VI. Italienische Fahrten, 1839–1840.

[134] Im Sommer 1839, als die Hitze sehr drückend wurde, machte ich Deschwanden den Vorschlag, eine Reise nach Umbrien zu machen, um die freie Natur und frische Luft zu genießen. Ich hatte in Rom einen jungen Grafen Danzetta aus Perugia kennen gelernt, der mir von der reizenden Gegend seiner Vaterstadt und ihren Kunstschätzen viel erzählt und seine Freundschaft angeboten hatte. Am 10. Juli Abends fuhren wir in lustigen Sommerkleidern mit wenig Gepäck gegen Viterbo, und da in der Nacht ein Gewitter niederging, wurde uns die kalte Morgenluft sehr empfindlich. In Perugia empfing mich Graf Danzetta mit voller Herzlichkeit, stellte mich seiner Mutter vor, und ich mußte oft dort speisen. Ich und Deschwanden wohnten jedoch in dem Hôtel garni, waren gut bedient und zahlten sehr wenig. Im Hause des Grafen Contestabile befand sich ein kleines Bildchen von Raphael, eine Madonna mit dem Kinde (jetzt in der Galerie zu Berlin), eine Jugendarbeit des Meisters, aber von unbeschreiblicher Anmuth und Zartheit. Danzetta verschaffte mir die Erlaubniß, es copiren zu dürfen, und da die gräfliche Familie auf ihrem Landsitze war, konnte ich ganz ungestört[134] und mit Begeisterung und Liebe malen. Die Hitze war in Perugia erträglich, die Menschen zuvor kommend, und für unsere Studien der religiösen Kunst gab es hier viel herrliches Materiale in Kirchen, Kunstsammlungen und Palästen. Bilder von Pietro Vanucci oder Perugino fanden wir bis zur Uebersättigung; ich sage das, weil so wenig Originalität und Erfindungsgabe darin ist. Er wiederholt immer die wenigen Draperiestudien bald in einer männlichen, bald in einer weiblichen Figur, die Köpfe sind alle einander ähnlich und drücken mehr Sentimentalität und Frömmelei als wahren Ernst und innerliche Frömmigkeit aus. Wer sein Meisterwerk, »die Grablegung Christi«, im Palazzo Pitti in Florenz kennt, sollte in Perugia kein Bild mehr von ihm ansehen, außer einen Marienkopf in der »Geburt Christi« in Fresco gemalt. Das denkwürdigste Kunstwerk in Perugia ist ein Frescogemälde im sogenannten Cambio, »Christus in einer Glorie mit Engeln und Heiligen umgeben, ober ihm Gott Vater«, ebenfalls eine Jugendarbeit Raphael's. Das Bild hat schon Aehnlichkeit mit der Disputu del sacramento.

Während ich an der kleinen Madonna malte, zeichnete mein Freund Deschwanden, da er seine Farben nicht mitgenommen hatte, Porträte mit Bleistift, oft drei an einem Tage, und wie er mir selbst gestand, für zwei Paoli, d.h. ungefähr sechzig Kreuzer. »Schämst Du Dich nicht«, sagte ich ihm, »wenn es wenigstens zwei Napoleond'or wären.« Er wollte mir beweisen, daß er dieses Geld so leicht verdiene und sich gar nicht getraue mehr zu verlangen, aber ich forderte von ihm, er solle keine Porträte unter fünf Napoleond'or anfertigen, lieber möge er die ganze Stadt unentgeltlich porträtiren. So verschroben war der Mann in[135] der Kunst wie im Leben trotz der 35 Jahre, die er zählte. In vielen Dingen war er wie ein Kind. So hatte er nur wenige Thaler Reisegeld mitgenommen, und ich mußte dann immer für Beide zahlen. In Rom zahlte er mir wohl die Auslagen wieder. Man hielt ihn für meinen Schüler, da er mir willenlos folgte, klein und bartlos wie ein Knabe schritt er neben mir her. Da die Porträte bei der Preissteigerung aufhörten, zeichnete er nach meinem Beispiele nach alten Meistern. Unterhaltungen, Theater oder Gesellschaften verlangte er nicht, er blieb lieber zu Hause und las im Thomas a Kempis oder in der h. Schrift, die er immer bei sich trug. Als Graf Danzetta, der alles aufbot, uns den Aufenthalt in Perugia angenehm zu machen, eine Partie nach dem Lago Trasimeno veranstaltete, mußte Deschwanden beinahe dazu gezwungen werden. Danzetta hatte an dem See ein Landhaus und von seinem Balcon genossen wir die schönste Aussicht über den berühmten See. Wir fuhren nach einer der schönsten Inseln hinüber und belustigten uns bei Wein und guten Früchten, aber auf der Rückfahrt überfiel uns ein Gewitter und ein heftiger Sturm, daß wir ganz durchnäßt wurden und das Wasser aus dem Boote schöpfen mußten. Deschwanden kniete und bat mit aufgehobenen Händen Gott um Rettung, ich arbeitete mit den zwei Ruderern aus aller Kraft, bis wir glücklich das Ufer erreichten. Mit nassen Kleidern kamen wir zur Villa zurück, legten uns, bis die Kleider trockneten, in die Betten und fuhren dann in der Nacht fröhlich nach Perugia zurück.

