14. Straßburg.

[291] Die neue Welt ließ sich ganz vortrefflich an und rascher, als wir anfangs gemeint, bekannten wir: Hier ist gut wohnen! Herr von Roggenbach, der liebenswürdigste Vorgesetzte und opfermutigste Freund, hatte uns die Wege geebnet, sogar für eine reizende Wohnung am Kaufhausstaden Sorge getragen. Die Wohnung war unsere erste Straßburger Liebe. Im zweiten Stockwerk eines alten, aber mit allen Bequemlichkeiten neu eingerichteten Renaissancehauses gelegen, mit freiem Ausblick auf alte Bäume und die Ill, mit lauschigen Erkern und poetischen Winkeln war sie ganz danach angethan, uns immer und immer wieder zum schmucken, heimischen Herde zurückzulocken. Wir lernten hier die Vorteile einer französischen Wohnung, den festen Hausverschluß, die Doppeltreppe, die Sonderung der Wohnstuben von den Wirtschaftsräumen zum erstenmal kennen und mußten gestehen, daß die bürgerlichen Wohnungen in Deutschland manches hier zur Annehmlichkeit der Winter abschauen könnten. Selbst mit dem anfangs unsympathischen Institute des Concierge versöhnten wir uns allmählich. Seine Neugierde schadete uns nicht, seine[291] Wachsamkeit hielt manches zudringliche häßliche Element von uns fern. Das einzige Bedenken erregte die bekannte franzosenfreundliche Gesinnung des Wirtes, des später vielgenannten Bürgermeisters Lauth. Unsere Beziehungen behielten etwas Formelles. Solange ich aber in seinem Hause weilte, zeigte er sich mir gegenüber als gebildeter Ehrenmann. Mit seinem Takt vermied er das politische Gebiet, als er merkte, daß ich mich für städtische Angelegenheiten interessiere, taute er sogar auf und wurde gesprächig. Niemals verkehrte er mit mir schriftlich oder mündlich anders als in deutscher Sprache. Man merkte überhaupt bald, daß unter einer französischen Schicht, sogar in den reicheren tonangebenden Kreisen, ein guter deutscher Kern lag. Sitten, Gewohnheiten, Anschauungen, soweit nicht Mode oder Politik in das Spiel kam, zeigten keine französischen Einflüsse. Die Ladenmädchen in den besseren Geschäften hielten sich verpflichtet, deutsche Kunden mit einem gräßlichen Accente anzureden. Man brauchte aber nur den falschen Accent höflich aber deutlich zu verbessern und sein Begehren auf gut Deutsch zu wiederholen und es löste sich auch in diesen Kreisen rasch die deutsche Zunge. Gern hätte ich die letzten Ferientage zu Ausflügen links und rechts vom Rheine benutzt. Der Ausblick von den Stadtwällen nach den Vogesen wie nach der Schwarzwaldseite hin lockten gar zu sehr. Doch diese Lust mußte ich vorläufig dämpfen. Roggenbach teilte mir mit, daß ich von der Regierung, im Einverständnis mit den Kollegen, zum Festredner bei der Einweihung der Universität[292] am 1. Mai ausersehen sei. Da galt es, Zeit und Kraft zu Rate zu ziehen. Nur eine kurze Frist trennte uns von dem Feiertag. Die Rede selbst mußte in jedem einzelnen Satze wohl durchdacht und erwogen sein, um nicht die Einheimischen zu verletzen und doch unserem stolzen Jubel und unserer Freude Ausdruck zu geben. Gegen meine sonstige Übung arbeitete ich die Rede sorgfältig aus und feilte am Inhalt und an der Form so lange, bis sie mich befriedigte. Der 1. Mai wurde der größte Ehrentag meines Lebens. Die Augen Deutschlands waren auf Straßburg gerichtet, mit der größten Spannung harrte man überall auf Nachricht vom Verlaufe des Festes. Alle deutschen Universitäten, auch die schweizer und deutsch-österreichischen Universitäten hatten Deputationen, die west-deutschen Hochschulen auch zahlreiche Vertreter der Studentenschaft, mehrere hundert Mann stark, gesandt, aus der benachbarten Landschaft strömten Gelehrte, Beamte, patriotisch Bürger herbei, um dem friedlichen Triumphe deutscher Tapferkeit beizuwohnen. Den Mittelpunkt der Weihehandlung bildete die Festrede.1

