III. In der Akademie zu Venedig, 1832–1834.

[56] Ich saß nun in einem großen Postwagen, in dem sich zwölf Passagiere so gut als es ging bequem machten. Das Cabriolet war mit drei Reisenden besetzt. Ich war der einzige Deutsche in der Gesellschaft und verstand kein Wort, was sie in ihrem venetianischen Dialect sprachen. Zum erstenmale fühlte ich mich in der Fremde und etwas Heimweh überkam mich, aber ich ermannte mich wieder in dem Gedanken, daß ich mich jetzt ohne Sorge ganz der Kunst widmen könne. Ich hatte mich in der Kunstgeschichte so weit umgeschaut, daß ich die venetianischen Meister in ihren Hauptwerken, wenn auch nur aus Kupferstichen oder schlechten Copien kennen gelernt hatte. Der Dogenpalast, die Akademie, die Tizian und Veronese schwebten mir immer vor den Augen. Dabei malte ich mir den Aufenthalt in der Familie Corvi sehr behaglich aus und hoffte besonders meinen Magen befriedigen zu können. Ich war siebzehn Jahre alt und der Appetit ist in diesen Jahren bei gesunden Jungen sehr groß. Die Diligence rollte auf der staubigen Straße fort, von einer Post zur anderen, es wurde Abend und Nacht, die fernen Tiroler Berge verschwanden im Dunkel,[56] auch das Gespräch der Reisenden verstummte und einer nickte nach dem anderen ein. Ich fand je doch in meiner Aufregung keinen Schlaf. Als wir um 1 Uhr Nachts nach Padua kamen, sprach mich ein Italiener wohlwollend an und führte mich in das Kaffee Pedrocchi. Der Eingang, die Marmorsäulen und weißglänzenden Tische, die Wände von Marmor und die Fresken an der Decke, alles bemuberte mich. Die Räume waren noch sehr bevölkert, meist von Studenten der Universität. Ich nahm einen Kaffee, wurde wieder frisch, verlangte dann durch einen Dolmetscher Papier und Schreibzeug, und schrieb hier den ersten Brief aus Italien an meinen Bruder. Von Padua fuhren zwei große Postwägen weiter, ich saß in dem einen nahe beim Fenster. sah die Sonne aufgehen und ihre Strahlen über die fruchtbaren Ebenen und die prachtvollen Villen der venetianischen Nobile glänzen. Alles war mir neu und machte einen guten Eindruck. In Fusina wurde Halt gemacht, und nachdem ein Polizeimann die Pässe verlangt hatte, fuhren wir auf dem Postschiffe in die Lagunen ein. Ich hielt den Kopf durch's Fenster und sah Venedig vor mir zwischen Wasser und Himmel dastehen. Obwohl dies nicht die günstigste Ansicht von Venedig ist, war ich doch entzückt. »Das ist mein Ziel, hier soll und muß ich glücklich werden«, rief es in mir. Immer näher traten die Thürme und Paläste, Gondeln und Barken fuhren vorüber und alles spiegelte sich im Wasser wie der Narcissus. Wir fuhren in den Canal grande, und beim kaiserlichen Postpalaste machte die Barke Halt. Alles stieg aus, ich übergab meinen kleinen Koffer und die Adresse an Herrn Rögla einem Träger und lief ihm über die Brücken und durch schmale Gäßchen im Zickzack nach. Ich[57] glaubte in einer anderen Welt zu sein. Endlich hielt er vor einer Thür und schellte. Eine schmächtige Frau empfing mich sehr freundlich und schickte sogleich nach ihrem Manne, der auch nicht lange warten ließ. Herr Rögla, ein Mann von ungewöhnlicher Größe und noch größerer Corpulenz, begrüßte mich herzlich als Landsmann. Er war aus Kaltern in Tirol gebürtig und führte mich ungesäumt zum Herrn Corvi, welchem ich vom Herrn Onkel empfohlen war. Rögla wohnte bei Ponte dei Dai, beinahe bei San Marco und Corvi hinter San Giovanni e Paolo, also ziemlich weit entfernt.

Endlich kamen wir zu dem Hause, welches der Tribunalrath Luigi Corvi mit seiner Familie bewohnte. Wir traten durch das Gitterthor in einen Vorgarten und zuerst empfing uns die Frau Corvi, die aber nicht deutsch, sondern nur einen schlechten lombardischen Dialect sprach. Es wurde dann die Tochter herbeigeholt, welche sich so ziemlich in deutscher Sprache ausdrücken konnte. Herr Rögla empfahl sich und ich wurde in mein Zimmer geführt. Das Haus ist ein Palazzetto aus dem 14. Jahrhundert. Im ersten Stockwerk wohnte die Familie, im zweiten, das nicht im besten Zustande war, die Dienstleute und ebenerdig neben einer großen Halle waren das Speisezimmer und die Küche. Mein Zimmer war jedoch im Hofgebäude und eigentlich eine Küche. Der Herd und der Rauchfang waren noch zu sehen und nichts stand darin als ein alter Tisch, einige alte Strohsesseln und ein sogenanntes Bett, d.h. zwei Holzböcke, mit langen Brettern, darauf ein Strohsack mit einem Leintuch und einer Wolldecke. Auf dem einen Stuhl stand ein Wasserkrug und eine weiße Schüssel als Lavoir. Die[58] Aussicht ging in den Hof und Garten; von dem Stiegenfenster konnte man in den großen Garten am Ospitale dei Pazzi sehen, wo die Narren herumgingen.

