Besuche machen und Besuche empfangen.

Ort der Handlung: Der kleine Rokokosalon bei Amtsrichter von Mehren, hellblau mit geblümter Seide. Auf der geschweiften Causeuse sitzen Frau Nelly von Mehren und ihre ältere, aber dennoch intimste Freundin Frau Ilse Bernhard.


Fr. B.: »Also einstweilen, mein Herz, lebt Ihr noch ganz für Euch und habt keinen Blick für die Außenwelt?«

Fr. v. M.: »Doch, doch, Ilse, wir denken schon ernstlich ans Besuche machen. Mir, die ich nur den Verkehr von Gut zu Gut kenne mit seiner weitherzigen Gastfreundschaft, ist der Gedanke an die steifen, gesellschaftlichen Formen, in denen sich der städtische Verkehr bewegt, entsetzlich –«

Fr. B.: »Nichts ist, bei Licht besehen, so schlimm, wie es aussieht, Liebe. Lerne die Formen beherrschen, und Du fühlst Dich ebenso frei und sicher wie daheim! (Sie steht auf, um das Feuer im Kamin zu schüren.) Jetzt im Spätherbst ist die passendste Zeit zum Anknüpfen eines geselligen Verkehrs. Aber wie mir scheint, hast Du ein ganz klein wenig Angst?«[79]

Fr. v. M.: »Wenig? Sehr viel sogar!«

Fr. B.: »Du Aermste! Nun, ich will Dir so viel Helfen, als ich kann. Habt Ihr Euch schon eine Liste ge macht?«

Fr. v. M.: »Eine Liste? Wovon denn?«

Fr. B.: »Von den Familien, denen Ihr durch die amtliche Stellung Deines Mannes verpflichtet seid, einen sogenannten Antrittsbesuch zu machen, – zu diesen geht Ihr natürlich zuerst, denn der Reigen der Besuche beginnt stets bei den direkten Vorgesetzten – und von denjenigen, mit denen Ihr sonst verkehren wollt, sei es weil Du oder Dein Gatte Beziehungen zu ihnen habt, oder weil sie zu der hiesigen ersten Gesellschaft gehören wie Ihr und ein Haus machen. Zu Junggesellen geht Dein Mann natürlich allein, wie ja eine Dame nie allein die Wohnung eines Junggesellen, es sei denn eines alten Verwandten, betreten wird, ebenso zu Witwern, falls diese nicht erwachsene Töchter oder eine in die Gesellschaft aufgenommene Hausdame haben. In letzterem Falle begleitest Du ihn. Zu alleinstehenden Damen dagegen wird Dich Dein Gatte begleiten. – Auf dieser Liste nun notiert Ihr ebenfalls die genaue Adresse, damit kein Aufenthalt durch Nachfragen und Erkundigungen entsteht und der Diener den Kutscher richtig instruieren kann. Ihr wollt doch fahren, taxiere ich?«

Fr. v. M.: »Natürlich, damit die Sache so schnell als möglich erledigt ist.«

Fr. B.: »Aber weißt Du, Nelly, Du lernst auf diese Weise wenige Deiner neuen Bekannten kennen! Besuch, der im Wagen vorfährt und die Karten durch[80] den Diener hineinschickt, wird in den seltensten Fällen angenommen. Jeder weiß: Die haben's eilig und wollen viel an einem Tage abmachen! Viele wollen auch dem vorfahrenden Besuch die Mühe des Aussteigens ersparen, kurz, er wird nirgends empfangen.«

Fr. v. M.: »Ach, das wäre ja herrlich! Ich fürchte mich so davor, alle diese fremden Menschen kennen zu lernen!«

