IX. Revolutionsjahre, 1847–1851.

[203] Wer die Geschichte unserer Zeit miterlebt hat, wird sich erinnern, daß der 1846 neuerwählte Papst Pius IX. mit seinen Reformen die politische Bewegung in Italien entzündet hat. Der Jubel der Römer über die Freiheiten und Constitution, welche dieser damals so freisinnige Papst zum Schrecken der Jesuiten ertheilte, steigerte sich von Tag zu Tag und außer Rom suchte jede Stadt die andere, wo sich der heilige Vater zeigte, in Festlichkeiten und Huldigungen zu übertreffen. Auch in Albano wurde sein Besuch angesagt, und da ich als der einzige Künstler im Sommer 1847 wieder in Albano wohnte, kamen der Bürgermeister und zwei Gemeinderäthe zu mir, mich wegen des feierlichen Empfanges zu befragen. Ich schlug ihnen vor, ein Monument von Holz auf dem Domplatze zu errichten: ein architektonisches Postament mit Bildern und Inschriften und darauf die cachirte Statue des Papstes in colossalem Maßstabe. Die Bilder sollten vorstellen: Die vier Cardinaltugenden, Papst Pius IX. als Spender der Constitution und die Genehmigung des Eisenbahnprojectes durch den Papst. Die Herren ließen einen Bildhauer und drei Maler aus Rom kommen, welche unter[203] meiner Leitung das Ganze im Dome selbst ausführten. Das erste Bild malte ich selbst, und am Vorabend des Tages, an welchem der h. Vater kommen sollte, war alles fertig. Als ich jedoch auf das Gerüst eines Malers stieg, brach die Treppe unter mir, und ich stürzte so unglücklich auf den Marmorboden hinab, daß ich mir die linke Hand auskegelte und einige Zeit bewußtlos liegen blieb. Ein Wundarzt richtete das Handgelenk schlecht ein, und während der Papst am anderen Tage einzog, die Künstler lobte und belohnte, lag ich in schmerzhaftem Wundfieber zu Hause, und Niemand dachte an mich. Das ist meine Erinnerung an die Papstfeier in Albano im September 1847. Dann mußte ich eine animalische Cur beginnen; nach drei Monaten konnte ich die Finger bewegen, aber erst nach einem halben Jahre die Hand gebrauchen, und noch heute habe ich darin nicht mehr die frühere Kraft. Ein Monsignore, der in päpstlichen Diensten stand und mich kannte, beredete mich, beim Papste eine Audienz zu nehmen und ihm eine Zeichnung von dem Bilde zu überreichen, das ich an jenem Monument gemalt hatte. Er besorgte mir die Audienz, und der h. Vater empfing mich Abends sieben Uhr. Er fragte nicht, warum ich den Arm in der Schlinge trage, aber er gab mir für die Zeichnung eine silberne Medaille und seinen Segen.

Dann kam die Nachricht aus Mailand von dem Aufstande, von der Vertreibung der Tedeschi, daß viele niedergemacht und Radetzky an einem Pferdeschweif um die Stadtmauer geschleift worden sei, u.a. In Rom wurden in allen Kaffeehäusern Reden gehalten, die Worte: »morte ai tedeschi« standen an allen Ecken, und eines Tages wurde das österreichische Wappen von dem Gesandtschaftspalais[204] abgerissen, durch die Stadt geschleift, zerschlagen, und jeder Held dieser That steckte einen Splitter davon auf seinen Hut. Der österreichische Gesandte Graf Lützow, der mir wohl wollte, hatte mir schon früher gesagt, daß ich mich von der Civilgarde nicht ausschließen könne, weil ich schon über zehn Jahre in Rom sei, aber ich möge ja keine Charge übernehmen, um von jeder Verantwortung befreit zu sein. Meine Frau jedoch, die mein hitziges Temperament kannte und irgend ein Unglück fürchtete, bat mich sobald als möglich nach Albano zu übersiedeln, und ich folgte ihr. Die deutschen Künstler und einige Oesterreicher, wie Engerth, Schönemann u.a., reisten über Frankreich in die Heimat zurück, nur Karl Mayer, Gasser, der Maler Wurzinger mit seiner Frau blieben in Rom zurück. Da die Römer den venetianischen Palast als ihr Eigenthum erklärten und die Oesterreicher daraus flüchten mußten, bot ich Mayer und Wurzinger meine Wohnung in der Via Gregoriana an.

