VIII

[225] Diese Skizze von Erna's Leben und Verhältnissen gab Alexandern reichen Stoff zum Nachdenken mit nach Hause, und ließ ihn zugleich Linovsky's frostigen Empfang nicht als individuelle Abneigung, sondern nur als eine allgemeine Wirkung des unglücklichen Hanges zur Eifersucht erblicken, der sein Daseyn trübte, und – statt ihn auszuzeichnen,[225] ihn nur nicht ausgeschlossen hatte.

Dies flößte ihm Muth ein, eine Pflicht des Wohlstandes zu erfüllen, und sobald er sich nur völlig erholt hatte, durch einen Besuch in Sorgenfrei Erna sowohl als ihrem Gemahl zu zeigen, wie dankbar durchdrungen er von ihrer Höflichkeit und Güte sei.

Er wählte absichtlich dazu einen Nachmittag, um Linovsky nicht zu verfehlen, weil er seinem mistrauischen Sinn keinen Anlaß zu dem Verdacht geben wollte, als habe er Erna irgend etwas allein zu sagen.

Die Familie befand sich auf der Hausflur, die an Eleganz mit den Zimmern wetteifernd, als ein solches gebraucht wurde. Um den Theetisch versammelt, an welchem Erna präsidirte, Otto neben ihr, der kleine Wunibald auf einem Kissen zu ihren Füßen liegend, Auguste mit Arbeit beschäftigt, und Linovsky ein Buch in der Hand, aus welchem er vorzulesen geschienen hatte, stellte die kleine Gruppe, die sein scharfes Auge schon in der Ferne durch die weit geöffneten Glasthüren übersehen konnte, wirklich ein lieblich anziehendes Bild häuslicher Eintracht und häuslicher Freuden dar.

Als sein Wagen vorfuhr, und man ihn erkannte, stand Linovsky auf, ihm entgegenzugehen. Da Alexander ihm sogleich als hauptsächlichen[226] Grund seines Kommens den vergeblichen Versuch anführte ihn in der Stadt aufzufinden, um ihm doch endlich persönlich auszudrücken, wie innig verbunden er sich ihm für seine gastfreie Aufnahme fühle, so war der Empfang weniger steif und kalt, als er befürchtet hatte. Wie erstaunte er aber, als er die Stufen heraufstieg, und Erna von ihrem Platz verschwunden sah. Eine leise Ahnung durchbebte sein Inneres, daß sein Anblick sie nicht deshalb verscheucht habe, weil er ihr gleichgültig sei.

Endlich kam sie wieder. Eine sanfte Röthe hatte sich über ihre Wangen ergossen – sie war jedoch die einzige verrätherische Andeutung eines aufgeregten Gemüths, denn wie immer thronte der Friede auf ihrer Stirn, die Ruhe in ihrem Lächeln. Theilnehmend, aber mit vorsichtiger Zurückhaltung, erkundigte sie sich nach seiner Gesundheit, freute sich, ihn wiederhergestellt zu sehen, und zog sich dann zu Augusten zu rück, ihn dem ausschließlichen Gespräch mit Linovsky überlassend.

Der kleine Otto hatte ihn mit stürmischer Freude begrüßt. Mehr noch als Peitsche, Steckenpferd, Trommel und Bilderbuch, und was die bunte Mannichfaltigkeit des mitgebrachten Spielzeugs noch sonst enthielt, schien die Wiederkehr des Freundes ihn zu entzücken, und[227] diese seltene, uneigennützige Anhänglichkeit, diese tiefe Innigkeit des Gefühls in einem Kinde, hatte etwas so unbeschreiblich Rührendes, daß es begreiflich war, Erna davon erschüttert zu sehen.

Auch Linovsky, stolz auf das Vatergefühl, das ihm dieser Knabe zueignete, bewährte durch eine immer milder sich Alexandern zuwendende Freundlichkeit die alte Erfahrung, daß nichts sicherer die Herzen der Eltern gewinnt, als das Wohlwollen, das man ihren Kindern schenkt.

Denn Alexander erwiederte so von ganzem Herzen die Liebkosungen des Kleinen, sprach sich so warm und unverholen über seine herrlichen Anlagen, über sein tiefes Gemüth aus, daß Linovsky erfreut, von den Lippen eines Fremden bestätigt zu hören, was die eigene Ueberzeugung ihm oft zugeflüstert hatte, ein inniges Behagen an der Gerechtigkeit fand, die seinem Otto widerfuhr.

Da nun noch überdem Alexander's kühner, freier, vom Leben gehärteter, und vom Schmerz geläuterter Sinn sich streng innerhalb der Schranken einer Vorsicht erhielt, die das Mistrauen eher einzuwiegen als zu erwecken vermochte, indem er Erna durchaus keine andere Aufmerksamkeit erwies, als die, die die allgemeine Höflichkeit der Frau vom Hause zu widmen pflegt, so schien es wirklich, als sey er Linovsky'n ein willkommener Gast, und indem er ihn bat, zum Abendessen[228] zu bleiben, äußerte er zugleich recht verbindlich, daß es ihn freuen werde, ihn öfterer zu sehen.

Auguste hatte den eingeschlummerten Wunibald zu seiner Wiege getragen, und war nicht wiedergekehrt – ein Brief, der Linovsky'n gebracht wurde, nöthigte ihn, sich auf eine Viertelstunde zu entfernen, um ihn zu beantworten – jetzt also fand sich Alexander mit Erna allein, da Otto, der schön wie ein Liebesgott zwischen beiden stand, seines zarten Alters wegen für keinen Zeugen zu rechnen war.