Eines Sonntags sah ich in der Domkirche ein junges schönes Mädchen, daß ich die Messe vergaß und keinen Heiligen mehr ansah. Zu Hause zeichnete ich sie aus der[136] Erinnerung, und der Hausherr rief sogleich: »Ah, das ist die schöne Bernabo!«; ich aber fand, daß sie der edlen Lina gleichsah, und daher mit so viel Begeisterung gezeichnet hatte. Abends auf der Promenade sah ich sie wieder, es zog mich ihr wie eine unsichtbare Macht nach, und als sie in eine Gasse einlenkte, sprach ich die Mutter an und bat sie, ihre schöne Tochter malen zu dürfen; ich wäre ein durchreisender Maler und suche das Schöne auf, wo ich es finde. Die Damen waren nicht böse, und die Mutter lud mich in ihr Haus ein. Tags darauf besuchte ich sie und das Porträt wurde gemalt. Die schöne Laura fühlte sich geschmeichelt, und obwohl ich mich standhaft zeigen wollte, mich nur der Kunst wegen in die schönen Formen zu verschauen, traf doch der kleine Schalk mein Herz. Ich hatte bald keinen anderen Gedanken mehr als Laura. So oft ich in's Haus kam, wartete sie am Fenster und gab mir zu erkennen, daß auch sie mich gern in ihrer Nähe sehe. Auch die Mutter, welche Witwe war und nur die einzige Tochter hatte, bemerkte unsere gegenseitige Zuneigung. Wir verabredeten, uns täglich um fünf Uhr Früh bei einer frischen Quelle, wohin ein schöner Spazierweg führte, zu treffen, natürlich in Begleitung der Mutter. Das geschah sehr oft, wir tranken von dem gesunden Wasser und plauderten; es waren herrliche, unvergeßliche Morgenstunden. Die Mutter hatte Luft, ihre schöne aber vermögenlose Tochter glücklich zu verheiraten, und sprach eines Tages, als ich das Porträt vollendet hatte, sehr ernstlich mit mir, worauf ich ihr meine Verhältnisse erzählte und leider bedauern mußte, mich auf kein Versprechen einlassen zu können, weil ich noch zu jung und mir erst eine Existenz gründen müsse. Laura könne und dürfe nicht so lange[137] warten, bis ich alles erreicht haben würde. Das Mädchen weinte und ging schluchzend in's andere Zimmer. Die Mutter lobte meine Ehrlichkeit und bedauerte ebenso wie ich nicht bemittelt zu sein. Bei diesem Gespräche war ich wieder zu mir selbst gekommen und faßte den Entschluß mich loszureißen. Ich nahm von Mutter und Tochter Abschied und sagte, daß es besser sei, ich reife weiter nach Assissi und nach Rom zurück, aber ich mußte versprechen, von Assissi nochmals nach Perugia zu kommen. Deschwanden war schon sehr betrübt, mich so verliebt und auf Abwegen zu wissen und hatte schon längst zur Reise nach Assissi gedrängt. Wir nahmen Abschied von Perugia, wo wir statt der acht oder zehn Tage, die wir bleiben wollten, fünfzig geblieben sind.