Mit Herzklopfen betrat ich die hohe Rednerbühne. Die glänzende Versammlung vor mir war ganz danach angethan, mich befangen zu machen und der Stimme, wenigstens anfangs, die volle, den weiten Raum beherrschende Kraft zu rauben. Auch mit dem Kobold Zufall mußte ich rechnen. Ein geschickter Architekt hatte den großen Schloßhof mit einem leichten Zelte überdeckt, die Seitenwände über den[293] niedrigen Terrassen mit Leinewand bekleidet. Man konnte sich keine lustigeren, fröhlicheren Festräume denken, zumal für reichen Laub- und Fahnenschmuck gesorgt worden war, vorausgesetzt, daß kein Regen die Leinewand peitschte, kein Wind das Zeltdach hin und her riß. Der Zufall war mir mehr als günstig. Nur ein ganz leises Rauschen und Wehen zog durch die Luft, jedes Wort drang deutlich bis zur fernsten Ecke vor und, als ob ein trefflicher Theaterregisseur noch für einen besondern Effekt gesorgt hätte, begannen gerade in dem Augenblicke, in welchem ich von der Herrlichkeit des Münsters sprach, alle Glocken den Mittag einzuläuten. Der Eindruck dieser Szene auf alle Anwesenden war übermächtig. Die ohnehin günstige Stimmung steigerte sich zu heller Begeisterung. Mit hoffnungsvoller Zuversicht gingen wir an die Arbeit, welche den zweitägigen Festrausch ablöste. Arbeit gab es aber namentlich für mich genug. Zum Rektor hatte die Reichsregierung den Senior der theologischen Fakultät Bruch ernannt. Roggenbach bewies auch darin einen staatsmännischen Blick, eine glückliche Hand. Durch Bruchs Ernennung, als ehrwürdigstem, beliebtesten und angesehensten Mitgliede der alten Fakultät, wurde die Provinz geehrt, zugleich der Zusammenhang der neuen Einrichtung mit der alten wenigstens symbolisch gewahrt. Die Wahl des Prorektors wurde der Universität überlassen. Sie traf einstimmig mich. Bei dem hohen Alter Bruchs und da er den Formen und Gebräuchen der deutschen Universitäten doch vielfach fremd gegenüberstand, fiel ein bedeutender Teil der Geschäfte auf[294] meine Schultern. So groß die Last war und so schwierig die neuen Verhältnisse, so schickte sich doch alles überraschend gut. Wir waren zwar eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, dem Alter nach, wie nach Herkunft und früherem Amt. Fast jede deutsche Landschaft, Österreich, die Schweiz, selbst England zählten in dem Lehrerkollegium Vertreter. Einzelne Kollegen waren ganz jung, bei andern begann das Haar sich bedenklich zu lichten und weiß zu färben. An Universitäten, technischen Hochschulen, in Kanzleien und Pfarreien waren die einzelnen früher thätig gewesen. Aber wir zeigten alle den besten Willen und waren bemüht, die sachlichen Interessen zu fördern, die persönlichen Verhältnisse angenehm zu gestalten. Ich hatte das besondere Glück, daß ich unter den Kollegen mehrere alte Freunde zählte. Mit Adolf Michaelis verknüpfte, außer der unmittelbaren festen Zuneigung, mich die gemeinsame Verehrung für Otto Jahn Michaelis hatte seinem Onkel stets ganz nahe gestanden, ihn in den letzten Jahren getröstet, aufzurichten gesucht, mit Aufopferung gepflegt. Er übertrug die Liebe vom Onkel auf dessen Freund. Hermann Baumgarten teilte mit mir den politischen Standpunkt, die wissenschaftlichen Interessen und erfreute im Umgange durch seinen scharfen Geist und unbestechliche Überzeugungskraft. Auch mit den andern Genossen, Naturforschern, Juristen, Sprachgelehrten und Historikern, wie Recklinghausen, Oskar Schmidt, Binding, Euting, Weizsäcker, Franz Xaver Kraus ergaben sich mannigfache Berührungspunkte und begann sich bald ein reger Verkehr anzuspinnen.[295]

