der neue König

der neue König

[109] völlig unschuldig ist und das Schicksal seines Vorgängers tief beklagt. Aber man fürchte nichts für die Königsmörder, denn es wird ihnen nichts Böses zugefügt werden.

Man glaube, daß der neue König ein König von Gottes Gnaden sei, denn es wäre eine Majestätsbeleidigung, dies zu bestreiten, und strafbar. Aber man denke dabei nicht an die Morde, welche den Thron für den neuen König erledigt haben, denn das wäre eine Gotteslästerung, welche allerdings nicht bestraft wird.

Man sei gegen den neuen König nachsichtig, freundlich, milde, artig, zuvorkommend und rücksichtsvoll, denn man darf nicht vergessen, daß es kein großes Vergnügen ist, König eines Landes zu werden, welches gestern den Mördern seines Vorgängers zugejubelt hat und dessen Parlament alles gut hieß, was sie und wie sie's begangen haben.

Wenn der neue König auf diesen noch nicht ganz gereinigten Thron steigt, so juble man ihm zu und schreie so viel Hurras, wie man auszutreiben vermag, denn er hat eine gewisse Aufmunterung nötig, um auf seinem Thron sitzen zu können, von dem sein Vorgänger herunter und dessen Leiche aus dem Fenster geworfen worden ist.

Man sehe ihm nicht zu scharf ins Gesicht, wenn er von seinem treuen Volke spricht, von demselben Volke, welches auch vor den Mördern seines Vorgängers den Hut zieht und stramm steht. Denn er hat es vielleicht nicht gern, wenn man merkt, daß er dabei ironisch lächelt, oder die Stirn runzelt.[109]

Eine Einladung des neuen Königs zum Speisen lehne man höflichst dankend ab, gebe aber einen plausiblen Grund für die Ablehnung an, damit man bei Hof nicht die Absicht merke und verstimmt werde. Denn gerade während des Diners kann die Militärrevolution ausbrechen, und die in den Speisesaal stürmenden patriotischen Herren, welche die herrschende Dynastie zur Strecke bringt, ist vielleicht derart erregt, daß sie auch die anwesenden Gäste ebenfalls abschießt, denn während einer Militärrevolution, wie wir dies im Konak erfahren haben, pflegt zur Prüfung der den Mördern vor die Flinte kommenden Individuen keine Zeit zu sein, im Gegenteil ziehen es die Mörder vor, um gründliche Arbeit zu liefern, lieber einige Unschuldige mehr umzubringen, als durch Schonung etwa den Erfolg des Unternehmens zu gefährden. Ist dies aber einmal geschehen, so ist es zu spät, wenn hinterher das serbische Regierungsblatt offiziell bedauernd versichert, daß einige vornehme Tischgäste des Königs durch den patriotischen Eifer der Edelsten der Nation ums Leben kamen. Das mag ja sehr tröstlich klingen, hat aber für die Erschlagenen und deren Familie keinen eigentlichen Wert.

Man sei auch vorsichtig für den Fall, daß man dem neuen oder dem ihm folgenden König Kredit gewähren, oder in eine ähnliche Geschäftsverbindung mit ihm treten soll. Die unausbleibliche Palastrevolution wird ohne Zweifel alle Wechsel, Forderungen und Kontrakte entwerten, und man ist dann auf das leere Nachsehen angewiesen und um einen beträchtlichen Teil der Vermögens, wenn nicht um alles gebracht.

Man wünsche dem neuen König eine lange segensreiche Regierung, wenn ihm dies auch nichts nützt, da die Länge der Regierungszeit von den Offizieren des Leibregiments bestimmt zu werden pflegt.[110] Aber es macht dem neuen König doch immer Vergnügen, etwas anderes zu hören als: Abdanken! Abdanken!

Hat man die zufällige Ehre, dem neuen König zum Verwechseln ähnlich zu sehen, so treffe man schleunigst Abhilfe. Man verändere wesentlich den Bart, gewöhne sich das Tragen einer Brille an und verwische in anderer Weise die Spuren der Ähnlichkeit. Denn eine auch nur annähernde Ähnlichkeit könnte doch einen der vielen Königsmörder veranlassen, auf den ganz unschuldigen Spaziergänger loszufeuern oder zuzustechen und ihn zu töten. Dies ist nun zwar durch eine Veränderung der Bartform u.s.w. nicht ganz ausgeschlossen, aber man hat doch die Pflicht gegen sich selbst, die Möglichkeit, mit dem neuen König verwechselt zu werden, tunlichst zu verringern.

