Judas der Erz-Schelm redet übel von Magdalena, welche doch dazumalen von Christo dem Herrn schon gelobet worden.

[393] Wie Judas wahrgenommen, daß Magdalena eine so kostbare Salbe ausgossen, welche gar wohl um 300 Pfenning hätte können verkauft werden, wie er selbsten dafür gehalten, hat solches diesem Partitenmacher über alle Massen verdrossen, ja nach Meinung meines h. Vaters Augustini, hat er auch die anderen Apostel und anwesenden Jünger dahin beweget, daß sie auch haben angefangen zu murren; keiner aber mehr als Judas, welcher in allen Winklen des Hauses Simeonis, bei der Köchinn und Kuchelmenschern, bei Kammer- und Stubenmenschern gar spöttlich geredt über die Magdalena, was sie für eine saubere Madama sey; durch solche Salbung, wer weiß, was sie suche; es wundere ihn nur, daß der Herr Jesu möge eine solche beschreite Person zu sich lassen; ja, es komme ihm noch seltsamer vor, daß sein Meister dieses saubere Frauenzimmer habe gelobt! – O verfluchte Zung! Jesus lobte dazumalen schon Magdalena, deßgleichen ich auch.

Adam, was bedeut' der Schweiß auf dem Angesicht, die Hacken in den Händen, der Schaf-Pelz auf dem Leib, der Hunger im Magen, die Thränen in den Augen, die Seufzer auf dem Herzen, die Sorgen auf dem Rucken? was bedeut' diese deine Melancholei[394] oder Maulhenkolei? hab ich doch vermeint, du seyest ein Edelmann, jetzt sehe ich wohl, du bist ein Knödelmann! Ach Gott, sagt Adam, ein Weib, und zwar die meinige hat mir eine solche Wäsch zugericht!

Schöner Jüngling Joseph, was thust du im Stockhaus? du gehörest von Rechtswegen ins Rath-Haus! warum bist du gebunden mit eisenen Ketten, da du doch ganz guldene Sitten an dir hast? warum hast du keinen Mantel an, der du doch das Kleid der Unschuld noch tragest? warum wohnest bei unordentlichen Personen? Mein Gott, sagt Joseph, des Putiphars sein Weib hat mir ein solche Wäsch zugericht!

Starker Samson, vorhero habe ich dich gekennt, daß du ein starker Ries' bist gewesen, jetzt sehe ich wohl, bist du zerrissen; vorhero bist du deinen Feinden ein Spieß in den Augen gewest, anjetzo seynd dir die Augen ausgestochen; vorhero hast du mit einem Esels-Kinnbacken tausend Philistäer erschlagen, anjetzo schlagen die philistäischen Eselsköpf deine Backen selbsten mit manchem Backenstreich; vorhero hast du große steinene Säulen getragen, anjetzo bist du an eine Saulen gebunden. Wie kommt dieß? – Ach Gott! sagt Samson, ein Weib, mit Namen Dalila, hat mir eine solche Wäsch zugericht!

David, du bist ein lauteres Glücks-Kind gewest,[395] du hast die Bären erschlagen, die Haut darvon tragen, hast eine Joppen daraus gemacht, hast die Kälte ausgemacht. David hat den Goliath überwunden; du, und kein anderer. Wer hat die königliche Prinzessinn Michol bekommen? Du, und kein anderer! Wer hat die Arche des Herrn wieder glücklich zuruck gebracht? Du, und kein anderer! Wer hat allerseits lauter Victorie, Sieg und Glorie gehabt? Du, und kein anderer! Wie kommts dann, daß es dir anjetzo so übel gehet, daß der Urias todt, daß der Gewissens-Wurm dich immerzu nagt und plagt, daß dir die Augen voller Wasser stehen, daß jedermann über dich schmäht, und Gott selbsten dir ein finsters Gesicht zeiget? Ach Gott, sagt David, ein Weib mit Namen Bersabea hat mir eine solche Wäsch zugericht!

Salomon, du bist ja derjenige, so von Gott dem Allmächtigen eine große, ja eine größere denn andere, ja die größte Weisheit empfangen! alle Naturen und Eigenschaften der Vögel in der Luft, alle Natur und Eigenschaften der Fisch in dem Wasser, alle Naturen und Eigenschaften der Thier auf der Erde, alle Naturen und Eigenschaften der Kräuter hast du gewußt. Du bist gewest der beste Theologus, auch gewest der beste Philosophus, auch gewest der beste Jurist, auch gewest der beste Medicus; anjetzo aber bist du ganz närrisch und also bethört, daß du steinene, hölzerne und guldene Bilder anbetest! Ach – sagt Salomon, die Weiber, die Weiber haben mich in ein solche Wäsch gebracht!

Henricus Octa, König in Engelland, sagt und klagt auch dieses. Aber laß sagen, laß klagen![396] was diese spottweis' von den Weibern ausgeben, das sag ich zu größerer Ehr und Ruhm der h. Mariä Magdalenä: diese, diese hat eine saubere Wäsch zugericht, indem sie die Füß Jesu mit Thränen gewaschen; das ist eine solche saubere Wäsch, dergleichen die ganze Welt nie gesehen!

