei Hof in den Privatkonzerten der Kaiserin und gefiel namentlich das zweite Mal so sehr, daß die Kaiserin ihn als Solospieler der Hofkapelle mit einem Gehalt von 3500 Rubel engagieren ließ. So war es also entschieden, daß ich die Rückreise im Sommer werde allein machen müssen.

Je seltener in den kalten Monaten Januar und Februar Opern- und Konzertaufführungen zustande kamen, je eifriger besuchte ich sie, um die einheimischen und fremden Talente kennenzulernen. Es finden sich daher im Tagebuche Berichte über eine lange Reihe von Künstlern und ihre Leistungen, von denen das Wichtigste hier Platz finden möge. Bald nach der Ankunft in Petersburg am 25. Dez. heißt es: »Nach Tische fuhr Herr Raab mit uns zu Herrn Tietz, dem berühmten, verrückten Violinspieler. Er verkündigte uns aber im voraus, daß wir Tietz nicht würden zu hören bekommen, da er seit Monaten keine Geige mehr anrühre. Wir fanden einen Mann von etwa vierzig Jahren, von blühender Gesichtsfarbe und angenehmem Äußern. Man sah ihm die Geistesverwirrung durchaus nicht an. Um so mehr waren wir überrascht, als er an jeden von uns die Frage richtete: ›Mein allergnädigster Monarch, wie befindest du dich?‹ Er erzählte uns dann ein langes und[41] breites, worin sehr wenig Menschenverstand war, beklagte sich bitter über einen boshaften Zauberer, der, eifersüchtig auf sein Violinspiel, ihm den Mittelfinger der linken Hand so behext habe, daß er nicht mehr geigen könne, sprach aber doch zuletzt die Hoffnung aus, daß es ihm noch gelingen werde, den Zauber zu besiegen usw. Beim Abschiede fiel er vor Herrn Eck auf die Knie, küßte ihm, ehe dieser es verhindern konnte, die Hand und sagte: ›Mein allergnädigster Monarch, fußfällig muß ich von dir Abschied nehmen!‹«

Da ich diesen Künstler, den die Russen damals in ihrem blinden Patriotismus für den ersten Geiger aller Zeiten hielten, später noch gehört habe, so mögen die ihn und sein Spiel betreffenden Stellen des Tagebuches sogleich hier Platz finden.

»den 2. Mai (20. April) Ganz Petersburg ist voll von einer Neuigkeit, die auch mich sehr interessiert. Tietz, der wegen seiner Narrheit seit 6 Monaten nicht mehr Violine spielte, hat plötzlich wieder angefangen. Herr Leveque erzählte mir die nähern Umstände. Tietz war zu einer Musikpartie beim Senator Tieplof eingeladen, hatte aber trotz aller Bitten wieder nicht spielen wollen, so daß der Herr Tieplof voller Verdruß das Orchester fortschickte und ausrief: ›So will ich auch nie wieder Musik hören!‹ Dies machte tiefen Eindruck auf Tietz, und er sagte: ›Allergnädigster Monarch, laß dein Orchester wiederkommen, so will ich eine Sinfonie mitspielen.‹ Dies geschah, und nun, da er im Zuge war, spielte er auch Quartetten bis nachts zwei Uhr. Am andern Morgen versammelten sich die Musikfreunde in seinem Hause, und er spielte wieder. Dies gab mir die Hoffnung, ihn ebenfalls zu hören, und ich eilte deshalb heute früh zu ihm. Es waren wieder viel Musikfreunde dort versammelt, die ihn mit Bitten bestürmten, zu spielen. Diesmal aber vergebens. Er war nicht zu bewegen, und ich hörte später, es sei jemand in der Gesellschaft gewesen, den er nicht habe leiden können. In einigen Tagen werde ich meinen Besuch wiederholen und ich hoffe dann glücklicher zu sein.

den 18. Mai (6. Mai) Heute vormittag nahm ich mein neues Duett und meine Violine und ging zu Herrn Tietz, den ich allein traf. Es kostete nicht viel Überredung, ihn zum Spielen des Duetts zu bewegen, doch wollte er nicht die erste Stimme übernehmen. Wir hatten kaum geendet, als Herr Hirschfeld, Hornist der kaiserlichen Kapelle, und noch andre mir unbekannte Leute kamen. Herr Tietz bat mich also, das Duett zu wiederholen, und es schien nicht nur ihm, sondern auch den andern sehr zu gefallen. Nun legte Herr Tietz ein Quartett von Haydn auf und[42] verlangte, ich solle die erste Violine übernehmen. Er selbst setzte sich zum Violoncell. Da mir das Quartett bekannt war, weigerte ich mich nicht lange. Es wurde recht gut exekutiert, und Herr Tietz sowie die übrigen Anwesenden überhäuften mich mit Lobsprüchen. – Nun noch einige Worte über das Violinspiel des Herrn Tietz, obgleich ich es nach dem wenigen, was ich heute davon hörte, noch nicht vollständig beurteilen kann. Er zieht einen guten Ton aus dem Instrumente und intoniert sehr rein. Die zweite Stimme meines Duetts, die nicht leicht ist, spielte er ohne allen Anstoß und recht sauber und trug auch die Gesangstellen mit Geschmack und Gefühl vor. Weniger wollten mir seine Passagen gefallen, die er nach alter Weise mit springendem Bogen spielte.

den 23ten Mai (11. Mai) Heute abend waren wir zu dem wöchentlichen Konzert des Herrn Senator Tieplof eingeladen. Wir fanden dort zu meiner Freude Herrn Tietz und eine Klavierspielerin, Madame Maier. Zuerst wurde eine Sinfonie von Haydn von dem Orchester des Herrn Tieplof unter Leveques Leitung recht gut exekutiert. Dann spielte Mad. Maier ein Klavierkonzert eigener Komposition, welches nicht ganz schlecht war. Dann folgten wir, Herr Eck und ich, mit einer Konzertante seines Bruders, die wir seit vierzehn Tagen sehr genau zusammen eingeübt hatten. Anfangs hatte ich Furcht und spielte das erste Solo nicht so gut wie zu Haus; doch bald legte sie sich, und es ging besser, besonders im letzten Satze. Die Komposition wie unser Spiel schienen sehr zu gefallen.

Nun legte Herr Tietz ein Konzert eigner Komposition auf, dessen erstes Allegro und Rondo er zweimal spielte, vermutlich weil ihm sein Spiel beim ersten Male nicht genügte. Da er seit seiner Narrheit nie mehr übt, so ist es begreiflich, daß es ihm an technischer Sicherheit fehlt. Auch gelangen ihm die schweren Stellen beim zweiten Male auffallend besser. In allen drei Sätzen brachte er nach alter Weise Kadenzen an, die an sich sehr hübsch waren. Da es ihm aber jetzt an mechanischer Fertigkeit fehlt, so mißriet ihm manches. Daß diese Kadenzen improvisiert waren, ergab sich daraus, daß sie beim zweiten Male ganz verschieden waren. Ist nun Tietz auch kein großer Geiger, noch weniger der größte aller Zeiten, wie seine Verehrer behaupten, so ist er doch unbezweifelt ein musikalisches Genie, wie auch seine Kompositionen, so veraltet im Stil sie auch sind, hinlänglich beweisen. Zum Schluß akkompagnierte er der Madame Maier noch eine Sonate von Mozart, die er wieder sehr hübsch, aber zu überladen verzierte.«[43]

Der vorzüglichste der damals in Petersburg anwesenden Geiger war ohne Zweifel Fränzl, der Sohn. Ich hörte ihn in einer Abendgesellschaft bei Herrn Severin. Das Tagebuch sagt darüber: »Fränzl, der soeben aus Moskau zurückgekehrt ist, wo er zu 6 Konzerten für ein Honorar von 3000 Rubel engagiert war, legte, nachdem Herr Eck ein Quartett von Haydn mit großem Beifall gespielt hatte, eins eigener Komposition auf. Seine Stellung beim Spiel fiel mir unangenehm auf. Er hält die Violine noch nach alter Methode auf der rechten Seite des Saitenhalters, muß daher mit gebücktem Kopfe spielen, wie das bei dieser Art, die Violine zu halten, gar nicht zu vermeiden ist. Dazu kommt noch, daß er den rechten Arm sehr hoch hebt und die übele Angewohnheit hat, bei ausdrucksvollen Stellen die Augenbrauen in die Höhe zu ziehen. Ist dies nun auch für die meisten der Zuhörer nicht störend, so fällt es einem Geiger doch sehr unangenehm auf. Die Komposition des Quartetts war sehr fad; er konnte daher auch mit seinem Spiele keinen großen Eindruck machen. Nachdem nach ihm Herr Eck in einem Quartett von Danzi sehr geglänzt hatte, spielte er ein mit Quartettakkompagnement eingerichtetes Konzert von Kreutzer und gefiel sehr damit. Sein Spiel ist rein und sauber. Im Adagio macht er viele Läufe, Triller und andre Verzierungen mit einer seltenen Deutlichkeit und Delikatesse. Sobald er aber stark spielt, wird sein Ton rauh und unangenehm, weil er den Bogen zu langsam und zu dicht am Stege führt und ihn zu sehr auf die Saite drückt. Die Passagen macht er deutlich und rein, aber immer in der Mitte des Bogens, folglich ohne Abwechslung von Stärke und Schwäche. Im ganzen genommen ziehe ich Herrn Ecks großartiges Spiel dem seinigen bei weitem vor. Dies schien auch das Urteil der Anwesenden zu sein. Herr Tietz war trotz aller Bitten nicht zum Spielen zu bewegen.«