Besondere Freude machte mir die Einrichtung eines stattlichen kunsthistorischen Apparats. Solange ich lehrte, hielt ich an dem Grundsatze fest, das Wort durch die Anschauung zu unterstützen, von dieser auszugehen und aus ihr die weiteren Schlüsse zu ziehen. Ich wollte nicht überreden, sondern überzeugen. Zwanzig Jahre lang hatte ich mich in Bonn gequält und geplagt, eine nur halbwegs genügende Zahl von Abbildungen zusammen zu bringen. Ich mußte sie alle aus meiner eigenen Tasche bezahlen und stürzte mich wiederholt in Schulden, um nur meinen Schülern eine beiläufige anschauliche Kenntnis der von mir besprochenen Kunstwerke zu verschaffen. In Berlin blieb man gegen alle meine Wünsche und Bitten taub. Nicht einmal hundert Thaler jährlich – so tief hatte ich allmählich meine Forderungen herabgestimmt – waren in der Ministerialkasse für den kunsthistorischen Unterricht aufzutreiben. Und als einmal der Rektor aus seinem Dispositionsfonds auf meinen Antrag eine kleine Summe anwies, um einen besonders günstigen Gelegenheitskauf abzuschließen – es handelte sich um Derschaus Neudrucke altdeutscher Holzschnitte, welche übrigens der Bibliothek einverleibt wurden, – kam vom Minister Raumer ein scharfer Verweis über solche Eigenwilligkeit und Verschwendung. Roggenbach, dem jede kleinliche Sparsamkeit am unrechten Orte verhaßt war und eine vornehme Ausstattung der Universität am Herzen lag, ging bereitwillig auf meine Vorschläge ein. Er wies mir eine große Summe an, um den Grundstock der Sammlung zu bilden und stellte einen[296] festen, vorläufig genügenden Jahresbeitrag zu ihrer Ergänzung in das Budget der Universität ein. Dank Roggenbachs zuvorkommender Liebenswürdigkeit konnte ich endlich den alten Wunsch befriedigen und einen nach festen wissenschaftlichen Grundsätzen geordneten Apparat als Stütze der Vorlesungen anlegen. Braun in Dornach wurde besonders stark in Kontribution gesetzt. Meine Absicht ging dahin, von der Thätigkeit einzelner hervorragender Meister ein möglichst vollständiges Bild zu gewinnen. Ich wußte aus eigener Erfahrung, daß, wenn man sich in einen Meister ganz eingelebt, einen Künstler auf das Genauste studiert hat, auch der Zugang zum Verständnis anderer Meister sich leichter öffnet. Außerdem sollten die anderen historisch bedeutsamen Künstler so weit vertreten sein, daß aus den vorhandenen Abbildungen ihre Natur und ihre wesentliche Entwickelung klar hervortrat. Ein besonderes Gewicht legte ich auf eine reiche Sammlung von Handzeichnungen. Mit leichter Mühe und verhältnismäßig geringen Kosten ließen sie sich, dank der Photographie, beschaffen. Was hätten wir Alten darum gegeben, wenn wir in unsern jungen Tagen über so reiche Schätze von Handzeichnungen verfügen, für jede strittige Frage sie zur Vergleichung heranziehen, bei jedem Stilzweifel hier Rat holen können. Jetzt konnte man dem Anfänger die eigene Handschrift der Künstler vorlegen, ihm die Schöpfung eines Kunstwerkes an der Hand der Skizzen und Studien Schritt für Schritt klar machen. Der Straßburger Apparat ist meines Wissens der älteste, wissenschaftlich geordnete an deutschen Hochschulen,[297] welcher sowohl dem Lehrer als sichere Handhabe dient und dem Jünger und Schüler ein selbständiges Studium gestattet. Im Laufe von fünf bis sechs Jahren hoffte ich die empfindlichsten Lücken auszufüllen und über einen genügenden Anschauungsstoff zu verfügen. Wo war ich in fünf Jahren?

