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[82] Im Sommer 1880 malte ich die Bilder für Minoprio, ich malte die Wasserfälle von Tivoli. Ich malte recht viele Bilder. Weil ich nur recht niedre Preise erhielt, so fühlte ich mich auch frei von der Verantwortung dem Käufer gegenüber, etwas besonders Wertvolles machen zu müssen. Ich malte drauflos was und wie es mir paßte und wie ich es gerade konnte. Es entstanden Malereien in Ravensteins Hause, ohne Vorbereitung an die Wände gemalt, so entstanden auch die Malereien im Café Bauer und die dortigen Deckenmalereien. Der Ravensteinsche Auftrag für dieses Lokal mußte innerhalb etwa von sechs Wochen fertig sein, weil da die Eröffnung sein sollte. Not macht erfinderisch. Da der Saal im Entstehen voll Arbeitsleute war, konnte ich unmöglich darin malen; in meinem kleinen Atelier war kein Platz für so große Bilder. Da kaufte ich mir Rollenpapier und heftete zwei Streifen davon an die Wand, und darauf malte ich meine Figuren gleich fertig mit Tempera und Terpentinölfarben. Dann schob ich den Streifen eins ab und setzte einen neuen Streifen an, an dem ich im Zusammenhang mit dem zweiten weiter malte und so weiter bis zum Ende des etwa 9 Meter langen Bildes. Die fertige Malerei wurde sodann wie Tapeten auf die Wand geklebt und es paßte. So entstanden der Gambrinus- und der Bacchuszug. Auch die Monatsbilder mit ihren Schnörkeln malte ich so für die vorher schon eingeteilte Decke. Ob das Papier haltbar sei, daran durfte ich freilich nicht denken, es mußte zur Einweihung des Lokales fertig sein, und ich betrachtete die Malerei als eine mehr oder weniger vergängliche Dekoration zu diesem Anlaß. Es wurde dann auch weidlich über diese Malerei geschimpft und ein Malermeister, der die Wände angestrichen und allerlei daraufschabloniert[82] hatte, veröffentlichte eine Erklärung, um Irrtümer zu vermeiden, daß die Malereien nicht von ihm seien. Die Dauerhaftigkeit des Papieres hat sich aber an den Malereien für die Restauration »Zum Kaiser Karl« glänzend bewährt, die ich ein paar Jahre später auch in Ravensteins Auftrag ebenso malte. Bauliche Veränderungen zerstörten gar bald das auf die Hinterwand gemalte wohl beste Bild vollständig. Die Wand mußte hinausgerückt werden und ein Dekorationsmaler malte eine Landschaft darauf. Nach Jahren, etwa 1912, ging das Haus in andern Besitz über und wurde gründlich verändert. Der neue Besitzer fragte mich, ob man die Bilder wohl abnehmen könne, aber ich sagte nein, denn sie seien auf Papier gemalt und aufgeklebt, das Abnehmen sei ausgeschlossen. Aber der Frankfurter Maler Bausinger wagte sich doch daran und er löste das Musikantenbild und die friedliche Familie ziemlich ganz von der Wand los und ließ das Papier auf Leinwand aufziehen. Die Bilder wurden mir nach Karlsruhe geschickt. Ich freute mich jetzt wieder daran und besserte gern das aus, was schadhaft geworden war. Das Familienbild war ziemlich stückhaft heruntergenommen, so daß ich die landschaftliche Umgebung neu malte. Auch Albert Lang hatte für das gleiche Lokal in gleicher Weise einige Bilder gemalt, die abgelöst wurden. Der Triumph des Papiers war vollständig.

Auch Steinhausen und Ernst Sattler waren in Ravensteinhäusern tätig. An der Außenseite des Hauses Kaiser Karl wurden die großen Köpfe als Schlußsteine zwischen den Fenstern gemacht. Steinhausen machte die Seite nach der Zeil, ich die nach der Eschenheimerstraße. Ich machte die sieben Todsünden mit einem achten Kopf als Zugabe, sie sind grotesk und vielleicht auch ein wenig zu groß geworden, sie haben dem Haus den Namen Fratzeneck eingebracht. Zwischen den Fenstern wurden Mosaiken angebracht.