Auf dem Wege nach Assissi sahen wir im Klostergarten der Kirche »Madonna degli angeli« den Rosenstrauch, in dem sich der h. Franziscus, um der Versuchung zu entgehen, gewälzt haben soll, und in der Kirche selbst das schöne Bild von Overbeck »die Madonna in der Glorie von schwebenden Engeln umgeben, wie sie dem knieenden Franziscus einen Rosenkranz überreicht«. Das Bild ist voll religiöser Empfindung und gehört zu den besten Leistungen des Overbeck. In dem Städtchen Assissi, dem Geburtsorte des h. Franziscus, wohnten wir in einem Privathause und zahlten für Wohnung und Verpflegung täglich für jeden nur drei Paoli. Wir besuchten die Kathedrale, die aus drei Kirchen übereinander besteht. Die mittlere Kirche ist die älteste in byzantinischromanischem Stile, die obere in altgothischem Uebergangsstil, daher später erbaut, die unterste Kirche, vielmehr die Gruft des h. Franziscus, ist modern und unschön. Die zwei oberen Kirchen sind durchaus mit Fresco-Malereien und Arabesken,[138] die Fenster mit Glasmalereien geschmückt. Hier haben sich Cimabue, Giotto und seine Schüler Simon Memmi und Taddeo Gaddi unsterblich gemacht. Hierher wanderten die deutschen Künstler, welche die christliche Kunst wieder in Aufschwung brachten, weil sie in diesen zwei Kirchen die besten Vorbilder fanden. Diese alten Fresken zeigen die Kindheit der technischen Ausbildung und eine große Unbeholfenheit in den Formen, aber sie sind unnachahmlich in der religiösen Empfindung. Vielleicht triumphirt der geistige Gehalt so erhaben und ergreifend, weil die künstlerische Technik so untergeordnet ist.

Nach Guido di Siena und Cimabue kam der große Giotto, den Dante in seiner »divina commedia« besingt. Sein größter gewaltiger Schüler war Andrea Orcagna, der das erste jüngste Gericht im Camposanto zu Pisa malte. Der Fortschritt in der religiösen Kunst triumphirte mit Fra Angelico da Fiesole, Masaccio bis zu Leonardo da Vinci, Michel Angelo, Raphael und Tizian. Der geistige Gehalt, welchen diese vier letzteren mit der schönsten künstlerischen Form vereinigten, ging bei ihren Nachfolgern immer mehr verloren. Die Eklektiker erstanden, die von Jedem etwas zu erreichen suchten, aber ohne den Geist jener Großen, und so kam die Kunst in's Sinken bis zum höchsten Zopf. Mit der französischen Revolution, wo die Göttin der Freiheit auf den Altar gestellt wurde, verschwand zwar die jesuitischkirchliche Kunst der Zopfzeit, brachte aber die ebenso geistlose Nachahmung der Antike in Kunst und Sitten. Alles mußte verschönert werden, die Natur mußte sich stutzen und zuschneiden lassen, jede Figur sollte acht Kopflängen haben, und alle Nasen mußten gleich schön gerade eine Linie mit[139] der Stirne bilden. Dies war der akademische Zopf voller Regeln ohne Naturanschauung und wurde in jeder Beziehung gehaltlos bis auf eine gewisse Technik.

Da fingen im Anfang der ersten Decennien dieses Jahrhunderts wieder die Deutschen an, die Kunst zu reformiren, unter denen sich Cornelius, Overbeck und Joseph Führich vor Allen auszeichneten; und diese letzteren nebst ihren Anhängern studirten die altflorentinische Schule, sowie die altniederrheinische und altdeutsche. Sie zogen von einer Kirche zur andern, besonders in Toscana, und studirten den Geist Giotto's aus seinen wie aus den frommen Werken seiner Nachfolger.