Auch in Albano entzog ich mich der Civica (Civilgarde), indem ich geltend machte, daß ich bereits in Rom Gardist sei, aber wegen meiner schwachen Hand kein Gewehr halten und daher keinen Dienst thun könne. Ich entging dadurch mancher Gefahr, denn die Lügen und Verleumdungen gegen die Oesterreicher waren mir widerlich und verhaßt, obwohl ich dem Drange nach Freiheit des so lange geknechteten Volkes nicht abhold sein konnte. Da mir ein Secretär des venetianischen Palastes von Zeit zu Zeit einen Pack der Augsburger allgemeinen Zeitung nach Albano schickte, so hatte ich immer, wenn auch spät, gediegene Nachrichten aus Oesterreich, Deutschland und Italien, während die römischen Blätter allzu lügenhaft und oft lächerlich[205] waren. Zu Hause hatte ich oft Streit mit Doctor Millingen, denn er war fanatisch für die Freiheit Italiens eingenommen und commandirte damals die Civilgarde in Albano. Für die kleine Stadt war das ein Glück, weil er in allem klug und gerecht vorging und besonders keine Excesse, auch nicht gegen die kirchlich Gesinnten, duldete. Aber er verbrauchte viel Geld und Zeit für Italiens Freiheit, und unser angenehmes Familienleben wurde etwas getrübt. Uebrigens lebte ich in Albano, obwohl ich allgemein bekannt und beliebt war, sehr zurückgezogen; ich suchte die einsamsten Spaziergänge in den Wäldern des Monte Cavo auf und arbeitete zu Hause fleißig an meinen Bildern. Graf Stephan Karoly hatte schon vor einem halben Jahre durch seinen Architekten, Herrn Uebl, drei Altarbilder für seine neue Kirche zu Foth in Ungarn bestellt. Das war ein wahrer Segen für mich, denn die Künstler waren aus Rom entflohen und die Kunst lag brach darnieder. Vor dem Waffengeklirr ziehen sich die Musen trauernd zurück. Die Kunst ist wie der Spiegel in der See, der, sobald der leiseste Wind die Oberfläche mit Wellen beunruhigt, verschwindet. Aber ich war der Glückliche und hatte eine schöne Arbeit vor mir, die ich in ziemlicher Ruhe fortsetzen konnte. Im letzten Winter hatte ich ein Altarbild für die Hauscapelle des Fürsten Metternich in Wien gemalt: den h. Papst Clemens, wie er die ihm erschienene Madonna mit dem Kinde anbetet; das Bild ist noch in der fürstlichen Villa am Rennweg. Für den Grafen Panin in Petersburg malte ich eine Scene aus dem Tiroler Landsturm 1809, »die Flucht nach Egypten« und »Christus in Emaus«, das letztere diesmal in kleinerem Maßstabe, denn das große Bild[206] mit demselben Gegenstand hatte ich schon früher für den Grafen gemalt. In Albano wurde auch mein drittes Kind, die Tochter Cornelia, am 11. October 1848 geboren. Die Pathin war die Schwester des Dr. Millingen, welche in Rom lebte.

Der Papst wurde damals noch wie ein Halbgott verehrt und er schien sich darin zu gefallen, immer mehr Freiheiten zu geben und an der Spitze der Nation zu stehen. Er hatte sogar vom Balcon des Quirinal die Waffen der Freischaaren, welche gegen die Oesterreicher auszogen, gesegnet. Aber in Rom nahmen die Zustände bald einen unheimlichen Charakter an und überall wurden Reden gehalten, zumeist leer, prahlerisch und lügenhaft. Der Schriftsteller und Maler Marchese Azeglio, den ich gut kannte und der mich oft besucht hat, sprach vernünftig: »Um zur wahren Freiheit zu gelangen, muß vor allem jeder von uns sich selbst vom Egoismus und von schlechten Leidenschaften frei machen; daher ist es nothwendig bei uns selbst anzufangen, wenn wir freie Bürger werden wollen.« Azeglio wurde später Minister, erschien jedoch den Italienern zu gemäßigt und zog sich zurück. Die römischen Freischärler mit dem rothen Kreuz auf der Brust wurden von den Oesterreichern bei Carnuda in Venetien jämmerlich geschlagen und kamen in elendem Zustande sammt ihrem Anführer, dem schönen Galetti, nach Rom zurück. Bald nahm die Revolution größere Dimensionen an. Sie wuchs dem Papst über den Kopf, und eines Abends flüchtete er verkleidet mit der Gräfin Spaur nach Gaëta. Als in Rom die Republik erklärt wurde, nahm der h. Vater die Hilfe Frankreichs, Spaniens und Neapels in Anspruch. An die beleidigten[207] Oesterreicher erging sein Hilferuf nicht, er war ein Gegner und früher Genosse der giovine Italia. Auch hatte Oesterreich mit sich selbst genug zu thun. Die Franzosen, seit jeher Guelfen, nahmen den Papst in Schutz, landeten in Civitavecchia, tanzten mit den Einwohnern um die Freiheitsbäume und glaubten, ohne Schwertstreich wie im Triumphe in Rom einziehen zu können. Aber Garibaldi vertheidigte die Stadt und die Franzosen wurden von den Stadtmauern und dem vaticanischen Garten aus mit Kartätschen empfangen, so daß auf einmal 300 Todte auf der Straße lagen. Ein Waffenstillstand machte vorerst den Feindseligkeiten ein Ende; die Franzosen verstärkten sich und Garibaldi sammelte die Freischärler Italiens, ließ die Schweizer Soldtruppen aus der Romagna rufen und nahm auch Polen und andere Fremde unter die rothe Fahne auf.