Jeder hüte sich wohl, auf irgend einem Gebiet des öffentlichen und politischen Lebens, der Verwaltung oder der Wissenschaft etwas außerordentliches zu leisten und zwar derart, daß diese Leistungen die Aufmerksamkeit des neuen Königs erwecken. Denn es könnte doch dem neuen König einfallen, sich eines solchen tüchtigen Staatsbürgers im Interesse des öffentlichen Dienstes zu erinnern, wenn ein Ministerposten zu besetzen sein sollte. Wer dann ein solches Portefeuille annimmt, pflegt im gegebenen Moment gleichfalls ein Opfer des Massacres zu werden, welches unausbleiblich ist, und hat sich dies dann selbst zuzuschreiben.

Wird man während einer Ministerkrisis in den Palast befohlen, so fürchte man, mit der Bildung eines neuen Ministeriums beauftragt zu werden, und für den Fall, daß dies Befürchtung begründet gewesen, lehne man den ehrenvollen Auftrag ab, da man in dem zu bildenden Ministerium doch jedenfalls ein Portefeuille übernehmen müßte und damit also schon ziemlich rettungslos verloren wäre.[111]

Hat man aber in einem unbewachten Augenblick Ja gesagt, und ist infolgedessen in den Besitz eines der lebensgefährlichen Portefeuille gekommen, so bitte man täglich den Gott der Serben, er möge das Land vor einer Militärrevolution bewahren, den König beschützen und jede Verschwörung, welche den Thron zu stürzen angezettelt wird, vereiteln. Eine solche tägliche Bitte pflegt in Serbien absolut nichts zu nützen, aber man wird doch sehen, daß sie den Bittenden etwas beruhigt und befähigt, dann und wann eine nicht ganz schlaflose Nacht zu verbringen.

Hat man sich das Vertrauen des neuen Königs erworben und kann man jeden Augenblick einen Beweis dieses Vertrauens erwarten, indem man auf einen hohen Posten berufen, oder für eine Art Lucanusstellung auserwählt wird, durch welche man dauernd an die Person des Monarchen gefesselt erscheint, so verlasse man von Zeit zu Zeit Belgrad und das Land, um irgendwo im Ausland aus Gesundheitsrücksichten zu verweilen. Denn Belgrad ist ein unsicherer Aufenthalt, und wenn die oft erwähnte Revolution ausbricht, so gewährt es eine gewisse Beruhigung, wenn man in den Zeitungen liest, in welcher Weise das Blutbad arrangiert war, während es sich doch frägt, ob man diesem Blutbad entronnen wäre, wenn man Belgrad nicht verlassen hätte.

Man denke stets daran, daß es vorteilhaft ist, nicht in Belgrad zu sein. Belgrad ist, wenn man einen Serben fragt, ohne Zweifel eine der schönsten Städte der Welt. Wenn man aber keinen Serben fragt, so gibt es noch schönere Städte in der Welt, welche auch die an genehme Eigenschaft haben, daß in ihnen keine Königsmörder leben, zu deren Gewohnheit es gehört, nicht ausschließlich Könige zu töten, sondern auch die diesen nahestehenden Persönlichkeiten umzubringen. Derartige Patrioten machen niemals den[112] Aufenthalt in einer schönen Stadt angenehm. Im Gegenteil.

Es will jetzt dem modernen Knigge scheinen, als habe er seinen Hörerkreis schon zu lange von den Herren unterhalten, welche sich das Ermorden von Königen und deren Gattin und Vertrauten zur Lebensaufgabe gemacht haben. Denn immerhin arbeiten diese Herren doch auf einem uns entlegenen Felde, und man braucht dieses ja nur zu meiden, wenn man nicht mit ihnen in Berührung kommen will.

Wenn der moderne Knigge aber, wie es ihm scheinen will, mit vollem Recht auf die Lebensgefährlichkeit dieser Mörder deutlich hingewiesen hat und namentlich betont, daß die Sicherheit der Städte unter ihrer Anwesenheit in denselben bedenklich leidet, so soll doch nicht übersehen werden, daß es noch andere Lebensgefährliche gibt, welche das Leben in den Städten gefährden, wenn sie sich auch nicht mit Schuß- und Hiebwaffen überflüssig und lästig zu machen pflegen.

Zu solchen unerfreulichen Mitbürgern ist in neuerer Zeit


Quelle:
Stettenheim, Julius: Der moderne Knigge. Berlin 1903, Bd. IV, S. 109-113.
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