Auf diese Todsünden machte ich einmal folgende Sprüche:

Unerlaubt häßliche Sünden! Man wagt kaum sie zu nennen. Man schämt sich ihrer und deckt mit den Schleier der Nachsicht sie zu.

Erfreulich ist aber zu sehen wie gut doch die Menschen sind, so gerne bereit zu schimpfen und schmähen über die häßlichen Sünden der andern.[83]

Leidenschaft wandelt das Antlitz des Menschen, dem Löwen bald gleicht es, dem Bocke, dem Hunde, dem Affen, bösen Mächten verfällt es, es verfällt auch des Künstlers harmlosem Spiel.

Dem Neider, dem Nörgler nichts will ihm taugen, er reißt auch Gutes und Edles in Staub, da er immer verneint so darf er wohl auch der Ewige sich nennen.

Der hagre Greis gönnt niemand die Güter, er sperret sie ein, sie mögen verderben, nur daß andre sie nicht haben oder sie erben.

Hoch fährt der Mut über der Allzuvielen Tun und Treiben, doch all das sieht er nicht, was im stillen schafft die Demut.

Ist der Sack gefüllt so will ich ruhen vom Kauen

Mein Beruf ist, die Welt als Nahrung verdauen.

In diesen ruhigen Stillstandsjahren der Frankfurter Zeit kam auch Thode als Direktor an das Staedelsche Institut. Er wurde mir von seinem ersten Besuch im Atelier an ein treuer verstehender Freund.

Durch Thode kam auch Gräfin Erdödy zu uns, und sie wurde meiner Frau und mir eine liebe teilnehmende Freundin.

Zu meinem 50. Geburtstag schenkte sie mir einen Riesenstrauß von 50 Rosen. Meine Blumenmalerin in ihrer Lebhaftigkeit sagte, diesen Strauß male ich jetzt und schenke das Bild der Freundin. In ihrer stürmischen Art nahm sie auch gleich die schönste Leinwand aus meinen Vorräten; ich wehrte ab: diesen Strauß kannst du in den paar Tagen, da er sich hält nicht fertigbringen und verdirbst mir nur meine schönste Tafel! Es half nichts. Sie malte den Strauß in natürlicher Größe in drei Tagen ganz vortrefflich, natürlich auch zu meiner Freude, und konnte ihn der Freundin schenken.

Ein gültiges Zeugnis der Blumenheiterkeit unsres Daseins ist auch mein Bild: »Offenes Fenster nach dem Holzhausenpark«, ein Maitag. Das Bild ist jetzt im Besitze des Staedelschen Instituts und sagt wohl Tieferes über den glücklich schönen Friedenszustand, der bei uns wohnte, als Worte es könnten.

In diesen Jahren war auch eine Ausstellung meiner Bilder bei Gurlitt in Berlin – sie hatte aber gar keinen Erfolg. In Berlin traf ich auch Langbehn und er ging mit mir nach Frankfurt. Derselbe wurde ein paar Jahre vorher durch Haider mit mir bekannt. Er besuchte mich[84] und wir schrieben uns oft. Jetzt in Frankfurt arbeitete er an seinem Buch »Rembrandt als Erzieher«. Ich war fast der einzige, der davon wissen durfte. Aber als das Buch fertig war und er es mir aus Dresden zuschickte, mußte ich ihm geloben, daß ich es niemand sagen wolle, wer der Verfasser sei. Dies führte komische Ereignisse herbei, indem viele mir sagten dies Buch müsse ich lesen und ich ihnen ausweichend antworten mußte – ich mache mir nichts aus derartigen Büchern usw. Wozu das Geheimnis sein sollte, wußte ich freilich nicht. Ich hatte zu der Zeit ein größeres Atelier gemietet und Langbehn war fast täglich bei mir; so kam der Gedanke, ihn zu malen, und es entstand das Bild: »Der Philosoph mit dem Ei.« Seine geradlinige Unverträglichkeit erschwerte den Umgang mit ihm sehr. Er geriet auch mit allen meinen Freunden an- und auseinander. Mein Vermitteln wollte nicht helfen. Unsre sehr harmlose lebhafte Korrespondenz wollte er später ausgetauscht haben, worauf ich bereitwillig einging.