Alles schien sich in Straßburg zum Besten zu wenden und war danach angethan, mich in meinem neuen Wirkungskreise zufrieden zu stellen, bis auf einen wunden Punkt. Die Behörden kamen mir in der liebenswürdigsten Weise entgegen. Mit der Familie des Gouverneurs, des feingebildeten Generals von Hartmann, verkehrten wir auf ganz freundschaftlichen Fuße. Der Regierungspräsident von Ernsthausen erwies mir in allen Dingen das größte Wohlwollen. Bei seiner Unbefangenheit und seinem ungewöhnlichen Scharfblick in der Beurteilung der Sachlage, war er einer der besten politischen Ratgeber. Nur der Oberpräsident, Herr von Möller, ließ den alten Groll gegen mich nicht fahren, zeigte mir von allem Anfang an unverholen seine Abneigung. Möller versah aber, nach Roggenbachs leider viel zu frühem Abgange, zunächst auch das Amt des Universitätskurators. Mit ihm hatte ich als Prorektor fortwährend zu verhandeln, von ihm war die Erfüllung meiner Wünsche als Professor vielfach abhängig. Möllers offenbare, auch Fremden auffällige Feindschaft ließ mich für eine gedeihliche Wirksamkeit in Straßburg mit Recht fürchten. Und der schlimme Zufall wollte, daß ich gleich bei meinem ersten Besuche seinen Zorn neu anfachte.[298] Das Gespräch war auf Stereoskope gekommen, welche Möller mir als unentbehrliches Hilfsmittel bei den Vorlesungen empfahl. Ich erwiderte, daß nach meinen Versuchen und Erfahrungen ein großer praktischer Nutzen nicht abzusehen sei und ließ mich verleiten, die Stereoskope als Salonspielerei zu bezeichnen. Ich hatte vergessen, daß Herr von Möller ein enthusiastischer Verehrer der Stereoskope war, mehr als ein Dutzend besaß und viele tausend stereoskopische Bilder gesammelt hatte. Nun war auch sein Stolz als Kunstkenner verletzt und auf seine Kennerschaft legte er das größte Gewicht.