Als dann der König von Neapel mit 15.000 Mann anrückte und sein Hauptquartier in Albano nahm, dachte ich, daß es hier einen tüchtigen Zusammenstoß geben könne und fand für gut, der Einladung des Gutsbesitzers Ricotta, der ein Vetter meiner Frau war, zu folgen und mit meiner Familie, der Mutter und dem kleinen Schwager nach Nettuno abzureisen. Das Silberzeug, die Wäsche und andere werthvolle Sachen versteckten wir so, daß sie nicht leicht von den Soldaten gefunden werden konnten. Millingen blieb als Commandant der Civilgarde in Albano und zog dann selbst mit Garibaldi gegen die Neapolitaner in's Feld. Bei Orazio Ricotta fanden wir auch einen flüchtigen Jesuiten, der sehr erfreut war mich kennen zu lernen, weil er mich für einen der Seinigen hielt. Als uns der Onkel meiner Frau, Paolo Dipietro, der Gouverneur von Castel Gandolfo schrieb, wie[208] die Neapolitaner in unserem Hause wirthschafteten, alles Geflügel schlachteten, die Vorräthe von Wein und Oel aufzehrten und die Maulthiere in dem schönen Garten lagerten, entschloß ich mich, selbst nach Albano zu reiten. Ich steckte einen alten Paß, eine Legimationskarte der Commune von Nettuno und einen Brief des Fürsten Metternich, in dem er seine Zufriedenheit über das Bild der h. Elisabeth aussprach, zu mir, aber auf dem Wege fiel mir ein, daß mir diese Papiere bei den Garibaldianern, deren Vorposten durch's Land streiften, mehr schaden als nützen könnten, und ich versteckte sie in meinen Stiefel. Meine einzige Waffe war ein starker Malerstock mit einer eisernen Spitze, und er sah wie ein Speer aus, aber ich hatte nicht nöthig ihn zu gebrauchen. Unweit Albano kam ich zu den Vorposten der Neapolitaner, und zwar von einem Schweizer Regiment des Königs. Der Officier, dem ich meine Papiere zeigte, gab mir den Rath, mir, ehe ich in Albano einreite, den Vollbart scheren zu lassen, weil die Soldaten schon viele Albanesen inmitten des Hauptplatzes auf einen Stuhl gesetzt und ihnen mit Roßscheeren die Bärte abgeschnitten hatten. Ich befolgte seinen Rath und trat in der ersten Gasse in einen Friseurladen, wo sich schon mehrere Leidensgefährten scheren ließen; da keine Zeit war, schnitt ich mir selbst meinen rothbraunen Vollbart ab und ging in unser Haus, das wir eine Kaserne aussah. Ich beschwerte mich beim Officier über das Treiben seiner Soldaten im Hause eines Oesterreichers und drohte, mich beim Gesandten darüber zu beschweren. »Aggia pazienza, signore«, »haben Sie Geduld«, erwiderte der Officier und machte noch einige furchtsame Entschuldigungen. In der That ging ich zum Grafen Spaur,[209] der zugleich der Vertreter Oesterreichs und in dem Gefolge des Königs war und klagte ihm meine Noth. Obwohl er mich und Millingen gut kannte, und der Conte Giraud in Rom, dem das Haus gehörte, sein Schwager war, gab er mir den trockenen Trost, daß ich mich gedulden müsse, in Kriegszeiten gehe es nicht anders. Vergebens verlangte ich Schadenersatz, den er leicht hätte erwirken können. Da mein Aufenthalt keinen weiteren Nutzen bringen konnte, ritt ich nach Nettuno zurück. Wie ich ungefähr acht Miglien entfernt war, erblickte ich an der Waldstraße grasende Pferde und Garibaldianer; weil ich mich meiner verdächtigen Papiere erinnerte, drehte ich mich um und ritt im schnellsten Galop zurück. Die Soldaten hielten mich wahrscheinlich für einen Spion, sprengten mir nach und schickten einige Schüsse nach. Die eine Kugel schlug ganz nahe von mir in einen Baum, aber bei einer Biegung der Straße lenkte ich in den Wald ein und kam ihnen so aus den Augen. Ich kannte den Wald und Pfad von einer Jagd her und ritt rasch weiter. Nach einer halben Stunde hielt ich an und horchte; da ich nichts als das Schnaufen des erregten Pferdes und meine eigenen Pulse schlagen hörte, ließ ich das Pferd im Schritte gehen, bis ich auf die Wiesen hinauskam und das Meer erblickte. Statt auf der geraden Straße nach Porto d' Anzio, war ich nördlich durch den Wald geritten und mußte nun auf einem weiten Umwege am Meeresufer fortreiten, daß ich erst spät nach Nettuno kam. Meine Frau erwartete mich in voller Angst am Fenster, ich grüßte sie von der Straße, aber sie erkannte mich nicht gleich, weil ich ohne Bart war; meine Buben, Eugen und Julius, schlossen, wie sie mich erblickten, scheu wie junge Hunde tief[210] unter das große Bett hinein. Nur der Jesuitenpater konnte seine Freude nicht unterdrücken und meinte, daß ich erst jetzt einem guten Christen gleichsehe.