Die besten Werke Cornelius' und Overbeck's sind die Fresken aus der Geschichte des ägyptischen Joseph in der Casa Bartholdi in Rom. Für jede Figur machten sie strenge Naturstudien und entwickelten daraus die Charaktere ihrer Gestalten. Es sind auch ihre besten, bedeutendsten Arbeiten aus der Zeit ihrer Jugendfrische, und niemals haben sie, so großen Ruhm sie auch später erwarben, Besseres gemacht. Sie predigten mehr als sie malten, Cornelius mit Verstand, Overbeck mit Glauben und Frömmigkeit, aber sie kamen auf Abwege, weil sie sich über die Natur erhaben glaubten. Ihre Quelle waren die alten Deutschen und die Italiener des 14. Jahrhunderts; sie ahmten sie nach und glaubten es besser zu können, weil sie die Naivetät der Alten vermieden und durch die Schönheit der Linien prunkten, denen zu Liebe sie jede Wahrheit hintansetzten. Sie zeichneten blos mit Farben, denn von Malerei und Colorit hatten sie keinen Begriff. Overbeck malte Menschen, die nicht im Stande waren zu leben, noch weniger zu sündigen. Kurz, sie verstanden[140] die Quatrocentisti nicht, denn diese waren in ihrer wahren Frömmigkeit immer Verehrer der Natur und schöpften aus ihr als dem ewig frischen Quell der Kunst. Das ist freilich Kunstgeschichte und gehört nicht hierher, aber vielleicht werde ich noch meine Ansichten über Malerei auseinandersetzen.

Ich zeichnete mir in Assissi zwei Compositionen und einzelne Figuren aus den Bildern des Giotto, Memmi und Gaddi, wodurch ich so ziemlich den Ernst und die erhabenen Momente der religiösen Kunst begreifen lernte. Während unseres Aufenthaltes wurde an der Ausgrabung eines Jupitertempels gearbeitet und zwar unter der Leitung eines französischen Architekten, der mit uns wohnte. Deschwanden und ich machten zu Fuß einen Ausflug nach Spello, wo sehr gut erhaltene Fresken von Pinturicchio, einem Schüler des Perugino, der mir aber lieber ist als sein Meister, und von Raphael selbst ein Gott Vater mit Engeln in einem Altarbilde des Perugino zu sehen sind. Des andern Tags ging ich wieder zu Fuß nach Perugia, um mein Versprechen zu erfüllen und die schöne Laura zu besuchen, und es war schwer mich von ihr zu trennen. Aber in Italien wandert man nicht wie in Tirol ungestraft im heißen August zu Fuß; ich wurde krank und mußte drei Wochen das Zimmer und Bett hüten.

Ueber Foligno und Viterbo reisten wir nach Rom zurück. Foligno hat schöne alte Gebäude und in den Kirchen gute Gemälde, so in dem Convent delle Contesse ein Gemälde von Raphael. In Viterbo ärgerte ich mich über den Betrug, der mit den Reliquien getrieben wird, namentlich über ein Schienbein des h. Christoph, das vier Fuß lang ist, mehr[141] einem Mammuthknochen gleich sieht und auf einem mit Gold gestickten Kissen in einem gläsernen Sarge gezeigt wird. In Terni besuchten wir den großen herrlichen Wasserfall und fuhren dann wieder nach Rom zurück.

Auf der Reise hatte ich eine Composition gezeichnet: »die Ruhe der h. Familie auf der Reise nach Betlehem.« Ich malte eine Skizze und Deschwanden lobte die Idee und Skizze, aber die Ausführung des Bildes gelang mir nicht. Die wonnevollen Gefühle der Eltern, welche den zwölfjährigen Christus bei den Pharisäern wiedergefunden, die ersten poetischen Aeußerungen des jungen Christus konnte ich mir denken, aber nicht bildlich darstellen. Ich malte die Köpfe sechs- bis siebenmal, änderte die Linien der Hände und fand immer wieder, daß ich umsonst gearbeitet hatte, weil ich nicht den rechten Ausdruck in den Gesichtern und Bewegungen der Figuren getroffen hatte. Ich vernichtete das Bild, indem ich eine wilde Landschaft darauf malte und daran den Grimm über mein Unvermögen ausließ. So viel hatte ich gelernt, daß der Maler nie Worte, sondern immer nur dramatische Handlungen darstellen kann und soll. Dabei wurde ich wieder ganz trostlos. Wenn ich die Kunstschätze des Vatican oder die bekannten religiösen deutschen Künstler besuchte, kam ich mir ganz talentlos vor. Der ruhige Ernst der religiösen Kunst war meinem lebendigen Temperament, meiner ganzen Natur fremd und nicht erreichbar. Während Deschwanden in unserem Thurm in religiöser Begeisterung ein Altarbild malte, wanderte ich in dem alten Rom wie verloren herum. Auf dem Forum, bei den Ruinen der Kaiserpaläste, bei den Volksfesten in Trastevere kam mir öfter der Gedanke, mich[142] dem Genre der Kunst zu widmen. Vorwürfe und Motive hätte ich da genug gefunden, aber diese Vorsätze kamen mir als Versuchungen des Bösen vor und wurden durch meine Umgebung bald wieder verscheucht. So lebte ich drei Wochen in einem fortwährenden Kampf, bis mich eine Bestellung aus Tirol der Schwärmerei und Unthätigkeit wieder entriß. Auch die Briefe aus der Heimat, welche über Elend und Noth klagten, munterten mich zu Fleiß und Gelderwerb an. Der Dompropst von Bozen, Monsignore Eberle, verlangte nämlich von mir eine Wiederholung des Bildes der h. Elisabeth im kleineren Maßstabe, da er das Original auf der Wiener Ausstellung gesehen. Ich malte das Bild mit einigen Verbesserungen. Fürst Radziwill, der mich besuchte, verlangte ebenfalls ein gleiches Bild, was ich ihm aber erst in einem halben Jahre malen konnte.