Es hat sich zugetragen, daß unser lieber Herr zu der Stadt Nain gleich dazumalen kommen, wie man zu dem Thor einen Todten heraus getragen, und es war dieser einer reichen Wittib einiger Sohn, dahero diese Leich eine große Menge Volks begleitet hat. Wanns ein armer Schlucker wäre gewesen, so wären über 3 oder 4 alte Weiber nit mitgangen. Es weinte die Frau Mutter dieses verstorbenen Jünglings über die Massen bitterlich, welches dann den Herrn Jesum dahin beweget, daß er alsobalden zu ihr getreten, sprechend: Noli flere! »Mein Weib, weine nit!« Hierüber rührt er den Todten-Sarg an, schafft dem Jüngling: Adolescens, tibi dico, surge: »Jüngling, ich sag' dir, stehe auf!« worüber alsobald der todte Jüngling aufgestanden und angefangen zu reden. Ob schon die Mutter dieses Sohns sehr alt war, so brauchte sie dannoch keine Brillen, weilen sie immer zu durch die Finger geschaut, und ihm also Alles nachgesehen. Diese reiche Frau war sehr gesparsam, bei ihr hat es geheißen, spir und spar! Spir heißt so viel als: suchet nach. Der Sohn hat diese 2 Wörter zuruck gelesen, da hat es nachmalens geheißen: Rips, Raps. Weilen dieser die Freiheit hatte, so hat auch folgsam nicht gemanglet die Frechheit, massen diese zwei Schwestern gar selten sich voneinander[397] scheiden. Albertus Magnus und Victor Antiochen schreiben, wie daß dieser Jüngling sey gewest ein Galan – und zwar sehr galant – des frechen Weibsbild Magdalenä, welche nur eine halbe Stund von der Stadt Nain ein Schloß gehabt, mit Namen Magdal. Gar vermuthlich ist es nur, daß erstgemeld'tes Frauenzimmer auch mit der Leich sey gangen. Indem dann der Herr Jesus diesen von den Todten auferwecket, und solcher gleich angefangen zu reden, »cocpit loqui,« also hat sie diesem Wunder samt dessen Reden beigewohnt. Die Reden aber dieses von Todten auferweckten Jünglings waren alle von der Ewigkeit. Ewig, ach ewig hätte ich sollen wegen meiner Sünden und Missethaten brinnen und brennen und braten in der Hölle, dafern mich Jesus, der wahre Messias, nicht erlöset hätte! Ewig, ach ewig hätte ich müssen beraubt seyn des göttlichen Angesichts, um weilen ich die Werk der Finsternuß geliebet hab, wann mich dieser wahre Gott und Mensch durch seine grundlose Güte nicht erwecket hätte! Ewig, ach ewig! – Dergleichen Reden haben das Herz Magdalenä durchdrungen, welches ohnedas durch das Predigen Jesu schon verwundet war, gänzlich umgekehret. O Ewigkeit, sagte Magdalena, du bist ein Meer ohne Grund, du bist ein Irrgarten ohne Ausgang, du bist eine Zahl ohne Ziel, du bist ein Lauf ohne End, du bist eine Länge ohne Maß, du bist eine Arithmetika mit lauter Nullen, Nula, nullus finis, nullus finis! o Ewigkeit, soll ich Magdalena eine so kurze[398] Zeit die Rosen brocken der zeitlichen Wohllüsten, und alsdann ewig die Dörner kosten! soll ich dann Magdalena eine kurze Zeit das Honig der Wohllüsten kosten, und nachmals ewig den bittern Kelch des göttlichen Zorns trinken? soll ich dann Magdalena mich auf eine Zeit bei den Venus-Flammen erlustigen, und alsdann ewig in den brennenden Schwefel-Teich sitzen und schwitzen? soll ich dann Magdalena wegen einer so öden und schnöden Thorheit mir eine solche ewige Wäsch zurichten? Allo, ihr Augen, resolvirt euch zu einer andern Wäsch! allo, mein Herz, ziehe an die Nerven! ihr Nerven, drucket meine 2 krystallenen Kugeln in meinem Gestirn! lasset rinnen! Wasser her, es brinnt schon in meinem Herzen, es brinnt die Lieb zu meinem Jesu! Wasser her, ich will eine andere Wäsch anfangen! Magdalena schlof also in ein Bußkleid, laufet, eilet, seufzet über die Gassen, unangesehen der Leut höchster Verwunderung, ungeachtet der Aufwärter Winken und liebkosenden Gebährden: lauft in das Haus des Pharisäers, fällt auf ihre Knie nieder, und waschet die Füß Jesu mit ihren Thränen. Wunder über Wunder! Ihr Engel, was sagt ihr darzu zu dieser unerhörten Wäsch? was sagt ihr zu dieser Laugen aus den Augen? alle üppige Anschläg Magdalenä seynd ihr zu Wasser worden! Magdalena hat eine Wäsch – was meint ihr Engel, werde sie aufzuhängen haben? Sie wascht, Magdalena wascht; die verruchten Hebräer aber werden die Wäsch aufhängen. Magdalena waschet die Füß Jesu mit Thränen. So[399] lang die Welt stehet, hat nie ein Weib eine solche saubere Wäsch zugericht. Sie küßt und büßt die Füß, und macht, daß das Bussen und Büßen eines werden.