Zu der Zeit ging ich auch einmal auf ein paar Wochen nach München, um Konrad Fiedler und Adolf Hildebrand zu malen. Einmal ging ich auch nach Köln um einen Herrn und seine Frau zu malen, die mit Schumm verwandt waren. Die Malerei fiel aber, wie es bei guten Porträts fast immer der Fall ist, sehr zur Unzufriedenheit der Besteller aus. So, daß es sich bestätigte, was Trübner einmal sagte, als ich ihm mitteilte, daß ich eine uns befreundete Dame malen wolle: »Tun Sie das nicht, Porträtmalen zerstört die Freundschaft.«

Die Bilder, die in der Frankfurter Zeit entstanden sind, will ich nicht im einzelnen aufzählen. Ein Verzeichnis mit Zeitangabe ist im 15. Bande der »Klassiker der Kunst«, aufgestellt von Thode, Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart, erschienen.

Wenn ich nicht irre war es im Jahre 1882, als ich mit Eifer zum erstenmal nach Bayreuth ging. Durch Kapellmeister Kniese war ich schon einigermaßen in die Zauberwelt Richard Wagners eingeführt. Eines Abends war ich auch im Wahnfried, Wagner war gerade an diesem Abend gehindert in der Gesellschaft zu erscheinen, und so kam es, daß ich nie persönlich mit ihm zusammenkam. In den spätern Jahren, da Wagner schon nicht mehr lebte, kam ich fast jährlich zu den Aufführungen nach Bayreuth, so daß ich alle Werke aufführen sah. Mit Cella[85] wohnte ich mehreremal bei dem Freunde Max Groß in Leineck. Befreundete mich mit dessen Bruder Adolf Groß, dem vortrefflichen geschäftlichen Leiter der Festspiele. Bei dem nähern Umgang mit Frau Cosima Wagner und ihrer Familie waren es für uns gar schöne weihevolle Tage. Auch außer der Festspielzeit war ich einmal im Wahnfried, wo ich ein Porträt von Frau Wagner malte und Zeichnungen von den Töchtern Isolde und Eva und von Siegfried Wagner machte. Frau Wagner veranlaßte mich auch, Vorschläge für die Kostümierung der Nibelungen zu machen. Ich schnitt die Gewänder im kleinen zu, so daß ich sie Gliederpuppen, die ich früher schon in langen Winternächten gemacht hatte, um mich über die Verhältnisse und Bewegungsmöglichkeiten der menschlichen Figur zu belehren anziehen konnte. Für diese Puppen passend schnitt ich die Gewänder der Göttinnen, auch machte ich aus Pappe Helme und Harnische für Wotan und für die Nibelungenhelden, für die Walküren usw. Nach diesen Puppen habe ich dann die Kostümfiguren gezeichnet. Cella half mir schneidern. Man nannte mich Götterschneider, und die Kostüme wurden so genau wie möglich nach meinen Angaben gemacht.

Die Maler der Frankfurter Künstlergesellschaft wählten mich auch einmal zum Präsidenten unter heftigem Widerspruch einiger die Gesellschaft seit langher beherrschenden Architekten, welche behaupteten, daß mir zu einem Präsidenten jede Fähigkeit abgehe, daß ich weder repräsentieren noch sprechen könne. Ich übernahm trotzdem das Amt; in der nächsten Generalversammlung versuchte man es, mich außer Fassung zu bringen mit allen möglichen Ränken, die ich wohl durchschaute; ich behielt meine Ruhe und Besonnenheit und ging, sogar nach dem Zeugnis der Gegner, als Sieger aus der Probe hervor. Daß ich, wenn es sein mußte, auch sprechen konnte, bewies ich auf einem großen Künstlerfest im Palmengarten, wo ich als Präsident eine Ansprache halten mußte, die wohl gelang, nachdem ich meine angeborne Schüchternheit überwunden hatte.

Einmal mußte ich auch zu einem Kaiserempfang Dekorationen malen in der Römervorhalle. Es war gar kurze Zeit und ich malte die Sachen auf Rollenpapier, das befestigt wurde. Jedenfalls sind die Dekorationen beim Herunterreißen zerstört worden. So habe ich gar gern teilgenommen[86] an allen gemeinsamen Bestrebungen der Frankfurter Künstler. Öfters machte ich auch Aquarelle, welche ich zum Teil verschenkte oder auch als billige Ware verkaufte. Auch wurde ich veranlaßt, derlei zu wiederholen. Da kam ich auf den Gedanken wenigstens die Umrißzeichnung durch Vervielfältigung herzustellen. Ich las eine Anzeige aus Berlin von einem handlichen Apparat, »Tachograph« genannt, mit dem man Drucke durch lithographisches Verfahren herstellen und eigenhändig drucken könne. Ich ließ den Tachographen kommen und fand ihn recht praktisch zur Herstellung einfacher Zeichnungen. Ich zog von jeder Zeichnung auf dem Stein etwa 10–20 Exemplare ab mit der Absicht, dieselben zu kolorieren. Dies Kolorieren verleidete mir aber bald so, daß es nur wenig bemalte Drucke gibt. Später sah ich ein, daß es bequemer wäre, wenn ich wirkliche Lithographien machen würde, die bei Werner und Winter in Frankfurt und bei Z. Scholz in Mainz gedruckt wurden. Einen guten Katalog über meine graphischen Arbeiten hat I. A. Beringer angefertigt, soweit dies möglich war bei der sorglosen Art, wie ich diese Sachen in die Welt hinausstreute. Sie waren nie in einem Verlag, der die Sachen kontrollierte, ich hatte nie die Absicht, diese Drucke geschäftlich auszunutzen. Radierungen machte ich erst in den 90er Jahren. Manfeld unterrichtete mich in der Technik. Das Behandeln der Kupferplatte und das Ätzen hatte mir aber etwas sehr Unangenehmes. Da, eines Tages, fand ich ein Stück vernickeltes Zinkblech, welches der Spengler als Abfall von einem Reflektor an einer Wandlampe liegengelassen hatte. Spielend probierte ich die Radiernadel darauf und kratzte einen Kopf auf das Blech. Ein Abdruck, den ich davon machen ließ, schien mir gut zu sein, das zu sein, was ich von meinem Radieren erwarten konnte, so daß ich bei dieser mir bequemen Technik der Kaltnadelarbeit auf vernickeltes Zinkblech blieb und mich in diese einübte.

Ich hatte ganz richtig vermutet, daß der Nickelüberzug der Zinkunterlage die nötige Festigkeit gebe, daß die Platte eine ziemlich große Zahl guter Abdrucke aushalten würde, 100 und mehr. Allerdings kann man nichts mehr wegschleifen wie auf einer Kupferplatte. Dagegen sind aber auch die Zinkblechplatten sehr viel billiger. Jetzt benutzen gar viele Künstler diese vernickelten Platten.[87]

Bei meinen alten Papieren fand ich ein Verzeichnis der in diesen und frühern Jahren verkauften Bilder. Die Preise sind erschreckend Aber das war noch einer der Höchstpreise. Daß wir trotzdem so im ganzen ohne Mangel zu leiden durchkamen, verdanken wir der herkömmlichen schwarzwälder Genügsamkeit und Sparsamkeit. – Wir waren zufrieden.

Die Mutter war mit ihren siebziger Jahren sehr rüstig und ans Arbeiten gewöhnt. Sie duldete es in den ersten Jahren nicht, daß wir ein Dienstmädchen nähmen. Sie hatte einen eigenartigen Standpunkt, sie sagte: »Wir gesunden Leute müßten uns ja schämen, wenn wir ein Dienstmädchen hätten.« Erst später sah sie es ein, daß in einem komplizierten Stadthaushalt eine Hilfe notwendig sei. Sie kochte gerne und gut. Es freute sie, wenn sie eine gute Speise auf den Tisch bringen konnte. Wir hörten eines Tages, als wir uns schon an den Mittagstisch setzen wollten, auf dem Vorplatz ein Gepolter und gleich darauf die Mutter lachen und als wir hinauseilten, lag die Gute auf dem Boden und hielt mit beiden Händen eine große Schüssel mit Erbsensuppe über sich. Wir waren erschrocken, aber sie lachte so herzlich, daß wir mitlachen mußten. Wir nahmen ihr die Suppe ab und halfen ihr auf. Da schilderte sie, daß sie die Erbsensuppe hineinbringen wollte und über etwas gestolpert sei, so daß sie sich nicht auf den Füßen halten konnte, daß sie fallen mußte. Da sei ihr einziger Gedanke gewesen: nur die Erbsensuppe nicht verschütten, und als sie auf dem Boden gelegen, habe sie die Schüssel gerade noch so in den Händen gehabt wie vorher. Sie wisse nicht wie sie auf den Boden gekommen sei. Ihr einziger Gedanke sei gewesen, nur die Suppe nicht verschütten! Es war auch kein Tropfen aus der vollen Schüssel verschüttet. Freilich hätte sie nicht gewußt, wie sie wieder hätte aufkommen können, wenn ihr niemand die Suppe abgenommen hätte. Wir erheiterten uns noch oft über diese durch Willensenergie so wunderbar gerettete Erbsensuppe.