Fr. B.: »Liebchen, kennen lernen mußt Du sie ja doch, und es ist ungleich angenehmer, die Bekanntschaft der Menschen gleich zu Anfang zu machen; dann wird es Dir leichter sein, ihren Gegenbesuch im eigenen Hause zu empfangen. Innerhalb der nächsten drei Wochen erfährt jeder Besuch seine Erwiderung. Länger mit dieser Höflichkeitspflicht zu zögern, ist unfreundlich, ja verletzend, denn jeder Besuch ist eine Aufmerksamkeit für den, dem er gemacht wird, und muß als solche betrachtet werden. Besuche zum Zweck von Erkundigungen z.B. über Dienstboten bleiben unerwidert.«

Fr. v. M.: »Aber wenn ich die Leute nicht annehme und mich einfach verleugnen lasse?«

Fr. B.: »Das wirst Du nicht thun, liebe Nelly, das könnte unter Umständen sehr unangenehme Folgen heraufbeschwören. Besuch soll man immer annehmen, wenn es irgend angeht. Das Verleugnenlassen der Hausfrau hat Anlaß zu gar mancher Feindschaft gegeben. Da heißt es an der Thür, die gnädige Frau wäre nicht zu Hause, oder, nachdem der dienstbare Geist die Anwesenheit der Hausfrau bestätigt und die anmeldende Karte hineingetragen hat, kommt er mit einem verlegenen:[81] ›Die Herrschaft ist schon fort‹ wieder. Wen verletzte dieses absichtliche Verleugnenlassen nicht! Sagt man sich wohl auch, daß die Absage nicht der Person, sondern dem im Augenblick ungelegen kommenden Besuch gilt, so bleibt doch der unangenehme Eindruck, abgewiesen zu sein, der sich bei empfindlichen Seelen zur Verbitterung steigern kann. Gewiß giebt es Lagen, wo es der Hausfrau unmöglich ist, Besuche anzunehmen. In diesem Fall instruiere sie ihre Leute im voraus und ordne an, daß sie dem Besuchenden sofort beim Thüröffnen sagen: ›Die gnädige Frau empfängt heute nicht.‹ In dieser Form kann ein Nichtannehmen nichts Verletzendes haben. In der Zeit, wo Du also Deine Gegenbesuche erwartest es kann jeden Tag sein, da man nur an hohen Feiertagen, z.B. am Karfreitag, am ersten Weihnachtstag, es unterläßt, Besuche zu machen vergiß nicht, Johann und Babette morgens, etwa nach dem zweiten Frühstück, zu sagen, ob Du an diesem Tage empfangen willst oder nicht.«

Fr. v. M.: »Sag, Ilse, muß ich denn den ganzen Tag auf dem Qui vive sein?«

Fr. B.: »Die offizielle Visitenstunde ist fast überall in unserem Vaterland die Zeit von 12–2 Uhr. In Süddeutschland, wo um 1 resp. 11/2 Uhr zu Mittag gespeist wird, beginnt sie bereits um 1/212 Uhr. Während man in Norddeutschland der späten Mittagessenszeit halber fast ausnahmslos nur vor dem Essen, höchstens bis 31/2 Uhr Besuche macht, kann man sich in Mittel- und Süddeutschland von 4–6 Uhr nochmals zu Besuchen rüsten. Außerhalb dieser Zeit kommen nur nähere Freunde und Bekannte, wie z.B. Deine Ilse, die Dich[82] heute schon um 10 Uhr überfallen hat und nun fort will.« (Sie erhebt sich. Es schlägt 12 Uhr.)

Fr. v. M.: »Ach nein, bitte, bleib' noch ein wenig, Liebste, orientiere mich noch ein bißchen! Du glaubst nicht, wie froh ich bin, wenn Du mich ein wenig in all das Neue einweihst. Sage mir, was ziehe ich denn an zu dieser Besuchstournee?«

