Der Akt.

Wenn für das Studium des Kopfes die Lebensgröße anzunehmen ist, um sämtliche Formen zur Geltung kommen zu lassen, ist es ratsam, den Akt in verkleinertem Maßstabe zu studieren, am besten auf einem Ingres-Bogen. Ein größeres Format, und gar Lebensgröße würden die Übersicht verhindern, und Fehler in den Größenverhältnissen würden die Folge sein.

Die erste Aufgabe, ehe man zum Zeichnen des Aktmodells selbst übergeht, muß sein, die richtige Raumeinteilung für die Zeichnung zu finden.

Da für das Bildermalen die Raumeinteilung das Wichtigste ist, so soll man jetzt schon damit anfangen, zu rechnen.

Bei dem Aktzeichnen heißt es, den Papierbogen so viel als möglich ausnutzen, d.h. der höchste Punkt des Modells, meistens die Schädeldecke, muß an den oberen Rand des Bogens stoßen, und der tiefste (die Fußsohle) an den unteren Rand. Bei sitzenden oder liegenden Figuren kann es notwendig werden, den Bogen quer nehmen zu müssen; alsdann muß man auch an den linken und rechten Rand denken.[31]

Um diese Einteilung machen zu können, ist es notwendig, den Akt in einzelne Teile auszumessen, eine senkrechte Linie zu ziehen und in diese die Teile so lange hinein zu tragen, bis sie vom oberen bis zum unteren Rande hineingehen. Gewöhnlich mißt man den Akt in Kopflängen aus.

Nebst dieser Proportionseinteilung ist dann auch die Lage anderer Punkte durch Vergleichen festzustellen, die später genannt werden sollen. Die Senkrechte und die Wagerechte ist hier natürlich wieder anzuwenden. Man braucht jetzt für diese Hilfslinien:


1. das Senkblei (einen Zwirnsfaden, unten mit einem Metallstück beschwert);

2. ein Lineal (für die wagerechten Linien);

3. für das Visieren, um die Größenverhältnisse abzumessen, eine Stricknadel.


Der Akt

Das Visieren besteht darin, daß man den Arm ausgestreckt hält und das Auge mit der Spitze der Stricknadel gegen den obersten abzumessenden Punkt in eine Linie bringt und dann mit dem Daumennagel so weit heruntergeht, bis Auge, Daumennagel und der zweite Punkt in einer Linie sind. Hierauf trägt man dieses Maß in den Akt ein, und man weiß nun, aus wieviel solcher Teile er besteht; und ebenso mißt man auch aus, wie die einzelnen Teile zu einander sich verhalten. Bei wagerecht liegenden auszumessenden Größenverhältnissen geschieht das auf dieselbe Art von links nach rechts. Man muß bei diesem Ausmessen natürlich auf genau demselben Punkte stehen bleiben und den Arm stets gestreckt halten. Die kleinste Veränderung verzerrt natürlich das Ausmessen zu den größten Fehlern.[32]

Die Mittellinie, welche den Akt bei einfacher, stehender Stellung in zwei gleiche Hälften teilt, fällt in folgende Punkte des Rumpfes:


die Halsgrube, gebildet durch die Sehnen der beiden Kopfnicker und den oberen Rand des Brustbeins;

längs dem Brustbein das Ende desselben, das auch durch eine Vertiefung kenntlich ist;

den Bauchnabel, ein verschieden geartetes Hautornament;

den Ansatz der beiden Oberschenkel.


Die gewöhnlichste Stellung ist wohl diejenige, in welcher das eine Bein den Körper trägt (das Standbein mit heraustretender Hülfte) und das andere weggestreckt ist (Spielbein).

Hier fällt die Senkrechte, von der Halsgrube gefällt, regelmäßig an den inneren Knöchel des Standbeines. Bei anderen Stellungen gibt es keine Regeln, und die Kontrolle ist immer mit dem Senkblei zu üben.


Der Akt

Fernere Punkte, die am Akt markant sind und sich zum Visieren in der Länge und der Quere eignen, sind neben den obigen: die Schlüsselbeingruben, die Armansätze, die Brustwarzen, die Höhe des Beckens; an den Beinen die Kniee, die inneren und äußeren Ansätze der Wadenmuskeln, die Knöchel des Fußes.

Der männliche und weibliche Akt, wie auch der Kinderakt, sind in ihren Proportionen verschieden.[33]

Der männliche Akt: breite Schultern und Brust, das Becken schmal, die Knochen stark; bei ausgebildeterer Muskulatur kompliziertere und reichere Detailausbildung.

