Der Heiratsschwindler

[54] einen der hervorragendsten Plätze im Gefängnis ein, und es wird nicht überflüssig sein, für den Verkehr mit ihm einige Fingerzeige zu veröffentlichen.

Auch der Heiratsschwindler findet dadurch eine nicht zu unterschätzende Unterstützung seines Blühens, Wachsens und Gedeihens, daß das Strafgesetzbuch keines einzigen Landes keine Paragraphen enthält, durch welche jeder und jede Betrogene dafür bestraft werden, daß sie sich haben betrügen lassen. Würden die Opfer der Bauernfänger, der Erbschafts-, Heirats-, Ordens- und Kautionsschwindler, der Kurpfuscher, der Geisterbeschwörer, der vierten Dimensionäre und anderer Betrüger, welche die Dummheit ausbeuten, mit harten Gefängnis- oder Geldstrafen bestraft, so würde sich die Zahl derselben bald bedeutend vermindern, und die Schwindler würden sich auf einen Rest angewiesen sehen, der zwar noch immer Geld genug aufzubringen wissen wird, um einige hundert Gauner zu ernähren, der aber mit der Zeit kleiner würde. Alsdann wäre der Bauernfang auf allen seinen Gebieten keine Rentenquelle mehr, und die Gauner würden gezwungen sein, einem ehrlichen Erwerb nachzugehen.

Der moderne Knigge wollte die Gauner nicht[54] erschrecken. Das Strafgesetzbuch wird keinen einzigen Paragraphen aufnehmen, der die Opfer des Schwindels bestraft, und die Gauner werden nach wie vor genug Opfer finden, um gut oder gar von Renten leben zu können. Die Dummen werden alle Gerichte mit alleiniger Ausnahme des jüngsten überdauern.

Der Heiratsschwindler ist der kühnste unter den Schwindlern. Denn während die übrigen Schwindler sich meist an das männliche Geschlecht wenden, wendet sich der Heiratsschwindler ausschließlich an das stärkste, an das weibliche Geschlecht. Er hätte es unterlassen, wenn er nicht dessen Achillesferse zu seinem Angriffspunkt gewählt haben würde: die Heirat. Ein Mädchen, welches sich fürchtet, sitzen zu bleiben, liebt nur zwei Männer: den, der sie heiraten will, und den Standesbeamten.

Will ein Mädchen oder eine Witwe einmal einen Heiratsschwindler in der Nähe sehen, so erzähle sie einer Freundin, sie habe sich ein hübsches Sümmchen gespart und besitze ein Sparkassenbuch. Das Sümmchen braucht garnicht einmal hübsch zu sein. Gleich kommt ein Heiratsschwindler. Der Heiratsschwindler ist daran zu erkennen, daß er sich rasch verlobt und Geld braucht, um den Rest auf die Mobilien zu zahlen, die Kaution für eine sehr gute Stellung zu deponieren, oder verpfändete Kostbarkeiten einzulösen.

Will die Heiratslustige den Heiratsschwindler los sein, so gestehe sie ihm, daß sie ihn, einen so ehrlichen Mann, betrogen habe, da sie nichts Bares und klein Sparkassenbuch besitze. Sofort wird der Heiratsschwindler unter Mitnahme des Verlobungsringes seiner Braut verschwinden und nicht mehr zu sehen sein.

Führt sich der Heiratsschwindler als Landwirt ein, so lasse sich die Umworbene nicht dadurch täuschen, daß er seufzt, er sei ein notleidender. Er ist trotzalledem kein Landwirt, auch wenn er auffallend gut,[55] namentlich über den Mangel an Arbeitern klagen und die Unterstützung, welche die Industrie durch die Regierung finde, verdammen sollte. Ferner glaube ihm die Umworbene den notleidenden Landwirt auch dann nicht, wenn er gerne einen guten Tropfen trinkt und Austern dazu ißt. Im Gegenteil lasse sie sich von ihm die Lage seines Guts genau angeben und ziehe Erkundigungen ein, um zu erfahren, daß das Gut nicht existiere. Sollte sie ihm aber schon einen Vorschuß auf die Ehe gegeben haben, so verschmerze sie solchen, befreunde sich mit dem Verlust und gebe dem wegen Unterschlagung entlassenen Handlungsgehilfen – denn er ist es – den Laufpaß.

Der Heiratsschwindler ist als solcher auch daran zu erkennen, daß er leider zufällig sein Portemonnaie hat zu Hause liegen lassen. Das ist immer der Fall, wenn der Heiratsschwindler im Wirtshaus bezahlen soll. Hat er nun gar anstatt des Portemonnaies ein Liebesgedicht in der Tasche, so bedauere die Eingeladene, daß er dies Poem nicht an Stelle des Geldes hat zu Hause liegen lassen, hierauf bezahle sie aus eigener Tasche die Zeche und benutze den nächsten Zug der elektrischen Straßenbahn, um davonzufahren. So bewahre sie sich vor einem größeren Schaden, denn der lyrische Heiratsschwindler ist der gefährlichste, er hat die Verse abgeschrieben und pflegt auch schon wegen anderer Diebstähle vorbestraft zu sein.