Es war am 15. März 1832 um 11 Vormittag, als ich in das Haus Corvi einzog. Als ich mein Zimmer betrachtete, fand ich mich nicht sehr angenehm berührt und in meinen Hoffnungen getäuscht, obwohl ich nichts Gutes gewohnt war. Hatte doch der Herr Onkel gesagt: »Du wirst im Hause Corvi wie der eigene Sohn behandelt werden.« Eine Magd brachte mir eine Schale Kaffee mit einem venetianischen Brot und die Tochter, die sie begleitete, sagte: ich möge frühstücken, denn das Mittagessen wäre erst um 4 Uhr, wenn der Vater nach Hause käme. Der Milchkaffee hatte eine abscheulich aschgraue Farbe, aber er schmeckte mir doch, denn ich hatte noch nicht gefrühstückt. Nachdem ich mich umgezogen, setzte ich mich zum Fenster und langweilte mich herzlich. Gerne wäre ich auf die Gasse gegangen, um die Stadt zu sehen, aber der Empfang der Hausfrau war zu unerquicklich. Um 2 Uhr kam der Sohn nach Hause und besuchte mich sogleich. Er sprach etwas deutsch, denn die Kinder hatten einen deutschen Lehrer. Andrea war achtzehn Jahre alt, schmächtig, von mittlerer Größe und angenehmen Gesicht, nur hatte er einen unheimlichen Blick und konnte mir nicht in die Augen sehen. Doch sprach er freundlich zu mir und wir gingen in den Garten. Auch die Tochter Signora Luigia kam zu uns und schien jetzt weniger schüchtern und furchtsam. Ihr Gesicht war schön und hatte den Ausdruck von Güte und Liebe, aber sie war etwas ausgewachsen. Die Kinder sahen ihrer Mutter gar nicht ähnlich, denn diese war graugelb, ganz ordinär gekleidet und schien sehr[59] scheu zu sein. Nun schellte die Glocke sehr stark und Herr Corvi, ein kleiner corpulenter rothbackiger Herr mit einem glatten runden Gesichte, trat ein. Auch er sprach sehr wenig deutsch, aber er verstand alles, was ich ihm zu antworten hatte. Auch seine Blicke waren unheimlich und seine Freundlichkeit schien mir mehr gezwungen als aufrichtig. Man ging zum Essen und ich aß mit gutem Appetit, aber ich hätte noch das Doppelte essen können. Um 6 Uhr Abends führte mich Herr Corvi auf den Marcusplatz unter die Procuratien. Ich sah zum erstenmale die Marcuskirche, den Dogenpalast, und zwar vom Mond beleuchtet in feenhafter Schönheit. Der Sohn, den wir trafen, begleitete mich nach Hause und ich merkte mir alle Gäßchen und Brücken, daß ich künftig allein gehen konnte. Den ersten Abend durfte ich im Wohnzimmer zubringen, die Mutter nähte, die Tochter studirte, und ich lernte aus einer italienischen Grammatik. Der Sohn war seine Wege gegangen und kam erst nach Mitternacht zu Hause. Abends neun Uhr bekam ich ein Stück Polentabrot, wie es für die Dienstleute gebacken wurde. Ich ging in mein Zimmer zurück und legte mich nicht mit heiteren Gedanken schlafen. In der Frühe wurde ich in die Küche gerufen, um dort meinen grauwässerigen Kaffee zu trinken.

Um 9 Uhr kam Herr Rögla um mich in die Akademie zu führen. Er war so wohlwollend für mich, daß es mich glücklich machte. Auf dem Wege passirten wir den Platz di S. Maria formosa, den Marcusplatz, Moisé, den Platz Stefano, San Vitale, und dann sah ich jenseits des großen Canals die Akademie. Die Freude, die ich beim Anblick dieses Gebäudes empfand, war so groß und mächtig, daß ich es nicht zu beschreiben vermag. Jemand, der zehn[60] Jahre im Kerker gesessen und plötzlich die Freiheit erhalten hat, konnte nicht freudiger bewegt sein als ich, wie ich die Göttin der Kunst auf dem Löwen oben sah. Ich hätte mögen laut aufjauchzen wie der Alpenjunge, wenn er seine Geliebte in der Ferne erblickt. Wie lange und wie oft hatte ich mich darnach gesehnt und jetzt war es Wahrheit. Wir stiegen in eine Gondel zur Ueberfahrt und traten in das Gebäude, wo uns der Portier zum Professor Lipparini führte. Es war ein langer Saal, wo die Schüler den Elementarunterricht genossen und nach Vorlagen zeichneten; links war ein anderes großes Zimmer, wo die Schüler nach Gypsköpfen zeichneten. Lipparini war noch ein junger, schmächtiger, aber schöner Mann, mit schwarzen lebendigen Augen, und hatte ein sehr einehmendes Wesen. Herr Rögla stellte mich vor, ich verstand nur »presidente Eschenburg«, dann zeigte ich meine Rolle Zeichnungen, die er durchsah und lobte. Er schrieb mich gleich in den Katalog ein und ich war nun Schüler der Akademie. Es war Samstag und am nächsten Montag konnte ich mit Papier und Zeichenmaterial erscheinen. Herr Rögla führte mich zu einem Tiroler Geistlichen, Herrn Schmalzl, der Garnisonscaplan in Venedig war, einem corpulenten Mann mit einem runden rothen Gesichte voll Biederkeit. Er lud mich sogleich ein, ihn recht oft zu besuchen, denn er liebe seine Landsleute. Mir wurde ganz heimlich bei diesem guten Manne und ich hätte gleich bei ihm bleiben mögen. Herr Rögla führte mich dann in die Kirche San Marco und ich konnte nicht aufhören über die Pracht und Eigenthümlichkeit dieses Baues zu staunen. Dann sahen wir die Piazzetta, den Dogenpalast, gingen eine Strecke auf der Riva dei Schiavoni und dann zu den[61] Kirchen San Zaccaria, dei Greci und nach San Giovanni e Paolo, eine der größten und schönsten Kirchen Venedigs, und in der Nähe des Hauses Corvi. In dieser Kirche sah ich das erste Bild von Tizian: San Pietro martyre. Man kann wohl sagen, daß dieses Bild das größte Meisterwerk Tizian's war, denn er ist darin so großartig und dramatisch wie Raphael und Michel Angelo, aber im Colorit unübertrefflich. Dieses Wunderbild ist vor einigen Jahren sammt an deren Kunstschätzen in der Sakristei ein Raub der Flammen geworden.