Noch einen Geiger von Ruf, Herrn Berwald, später Konzertmeister in Stockholm, hörte ich damals. Das Tagebuch berichtet: »Heute abend war endlich das schon so oft angekündigte Konzert des jungen Berwald. Ich fuhr mit Herrn Eck dahin. Das Theater war sehr dürftig erleuchtet, was einen übeln Eindruck machte. Nach einer Sinfonie von Haydn sang Dem. Brückl vom deutschen Theater eine Arie aus der Zauberflöte und erhielt vielen Beifall, den sie aber wenig verdiente. Ihre Stimme ist zwar ganz gut, ihre Methode aber desto schlechter. Nun trat der junge Berwald mit dem Konzert von Viotti (A-Dur)


Reise nach Petersburg

auf und wurde schon beklatscht, noch ehe er einen Strich getan hatte.[44] Dieses sowie sein hübscher Anstand und seine gute Bogenführung spannten meine Erwartungen sehr hoch, und ich erwartete daher mit großer Ungeduld das Ende des Tuttis. Aber wie fand ich mich getäuscht, als ich nun das Solo hörte! Zwar war sein Spiel rein und ziemlich fertig, dabei aber so schläfrig und monoton, die Passagen so matt und schleppend, daß ich viel lieber noch des Pixis falsches, aber doch feuriges Spiel gehört haben würde. Ein eingelegtes Adagio von seines Vaters Komposition spielte er besser und söhnte mich dadurch wieder etwas mit ihm aus. – Nach ihm spielte ein Herr Palschau, ein wegen seiner theoretischen Kenntnisse hier sehr berühmter Mann, ein Klavierkonzert eigener Komposition auf einem Pianoforte mit einem Flötenzuge, den er zugleich mit dem Hammerwerk gebrauchte. So gut und gelehrt das Konzert aber auch gearbeitet sein mochte, so wollte es doch weder mir noch einem der andern Zuhörer gefallen, weil es gar zu lang und monoton war. Auch machten die Töne der Saiten mit denen der Flöten zusammen einen sehr schlechten Effekt. Nachdem Dem. Brückl noch eine Arie gesungen hatte, schloß Berwald mit dem Konzert von Kreutzer A-Dur. Er nahm die Tempi aber wieder so schleppend, daß der Charakter des Konzerts ganz verfehlt wurde.«

Auch über den damals berühmten Geiger und Komponisten Fodor findet sich ein Urteil im Tagebuche. Es heißt unter

dem 12. März (28. Febr.) »Heute abend war das erste Konzert des adligen oder musikalischen Klubs, sehr unpassend so genannt, denn ich fand die Leute dort sehr unmusikalisch. Diese Konzerte werden in einem großen und schönen Saale, dem englischen Magazine gegenüber, gegeben. Die Hofkapelle spielt dort, und die vornehme Welt von Petersburg findet sich zahlreich ein, nicht um zu hören, sondern zu plaudern und im Saal umherzuspazieren. Zuerst wurde eine schöne Sinfonie von Romberg (C-Dur) vortrefflich exekutiert. Dann sang Herr Pasco, erster Tenorist des italienischen Theaters, eine Arie so lieblich, zart und geschmackvoll, daß es wirklich etwas ruhiger im Saale wurde. Nun folgte Herr Fodor mit einem Konzerte eigener Komposition, das mir aber schlechter schien als die mir bekannten. Auch sein Spiel wollte mir nicht behagen. Er spielt zwar rein und ziemlich fertig, aber ohne Wärme und Geschmack. Auch läßt er bei den Passagen den Bogen fortwährend springen, was bald unerträglich wird. – Madame Canavassi, erste Sängerin der italienischen Oper, die mir neulich in der Oper nicht gefallen wollte, sang diesmal so schön, daß ich eingestehen mußte, ihr sehr Unrecht getan zu haben. Sie besitzt Geschmack, Gefühl und[45] große Kunstfertigkeit. Der junge Czerwenka blies ein Oboekonzert mit vieler Fertigkeit und einem gebildeten Geschmack. Nur sein Ton will mir nicht recht behagen. Vor der Schlußsinfonie sangen Mad. Canavassi und Herr Pasco noch ein Duett höchst vollendet und im schönsten Einklang.«

Während der Fastenzeit, in der die griechische Kirche keine Theatervorstellungen duldet, gab die Hoftheater-Intendanz wöchentlich drei große Konzerte im Steiner-Theater, in welchen sämtliche Virtuosen der kaiserlichen Kapelle, zu denen Herr Eck nun auch gezählt wurde, auftraten. Die vorzüglichsten, die ich dort zu hören Gelegenheit fand und deren das Tagebuch erwähnt, waren die Geiger Hartmann, Jerchow und Remy, der Violoncellist Delfino, der Oboist Czerwenka und der Waldhornist Hirschfeld. Über das erste dieser Konzerte am 6ten März (22. Febr.) sagt das Tagebuch:

»Das prächtige Steiner-Theater erschien heute in einer ganz neuen Gestalt. Die Bühne war mit drei Wänden eingefaßt und mit einer Decke überbauet, das Orchester stufenweis erhöhet, so daß eine Reihe der Musiker über die andre wegsehen konnte. Das Parterre war in die Höhe geschraubt mit der Bühne in gleiche Höhe und nur durch eine niedrige Galerie von dieser getrennt. Man begann mit dem ersten Teil eines Oratoriums von Sarti, wonach das Konzert ein geistliches (Concert spirituel) benannt wurde. Die einfach-erhabene Komposition wurde vortrefflich exekutiert und machte große Wirkung. Das Orchester bestand aus 36 Violinen, 20 Bässen und doppelt besetzter Harmonie. Außer dieser waren zur Unterstützung der Chöre auch noch 40 Hornisten der kaiserlichen Kapelle da, von denen ein jeder nur einen Ton zu blasen hat. Sie dienten als Orgel und gaben dem Chorgesange, dessen Töne ihnen zugeteilt waren, große Festigkeit und Kraft. In einigen kleinen Solis waren sie von hinreißender Wirkung. Vorn vor dem Orchester standen die Hofsänger, Männer und Knaben, etwa 50 an der Zahl, alle in roter, mit Gold besetzter Uniform. Nach dem ersten Teil des Oratoriums spielte Remy ein Violinkonzert von Alday mit vielem Beifall. Nach dem Konzerte, als wir zu Haus fuhren, verlangte er mein Urteil über sein Spiel zu hören. Da nun unter Freunden stets Wahrheit herrschen muß, so verhehlte ich ihm nicht, daß ich an seinem Spiele, so rein und sauber es auch gewesen sei, doch noch Schattierung von Stärke und Schwäche, Ausdruck im Gesange und hinlängliche Kraft in den Passagen vermißt habe. Er dankte mir für meine Aufrichtigkeit[46] und äußerte, er sei heute besonders befangen gewesen, weil er an Herrn Ecks Stelle habe auftreten müssen, der früher für dies Konzert angekündigt gewesen sei. – Nun folgte der zweite Teil des Oratoriums. Dann spielte Herr Delfino ein Violoncellkonzert. Da man hier so viel Rühmens von seinem Spiele macht, so erwartete ich viel mehr, als er leistete. Er spielte ohne Geschmack und nicht einmal immer rein. Den Beschluß machte der dritte Teil des Oratoriums.«