Unter den Anhängern der religiösen Kunst Overbeck's bildete sich ein kleiner Verein mit dem Zweck, jeden Donnerstag der Reihe nach bei einem Mitgliede zusammenzukommen, welches zugleich die Verpflichtung hatte, kalte Speisen und Wein für Alle zu spenden. Zwölf deutsche Künstler traten bei, streng in der Religion und Kunst. Compositionen wurden aufgegeben und gegenseitig kritisirt. Es war eine vortreffliche Uebung, aber ich war ihnen nie streng genug; meine Figuren hatten für sie immer zu viel Irdisches und Sinnliches, und oft ging ich tief betrübt mit meinen Zeichnungen in den Thurm zurück. Auch Deschwanden gefiel nicht, er war ihnen zu süßlich. Dieser bekam Heimweh, reiste nach Hause und malte noch viele Altar- und andere fromme Bilder, immer in der alten Weise; fast in jeder katholischen Kirche in der Schweiz ist ein Bild von ihm zu finden. In Florenz[143] hatten mich Deschwanden's Engelsköpfe begeistert, in Rom mißfielen mir seine Bilder; die Weiber waren keine echten Weiber, die Männer keine Männer, sondern Schwächlinge. Das Unnatürliche seines Wesens harmonirte nicht mit meinem heißblütigen Temperament; seine Briefe aus der Schweiz waren Predigten, die mich nie befriedigten. Ich lebte nun wieder allein in meinem Thurm, arbeitete bei Tag, las Abends Geschichte und besuchte eine Privat-Akademie um nach nackten Modellen zu zeichnen, was mich sehr vervollkommnete. Aber die Anstrengung war zu groß, ich wurde augenleidend, und die Aerzte gaben mir den Rath, meine Augen zu schonen und besonders des Abends nichts zu lesen oder zu zeichnen. Meine religiöse Schwärmerei hinderte mich, in eine andere Künstlergesellschaft zu gehen, Freund Kriesmayer war in Tirol, und so lebte ich meine Abende traurig dahin und dachte wohl oft an die junge Dame in Bozen, von der ich durch Intriguen und Eifersucht getrennt worden war.

Eine Composition, »die Maria Heimsuchung«, gefiel meinen Vereinsgenossen, weil sie das innige Freudengefühl der zwei h. Frauen bei der Begrüßung gut ausgedrückt fanden. Es war mein viertes Bild in Rom; der Besteller, Herr Unterberger in Innsbruck, verkaufte es dann an die Gemäldegalerie im Ferdinandeum, wo es noch ist. Früher war es in der römischen Kunstausstellung, und da es eine amerikanische Dame kaufen wollte, malte ich ihr eine verbesserte Wiederholung; dieses Bild ist nach New-York gewandert. Auch malte ich mehrere Porträts von Herren und Frauen, welche mir diese Dame zugeführt hatte. Mit Absicht vermied ich die Gesellschaft römischer Familien, weil mich[144] ein Freund von Venedig her, der Maler Malatesta, gewarnt hatte, mich in eine schöne Römerin zu verlieben, da sie oft einen jungen Mann auf verschmitzte unehrliche Art zum Heiraten zwingen. So blieb ich bald bei den sogenannten Nazarenern (den deutsch-katholischen Malern) oder bei den Oesterreichern, bei denen ich es dahin brachte, die Abende nützlich zu verwenden, indem ich den Vorschlag machte, einen Leseverein zu gründen. Mir war damit am meisten gedient, weil ich die Winterabende nützlich zubringen und meine Augen schonen konnte. In jenem Winter wurde die Geschichte der Römer vorgelesen, und ich besitze noch eine Menge Notizen davon.