Magdalena war diejenige, aus dero Christus 7 böse Geister vertrieben, das ist die 7 Todtsünden, wie es Anselmus und Andere auslegen. Mit einem Wort: sie war ein beschreites Weibsbild. Vielen gedunket es unglaublich zu seyn, was hier folget: Einer wird höflich eingeladen zu einer Mahlzeit, worbei er auch fleißig erscheinet, gablet und schnablet wacker darauf: es frißt dieser Trampel ein gebratenes ganzes Lamm, es schmaust dieser Schlegel ein ganz Duzend Vögel, es verzehrt dieser Tropf einen ganzen Kalbs-Kopf, einer jeden Pastete schlägt er das Dach ein, eine jede Torte thut er torquiren, von einer jeden Schüssel klaubt er die besten Bissel, er schoppt und schiebt den Leib an, wie einen Wanders-Pinkel, er schmauset wie eine Mäst-Sau, er schlampet wie ein Tatzbär. Nachdem er also den Hunger gestillt, den Magen gefüllt, die Speisen trillt, nach denen er gezielt; so wird er viel leichter seyn, als wie er nüchtern gewesen. Man kann es probieren an einer Katze, dieselbe vor und nach dem Essen wägen, so wird man unfehlbar wahrnehmen, daß die Katz, nachdem[400] dem sie 2 Pfund Fleisch verzehret, viel geringer und leichter wird seyn, als zuvor, da sie nichts geessen. Die Philosophi, mit Lactantio Firmiano, geben die Ursach, daß nemlich ein wohlgesättigter Mensch mehr Spiritus und Geister habe, als ein nüchterer, massen das Essen die natürliche Hitz, und folgsam die Spiritus die Geister vermehret, welche Geister nachmals den menschlichen Leib geringer und leichter machen. In Summa: die Weltweisen haben es allezeit gesagt, und sagen es noch, und werden es allzeit sagen, daß ein wohlgespeister Leib viel leichter sey, als ein nüchterer. Aber was sprechen die Theologi? diese halten fest darfür, daß ein angefüllter Leib viel leichter sey, als ein nüchterer. Ja, ja, viel leichter, aber auch viel leichtfertiger! Das hat erfahren Magdalena, als sie noch eine Sünderinn war: Es ist bald keine Mahlzeit gewest, worbei diese wegen ihrer frechen Sitten nit erschienen; und weilen ein Gastmahl und ein garstiges Mahl gemeiniglich beisammen, und der wampete Bacchus der cyprischen Göttinn Venus gar nit abhold, und wann die Flora den Baum schüttlet, so klaubt gemeiniglich der blinde Bub die Birn auf: also war auch das Essen und Vermessen bei Magdalena so vielfältig, daß sie also ins gemein Peccatrix, die Sünderinn, genennet worden. Nachdem sie aber erkennt hat, was sie sich durch dieses freie, frische, freche Leben für eine Wäsch' in jener Welt zuricht, »ut cognovit;« nachdem sie durch göttliche Erleuchtung erwäget hat die Sünd, die Größe der Sünd; Ach peccavi! da[401] hats geheißen: o Gott, o Gott, dein schönstes Controfee, welches du mir hast angehängt, hab ich in den Koth geworfen! aus den Augen, welche du mir hast geben, damit ich aus denselben gläsernen Fenstern solle mit dem Noe keusche Tauben ausschicken, hab ich darfür fleischgierige Raben ausgesandt! o Gott, den Mund hast du mir geben, damit ich dich solle in dieser Instrument-Stube loben und preisen; ich aber habe denselben gemacht zu einer Schmide, worinnen Cupido seine Pfeil gespitzet! o Gott, du hast mir den Leib geben, damit ich denselben zu einem untergebenen Leibeignen der Seele mache; ich aber habe die Seel dem Leib dienstbar unterworfen! o Gott, was hab ich mir für eine Wäsch zugerichtet! Allo ihr Augen, richtet euch zu einer anderen Wäsch, gebt Wasser, laßt rinnen, netzet die Füß Christi, den ich Sünden halber so oft mit Füßen getreten! waschet die Füß Jesu, damit er mir am jüngsten Tag nit den Kopf wasche! waschet die Füß meines Heilandes mit diesem Fußbad, damit ich in jener Welt nicht darf das Bad austrinken! O was für eine herrliche Wäsch hat dieses Weib zugericht!

Von der stolzen Jezabel sagt die hl. Schrift, daß sie sich aus lauter Hoffart angestrichen. Was sie für einen Anstrich gebraucht, ist mir unbekannt, massen der weibliche Vorwitz in Zierung, Polirung und Schmierung der Gesichter fast täglich neue Mittel erdenket. Jakobus Mekerus, Medicus Colmariensis, beschreibt ein vortreffliches Wasser, das Angesicht damit zu waschen:

[402] R. Nimm Spießglas, stoß es zu Pulver, wirf solches in einen Hafen, und lege nachmals gegen 20 Schnecken darein; vermache aber den Hafen wohl, damit sie nit heraus kriechen. In Mangel einer anderen Speis' essen die Schnecken dasselbe Spießglas, und verdauen es. Nachdem sie das Spießglas verzehrt haben, so zerstoß sie samt den Häuseln, und destillir sie in einem Brennkolben zu Wasser. Wasche darmit das Angesicht, es macht überaus ein schönes Fell. – Ein anders Wasser, das Angesicht schön zu machen, solches hat gebraucht Isabella Aragonia, Herzoginn zu Mailand: R. Nimm erstlich Korn- oder Weizen-Mehl 6 Hände voll, gieß eine halbe Maß Geißmilch darunter, und mache ein Brod daraus. Nachdem es wohl gebacken, so nimm es aus dem Ofen, zerreibe die Brosen ganz klein, und lege es mehrmalen 6 Stund lang in eine Geißmilch, misch darunter das Wasser von 12 Eierklar, item gestoßene Eierschälen 2 Loth, Alumen Zukevinum, weiße Korallen, jedes 4 Loth, stoße diese Ding, mische Alles untereinander, destillire es nachmalen zu Wasser, es ist ein bewährtes Mittel, das Angesicht schön zu machen. Noch ein anders schreibt Alexius Pedemontanus: R. Nimm einen jungen Raben, speis' denselben 40 Tag mit hart gekochtem Eierdotter, nachmals bring den Raben um, schneide ihn zu Stücken, nimm Myrtenlaub und lege es auf den Grund des Destillir-Kolben; alsdann lege etwas vom Raben; diesen bedecke wieder mit Myrtenblätter, zu oberst lege eine gute Hand voll Spießglas, destillir solches 5 Stund aneinander, erstlich[403] mit sanfter, nachmals mit starker Hitz, bis das Wasser alles heraus destilliret ist. Solches Wasser, so es kalt worden, ist ein stattliches für das Angesicht. – Ei, so waschet euch, ihr Zibethkatzen, ihr Küttel-Tauben, ihr Gesichter Affen, ihr Butter-Nasen, ihr Goldkäfer; waschet euch, ihr glassirten Sautrög, es wird euch auch der Beelzebub schon einmal zwagen! Wie lang dauert euer schöne Gestalt? Ein wenig länger als die Kürbesblätter Jonä. Wie lang bleibt das österreichische Wappen weiß und roth in eurem Angesicht? Nicht gar lang: nach etlichen Jahren kommt das moscovitische Wappen darein, dieses ist eine Bärenhaut: Wie lang glänzet der schöne Alabaster auf der Stirn? Nit gar lang: es stehet eine kurze Zeit an, so wird ein alter Tufstein daraus, und gleichet das Angesicht einer Grotta, in dero Mitte an statt der Wasserkunst die triefende Nase. Wie lang hangt der rothe Fürhang an den Wangen? Nicht gar lang: es stehet eine kleine Weil an, so zerreißt er wie in dem Tempel zu Jerusalem. Wie lang schimmern die silberweißen Zähn' in deinem Mund? Nit gar lang: warte nur etliche Jahr, so wird dein Maul hersehen, wie ein ödes Messergesteck! Ei du saubere Tändlbutte, du glatter Misthaufen, du schöner Misthammel, wie kanns dir doch einfallen, daß du mir mit diesem deinem ledernen Ueberzug sollst prangen und stolziren? Willst du eine so schöne Gestalt machen, damit du Gott gefallest, so zeige ich dir ein bessers und weit berühmters Wasser für das Angesicht.