Fr. B.: »Ein chikes Promenadenkleid aus Tuch, Velvet oder einem andern gediegenen Stoff. Die Zeit des unentbehrlichen schwarzen Seidenkleides für Staatsvisiten ist gottlob vorüber. Die höchste Eleganz liegt nicht mehr im Stoff, sondern in der modernen Machart, der harmonischen Gesamtwirkung. Bloß der Hut macht eine Ausnahme, der darf ein wenig elegant sein. Dazu gehört ein gut zur Toilette passender Schirm, mattfarbige, um himmelswillen nicht helle Handschuhe, kein Schmuck, außer einer einfachen Brosche, Armband, Ohrringe – und bedenke stets, daß Du nichts von Deinem Anzug beim Eintritt ablegst, ausgenommen die Gummischuhe, den nassen Regenschirm und, sollte es ein rechtes Schneetreiben sein, den Pelz. Laß Dir auch noch dies gesagt sein: Zieh niemals zu Besuchen ein Kleid an, das direkt vom Schneider kommt, setze keinen Hut auf. den Du nicht bereits einmal und sei es auch nur ein Viertelstündchen getragen hast. Ganz funkelnagelneue Sachen beschäftigen und absorbieren Deinen Geist mehr als gut ist. Dein Interesse ist geteilt zwischen der Sorge: ›Wie sehe ich aus? Sitzt der Paletot auch gut? Muß der Hut tiefer in die Stirn gerückt werden oder nicht?‹ und Deinem eigentlichen Thun,[83] und jedermann empfindet diesen Zwiespalt deines Wesens.«

Fr. v. M.: »Also darf ich nicht das schöne, hellgrauseidene Kleid anziehen, das ich zur Ausstattung bekommen habe, und das mir so gut steht? Aber das ziehe ich dann doch bei mir im Hause an, wenn ich Besuch empfange?«

Fr. B.: »Nein, Nelly, das bleibt für kleine Gesellschaften aufbewahrt. Hier im Hause empfängst Du in einem Straßenkleid oder eleganten Hauskleid, wohlverstanden nicht Morgenrock. Gehst Du für gewöhnlich im Hause in grauer Seide? Nein! nicht wahr? Empfängst Du aber Deinen Besuch in full dress, so wird er ein innerliches Lächelnüberdenkleinen Neuling nichtunterdrücken können.«

Fr. v. M.: »Und Adolf, darf der sich in ein festliches Gewand werfen?«

Fr. B.: »Dein Gatte ist in elegantem Besuchsanzug, Gehrock natürlich. Du legst ihm den Cylinder bereit, nicht den Chapeau claque, der nur bei großen Festen seine dekorative Rolle spielt, und ein Paar mittelfarbene Glacéhandschuhe, ja keine weiße oder gelbe.«

Fr. v. M.: »Aber, Ilse, ich erinnere mich doch. daß der neue Pastor, wie er sich meinem Vater vorstellte, im Frack und weißer Binde erschien...«

Fr. B.: »Ganz recht, aber er machte damals seinem Patron einen ganz förmlichen Antrittsbesuch, so wie wenn z.B. Dein Mann eine Audienz beim Minister hat oder sich dem neuen Präsidenten vorstellt. Macht Dein Gatte, wenn er zur Dienstleistung als Reserveoffizier eingezogen ist, Besuche, so trägt er den Besuchsanzug der Offiziere: Ueberrock und Helm. Bei offiziellen Visiten, z.B. wenn[84] ein Offizier neu in ein Regiment versetzt ist, wenn er Offizier wird oder an Neujahr dem kommandierenden General seinen Besuch macht, trägt er Waffenrock, Epauletten, Helm eventuell mit Busch und Orden.«

Johann (überreicht auf einem silbernen Tablett eine Visitenkarte): »Der Herr bittet, der gnädigen Frau seine Aufwartung machen zu dürfen.«

Fr. B. (leise): »Bravo, gut einexerziert!«

Fr. v. M. (liest): »Assessor von Zeidler, den kenne ich ja gar nicht! Herrgott, Ilse, fremder Besuch!« (hastig, im Eifer zum Diener:) »Haben Sie denn gesagt, daß ich zu Hause sei?«

Johann: »Zu Befehl, gnädige Frau.«

Fr. v. M.: »Gott, das ist ja aber schrecklich! Was mache ich da? Sagen Sie, ich sei nicht wohl, schlafe gerade –«