Gleich in den ersten Tagen nach der Einweihung der Universität begannen die Reibungen. Das Fest der Einweihung war doch nicht ohne jede Störung verlaufen, wie wir Straßburger meinten. Am Abend des Festtags, als das Münster im bengalischen Feuer strahlte, eine riesige Menschenmenge den Münsterplatz und die Terrasse des Schlosses füllte, ertönte plötzlich von der offenen Schloßtreppe her ein langer, schriller Pfiff. Kein Mensch dachte etwas anderes, als daß damit für die Franzosenfreunde das Signal zur lärmenden Opposition gegeben würde. Zwei Herren eilten von der Terrasse zu der mit ihr verbundenen Treppe, um den Störer gebührend zur Ruhe zu weisen. Sie konnten nicht wissen, daß der Unruhestifter – es war der ehemalige Direktor des germanischen Museums, Aufseß – die Gewohnheit besaß, seinen Diener mit einer Hundepfeife zu rufen, auch nicht ahnen, daß er schlecht auf den Beinen stand, bei seinem Rückzuge stolperte und einige[299] Steinstufen herabfiel. Nun wollte es gar das Unglück, daß Aufseß einige Tage darauf starb, nicht an den Folgen des Falles, sondern an einer alten Krankheit, welche er durch seine leichtsinnige, ganz überflüssige Reise von Nürnberg nach Straßburg verschlimmert hatte. Aber die französischen Blätter und leider auch viele deutsche, bauschten den unangenehmen Vorfall zu einer wahren Staatsaktion auf. Der Oberpräsident war über die Maßen verdrießlich, zugleich schwach genug, sich gegen die, von radikalen Zeitungsschreibern verlangte Sühne nicht fest zu stemmen. Ein Opfer sollte den Manen des Verstorbenen gebracht werden. Wer sollte aber als Opfer fallen? Von den zwei angesehenen Männern, welche angeblich durch ihr rasches zu greifen Aufseß geschädigt hatten, gehörte einer dem Beamtenstande, der andere der Universität an. Der Oberpräsident verteidigte eifrig die Unschuld seines Untergebenen. Sollte ich den Kollegen preisgeben? Ich bestand darauf, daß beide als gleich schuldig, oder wie es die Wahrheit war, als gleich unschuldig erachtet werden müßten. Es kam zu scharfen Worten, bis ich endlich drohte, daß ich gegen jedes einseitige Vorgehen gegen meinen Kollegen an den Korporationsgeist der Universität mich berufen und vor keinem Schritt zu seiner Verteidigung zurückweichen würde. Darauf wurde die ganze leidige Angelegenheit begraben und vergessen. Noch bei vielen andern Anlässen merkte ich die ungünstige Gesinnung des Oberpräsidenten. Doch das alles hätte ich ertragen, da nur meine gesellige Stellung darunter litt, meine öffentliche Wirksamkeit davon nicht berührt wurde.[300] Bald aber trat eine Lebensfrage an mich heran, deren Entscheidung vorwiegend in die Hände Möllers fiel. Ich gewann, wie die meisten andern Professoren, bald die Überzeugung, daß an eine größere Lehrthätigkeit erst nach mehreren Jahren gedacht werden könne. Die Begeisterung reichte denn doch nicht hin, die Studenten nach Straßburg in reicherer Zahl zu ziehen. Viele unleugbare praktische Bedenken ließen die Eltern zögern, der Mangel an studentischer Unterhaltung die Herren Söhne flotte Universitäten vorziehen. Wäre es nicht möglich, außerhalb der Universität das Kunstinteresse im Elsaß zu heben? Ich hatte Aufnahmen der alten Denkmäler, kleine periodische Ausstellungen, Anfänge eines kunstgewerblichen Museums im Kopfe. Viele Mitglieder der Verwaltung, auch altrheinische Bürger, nicht die Notabeln, sondern Gewerbetreibende, echte, gute Vertreter des Mittelstandes, gingen auf meine Absichten ein. Ich leugne nicht, daß diese Pläne auch einen politischen Hintergedanken besaßen. An ein Zusammenrücken mit der einheimischen Bevölkerung auf politischem Gebiete war zunächst nicht zu denken. Wir vermieden nach Möglichkeit jeden Anlaß zu Reibungen, um wenigstens den äußern Frieden aufrecht zu halten. Wohl schien es mir dagegen möglich, auf neutralem Boden einträchtig neben, bald vielleicht auch miteinander zu arbeiten. Hatten sich Einheimische und Zugewanderte auf diese Art an einen gemeinsamen zwanglosen Verkehr gewöhnt und jene die Überzeugung gewonnen, daß auch die sogenannten »Altdeutschen« für das Wohl und die Interessen der neuen Heimat mannhaft[301] einstehen, so durfte man auf eine allmähliche Ausgleichung der schroffsten Gegensätze hoffen. Mit dieser Meinung stand ich keineswegs allein, namentlich schien der Gedanke, mit einer Anrufung der kunstfreundlichen Elemente im Elsaß den Anfang zu machen vielen fruchtbar. So oft ich aber dem Oberpräsidenten meine Wünsche und Absichten andeutete, hüllte er sich in eisiges Schweigen. Bald bekam ich das Recht, jene dringender zu fassen. Als ich den Ruf an die Leipziger Universität empfing, ließ ich durch das Kuratorium dem Oberpräsidenten mitteilen, daß ich auf jeden persönlichen Vorteil verzichte, dagegen das dringende Begehren stellen müsse, daß nun für eine regere Kunstpflege im Elsaß gesorgt, namentlich die Gründung eines Museums ernstlich ins Auge gefaßt werde. Auf diese Erklärung erhielt ich niemals eine Antwort. Noch wollte ich einen letzten Versuch wagen. Der Stadt war für die abgebrannte Gemäldegalerie und Bibliothek eine Entschädigungssumme von über eine Million Franken zugesprochen worden. Für die Bibliothek war unterdessen reichlich gesorgt worden. Um so eher durfte ich einen Teil der Summe für Kunstzwecke ansprechen. Mit Zustimmung des Bezirkspräsidenten und Gouverneurs und nach vertraulicher Rücksprache mit unsern angesehenen einheimischen Bürgern, wurde eine öffentliche Versammlung auf dem Rathause einberufen, vor welcher ich meine Vorschläge ausführlich entwickeln sollte. In langer Rede stellte ich sowohl die materielle Möglichkeit, eine Kunstgewerbeschule zu errichten, wie die großen Vorteile für das Land durch Hebung des[302] Kunstgewerbes so eindringlich als möglich vor. Die Stiftung eines Museums streifte ich nur, da ich nicht durch den Umfang meiner Pläne die Leute gleich von allem Anfang her erschrecken wollte. Als ich meinen Vortrag geendigt hatte, merkte ich aus dem Beifall und vielfachen Bemerkungen, daß ich nach dem Herzen der Mehrheit gesprochen hatte. Natürlich war ich auf die Gegenrede eines Franzosenfreundes gefaßt und vorbereitet. In einer zweiten Ansprache wollte ich meine Argumente noch beweiskräftiger gestalten. Auf diese hatte ich meine besten Waffen aufgespart. Und der Gegner, ein ehemaliger Schuldirektor, namens Goguel oder Gockel, machte mir die Sache noch leichter. Er las eine längere Schrift ab, welche mit dem Satze schloß, daß ja die Universität Geld genug habe, um auch Professoren der schönen Künste anzustellen, ein weiteres ganz überflüssig sei. Rasch erhob ich mich zur Antwort. Ich war überzeugt und bin es auch heute noch, daß es mir gelungen wäre, die große Mehrheit der Versammlung zu einem Beschlusse oder zu einer von mir bereits entworfenen Erklärung hinzureißen. Da ergriff mich der Oberpräsident, welcher neben mir saß, am Arm und gebot mir, kraft seines Amtes, unbedingtes Stillschweigen. Das letzte Wort und den Schein des Sieges behielt Herr Goguel. Nun war es mir klar, daß meines Bleibens und erfolgreichen Wirkens in Straßburg nicht sei. Meine Lehrthätigkeit mußte noch lange eingeschränkt bleiben, mich in anderer Art dem Lande nützlich zu erweisen, verwehrte das persönliche Mißtrauen Möllers. Daß nur dieses die[303] Quelle der Erfolglosigkeit meiner Wünsche war, zeigten die Ereignisse späterer Jahre. Viele meiner Vorschläge sind nachmals von Herrn von Möller mit kundiger Hand und sichtlichem Wohlwollen durchgeführt worden. Schweren Herzens erklärte ich die Annahme des Leipziger Rufes und bekam darauf in ungnädiger Form meine Entlassung.

Zu Ostern 1873 übersiedelte ich mit meiner Familie nach Leipzig.

Hier lege ich meine Feder nieder. Die innere Entwickelung meines Lebens war zu Ende. Wenn man das halbe Jahrhundert überschritten hat, baut man nicht mehr heimlich traute Nester, sondern sucht wesentlich nur nach Schutz gegen die Unbilden des Alters. Ich fand in Leipzig manche gute Freunde. Die besten freilich verzogen oder starben bald nach meiner Ankunft, wie Freytag, Salomon Hirzel, Härtel. Meine akademische Wirksamkeit begann eine neue Blüte, hatte noch intensivere Erfolge als jene in Bonn. Viel Leid, aber auch viel Freude erlebte ich. Die Kinder, selbständig geworden, zogen aus dem Hause. An ihre Stelle rückten Enkel. Allerdings war der Anlaß dazu ein namenlos trauriger. Unsere älteste, vielgeliebte Tochter Cara starb nach kurzer Ehe. Nach einigen Jahren verloren die hinterlassenen drei Kinder auch den Vater. Und so waren wir alten Großeltern verpflichtet, wieder Vater- und Mutterstelle zu vertreten. Ein Gutes hatte das schwere Unglück. Unsere halbentblätterten Lebensbäume begannen durch den Verkehr mit den frischen Enkeln Maria, Fritz und Martha Engelmann wieder zu grünen und mit[304] Laub sich zu schmücken. Namentlich meine Isabella verjüngte sich wieder und durfte neben den schweren Sorgen der Krankenwärterin nun auch die fröhlicheren Pflichten der Mutter übernehmen. Denn seit ich in Leipzig lebe, ist meine Gesundheit stets Schwankungen unterworfen. Nur die größte Schonung hält, wer weiß wie lange noch, mich aufrecht. Auf alle äußeren Lebensgenüsse muß ich seit Jahrzehnten verzichten. Aber ich bin doch glücklich im Schoße meiner Familie, zufrieden, daß ich meine Thätigkeit als Lehrer fortführen, meine Wirksamkeit als Schriftsteller sogar erweitern kann. Katheder und Schreibtisch sind jetzt die beiden Pole, um welche sich mein Leben bewegt. Möchte die Nachwelt, wenn sie dieses Leben an sich vorüberziehen läßt, von mir sagen:


Er hat nicht umsonst gelebt!

1

Die Rede ist im Anhang abgedruckt.

Quelle:
Springer, Anton: Aus meinem Leben. Berlin 1892, S. 291-305.
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