Der Jüngling am Meere

[39] Es sass ein Jüngling am Meere,

Und sang ein trauriges Lied,

Von Sturm und Wellengeräusche,

In denen sein Liebchen verschied.


Da lächelte golden und ruhig

Des Mondes Antlitz ihn an;

Im Busen wurd' es ihm heller – –

Er schaute beruhigt hinan.


Es kehrte die Hoffnung ihm wieder,

Zwar nicht mehr auf irdisches Glück;

Doch zog sie ihn lächelnd und tröstend

Vom Abgrund des Jammers zurück.
[39]

»Dort, wo die Fluthen erbrausen,

Wo schäumend die Woge sich bricht,

Wo heulende Stürme ersausen –

Dort weilt die Geliebte nicht.


Es hob aus der niederen Sphäre

Sich strahlend zum Himmel ihr Geist.

Die Hülle nur schlummert im Meere,

Von tobenden Wellen umkreist.


Sie selbst lebt über den Sternen

Und lächelt mit liebender Huld

Dort oben aus ewigen Fernen

In's blutende Herz mir Geduld!«


So sang er mit schmelzenden Tönen

Und stillte sein trauerndes Herz,

Denn Zuversicht, Hoffnung und Glaube

Besänftigen irdischen Schmerz.
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Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Gedichte von Natalie. Berlin 1808, S. 39-41.
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