Im dritten Sommer, den ich in Rom zubrachte, kam mein Freund Kriesmayer wieder aus Tirol. Wir waren jeden Abend beisammen und besuchten häufig den österreichischen Pfarrer Sartori, dessen Schwester dadurch sehr beglückt wurde. Da Kriesmayer seit langer Zeit kränkelte, sollte er die warmen Bäder auf der Insel Ischia bei Neapel gebrauchen. Ich entschloß mich ihn zu begleiten, und zu uns gesellte sich noch ein Maler D. mit seiner jungen Frau, einer der strengsten und religiösesten in unserem Nazarenerclub. Man erzählte, daß er mit seiner schönen Frau wie der h. Joseph mit der h. Maria lebte. Er lebt noch und hat nie Kinder erzeugt.

Mit einem Vetturin fuhren wir über Terracina und Molo di Gaëta nach Neapel. In Fondi, an der Grenze, wurde alles Gepäck untersucht. Als ich erwähnte, daß man sich durch ein Silberstück für den Financier von der Untersuchung befreien und gleich weiter fahren könne, war der fromme Maler über eine solche sündhafte Zumuthung sehr[145] empört und ging auch nicht darauf ein. Die Folge war, daß sein und seiner Frau Gepäck genau durchsucht und dabei alles durcheinander geworfen wurde, während ich und Kriesmayer uns mit zwei Paoli von dieser Qual befreit hatten. Da uns diese Revision zwei Stunden Zeit kostete, kamen wir erst um eilf Uhr Abends im »Hotel de Rome« in Neapel an. Auch hier gab es wieder Streit mit den Lazzaroni, welche unser Gepäck hinaustrugen, und D. mußte ein doppeltes Trinkgeld geben. Er gesellte sich bald zu unserem größten Vergnügen zu anderen deutschen Künstlern, während sich uns Tirolern zwei andere Deutsche anschlossen, welche froh waren, daß wir gut italienisch konnten.

Neapel und seine Umgebung sind so oft und glänzend beschrieben worden, daß ich mich hier nur auf meine Erlebnisse und die Eindrücke der großartigen Kunstschätze beschränke. Vor allem zog es mich in's Museo Borbonico, weil ich mich an das Buch über Pompeji erinnerte, aus dem ich in Nauders lesen gelernt hatte. Ich fand auch bald das Bild vom Achilles und jenes mit den Tauben wieder und stand, wie ich schon erzählt, lange davor, bis mich meine Kameraden wieder in die Gegenwart versetzten. Die griechischen Sculpturen, die Statuen, das Hausgeräthe und die Wandmalereien aus Pompeji entzückten mich, besonders die letzteren in ihrer einfachen edlen Darstellung und den herrlichen Umrissen der edlen Gestalten. Ich zeichnete mir vieles in mein Skizzenbuch, aber immer zog es mich zu diesen Fresken zurück, bei denen die Grazien mitgewirkt haben mußten. Die griechische Sculptur hatte ich im Vatican und Capitol kennen gelernt, aber von dem Leben und Treiben der Griechen und Römer, von ihrem Geschmack in der Einrichtung und Verzierung der[146] Wohnungen erhielt ich erst hier eine Vorstellung. Ich bewunderte die Dauerhaftigkeit der Farben, die ganze Technik und fragte mich selbst: »Werde ich noch einmal in Fresco malen?« Von dieser Zeit an lebte der Drang in mir, mich auch darin zu versuchen. In Neapel blieb ich ein Bewunderer der griechischen Kunst, deswegen erwähne ich aus der Gemäldegalerie nur die schöne kleine Madonna von Correggio (la Zingaretta), die mich, der Ansicht der frommen Maler entgegen, entzückte.