Dieses Wasser hat Magdalena, eine edle Dama, gebraucht in dem Haus des Pharisäers: kraft dieses Wassers ist Magdalena worden aus einem stinkenden[404] Mist ein wohlriechender Balsam, aus einem garstigen Pechschrollen ein kostbares Edelgestein, aus einer wilden Kothlache ein krystallener Brunnenquell, aus einem schwarzen Blei ein glänzendes Gold, aus einem Bild der Unzucht ein Schild der Unschuld; mit einem Wort: aus einer heillosen eine heilige Magdalena worden, wie sie ihre Wangen mit Zäher und Bußthränen gewaschen. Das ist eine herrliche Wäsch!

Raymund a Capua sagte auf eine Zeit durch eine fromme Scherz-Rede zu der hl. Catharina von Senis, sie soll ihm doch bei unserm Herrn auswirken eine Bulle eines vollkommenen Ablasses. Gar gern, mein Pater, antwortet sie; und nachdem sie ihr eifriges Gebet' zu Gott dem Herrn verrichtet, begibt sie sich zum erstgedachten Pater Raymund, und redet in seiner Gegenwart also beweglich von der Undankbarkeit des Menschen gegen seinen Gott, daß hierüber dem Pater die Augen übergangen, und bald hernach also häufig angefangen zu heulen und zu weinen, daß er in Gefahr gestanden, es möchte ihm das Herz zerspringen. Mein lieber Pater Raymund, sagt die hl. Catharina, ihr habt von mir so inständig verlangt eine Bullam eines vollkommenen Ablasses, daß ich solche möcht' bei unserem lieben Herrn auswirken: da habt ihr solche, dieser euer Thränen-Bach aus den Augen ist ein vollkommener Ablaß.

Einen solchen vollkommenen Ablaß hat Magdalena erhalten bei den Füssen Jesu. Petrus hat einsmals aus dem Wasser einen guten Zug gehabt; aber Magdalena hat aus diesem Wasser noch einen bessern. Naam Syrus ist einmal durch das Wasser des Jordans[405] von dem Aussatz gereiniget worden; aber Magdalena durch dieses Wasser weit besser. Moses hat seinen Feind den Pharao in dem Wasser des rothen Meers versenkt; aber Magdalena in diesem Wasser viel besser. Judith hat eine Wäsch gehabt in dem Garten; aber zu ihrem Unglück. Bersabea hat eine Wäsch gehabt; aber zu ihrem und des Davids Schaden. Magdalena hat eine Wäsch gehabt; aber zu ihrem unsterblichen Ruhm und Glorie, das ist eine saubere Wasch gewest.