Nach einigen Tagen wurden wir durch die Ankunft des Onkels Dipietro überrascht, der sich als Anhänger des Papstes und Feind der Liberalen in Castel Gandolfo nicht mehr sicher glaubte und hier bei seinem Schwiegersohne eine Zuflucht suchte. Der König von Neapel hatte sich mit seinem Hauptquartier nach Velletri zurückgezogen, wo ihn die Garibaldianer umgehen und eine Schlacht liefern wollten. Albano wurde von den Freischaaren besetzt, und hätte Millingen nicht alles aufgeboten, wäre es den sogenannten »Schwarzen«, an deren Spitze Dipietro stand, übel ergangen, denn sie waren alle zum Erschießen vorgemerkt. Schon am zweiten Tage nach der Ankunft des Onkels hörten wir bei Tagesanbruch von Velletri herab Kanonendonner, welcher den ganzen Tag fortdauerte. Da unser Vetter bei Stura eine Meierei tief im Walde hatte, rieth ich dem Onkel sich dort zu verstecken, aber er wollte nicht. Zwei Tage nachher sah meine Frau fünf Reiter die Straße heran kommen und an ihrer Spitze den wüthenden Feind des Onkels. Ich ließ sogleich zwei Pferde satteln, half dem Onkel auf das eine, und wir ritten noch ungesehen durch das hintere Thor über die Felder dem Walde zu. Da ich die Wege von den Jagden her gut kannte, kamen wir bald in den dichten Wald bei der Meierei, und ich beredete den schwerfälligen Mann, sich hier im Dickicht auf einem schattigen Plätzchen ruhig zu verhalten, bis ich ihn Abends abholen würde. Auf dem Rückwege begegnete ich schon den Reitern, welche inzwischen das Haus durchsucht hatten und ihren Mann nun in der[211] Meierei finden wollten. Der Anführer war ein gewisser Massini, ein Mensch von schlechtem Ruf. Finster grüßend ritten wir aneinander vorüber, und ich dachte: reitet nur zu, ihr müßt tüchtige Spürhunde sein, wenn ihr das Versteck auffinden wollt. In Nettuno tröstete ich die geängstigten Frauen, aber es dauerte nicht lange als ein Knabe athemlos gelaufen kam und erzählte, Dipietro sei in die Meierei gekommen und die Reiter hätten ihn dort gefangen genommen. Der Onkel mußte seine Thorheit büßen, denn sie brachten ihn bald zwischen ihren Pferden gefangen nach Nettuno. Auf unsere Bitten durfte er wenigstens früher essen und ein Pferd besteigen, statt zu Fuß und an andere Pferde gebunden nach Rom geschleppt zu werden.

Die Angst und der Kummer, das Weinen und Jammern der Frauen war schrecklich. Nun mußte auf die Rettung des Onkels gedacht werden; ich wollte allein nach Albano zu Millingen reiten, aber die junge schöne Frau des Gefangenen und die Schwiegermutter wollten auch abreisen. In der Eile wurden zwei Wagen gerüstet, bepackt, um fünf Uhr Abends brachen wir Alle auf und fuhren in die finstere Nacht hinein. Vor Albano brach die Achse eines Wagens, ich mußte im strömenden Regen zu einem Hause eilen und zwei Männer herausklopfen, welche für guten Lohn mit Fackeln und Stricken zur Straße gingen. Wir banden eine Stange an den Wagen fest, daß die Achse darauf ruhte und der Wagen wenigstens bis zum Bauernhause geschleift werden konnte. Wagen und Pferde ließen wir hier zurück und gingen in Regen und Nacht nach Albano; die zwei Männer trugen die Fackeln und meine zwei Knaben, die auf den Schultern wieder eingeschlafen waren; ich nahm die kleine[212] Cornelia auf den Arm, die Frauen gingen zwischen uns, und so kamen wir um drei Uhr früh durchnäßt und erschöpft nach Albano und in unsere Wohnung. Millingen hatte in der Schlacht bei Velletri mitgefochten, war jedoch schon zurückgekehrt und diese Nacht auf der Stadtwache. Ich holte ihn noch in der Nacht, und er ging auch eilends mit mir. In meinem Mißmuthe machte ich ihm Vorwürfe über seine Theilnahme an Politik und Krieg und warf in meiner Heftigkeit seinen Tschako zum Fenster hinaus. Die Frauen mußten uns beruhigen und Millingen duldete ruhig meine Aufregung und die nicht besonders gewählten Ausdrücke, die ich nach diesem angstvollen Tage und die angestrengte Nacht über ihn und das Treiben der Rothen ergehen ließ. Ja er fuhr schon nach einer Stunde nach Rom, um bei dem Triumvirat für Dipietro fürzubitten, und es gelang ihm, daß der Letztere mit einem Arrest von drei Wochen davon kam. Ohne Millingen wäre es ihm gewiß schlechter ergangen.