Gewöhnlich wird früher oder später bekannt, daß er bereits verheiratet ist. Dies soll nicht etwa als eine der Vorstrafen bemerkt sein. Aber es geht daraus hervor, daß er, indem er sich trotzdem um ein Sparkassenbuch zum ewigen Bund bewirbt, gar nicht in die Lage kommen kann, eines seiner Opfer zu heiraten. Könnte dieses auch als ein mildernder Umstand betrachtet werden, so wird doch seine Allgemeingefährlichkeit dadurch nicht geringer.[56]

Der bisher in Betracht gezogene Heiratsschwindler ist der gewöhnliche, in die kleinen Wohnungen und Küchen dringende, der Heiratsschwindler zweiter Klasse. Der erstklassige Heiratsschwindler sucht seine Opfer in teuren Etagen, ist gebildet, elegant gekleidet, bedeutend kostspieliger und kommt, weil sich die Betrogenen ihrer Leichtgläubigkeit und ihres Reinfalls schämen, gewöhnlich mit blauem Auge und heiler Haut davon. Die Bekanntschaft hat immer auf einer Sommerreise oder in einem Badeort begonnen und endet regelmäßig mit einem kleinen oder größeren Skandal.

Reiche Witwen haben jeden, der sich ihnen nähert, mit größter Vorsicht zu behandeln, mit größerer, wenn sie nicht mehr begehrenswert sind. Sie werden sich dies allerdings nicht eingestehen, besonders wenn sie sich im Spiegel betrachten, in welchen Momenten sie bekanntlich überaus frech belogen werden, d.h. sich selbst belügen. Werden sie aber in diesem Selbstbetrug dadurch unterstützt, daß ihnen plötzlich sehr ernsthaft der Hof gemacht und ihnen angeschmachtet wird, der Anschmachter verehre in ihnen ein Ideal und könne nicht ohne sie weiterleben, so ist ihnen dringend zu raten, sich zu fragen, ob ihnen dergleichen vor ihrer ersten oder zweiten Ehe gesagt worden sei. Müssen sie diese Frage verneinen, – sie müssen sie verneinen, – so dürfen sie überzeugt sein, daß sie auf dem besten Wege sind, die Beute eines tüchtigen Heiratsschwindlers zu werden. Selbstverständlich fragen sie sich nicht, oder beantworten diese Frage nicht in der angedeuteten ehrlichen Weise.

Sollten sie fürchten, daß ihnen ihr Bade-Don Juan untreu und sie rasch vergessen werde, so ist dies ein Beweis dafür, daß sie viel Talent haben, Beute zu werden. Denn der Heiratsschwindler wird sie, wenn sie in ihre Heimat zurückgekehrt sind, sicher aufsuchen und ihnen den Meineid ewiger Liebe erneuern.[57]

Es könnte ja vorkommen, daß die werten Frauen genau über den Stand ihrer Börsenpapiere unterrichtet sein möchten. Dann mögen sie sich vertrauensvoll an ihren Anbeter wenden, der ihnen besser Auskunft geben wird als ihr Vormund oder Bankier, da der Heiratsschwindler sich längst außerordentlich gut orientiert hat.

Sehr interessant weiß der Heiratsschwindler zu erzählen. Er weiß den reichen Onkel, welchen er beerben wird, derart lebendig zu schildern, daß die Hörerinnen ihn förmlich mit einem Fuß im Grabe stehen sehen, obschon er nie gelebt hat, und der Schwindler hat das Talent, die goldenen Berge, welche er ihnen verspricht, in einer so deutlichen Weise darzustellen, daß sie sie in der flachen Ebene vor der Stadt deutlich liegen sehen.

Sind die reichen Damen, welche die Beute des Heiratsschwindlers werden sollen, noch wenigstens so jung, daß sie richtig fürchten können, alte Jungfern zu werden, wenn sie nicht zugreifen, so dürfen sie nicht weiter ängstlich sein, daß sie den Anschluß an die Verlobung versäumen, wenn er selbst nicht zu fürchten braucht, daß ihr Vermögen etwa nicht flüssig sei und daß sie frei darüber verfügen können. In diesem Fall hat der Heiratsschwindler immer einen Verlobungsring in der Tasche. Braucht er aber zur Übernahme einer Fabrik oder zu einer anderen höchst vorteilhaften Unternehmung einen größeren Teil des Vermögens der Witwe oder unverheirateten älteren Dame, so ist ihr zu raten, einige Tage mit der Auszahlung an den Heiratsschwindler zu warten, da er während dieser Zeit vielleicht von der Polizei mit Erfolg gesucht und dingfest gemacht wird. Durch dieses in größeren Städten kaum beachtete Ereignis stellt es sich dann heraus, daß der gefundene Geldsucher bereits von mehreren mit Gütern reich gesegneten[58] Damen beträchtliche Summen zur Übernahme einer Fabrik oder zu einer andern höchst vorteilhaften Unternehmung in Empfang genommen hat.

Sollten sich nun die Damen es nicht erklären können, daß der Verhaftete immer so sorgenlos erschienen sei und niemals über Schlaflosigkeit geklagt habe, so mögen sie überzeugt sein, daß er diesen beneidenswerten Zustand ihnen allein zu danken hatte. Ihre ihn erquickende Dummheit, Vertrauensseligkeit und Eitelkeit waren es, welche ihn vollständig beruhigten, so daß er sich sagen konnte: Die Gänse laufen uns nicht davon.

Wenn auch


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1903, Bd. IV, S. 54-59.
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