Wer 4 Ding nit hat, der kann nit, der wird nit selig werden. Wem diese vier Ding manglen, der ist ein Feind Gottes, ein Feind des heiligen Gottes, ein Feind der Engeln Gottes, ein Feind der Kirche Gottes, ein Feind der Gebot Gottes. Wer seynd diese 4 Ding? Das erste ist ein Seufzer, das andere ist die Ehe, das dritte ist die Stimm von einem Hund, das vierte ist der Kopf vom Zachäo. Wer diese 4 Ding nit hat, der kommt in den Himmel zu spat. Seufzen, sagt ein jeder, kann ich wohl und will ich wohl; dann hat der offene Sünder geseufzet in der Kirche und in dem Tempel, so kann ichs es auch; hat Petrus geseufzet zu Hof, so kann ichs auch; hat Job geseufzet auf dem Mistbett, so kann ichs auch; hat Obulus geseufzet auf dem Weg, so kann ichs auch; hat Hieronymus geseufzet in der Wüste, so kann ichs auch; hat Magdalena geseufzet bei den Füssen Jesu, so kann ichs auch. – Was anbelangt das andere Stuck, nemlich die Ehe, da ereignet sich einige Beschwernuß. Soll man dann ohne die Ehe nit können selig werden? Wer ist gewest die h. Margaritta? Ein Margarit oder Edelgestein der Jungfrauschaft. Wer ist[406] gewest die h. Lucia? Lux oder ein Licht der Jungfrauschaft. Wer ist gewest die h. Clara? Ein klarer Krystall der Jungfrauschaft. Der h. Columbinus hat kein Weib gehabt, die h. Columba hat keinen Mann gehabt, der h. Marianus hat kein Weib gehabt, die h. Marina hat keinen Mann gehabt, der h. Joannes hat kein Weib gehabt, die h. Joanna hak keinen Mann gehabt: Seynd also folgsam diese ohne Ehe gewesen, seynd aber nit ohne Seligkeit. Ist demnach dieses andere Stuck sehr schwer zu verstehen. – Wegen des dritten ist sich noch mehr zu verwundern. Soll dann Gott, der mich zu seinem Ebenbild erschaffen, ein Belieben und Gefallen tragen an der Hunds-Stimm? Daß man dem h. Dominico einen Hund zumalt mit einer Fackel im Maul, dessen Ursach ist bekannt; daß man dem h. Rocho einen Hund zumalt mit einer Semmel oder Laibl Brod im Maul, die Ursach ist bekannt, und zweifle ich stark, ob jene barmherzigen Hundsköpf, welche dem armen Lazaro bei der Thür des reichen Prassers haben die Geschwür abgelecket, konnten die Ursach hierinnen ergründen. – Das vierte Stuck, nemlich der Kopf Zachäi ist gar unmöglich. Ochsen- und Eselsköpf, wie bei dem Krippel seynd gewest, die kann man noch haben; Lämml- und Widderköpf, wie der Jakob hat gehütet, die kann man noch haben; Wolf- und Bärenköpf, wie der David zerrissen, kann man auch noch haben; aber wo nehmen den Kopf Zachäi? ungeachtet aller dieser Einwürf bleibt dannoch gewiß, wahr, klar, daß ohne Seufzer, ohne die Ehe, ohne die Hunds-Stimm, und ohne des Zachäi Kopf keiner kann selig werden.[407] Es ist aber also zu entörteren: Durch den Seufzer verstehet man den Buchstaben H, den man ohne Seufzen oder Aspiration nicht kann aussprechen; durch die Ehe verstehet man den Buchstaben E; durch die Stimm des Hunds den Buchstaben R – dann also pflegen die Hund zu muRRen; durch den Kopf Zachäi den ersten Buchstaben, als das Haupt in dem Namen Zachäi, nemlich Z: kommet also heraus H-E-R-Z. Ohne Herz, ohne herzliche Liebe, ohne liebvolle Gedanken, Wort und Werk gegen Gott, kann man Gott nit gefallen. Dahero der Allmächtige einen Cherubim für das Paradies gestellt mit einem feuerflammenden Schwert, uns dardurch angedeutet, daß man ohne Feuer der göttlichen Lieb nit könne in das Paradies gelangen. – Sag her, wer ist Ursach gewest des Wassers bei der sauberen Wäsch Magdalenä? Nichts anderst, als das Feuer der entzünd'ten Lieb gegen Jesum. Remittuntur ei peccata multa, quoniam dilexit multum: »Ihr werden viel Sünden vergeben, dann sie hat viel geliebet.« Schau mir einer einen Brennzeug oder Diestill ir-Kolben bei dem Apotheker, was gestalten die Hitz oder das Feuer in demselben aus den Rosen und anderen Blumen-Gewächs das Wasser heraus preßt, daß also ein Tropfen an den andern schlägt. Das hat man auch gesehen in dem Haus des Pharisäers, allwo die Thränen aus denen Augen der Magdalena dergestalten geflossen, daß sie hiermit die Füß Christi[408] gewaschen. Aber dieses Wasser hat auch erpreßt das Feuer der Liebe.

»Ex oculis lacrymas elicit intus amor.«

Laß andere Magdalenam loben, daß sie sey wie ein grünes Scheit, welches auf einer Seite brennt, auf der andern aber Wasser heraus treibt: in dem Herzen hat sie gebrunnen, aus den Augen ist Wasser gerunnen; ich aber sag nix von Magdalena. Laß andere Magdalenam preisen, daß sie sey wie eine Wolke, in welcher sich Anfangs die feurigen Blitzer erheben, nachmals folgt ein heilsamer Regen: ihr Herz brennt Liebes wegen, aus ihren Augen kommt ein Regen; ich aber sag nix von Magdalena. Laß andere Magdalenam hervor streichen, daß sie sey wie eine Ente, welche sich unter das Wasser ducket, damit sie dem Feind entweiche: sie läßt aus den Augen Wasser rinnen, damit sie mög dem Feind entrinnen; ich aber sag nix von Magdalena. Es mag jemand Magdalenam vergleichen mit einer Tauben, dero Stimm nichts anderst ist, als Seufzen; ich aber sag nix von ihr. Es mag einer Magdalenam vergleichen einem Kalk, welcher mitten im Wasser brinnt; ich aber sag nix von ihr. Es vergleiche einer Magdalenam einem Regenbogen, welcher von Sonnenstrahlen und Wasser bestehet; ich aber sag nix, nix, nix von ihr. Ich verstehe es aber lateinisch: Nix heißt auf deutsch ein Schnee. Einem Schnee vergleiche ich Magdalenam. Ehe und bevor sie sich bekehret, war sie eine Schnöde, wie sie aber die Füß Jesu mit Thränen gewaschen, war sie ein Schnee. Dann Magdalena
[409]

Nix est, sol Christus radiorum ardore liquescit,

Quid mirum, ex oculis si fluat unda suis?


Die Hitz verursachet, daß der Schnee zerfließet; die hitzige Lieb in Magdalena hat gemacht, daß sie gleichsam zu lauter Wasser worden, quoniam dilexit multum, etc. Ist das nit Wasser genug, wann man sogar die Füß des Herrn darmit gewaschen? hat denn einmal ein Weib eine so saubere Wäsch zugericht, wie diese?

