I. Defilir-Cour.

[31] Die Defilir-Cour (der sogenannte salut du trône) ist diejenige Art der Cour, bei welcher die dazu berufenen Personen, und zwar zuerst alle Damen und dann alle Herren, einzeln dem Range nach, vor dem unter dem Throne befindlichen Allerhöchsten resp. Höchsten Herrschaften defiliren und denselben dabei durch Verneigung ihre Ehrfurcht ausdrücken. Bei den Couren vor Ihren Königlichen Majestäten wird die erste Verbeugung an Seine Majestät den König, die zweite an Ihre Majestät die Königin und die dritte an beide Königliche Majestäten zugleich gerichtet. Die einfachste und am häufigsten vorkommende Defilir-Cour ist diejenige, welche vor Ihren Königlichen Majestäten alljährlich bei der Feier des Krönungs- und Ordensfestes im Rittersaale des Königlichen Schlosses zu Berlin stattfindet. Dieselbe beschränkt sich lediglich auf Herren, und zwar auf die am Tage des Festes decorirten Ritter und Inhaber des Rothen Adler-Ordens, des Kronen-Ordens und des Königlichen Hausordens von Hohenzollern. Der Hergang dabei ist folgender. Der Präses der General-Ordens-Commission meldet zu dem entsprechenden Zeitpunkte Seiner Majestät dem Könige, Allerhöchstwelche diese Meldung im Kurfürstenzimmer erwarten,[31] dass im Rittersaale Alles zur Cour vorbereitet sei. Ihre Königlichen Majestäten, begleitet von den Prinzen und den Prinzessinnen des Königlichen Hauses, erheben Sich aus dem Kurfürsten-Zimmer nach dem Rittersaale, unter Vortritt der Obersten Hof-, Ober-Hof-, Vice-Ober-Hof- und Hofchargen, und gefolgt von dem Minister des Königlichen Hauses und allen andern Personen Allerhöchstderen Gefolges. Vor den Hofchargen, an der Spitze des Zuges, gehen herkömmlicher Weise die Fouriere und die Pagen, insofern letztere nicht zum Schleppentragen verwendet sind. Zwei Pagen stehen im Rittersaale am Throne.

Nachdem Ihre Königlichen Majestäten Sich unter den Thron vor den daselbst stehenden zwei Sesseln gestellt, Ihre Kaiserliche und Königliche Hoheit die Kronprinzessin, so wie Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzessinnen des Königlichen Hauses rechts, Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz und Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzen des Königlichen Hauses links vom Throne, die Hofchargen und das Gefolge rückwärts Höchstderselben ihre Stellung eingenommen haben, beginnt mittelst Namens-Aufrufs klassenweise in alphabetischer Ordnung das Defiliren der dem Throne gegenüber aufgestellten obengenannten neuen Ritter und Inhaber. Der Präses der General-Ordens-Commission ruft die Namen auf, die Mitglieder dieser Behörde, event. unterstützt von einem Ceremonienmeister, beaufsichtigen das Defiliren, während der Ober-Ceremonienmeister, welcher vom Throne links vor den Königlichen Prinzen, also der General-Ordens-Commission gegenüber, seine Stellung einnimmt, dafür Sorge trägt, dass die Defilirenden, nachdem sie von der rechten nach der linken Seite hinüberschreitend, sich vor Ihren Majestäten verbeugt haben, unverweilt nach der Schloss-Kapelle zu dem daselbst später stattfindenden Gottesdienste geführt werden.