Nachdem die Neapolitaner sich mit den Freischaaren des Garibaldi einen vollen Tag geschlagen hatten, machten sie sich in der Nacht, während die Freischärler fest schliefen, aus dem Staube. Albano wurde nun wieder republikanisch, und es war mir oft unheimlich, wenn ich auf meinen Spaziergängen solch' fanatischem Gesindel begegnete, das sich wenig an die militärische Disciplin kehrte; ich nahm daher immer zwei kleine Pistolen zu mir, ohne meiner Frau davon etwas zu sagen. Wie froh war ich, nicht bei der Civilgarde zu sein, denn ich konnte fleißig und ungestört an den drei Altarbildern für den Grafen Karoly malen. Das Hochaltarbild stellte vor die unbefleckte Empfängniß der h. Jungfrau[213] von Engeln umgeben in einer Glorie in Anbetung und in himmlisches Behagen versunken; das Bild für den linken Seitenaltar stellte dar die h. Franzisca Romana, wie sie nach der Legende in Begleitung eines Engels vor einem Kloster Almosen austheilt, und jenes für den rechten Seitenaltar den h. Georg zu Pferde, wie er den Drachen erlegt, alles in lebensgroßen Figuren.

Ich lebte nur für die Kunst und meine Familie, auf den Spaziergängen waren meine Frau und die Kinder meistens mit mir. Der kleine Eugen zeigte schon als Kind ein außerordentliches Talent zum Zeichnen; er konnte das Wort »cavallo« noch nicht deutlich aussprechen und zeichnete schon Pferdefiguren in den Straßenstaub und zu Hause auf Papier. Das war für mich eine große Freude, und ich erzog ihn von früher Jugend an zum Künstler; auch mein kleiner Schwager zeichnete bei mir in seinen freien Stunden. Julius fing viel später an zu zeichnen, aber er war wegen der neckischen Eigenschaften und seines guten Gemüthes unser Aller Liebling. Cornelia war kaum ein Jahr alt und ein sehr schönes Kind, sowie auch die zwei Knaben, die wegen ihrer Gesundheit und Frische allgemein bewundert wurden. Freilich hatten sie eine seltene Mutter, die sie auf das Liebevollste pflegte, ohne sie zu verzärteln. Die Kinder mußten gehorchen, wir waren consequent und miteinander in der Erziehung einverstanden. Ich genoß das Familienglück im vollsten Sinne des Wortes. In den politischen Streitigkeiten zwischen mir und Millingen machte meine Frau immer die Vermittlerin, was für sie eine schwere Rolle war. Zwei Jahre wohnte ich fortwährend in Albano und reiste nur nach Rom in Geschäften und um Einkäufe zu machen. Die Unruhen in der Republik dauerten[214] fort. Die Franzosen kamen mit verstärkter Macht wieder, stürmten und bombardirten Rom. Von der Villa Doria in Albano konnten wir mit einem Fernrohr, welches Millingen an einen Baum geschraubt hatte, den Kampf bei der Porta S. Pancrazio in Rom sehen. Einige, welche im Stillen den Franzosen den Sieg wünschten, sagten: »Die Franzosen dringen ein«; Andere, welche laut gegen die Franzosen eiferten, riefen: »Die Garibaldianer rücken vor«, so daß jede Partei sich verrieth und das zu erblicken glaubte, was sie wünschte. Auch ich schaute durch das Fernrohr, sah aber nichts als Rauch und öfter die Blitze der Kanonen. Es kostete den Franzosen einen langen und harten Kampf, bis sie Rom einnehmen konnten. Die Ruhe wurde hergestellt, auch Albano erhielt eine französische Besatzung und als der October herangerückt war, zogen wir wieder nach Rom in unsere alte Wohnung.

Da ich auf meinen Jagden die römische Campagna in allen Richtungen durchstreifte und auch den Weg zwischen Albano und Rom oft mit dem Gewehre zurücklegte, ging es nicht immer ohne Abenteuer ab. Rechts und links von der Straße weiden ganze Heerden von Schafen, Kühen und Pferden, und die Schäferhunde, eine Art Wolfshunde, fallen, wenn sie nicht zeitlich von den Hirten zurückgerufen werden, oft zehn bis fünfzehn an der Zahl den Fremden an. Wenn er sich nicht erwehren kann, wird er zerrissen und aufgefressen, wie es damals einem Knaben aus Marino geschehen ist. Eines Tages ging ich längs der alten Via Appia durch das Thal der Nymphe Egeria und dann über Anhöhen einem Thale zu, als aus dem Grase mehrere Hunde aufsprangen und mich umjagten. Da der Hirt, den ich anrief, behaglich[215] stehen blieb, schoß ich den nächsten Hund nieder, den die anderen sogleich überfielen und auffraßen. Als drei Hirten aus der Hütte kamen und mir drohten, lud ich mein Gewehr und rief ihnen zu, daß sie sich nicht nähern sollten. Nach fast zwei Stunden Weges, schon in der Nähe von den alten Ruinen bei Albano, hörte ich hinter mir im Grase ein Geräusch, als wenn ein Fuchs aufgestanden wäre. Schnell wendete ich mich um und erblickte einen Schäferhund, der meiner Fährte so lange gefolgt war; aber mein Schuß streckte ihn in's Gras nieder. Ein anderes Mal verfolgte mich, als ich vom Wege weitab auf Wachteln schoß, eine Heerde Kühe, den Stier voran; ich lief in wahrhaftiger Todesangst über das Feld, schoß zweimal in die Luft, wodurch die wilden Thiere etwas auseinanderstoben und schlüpfte dann meinem Hunde nach durch die Latten eines Zaunes, wo ich ganz ermattet zusammenbrach; durch die Latten sah ich noch Hunderte von riesigen Schädeln, hörte das Schnauben der Thiere, das Krachen der Latten und raffte mich, da ich auch hier nicht sicher war, zur weiteren Flucht auf. Eines Tages, als ich wieder rechts und links durch die Büsche streifte, sah ich aus dem hohen Grase eine wüste Gestalt sich erheben; ich nahm sogleich das Gewehr schußgerecht und rief: »Halt! was wollt ihr?« Der Mann, der Sträflingskleider trug und einen Sack über die Schulter hielt, fragte: »Wie viel Uhr ist es?« Ich erwiderte, das Gewehr auf ihn gerichtet: er solle sich auf die Beine machen, sonst würde ich ihn niederschießen, worauf er sich langsam, nicht ohne sich öfter umzuschauen, entfernte. Als ich einige Tage später von Rom mit der Postkutsche herausfuhr, begegnete ich einem Zug Carabinieri, welche auf einem Wagen einen in Eisen[216] geschlossenen Sträfling führten. Es war mein Mann aus der Campagna, und der Zugführer, dem ich mein Abenteuer erzählte, meinte, er sei ein flüchtiger Räuber und Mörder und hätte mir gewiß den Sack über den Kopf geworfen, um mich zu tödten und der Kleider und der Brieftasche zu berauben.