Fr. B. (zum Diener): »Die gnädige Frau läßt bitten, und vergessen Sie nicht, dem Herrn beim Ablegen des Paletots und später beim Anziehen behliflich zu sein, ihm vorangehend die Thür des Salons zu öffnen und hinter ihm zu schließen! (Der Diener verschwindet.) Verzeih, mein Herz, wenn ich in Deine Rechte eingriff, aber wir konnten den Armen wirklich nicht länger auf dem Flur stehen lassen. Der Assessor macht Dir seine Aufwartung wie alle übrigenunverheirateten Bekannten Deines Mannes es thun werden. Streng genommen hätte er freilich damit warten sollen, bis Ihr durch Euer Besuchmachen zeigt, daß Ihr aus Eurer Zurückgezogenheit herausgetreten seid.«

Fr. v. M.: »Aber, Ilse, was soll ich mit ihm anfangen, was soll ich reden?«[85]

Fr. B.: »Du gehst ihm einen Schritt entgegen, giebst ihm die Hand, bittest ihn sich zu setzen, und mit einer Handbewegung auf seinen Hut deutend, bittest Du ihn abzulegen, aber in leichtem Konversationston, ja nicht als ernste Aufforderung dazubleiben. Das Weitere ergiebt sich von selbst. Nur Mut und ein freundliches Gesicht! Fremde sollen nie in unsern Zügen lesen können.«

Assessor v. Z. (im Eintreten sich verbeugend, dann rasch auf die Dame des Hauses zugehend – Frau B. ist ihm bereits bekannt – mit tiefer Verbeugung): »von Zeidler.«

Fr. v. M. verneigt sich leicht dankend, nennt aber nicht ihren Namen.

v. Z.: »Meine gnädigste Frau, ich wollte mir erlauben, Sie hier in X. zu begrüßen. (Wendet sich zu Frau B.) Darf ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen?« (mit einer Verbeugung.)

Fr. B. (reicht ihm die Hand, welche er, sich verbeugend, ergreift, sekundenlang hält, ohne sie zu drücken, und alsdann losläßt): »Danke, es geht mir ausgezeichnet.«

F. v. M.: »Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr von Zeidler?« (auf einen Sessel zu ihrer Linken deutend.)

v. Z.: (sich leicht verbeugend, nimmt Platz.) »Darf ich fragen, wie es der gnädigen Frau in X. gefällt? Haben Sie sich bereits ein wenig eingelebt?«

Fr. v. M.: »Ja, ein wenig, (leichten Tones) aber bitte, wollen Sie nicht ablegen? (Herr v. Z. stellt sei nen Cylinder auf den Boden neben sich, unter den Sessel oder auf den Salontisch wäre höchst unpassend.) Aber ich vermisse doch noch recht sehr die Wälder von Groß-Beerenthal, meines väterlichen Gutes.«[86]

v. Z.: »Ah, gnädige Frau stammen von Groß-Beerenthal? Das kenne ich ganz genau, da habe ich reizende Tage verlebt, als ich vor zwei Jahren im Manöver eine Woche dort einquartiert war.«

Fr. v. M.: »Sie kennen meine Heimat? Wie mich das freut! Dann kann ich doch hier in X. mit jemandem von daheim plaudern! Aber vor zwei Jahren...« (sinnend.)

v. Z.: »Gnädige Frau waren gerade verreist.«

Fr. B.: »Ja, bei mir zu Besuch.«

Johann tritt leise ein und präsentiert Frau v. M. zwei Visitenkarten. Sie ergreift dieselben, wirst einen Blick darauf, legt sie zur Seite und neigt zustimmend das Haupt. Johann zieht sich leise zurück, um alsbald einen Herrn und eine Dame einzulassen. Die Dame tritt vor dem Herrn ein. Arm in Arm hereinzukommen ist nicht gebräuchlich.