Es kommt einmal Ihre Excellenz ein Doctor der Medizin zu der hl. Clara. Ansehens nach war er gar ein wackerer Herr, schon ziemlich bei Jahren, in einem schwarzen sammeten Rock, mit einem hypocratischen Bart, mit einer avicenischen Red. Es war aber dieser der Teufel selbst. Solcher thäte auf alle Weis' der hl. Clarä das stete Weinen widerrathen. Meine Clara, sagt er, euer vielfältiges Weinen wird euch um das Gesicht bringen! Gott straf mich, wann es anderst ist! (o du Narr, bist ohne das schon genugsam gestrafet) meine Clara, wofür ist ein so immerwährendes Weinen? habt ihr doch niemalen Gott schwer beleidiget! Magdalena hat wohl können weinen, und bei den Füssen Jesu Ablaß abhohlen, sie hat lang[410] genug galanisiret, oder besser geredt, geilanisirt; David hat wohl können die Augen in das Bad führen, weilen er die Bersabeam in dem Bad so übel angeschauet; aber ihr Clara, führet einen unsträflichen Wandel, mein laßt doch das Weinen seyn! ich verspreche es euch bei meinem Gewissen, (o wohl ein sauberes Gewissen!) daß durch solche stete gesalzene Zäher euch der Aug-Apfel wird austrucknen und also stockblind werden. Das wird sauber heraus kommen, wann die Aebtissinn blind ist, da sonsten eine Obrigkeit solle seyn, wie jene Thier, welche der hl. Joannes gesehen, plena oculis, »voller Augen,« und ihr Clara wollt gar blind werden! Wie könnt ihr solches bei Gott verantworten? Clara, ich sage euchs ganz klar, ihr werdet blind werden, und also nicht mehr Clara, sondern Caeca heißen. Diese hl. Jungfrau durch innerliche Erleuchtung hat bald erkennet, daß dieser der böse Feind sey, dahero ihm keine andere Antwort geben, als diese: Caecus non erit, qui Deum videbit: »Der kann nit blind seyn, der Gott wird sehen.« Der Teufel verschwind hierüber nicht ohne großen Verdruß, aber Clara weinte noch heftiger und solches Weinen verursachte ihr Lieben. O Clara praeclara!

Magdalena nicht weniger als Clara, Magdalena weit mehr als Clara thäte weinen. Des Loths sein Weib ist in eine Salz-Saul verkehret worden; Magdalena[411] ist fast in lauter gesalzene Zäher verwandelt worden. Der Moses hat den Pharao im Wasser ertränket; Magdalena hat ihre Sünden in lauter Thränen versenket. Des Gedeons Schaf-Fell ist stark vom Himmel-thau benetzet worden; Magdalena ist fast ganz zu Wasser worden. Verdammter reicher Prasser, du hast um einen einzigen Tropfen Wasser bei dem Abraham supplicirt, welcher da an dem Finger des Lazari möchte hangen; schau du mir Magdalenam an, welche so wasserreich, daß sie auch mit lauter Thränen die Füß Jesu gewaschen. Das ist eine saubere Wäsch!

Die Königinn Saba hat auf eine Zeit etliche kleine Knäbl und etliche kleine Mägdlein ganz gleich bekleidet und angelegt, solche nachmals auf einen sehr großen und prächtigen Saal vor den König Salomon geführet und ihn befraget, er wolle doch vermög seiner Weisheit aussagen, welche aus diesen Mägdlein oder Knäblein seynd. Salomon läßt alsobalden einen großen silbernen Kessel herbei bringen, voll mit dem kalten Brunnen-Wasser, und befiehlt allen, daß sie sich sollen waschen. Allo, sprach er zu der Königinn, anjetzo will ich mit dem Finger auf sie deuten, und in aller Wahrheit sagen, welches Knäbel oder Mägdlein seyen. Diejenigen, welche mit beeden Händen frisch in das Wasser gefahren und sich fein stark gewaschen, diese, sagte Salomon, seynd Knaben; welche aber nur mit einer Hand gar zart und heiklich in das Wasser greifen, solche seynd die Mägdlein; wie er dann hierinnen gar nit gefehlet. Woraus erhellet, daß die Weibsbilder weit zarter und heiklicher seyen als die Männer. Wann aber Salomon hätte der hl. Magdalenä Bußwandel[412] gesehen, wär ihme fürwahr sein Urtheil nit von Statten gangen, allermassen an ihr nichts Heikliches verspüret worden.

Es ist Gott dem Mosi in einem brennenden Dornbusch erschienen. Warum aber, mein Gott, nimmst du deinen Thron in einem Dornbusch? warum nicht auf einer hohen Ceder? Nein, nein, nein, sagt Gott, dann eine Ceder wachset sehr hoch, und ist derenthalben ein Sinnbildnuß eines hochmüthigen Menschen, von dem der Poet sagt und singt: Hochmuth und Stolz wachsen auf einem Holz. Warum nicht auf einem Cypreß-Baum? Nein, nein sagt Gott; dann der Cypreß-Baum ist ein Sinnbildnuß eines Gleißners, weilen er nur mit Blättern, und nit mit Früchten pranget. Dahero spricht der Poet:


Auswendig Gold, einwendig Blei

Ist der Gleißner Schelmerei.


Warum nit auf einem Oelbaum? Nein, nein, antwortet Gott, der Oelbaum ist ein Entwurf eines gar zu linden und weichmüthigen Menschen, der gar nit strafen kann: bei mir heißt es aber also:


In einer Hand eine Kron,

In der andern aber eine Ruthen:

Diese ist der Bösen ihr Lohn,

Die andere aber der Guten.


Warum, o allmächtiger Gott, stellest du deinen Thron auf, und in einen Dornbusch? Darum, darum, darum: Ein Dornbusch trägt spissige, spießige, spitzige Dörner, welche oben und unten den Gesunden verwunden; dahero er ein Sinnbild ist eines Menschen, welcher seinen leimigen, lumpeten, limblischen Leib streng kasteiet; da, da hat Gott sein Wohn und Thron.[413]

Magdalena verdiente den Titul Ihr Gnaden Adels halber; hat aber verdient den Titul Ihr Gestreng Wandels halber: diese tragte ein Kleid nit auf sicilianische Modi, sondern auf cilicische Modi, in solchen strengen Aufzug hat sie den wahren Jesum in ganz Judäa ohne Scheu geprediget. Nachdem sie aber durch der Juden harte Verfolgung in Massilien angelangt, und daselbst durch alle Sprachen das Evangelium geprediget, auch die ganze Landschaft zu dem wahren Glauben gebracht, suchte sie in allweg, wie sie doch möchte einen strengen Lebens-Wandel führen, und ihren Leib kasteien. Zu solchem Ziel und End verfügte sie sich in eine rauhe, harte, wilde Wüste und Einöde, wohnete allda ganzer 30 Jahr.

Andere Weiber, und deren nit wenig, haben wohlriechende Rosen für die Nasen zu einer Erquickung; aber Magdalena in der Wüste erquicket sich nicht mit Rosen, sondern mit denen Dörnern, womit ihr Jesus ist gekrönt worden. Andere Weiber, und deren nit wenig, nehmen zuweilen räse Nägerl auf die Zung zu einer Stärkung; aber Magdalena in der Wüste stärket sich allein mit denen Nägeln, wormit ihr Jesus an das Kreuz ist geheftet worden. Andere Weiber, und deren nit wenig, suchen ihre Kurzweil in einem schattenreichen[414] reichen Garten; aber Magdalena in der Wüste hiel stets vor Augen den Garten Gethsemane, in welchem ihr Jesus ist gefangen worden. Andere Weiber prangen mehrest mit denen silberfarben Perlen; aber Magdalena ließ immerzu die Bußthränen, wie die Perlen über ihre Wangen herab quellen. O was hat Magdalena für eine saubere Wäsch zugericht!

Magdalena lebte 30 Jahr in der Wüste, und alle Tag war bei ihr Freitag; dann stets bei ihr war die Betrachtung des gekreuzigten Jesu. Der Prophet Elias kommt einsmal zu einer armen Wittib, fragt was sie handle und wandle? O mein Vater, antwortet sie, En colligo duo ligna, »siehe, da sammle ich zwei Hölzer zusammen,« damit ich darmit mir ein Brod bake, alsdann will ich sterben. So jemand Magdalenam bei Tag und Nacht, Fruhe und Abends in der Wüste hätte gefraget, womit sie beschäftiget sey, so hätte sie gleichmäßig nicht anderst können sagen, als: En colligo duo ligna »ich sammle mir zwei Hölzer, eines in die Höhe, das andere überzwerch, mit dem mach ich mir und back' ich mir mein tägliches Brod, bis ich sterbe«. Bis in den Tod war ihr einziges Leben der gekreuzigte Jesus.

Der hl. Anselmus schreibt, daß von demselbigen Baum, an welchem Adam im Paradies sich versündiget hat, sey durch einen Engel ein Aest'l getragen worden nach Jerusalem, allwo es gepflanzet und in einen großen Baum erwachsen, aus welchem man nachmals das Kreuz Christi gezimmert; und sey eben an demselben[415] Ort der Leib des Adams, oder wenigstens sein Kopf begraben worden, allwo auf dem Berg Calvariä das Kreuz Jesu wurde aufgericht, und weilen der andere Theil des Kreuzes in etwas zugespitzet worden, damit es desto leichter in den Berg hinein gangen, also sey der Spitz des Kreuzes Christi dem Adam in das Maul gangen, und also wunderbarlicher Weis' der Adam den Saft des Lebens von demselben Baum erhalten, von dem er vorhero den Saft des Todes genossen. O wunderbarliche göttliche Vorsichtigkeit! das Kreuz Jesu war dem Adam mit dem untern Theil im Maul, mit welchem er gesündiget. Solches Wunder sah man auch in Magdalena, bei Magdalena, an Magdalena, indem sie stets 30 ganzer Jahr das Kreuz ihres Jesu im Mund, ja gar in dem Herzen trug. Man weiß gar wohl, daß die Hebräer von denen Wunden seynd gesund worden, wie sie die aufgehenkte Schlange in der Wüste haben angeschaut; so oft aber Magdalena Jesum in der Höhe auf dem Kreuz betrachtet, non sanabatur, sed sauciabatur, »so wurde sie nit gesund, sondern verwundt,« verwundet in ihrem Herzen. Und solche Hitz trieb stets die Wasserquellen aus den Augen. Das ist eine Wäsch gewest, da sie mit Thränen ihr Angesicht, ihren ganzen Leib, den harten Stein, auf dem sie kniete, mit solchem steten Augen-Wasser gewaschen.

Maria Aegyptiaca, Anfangs eine große Sünderinn, nachmalens eine große Büßerinn, Pelagia, Anfangs eine große Sünderinn, nachmals eine große Büßerinn, Thais, Anfangs eine große Sünderinn, nachmals eine große Büßerinn, Theodora, Anfangs eine große Sünderinn, nachmals eine große Büßerinn, [416] Afra, Anfangs eine große Sünderinn, nachmals eine große Büßerinn, Margarita Cortona, Anfangs eine große Sünderinn, nachmals eine große Büßerinn, Manasses, Anfangs ein großer Sünder, nachmals ein großer Büßer, David, Anfangs ein großer Sünder, nachmals ein großer Büßer, Bonifacius und Cyprianus, Anfangs große Sünder, nachmalens große Büßer, Genesius, Anfangs ein großer Sünder, nachmals ein großer Büßer, Moses und Landelinus, Anfangs große Sünder, nachmals große Büßer, Onesius und Valerianus, Anfangs große Sünder, nachmals große Büßer, Theobaldus und Bononius, Anfangs große Sünder, nachmals große Büßer, Jacobus und Theophilus, Anfangs große Sünder, nachmals große Büßer, Natalius und Theodolus, Anfangs große Sünder, nachmals große Büßer; auch Magdalena, Anfangs eine große Sünderinn, nachmals auch eine große, große Büßerinn, Magdalena 30 Jahr in der Wüste! O ihr Felsen, ich bin euch neidig darum, daß ihr seyd gewaschen worden von den kostbaren Thränen dieser Büßerinn! o wohl glückselig bist du gewest, Echo, wie du hast können und dörfen wiederhohlen die herzigen Seufzer dieser büßenden Wald-Taube! o ihr glückseligen Dornhecken, was habt ihr für eine Gnad gehabt, da ihr habt dörfen diejenigen Haarlocken, mit welchen die Füß Jesu seynd abgetrücknet worden, rupfen und zupfen! o Wüsten, nit wüst, sondern schön, indem Magdalena daselbst von denen Engeln gespeist wor den, von denen Engeln 7mal täglich in Himmel erhebet worden, von denen Engeln mit Musik-Schall erquicket[417] worden! O Gott, auf solche Weis' ist halt doch wahr, daß diejenigen Lämml, so von denen Wölfen gebissen worden, viel geschmackiger seynd, als die nie dero Zähn ausgestanden! Magdalena hat 30 Jahr an einander gewaschen, kein anders Wasser gebraucht, als was aus denen Augen gequellet. Was hat sie endlich nach einer so langwierigen Wäsch aufzuhängen gehabt? Gott hat ihr nach solcher dreißigjährigen Buß die ewige – o Trost! – die ewige – o Freud! – die ewige Glorie ertheilet; sie gestellt dergestalten hoch im Himmel, daß sie allda gebenedeit unter allen denjenigen, welche ihre Sünden gebüßt haben. Nach einem so langen Regen scheint sie alldort wie die strahlende Sonne, und welche vorhero den Namen Peccatrix hatte, die hatte anjetzo den Namen Precatrix.

Das hat erfahren Carolus, König in Sicilien, indem selbiger Anno 1279 in einem unglückseligen Krieg gefangen und in einen abscheulichen Thurm zu Barcinon geworfen worden, worinnen er den Tod erwartet. Weilen ihm aber sein Beichtvater eingerathen, daß er sich solle der h. Magdalenä, als welche in seinem Gebiet und Land ihren h. Bußwandel geführt, eifrigst befehlen; diesem heiligen und heilsamen Rath ist Carolus nachkommen, sich mit vielen Seufzern und Thränen unter den Schutz der h. Büßerinn begeben; worüber bald ihm eine mit herrlichem Glanz umgebene Matron erschienen, und ihn mit folgenden[418] Worten angeredet: Carole, dein Gebet hab ich erhöret, folge mir nach samt den Deinigen! Carolus folget, indem er erkennt, daß sie die h. Magdalena sey; wurde aber gleich befraget, wo er sey? Carolus antwortet, er sey bereits noch zu Barcinon. Bei weitem nicht, sagt sie, du bist schon in deinem Königreich zu Norbona, welches über die 70 Meil entlegen! Carolus fällt hierüber auf sein Knie nieder, bedanket sich mit aufgehebten Händen, mit nassen Augen um diese größte Gnad, und verlangt zu wissen, was er doch zu ihren Ehren solle thun. Darauf Magdalena befohlen, er solle ihren heiligen Leib verehren, welchen er werde finden an diesem Ort mit diesem Kennzeichen: Erstlich wirst du sehen, daß aus meinem Mund ein Weinstock gewachsen; du wirst finden, daß mein Haupt ganz versehrt vom Fleisch, ausgenommen dasjenige Ort an der Stirn, allwo mich der gebenedeite Jesus nach seiner glorreichen Urständ hat angerühret, wie ich ihm hab' wollen die Füß kussen; meine Haar seynd alle zu Grund gangen, außer denjenigen, welche die Füß Jesu abgetrücknet; neben meinem Haupt wird seyn ein Glas, worinnen eine Erde, so mit dem Blut Jesu unter dem Kreuz besprenget worden, und ich solches die ganze Zeit meines Bußwandels für den größten Schatz bei mir behalten. An diesem Ort sollst du mir zur Dankbarkeit ein Kloster bauen. Welches alles Carolus der Anderte dieß Namens auf das emsigste vollzogen, und die h. Büßerinn Magdalenam für eine sondere Patroninn und Vorsprecherinn gehalten bis in den Tod.

Judas der Erz-Schelm redet übel vom Tod der[419] Magdalena; ich wollt wünschen, daß ich Magdalenam mit so vielen Lobsprüchen konnte verehren, wie viel Gräsel in den Feldern, wie viel Blättel in den Wäldern, wie viel Sand in dem Meer, wie viel Stern obenher, wie viel Tröpflein in dem Brunnen, wie viel Stäubl unter der Sonnen; ja wie viel Tröpflein Blut in mir, so viel Lob sprich ich dir! O Magdalena! so bitte dann für mich armen Sünder, daß ich an Gottes Barmherzigkeit mit dem Iscariothischen Juda nit verzweifle, sondern durch wahre Reu meine Sünden abwasche, und also deiner heiligen Vorbitt genieße jetzt und in der Stund meines Absterbens! Amen.[420]

Quelle:
Abraham a Sancta Clara: Judas der Erzschelm für ehrliche Leutߣ. Sämmtliche Werke, Passau 1834–1836, Band 2, S. 393-421.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Serapionsbrüder

Die Serapionsbrüder

Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

746 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon