Die Verkürzung.

[45] Wenn ein länglicher Körper mit seiner Kurzfläche dem Auge entgegensteht und seine Längsseiten ihren Verschwindungspunkt haben, so »verkürzt« er sich (Fig. a).


Fig. a
Fig. a

Dieses einfache Schema ist nun für das menschliche Modell anzubringen. Sehen wir uns daraufhin zum Beispiel ein gebogenes Bein, daß mit dem Knie gegen das Auge steht, an, so erscheint das Schema, wie es Fig. b zeigt.

Nächst der perspektivischen Verschiebungstheorie und dem Loten und Wägen der wichtigen Punkte in dem verkürzten Teil selbst ist er natürlich auch daraufhin zu vergleichen, wie er zu den anderen verkürzten oder nicht verkürzten Teilen steht; dadurch kann man konstatieren, um wieviel höher oder tiefer, sagen wir zum Beispiel ein Fuß, zu stehen kommen muß zum andern, unverkürzten. Beobachtung der Schattenform[46] und der Schlagschatten, das Verhältnis der ganzen Tonwerte zueinander, z.B. der Oberschenkel zum Unterschenkel.


Fig. b
Fig. b

Vor allen Dingen ist aber hier ein Moment zu erwähnen: das absolute Festhalten des einen Augenpunktes; die kleinste Verschiebung bringt sofort eine andere Ansicht. Es kann auch umgekehrt das Modell durch kleine Veränderungen seiner Stellung diese Verschiebung bewirken. Deshalb ist die größte Aufmerksamkeit auf dieselbe Lage zu verwenden (Anzeichnen der festen Punkte des Modells mit Kreide, sowie den eigenen Platz).

Rächt sich diese Unaufmerksamkeit besonders in den verkürzten Motiven, so kann sie aber auch in anderen Ansichten zu großen Fehlern führen. Z.B. kann ein Kopf auf diese Weise von en face zu drei Viertel und beinahe Profil herübergezogen werden wie ein Pfropfenzieher. Deshalb dieser Passus für alle Arten Stellungen zu beherzigen ist. Auch bei dem Abmessen der Größenverhältnisse durch Visieren ist mit haarscharfer Präzision zu verfahren.


Fig. c
Fig. c

Weil es für das Zeichnen der Verkürzungen not wendig ist, die Flächen auseinanderzuhalten (Klarmachung, welche Fläche dem Auge entgegensteht), so ist es vorteilhaft, als Hilfsformen Kasten, je nach dem Verhältnis, für den menschlichen Körper herzustellen.

Sowohl Kopf wie Rumpf und die Glieder haben vier[47] Flächen: obere, untere und zwei Seitenflächen; für die Konstruktion der Nase und der Punkte in der Mittellinie des Körpers wäre auf dem Kasten ebenfalls eine Mittellinie zu ziehen.

Der Kopf würde demnach nach Fig. c zu konstruieren sein.


Die Verkürzung

Bei der Detailbesprechung des Kopfes habe ich bereits die Verkürzung erwähnt und von Kurven gesprochen; diese entstehen auch aus der Kastenform, indem man sich denken muß, daß die vielen kleinen Flächen im Kopf aus der großen Kubikform abgeschrägt werden und so eine scheinbar runde Form entsteht; ebenso entstehen aus den geraden, rechteckigen perspektivischen Linien die geschweiften.

Eine Verkürzung des ganzen Körpers trifft hauptsächlich zu bei liegenden Figuren, wenn dieselben mit Scheitel oder Sohle gegen das Auge des Zeichners ihre Stellung haben. In diesem Falle würde Fig. c die Hilfsform zeigen.

Die Verkürzung ist das spezielle Eigentum der Malerei. Kein anderer Zweig der bildenden Kunst hat sie sonst aufzuweisen.

Durch sie wird das spezifische Charakteristikum der Malerei zur Geltung gebracht: das Aufheben der Fläche und Schaffung der Raumtiefe. Deshalb ist diese Eigenart von allen Malern stets mit besonderer Aufmerksamkeit und Vorliebe kultiviert worden. Der große Michel Angelo hat diese Kunst bekanntlich auf die denkbar höchste Stufe gebracht und damit eine spontaneBewegungsfähigkeit seinen Figuren verliehen, die geradezu stupend wirkt. Vom Studieren seiner Meisterwerke kann jeder Kunstbeflissene den größten Vorteil für sich gewinnen, und muß deshalb dieser Abschnitt der Kunstgeschichte zu besonderer Wertschätzung dem Lernenden empfohlen werden.

Nun wären noch die Details im Körper zu besprechen: z.B. welche Verschiebungen die Ellipsen der Augen bei Drehungen erhalten. Ist der Augenpunkt des Zeichners tief, so sieht man auch die Dicke des oberen Augenlids bei den verschiedenen Ansichten immer in neuer Form: den Mund, die Nasenlöcher.


Fig. d
Fig. d

Der Ansatz der Hände und Füße an den Knöcheln (Fig. d) in der verkürzten Lage ist zu beobachten. Bei liegender Stellung vom Kopf aus greifen die Handwurzeln und Fußflächen über Hand und Fuß. Die Form der Kniee, die charakteristischen Ansätze der Muskeln als Überschneidungen.

Außerdem ist die ganze Auffassung der verkürzten Figur darauf scharf auseinanderzuhalten, daß man die verkürzten Teile von den unverkürzten unterscheidet.[51]

Durch diesen Wechsel der Formen hebt die eine die andere, es kommt beiden Arten zu gute und die Verkürzungen wirken viel frappanter.

Aber all diese Einzelheiten sind besser am lebenden Modell zu sehen, erklären wollen mit Worten allein, ist hier schwer angebracht. Die beigefügten Blätter sind daraufhin zu betrachten.


Die Verkürzung

Quelle:
Corinth, Lovis: Das Erlernen der Malerei. Berlin: Bruno Cassirer, 1920, S. 45-49,51-52.
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