Fr. v. M. (steht auf, geht den Eintretenden entgegen und spricht heiter und verbindlich): »Wie liebenswürdig, meine verehrte Frau Konsul, mich aufzusuchen!«

Fr. Konsul G. (ihre Hand drückend): »Ich mußte mich doch einmal erkundigen, ob Sie nun endlich von der Reise zurück sind. Sie wissen, ich habe es Ihrem lieben Vater versprochen, mich manchmal nach Ihnen umzusehen.«

Fr. v. M. wendet sich zu Konsul G., ihm die Hand bietend, die er, sich verbeugend, nimmt. Er sagt: »Sehr erfreut, Sie in Ihrer neuen Würde als ›gnädige Frau‹ zu begrüßen.«

Fr. v. M.: »Herr Konsul, (verneigt sich leicht, dann zu Frau G.) erlauben Sie, Frau Konsul, daß ich Ihnen meine Freundin, Frau B., vorstelle.«[87]

Frau B. hat sich der Frau Konsul G. genähert und verbeugt sich, was diese fast gleichzeitig erwidert.

Konsul G.: »Bitte, wollen Sie mich bekannt machen?«

Frau v. M.: »Liebe Ilse – Herr Konsul G.«

Assessor v. Z. (der bei dem Eintritt der älteren Herrschaften aufgestanden ist, nähertsich der Hausfrau): »Darf ich um den Vorzug bitten, den Herrschaften vorgestellt zu werden?«

Fr. v. M. (gegen Herrn und Frau Konsul G. gewandt): »Herr Assessor v. Z. bittet um die Ehre.«

Die einander Vorgestellten verbeugen sich gegen einander.

Fr. v. M. (auf einen Wink von Frau Ilse): »Aber wollen sich die Herrschaften nicht setzen?« Sie überläßt den Damen nach einer Augenzwiesprache mit Frau B. das Sofa und setzt sich zur Linken der Konsulin auf einen Sessel. Konsul G. setzt sich neben Frau B., der Assessor nimmt an der andern Seite der Hausfrau Platz. Die Unterhaltung belebt sich und wird teils allgemein, teils gruppenweise geführt. Nach zehn Minuten der Konversation erhebt sich der Assessor, nimmt seinen Hut und tritt einen Schritt auf die sich gleichfalls erhebende Hausfrau zu: »Meine gnädige Frau, gestatten Sie, daß ich mich empfehle.«

Fr. v. M.: »Wollen Sie wirklich schon aufbrechen? – Mein Mann wird sehr bedauern, Ihren Besuch verfehlt zu haben.«

v. Z.: »Darf ich bitten, mich Ihrem Herrn Gemahl bestens zu empfehlen?«[88]

Fr. v. M. verneigt sich dankend.

Assessor v. Z. (wendet sich zu den andern Herrschaften): »Gnädige Frau!« (er verbeugt sich vor der Konsulin, die sich jetzt ebenfalls erhebt; das Gleiche thun die übrigen) »Meine Gnädigste!« (er verneigt sich vor Frau B.) »Herr Konsul!« (mit einer Verbeugung vor Konsul G., der ihm die Hand reicht. v. Z. geht zur Thür, indem er es vermeidet, der Gesellschaft den Rücken zuzuwenden, und macht alsdann eine Schlußverbeugung.)

»Wollen wir uns nicht wieder setzen, Nelly?« kommt Frau B. der Hausfrau zu Hilfe.

Fr. v. M.: »Bitte, Frau Konsul, schenken Sie mir noch ein Viertelstündchen!«

Herr und Frau G. verplaudern noch ein paar Minuten, um alsdann aufzubrechen, von Frau v. M. bis zur Thür begleitet. Dort giebt dieselbe, auf die Schelle drückend, dem Diener das Zeichen, daß derselbe dem Besuch beim Anziehen und Einsteigen in den Wagen behilflich sein soll.

Fr. B.: »Bravo, bravo, Liebste, laß Dich umarmen und Dir zu Deinem Debut im Besuchempfangen gratulieren!« (Sie umarmt Frau v. M.)