Ich machte gleich in den ersten Tagen mit einigen deutschen Malern und Bildhauern einen Ausflug nach Pompeji, Herculanum und auf den Vesuv. In Portici sahen wir den schönen Garten der Villa reale, in Resina stiegen einige meiner Gefährten in das ausgegrabene Amphitheater von Herculanum hinab, holten sich jedoch in den kalten Räumen eine Verkühlung und ein leichtes Fieber. In Pompeji führte uns der Wächter durch die menschenleeren Straßen der Todtenstadt zwischen dachlosen Häusern und Palästen zum Forum und Theater. Von Resina ritten wir noch Abends bei kühler Luft und Mondenschein bis zur Einsiedelei auf dem Vesuv. Wir schliefen hier einige Stunden und brachen dann um zwei Uhr nach Mitternacht auf, um von dem Gipfel den Sonnenaufgang zu sehen. Während meine Freunde sich oben auf die Erde legten und schliefen, bestieg ich die äußerste Kante des Kraters, schritt über feuersprühende Klüfte und Sprünge und sah in den furchtbaren Schlund hinab, in dem die glühendhelle Lava brodelte, bis mich der dichte heiße Schwefeldampf wieder vertrieb. Ich weckte meine Kameraden, die Morgenröthe verkündete die aufsteigende Sonne, und ihre ersten Strahlen vergoldeten[147] den oberen Theil des Kraters. Die Lava am Rande leuchtete in allen möglichen Farben, von weißgelb bis zum dunklen Orange, von blaßroth bis zum tiefen Lackroth, grün, blau, grau bis zum Schwarz in tausendfältigen Abstufungen. Es war ein Bild ohne Gleichen. Dazu im Morgenlicht die schöne großartige Aussicht: auf die Berge von Castellamare bis Sorrent, auf Neapel mit dem Wald von Masten, auf den schönen Golf mit seinen Inseln bis zum Vorgebirge Misenum. Den steilen Abhang des alten Kraters kamen wir leicht herab, ich in großen Sätzen, wobei ich knietief in die Asche einsank, meine Kameraden etwas langsamer und vorsichtiger. Durch Oliven- und Weingärten gingen wir dann Pompeji zu, das wir noch einmal sehen wollten, und fuhren des Abends nach Castellamare.

Meine Reisegefährten wanderten von hier nach Sorrent und Amalfi, aber ich zog es vor nochmals nach Neapel zurückzukehren. In Gesellschaft einiger deutschen Künstler besuchte ich die merkwürdigsten Kirchen und öffentlichen Gebäude, das Castel S. Elmo und das Karthäuserkloster, wo wir uns der reizenden Aussicht erfreuten und in der Kirche die Gemälde von Caravaggio, Spagnoletto und Maratta besichtigten. Wir machten weiter den Ausflug durch die Grotte des Posilipp nach Puzzuoli und Bajä. Da ich die Sprache und Sitten kannte, leistete ich meinen Gefährten gute Dienste, vertrieb die zudringlichen Lazzaroni und miethete einen willigen höflichen Burschen als Führer. Während man in Pompeji das häusliche Leben der römischen Bürger in einer Provinzialstadt kennen lernt, findet man sich hier an den üppigen Hof eines Tiber und Nero versetzt. Der Boden ist durchaus vulcanisch und berühmt durch seine tausendjährigen[148] Heilquellen. Wie bekannt, hat Virgil in diese Campagna felice die elysäischen Gefilde und den Eingang in die Unterwelt versetzt. Wir sahen die Kathedrale, die Ruinen des Serapistempels, des Tempels der Ehre, den Aquäduct sowie die dreizehn Bogen der Brücke des Caligula, welche noch aus dem alten Meereshafen aufsteigen; weiter den Lago d'Averno, den neuen Berg, der im 16. Jahrhundert aus der Erde gestiegen war, die Ruinen von Cumä und das Schönste: die Ueberreste von Bajä mit ihrer reizenden Umgebung. Zwei meiner Gefährten stiegen auch bei Fackelschein in den niedrigen Gang der Bäder des Nero hinab, kamen aber bald und sehr erhitzt wieder heraus. Von hier fuhren wir längs des Vorgebirges Misenum, bestiegen den Felsen Monte Miseno und kamen in der Nacht nach Neapel zurück.

