VII

[219] Daß seine Gesundheit unter diesen neuen Erschütterungen litt, war natürlich. Sehr erschöpft und dumpf betäubt kam er in der Stadt an, und es dauerte mehrere Tage, ehe er von dem Stillstand auf dem Weg der Genesung sich zu weiterem Fortschreiten erholte.

Als er wieder einige Kraft gewann, sollte sein erster Besuch wirklich ein Opfer der Höflichkeit seyn, und Linovsky gelten. Er freute sich, ihn nicht zu treffen, da er gern den Anblick des Beneidenswerthen vermied – und doch zuckte es mit allen Regungen der bittersten Empfindlichkeit und der Eifersucht durch seine Seele, als man ihm sagte: er sei bereits nach seinem Landhaus – folglich zu Erna – zurückgekehrt.[219]

Er beschloß nun, die ihm bestimmte Zeit der Gräfin zu widmen, und ging zu ihr. Noch hatte er niemand von seinen ehemaligen Bekannten begrüßt, und daher war seine Zurückkunft so verschwiegen geblieben, daß seine Erscheinung die Gräfin jetzt eben so überraschte, als erfreute.

Hilf Himmel! rief sie ihm entgegen, was für ein gespenstisches, wunderbares Wesen sind Sie doch geworden! So plötzlich und spurlos aus unserer Mitte zu verschwinden – man weiß nicht wohin? – und eben so unerwartet wieder aufzutreten, man weiß nicht woher? – das ist ein Räthsel, das Sie mir durchaus lösen müssen, da mein eigener Scharfsinn es nicht vermag.

Alexander parirte als ein geübter Wortfechter die Stöße ab, mit denen ihre Fragen seinem leicht verletzlichen Innern weh thaten. Statt sie zu beantworten, bat er sie, da er in dem sonst so bekannten Kreise gewissermaßen fremd durch seine lange Abwesenheit geworden sei, ihn wieder ein wenig zu orientiren, ehe er sich ihm von Neuem anschlösse, und sie führte bereits mit geläufiger Zunge alle bedeutenden Veränderungen, die indessen vorgefallen waren, an ihm vorüber, als ein neuer zu dem diplomatischen Corps gehörender Ankömmling, Baron H...., gemeldet und angenommen wurde.

Erst seit sehr kurzer Zeit war er bei dem hiesigen[220] Hofe accreditirt, und die Gräfin – scherzhaft wie immer – suchte bereits sein Urtheil über das bunte Tulpenbeet der Damen zu erforschen, das – wie sie bei der letzten Cour bemerkt haben wollte – er mit genau prüfendem Kennerblick gemustert habe.

Mit der Feinheit eines Hofmanns sprach der Baron seine Meinung behutsam aus, und es schwellte Alexander's Herz mit wehmüthig freudigen Regungen, als er, leicht über die blühende Schönheit mehrerer jungen Frauen und Mädchen hinweggleitend, den interessanten Ausdruck und die Anmuth und Lieblichkeit Erna's rühmte, der er, obgleich ihre Reize mehr zu rühren als zu blenden geeignet seien, den Vorzug vor allen übrigen einzuräumen schien.

Ohne eben kränklich auszusehen, fügte er hinzu, ist in dieser seelenvollen Physionomie doch ein so mit Leiden vertrauter Zug enthalten, daß man von ihr mit Marmontel sagen möchte: on sent bien, que l'amour à passé par là.

Die Lebhaftigkeit der Gräfin gestattete nicht, daß das Gespräch lange bei einem Gegenstand verweilte. Gern hätte Alexander – wenn gleich aus dem Munde eines Fremden – noch mehr über Erna gehört; allein nach einigen flüchtigen Minuten empfahl sich der Baron schon wieder, und nun stand er nicht an, diesen ihm so interessanten[221] Faden wieder aufzufassen, und die Gräfin geradezu zu fragen: ob der Ausdruck einer leisen verschwiegenen Schwermuth, den auch er, während seines kurzen Aufenthalts bei ihr, in ihrem Wesen wahrgenommen habe, wohl wirklich auf einen geheimen Kummer deute, oder ob er vielleicht, ohne innere Beziehung, nur zufällig sei?

Lieber Freund, versetzte die Gräfin, Erna ist nicht allein in der Fülle der Vollkommenheit ihrer Eigenschaften, sondern auch in ihren Fehlern eine seltene und sonderbare Erscheinung.

Verschlossen wie das Grab, dringt höchstens der Blick ihrer milzsüchtigen Auguste, kein anderer, in das streng umhüllte Heiligthum ihres eigentlichen Gefühls, und was ich Ihnen daher mittheilen kann, sind blos Vermuthungen, Beobachtungen und Combinationen, zu denen sie mir keineswegs den Schlüssel gab.

Sie hat Linovsky wohl nur geheirathet, weil man von allen Seiten ihr seinen Werth pries, weil Auguste ihn als ein Muster männlichen Verdienstes anerkannte, weil er sich dringend um sie bewarb, und – weil sie wirklich nichts gegen ihn einzuwenden vermochte.

Vielleicht hat sie auch geglaubt, ihn zu lieben – ich weiß es nicht – genug, sie gab ihm freiwillig aus Ueberzeugung, aus Vernunft, aus tiefgegründeter Achtung ihre Hand, und hat sich[222] auch gewiß in seinem Charakter nicht geirrt – aber gleichwohl schien doch mit dem Hauch, der das bräutliche Ja von ihren Lippen entführte, ihr jugendlicher Frohsinn und die unbefangene Heiterkeit ihrer Stimmung zu verschwinden.

Dazu kam noch, daß sein Hang zur Eifersucht sie, um nicht sowohl den Hausfrieden, als ihm die wohlthätige Stille eines nicht durch Leidenschaften aufgewühlten Gemüths zu erhalten, bald von allen geselligen Kreisen isolirte, den Hof ausgenommen, wo denn nun freilich die mächtig gebietenden Verhältnisse es wollen, daß sie sich dann und wann einmal zeigt.

Um vielleicht eine schonende Hülle über die männliche Tirannei zu werfen, mit der seine Anmaßungen fodern, daß sie nur für ihn, und für keinen Genuß des Daseyns außer ihm lebe, bewog sie ihn, das Landhaus Sorgenfrei zu kaufen, dessen Lage ihr schon früher sehr gefallen.

Dort richtete sie sich häuslich ein, und so sehr auch die Nähe der Stadt einen ausgebreiteten Umgang begünstigen würde, so scheuchte doch bald die finstere Gemüthsart ihres Gatten alle Besuchenden, vorzüglich männlichen Geschlechts, zurück, so daß immer vereinzelter, immer einsamer der stille Weg ihres Berufs sie von den Freuden der Welt entfernt, und blos auf Mann und Kinder und Augusten beschränkt.[223]

Selbst ich, die ich doch so oft in das Haus des *schen Gesandten kam, und sie daher genauer kenne, als die meisten Uebrigen der hiesigen Gesellschaft, sehe sie nur selten, weil ich es nicht verbergen kann, daß ich dem eigensüchtigen Menschen, der uns so viel Liebenswürdigkeit entzieht, um sie egoistisch ganz allein zu genießen, recht von Herzen gram bin.

So klar nun auch ihr häusliches Leben scheint, daß man wähnt, in seine innersten Verhältnisse wie in einen Spiegel hineinschauen zu können, so will es mich doch selbst bei den nur höchst sparsamen Besuchen, die ich mir gestatte, dünken, als ob ein Wurm an ihrem Innern nage, den nur Frömmigkeit, Selbstbeherrschung und eine exemplarische Pflichterfüllung beschwichtigen. Aber ob Unzufriedenheit mit ihrer Lage, ob irgend eine geheime Neigung, oder körperliche Kränklichkeit – an die ich zuweilen bei dem zu frühen Erbleichen ihrer frischen Jugendblüthe wohl glaube – die Ursache ist – das kann ich nicht entscheiden, da ihr kaltes, schroffes Schweigen auch dem theilnehmendsten Forscher nicht entgegen kommt.

Hat Erna vielleicht, fragte Alexander leise, ihrem Gemahl je Gelegenheit gegeben, eifersüchtig zu seyn!

Das nicht, erwiederte die Gräfin. Selbst die giftigste Verläumdung würde nicht im Stande[224] seyn, auch nur einen Schein von Schuld auf ihren tadellosen Wandel zu werfen. Aber es geht ihm, wie dem Geizhals, der seinen köstlichen Diamant lieber in den Kasten verschließt, als ihn im Strahl der Sonne schimmern läßt, weil er meint, als verlöre er durch das bunte Farbenspiel, das Andere entzückt, an seinem inneren Werthe. Auguste ist die einzige Person, deren Nähe um Erna der Mysanthrop freundlich duldet, da sie ganz für ihn eingenommen ist, und sich auch gewiß willig als Cerberus leihen würde, wenn es einer solchen Kreatur bedürfte, um ein Elisium zu bewachen. Da aber dies Elisium sich durch eigene Strenge und Würde schützt, folglich nie für ihn zum Tartarus wird, so spielt sie statt der Rolle einer auflauernden Duenna nur die einer Freundin im Hause.

Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Erna. Altona 1820, S. 219-225.
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