Fr. v. M.: »Und war alles richtig, was ich that und sagte?«

Fr. B.: »Meine volle Anerkennung! Wären Dir Herr und Frau G. näher bekannt gewesen, so hätte Johann sie hereinführen dürfen, ohne Dir vorher ihre Karten zu bringen. Er sagt dann zu dem Besuch: ›Jawohl, gnädige Frau empfängt,‹ und läßt die neuen Besucher ohne Anmeldung ein.«[89]

Fr. v. M.: »Sage, warum ging der Assessor denn nicht fort, als G.'s gemeldet wurden?«

Fr. B.: »Das wäre sehr unartig gegen dieselben gewesen. Macht man einen Besuch, und es kommt während der Dauer desselben ein anderer, so bricht man nicht sofort auf. Ebenso darf der Empfänger der Besuche nie einen Besuch abweisen, während ein anderer anwesend ist.

Und noch eins. Kommt eine ältere oder im Range weit über Dir stehende Dame zu Dir, so ehrst Du sie dadurch, daß Du sie allein auf dem Sofa Platz nehmen läßt und Dich selbst zu ihrer Linken auf einen Sessel setzest. Hättest Du den Assessor z.B. allein angenommen, so hättest Du Dich dagegen allein auf das Sofa gesetzt. Herren erhalten nie den Sofaplatz angeboten.

Und mit dem Vorstellen hattest Du diesmal auch Glück. Im allgemeinen merke Dir als Regel: Der, welcher zuletzt kommt, wird beim Vorstellen zuerst genannt. Nur wenn der Späterkommende bedeutend älter oder vornehmer ist, werden ihm die bereits Anwesenden zugeführt. Tritt eine Dame ein, und Herren sind im Zimmer anwesend, so werden diese der Eintretenden vorgestellt. Junge Mädchen müssen sich der nach ihnen kommenden älteren Dame vorstellen lassen. Ist noch Besuch bei Dir, wenn der eine sich empfiehlt, so gehst Du nur bis zur Thüre mit, andernfalls magst Du Damen bis zur Hausthür oder Gartenpforte geleiten.

Ueber die Visitenkarte oder, wie man als guter Deutscher jetzt sagt, Besuchskarte willst Du noch etwas[90] wissen? Ja, das ist ein bedeutungsvolles Blättchen Papier, dessen Nichtabgeben oder Verlegen schon der Grund zu mancher Unannehmlichkeit, ja zum Freundschaftsbruch geworden ist. Eine Visitenkarte zu wenig – ein Roman ließe sich darüber schreiben! Darum achte genau auf folgende Vorschrift: Machst Du mit Deinem Mann Besuch, so gebt Ihr dem dienstbaren Geiste Euere gemeinsame Karte, um Euch der Herrschaft anzumelden:


Besuche machen und Besuche empfangen

Die gemeinschaftliche Karte des Herrn von der Osten und Gemahlin (also ohne Titulatur) würdedagegen lauten:


Besuche machen und Besuche empfangen

[91] Junggesellen senden zwei Karten hinein, damit die Dame des Hauses, der die Karten überreicht werden, gleich weiß, der Herr will Dir und Deinem Gatten seine Aufwartung machen, er kommt nicht in dienstlicher oder geschäftlicher Absicht. (In diesem Falle würde er sich nur mit einer Karte beim Herrn melden lassen.) Dieses Anmelden mit Karten wird der mündlichen Bestellung jetzt allgemein vorgezogen, denn von der Hausthür bis zum Wohnzimmer wird der Name gar oft entsetzlich verstümmelt. Werdet Ihr nicht angenommen, so gebt Ihr nebst Eurer gemeinsamen Karte noch eine Karte Deines Mannes ab. Die gemeinsame


Besuche machen und Besuche empfangen

Karte war für die Dame des Hauses, die Einzelkarte für den Herrn. Fehlt der Hausherr, so gebt Ihr nur die erstere ab. Man knickt die Karte rechts oder links um ein Drittel ihrer Breitseite ein; das ist das Zeichen, daß man selbst da war. Manche Herren setzen den Titel dem Namen vor, z.B.:


Besuche machen und Besuche empfangen

[92] Andere, besonders Militärs, setzen die Charge hinter den Namen.