Kriesmayer war bereits auf der Insel Ischia. Ich besuchte ihn hier für einige Tage und malte dort in Gesellschaft eines Landschaftsmalers Meerstudien und Landschaften. Mit einem deutschen Doctor bestieg ich den Monte Epomeo und genoß, nachdem die Nebel sich verzogen hatten, die herrliche Aussicht auf das Meer und seine schönen Ufer. Jeden Morgen badete ich in der Meeresflut eines kleinen Golfes, aber eines Tages kam ich in große Gefahr. Die Wellen trieben mich in der Nähe der Lavafelsen in einen Wirbel, der mich mehrmals untertauchte, bis mich eine hochgehende Welle wieder an's Ufer trug.

Nach vierzehn Tagen segelte ich mit einer Fischerbarke nach Neapel zurück und traf dort drei deutsche Künstler, zwei Bildhauer und einen Architekten, welche wie ich nach Pästum und Amalfi wollten. Zuerst fuhren wir auf dem kleinen[149] Dampfer nach Capri und besuchten die blaue Grotte. Ein Schifferjunge bat uns, ein Siberstück in's Wasser zu werfen, und es war ein einziger Anblick, als der Junge wie ein Silberfisch aus dem hellblauen Wasser wieder auftauchte. Der alte Fischer, der uns geführt, erzählte, daß er einmal mit einem Engländer in der Grotte drei Tage und Nächte ohne Speise und Trank zugebracht habe, weil ein heftiger Sturm die Rückfahrt unmöglich machte. Auf Capri stiegen wir durch einige Tage die malerischen Felsen, welche so viele Erinnerungen und Sagen der Vorzeit umschweben, auf und ab. Eine Segelbarke mit vier Ruderern führte uns dann nach dem schönen Sorrent und um das Cap di Massa herum nach Amalfi, wo wir uns in dem höchst malerischen Hôtel garni, einem ehemaligen Kloster hoch oben auf dem Felsen, einquartierten. Noch sieht man im Innern den Klosterhof mit einem Säulengang im maurischen Stile. Mein Zimmer war eine Mönchszelle und gewährte eine herrliche Aussicht auf das Meer und die Küste gegen Salerno. Vor dem Kloster ist die Felsgrotte, von welcher aus jeder Landschaftsmaler eine Skizze oder ein Bild entwirft, die zwei Thäler oder Schluchten, welche in's Gebirge führen, das Mühlthal und das Thal von Ravello, haben eine Reihe schöner Punkte und Aussichten, und ich wäre gern länger geblieben, aber meine Börse wurde schmäler und meine Reisegefährten, welche wenig Sinn für diese reizenden Ufer zu haben schienen, drängten zur Weiterfahrt. Berg auf Berg ab durch Schluchten und Thäler, zwischen Rosmarin, Ginster- und Lorbeersträuchern, zwischen Eichen und wilden Kirschbäumen, ritten wir auf Eseln den schmalen Weg bis Salerno. Hier sahen wir in der Kathedrale das Grab Gregor's VII., den schönen Mosaikboden,[150] der aus einem Tempel von Pästum genommen ist. Ein Vetturin führte uns bei Nacht durch die sumpfige, mehr von Büffeln als von Menschen bewohnte Gegend nach Pästum, wo wir bei aufgehender Sonne den berühmten Tempel des Poseidon und die Riesentrümmer der einst diesem Meergotte geheiligten Stadt begrüßten. Abends kamen wir erschöpft nach Salerno zurück und reisten den andern Morgen über Vietri durch's Thal la Cava am Fuß des Vesuv nach Neapel. Nachdem ich den colossalen Palast von Caserta und nochmals das Museum in Neapel besucht hatte, fuhr ich mit einer anderen Gesellschaft nach Molo di Gaëta. Noch gedenke ich des Weges durch den Orangen-Wald zu den Ruinen der angeblich ciceronianischen Villa und der schönen Mädchen, welche mit ihren Krügen Wasser trugen. Die zauberische Mondnacht verträumte ich zur Hälfte auf dem Balcon des Gasthauses.[151]

Quelle:
Blaas, Karl: Selbstbiographie des Malers Karl Blaas 1815–1876. Wien 1876, S. 134-152.
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