Eine andere Defilir-Cour ist die am Abend der Vermählung Königlicher Prinzen oder Prinzessinnen stattfindende sogenannte Spiel-Cour, welche, insofern die betreffende Vermählung im Königlichen Schlosse zu Berlin gefeiert wird, im Weissen Saale erfolgt. Zu diesem Behufe setzen Ihre Königlichen Majestäten Sich mit dem Hohen Brautpaare an den unter den Thronhimmel gestellten Spieltisch. Ihre Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin, Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzen und die Prinzessinnen, sowie die übrigen Höchsten Herrschaften setzen Sich gleichfalls zum Spiele, wozu[32] mehrere Tische zu beiden Seiten des Thrones hingestellt sind. Die Hofchargen stehen hinter dem Stuhle Seiner Majestät, der Hofstaat Ihrer Majestät der Königin hinter Allerhöchstderen Stuhle; hinter den Stühlen Ihrer Königlichen Hoheiten der Prinzen und der Prinzessinnen stehen Höchstderen Kavaliere und Damen. Die anwesenden Personen nähern sich den Spieltischen und machen, in ununterbrochener Reihe fortschreitend, Ihren Königlichen Majestäten und dem Hohen Brautpaare ihre Cour. Seine Majestät der König beendigen das Spiel, sobald der Ober-Hof-und Haus-Marschall das Souper anmeldet.

Uebrigens mag hier nicht unbemerkt bleiben, dass bei diesen sogenannten Spiel-Couren schon längst nicht mehr gespielt wird. Die Zeit, wo die Courmachenden die Spieltische, an welchen wirklich gespielt wurde, umkreisten, ist längst vorüber, und es darf somit, wenn man bedenkt, dass zu jener Zeit höchstens 3–400 Personen einer solchen Spiel-Cour beiwohnten, während jetzt über 1000 Personen daran Theil nehmen, als eine der schwierigsten Aufgaben des Ober-Ceremonienmeisters bezeichnet werden, bei einem solchen Acte die wünschenswerthe Ordnung aufrecht zu erhalten, und zwar um so mehr, als einer wirksamen Handhabung derselben in der Regel auch noch die Beschränktheit der Localitäten hemmend entgegentritt. Nach dem bestehenden Herkommen sitzen die Allerhöchsten und die Höchsten Herrschaften während dieser Cour an den Spieltischen, und es muss daher hier hervorgehoben werden, wie für die letzte derartige Spiel-Cour, welche am 19. April 1873, am Abend der Vermählung Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Albrecht von Preussen mit Ihrer Hoheit der Prinzessin Maria von Sachsen-Altenburg, im Weissen Saale des Königlichen Schlosses zu Berlin stattfand, Seine Majestät der König, Allerhöchstwelche ebenso wie Ihre Majestät die Königin bei jeder Gelegenheit das huldreichste und rücksichtsvollste Entgegenkommen bekunden, zu befehlen geruht hatten, dass, abweichend von dem bisher beobachteten Herkommen, während des Defilirens des diplomatischen Corps, an dessen Spitze die Botschafterinnen einherschritten, Niemand an den Spieltischen Platz nehmen, und dass vor Seiner Majestät dem Könige, Ihrer Majestät der Königin und dem Hohen Brautpaare ein Spieltisch erst dann aufgestellt werden sollte, wenn das diplomatische Corps vor dem Throne defilirt sein würde. Dieser Tisch stand inzwischen unter der Marmorstatue auf der Kapellenseite des Weissen Saales und[33] wurde im entsprechenden Augenblicke auf ein Zeichen des Ober-Ceremonienmeisters von zwei Kammerdienern herbeigetragen, während die dienstthuenden Leibpagen die rechts und links vom Throne an der Wand in Bereitschaft gehaltenen Stühle für die Allerhöchsten Herrschaften und das Hohe Brautpaar in der vorgeschriebenen Weise aufstellten.

Aus der Zeit der Krönung muss hier zweier Vorgänge dieser Art, welche den Drawing-rooms Ihrer Majestät der Königin von Grossbritannien und Irland entsprechen, gedacht werden, nämlich der Gratulations-Cour, welche am 19. October 1861 im Königlichen Schlosse zu Königsberg, und der Gratulations-Cour, welche am 23. Oktober desselben Jahres im Königlichen Schlosse zu Berlin stattgefunden hat. Beide Couren waren Defilir-Couren der feierlichsten Art, weshalb in den Beilagen 1 und 2 dasjenige mitgetheilt wird, was das im Verlage der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R.v. Decker)1 auf Allerhöchsten Befehl herausgegebene Werk. »Die Krönung zu Königsberg am 18. October 1861« darüber enthält.