Besuche machen und Besuche empfangen

Die Angabe der Wohnung ist in einer größeren Stadt angebracht. Personen ohne amtliche Stellung setzen bloß Vor- und Zunamen auf ihre Karte. Der Nachsatz ›Privatier‹ oder ›Rentier‹ ist veraltet. Junge Herren, welche Reserveoffiziere sind, pflegen sich zweierlei Karten anfertigen zu lassen, eine Sorte mit Namen und bürgerlichem Beruf und andere Karten mit Namen und dem Zusatz z.B. Sekonde-Lieutenant der Reserve des 1. Pommerschen Feldartillerie-Regiments Nr. 2,[93] welche sie benutzen, wenn sie zu einer Uebung eingezogen sind oder einen Besuch in dienstlicher Angelegenheit machen. Bei adeligen Personen steht meist der Vorname vor dem Geburtsprädikat:


Besuche machen und Besuche empfangen

Machen Familien mit Töchtern Besuche, so wird der Herr zwei Karten von sich abgeben, die Dame eine mit der Aufschrift


Besuche machen und Besuche empfangen

Sind die Töchter bereits älter, so geben sie eigene Karten ab, und man selbst giebt bei Erwiderung des[94] Besuches je eine Karte für jede ab, ebenso wie man für eine selbständige Persönlichkeit, die zu Besuch oder als Hausdame (falls diese in die Gesellschaft eingeführt ist) in der Familie weilt, besondere Karten abgiebt. Aeltere unverheiratete Damen führen Karten mit der Aufschrift ›Fräulein‹ vor dem Namen z.B.:


Besuche machen und Besuche empfangen

während ihre jüngere Schwestern nur Vor- und Zunamen auf ihre Karte setzen.


Besuche machen und Besuche empfangen

Dieses schmale, moderne Format eignet sich für die Visitenkarte eines Mädchens gut, während es für die Karte der Frau nicht ceremoniell genug wirkt. Deine eigene Karte lautet:


Besuche machen und Besuche empfangen

[95] Vielfach üblich ist die Sitte, die Besuchskarte der Frau mit dem Vornamen des Mannes auszustatten.


Besuche machen und Besuche empfangen

was besonders in größeren Städten zur rascheren Orientierung empfehlenswert ist. Zu vermeiden sind jedoch Aufschriften wie: ›Frau Dr. Anna Regen‹, also die Annahme des Titels des Mannes neben dem eigenen Vornamen, oder ›Generalin von Beer‹, die Entlehnung des Titels eines längst Verstorbenen. Lächerlich aber wirken Karten, die eine ganze Lebensgeschichte enthalten: ›Frau Bertha Mann, geb. Schmidt, verwitwete Justizrätin.‹ – Verheiratete adlige Damen[96] bürgerlicher Geburt schreiben leider vielfach bloß ›Gräfin von Saßen‹ und lassen aus falschem Schamgefühl den guten, ehrenwerten, bürgerlichen Geburtsnamen fort. Sie machen sich gerade in den Kreisen, die sie durch den adligen Namen zu erobern hoffen, lächerlich, denn da eine geborene Gräfin von Saßen, wenn sie einen Herrn von Rose heiratet, gewiß ihren Mädchennamen auf ihre Besuchskarte setzen wird, so fällt das Fehlen ihres Mädchennamens sofort auf. ›Aha, eine die sich schämt, keine Geborene zu sein!‹ heißt es dann.

Das Material für Visitenkarten ist starker, elfenbeinweißer Karton. Die Größe für Herren- und gemeinschaftliche Karten beträgt 10 cm Länge zu 6 cm Breite, für Damenkarten 9 cm Länge zu 51/2 cm Breite. Goldschnitt, Monogramm, schräge Aufschrift, Nachbildung der Handschrift etc., sind Spielereien, die sich mit dem guten Ton schwer vertragen. Adlige pflegen ihr Wappen über den Namen zu setzen oder eine – je nachdem der Betreffende Graf, Baron oder nur von einfachem Adel ist – neunzackige, siebenzackige oder fünfzackige Krone.