In dem zweiten Konzert traten die italienischen Sänger, im dritten die französischen auf. Unter den ersten zeichneten sich die schon genannten beiden, Herr Pasco und Madame Canavassi, aus. Unter den französischen waren nur zwei, die auf den Namen Sänger Anspruch erheben durften, Herr St. Leon und die berühmte Philis Andrieux, die durch ihren korrekten, lieblichen Gesang, ihr gewandtes graziöses Spiel und ihre Schönheit damals ganz Petersburg entzückte. Besonders war es eine Polonaise, womit sie alles hinriß und die sie stets da capo singen mußte. Ich habe den Anfang im Tagebuche wie folgt notiert:


Reise nach Petersburg

Der Rest dieses dritten Konzertes mag wohl sehr uninteressant gewesen sein, denn es heißt im Tagebuche: »Ich konnte kaum bis zu Ende aushalten, so langweilig war es. Doch hörte ich heute etwas, was mich für das viele Schlechte hinlänglich entschädigte. Zwischen dem ersten und zweiten Teile wurde nämlich von den kaiserlichen Hornisten eine Ouvertüre von Gluck exekutiert mit einer Geschwindigkeit und Genauigkeit, die für Saiteninstrumente schon schwer gewesen wäre, wie viel mehr nun für die Hornisten, deren jeder nur einen Ton bläst. Es ist kaum glaublich, daß sie die schnellsten Passagen mit großer Deutlichkeit hervorbringen, und ich würde es auch nicht für möglich halten, wenn ich es nicht mit eignen Ohren gehört hätte. Doch machte begreiflicherweise das Adagio der Ouvertüre größern Effekt wie das Allegro, denn es bleibt immer eine Unnatur, mit diesen lebendigen Orgelpfeifen so[47] schnelle Passagen einzuüben, und man kann nicht umhin, an die Prügel zu denken, die es dabei gesetzt haben mag.«

Diese Fasten-Konzerte waren übrigens mit Ausnahme eines einzigen, in welchem Herr Eck spielte und Dem. Philis sang, nur wenig besucht, weshalb die Intendanz auch bald damit aufhörte.

Sehr besucht war aber eine Aufführung der »Jahreszeiten« von Haydn, die zum Besten einer Witwenkasse ebenfalls in der Fastenzeit veranstaltet wurde. Sie fand statt im Lionschen Saale in der Großen Perspektive. Herr Baron Rall, der einer der Unternehmer war, hatte auch mich zur Mitwirkung eingeladen. Ich machte daher alle Orchesterproben mit und spielte in diesen sowie auch bei der Aufführung mit Herrn Leveque aus einer Stimme. Das Orchester war so zahlreich, wie ich noch keins gehört hatte. Es bestand aus 70 Violinen, 30 Bässen und doppelten Blasinstrumenten. Die Wirkung war daher auch eine sehr großartige, und ich spreche im Tagebuche mit Entzücken davon sowie von dem Werke, welches ich dort zum ersten Male hörte. Doch findet sich auch die Bemerkung, daß die »Schöpfung«, welche ich schon früher in Braunschweig gehört hatte, doch noch höher stehe. Das gemeinschaftliche Spielen an einem Pulte mit Herrn Leveque hatte mich mit diesem näher befreundet, und so erfuhr ich von ihm, daß er im Sommer seine Eltern in Hannover besuchen werde. Wir beschlossen daher, die Reise nach Lübeck gemeinschaftlich auf demselben Schiffe zu machen.

Bei den nun öftern Besuchen meines neuen Freundes spielte ich ihm auch mein neues Violinkonzert vor und äußerte den Wunsch, es mit Orchester hören zu können, bevor ich es an den Verleger zum Stich absende. Leveque erbot sich sogleich, es mit seinem Orchester einzuüben, und nahm zu dem Behufe die Orchesterstimmen mit und lud dann einige Tage später mich zu einer Probe desselben ein. Das Tagebuch sagt darüber:

»Heute morgen um 10 Uhr ging ich mit meiner Violine und meinem Konzerte zu Herrn Leveque, der sein Orchester bereits versammelt hatte und meiner wartete. Ich war in großer Bewegung, da ich meine Komposition nun zum ersten Male vollstimmig hören sollte. Wir fingen an. Die Tutti waren gut eingeübt, und ich konnte daher recht gut beurteilen, inwiefern jede Stelle den von mir beabsichtigten Effekt machte. Bei den meisten war ich zufrieden, und einige übertrafen sogar noch meine Erwartung. Andere klangen aber schlechter, als ich erwartet hatte. Im ganzen genommen konnte ich aber mit der Wirkung zufrieden sein.[48] Desto weniger war ich es aber mit meinem Spiel. Da meine ganze Aufmerksamkeit auf die Begleitung gerichtet war, so spielte ich viel schlechter als zu Haus. Ich bat daher Herrn Leveque um die Erlaubnis, das Konzert in 8 bis 10 Tagen, wenn ich die Abschrift erhalten haben würde, noch einmal probieren zu dürfen, was er gern gewährte.«

Später heißt es dann: »Gestern erhielt ich die Abschrift meines Konzerts, wofür ich 8 Silberrubel bezahlen mußte. In Deutschland hätte ich dafür 6 Konzerte abgeschrieben bekommen können. Heute vormittag ging ich damit zu Herrn Leveque und probierte es nun nochmals aus den neuen Stimmen. Ich war viel ruhiger wie das erstemal und spielte daher viel besser. Auch wurde es noch besser akkompagniert wie das erstemal und machte daher auch noch mehr Effekt. Leveque äußerte sich sehr zufrieden. Ich eilte daher vergnügt zu Haus, packte das Konzert ein und trug es nebst einem Briefe auf die Post. Dort hörte ich mit Verwunderung, daß es in Rußland gar keine Fahrpost, mit welcher man Pakete ins Ausland schicken kann, gibt und daß ich für mein Paket, wenn ich es mit der Briefpost versenden wolle, wenigstens 50 Rubel zu zahlen haben würde. Ich nahm es daher zurück und werde es nun mit Schiffsgelegenheit absenden, sobald die Newa aufgeht.«

Da nun im Vorstehenden das Wichtigste, was das Tagebuch in bezug auf Musik berichtet, ausgezogen ist, so möge hier noch einiges andere, was ich in Petersburg sah und erlebte, folgen:

»Freitag, den 14ten Jan. 1803

Gestern am Neujahrstage der Russen gab der Kaiser wie alljährlich eine große Freimaskerade im Winterpalast, wozu 12000 Billete ausgeteilt waren. Auch wir, Herr Eck und ich, hatten ohne Schwierigkeit Eintrittskarten erhalten. Schwieriger war es aber, einen Domino aufzutreiben; auch mußte ich für den meinigen, der schon sehr abgenutzt war, demohngeachtet 5 Silberrubel Miete bezahlen. Um 9 Uhr fuhren wir hin und fanden auf den breiten, prächtigen Treppen das Gedränge schon so groß, daß wir kaum durchkommen konnten. Im Vorzimmer übergaben wir unserm Bedienten die Mäntel und warfen die Dominos um. Es waren der Säle und großen Zimmer, in welchen die Masken sich verteilten, wenigstens 12–14; demohnerachtet mußte man sich allenthalben durchdrängen. In 3 großen Sälen war Musik und man tanzte Polonaise. In dem ersten, einem außerordentlich großen, mit dem kaiserlichen Wappen verzierten Saale, hörte ich von der Höhe der Galerie herab eine Musik, von der ich bis jetzt keinen Begriff gehabt hatte. Es waren nämlich dem gewöhnlichen Tanzorchester die kaiserlichen Hornisten,[49] deren jeder nur einen Ton zu blasen hat, beigesellt, und die Begleitung dieser Hörner gab dem Orchester eine Fülle und einen Wohlklang, wie ich sie nie gehört habe. Einzelne Soli dieser Hörner machten eine hinreißende Wirkung. Ich konnte mich lange nicht von diesem Platze losreißen.

Durch einige prächtige Zimmer gelangte ich dann in den Audienzsaal mit dem Throne. Dieser ist fast noch größer wie der erste und auch mit einer Galerie, auf marmorne Säulen gestützt, versehen. Am Ende des Saals steht der Thron auf einer Erhöhung mit 8 Stufen. Über ihm befindet sich ein Baldachin von rotem Samt, worauf das kaiserliche Wappen in Gold und mit Steinen besetzt gestickt ist. Der Thron selbst soll, wie versichert wird, von massivem Golde sein.