Zur Zeit, als ich mit den drei Bildern für die Kirche in Foth fertig wurde, ging der Krieg in Ungarn zu Ende, und ich erhielt die Nachricht, daß Graf Stephan Karoly wegen seiner Theilnahme an der Revolution internirt, vielleicht zum Tode verurtheilt und sein Vermögen confiscirt worden sei. Um mein Recht zu wahren, reiste ich sogleich mit meinen Bildern über Ancona und Triest nach Wien, aber der Bruder des Bestellers, Graf Ludwig Karoly, wollte sich der Sache gar nicht annehmen und ließ mich in sorgenvoller Ungewißheit. Dafür ertheilte mir der Oberstkämmerer, Graf Karl Lanckoronski, die Erlaubniß, meine Bilder im kleinen Redoutensaale in der Hofburg öffentlich ausstellen zu dürfen, und der Kaiser, der ganze Hof, die Künstler wie das Publicum zollten denselben einen ungetheilten Beifall. Se. Majestät der junge Kaiser Franz Joseph empfing mich in einer Audienz, und ich konnte meinen Dank für die österreichische Pension, die ich durch fünf Jahre in Rom genossen hatte, aussprechen. Ich dachte schon daran, eine zweite Audienz zu erbitten und dem Kaiser das Schicksal der armen Bilder an's Herz zu legen, als Graf Stephan Karoly begnadigt wurde und sogleich seinen Architekten Uebl nach Wien schickte, um die Bilder zu übernehmen und zu bezahlen. Er hatte in den öffentlichen Blättern viel Gutes darüber gelesen.[217]

Das damalige Wien machte auf mich einen ziemlich nüchternen Eindruck, da ich seit zwanzig Jahren in den malerischen Städten Italiens gelebt hatte. Von den Kirchen bewunderte ich den ehrwürdigen Dom von St. Stephan und die ebenfalls gothische Kirche Maria Stiegen; von den Profanbauten überraschte mich das Belvedere mit seiner herrlichen Lage am meisten. Sein kunstreicher Inhalt gewährte mir Erkenntniß, Freude und Genuß. Hier lernte ich zum erstenmale die niederländische Schule, sowie die altdeutschen Künstler recht kennen, besonders Albrecht Dürer, van Eyck und Hans Memling. In München hatte ich wohl diese Meister in der Pinakothek gesehen, aber mein Kunstsinn war damals noch nicht so reif, um ein volles Verständniß dafür zu haben. Ungeachtet ich alle Galerien Italiens mit Ausnahme jener von Turin gesehen, setzte mich die Belvedere-Galerie in Staunen und Bewunderung; sie steht keiner italienischen, vielleicht auch nicht den Florentiner Galerien nach. Ich besuchte auch einige Privatgalerien, besonders jene der Fürsten Liechtenstein und Esterhazy, welch' letztere seitdem nach Ungarn gewandert ist. Von der Malerei sind in Wien alle Schulen sehr schön vertreten, nur die altflorentinische Schule fehlt beinahe ganz; aber ich vermißte sie nicht, da ich in Italien ihre größten Werke studirt hatte. Von den vielen Sehenswürdigkeiten in Wien machten mir die k. Schatzkammer und darin die Reichsinsignien Kaiser Karl's d. Gr. einen besonderen Eindruck. Hätten die Franzosen diesen Schatz, sie würden dafür einen eigenen Tempel bauen lassen. Außer den reichen Kunstschätzen, welche die Wiener zu meiner Verwunderung gar nicht zu kennen schienen, fand ich die Umgebung Wien's reizend: die schön gezeichneten Hügel mit[218] ihrem Waldgürtel, die duftigen Thäler mit ihren schattigen Spazierwegen. In der kurzen Zeit, in welcher ich damals in Wien verweilte, machte ich die Bekanntschaft mehrerer Professoren und Kunstfreunde, besonders des Grafen Johann N. Waldstein, der Professoren Führich und Kupelwieser; die Architekten van der Nüll und Siccardsburg, so wie den Porträtmaler Amerling kannte ich schon von Rom her. Meine Bilder, die im Redoutensaale ausgestellt waren, verschafften mir einige Aufträge adelige Damen zu porträtiren; so malte ich bei Maler Stohl die schöne Gräfin Clam-Martinitz und die Frau des russischen Botschaftsrathes Fonton, eine russische Schönheit.