Karten mit vorgedruckten Bezeichnungen in den vier Ecken: p. r. v. = pour rendre visite (um Besuch zu machen), p. f. = pour féliciter (um Glück zu wünschen), p. p. c. = pour prendre congé (um Abschied zu nehmen), und p. c. = pour condoler (um Beileid auszudrücken), die je nach dem Zweck des Besuches umgeknickt wurden, sind heutzutage nicht mehr Mode. Auch unterläßt man jede Bleistiftnotiz bis etwa auf den Vermerk p. p. c. bei Abschiedsbesuchen, wenn man den betreffenden Ort verläßt. – Laß Dir in Parenthese sagen, mein Liebling,[97] daß ich hoffe, Du brauchst diese Besuche nie zu machen. Freilich ein recht egoistischer Wunsch!

Hast Du einen Besuch verfehlt, so will es die gute Sitte, daß Du beim ersten Wiedersehen Dein Bedauern darüber ausdrückst: ›Wir haben neulich sehr bedauert, Ihren Besuch verfehlt zu haben.‹ Junge Herren sagen zu der Dame, der sie einen Besuch abgestattet haben, ohne sie getroffen zu haben: ›Ich habe gestern sehr bedauert, gnädige Frau nicht zu Hause getroffen zu haben.‹ Man erwidert höflich, daß es auch uns leid gethan. –

Und nun zum Schluß meiner Standrede: Widme Dich völlig Deinem Gast! Du denkst wohl, wenn Du all meine Weisheit hörst, ich sei von Anfang an bewandert in den Geboten der seinen Sitte gewesen? Ach nein! Als junge Frau war ich immer sehr in Sorge um das Mittagessen für meinen Mann, der ein richtiger Gourmand war. Eines Tags kam Frau R., gerade als ich die ersten Feldhühner im Jahr auf dem Herd wußte. Ich saß zwar körperlich neben meinem Gast, der Geist aber, all mein Fühlen und Denken war in der Küche. Mechanisch sagte ich ab und zu ja und nein, wahrscheinlich an Stellen, wo es sich umgekehrt gehört hätte, denn die Rätin sah mich manchmal mißtrauisch von der Seite an. Da, ein Zischen und Gepolter in der Küche! Mit einer hastigen Entschuldigung hielt ich das Taschentuch an die Nase und lief hinaus. Gott sei Dank, die Hühner waren nicht in Gefahr gewesen und lachten mir gar appetitlich aus der Pfanne entgegen. Als ich aber im Begriff war, wieder in den Salon zurückzukehren, hörte ich die Entreethür einschnappen, und auf dem Tisch[98] fand ich die eingebogene Karte der Rätin, eine gewiß bittere und derbe, aber sehr gesunde Lektion.«

Fr. v. M.: »Nein, wie häßlich von der Dame! Sie hätte doch warten sollen!«

Fr. B.: »Gewiß, der gute Ton hätte von ihr verlangt, daß sie mein Wiederkommen erwartet und mir in keiner Weise gezeigt hätte, daß sie etwas übel genommen habe. Aber siehst Du – – –«

Fr. v. M.: (sie unterbrechend): »Nein, Liebling, nun sehe und höre ich nichts mehr! Du mit Deinen hundert und tausend Regeln, die alle gar nicht in meinen armen Kopf wollen! Ich bin ganz wirr davon! Komm, laß uns lieber das Ereignis des ersten Besuches feiern mit einem Schluck Sherry. (Schellt.) Johann, zwei Gläser, die Sherryflasche und die Cakes vom Büffet.«[99]

Quelle:
Wedell, J. von: Wie soll ich mich benehmen? Stuttgart 4[o.J.], S. 79-100.
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