Die Mutter hatte Sinn für derartige komische Situationen, die ihr und den Angehörigen passierten und konnte herzlich lachen, wenn sie derlei Erlebnisse erzählte. Es vereinigte sich ein gar schöner lebensfroher Humor mit ihrer tiefernsten Frömmigkeit. Hiervon ein Beispiel:[88] Sie war schon nahe an den neunziger Jahren und ich wußte, daß ihr eine Wagenfahrt in den Wald große Freude machte. An einem schönen Himmelfahrtstage sagte ich: »Heut Nachmittag wollen wir in den Wald fahren.« Da geriet sie in einen frommen Eifer: »An einem so hohen Feiertag nur an irdische Vergnügungen denken das ist unrecht; wir wollen an unsern Heiland denken.« Ich wußte, daß da nichts zu machen sei und sagte: »Nun, da bleiben wir halt hier.« Nach dem Mittagessen aber ging sie ans Fenster, der Himmel war so blau und die Sonne strahlte. Dann kam sie zu uns, ein wenig Schalkheit leuchtete ihr aus den Augen: »Ich hab es mir jetzt doch überlegt und ich denk, wenn heut unser Heiland in den Himmel gefahren ist, so wird es auch keine so große Sünd sein, wenn wir in den Wald fahren. Lina soll den Wagen holen, wenn sie gespült hat.« Zum Teil hat sie dies auch deshalb anders überlegt, um uns andern die Freude nicht zu verderben. Unsre Sparsamkeit kam uns gut – dadurch wurde das Gleichgewicht zwischen Ausgaben und Einnahmen hergestellt, und wir waren froh und dankbar über jeden kleinen Zuwachs der Einnahmen.

Meine Mutter verwahrte das eiserne Kästlein, worin unser Geld war, und sie sinnierte oft und rechnete, wie lange es noch reichen würde. Gar oft war sie bekümmert und sagte, jetzt langt's nur noch bis zur Kilbe, – bis Weihnacht, – bis Ostern. Und was machen wir dann? Aber das Kästlein füllte sich immer wieder in steigendem Maße und als ich einmal sagen konnte, jetzt hat mein Geld nicht mehr Platz in dem Kästlein und ich habe 12000 Mark auf die Sparkasse gelegt, wo es mir jährlich 400 Mark Zinsen trägt, bewunderte sie mich förmlich. »Was, du hast Geld am Zins!« Das war der Armen fast unbegreiflich, daß ihr Sohn noch einmal »Geld am Zins« haben würde. So haben die armen Leute doch auch ihren Teil Freude auf der Welt.

An meinen Arbeiten nahm sie viel Anteil; sie hatte eine gesunde natürliche Freude an Bildern. Freilich hatte sie gar keinen Vorrat von Schlagworten, die ein jeder Kunstliebhaber sich erwerben muß, wenn er in Kunstsachen mitsprechen will. Sie hatte aber an meinen Bildern auch manches auszusetzen, was ihr nicht gefiel, besonders unzufrieden war sie mit den dunkelblauen Himmeln, die ich öfters machte. Sie sagte,[89] der Himmel ist immer hellblau, wenn er blau ist. Mach doch keine so dunkeln Himmel! So Bilder kauft dir niemand ab.

Sie war sehr phantasiebegabt. Sie erzählte gar oft und gern, was sie spiel, das sie oft umgaukelte. Dabei wußte sie auch recht klar die Örtlichkeit, die Gegenständlichkeit ihrer Träume zu schildern. Sie sprach nur in unserm Dialekt, und so will ich einen ihrer Träume, den ich mir besonders gemerkt habe, auch wie sie ihn erzählt im Dialekt hierher schreiben:


»Hüt Nacht han i aber en schöne Traum gha! s'hät mer traumt i bi z' Bernau obe gsi uf usere Matte am Schwendele Loch; i ha alls so gnau gseh, i ha müsse s'Heu uff Schöchli zsammreche, d'Sunn hät so schö warm gschiene, s'hät so viel Heu gha und am Bach her sind große schöni Blume g'stande, s'isch mer so wohl gsig, i ha mi gfreut über des schö Wetter, i ha husli g'rechet, daß mer s' Heu no haim bringe bi dem trochne Wetter. Do sind uf eimol wie i so schaff schöne kleini Vögeli uf d' Matte gfloge und hend mer g'hulfe s'Hai z'samme scharre und sie hend Hälmli uf d'Schöchli traiht – und wo i denk ihr liebe Vögeli und sie recht alug, so hät jedes vo dene Vögeli a klei Strauhütli uf em Köpfli gha, wie mers im Haiet brucht.«


So erzählte sie oft von schönen Gegenden, die sie im Traum durchwandelt und wieviel Schönes sie dabei gesehen habe. Aber ihre Traumphantasie spielte ihr auch manchen Schabernack und verschonte sie nicht mit schrecklichen Erlebnissen, wo sie mit unheimlich schreckhaften Tieren kämpfen mußte. Sie erzählte auch, wie sie vor dem Einschlafen, ganz wie sie wolle, sich gar schöne Köpfe vorstellen könne, vor sich sehen könne. Es erscheine einer um den andern. Aber nach und nach habe sie es nicht mehr in der Gewalt, es kämen häßliche Köpfe, die Gesichter schnitten, so daß sie sich fürchte. Sie wollten auch nicht weggehen, so daß sie manchmal aufstehen müsse, um Licht zu machen den Spuk zu verscheuchen. Sie erzählte auch, daß sie in Bernau schon in jüngern Jahren unerklärliche Geistergeschichten erlebt habe. Eine dieser Geschichten will ich erzählen, sie interessiert vielleicht manchen Spiritisten.[90]

Eines Abends, wo es schon angefangen habe dunkel zu werden, sei sie, um den Heimweg abzukürzen, über die abgemähten Wiesen am Bache her gegangen und habe an gar nichts gedacht. Da sei ihr auf einmal mit einem Ruck das fest umgebundene Kopftuch von hinten heruntergerissen worden, so etwa wie ein mutwilliger Mensch, der hinter ihr hergeschlichen sei, zum Spaß es hätte tun können. Sie hätte in dieser Meinung sich auch umgesehen und habe auch Oho gerufen, aber es sei weit und breit kein Mensch gewesen; es sei ihr ein wenig unheimlich gewesen. Sie habe das Kopftuch wieder aufgebunden und sei am Bach her weitergegangen, um auf die Straße zu kommen, da sei ihr aber das Kopftuch gerade wie das erstemal wieder heruntergerissen worden und so ein drittes Mal. Da sei ein Grausen in sie gekommen und sie habe angefangen zu laufen – es sei ihr dann eingefallen, daß man sage, daß an dieser Bachstrecke her ein Geist umgehe, der schon manche geneckt habe. Sie sei nie abergläubisch gewesen und habe nie – besonders an diesem Abend nicht an diese Sagen gedacht.

Auch Vorahnungen und Todesansagen hat sie gehabt, so z.B. in der ersten Nacht, als mein Bruder Hilari krank heimgekommen sei, habe sie voll Sorgen, da der Kranke vor Hüftschmerzen laut jammerte, aus dem Fenster gesehen. Da sei auf dem Grasplatz neben dem Vogelbeerbaum ein helles ruhiges Licht gestanden auf unerklärliche Weise an einer für ein Licht unmöglichen Stelle, sie sei erschrocken, sie habe dies als Anzeichen genommen, daß ihr Sohn, der am Abend heimgekommen sei, an dieser Krankheit sterben werde. Denn weder vorher noch nachher sei an dieser Stelle ein Licht erschienen und als sie am Morgen hinuntergegangen sei, sei nichts von einer Spur dagewesen, sondern das Gras wie immer. Der Sohn ist freilich nach monatelangem Leiden an dieser Hüftgelenksentzündung gestorben. Das war eine schreckliche Leidenszeit auch für die Mutter; sie kam eigentlich nie mehr ins Bett und wachte am Krankenlager als einzige Pflegerin. Auch der Vater wurde schwer krank an einer Lungenentzündung. Ihre kräftige Natur hielt Stand, wo alles auf ihr lag in dieser schrecklichen Zeit; ich war noch ein Schulbub, meine Schwester ein Kind von vier Jahren. Sie erzählte auch oft, daß ihre ältern Brüder ihr prophezeit[91] hätten: Du wirst einmal Dinge sehen und Dinge erleben, die andre Menschen nicht wissen, weil du in der Fraufastenzeit geboren bist.

An ihrem Todestage, am Morgen des 23. Februar 1897, sagte sie zu Agathe, die im gleichen Zimmer schlief: »Was war denn das für eine schöne Musik, die gespielt hat!« Und da meine Schwester sagte, daß sie keine Musik gehört habe, sagte sie: »Du mußt aber fest geschlafen haben, daß du die Musik nicht gehört hast; so schöne Musik habe ich noch nie gehört, es ist schade, daß du sie nicht gehört hast; es war doch ganz nahe.« Am Nachmittag dieses Tages starb sie.

Ich komme nicht so leicht los von meiner Mutter zu erzählen, indem ich von meinem eigentlichen Lebenslauf berichten will. Die Frankfurter Jahre waren aber für sie doch noch schön, soweit eine ruhige Zeit für eine lebendige Seele, die durch viel Leid und große Sorgen durch das Leben hindurchgegangen ist, noch schön sein kann. Das einsame Alter mußte sie freilich schwer empfinden, und so sagte sie oft, da es dem neunzigsten Jahr entgegenging: »Hat mich denn der liebe Gott vergessen, daß er mich nicht heimholt?« Aber wie wir alle, hing sie doch am Leben, denn als ihre letzte Krankheit kam, von der wir andern wußten, daß es die letzte sei, sagte sie ganz unwillig: »Muß denn alles an mich kommen!« Nun ruht sie in Gottes heiliger Erde auf dem Frankfurter Friedhof, wo auch meine Cella ruht und wo auch mir und Agathe die Ruhestatt bereitet ist.

Ich muß immer wieder daran erinnern, daß ich diese Lebensberichte in dem Alter schreibe, wo man das Urteil darüber verliert, was im Lebenslauf wichtig ist und was nichtig ist; so möge man eben alles gemischt hinnehmen, wie es ja eigentlich im Leben auch ist.

So will ich auch hier unsers braven Dienstmädchens Lina gedenken, die elf Jahre bei uns war; auch das erste Jahr noch bei uns in Karlsruhe, wo sie sich verheiratete. Wir hatten die Stelle ausgeschrieben. Da, als Cella und Agathe aus dem Fenster schauten, kam ein Mädchen mit Schürze und Korb um die Straßenecke so muntern Schrittes, daß beide sagten, wenn die zu uns kommt, die behalten wir; und sie kam und bewährte sich.

Ein paar angenehme Sommer verlebten wir mit der Mutter noch in dem schönen Oberursel, wo ich ein Häuschen gemietet hatte und wo[92] die Mutter noch so lebhaft am Landleben nahm Anteil. Wir hatten ein Gärtchen und hielten Hühner. Die Frankfurter Freunde Küchler, Eifer, Haag, Gerlach, Fries besuchten uns öfters, wohnten auch zeitweise im gastlich freundlichen Schützenhof in der guten Verpflegung der Frau ten Ausflüge und Ausfahrten in den Taunus hinein, z.B. nach Usingen zu der Familie Dienstbach. Dort war auch Kapellmeister Hermann Wetzlar. Wieviel liebe Taunuserinnerungen knüpfen sich an Oberursel und an Kronberg, wo ich später ein Häuschen im Kastaniengarten kaufte, an das mir Ravenstein ein Atelier anbaute. Das Haus war hergerichtet, daß wir auch das ganze Jahr dort wohnen konnten; vielleicht unser Haus Wolfsgangstraße 150 nur für wenige Wintermonate benutzend. So hatten wir uns gut eingerichtet für eine behagliche Existenz in der uns so liebgewordenen Stadt Frankfurt, die zu verlassen wir nie mehr dachten. Allein es sollte ganz anders kommen, als wir dachten und wollten – es schwebte eine Prophezeiung über mir vom alten Amtsdiener in St. Blasien aus dem Jahre 1859, der mir im Wartezimmer des Amtshauses mit geradezu feierlichem Ernste sagte: »Sie werden noch einmal Kunstdirektor in Karlsruhe!« Und auf das ungläubige Gesicht, das ich machte, sagte er: »Ich weiß es, denken Sie an mich alten Mann. Sie werden noch einmal Kunstdirektor in Karlsruhe.« Ich erzählte dies, als ich heimkam, der Mutter und Schwester, und bei den Mißerfolgen, die mich von Karlsruhe forttrieben, neckten wir uns wohl einmal damit: Jetzt bin ich bald Kunstdirektor in Karlsruhe! Aber es mußte die Prophezeiung auch gegen meinen Willen in Erfüllung gehen.

Das Häuschen in der Wolfsgangstraße war klein aber behaglich. Steinhausen mit seiner Familie waren unsre guten Nachbarn. Gar manches war uns gemeinschaftliches Erlebnis. Mit Herrn von Pidoll, dem liebenswürdigen Menschen und vortrefflichen, ernst und leider schwer ringenden Künstler, dem das, was sein eigen großes Talent ihn machen hieß, nie genügte, kam ich gern zusammen. Auch Böhle sah ich oft und freute mich an seinem Krafttalent. Es kam mir vor, daß die Rauhbauzigkeit, von der man erzählte, nur ein Schutz sei für eine aufrichtig wahrhaftige, im Grunde weiche Künstlerseele. Auch mit Peter[93] Burnitz und seiner Familie verkehrten wir. Auch den talentvollen Altheim sah ich öfters. In Kronberg war von jeher eine Malerkolonie, mit Bürger, Brütt, Schrödel. Auch Süs war dort und mit ihm machte ich keramische Versuche. Er hatte einen kleinen Ofen und machte mit Hilfe eines Technikers vom Fach manche hübsche Majoliken, für die sich auch Kaiserin Friedrich, die in Kronberg wohnte, sehr interessierte.

Ich hatte, als ich noch im Sommer in Oberursel wohnte, bei einem Töpfer Freude daran gefunden, ganz in primitiver Art Teller und Gefäße zu verzieren, anspruchslos genug, um als Sommeraufenthalts-Ferienarbeiten zu gelten. Aber so eine Tonwarentechnik hat etwas sehr Anreizendes, daß man nicht so leicht vom Probieren loskommt; so kam es, daß ich auch in Karlsruhe, wohin Süs mit seiner Majolikabrennerei übergesiedelt war, noch lange an dieser Technik herumprobierte. Gar zu interessant ist der Kampf mit dem Feuer, aus dem die Arbeit immer ganz anders herauskommt als man es gemeint hat – von dem man aber später sieht, daß diese Zufallsgewalt des Feuers doch gesetzlich gewaltet hat und etwas Schönes, Naturproduktähnliches hervorgebracht hat.

Der gute Hafner in Oberursel, der mich weiter nicht kannte, warnte mich, als er sah daß ich Teller und Schüsseln bemalen wollte, er meinte da schaue kein Verdienst heraus. Eine Frau und ihre Tochter gehen bei den Töpfern herum in der Gegend und bemalten für wenig Geld ganze Vorräte. Es schaue nichts dabei heraus. Ich lachte freilich darüber. Später sah ich aber doch selber ein, daß bei dieser Töpfebemalung nichts herausschaute. In der Großherzoglichen Majolika-Manufaktur arbeitete auch der so talentvolle Bildhauer Würtenberger, von dem es sehr schöne Arbeiten gibt. Freilich das Mittelding zwischen künstlerischer Anstalt und schwerfällig geschäftlichem Unternehmen das sich rentieren sollte, hatte große Schwierigkeiten. Es schaute nicht viel dabei heraus!

Quelle:
Thoma, Hans: Im Winter des Lebens. Aus acht Jahrzehnten gesammelte Erinnerungen, Jena 1919, S. 82-94.
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