Der weibliche Akt: schmale, herabhängende Schultern, breites Becken. Alle Formen weicher wegen der größeren Fettpolsterung, so daß nur große, einfache Partien vorherrschend sind.

Der Kinderakt: der Kopf zum Übrigen groß, die Formen kindlich rund, die Gelenke umfangreicher und plumper wie bei den Erwachsenen.

Wenn man nun die genannten maßgebenden Punkte – wie sie von einander divergieren und auch ineinander fallen – auf dem Papier festgestellt hat, ist die Figur durch geradliniges Entwerfen der einzelnen Körperteile weiter zu führen.

Es ist darauf aufmerksam zu machen, daß das Prinzip, wie ich es bei dem Entwurf des Kopfes anführte, auch hier beim Entwerfen des Aktes notwendig ist, nämlich: das Anfangen aus der Mitte.

Der Torso ist durch die Mittellinie, die deutlich sichtbar von der Halsgrube bis zu der Scham sich hinzieht, in zwei gleiche Hälften geteilt (kleine Unregelmäßigkeiten bezeichnen die Charakteristik des jeweiligen Modells), und von dieser Mittellinie muß man ausgehen; links und rechts die korrespondierenden Teile (hauptsächlich aus dem Skelett heraus: Schlüs selbeine, Brustbein, Becken mit dem Trochantor des Oberschenkels) in geraden Linien und Formen anzugliedern. Auf diese Weise bekommt der Rumpf die so notwendige Konstruktions-Klarheit.

Bei den Extremitäten ist auch immer darauf zu achten, daß die einzelnen Teile zuerst in Angriff genommen werden. Also z.B. bei Zeichnung des ganzen Armes zuerst: der Oberarm in seiner inneren und äußeren Kontur (in geraden Linien) und daran anschließend dann den Unterarm und später Handgelenk und Hand auf eben dieselbe Art zu entwerfen. Bei den Beinen ist natürlich dieselbe Methode.[34]

Ganz zu verwerfen – weil viel zu schwierig und Vergleichung unmöglich – ist das Ziehen der Kontur über den ganzen Körper erst der einen Seite und dann der anderen.

Jetzt geht es an das Modellieren.

Zu den drei Werten, die wir bereits kennen: Licht, Schatten, Schlagschatten, tritt ein vierter Begriff hinzu: der Reflex. Der Reflex ist die Aufhellung des Schattens durch einen helien Gegenstand, welcher sein Licht auf den Akt zurückwirft.

Der Reflex muß stets als Schatten angesehen werden. Mit gekniffenen Augen kann man abschätzen, wieviel tiefer im Ton jeder Reflex zu Licht- und selbst klaren Mitteltönen steht.

Um den Akt in die richtigen Tonwerte (valeurs) zu bringen, verweise ich wieder auf das Anfangsmodell, den Gips. Man möge sich den Akt samt dem Podium, aus Gips bestehend, vorstellen und von aller Lokalfärbung absehen. Z.B. ist das Podium, wenn vom Licht beschienen, stets hell zu halten, trotzdem es, weil aus dunklem Holz bestehend, getönter als der Akt ist. Wie bereits beim Kopf geschehen, sollen auch die einzelnen Teile des Aktes besprochen werden (und zwar nur des männlichen, weil er durch seinen Detailreichtum lehrreicher ist).


Der Akt

Der männliche Akt besteht aus:


a) Der Vorderansicht:


Kopf und Hals (bereits beschrieben),

dem Rumpf (Schultern, Brust, Bauch, Hüften).

Die Brust ist oben durch die Schlüsselbeine begrenzt, die[35] vom Brustbein geschweift nach beiden Seiten gehen und die oberen und unteren Schlüsselbeingruben zeigen.

Die Schultern zum Deltuides bildet der Kappenmuskel.

Das Brustbein teilt die Brust in zwei gleiche Teile mit den Brustmuskeln und den Brustwarzen darauf; am Ende des Brustbeins ist die Magengrube, mit der der Bauch anfängt.

Der Bauch hat in seiner Mitte den geraden Bauchmuskel, welcher oben am vorderen Teil des Brustkorbes ansetzt und unten an das Schambein des Beckens, er wird durch querliegende Muskelbänder geteilt; in der Mitte liegt der Nabel. Durch das Schambein und die Darmbeine wird die untere Form des Bauches gezeichnet, außerdem bilden die Ecken der Darmbeine mit dem trochantor major des Oberschenkels die Hüften.