Am folgenden Morgen war ich pünktlich um 8 Uhr in der Akademie. Professor Lipparini setzte mich zu einem Schüler, einem Wiener, der mein Dolmetscher wurde, bis ich nach und nach mehr italienisch verstand. Ich zeichnete Anfangs nach Vorlagen und der Professor war sehr zufrieden mit meiner Geschicklichkeit und Schnelligkeit. Schon in der ersten Woche geschah mir etwas Unangenehmes. Die Stunde der Schule war vorüber, die Schüler gingen fort und die Kameraden sammelten sich. Da waren einige Neugierige und kamen hinter mir herum meine Arbeiten zu sehen; einer sagte: »guarda sto fiol d' un cang d' un tedesco come fa beng« (venetianisch). Ich verstand es nicht und fragte meinen Wiener Nachbar, was er gesagt habe; er verdolmetschte es wörtlich, aber nur die erste Hälfte und sagte: Ihr Vater wäre ein Hund gewesen. Ohne weiter zu hören stand ich auf und gab dem Venetianer eine derbe Ohrfeige, daß dieser mit der Hand im Gesichte und weinend hinausging. »Um Himmelswillen, was haben Sie gethan«, sagte der Wiener, »er hat sie ja nur gelobt.« »Was, hier lobt man mit einem Schimpf?« »Hören Sie, ich will Ihnen[62] erklären, was er sagte.« Und so berichtete er mir, daß venetianisch fiol d' un cang so viel wie »Kerl« bedeutet, man könne es wohlwollend oder schlecht gebrauchen, z.B. guter Kerl; so sei es hier gemeint gewesen, und der Venetianer habe nur sagen wollen: Schau wie dieser Deutsche gut zeichnet. »So, warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?« Ich war sehr böse über den Wiener und sagte ihm, daß es seine Pflicht sei mich zu dem armen Jungen zu begleiten, um ihm abzubitten Die Schule war schon fast leer und im Hofe hatte der Junge, umgeben von Anderen, noch immer die Hand am Gesichte. Der Wiener mußte die Abbitte für mich thun und sich selbst die Schuld geben. Ich konnte nur sagen: iò prego pazienza avere und gab ihm die Hand. Ich wurde mit diesem schönen blonden Venetianer, der in meinem Alter war, näher bekannt, wir wurden Freunde und blieben es auch in späteren Jahren, bis er 1857 in Paris eines traurigen Todes starb. Er hieß Fortunato Bello. Schön war er und ein nur allzu großer Liebling der Frauen, aber nicht glücklich, da er schon in seinen schönsten Jahren an einer schrecklichen Krankheit sterben mußte. Er war ein guter Porträtmaler. Diese Geschichte machte Aufsehen unter den Akademikern und ich war gefürchtet und respectirt. Nach vierzehn Tagen ließ mich der Professor schon nach antiken Gypsköpfen zeichnen; ich wählte mir den Kopf des Caracalla und setzte mich neben Fortunato Bello, während mein kleiner Wiener noch bei den Vorlagen im großen Saale zurückblieb. Die Vormittagschule dauerte von 8–12 Uhr, dann war Abends Ornamentik-Schule, die ich anfangs auch besuchen mußte, und diese dauerte von 6–8 Uhr. In dieser Schule war der alte[63] Professor Borsato, dem mich Lipparini vorstellte. Auch hier mußte ich mich neben die Vorgerückteren zu den Gypsabgüssen setzen, um nach dem Runden zu zeichnen. Ohne mir zu schmeicheln, kann ich sagen, daß ich der fleißigste Schüler war, und ich war ganz glücklich und zufrieden. Die Zeit verschwand schnell und es wurde mir immer zu früh aus. Es ärgerte mich, wenn der alte Pedell um 12 Uhr in die Schule trat und laut ausrief: è termina! Ich machte nun den weiten Weg nach Hause, wo ich nicht glücklich war.

Corvi war früher Bezirksvorstand in Sondrio und erst seit zwei Monaten in Venedig. Den ersten Tag in seinem Hause habe ich beschrieben. Er war ein Mustertag, wie wenn die Kaufleute zuerst ihre schönsten Waaren als Muster zeigen. Allmälig wurde es schlechter, bei Tische wurde mir das fetteste Fleisch und die Knochen gegeben und ich mußte zusehen, wie die Familie einen guten Braten oder eine andere delicate Speise verzehrte. Wenn ich um 12 Uhr nach Hause kam, war mein Kukuruz- oder Polentabrot in der Küche für mich bereitet, und Abends konnte ich ebenso ein Stück haben. Gewöhnlich war es alt und ungenießbar. Einst gab ich vor unserer Wohnung ein solches Brot einem Bettler; aber wie er es nicht essen konnte, warf er es mir in voller Wuth nach, daß es bei meinem Kopfe vorbeiflog. So lange ich noch einige Gulden von meinem Reisegeld übrig hatte, konnte ich mir auf der Straße etwas Genießbares kaufen, aber diese dauerten nicht lange und Noth und Hunger kehrten bei mir ein. Ich erinnere mich, daß ich, um die zwei Soldi für die Ueberfahrt beim großen Canal, den ich täglich viermal zu passiren hatte, zu ersparen, den weiten Umweg über die Rialtobrücke zur Akademie ging.[64] Die Stunden von 1–4 mußte ich während des kalten Winters in der ungeheizten Küche zubringen und ich fror jämmerlich an Händen und Füßen. Um mich vor dem ärgsten Luftzuge zu schützen, verstopfte ich den Rauchfang mit Stroh. Da der Diener aus dem Hause ging, mußte ich allerhand Dienste verrichten, ja der Frau vom Markte die eingekauften Eßsachen heimtragen; und doch duldete ich alles, um die Kunst studiren zu können.

Im Hause des P. Schmalzl wohnte ein Maler aus Tirol, Herr Kirchebner, mit dem ich in der Akademie bekannt wurde, da er Abends beim Modell zeichnete. Er war ein stiller wohlwollender Mensch, ich durfte ihn besuchen und somit wurde ich auch mit dem guten Schmalzl näher bekannt. Er hatte zwei Knaben, die Söhne seiner Schwester, die in Venedig studirten, bei sich und eine Nichte, welche ihm die Wirthschaft führte. Ich besuchte diese guten Leute sehr oft und ruhte dort manche Stunde nach der Akademie aus. Wenn ich vor oder nach der Abendschule zu ihnen kam, konnte ich mir den Hunger stillen oder ich fand ein Papier mit kaltem Braten, Käse und Brot. Herr Schmalzl munterte mich auf dem Herrn Onkel zu schreiben, und ihm mein trauriges Loos im Hause Corvi getreu zu erzählen. Da ich aber nicht den Muth dazu hatte, konnte er mir auch keinen anderen Rath geben, als auszuharren, bis es Gott besser fügen würde.

Aber ich mußte noch andere Prüfungen durchmachen, die fast ärger als der Hunger waren. Es kam mir vor als wenn ich ohne Bezahlung bei Herrn Corvi wäre. Nur sparsam von Zeit zu Zeit gab er mir auf mein furchtsames Bitten einen Zwanziger Geld für's Zeichenmaterial. Meine[65] Wäsche und meine Kleider waren sehr dürftig. Auf der Gasse konnte ich mich durch schnelles Gehen erwärmen, aber im Zimmer hatte ich kalt und ich ersehnte das Frühjahr mit seiner erwärmenden Sonne. Wenn ich um 1 Uhr nach Hause kam, fand ich fast täglich meine Zeichnungen durch eine boshafte Hand verunstaltet; Schnurrbärte, Nasen, schwarze Striche waren darauf gemalt. Da ich keinen Kasten hatte und die Thür selbst nicht zum Sperren war, konnte ich mein Reißbrett nicht verbergen. Durch den Diener erfuhr ich, daß der Signore Andrea in meinem Zimmer war. Er war der Liebling der Mutter, ein verzogener Sohn, ging Abends in das Fenice-Theater, kam erst nach Mitternacht um 1 oder 2 Uhr nach Hause und stand erst um 11 Uhr auf. Da er oft nach Mitternacht noch Clavier spielte und die Eltern das nicht vertragen konnten, stellte er das Instrument in mein Zimmer und spielte um 1 oder 2 Uhr darauf los, ohne Rücksicht, ob ich schlafe oder wache. Als ich ihn bat, mir doch Nachts Ruhe zu gönnen, verspottete er mich und sagte höhnisch: ich könne froh sein bei seiner Familie leben zu können, ich sei so nur für Almosen da, und wenn ich mich beklagen wolle, würde ich es gewiß bereuen; der strenge Onkel würde mich in das deutsche Bärenland zurückschicken. Manchmal, wenn er mich schlafend fand, ging er mit der Kerze zu mir und ließ die heißen Unschlitttropfen auf mein Gesicht fallen, um mich zu wecken. Ja er war so frech, daß er sich im Bette auf mich hinsetzte, und wenn ich mich ärgerte, sagte er, daß ihm das ein Vergnügen mache und er würde mich nur in Ruhe lassen, wenn ich ihn bitte, recht lange auf dem Piano zu spielen. Vor innerer Wuth konnte ich mich nicht dazu entschließen[66] und da die Thüre nur angelehnt war, setzte er seine Besuche oft bis 3–4 Uhr früh Morgens fort. Bei Tage zwischen 2 und 4 Uhr, wenn er zu Hause war, mußte ich mit ihm im großen Hofe Kugel spielen (il giocco delle boccie), und wenn ich Sieger war, kam er in Wuth; einst warf er mir die Kugel durchs Fenster und zerschlug den einen Flügel. Seine Mutter sah oft, wie er mich neckte, aber sie sagte nichts dazu, ja sie konnte dann lachen. Ich wußte, daß Herr Corvi und besonders seine Frau wohlhabend, ja reich waren, daher konnte ich in meiner Unerfahrenheit die Herzlosigkeit, die sie an mir ausübten, nicht begreifen und doch erbarmte mir die Frau. Sie war häßlich, mager wie ein Gerippe. Der Herr sprach nie mit ihr, antwortete nicht einmal auf ihre Fragen. Sie war immer in düsterer Stimmung und hatte auch kein Verlangen mit mir zu sprechen oder in meinem Zimmer nachzusehen. Meinen Strohsack mußte ich mir selbst aufmischen, und um meine Wäsche mußte ich betteln gehen, und zwar immer erst nach einem Monat. Einst fiel es Andrea im Garten ein, eine Schnur von einem Rosenstrauche zum anderen zu binden und mich einzuladen darüber zu springen. Der Weg war naß und schlüpfrig, ich machte ihn aufmerksam, daß die Schnur zu hoch sei und er vielleicht fallen könne, aber er verhöhnte mich: ich als plumper Tiroler fürchte mich davor. Da nahm ich einen Anlauf und sprang mit Leichtigkeit darüber, er aber probirte es zweimal und fiel das drittemal so unglücklich, daß er sich den Vorderarm brach. Ich hob den todtblassen Jüngling auf, führte ihn in die Küche, und da ich die Anatomie gut kannte, richtete ich die Knochen in gerader Richtung zusammen, dann holte ich den Wundarzt[67] Stephani, der sehr nahe wohnte. Als die Frau vom Fenster aus den Arzt kommen sah, erschrak sie, kam herab, und machte mir Vorwürfe, daß ich an dem Unglücke schuld sei. Aber der Doctor legte sich in's Mittel und lobte meine Geschicklichkeit, daß ich den Arm gleich anfangs in die beste Richtung gelegt habe, die Heilung sei dadurch leichter geworden, und der heftige Schmerz verhindert, was der Verunglückte bejahen, mußte. Ich hatte nun wenigstens in der Nacht vor dem Unholde Ruhe, aber bei Tage mußte ich ihm oft Gesellschaft leisten, und er konnte mir auch dann viel Unangenehmes sagen. Es blieb nichts übrig als mich zu gedulden und den lieben Gott um ein baldiges besseres Loos zu bitten.

Meine Nahrung war ganz dazu geschaffen, meinen ohnehin schwachen Magen ganz zu verderben. Das fette Fleisch und das Polentabrod mit dem trockenen geriebenen Käse machten mir Sodbrennen, Kopfschmerzen und Erbrechen, endlich fühlte ich keinen Appetit mehr und bekam Fieber. Doctor Stephani, der gut deutsch sprach und mir wohl wollte, schickte mich in's Bett und verschrieb Ricinusöl, das bekannte Purgirmittel in Italien. In der Frühe langte ich nach dem Fläschchen und wollte es austrinken, aber das Oel war in dem kalten Zimmer wie gefroren, ich mußte das Fläschchen in den Händen erwärmen und die Medicin förmlich aussaugen. Man kann sich meinen Ekel denken, und Niemand sagte mir, wie man es leicht und ohne Ekel nehmen kann. Durch das Fasten und die Bettwärme wurde ich nach acht Tagen wieder hergestellt. Aber das fette Fleisch ließ ich hinfort liegen. Freilich[68] brummte die Frau auf lombardisch, daß ich ein delicater Herr geworden.

Da ich für mein Zeichenmaterial Geld brauchte, sagte mir der Tribunalrath einmal: »Sie müssen Geld durch Arbeit erwerben, gehen Sie in's Arsenal Schiffe malen, wie die anderen Schiffmaler, ich werde sprechen, daß Sie hinkommen.« Obwohl mich bei dieser Aeußerung ein Schauer überfiel, hatte ich doch den Muth zu erwidern: »dann würde ich aber kein Künstler werden und es würde Sr. Excellenz dem Herrn Onkel gewiß nicht angenehm sein, daß ich nicht mehr in die Akademie gehe.« Darauf lachte er und sagte verächtlich: »Oho, sehr hoch, wollen schon Künstler sein« und dann im strengen Tone: »Wenn ich wollen, müssen Sie folgen; ich müssen wissen ob gut ist und Excellenz haben mich beauftragt für Sie zu sorgen.« Mit Entschiedenheit sagte ich ihm, daß ich das nicht thun würde, und daß mein Onkel, der mich unterstütze, es gewiß nicht wünsche. Er warf mir ein Zwanzigerstück auf den Tisch und sprach nie mehr vom Schiffe-Anstreichen. Aber er haßte mich und wie ich glaube, aus bloßem Haß gegen die Deutschen, denn er war ein Deutschenfresser. Alle Beamten beim Tribunal waren ihm wegen seines Geizes, seines Jähzorns und seiner Bosheit gehässig, aber durch sein heuchlerisches Benehmen hatte er sich beim Herrn Onkel in hohe Gnade zu setzen verstanden und galt als Ehrenmann. Ich war überzeugt, daß, wenn ich geklagt hätte, mir der Onkel nicht glauben und mich als Verleumder mit Schimpf und Schande fortjagen würde. Das Unglück meines Bruders Jacob und des Onkels eigene Drohungen, daß er mich bei dem geringsten Vergehen verlassen werde, schwebten mir immer vor.[69] Mein Benehmen war so, daß ich mir ja keinen Vorwurf zu Schulden kommen ließ. Um 8 Uhr früh war ich schon als der erste Schüler in der Akademie, den Rückweg machte ich ebenso schnell, um zeitlich zu Hause zu sein, und Abends, wenn die Schule aus war, lief ich nur durch die Gassen. Ich benützte jede Stunde zum Zeichnen und zum Lernen der italienischen Sprache. Um keinen Preis wollte ich Corvi Anlaß geben mich beim Onkel anzuschwärzen, und wie es schien, paßte er nur auf eine Gelegenheit dazu. So blieb nichts anderes übrig als mich zu gedulden. Ich nahm alles schweigend hin; nur um meine geliebte Kunst nicht verlassen zu müssen. Nehmt es mir nicht übel, meine geliebten Kinder und Freunde, für die ich diese Erinnerungen als ein Mann von 59 Jahren niederschreibe, wenn ich gestehe, daß ich einst nach einem traurigen Tage, es war ein Sonntag, auf den Fondamenti nuovi mit Selbstmordgedanken auf und nieder ging. Aber der Gedanke an meinen alten Vater und Gott riß mich aus dieser Verzweiflung; ich ging in mein Zimmer zurück, weinte bitterlich und flehte zu Gott um die Erlösung aus diesem Hause. Wenn ich dann einem blinden oder verkrüppelten Menschen begegnete, tröstete ich mich wieder, indem ich mir sagte: der ist doch noch unglücklicher als ich.

In der Akademie machte ich Fortschritte. Professor Lipparini lobte mich wegen meines Talentes und meines Fleißes; er gab mir immer gute Originale mit nach Hause um die Zeit gut zu verwenden. Und ich durfte ihn auch besuchen, so oft ich wollte. Durch Herrn Schmalzt machte ich auch die Bekanntschaft des deutschen Pfarrers Unterbacher, der mein Beichtvater war. Schmalzt erzählte ihm[70] und einem anderen Tiroler, Peter von Giovanelli aus Bozen, der damals als absolvirter Jurist in Venedig lebte, mein trauriges Loos. Letzterer, ein vortrefflicher junger Herr, übergab ihm sogleich für mich einen Napoleonsd'or. Peter von Giovanelli, den ich erst später kennen lernte, half mir noch öfters aus der dringendsten Noth und wurde mein Freund. Durch den Umgang mit ihm gewann ich viel, denn er gab mir Bücher und manche gute Lehre für den Verkehr mit Menschen. Mit dem Goldstück des Herrn Giovanelli schaffte ich mir insgeheim einiges Nothwendige und Material zum Zeichnen, ja sogar Farben und Pinsel an. Die Farben kaufte ich mir im rohen Zustande und rieb sie selbst mit einem gläsernen Reiber auf eine dicke Glasplatte. Auch Lipparini schenkte mir einmal ausgemusterte alte Pinsel, die mir doch gute Dienste gethan. Ich copirte zwei Studienköpfe nach Lipparini in Oelfarben und malte auch nach Gypsköpfen grau in Grau. Die große Kälte hatte etwas nachgelassen und ich konnte auch fleißig zu Hause malen. Aber wie oft hatte Andrea meine Köpfe durch Schnurrbärte und andere Zuthaten verunstaltet, so daß ich vor innerer Wuth mich an ihm hätte vergreifen können. Mit teuflischem Lachen sagte er mir einmal: »Ich will Sie doch noch einmal in Wuth bringen.« »Dann«, erwiderte ich, »stellen Sie sich aber sicher vor mir, das rathe ich Ihnen.« Es dauerte nicht lange, so kam es wirklich dazu. Nachdem sein Arm geheilt war, hatte er seine Besuche nach Mitternacht fortgesetzt und mich wie früher gepeinigt. Aber diese Besuche blieben auf einmal aus und ich konnte durch einige Tage ungehindert schlafen. Wie wohl that mir diese Ruhe.[71]

Als ich mich eines Abends wieder zur Ruhe begeben und einschlief, wurde ich durch ein furchtbares Brausen, Zischen und Krachen erweckt; ich glaubte von der Hölle zu träumen, denn mein Zimmer war hell in Flammen. Raketen schossen auf und an die Wände, ein Pulverdampf drohte mich zu ersticken, in der Mitte des Zimmers loderten die Flammen hoch empor und drohten das Bett anzuzünden. Ich sprang aus dem Bette, um mich zu retten, gleichzeitig aber überwältigte mich eine unbezähmbare Wuth, ich ergriff einen dicken Stock, der neben der Thür lehnte, und verließ das Zimmer, um den Bösewicht Andrea aufzusuchen, der mir das jedenfalls angethan hatte. Ich weiß nicht mehr wie schnell ich in sein Zimmer kam, ich schlug auf und unter das Bett, hörte und sah nichts, dann ging ich in das Zimmer seiner Schwester und als diese erschreckt fragte, was ich wolle, sagte ich, daß ich den Andrea umbringen werde; da ich ihn auch hier nicht fand, ging ich in das Zimmer der Eltern und weckte sie aus dem Schlafe. Herr Corvi erschrak fürchterlich, als er mich so in Wuth sah, die Frau war vielleicht in Ohnmacht gelegen. Ich schrie wie ein Tiger voll Zorn: »Wo ist der Schurke, ich muß ihn todtschlagen.« Corvi glaubte, ich sei verrückt geworden und bat mich zitternd, mich zu beruhigen. »Nein, rief ich, ich will mich rächen, geben Sie ihn mir heraus, er ist gewiß hier verborgen.« Ich suchte überall und fand ihn nicht. Indeß Herr Corvi sich aus dem Bette wand, den Schlafrock umnahm und mich mit aufgehobenen Händen zu beruhigen versuchte, bis er zur Thüre kam, um seinen Diener zu rufen, der aber im oberen Stockwerke schlief. Ich ging ihm nach, nahm ihn bei der Hand, die er vergebens zurückziehen wollte,[72] und sagte zu ihm mit lauter Stimme: »Kommen Sie mit, um zu sehen, was für ein Teufel ihr Sohn ist.« Er wollte nicht und zitterte an Händen und Füßen. »Es nützt Ihnen nichts, Herr Corvi, rief ich, Sie müssen selbst Zeuge der verruchten That ihres Kindes sein; ich bin nicht zum Narren geworden, wie Sie glauben, ich bin nur durch die Grausamkeit, die Ihr Sohn schon seit Monaten alle Nächte an mir verübt, in solche Wuth gerathen; Sie müssen kommen.« Und so führte ich ihn vom Diener begleitet, der inzwischen gekommen war und ein Licht trug, mit Gewalt in mein Zimmer. Schon auf der Treppe kam uns ein Pulverrauch entgegen und im Zimmer war es zum Ersticken, bis der Diener die Fenster öffnete. Corvi sah nun selbst wie Papiere und auch mehrere meiner Arbeiten, die an der Wand hingen, halb verbrannt waren; Andrea hatte nämlich einen Getreidesack mit Zeitungen und anderem Papier angefüllt, Schießpulver und Raketen hineingelegt, ihn in mein Zimmer gestellt und angezündet. Herr Corvi wurde nun, wie er dieses sah, außerordentlich zahm. »Mein lieber, lieber Carlo, haben Sie Geduld«, rief er mit aufgehobenen Händen, »ich werde Andrea strafen, sagen Sie Niemandem etwas davon, ich will alles wieder gut machen.« »Nein«, schrie ich, »ich will dem Onkel alles schreiben; ich will, ich muß fort aus diesem Elend.« Er wiederholte seine Versprechungen, aber er mußte dafür die Geschichte von der Bosheit hören, die mir Andrea seit so langer Zeit angethan hatte. Die Hausbewohner, kamen nach und nach in mein Zimmer, selbst die Hausfrau, alle mit blassen Gesichtern, und wurden Zeugen meiner Leiden. Sie brachten mich endlich durch Bitten und Versprechungen zur Ruhe.[73]

Drei Tage sah ich Andrea nicht, bis endlich Herr Corvi mit ihm zu mir kam und dieser mir gezwungen eine Abbitte leistete mit dem Versprechen, mich nie wieder zu belästigen. Man behandelte mich die erste Zeit etwas menschlicher, ich hatte Ruhe und Muße, und konnte, da auch der lange Tag und die wärmere Luft mich begünstigten, nicht nur in der Akademie, sondern auch zu Hause meinem Studium ungehindert obliegen. Herr Corvi sprach öfters freundlich mit mir und Andrea war scheu wie ein schlauer Fuchs. Diese gezwungene Freundlichkeit kam mir unheimlich vor, und doch war ich vergnügt, weil ich Ruhe hatte. Dies geschah im März 1833. Aber das Maß meiner Leiden war noch nicht voll, bis ich endlich auf gute oder schlechte Art aus diesem Hause befreit wurde.

Es kam nach Venedig ein Tiroler Mechaniker, Namens Tschugmal. Er hatte Automaten, zwei Schuh hohe Figuren erfunden und zwar so künstlich construirt, daß, wenn er sie aufgezogen und auf ein Seil gesetzt hatte, diese alle Bewegungen der Seiltänzer von selbst nachmachten. Als ich ihm bei Herrn Schmalzl vorgestellt wurde, gab er mir eine Freikarte und lud mich ein, seine Automaten zu besuchen. Die Vorstellung war des Abends im Redoutensaale nahe bei San Moise. Auch Herr Schmalzl, seine Nichte und seine Neffen, zwei Studenten, gingen mit, wir wollten uns zusammen diesen Genuß verschaffen. Wohl äußerte ich meine Furcht von Corvi, den Abend außer der Schule zuzubringen, aber Schmalzl beruhigte mich und meinte, Herr Corvi, der ein Feind der Deutschen sei, werde wohl dieses Spiel nicht besuchen. Ich ließ mich bereden, ging in's Automatentheater und setzte mich wie die andern in die ersteren Sitze. Aber[74] ich hatte doch ein beunruhigendes Gefühl; sähe mich Corvi, dachte ich, hätte er einen Grund mich beim Onkel anzuklagen. In diesen Gedanken sah ich mich um und sah zwei flammende Augen auf mich gerichtet. Es war Corvi. Ich sah und hörte nichts mehr und dachte nur an eine furchtbare Zukunft. Traurig verließ ich meine Landsleute, die mich vergebens zu trösten versuchten. Die ganze Nacht schlief ich nicht und machte alle möglichen Pläne, denn ich wußte, daß mir Furchtbares bevorstände. Des anderen Tages, als ich mich zu Tische gesetzt hatte, fing Herr Corvi an: »Sie sind ein sehr braver Junge, Sie gehen fleißig in die Akademie, ja mit H.... in's Theater; ich kenne Sie jetzt ganz, auch in einer gewissen Gasse habe ich und Andrea Sie öfters gesehen, Sie wissen schon, ja, ja, der fleißige Maler, ich werde das dem Onkel schreiben.« Ich wollte mich entschuldigen und von Tschugmäl, und wie sich die Sache verhielt erzählen; aber er schrie mir voll Zorn entgegen: »Still, Sie Verfluchter!« Und als ich nun erwiderte; »Nun, in Gottes Namen«, warf er mir einen Löffel voll Suppe in's Gesicht; ich stand auf und entfernte mich. Da flog mir der ganze Teller nach, daß ich die heiße Suppe bis auf die Haut verspürte. Ich ging mit meinem einzigen, nun beschmutzten Rocke in mein Zimmer, verrammelte die Thür und weinte bitterlich. Nach einer Weile brachte mir der Diener das Essen, dem ich aber nicht öffnete. Abends nahm ich Papier und Kerzen genug, um die ganze Nacht an einem langen ausführlichem Briefe zu schreiben, in dem ich meinem Onkel die ganze Leidensgeschichte in voller Wahrheit, ohne Jemanden zu schonen, erzählte. Zuletzt bat ich um Hilfe, mich zu befreien. Zwei Tage vergingen, ohne daß ich Jemanden[75] im Hause gesprochen hätte. Ich malte gerade an meinem eigenen Porträt aus einem dreieckigen Stück Spiegel, das nicht mehr als vier Zoll Flächenraum hatte, denn einen Spiegel, den ich mir einmal gekauft hatte, hatte mir Andrea in seinem Muthwillen zerschlagen. Indem ich so emsig malte hörte ich am dritten Tage auf der Stiege Tritte, und Herr Corvi trat blaß vor Wuth in mein Zimmer. Er blieb vor mir stehen, während ich entschlossen und ohne Furcht mich mit demselben Stocke, der mir als Malerstock diente, umdrehte. »Was haben Sie an Excellenz geschrieben«, rief er, den Brief des Onkels noch in der Hand haltend, »Sie schlechter Kerl.« Ich trat auf ihn zu und wollte ihn die Stiege hinunter werfen, denn mir war jetzt Alles einerlei, was ich that; aber feige und ohne ein Wort zu sagen, floh er davon. Ich verrammelte wieder die Thüre und malte in meiner Aufregung weiter. Nach ungefähr drei Viertelstunden hörte ich wieder schwere Tritte auf meiner Treppe. Herr Rögla klopfte an die Thür und sagte: »Ich bitte, Herr Blaas, machen Sie auf, ich komme sie abzuholen.« Die Stunde meiner Erlösung war gekommen. Rögla erzählte mir, während ich meine Zeichnungen von der Wand nahm und meine Sachen in den ärmlichen Koffer packte, daß der Herr Präsident ihm geschrieben habe, mich augenblicklich abzuholen, in sein Haus zu führen und für mich in jeder Hinsicht zu sorgen. Ein Träger war schon bereit und sehr froh ging ich aus diesem Jammerhause, mit der Empfindung, als ginge ich an der Seite eines Engels, der mich vor dem Teufel in Schutz genommen.

Ich war somit dem Corvi mit meinem Brief an den Onkel zuvorgekommen, er muß nicht vermuthet haben, daß[76] ich den Muth hätte zu schreiben. Wie ich später erfuhr, hatte ihm der Onkel unter Anderem geschrieben: »Und wenn nur die Hälfte von dem, was mir mein Neffe schrieb, wahr wäre, so sind Sie und Ihr Herr Sohn wie Verbrecher in meinen Augen.«

Im Hause des guten Herrn Rögla wurde ich von seiner braven Hausfrau herzlich aufgenommen. Bei Tische konnte ich vor Aufregung fast nichts zu mir nehmen und hatte so viel zu erzählen, da die guten Leute mir eine so warme Theilnahme bewiesen. Des anderen Tages reiste Corvi nach Verona, um sich persönlich aus der Klemme zu ziehen, in der er sich fühlte. In seiner Hitze und Schlechtigkeit stellte er es aber sehr ungeschickt an, denn er verleumdete mich und log schreckliches Zeug über mich zusammen, auch daß ich anstatt in die Akademie mit schlechten Weibspersonen in's Theater gehe, und daß alles, was ich geschrieben, nicht wahr sei. Mein Onkel schrieb aber sogleich an Professor Lipparini, ob dieses und jenes wahr sei, was ihm Corvi gesagt hatte. Lipparini schrieb umgehend, daß ich in jeder Hinsicht sein bravster und ausgezeichnetster Schüler wäre, daß er in seinen Studienjahren nie einen so fleißigen Mitschüler und ietzt, so lange er Professor wäre, keinen geschickteren und fleißigeren Jüngling gehabt habe als ich sei. Da ihm der Onkel geschrieben, mich gleich nach Verona abreisen zu lassen, um mich in Gegenwart des Corvi vertheidigen zu können, bat Lipparini dieses jetzt nicht zu thun, denn es hätten die Concurse begonnen und er hoffe zuversichtlich, daß ich wenigstens zwei erste Preise erhalten werde, die mir sonst bei meiner Abwesenheit entgehen würden. Diesen Brief des Professors zeigte der Onkel dem[77] Corvi und verbot ihm ferner sein Haus. Zur selben Zeit schrieb auch der strenge Onkel, um volle Gewißheit zu haben, an einen Appellationsrath, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, damit er mich in's Verhör nehme. Ich mußte dem Herrn alles erzählen, was ich bei Corvi erlebt und gelitten hatte; ich erzählte es auch der Wahrheit getreu und er schrieb alles dem Onkel, was mit meinem Briefe übereinstimmte.

Die Ferien waren herangenaht, ich hatte zwei erste Preise in silbernen großen Medaillen bei der öffentlichen Preisvertheilung erhalten, und reiste mit dem frohen Bewußtsein, meine Pflicht erfüllt zu haben, nach Verona, wo ich nach einem kurzen Verhöre vom Onkel auf das väterlichste und herzlichste aufgenommen wurde. Ich lernte nun die Familie des Onkel kennen, vor der ich so große Ehrfurcht hatte; die Frau Tante, eine sehr gute sanfte Frau, die mir gegenüber beinahe schüchtern und wortkarg sich verhielt, drei Söhne, Heinrich, Adolph und Karl, der aber erst ein Kind von fünf Jahren war, und die Tochter Antoinette, ein Mädchen von fünfzehn Jahren. Ich fühlte mich nach und nach sehr heimlich, da mir die Kinder wohlwollten, besonders Adolph, der ein sehr talentvoller gutherziger Junge war. Sie nahmen viel Antheil an meinen Leiden und äußerten bei meinem Erzählen manchmal ihr Rachegefühl durch. Drohungen gegen Vater und Sohn Corvi.[78]

Quelle:
Blaas, Karl: Selbstbiographie des Malers Karl Blaas 1815–1876. Wien 1876, S. 56-79.
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