Während eines Ausfluges in der Brühl, wohin mich mein Freund Stohl begleitete, war ich in sehr guter, heiterer Laune, aber auf dem Rückwege überfiel mich eine unbegreifliche Schwermuth. Wie ich nach Hause kam, fand ich einen schwarz geränderten Brief und darin die Nachricht von dem plötzlichen Tode meiner geehrten Schwiegermutter. Da meine Frau, welche ihre Mutter namenlos geliebt hatte, mit so bekümmertem Herzen schrieb und mit den Kindern in Rom ganz trostlos schien, ließ ich mich bei den Damen, die ich malte, entschuldigen und reiste schon in den nächsten Tagen ab. Zuerst fuhr ich über Salzburg und Innsbruck nach Nauders, um meinen alten Vater nochmals zu sehen. Er war nun 88 Jahre, aber noch rüstig und schoß noch immer sicher auf die Scheibe. Es war im September 1850, als ich von ihm und der Heimat Abschied nahm und über Bozen nach Italien fuhr. Meine Schwiegermutter war in Genua gestorben, wohin sich Millingen, da er sich als Anhänger der unità Italia vor der päpstlichen[219] Regierung nicht ganz sicher hielt, zurückgezogen hatte; nach dem raschen Todesfalle seiner Frau lebte er eine Zeit in Savona. Dort besuchte ich ihn und ging dann zu Schiff nach Civitavecchia.

Kaum war ich einige Tage in Rom, als ich von dem Grafen Franz Thun, damals Kunstreferent im Ministerium des Unterrichts, einen officiellen Brief erhielt. Er schrieb, daß sein Bruder, der Unterrichtsminister Graf Leo Thun, mir in Folge des bedeutenden Rufes meiner Bilder die Professur für Malerei an der Wiener Akademie antrage. Ich nahm diese ehrenvolle Berufung sogleich an und knüpfte nur die Bedingung daran, erst im nächsten Frühjahre die Stelle antreten zu dürfen. Dies wurde mir ohne Anstand zugesagt, die Professur übernahm provisorisch der Maler Karl Rahl, und ich hatte den Winter und das Frühjahr vor mir, meine Verhältnisse zu ordnen, zu studiren und zu schaffen.

Damals malte ich ein figurenreiches Genrebild: »Die Messe, welche für die Schnitter am Sonntag in der Campagna unter freiem Himmel gelesen wird.« Ein halbes Jahr später kaufte es Graf Beroldingen aus der Wiener Kunstausstellung. Auch hatte ich für Lord Shrewsbury ein Familienbild in Arbeit, welches die zwei Enkel des Lords, die jungen Doria und den jungen Neffen in der Villa Doria vorstellte. Weil der Lord wegen der Krankheit seines Neffen nach Palermo übersiedelte, mußte ich ebenfalls nach Sicilien, um das Bild zu vollenden. In der Villa Belmonte bei Palermo, wo der Lord wohnte, brachte ich die vier Wochen der heißen Jahreszeit vom halben Juni bis Mitte Juli zu. Da ich außer dem Bilde des Kranken, auch die[220] Porträte des Lords und der Lady zu malen hatte, so saß ich oft in Schweiß gebadet bei der Arbeit, während der alte Lord im schwarzen Frack Stunden lang da saß und auch öfter einschlummerte. Die Lady war viel munterer und gesprächiger, aber sie sprach nicht italienisch, mein Französisch reichte auch nicht weit, daher das Gespräch bald in's Stocken gerieth. Dabei hatte ich Gelegenheit, das altenglische aristokratische Familienleben mit seinen eigenthümlichen Gebräuchen kennen zu lernen. Namentlich bei Tisch war alles steif und förmlich. Wir speisten gewöhnlich sechs zusammen: Der Lord, ein langer, magerer Herr mit schneeweißem Haar, die Lady, dann ihre Schwester, eine alte Jungfer, der kranke abzehrende Neffe, in Flanell- und Tuchkleider gehüllt, der Hofmeister, ein römischer junger Priester und ich. Zuerst wurde ein großes gebratenes Fleischgericht aufgetragen und vor den Lord gestellt, ein zweites Gericht vor die Lady und ein drittes vor ihre Schwester. Sie zerlegten nacheinander ihre Gerichte und vertheilten sie. Es dauerte immer sehr lange, bis der Lord von dem Braten schmale Scheiben losgeschnitten und den Frauen gereicht hatte. Uns Andere fragte er mit erhabener Ruhe in seinem Englisch-Französisch: » Voulez vous du boeuf, ou voulez vous pas?« und legte uns dann ebenfalls ein dünnes Schnittchen vor. Der Geistliche hatte mehr Appetit als die Herrschaft, ließ sich die Gerichte mehrmals reichen und verlor keine Zeit beim Essen; aber mich hat das Essen mehr gereizt als gesättigt. Das Abendbrot ließ ich mir auf mein Zimmer bringen, stillte meinen Hunger an kaltem Fleisch, Käse und Brot und trank eine Flasche Bordeaux. Jeden Abend acht Uhr ließ der Lord die Billa sperren und Niemand durfte dann mehr ausgehen.[221] Ich saß traurig an meinem Fenster und schaute in den vom Mond beleuchteten Garten hinaus; aber eines Abends, nachdem ich den ganzen Tag gearbeitet hatte, konnte ich mir den Genuß nicht versagen, sprang beim Fenster hinaus in den Garten und ging schnellen Schrittes hinauf dem Monte Pelegrino zu. Auf einmal erscholl der Ruf: »Halt! wer da?« »Chi viva?« Ein Trupp Soldaten stand vor mir und hielt die Bayonnette vor. Es war die Sicherheitswache des Lord, die er sich von dem König gegen die Räuber erbeten hatte. Auch mich hielten sie fest, und als ich dem Corporal versicherte, ein Gast des Lord zu sein, führten sie mich zur Villa, wo mich der Portier lachend befreite. Da es mit den Abendgängen vorbei war, stand ich künftig Morgens fünf Uhr auf, wanderte herum und badete mich in den Grotten am Meeresufer.