In diesem Saale, dem Throne gegenüber, tanzte, vom Hofstaat umgeben, die kaiserliche Familie. Da aber diese Hälfte des Saals durch eine Mauer von baumlangen Grenadieren mit ungeheuer hohen Bärenmützen abgesperrt war, und da ich trotz meiner ansehnlichen Länge nicht einmal über die Schultern dieser Riesen wegsehen konnte, so erblickte ich nicht viel von der kaiserlichen Pracht und dem Diamantenschmuck der Damen. Ich ging daher weiter und gelangte bald in den dritten und schönsten Saal. Dieser ist ganz von poliertem Mamor, die Wände weiß, die Säulen violett und die Fenstereinfassungen blau. Die Beleuchtung spiegelte sich tausendfach in dem glänzenden Stein. Sie soll in sämtlichen Räumen in 20000 Wachskerzen bestanden haben.

In einem der großen Zimmer waren Büfetts errichtet, wo Speisen und Getränke verabreicht wurden. Da es aber der Hungrigen und Durstigen sehr viele gab, so hielt es sehr schwer, in dieses Zimmer einzudringen. Nachdem ich nun die Räume mehrere Male durchwandert und alle Herrlichkeiten besehen hatte, versuchte ich, Herrn Eck wieder aufzufinden, der mir gleich anfangs abhanden gekommen war. Dies war aber unter den 12000 Anwesenden ein vergebliches Bemühen. Ich vermutete nun, er sei bereits nach Haus gegangen, und wurde durch den Umstand, daß unser Bedienter nicht mehr auf dem ihm angewiesenen Platze war, hierin noch mehr bestärkt. Ich hielt es daher fürs beste, nun auch zu Haus zu gehen, und hoffte, gut durchwärmt wie ich war, den kurzen Weg zu unserm Wirtshause auch ohne Mantel zurücklegen zu können, obgleich die Kälte bis auf 24 Grad gestiegen war. Kaum hatte ich aber den Platz vor dem Winterpalaste, an dessen entgegengesetzter Seite unser Hotel liegt, betreten, so fühlte ich, daß mir Nase und Ohren erstarrten, und sicher hätte ich sie erfroren, obgleich ich sie fortwährend[50] rieb, wäre nicht auf der Mitte des Platzes ein großes Feuer für die Kutscher angezündet gewesen, bei dem ich mich wieder ein wenig erwärmen konnte, bevor ich die zweite Hälfte des Wegs zurücklegte. Herr Eck war aber leider noch nicht zu Haus gekommen, und da er den Schlüssel zu unserm Zimmer hatte und die Kaffeestube im Hause schon geschlossen war, so mußte ich mich entschließen, wieder hinzugehen. Dort angekommen, gelang es mir, zum Büfett vorzudringen und mich mit einem Glase Punsch wieder zu erwärmen. Während ich noch das reiche Gold- und Silbergeschirr, womit dieses Zimmer geschmückt war, betrachtete, kam auch Herr Eck zum Büfett. Wir durchwanderten nun noch einmal die prächtigen Räume Arm in Arm und fuhren dann, da sich unser Bedienter mit den Mänteln auch wieder eingefunden hatte, zusammen zu Haus. – Freund Remy, dem ich heute früh mein Abenteuer erzählte, schalt mich sehr wegen meiner Unvorsichtigkeit. Er versicherte mir, daß man bei 24 Grad Kälte in weniger als einer Minute Nase und Ohren erfrieren könne.

den 27. Februar (16. Febr.) Heute endet die sogenannte tolle Woche, die daher den Namen hat, weil die Russen sich während derselben die tollsten Ausschweifungen erlauben, um sich für die Entbehrungen, die ihnen die morgen beginnenden Fasten auferlegen, im voraus schadlos zu halten. Da sie 6 Wochen lang weder Fleisch noch Milch noch Butter essen dürfen, so stopfen sie sich noch einmal recht voll, sprechen der Branntweinsflasche so fleißig zu, daß sie gar nicht mehr nüchtern werden, und erlauben sich in diesem Zustande alle möglichen Sünden, weil sie sie durch das nun folgende Fasten hinlänglich abzubüßen glauben.

In allen Gegenden der Stadt werden Buden aufgeschlagen, in denen Obst, Getränke und Näschereien aller Art verkauft werden. In andern werden Puppenspiele, abgerichtete Hunde, Taschenspielerkünste und dergleichen gezeigt. Das Hauptvergnügen der Russen in dieser Woche ist aber das Herabfahren von den Eisbergen, vermutlich weil es so halsbrechend ist. Auf der Newa und an verschiedenen andern Orten werden hohe Gerüste erbauet, die von der einen Seite Treppen zum Hinaufsteigen haben und auf der andern sich allmählich bis zum Boden herabsenken. Dieser Abhang ist mit großen Eisstücken belegt, die in den Fugen durch hineingegossenes Wasser auf das genaueste verbunden sind. Auf dieser spiegelglatten Eisfläche wird nun mit kleinen, mit Stahl beschlagenen Schlitten herabgefahren und diese mit kurzen Stäben, in jeder Hand einer, regiert. Es gehört viel Geschicklichkeit dazu, bei dem[51] rasend schnellen Fahren stets die Mitte der Bahn zu halten, damit man nicht an den Seiten, die nur durch eine leichte Barriere geschützt sind, herabstürzt. Vier besoffene Russen, die, kaum abgefahren, mit ihren Schlitten ineinandergerieten, dadurch der Barriere zu nahe kamen, mußten ihre Ungeschicklichkeit hart büßen. Sie stürzten herab; zwei blieben auf der Stelle tot, die anderen wurden mit zerbrochenen Gliedern weggetragen. Das Vergnügen wurde aber dadurch nicht im geringsten gestört, und man drängte sich immer wieder von neuem zu den Treppen. Gestern fuhr der Hof hin und sah eine lange Zeit dem halsbrechenden Vergnügen zu.

den 3ten März (19ten Febr.) Für den gestrigen Abend waren wir zum Baron Rall gebeten. Wir fuhren um 7 Uhr zu ihm, fanden aber noch keinen Men schen dort. Nach und nach fand sich eine sehr zahlreiche Gesellschaft ein, der Hausherr ließ sich aber immer noch nicht blicken! Vielleicht ist es hier guter Ton, erst dann zu erscheinen, wenn alle Gäste versammelt sind, während bei uns in Deutschland, wo man freilich im guten Ton wohl sehr zurück sein muß, der Wirt jeden einzelnen bewillkommnet und ihn der übrigen Gesellschaft vorstellt. Unter den Gästen befand sich auch der Gouverneur von Narwa, der uns bei unserer Durchreise fast mit Gewalt zu sich holen ließ. Er erkundigte sich freundlich nach meinem Befinden und setzte hinzu: ›Bei der Rückreise werden Sie in Narwa das Petersburger Tor geöffnet, das entgegengesetzte aber verschlossen finden und dann ohne Gnade auf 8 Tage mein Gefangener sein müssen!‹«

An diesem Abend spielte außer Herrn Eck auch Field, und zwar wundervoll. Um 2 Uhr setzte sich die Gesellschaft zu Tische, und erst nach vier kamen wir zu Haus.

»Montag, den 5. April (23. März). Heute an meinem Geburtstage lud mich Herr Eck ins Hôtel de Londres zum Mittagsessen ein. Vorher machten wir bei dem freundlichen Wetter einen Spaziergang an die Newa, deren mit Granitmauern eingefaßtes Ufer jetzt der Sammelplatz der Beau monde ist. Man erwartet mit Ungeduld den Durchbruch des Eises, und es wurden in bezug auf den Tag, wo er erfolgen wird, große Wetten abgeschlossen.

Abends hatte ich noch eine unerwartet große Freude! Remy hatte mich wieder eingeladen, mit ihm Duetten zu spielen, und ich konnte ihm heute ein neues von meiner Komposition bringen. Nachdem wir dieses zum zweitenmal durchgespielt hatten, umarmte er mich und sagte: ›Du mußt mit mir die Geige tauschen, damit wir beide ein Andenken[52] voneinander besitzen!‹ Ich erschrak vor Freude, denn seine Geige hatte mir schon längst besser wie die meinige gefallen. Da sie aber, eine echte Guarneri, wenigstens noch einmal so viel wert ist wie die meinige, so mußte ich sein Anerbieten ablehnen. Er ließ sich aber nicht abweisen und sagte: ›Deine Geige gefällt mir, weil ich dich so oft habe darauf spielen hören, und wenn die meinige wirklich besser ist, so nimm sie als ein Geburtstagsgeschenk von mir an!‹ Nun durfte ich mich nicht länger weigern und trug überglücklich meinen neuen Schatz zu Haus. Hier hätte ich gar zu gern noch die ganze Nacht gespielt und mich an dem himmlischen Tone ergötzt; da Herr Eck aber schon zu Bett gegangen war, so mußte ich sie ruhig im Kasten liegenlassen. Schlafen werde ich aber nicht können!