Wie erwähnt, sind die Brustwarzen und der Bauchnabel bereits bei dem Entwurf anzugeben, nicht allein der Vermessung wegen, sondern aus einem zweiten Grunde: der Rumpf bekommt dadurch seine individuelle Physiognomie; ein Ausspruch Ingres heißt: »Le nombril est l'oeil du torse.« Die Seitenteile des Bauches oben zeigen die kurzen Rippen des Brustkorbes und auf diesen die Sägemuskel; dann ist eine längere, knochenfreie Fläche mit den schrägen Bauchmuskeln, die an Brustbein und Becken sich ansetzen.

Das Bein besteht aus Oberschenkel, Kniegelenk, Unterschenkel und Fuß. Der Oberschenkelknochen setzt in das Kugelgelenk des Beckens ein. Der untere Kopf des Oberschenkelknochens bildet einen Teil des Knies. Die innere Fläche des Oberschenkels ist muskelreicher, daher in der Linie bewegter, während die äußere Linie nur aus dem vastus externus besteht (Ansatz am trochantor major und unteren Kopf des Oberschenkels). Der vastus internus bildet mit den oberen Muskeln (sartorius etc.) den inneren Kontur.

Das Knie ist lediglich durch das Skelett bedingt, weilhier nur Muskelsehnen und Bänder sind. Es besteht aus dem unteren Kopf des Oberschenkelknochens, dem oberen Kopf des Unterschenkels, dem geschweiften Anfang des Schienbeins nebst Köpfchen des Wadenbeins; in der Mitte des Scharniers die Kniescheibe, wo ein Teil des rectus femoris ansetzt.

Der Unterschenkelknochen ist im Querschnitt dreieckig, und zwar steht die Kante (das Schienbein) nach vorn; die innere Fläche ist größtenteils muskelfrei, daher der innere Wadenmuskel sichtbarer wird als der äußere, zumal noch auf der äußeren Seite des Schien beines die Fußstrecker lagern. Die Ansätze dieser Muskeln am Knie sind darauf zu beobachten, welcher Punkt bei der jeweiligen Stellung höher oder tiefer liegt.


Der Akt

Der innere Wadenmuskel ist kürzer und voller, sein höchster Punkt liegt tiefer, als der des äußeren gestreckten und schmalen Wadenmuskels.

Die beiden Fußknöchel bestehen aus der inneren Fläche des[39] unteren Kopfes des Unterschenkelknochens und dem äußeren Endkopf des Wadenbeins. Der innere Fußknöchel liegt höher als der äußere. Zwischen dem Wadenmuskel und dem Knöchel ist noch ein Stück von dem darunter liegenden soleus sichtbar. Der Fuß besteht aus dem Fußgelenk (unter halb der Knöchel), dem Mittelfuß und den Zehen. Es ist gut, diese Partien immer im großen gleich zu entwerfen.

Der Arm wird eingeteilt in Oberarm, Unterarm, Handgelenk und Hand. Der Oberarm setzt sich mit dem Deltuides an die Brust an. Die Kugel des Oberarmknochens lagert in dem Pfannengelenk, von Schlüsselbein und Schulterblatt gebildet. Sie ist trotz des dicken Δ geformten Schultermuskels immer sichtbar. Daran schließt sich der Biceps, welcher mit seiner Sehne an den Unterarm ansetzt. Wo oben Deltuides und Biceps mit dem Brustmuskel zusammenstoßen, ist der innere Ansatz des Oberarms.


Der Akt

Der Unterarm ist proportional gegen den Oberarm länger, und ist jener rein zylindrisch, so ist der Unterarm oben breit, ähnlich wie beim Unterschenkel, die Daumenseite geschweifter, weil oben die stärkeren Muskel sind, und die Kleinfingerseite gestreckter. In den letzten zwei Dritteilen markieren sich die beiden Knochen des Unterarms. Das Interessante ist die Drehungsmöglichkeit des Unterarms mit der Hand zusammen, welche durch seine anatomische Konstruktion ermöglicht wird.

Die Hand wird, wie der Fuß, in Handgelenk, Mittelhand und Finger eingeteilt, und sind auch die einzelnen Massen ebenso zu behandeln. Über die Handknöchel wird unten gesprochen werden.[40]


b) Die Rückenansicht.