Wie angenehm war es mir bei diesem Aufenthalte in Palermo die Kunstschätze und Alterthümer, die von Griechen, Saracenen und Normannen herstammen, und besonders das berühmte Monreale mit dem prachtvollen Dom und den schönen Säulengang im Benedictinerkloster zu sehen. Wie viel ist darüber geschrieben worden, und alles bleibt neu und schön. Ich gedenke dabei des sicilianischen Malers Pietro Novelli, »il Morrealese« genannt, der in der Kunstgeschichte selten vorkommt; er lebte in der Zeit der Caracci, ist mir aber lieber als diese. Auch das großartige Fest der h. Rosalie konnte ich von einem Balcon des erzbischöflichen Palastes, wohin mich die Familie Shrewsbury mitgenommen hatte, genau betrachten. Wir sahen auf einem riesigen Wagen, der von vierzig Paar Ochsen gezogen wurde, ein Schiff mit vergoldeten Engelfiguren und mit dem hohen,[222] thurmartigen Aufsatze, auf welchem eine reich gekleidete, colossale Figur, die h. Rosalie vorstellend, thronte. Der hölzerne Thurm war mit Menschen gefüllt; unten waren Musikanten, weiter oben schöne Jungfrauen mit offenen Haaren und Palmzweigen in den Händen, noch höher kleine Mädchen als Engel angezogen. Der Zug kam vom Dome her und ging den ganzen Toledo hinunter. Die bunten Volksgestalten, die Beamten und Soldaten, die ganze Ausschmückung des Festes boten reizende kleine Bilder. Mit Shrewsbury ging ich auch Abends zum k. Statthalter, Principe Filangieri, wo ein großer Empfang stattfand. Da ich seine zwei Töchter und den Sohn, den jetzigen Duca di Cardinali, schon 1847 porträtirt hatte, so war ich dem Kreise nicht fremd und wurde auch freundlich begrüßt. Uebrigens wurde die Hitze immer ärger in Palermo. Ich hielt mein Zimmer ziemlich kühl, indem ich es bei Tag vor Licht und Wärme absperrte und nur des Abends öffnete, aber im ersten Stock bei Lord Shrewsbury waren die Fenster den ganzen Tag offen und wurden erst Abends wieder geschlossen. Die Hitze in diesen Räumen war unausstehlich und beschleunigte auch den Tod des armen Neffen. Ich war herzlich froh, als meine Aufgabe vollendet war und ich abreisen konnte. In Rom malte ich mein eigenes Porträt im 35. Lebensjahre; das Bild ist meine letzte Arbeit in Rom und gegenwärtig im Besitze meiner Tochter Cornelia.[223]

Quelle:
Blaas, Karl: Selbstbiographie des Malers Karl Blaas 1815–1876. Wien 1876, S. 203-224.
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Schnitzler, Arthur

Der Weg ins Freie. Roman

Der Weg ins Freie. Roman

Schnitzlers erster Roman galt seinen Zeitgenossen als skandalöse Indiskretion über das Wiener Gesellschaftsleben. Die Geschichte des Baron Georg von Wergenthin und der aus kleinbürgerlichem Milieu stammenden Anna Rosner zeichnet ein differenziertes, beziehungsreich gespiegeltes Bild der Belle Époque. Der Weg ins Freie ist einerseits Georgs zielloser Wunsch nach Freiheit von Verantwortung gegenüber Anna und andererseits die Frage des gesellschaftlichen Aufbruchs in das 20. Jahrhundert.

286 Seiten, 12.80 Euro

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Große Erzählungen der Frühromantik

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1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

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