Eine Defilir-Cour feierlichster Art war auch die Trauer-Cour, welche aus Veranlassung des Hinscheidens Seiner Majestät des Königs Friedrich Wilhelm IV. bei Ihrer Majestät der Königin am 31. Januar 1861 in den Paradekammern des Königlichen Schlosses zu Berlin sattfand, und bei welcher alle courfähigen Herren und die bei Hofe vorgestellten verheiratheten und verwittweten Damen, so wie die Stiftsfräulein erschienen.

Die Bestimmungen über den bei dieser Veranlassung Allerhöchstbefohlenen Anzug, so wie über die Entrée und Versammlung der verschiedenen Kategorien der Gesellschaft sind aus der Beilage 3 zu ersehen. Das zur Cour bestimmte Gemach war die rothe Sammetkammer, welche zwischen der Schwarzen Adler-Kammer und der alten Kapelle gelegen ist. Unter einem Dais von schwarzem Sammet, den Fenstern gegenüber, deren Vorhänge zugezogen waren, stand der mit violettem Sammet bekleidete Thronsessel. Ausser demselben befanden sich in diesem Gemache, welches durch die Lichter der Wand- und Kronleuchter erhellt wurde, keine Stühle. Der Spiegel dem Throne gegenüber war durch Krepp verhüllt. Auch die alte Kapelle, ebenso wie die Schwarze Adler-Kammer und der Rittersaal, woselbst an dem mit zwei rothen Sammetsesseln besetzten Throne zwei Hofpagen Wache hielten, waren durch Verhängung der[34] Fenster verfinstert. An den geöffneten Thüren der rothen Sammetkammer waren nach innen zu je zwei Leibpagen, nach aussen je zwei Königliche Kammerdiener, an den anderen Thüren der Gemächer nach dem Weissen Saale, sowie nach dem Schweizersaale zu, war die Königliche Livreedienerschaft aufgestellt. Die Garde-Unteroffizier-(jetzige Schlossgarde-) Compagnie gab die Wache. Ihre Majestät die Königin begaben Allerhöchstsich, unter dem Vortritt des Schloss-Hauptmanns von Coblenz, Kammerherrn Grafen von Boos-Waldeck, und gefolgt von den Damen Allerhöchstihres Hofes, von dem Schweizersaale aus nach den Paradekammern.

Im Schweizersaale wurden Ihre Majestät von den Hofchargen empfangen, welche Allerhöchstdenselben bis zur rothen Sammetkammer vortraten.

Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzessinnen und die Prinzen des Königlichen Hauses, Höchstwelche von der Cour in Kenntniss gesetzt worden waren, fuhren an der Wendeltreppe vor und versammelten sich im Kurfürstengemach, Höchstderen Gefolge in der boisirten Galerie.

Von den übrigen zur Cour Befohlenen fuhren:

1. Die Frau Herzogin von Sagan, die Fürsten und die Fürstinnen aus mediatisirten Häusern, der regierende Graf zu Stolberg-Wernigerode und das Haus Radziwill, an welche besondere Einladungen ergangen waren, sowie

2. das diplomatische Corps,

bei Portal No. 4. vor und gingen über die Theatertreppe und durch die alte Kapelle, Erstere nach der Bildergalerie, woselbst eine besondere Abtheilung reservirt war, Letzteres nach dem Grünen Salon.

Die landsässigen (Preussischen) Fürsten, die Excellenzen, so wie sämmtliche Damen begaben sich über die in der Ecke des grossen Schlosshofes, der Wache gegenüber, befindliche Treppe nach den neben der Bildergalerie gelegenen Nebenkammern.

Die übrigen Eingeladenen fuhren bei Portal No. 3. vor und begaben sich durch den Weissen Saal nach dem Königinnen-Gemach und der Bildergalerie.

Der Weisse Saal war ausschliesslich für die Offizier-Corps bestimmt.