Durch den ganzen Rücken läuft die Wirbelsäule. Auf ihr ruht der Kopf.

Der Rücken ist hauptsächlich von dicken Muskeln gebildet, die zu beiden Seiten der Wirbelsäule lagern. Sie selbst ist als Rinne sichtbar, in welcher kleine Erhöhungen sind, die durch die Dornenfortsätze der betreffenden Wirbel erzeugt sind.

Nach den einzelnen Teilen werden die Wirbel als Halswirbel, Brustwirbel, Lendenwirbel und Kreuzbein bezeichnet.

Das Ende des Halses wird durch den siebenten Halswirbel markiert, der (hauptsächlich im Profil) durch den längeren Dornfortsatz über die andern weit hervorragt.

Die obere Partie des Rückens ist analog der Brust von den Brustwirbeln, den hinteren Teilen der Rippen und den Schulterblättern gebildet. Die Form des Skeletts sowie die Muskeln sind sehr deutlich sichtbar. Hauptsächlich steigt der Kappenmuskel von dem Ende der Brustwirbel hinauf zu den Schulterblättern und verjüngt sich dann wieder zum Nacken und Hinterkopf. Die Schultermuskeln zeigen bei Bewegung der Arme vielfache Flächen.


Der Akt

Daran schließen sich die Lenden. Gewölbte, langgestreckte Muskeln gehen längs den Querfortsätzen der großen Lendenwirbel und heißen deshalb Lendenmuskeln. Der obere Teil der Lendenmuskeln setzt an die kurzen Rippen des Brustkorbes an.

Die Basis der Wirbelsäule ist das Kreuzbein, der hintere Teil des Beckens. Es ist in der Form ein Dreieck; zu beiden[41] Seiten schließen sich die Darmbeine an, die Ansätze durch Grübchen sichtbar, so daß auch in der Rückenansicht dieselbe Bildung der Hüften ist. Der Fortsatz des Kreuzbeins ist das Schwanzbein; an dieses setzen Teile der beiden Gesäßmuskeln an. Diese sind die rundesten und dicksten Muskeln des ganzen Körpers, durch einen Spalt getrennt.


Das Bein.


Die Rückseite des Oberschenkels zeigt hauptsächlich, nebst der Hüfte und dem Gesäßmuskel, der in einer Spitze darüber liegt, den Biceps femoris. Dieser Muskel läuft in zwei Sehnen aus und setzt sich an den Unterschenkelknochen fest.


Der Akt

Diese Sehnen bilden mit dem Scharnier der beiden Schenkelknochen die Kniekehle. An dem Unterschenkel sind zwei Muskelschichten bemerkbar: die unterste Schicht ist der »soleus« in dreieckiger, gestreckter Form, mit der Basis nach oben; die Spitze unten endet als die stärkste Sehne des gesamten Körpers und heißt Achillessehne. Sie ist ebenfalls bei den Hinterfüßen der Tiere am Sprunggelenk sehr bemerkbar; der Fleischer hängt die Schlachttiere an dieser Sehne auf.

Links und rechts von dieser Sehne ragen die Knöchel in ihrer charakteristischen Art hervor. Die Achillessehne setzt an das Fersenbein an und bildet so die Ferse (beim Manne stärker ausladend wie beim Weibe).

Über dem soleus lagern dann die zwei Wadenmus keln, die den soleus um ein Drittel bedecken. Der innere ist dicker und kürzer und der äußere gestreckter; der äußerste Punkt des inneren Muskels liegt tiefer, der des äußeren liegt höher.


[42] Der Arm.


Die Rückenseite des Arms ist von den Streckern gebildet.

Der Oberarm ist ebenfalls, wie von vorn, von zylindrischer Form. Die Deltuides, die Schulter bildend, und der Triceps sind die am meisten in die Augen springenden Muskel.

Das Komplizierteste am ganzen Körper ist der Unterarm, dessen Drehungsfähigkeit bereits in der vorderen Besprechung erwähnt wurde. Diese Möglichkeit ist in der Konstruktion der beiden Unterarmknochen, wie sie zueinander und zum Oberarmknochen und Handgelenk stehen, und der Zusammensetzung ihrer Muskel bedingt; auch die Komplikation gegenüber den übrigen Teilen des Körpers besteht darin.