Sonntag, den 11. April (29. März) Heute mittag holte mich Herr Leveque zu einem Spaziergange an die Newa ab. Wir fanden dort halb Petersburg versammelt, den Durchbruch des Eises erwartend. Endlich verkündete ein Kanonenschuß aus der Festung den lang ersehnten Moment. Dieser war auch zugleich das Signal für die Matrosen, um die lange Schiffbrücke, die Wasiliostrow mit diesem Teil der Stadt verbindet, abzubrechen, was auch in wenigen Minuten geschah. Nun konnte das Eis ungehindert abfließen, und es dauerte nicht lange, so fuhr man schon mit Booten hin und her. Das erste derselben brachte den Gouverneur der Festung herüber, der, von einem ansehnlichen Gefolge und der Regimentsmusik begleitet, dem Kaiser in seinem Palast ein Glas Wasser aus der Newa überbringt und dafür ein Geschenk von 1000 Rubel erhält. Nachher fahren die Kronmatrosen, alle in roten Uniformen, jedermann unentgeltlich hin und her, bis die Kommunikation zwischen beiden Stadtteilen durch die Schiffbrücke wiederhergestellt ist. – Nachdem wir dies alles, einige Stunden hin- und herspazierend, mit großem Vergnügen angesehen hatten, kehrten wir zu Haus zurück.

Sonntag, den 17. April (5. April) Vorige Nacht wurde ich durch Kanonenschüsse erweckt, die den Anbruch des Osterfestes verkündeten. Da es sehr ruhig war, hörte man jeden Schuß in vielfachen Echos so lange nachhallen, bis wieder ein neuer fiel. – Heute begrüßt der Russe seine Bekannten mit den Worten: ›Christus ist auferstanden!‹, worauf der Gegrüßte den Grüßenden küssen muß. Man braucht nur an das Fenster zu treten, um allenthalben sich Umarmende und Küssende zu sehen. Man erzählte mir, die Kaiserin Katharina sei einst am Ostertage, von ihrem Hofstaat umgeben, am Ufer der Newa spazierengegangen, als ein schmutziger Kerl, wahrscheinlich etwas angetrunken, sich ihr mit[53] dem Gruß ›Christus ist auferstanden!‹ in den Weg stellte und sie, um nicht gegen die heilige Sitte zu verstoßen, gezwungen war, ihn zu küssen. Er wurde indessen auf einen Wink von ihr sogleich gepackt und hatte nachher in Sibirien Zeit genug, seine Keckheit zu bereuen!

Mittwoch, den 20. April (8. April) In dieser Woche haben die Russen ein eigentümliches Vergnügen. Es sind auf dem großen Platz beim Steiner-Theater eine Menge Schaukeln errichtet, in denen sich das Volk vom Morgen bis zum Abend schaukelt. Eine Art dieser Schaukeln gleicht hohen Windmühlen, an deren Flügeln Kasten hängen, in welche sich zwei bis drei Menschen hineinsetzen. Diese Kasten hängen an beweglichen Angeln, so daß sie immer in horizontaler Richtung bleiben, wenn die Flügel sich heben und senken. Die Maschine wird durch eine einfache Mechanik von vier Menschen in Bewegung gesetzt, und ein Platz in einem der Kasten kostet für 15 Minuten 10 Kopeken. Eine andere Sorte dieser Schaukeln ist wie eine Roßmühle gestaltet. An dem äußersten Ende der Querbalken sind ebenfalls Kasten befestigt, aber groß genug, um eine ganze Familie Schaukellustiger aufzunehmen. Im Mittelpunkt der Maschine befindet sich eine Art von Altan, auf welchem zwei Possenreißer, gewöhnlich ein Mann und ein Weib in russischer Nationaltracht, die Umfahrenden zu belustigen suchen. Ihre Spaße mögen wohl nicht sehr zarter Natur sein; für ihr Publikum sind sie aber gut berechnet, denn das Lachen und Jubeln reißt nicht ab. Die dritte Art der Schaukeln ist sehr einfach. Es ist ein starkes, langes Brett, auf welchem 5 bis 6 Personen Platz nehmen. Es hängt an vier Stricken in einem hohen Galgen und wird von zwei Menschen, die am äußersten Ende stehen, in Schwung gesetzt. – Außer diesen Schaukelvergnügungen gibt es aber dort noch viele andere. In einer Menge von Buden wird so ziemlich alles das gezeigt, was man auf deutschen Messen und Jahrmärkten an Sehenswürdigkeiten findet. Leveque, mit dem ich heute dort war, beredete mich, mit ihm in eine dieser Buden zu treten. Zuerst sahen wir Taschenspielerkünste, die sehr gewandt ausgeführt wurden. Dann folgte ein Puppenspiel. Da ich aber nichts davon verstand, so warteten wir das Ende nicht ab. Rund um den Kreis, den die Buden und Schaukeln bilden, fährt die Beau monde jeden Nachmittag in drei Wagenreihen herum, um dem Volksjubel zuzusehen oder vielmehr sich sehen zu lassen. Nie sah ich schönere Pferde, glänzendere Equipagen und reichere Livreen als dort. Auch blickte mancher schöne Mädchenkopf aus den Wagen heraus.

[54] Freitag, den 6. Mai (24. April) Seit einigen Tagen ist es fortwährend schönes Wetter, und ich benütze es (für meine Studien vielleicht etwas zu sehr), um das prächtige Petersburg recht kennenzulernen. – Vormittags besuchte ich mit Herrn Eck den Sommergarten, wo der Kaiser einem französischen General zu Ehren zwei Kavallerieregimenter manövrieren ließ. Die Evolutionen waren sehr halsbrechend, und es nahm mich wunder, daß niemand verunglückte. Dies muß jedoch wohl öfters vorkommen, denn es wurde ein für Verwundete eingerichteter Wagen mitgeführt, auf dem sich mehrere Wundärzte befanden. Die Pferde dieser Reiter waren alle sehr schön. Nie sah ich aber auch schneller galoppieren. Sonnabend, den 7. Mai (25. April) Vor einigen Tagen erhielt ich einen Brief von den Herren Breitkopf u. Härtel in Leipzig, in welchem sie mich um einen Bericht über den hiesigen Musikzustand für ihre musikal. Ztg. ersuchten. Ich habe einen solchen verfaßt und heute abgesendet.« (Er ist im Jahrgange der m.Z. von 1803 abgedruckt.)

»Freitag, den 13. Mai (1. Mai). Heute war wieder ein originelles Volksfest. Alles, was Equipage, ein Reitpferd oder zwei gesunde Beine besitzt, zieht an diesem Tage zum Rigaer Tor hinaus nach Katharinenhof, begafft sich dort ein paar Stunden und kehrt dann nach Haus zurück. Ich war mit Leveque dort und muß gestehen, daß der Anblick der prächtigen Equipagen, deren wohl zweitausend sein mochten, nebst ihrem geputzten Inhalt mir recht viel Unterhaltung gewährte. Katharinenhof ist ein kleines Gehölz, welches für das hiesige Klima ziemlich frisch aussieht. Man hat von dort eine schöne Aussicht auf das Haff. Mitten im Holze liegt Peter des Großen Lustschloß, welches mit seinen antiken Möbeln noch ganz so erhalten ist, wie er es bewohnte. Es ist sehr ärmlich und gleicht eher einem Bürgerhause als dem Schlosse eines mächtigen Kaisers. Wir nahmen einen anderen Rückweg und sahen viele schöne Landhäuser und Gärten, deren es vor diesem Tore eine große Menge gibt.

Freitag, den 20. Mai (8. Mai) Da die Zeit unserer Abreise herannahet, so holte mich heute früh Leveque ab, um Anstalten dazu zu treffen. Zuerst gingen wir auf die Börse, um mit einem Lübecker Schiffer, der etwa in 14 Tagen dahin abzugehen gedenkt, wegen der Überfahrt zu akkordieren und abzuschließen. Wir fanden ihn nicht auf der Börse und suchten ihn daher auf seinem Schiffe auf. Er zeigte uns sehr bereitwillig dessen Inneres, und wir waren von der Größe, Festigkeit und Bequemlichkeit desselben sehr befriedigt. Die Kajüte ist hoch und so groß, daß bequem 20 Personen im Kreise an den Wänden Platz finden[55] können. Er verlangte von uns beiden für die Fahrt nach Lübeck, die Kost mit einbedungen, 20 Dukaten. Wir fanden dies nicht zu viel und schlossen daher ab. Nun gingen wir zum Zeitungs-Comptoir, um unsre Namen unter die der Abreisenden setzen zu lassen; denn es ist hier Gesetz, daß jeder, der abreisen will, dies dreimal in den Zeitungen bekanntmachen muß, damit alle, welche Forderungen an ihn haben, sich beizeiten melden können. Erst dann wird der Reisepaß ausgefertigt, ohne welchen weder zu Lande noch zu Wasser fortzukommen ist.