Die zur Cour Befohlenen wurden je nach den verschiedenen Kategorien von dienstthuenden Kammerherren empfangen und von diesen s.Z. in das Thronzimmer eingeführt.[35]

Die Offizier-Corps im Weissen Saale wurden durch besonders commandirte Stabs-Offiziere aufgestellt und von denselben auch zur Cour geleitet.

Sobald Ihre Majestät die Königin Sich auf den Thronsessel niedergelassen hatten, stellten Allerhöchstderselben sich zur Rechten, etwas rückwärts, die erste der Damen und dieser zur Seite, noch weiter rückwärts, die beiden anderen Hofdamen, so wie der Schlosshauptmann von Coblenz, Kammerherr Graf von Boos-Waldeck, links vom Throne der Oberst Truchsess Graf von Redern und ihm zur Seite weiterhin die grossen Hofchargen, die älteren ihm zunächst.

Nachdem Ihre Majestät dem Ober-Ceremonienmeister den Auftrag ertheilt hatten, Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzessinnen und die Prinzen des Königlichen Hauses davon zu unterrichten, dass Ihre Majestät die gedachten Höchsten Herrschaften zu empfangen bereit seien, begab derselbe sich nach den Appartements Seiner Majestät König Friedrichs I., führte Ihre Königlichen Hoheiten durch die Paradekammern, den Rittersaal und die Schwarze Adler-Kammer in das Thronzimmer ein und nahm seine Sellung dem Throne gegenüber am Pfeiler unter dem Spiegel. Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzessinnen und Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzen traten einzeln in das Thronzimmer ein, und stellten Sich, von Ihrer Majestät hierzu aufgefordert, die Prinzessinnen vom Throne rechts, die Prinzen vom Throne links auf, bis der letzte Prinz Ihrer Majestät die Cour gemacht hatte.

Die Gefolge der Höchsten Herrschaften waren in der Schwarzen Adler-Kammer zurückgeblieben, um Ihren Königlichen Hoheiten sogleich wieder folgen zu können, wenn Höchstdieselben von Ihrer Majestät entlassen und Sich unter Vortritt des Ober-Ceremo nienmeisters nach dem Schweizersaale begeben würden. Von dort gelangten Ihre Königlichen Hoheiten seiner Zeit über die Wendeltreppe zu Ihren Equipagen.

Sobald Ihre Königliche Hoheiten die Prinzessinnen und die Prinzen des Königlichen Hauses das Thronzimmer verlassen hatten, wurden successive alle andern Kategorien in dasselbe eingeführt. Dieselben passirten nach dem salut du trône die Schwarze Adler-Kammer und begaben sich nach dem Schweizersaale. Von dort aus war für alle zur Cour Erschienenen, und zwar an der Wendeltreppe, die Abfahrt. Den Schluss bildeten[36] die gesammten Offizier-Corps, deren Mitglieder, immer je zu Vieren vorschreitend, ihre Cour machten.

Nach Beendigung der Cour erhoben Sich Ihre Majestät die Königin und begaben Allerhöchstsich unter Vortritt der Hofchargen wieder nach dem Schweizersaale zurück.

Die Defilir-Couren, welche aus Veranlassung der Verlobung oder Vermählung eines Königlichen Prinzen oder einer Königlichen Prinzessin befohlen werden, sind, natürlich mit den entsprechenden Abstufungen, ganz ähnlicher Art. Ein genaueres Bild derselben dürfte die Beilage 4 geben, welche eine Beschreibung der Gratulations-Cour enthält, die bei Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Charlotte von Preussen aus Veranlassung Höchstderen Verlobung mit Seiner Hoheit dem Erbprinzen von Sachsen-Meiningen am 29. December 1849 im Königlichen Schlosse zu Berlin stattfand.

Fußnoten

1 Jetzt R.v. Decker's Verlag G. Schenck, Königl. Hofbuchhändler.


Quelle:
Stillfried-Alcántara, Rudolf von: Ceremonial-Buch für den Königlich Preußischen Hof I. - XII. Berlin 1877.
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