XVI

[130] Er verdiente es daher nicht, durch den eigenthümlichen, oft etwas stechenden Humor der Gräfin, auf eine schmerzliche Weise der Heuchelei bezüchtigt, und in Erna's Augen herabgesetzt zu werden.

Ei, ei! hub sie nämlich an, ihn schalkhaft mit ihren Blicken fixirend, wie so auf einmal verändert! Mir deucht, daß das Princip: Viele zu lieben, vor Kurzem noch ebenfalls ganz das Ihrige war, und daß Sie Sich durch Wort und That auch recht freimüthig dazu bekannten. Woher die plötzliche Metamorphose? Erhalten vielleicht gewisse Tugenden erst ihren Glanz durch Reibung an entgegengesetzten Fehlern? Oder wollen Sie – in allen Farben des Chamäleons schillernd – uns heute dadurch überraschen und ergötzen, daß Sie uns zeigen, wie Ihre Gewandtheit selbst das Heterogenste für[130] Ihren Charakter, die Maske der Beständigkeit, mit Anstand zu tragen versteht?

Der heitre scherzhafte Ton, in dem sie sprach, milderte zwar die Bitterkeit der Beschuldigung, die für Alexandern in ihren Worten lag, aber da sein Blick auf Erna, die dunkel glühend erröthet war, ihm bewies, daß der Fluch des Argwohns gegen ihn, der wie ein mephitischer Dampf sich aus dem bitteren Kelch ihrer früheren Erfahrung entwickelt hatte, jetzt von Neuem wieder ihr zutrauensvolleres Wesen vergiftete, fühlte er sich so ergrimmt gegen die leichtfertige Frau, daß er den unersetzlichen Schaden, den sie ihm, ohne es zu wissen oder zu wollen, that, auf das bitterste hätte an ihr rächen mögen.

Er nahm sich indessen zusammen, und strebte mit der Fassung eines Weltmannes, dessen Oberfläche stets ruhig scheint, wenn es auch im Innern tobt und brauset, durch eine ebenfalls scherzhafte, aber piquante Replik sich zu vertheidigen. Doch kostete es ihm wirklich Ueberwindung, ihr den Groll zu verbergen, der sein Herz erfüllte, und der, wenn er sich verrathen hätte, die leichte Neckerei schnell in das dornenvolle Gebiet einer förmlichen Entzweiung hinüber geführt haben würde.

Indessen war die Dämmerung eingetreten, und[131] mit ihr die Stunde des Mittagsessens, das sie erwartete. Ein liebliches Gemach von origineller Erfindung verband, den Mittelpunkt ausmachend, zwei lange Reihen von Gewächshäusern, in denen ganze Wälder der herrlichsten Orangerie mit Blüthen und Früchten prangten, und im vollen Schmuck des Südens der Schneehülle der Mutter Erde draußen spotteten. Stufenweis senkte sich von den hohen Wänden die Blumenfülle aller Zonen, so wie aller Jahrszeiten in zierlichen Gefäßen herab, mit süßem Duft die Nahenden begrüßend, und zahme Canarienvögel flatterten, jetzt vom Glanz der Lichter aus ihrer früh begonnenen Ruhe aufgescheucht, zwischen dem frischen Grün umher, und belebten es auf eine anmuthige Weise.

Anders aber war der erwählte Speisesaal decorirt, der durch verborgene Röhren sommerlichmilde erwärmt, in lieblicher Täuschung eine Felsengrotte darstellte. Große Granitblöcke, zum Theil bemoost, zum Theil mit Epheu und Gesträuchen umzogen, fügten sich, kunstvoll die Natur nachahmend, zusammen, und wölbten sich in bedeutender Höhe, einen weiten, luftigen Raum umschließend. Palmen, Cipressen und Laurus, mit weiser, gefälliger Oeconomie vertheilt und gruppirt, schienen schlank dem weichen[132] Moos des Bodens entsprossen, als sei hier ihre eigentliche Heimath. Ein reicher Quell ergoß von oben seine silberne Fülle rauschend als Wasserfall über mehrere Felsentrümmer, die ihn brachen und vervielfältigten, bis seine schäumende Fluth zu einem breiten Wasserspiegel sich sammelte, der alsdann mit sachterem Geplätscher in einem Becken von rohbehauenem Granit sich verlor.

Hier, durch schimmernde Lampen tageshell erleuchtet, fanden sie eine reich besetzte Tafel, und es bestätigte sich auch diesmal die alte, vielbewährte Erfahrung, daß – nicht der thierische Genuß des Gaumenkitzels – sondern die Fröhlichkeit des Beisammenseyns, das harmlose Ruhen aller Geschäfte und das unwillkührliche Verstummen mancher Sorgen unter munterem Geschwätz, eine wohlgeordnete gesellige Mahlzeit zu einer nicht unerheblichen Erholung und Lebensfreude zu machen pflegt. Heiterkeit und Scherz herrschte in dem kleinen aber frohen Kreise, jedoch ohne im mindesten die Gränzlinie zu überschreiten, welche die Charis vorzeichnet, denn man wurde gegenseitig traulicher, ohne dreist zu werden. Munter erklangen die Becher, mit des Bachus edelsten Gaben gefüllt, und selbst die Damen versagten es nicht, tropfenweise den Champagner[133] zu nippen, wozu die Männer mit wahrer Kriegslist, durch ausgebrachte Gesundheiten und sonstige heitere Veranlassungen, sie stets von Neuem zu verleiten suchten.

Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Erna. Altona 1820, S. 130-134.
Lizenz:
Kategorien: