Sehnsucht

[36] Im Frühling.


Wenn Philomelens bange Liebesklage

Mir neu ertönt im leisen Pappelhain,

Da denk' ich sehnend der vergangnen Tage,

Und seufze schmerzlich: ach, ich bin allein!


O fühltest Du mit mir das warme Leben,

Das neu erwacht, rings um mich her sich regt,

Das Leben der Natur, die mit dem ew'gen Streben

Im Jugendglanz sich jetzt empor bewegt.


Denn zwiefach schön war mir des Jahres Morgen

Mit seinem holden Lächeln neben Dir.

O banne schnell der Liebe leise Sorgen,

Und eil' auf ihren Flügeln her zu mir.


[37] Dann will ich Dir die schönsten Kränze binden,

Die mir des Frühlings bunter Segen beut.

Gesellig soll sich Epheu um sie winden,

Das als der Treue Sinnbild Dich erfreut.


Nur dann, wenn ich Dich freudig wiedersehe,

Entschlummert sanft in mir der Sehnsucht Schmerz,

Er flieht mich nur in Deiner theuern Nähe,

Denn Du allein beglückst und füllst mein Herz.


Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Gedichte von Natalie. Berlin 1808, S. 36-38.
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EAN 9783843000048, 33 Seiten

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