Gleichwohl herrschte ein tiefes Schweigen zwischen ihnen; denn zu voll gedrängten Gefühls waren diese Augenblicke, um den Anfang einer gleichgültigen Unterhaltung zuzulassen.

Da ermannte sich Erna, und indem sie aufstand und ans Fenster trat, bat sie ihn als einen erfahrenen Botaniker und Blumisten um Rath über die Behandlung eines erkrankten Myrthenbäumchens, das sie, trotz aller Pflege, zu verlieren fürchtete.

Er betrachtete es genau, und beugte sich tief zu ihm nieder, doch mehr, um die Bewegung zu verbergen, in der er war, als um seinen eigentlichen Zustand zu untersuchen. Eine unbeschreibliche Wehmuth überfiel ihn im Bewußtseyn verlorenen Lebensglücks. Es wird sich wieder erholen, sagte er dumpf. Denn welche Jugend[229] hat nicht dürres Reis und welke Blüthen – welchen Glücklichen hienieden sproßt die Myrthe in ungestörter Heiterkeit? Ein wenig frische Erde wird ihm wohl thun – – in ihr liegt Heilkraft für alle Krankheiten. –

Da sah ihn Erna an mit einem Blick, dessen reine Klarheit, obwohl von Mitleid getrübt, ihn hoch empor über allen irrdischen Kummer hob. Wie Blumen Labung uns entgegenduften, so drang der goldene Frieden der Unschuld, ihn moralisch erquickend, aus ihrer Seele in die seine, und beschwichtigt schwiegen seine Schmerzen, als ihre sanfte Rede wie milder Balsam in seine Wunden floß.

Doch nur momentan dauerte diese linde Befriedigung seines Innern. Diese schwermüthigen Aeußerungen habe ich nicht hervorrufen wollen, sagte sie mit freundlichem Ernst. Auch sind sie Ihrer Natur eigentlich fremd, die sich ja immer zum Frohsinn hinneigte. Warum sollte sie ihn jetzt verläugnen? O halten Sie ihn fest – er ist eine so starke, sichere Stütze in den Stürmen des Lebens!

Tief erschüttert ergriff sie Alexander's dunkel glühender Blick. Dieser Rath kommt von Ihnen? antwortete er bitter. In der That, das muß mich befremden. Wollen Sie meines gemishandelten Gefühls noch spotten? Wer mir[230] die Stütze raubte – darf mir noch rathen, sie festzuhalten?

Norbeck! ich beschwöre Sie, nicht diesen Ton! unterbrach ihn Erna. Er entfernt uns von dem Wege, auf dem ich gern neben Ihnen durchs Leben ginge, und auf dem allein ich es darf. Lassen Sie der Vergangenheit ihren Schleier, und ehren Sie gleich mir in allem, was er verhüllt, eine höhere Fügung, der der Mensch geduldig gehorchen muß.

Wie? rief Alexander aufs höchste aufgeregt, wollen Sie mich zur Gotteslästerung verleiten? Menschliche Willkühr, menschliche Unversöhnlichkeit soll ich, statt über ihre Härte mich zu beklagen, noch mit kindlicher Unterwerfung als einen Rath der Vorsehung betrachten, die alle ihre Geschöpfe zum Glück berief, und auch mich nicht ausgeschlossen haben würde, wäre die jugendliche Uebereilung meines so oft und bitter bereueten früheren Betragens einer mein ganzes Leben vergiftenden Strafe entgangen?

Ja, fuhr er fort, ich habe damals, als das Glück Ihres Besitzes mir zugedacht war, es für unverträglich mit den lockenden Freuden der Freiheit gehalten, in denen ich schwärmte, und die ich in thörichter Verblendung für das höchste Gut auf Erden hielt – – ich habe unedle Mittel ergriffen, es von mir abzulehnen, indem ich[231] selbst meinen moralischen Werth verkleinerte, um die Ueberzeugung hervorzubringen, als sei mein Charakter unwürdig, es zu erlangen. Leichtsinn, Unbesonnenheit rissen mich hin – und in der damals noch unentwickelten Knospe konnte ich nicht ahnen, welche Blüthe des Himmels, die meinen Lebensweg verschönert hätte, ich von mir stieß.

Aber als ich Sie nun wieder sah, und eine glühende unaussprechliche Leidenschaft mich jetzt eben so wahrhaft zu Ihnen hinzog, als früherer Irrthum mich von Ihnen entfernte – ach – da konnte eine Reue, wie sie ja selbst den Himmel versöhnt, das racherfüllte Herz eines Mädchens nicht erweichen, und von seiner Unbarmherzigkeit zu unauslöschlichem Elend und ewigem Darben verdammt, soll ich noch für höhere Fügung halten, was meinem Daseyn alle Jugend, meiner Zukunft jede Hoffnung raubte! –

Thränen stürzten aus Erna's Augen. Ihre bittende Stellung und die tiefe Wehmuth ihrer Züge schien ihn um Schonung anzuflehen – aber er wand sich ab von ihr, seinen Sinn nur noch mehr zu verhärten, indem er sich selbst ihrem rührenden Anblick entzog. Ueberzeugt, daß er sich allein am ersten wiederfinden werde, und daß ihre Nähe ihn nur noch mehr reize, entfernte sie[232] sich, und nahm den kleinen Otto mit sich, der nicht aufhören konnte zu fragen, weshalb der fremde Mann – so nannte er Alexandern – so bös auf Mama sei?

Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Erna. Altona 1820, S. 225-233.
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