Montag, den 23. Mai (11. Mai) Heute früh kaufte ich mir einen Plan von Petersburg. Mit Hilfe dessen werde ich nun versuchen, eine Beschreibung der prächtigen Stadt zuliefern.« – Diese wurde nun zwar begonnen, nach einer halben Seite aber schon wieder abgebrochen. Eine Anzahl weißer Blätter im Tagebuche scheint bestimmt gewesen zu sein, um sie bei mehrerer Muße, wahrscheinlich auf dem Schiffe, fortzusetzen. Es ist aber nicht dazu gekommen.

»Freitag, den 27. Mai (15. Mai) Heute mittag ließen wir, Herr Leveque und ich, unsre Koffer nach dem Zollhause bringen, welches in der Nähe der Börse liegt, um sie dort visitieren und plombieren zu lassen. Wir wurden mehrere Stunden aufgehalten und auf eine schmähliche Weise geplündert. In keinem Lande der Welt sind wohl die Zollbedienten unverschämter als hier; wir mußten zahlen und wieder zahlen, wenn wir nicht bis zum Abend hingehalten sein wollten. Endlich war das Blei angelegt, und wir konnten nun ein Boot nehmen, um die Koffer an unser Schiff bringen zu lassen. Es hat dieses den Platz verändert und liegt nun am Talghofe in Wasiliostrow, um seine Ladung einzunehmen. Morgen geht es nach Kronstadt, wohin wir am Donnerstag folgen.

Sonnabend, den 28. Mai (16. Mai) Heute erlebten wir vor unsrer Abreise noch ein glänzendes Fest! Es war das Jubiläum der Erbauung von Petersburg. Heut vor 100 Jahren hat Peter der Große den Grund dazu gelegt.

Um neun Uhr heute vormittag versammelte sich alles anwesende Militär auf dem Isaaksplatze und wurde vom Kaiser selbst aufgestellt und kommandiert. In seinem Gefolge war die ganze Generalität und sämtliche Gesandte zu Pferde. Um zehn Uhr erschien die Kaiserin mit dem Hofstaate in etwa zwan zig prächtigen Wagen. Die Staatskarosse, in welcher neben der Kaiserin auch die Kaiserinmutter Platz genommen hatte, war ganz vergoldet und reich mit Edelsteinen besetzt. Obenauf war sie mit einer Brillantkrone geschmückt, die auf einem Purpurkissen befestigt war. Acht eiergelbe Pferde in Silbergeschirr, mit Steinen besetzt,[56] zogen diesen Prachtwagen. Die übrigen Hofwagen, ebenfalls sehr schön, waren mit sechs Pferden bespannt. Der Kaiser ritt ein wunderschönes Pferd, reich aufgeschirrt, war im übrigen aber in einfache Uniform gekleidet. In seinem Gefolge war auch ein türkischer Prinz, der durch glänzende Kleidung die Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Griff seines Säbels war ganz mit großen Diamanten bedeckt, und Steigbügel und Sporen waren von massivem Golde. Als der Zug vor der Isaakskirche angekommen war, stieg der Kaiser vom Pferde und führte seine Gemahlin in die Kirche, wo sogleich das Tedeum laudamus von den Hofsängern angestimmt wurde. Leider gelang es uns nicht, in die Kirche einzudringen, da sogleich nach Eintritt des Hofes die Türen geschlossen wurden. Doch mag wohl auch im Innern der Kirche wenig von der Musik zu hören gewesen sein, da nicht nur mit allen Glocken geläutet wurde, sondern auch von der Festung und den auf der Newa liegenden Kriegsschiffen Kanonensalven gegeben wurden. Das auf dem Platze neben der Kirche aufgestellte Militär vermehrte noch den Lärm durch Kleingewehrfeuer, und das Volk genierte sich im Toben und Lärmen auch nicht sehr. So drang denn nicht ein einziger Ton der Musik bis zu uns auf den Platz. Nach geendetem Gottesdienste ging der Hof zu Fuß durch ein Spalier von Militär in den Senat. Was dort für Zeremonien stattgefunden haben, habe ich nicht erfahren können. Nach einer halben Stunde etwa wurden die Wagen wieder bestiegen, und der Zug kehrte in der frühern Ordnung wieder in den Palast zurück. Abends war die Stadt auf das glänzendste erleuchtet, so schön, wie ich es noch nie sah. Um neun Uhr holte mich Leveque ab und führte mich zuerst in den Sommergarten. Es hingen schwere Wolken am Himmel und drohten, durch einen tüchtigen Platzregen die soeben angesteckten Lampen wieder auszulöschen. Bei den jetzigen hellen Nächten, in welchen es bis zwölf Uhr so hell bleibt, daß man, ohne Licht anzuzünden, lesen und schreiben kann, war aber dieser schwarze Himmel höchst willkommen, weil sonst die Illumination wenig Wirkung gemacht haben würde. Der Garten war sehr glänzend erleuchtet. An beiden Seiten der Allee waren Gerüste errichtet, die dicht mit Glaslampen von verschiedenen Farben behängt waren. Am Ende der Alleen sah man hellerleuchtete Triumphbogen, in deren Mitte die Buchstaben P. (Peter) und A. (Alexander) in Feuer brannten. Auch sämtliche Pavillons des Gartens waren glänzend und geschmackvoll erleuchtet. Aber einen wahrhaft zauberhaften Anblick gewährte die Festung, als wir aus dem Garten an das Ufer der Newa traten. Sie schwamm in einem wahren Feuermeer! Die Granitmauern der Wälle waren mit weißen, die Säulen und das Gesimse[57] des Eingangstors mit roten und die Schilderhäuser auf der Höhe der Mauern mit blauen Lampen behängt. Der zierliche Festungsturm war bis zur höchsten Spitze erleuchtet, und da es völlig windstill, so war auch nicht eine Lampe unangezündet geblieben. Auf unserm Standpunkte spiegelte sich nun noch einmal das ganze Feenbild zu unsern Füßen in der Newa ab! Es war ein Anblick zum Entzücken! Doch der Himmel wurde immer schwärzer und drohender; wir mußten daher eilen, auch andre Gegenden der Stadt zu sehen.

Neben der Brücke, die auch auf das glänzendste erleuchtet war, fanden wir ein großes Kriegsschiff, bis auf die höchsten Spitzen der Masten mit bunten Lampen behängt, zwischen denen unzählige Wimpel flatterten. Die von der Admiralität fächerartig auslaufenden Hauptstraßen, deren mehrere über eine Stunde lang sind, waren taghell erleuchtet und gewährten, von der fröhlichen bunten Menge durchwogt, einen herrlichen Anblick. Unter den öffentlichen Gebäuden, die mit Transparentgemälden und Inschriften reich verziert waren, zeichnete sich besonders die Admiralität aus. Auch einige Privatgebäude hatten Transparente, unter anderen das des Oberkammerherrn von Naryschkin. Mars, von den allegorischen Figuren der Weisheit und Gerechtigkeit begleitet, bekränzte die Buchstaben P. und A., ersterer mit der Unterschrift ›Gloire du premier siècle‹, letzterer ›Gloire du second siècle!‹. – Wir folgten nun dem Strome der Menschenmasse, die nach dem Sommergarten eilte, wo ein großes Feuerwerk abgebrannt werden sollte. Doch kaum hatten wir die Arkaden des Winterpalastes erreicht, als ein plötzlich herabstürzender Platzregen der Herrlichkeit auf einmal ein Ende machte und das eben noch taghelle Petersburg in weniger als einer Minute in ägyptische Finsternis einhüllte! Nur der Platz unter den Arkaden, wohin wir uns geflüchtet hatten, blieb hell erleuchtet. Dieser Umstand verhalf uns noch zu einem eigentümlichen Schauspiel. Die bunte, mit dem Sonntagsstaat behängte Menge, die aus dem Sommergarten nach Haus flüchtete, mußte nämlich vor unserm Standpunkte vorbeidefilieren und nahm sich, triefend von Regen, komisch genug aus. Einige Frauenzimmer hatten in Ermanglung eines Regenschirmes die Röcke über den Kopf gezogen, um ihren Kopfputz zu schützen; andre sogar, auf die Finsternis vertrauend, Schuhe und Strümpfe ausgezogen, um sie zu schonen, und wateten nun barfuß vorüber, nicht wenig erschrocken, einen so hellerleuchteten, mit lachenden Zuschauern besetzten Platz passieren zu müssen! Endlich, nach einer Stunde etwa, hörte der Regen auf, und wir konnten nun auch unsre Wohnungen aufsuchen.

[58] Mittwoch, am 1. Juni (20. Mai) packte ich noch meine übrigen Sachen und ging dann, um von meinen Freunden und Bekannten Abschied zu nehmen. Die Trennung von meinem guten Remy war sehr schmerzlich und kostete uns beiden viele Tränen. Er versprach mir, mich in einigen Jahren, da er dann eine Reise in seine Heimat zu machen gedenkt, in Deutschland aufzusuchen, und ich bin überzeugt, er hält Wort!

Auch der Abschied von meinem Lehrer, dem ich so viel verdanke, wird ein sehr betrübter, um so mehr, da er seit einiger Zeit wieder recht leidend war und ich daher befürchten muß, ihn nie wieder zu sehen!«

Diese Befürchtungen waren nur zu wahr; wir sahen uns nicht wieder! Über seine spätem, zum Teil höchst abenteuerlichen Schicksale habe ich folgendes erfahren, ohne mich jedoch für die strenge Wahrheit desselben verbürgen zu können, da ich es größtenteils nur vom Hörensagen habe.

Eck hatte zu der Zeit, als ich von Petersburg abreisete, ein Liebesverhältnis mit der Tochter eines Mitglieds der kaiserlichen Kapelle angeknüpft, dachte aber nicht entfernt daran, das Mädchen ehelichen zu wollen. Empört über solchen Leichtsinn, hielt ich es für meine Pflicht, die Eltern zu warnen. Es geschah; meine Warnung wurde aber kühl und ungläubig aufgenommen. Einige Monate später, als auf einmal Herrn Ecks Besuche plötzlich aufhörten, gestand die Tochter in Tränen zerfließend, sie sei von ihm verführt und spüre schon die Folgen davon. Die Mutter, eine entschlossene Frau, wußte sich Audienz beim Kaiser zu verschaffen, warf sich ihm zu Füßen und flehte um die Wiederherstellung der Ehre ihrer Tochter. Der Kaiser gewährte. Er ließ in echt kaiserlich-russischer Weise Herrn Eck die Wahl, ob er sich binnen vierundzwanzig Stunden mit seiner Geliebten trauen lassen oder eine Spazierfahrt nach Sibirien antreten wolle. Herr Eck wählte natürlich das erstere. Daß aus einer solchen erzwungenen Ehe bald eine Hölle auf Erden werden mußte, begreift sich leicht. Eck, dessen Gesundheit durch frühere Ausschweifungen ohnehin ganz zerrüttet war, konnte die Einwirkung der täglich sich erneuernden Ehestandsszenen nicht lange ertragen. Er verlor den Verstand und tobte bald dermaßen, daß die Schwiegermutter abermals die Hilfe des Kaisers anflehen mußte. Dieser ließ die Ehe trennen, gab der Frau eine Pension und befahl, ihren Mann unter gehöriger Aufsicht zu seinem Bruder nach Nancy zu schicken. Die Wahl des Menschen, dem der Unglückliche sowie das vom Kaiser bewilligte Reisegeld anvertraut wurden, war aber eine sehr leichtsinnige und verfehlte; denn kaum war er mit seinem Kranken in Berlin angelangt, so erklärte[59] er dem dortigen russischen Gesandten, das Reisegeld sei ausgegeben, und er könne daher seinen Pflegebefohlenen nicht weiterbegleiten. Zugleich legte er dem Gesandten eine Berechnung seiner Ausgaben vor, wonach allerdings die vom Kaiser bewilligte Summe erschöpft war. Es fanden sich aber sonderbare Posten darin, u.a. ein Diner von hundert Gedecken, welches der Verrückte ohne Wissen seines Führers in einem der ersten Hotels von Riga bestellt hatte und welches dieser dann vollständig habe bezahlen müssen. Ob der Gesandte sich bei dieser Berechnung beruhigte, ist nicht bekanntgeworden; der Führer aber war plötzlich verschwunden!

Unterdessen war dem Geisteskranken, der sich nicht mehr bewacht sah, die Lust angekommen davonzulaufen. Nur mit Hemd, Unterhose, Strümpfen und Pantoffeln bekleidet, entwischte er am Abend unbemerkt aus dem Zimmer und dem Gasthause, und da draußen starkes Schneegestöber war, so gelang es ihm auch, unaufgehalten zum Tor hinauszukommen. Erst einige Stunden von Berlin wurde er von Bauern ergriffen, und da diese ihn für einen entsprungenen Sträfling hielten, gebunden nach der Stadt zurückgebracht. Auf der Polizei erkannte man den armen, halb erfrorenen Flüchtling bald für einen Geisteskranken und lieferte ihn ins Irrenhaus ab. Einige Mitglieder der Hofkapelle, die den Unglücklichen wenige Jahre vorher in dem Glanze seiner Künstlerlaufbahn gekannt und bewundert hatten, nahmen sich seiner nun an. Sie veranstalteten unter ihren Kollegen und wohlhabenden Kunstfreunden eine Kollekte, mit deren Ertrag sie ihn unter der Aufsicht eines zuverlässigen Mannes nach Nancy zu seinem Bruder schickten. Dieser verschaffte ihm ein anständiges Unterkommen im Irrenhause zu Straßburg, wo er mehrere Jahre verblieb. Dann hörte seine ehemalige Gönnerin, die verwitwete Kurfürstin von Bayern, von seinem Unglück und sandte ihn zu einem Prediger in oder bei Offenbach. Hier soll er, wenn auch nicht geheilt, doch merklich ruhiger geworden sein, so daß man ihm wieder eine Violine in die Hand geben konnte, der er rührende Melodien entlockt haben soll. – Nach dem Tode der Kurfürstin fand er dann im Irrenhause zu Bamberg ein Unterkommen, wo er 1809 oder 1810 gestorben ist. Nach dieser Abschweifung nun noch einige Auszüge aus dem Tagebuche über die Rückreise in die Heimat.

»Kronstadt, den 2. Juni (21. Mai) Heute vormittag um neun Uhr fuhren wir von Petersburg ab. Bei einem Wachtschiffe am Ausflusse der Newa mußten wir unsere Pässe vorzeigen und erhielten sie zurück, ohne daß es etwas kostete, was uns nach den bisher gemachten Erfahrungen sehr[60] verwunderte. Da der Wind uns entgegen kam, mußten die Matrosen fortwährend rudern, wodurch die Fahrt lang und zuletzt auch langweilig wurde, so daß wir froh waren, als wir endlich um 2 Uhr in Kronstadt ankamen. Wir kehrten beim deutschen Traiteur ein, dessen Ehrlichkeit uns gerühmt war. Er hat aber außer dieser auch vollständig die rauhe Derbheit, um nicht zu sagen, Grobheit konserviert, denn als wir Abend um neun Uhr, von einem Spaziergange zurückkehrend, Abendessen verlangten, antwortete er: ›Jez is keine Tit tau eten, jez geit man slapen!‹ Und damit kehrte er uns den Rücken zu. Ganz verblüfft stiegen wir die Treppe hinauf und hatten uns schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, hungrig zu Bette gehen zu müssen, als er doch noch zum Essen hinunterrufen ließ. Anfangs hatten wir große Lust, es nun zu verschmähen; doch der Hunger siegte über die Empfindlichkeit. Wir gingen hinunter, fanden recht gutes Essen, und der Wirt, der uns selbst bediente, suchte durch Freundlichkeit die vorige Grobheit vergessen zu machen.

Sonnabend, den 4ten Juni Gestern vormittag besuchten wir den deutschen Pastor, dessen Bekanntschaft ich in Petersburg im Bürgerklub gemacht hatte. Er nahm uns sehr freundlich auf und lud uns ein, bis zu unsrer Abfahrt in seinem Hause zu wohnen, welches wir mit Dank annahmen. Da er unverheiratet ist und keine eigne Haushaltung hat, so aßen wir mittags zusammen im engl. Hotel an der Table d'hôte. Nachmittags besahen wir Kronstadt und ließen uns dann zu unserm Schiffe übersetzen. Dort erfuhren wir vom Kapitän, daß er segelfertig sei und nur noch auf günstigen Wind warte. Gegen abend badeten wir in der See und nach dem Abendessen spielten wir unserm Wirte Duetten vor, was ihn sehr zu erfreuen schien.

Heute vormittag mußten wir noch an 2 Orten unsere Pässe visieren lassen. Wir sahen bald, daß es hier ist wie in Petersburg und daß man den Beutel öffnen muß, wenn man nicht an jedem Orte mehrere Stunden aufgehalten sein will. So mußten wir denn für diese beiden Unterschriften noch einen Dukaten springen lassen, nachdem einem jeden von uns der Paß schon 15 Rubel Silber gekostet hat.

Sonntag, den 5. Juni Heute, am ersten Pfingsttage, besuchten wir die deutsche Kirche, wo unser Herr Wirt uns mit einer ganz guten, aber wahrscheinlich nicht eignen Predigt regulierte, denn er las beständig aus dem Konzept und schien dieses nicht einmal genau zu kennen, da er einige Male fast steckenblieb. Er fand es daher auch nötig, wie wir zu Haus kamen, zu bemerken: ›Heute hatte ich mich fast ein wenig[61] zu sehr auf mich verlassen.‹ Abends ließ uns der Kapitän sagen, der Wind sei günstig geworden, und er werde daher morgen früh in See gehen. Wir nahmen daher noch heute abend von unserm Wirt Abschied und legten uns zeitig zu Bett.

An Bord des ›Saturn‹, Montag, den 6. Juni Da heute früh der Wind noch immer günstig war (nämlich Nord-Ost), so begaben wir uns mit unsern Sachen an Bord. Es mußte aber nochmals bei einem Wachtschiffe angelegt werden, so daß es bis neun Uhr dauerte, bis wir in freier See waren und alle Segel aufspannen konnten. Dann ging es bis abends 6 Uhr recht schnell. Da das Schiff trotz der schnellen Fahrt nur wenig Bewegung machte, so befand sich die ganze Schiffsgesellschaft, aus 3 Frauenzimmern und 9 Männern bestehend, fortwährend wohl und ließ sich das Mittagsessen vortrefflich schmecken. Abends sprang der Wind nach West um, und man mußte zu lavieren anfangen. Nun ist das Steigen und Senken des Schiffes schon merklicher, und ich halte es daher für geratener, das Lager zu suchen.

An Bord des ›Saturn‹, den 14. Juni Seit 8 Tagen hatten wir fortwährend Westwind und mußten daher beständig lavieren. Wir sind deshalb auch noch nicht weit von Hochland entfernt, was wir schon am ersten Tage erreicht hatten. Am zweiten Tag ging die See sehr hoch, und es wurden daher die Passagiere nach und nach sämtlich krank. Bei mir fing es mit Kopfschmerzen an, worauf Übelkeit und heftiges Erbrechen folgte. Es war mir so schlecht zumute, daß ich es bitter bereute, zur See gegangen zu sein. Doch am vierten Tage wurde mir besser, und bald kehrte auch der Appetit wieder. Nun befinde ich mich, obgleich die See noch immer sehr unruhig ist, so wohl wie am Lande. Aber nicht allen geht es so gut, denn die Damen und auch einige von den Herren sind noch immer krank und unsichtbar. Herr Leveque und ich amüsieren uns aber jetzt ganz gut. Wir spielen Duetten, lesen, schreiben, zeichnen, gehen auf dem Verdeck spazieren und lassen uns Essen und Trinken recht gut schmecken. So vergeht ein Tag nach dem andern. Doch seufzen wir wie die übrigen nach gutem Winde, denn dieses ewige Lavieren, wobei man nicht vorwärts kommt, ist unerträglich!

An Bord des ›Saturn‹, den 16. Juni. Gestern hatten wir wirklich wieder guten Wind und kamen auch ein Eckchen weiter. Heute ist er aber, obgleich noch immer gut, so schwach, daß wir fast gar nicht von der Stelle kamen. Bis zum Abend wird wahrscheinlich völlige Windstille eintreten.

[62] den 23. Juni Gestern und am 20. hatten wir heftigen Sturm, nachdem schon seit dem 17. beständig widrige Winde geweht hatten. Am 19. wurde der Wind so heftig, daß wir von neuem seekrank wurden. Am andern Morgen tobte der Sturm dermaßen, daß das Schiff in allen Fugen krachte. Ich kroch, so krank ich auch war, hinauf, um das schauerlich schöne Schauspiel anzusehen. Zwar wurde ich tüchtig durchnäßt, denn die Wellen schlugen alle Augenblicke über das Verdeck; auch konnte ich wegen der Kälte und dem schneidenden Winde nicht lange oben aushalten. Aber der Mühe wert war es, zu sehen, wie die Wellen, Bergen gleich, angerollt kamen und uns zu verschlingen drohten, dann uns plötzlich packten, in die Höhe schleuderten und ebenso schnell in einen tiefen Abgrund stürzen ließen! Obgleich ich durch die vorhergegangene unruhige See schon einigermaßen an dieses Schauspiel gewöhnt war, so lief es mir doch bei jedem solchen Sturze eiskalt über den Rücken, und ich würde uns in großer Gefahr geglaubt haben, hätte ich nicht auf des Kapitäns ruhigem Gesichte das Gegenteil gelesen. Dieser gab mit demselben Phlegma wie immer seine Befehle. Schrecklich war es aber anzusehen, wie die Matrosen bis zur höchsten Spitze der Masten hinaufkletterten und dann auf den Rahen hinausrutschten, um die Segel einzureffen. Nur Leute, die bei solchen Gefahren aufgewachsen sind, können mit kaltem Blute dem tobenden Elemente so Trotz bieten. Am 21. wurde es etwas ruhiger, und wir begannen uns zu erholen, doch gestern tobte es von neuem, und wir wurden abermals krank. Heute ist es windstill; da die See aber noch hohl geht, so schaukelt das Schiff auf höchst unangenehme Weise, und man fühlt sich immer noch nicht wohl.

den 27. Juni Seit drei Tagen haben wir wieder guten Wind, und wenn dieser nur noch einen Tag anhält, so dürfen wir hoffen, das Ziel unserer Reise endlich zu erreichen. Gestern segelten wir in nicht sehr weiter Entfernung neben Bornholm, einer dänischen Insel, vorbei. Wir sahen zwei kleine Städte, viele Dörfer und ein sorgfältig bebautes Land. Besonders erfreulich war mir der Anblick der grünen Getreidefelder, den ich so lange entbehrte. Auf einer kleinen Nebeninsel liegt die Festung, wo der Gouverneur residiert. Als wir uns dem Lande näherten, brachten uns Bauern in einem Boote frisches Fleisch, Gemüse und Milch. Letztere erfreute mich besonders, da mir der schwarze Kaffee durchaus nicht hatte munden wollen.

Einige Abende hatten wir bei heiterm Himmel und Windstille ein Schauspiel, wie man es am Lande in dieser Majestät niemals siehet, nämlich[63] den Sonnenuntergang. Es ist nicht möglich, die Pracht der stets wechselnden Farben zu beschreiben, mit der sowohl die am Himmel zerstreueten Wolken wie die einem Spiegel gleiche See übergossen wurde; aber der Eindruck, den dieses erhabene Schauspiel bei der feierlichen Stille des Abends auf die ganze auf dem Verdeck versammelte Schiffsgesellschaft machte, wird mir ewig unvergeßlich bleiben! Ich sah die Gefühllosesten davon ergriffen.

Wir sind jetzt mittags elf Uhr noch 16 Meilen von Travemünde entfernt, und da der Wind fortwährend günstig ist, so hoffen wir noch heute vor Mitternacht anzukommen. Wir sind alle herzlich froh, daß sich unsere Reise nun ihrem Ende nähert, denn wir sind bereits 22 Tage auf der See.

Travemünde, den 28. Juni 1803. Da es gestern abend wieder windstill wurde, so konnten wir erst heute früh um 7 Uhr Anker werfen. Eine halbe Meile vor der Stadt kam der Lotse an Bord, um das Schiff auf die Reede zu steuern. Von ihm erfuhren wir die überraschende Neuigkeit, daß die Franzosen Hannover besetzt haben, was meinen Freund Leveque seiner Eltern wegen sehr beunruhigte. Wir eilten mit dem ersten Boote ans Land und bestellten sogleich einen Wagen, um nachmittags nach Lübeck zu fahren.«

Quelle:
Spohr, Louis: Lebenserinnerungen. Tutzing 1968, S. 11-64.
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