Der Akt

Die beiden Unterarmknochen heißen ulna und radius (Elle und Speiche). Die Ulna setzt in der Mitte des unteren platten Kopfes des Oberarms an und ragt noch mit einem Haken (als Hebel) in ihn hinein. Sie ist hier festgebunden und bildet den hauptsächlichsten Teil des Ellbogens, der analog dem Knie ist, ein Scharniergelenk. Unten dagegen ist ihr Kopf an der Kleinfingerseite lose und bildet mit den äußeren Handwurzelknochen das äußere Handgelenk.

Der zweite Knochen ist dagegen am Ellbogen frei und bildet an der Daumenseite mit den stärkeren inneren Handgelenkknochen die Seite des inneren Handgelenks. Dieses sieht man gegen das äußere, in der Linie bewegtere und rundliche Handgelenk in einfacherer, dreieckiger und flächiger Form.

Durch diese wechselnde Festmachung ist eben, wie auch durch die demgemäß konstruierten Muskeln, die Drehung des Radius um die Ulna ermöglicht. Die Benennung der Knochen ist deshalb auch dieser Funktion entnommen.

Die Hand besitzt dadurch, daß sie durch das Handgelenk[43] auf eben diese Weise mit den beiden Knochen zusammenhängt, dieselbe Drehungsmöglichkeit und weil sie gewissermaßen das Ende der Wirkung vertritt, eine um soviel größere. Das Handgelenk selbst hat außerdem die Strecker und Beuger. Auf diese Weise hat Unterarm mit Hand diese Beweglichkeit nach allen Seiten, die für die Funktion der Hand (für das Greifen) durchaus nötig ist.

Ich hoffe, daß man mittels dieser Detailschilderungen eine verständige Aktzeichnung zu machen imstande sein wird. Wenn jemand nun fragen würde: Ist die Kenntnis der Anatomie unbedingt notwendig für das Studium des Zeichnens? so würde ich antworten: Nein.

Denn gleichwie ein Gefühlsmensch, trotzdem er nie einen nackten menschlichen Körper gesehen hat, dennoch sofort weiß, was falsch an der Zeichnung sein würde, ebenso wird auch ein talentierter Anfänger ganz nach seiner künstlerischen Empfindung das Richtige instinktiv zu treffen wissen. Und eben dieses würde ein Zeichen seiner Befähigung sein.

Dieses Wissen ist vielmehr dazu da, sich selbst und andern plausibel zu machen, warum die Sachen so und nicht anders gezeichnet werden müssen; auch ist es lehrreich, Blicke in die Werkstatt unserer äußerst praktischen, geizigen Mutter Natur werfen zu können. Möge man alle Mittel zur Erlernung der Kunst, die ich angeführt habe, beherzigen: fortwährendes Kontrollieren mittels Augenblinzelns, die großen Formen nicht durch zu krasses Betonen der Einzelheiten zerreißen, daher im Licht mit hellen Tönen modellieren, die Schattenmassen zusammenhalten.

Nebst der Richtigkeit der Proportionen, dann der Modellierung der Formen ist nun noch auf den Ausdruck der Figur (Auffassung) zu achten.

Der Name »Akt« bedeutet: charakteristische Bewegungen für die Handlung einer Person. Ob das Modell ruhig steht[44] oder ein Gefäß hebt, zum Schlage ausholt, immer ist es ein Geschehnis, und daß dieses klar zum Ausdruck kommt, gehört zu einer guten Aktzeichnung. Wenn nun das Modell auf seine Bewegungen hin studiert wird, kommt man bald auf die Unterscheidung zweier Arten von Bewegungen des Körpers und der Gliedmaßen.

In der einen Art ist die Stellung der betreffenden Teile parallel der Bildfläche, also keine besondere Fremdheit, da die Herausfindung dieser Größenverhältnisse bereits oft geschildert und die Bewegung in gewissermaßen Profilstellung leicht zu erkennen ist. Dann kommen aber Bewegungen entweder des Rumpfes selbst oder der Extremitäten, die dem Auge entgegenstehen. Aus perspektivischen Gründen ist der Teil, welcher dem Auge am nächsten ist, auch proportionell der größte und das übrige, je mehr zurück, desto kleiner. So wird die Wirkung der ebenen Bildfläche aufgehoben, und die Tiefenwirkung tritt in ihr Recht. Der technische Ausdruck für diese Art Stellungen ist die »Verkürzung«.

Quelle:
Corinth, Lovis: Das Erlernen der Malerei. Berlin: Bruno Cassirer, 1920, S. 29-37,39-45.
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