IX

[97] Hier fand er unverhofften Ersatz für seine früher verfehlten Wünsche. Denn als er, im Parterre stehend, gleichgültig und finster sein Auge über die schimmernden Logenreihen hingleiten ließ, wurde er mit einem Male wie durch einen elektrischen Schlag fest an eine Stelle gebannt. Denn er erblickte Erna, welche – ihre ganze Aufmerksamkeit der Darstellung widmend – neben der Gesandtin saß.

Daß sie mit unverwandtem Blick auf der Bühne ruhte, begünstigte sein Verlangen, sie, nur sie zu sehen, da es unbemerkt von ihr geschehen konnte. Wie schön war sie wieder, einfach, fast nachlässig gekleidet, und doch von unendlicher Eleganz und Zierlichkeit umgeben. Ein Spitzenschleier bezeichnete, mit seinem ätherischen Gewebe sanft sich an ihr Haupt schmiegend, die schöne Form desselben, und ein türkischer Shawl die edlen Umrisse ihrer Gestalt. Ihre sprechenden Mienen, durch lebhafte Theilnahme an dem was sie sah und hörte, mit immer neuem, kindlich reinem Ausdruck beseelt, boten ihm, in ihrem Anschauen alles um sich her vergessend, eine unerschöpfliche Fülle des Genusses und der Bewunderung. Daher kam es, daß er erst mehrere Male am Ermel gezupft werden mußte,[97] ehe er sich umsah, eine Botschaft der Gräfin Tannow zu vernehmen.

Sie befinde sich in der Loge gerade über ihm, ließ sie ihm sagen, und wünsche ihn auf ein Wort zu sprechen. Ungern folgte er ihrem Geheiß, denn wenn er gleich in ihrer Loge den süßen Anblick nicht verlor, der ihn hier fast zur Bildsäule versteinert hatte, so war er doch dort weniger unbemerkt, und gezwungen, seine Blicke sorglicher zu bewachen, als hier, wo er weit unbeachteter sich im Gedränge der Menge verlor.

Er mußte indeß gehorchen. Man sieht Sie ja gar nicht mehr, flüsterte die Gräfin ihm zu, als er über ihren Stuhl gebeugt, sie begrüßte. Haben Sie die Absicht, ein Einsiedler zu werden, so bitt' ich, diesen Plan wenigstens noch ein paar Tage aufzuschieben, denn ich habe auf Sie gerechnet, und zur Strafe für Ihre Misanthropie so unumschränkt über Sie disponirt, als hätte ich das Recht, Sie zu meinen beweglichen oder unbeweglichen Gütern zu zählen.

Ahnungslos, welch eine Himmelspforte ihr Vorschlag ihm aufschließen werde, antwortete er, mit sauerm Mismuth im Herzen, aber mit der behenden Gefälligkeit eines gewandten Hoffmanns, daß er keiner Gewalt als der Ihrigen sich freudiger unterwerfe, und sie daher vollkommen berechtigt sei, in jeder Hinsicht über ihn zu gebieten.[98]

Der Winter ist so schön, und wir haben ihn eigentlich noch gar nicht benutzt, fuhr die Gräfin fort, denn Bälle, Schauspiele und Assembleen könnte uns allenfalls auch der Sommer gewähren; nun hör' ich, daß seit gestern herrliche Schlittenbahn seyn soll, und habe ein Projekt entworfen, wie wir den morgenden Tag recht genießen wollen. Um zwölf Uhr Vormittags sind Sie bei mir zum Frühstück geladen. Sie bestellen zu halb zwei Uhr Ihren Schlitten nach, und haben die Ehre, mich nach Bellevue zu fahren. Dort erwartet uns das Diner in der Orangerie. Mit Fackelschein fahren wir zurück, und, da ein Tag, der so heiter beginnt, nothwendig auch ein frohes Ende haben muß, so bringen wir den Abend bei dem *sischen Gesandten zu, der mit seiner Familie auch von der Parthie seyn wird, und sich's ausgebeten hat, daß wir dann sämmtlich bei ihm absteigen.

Der Nachsatz ihrer Rede söhnte Alexandern mit dem Vordersatz wieder aus, denn nur mit innerem Widerstreben, aus Höflichkeit, nicht aus Neigung, da er zu geselligen Freuden keineswegs aufgelegt war, hätte er sich außerdem in ihren Plan gefügt, der jetzt seine kühnsten Erwartungen übertraf. So sollte er sie wiedersehn, ohne in dem misfälligen Licht eines Zudringlichen zu erscheinen, ohne sie aufzusuchen, ja, auf eine Art selbst gesucht, die seinem Stolz schmeicheln, und[99] ihm einiges Ansehn in ihren Augen verschaffen mußte, da die Gräfin Tannow, die ihn zu ihrem Führer wählte, eine der gefeiertesten Damen der Residenz war.

Freudig einwilligend verbeugte er sich, und würde ihr sein Entzücken noch lebhafter bezeugt haben, wenn nicht theils die Klugheit ihm gerathen hätte, es zu verbergen, theils ein Anblick ihn so befremdet und zerstreut hätte, daß es ihm nicht möglich war, sich gehörig zu sammeln.

Es trat nämlich ein junger Mann in die Loge des Gesandten, der mit allen Kennzeichen genauer, traulicher Bekanntschaft Platz hinter Erna nahm.

Eine angenehme Gestalt und ein freier, durch Welt und gute Erziehung gebildeter Anstand zeichnete ihn aus – mehr noch ein gewisser Ernst, der reifer wie seine Jahre war, und sich fast zur Düsterheit hinneigte. In dem freundlichen Empfang, der ihn von Seiten der Gesandtin und Erna's wurde, lag ein eben so unverkennbarer Ausdruck von Achtung als von Wohlwollen, und unwillkührlich beneidete er den Unbekannten um das Lächeln, und den herzlichen Gruß, mit welchem Erna ihn aufnahm.

Er verarbeitete das Unbehagen in sich, das bei diesem Anblick mit plötzlichem Schauer die frohen Wallungen seines Blutes kühlte, und als er wieder so viel Ruhe gewonnen hatte, um gleichgültig[100] fragen zu können, forschte er nach dem Namen des ihm völlig Fremden, und erfuhr, daß es Herr von Linovsky, der Legationssecretair und sehr geachtete Hausfreund des Gesandten sei. Die Gräfin schilderte ihn als einen guten, klugen, aber etwas bizarren Menschen, der den Philosophen spiele, allen geselligen Freuden abgeneigt, aber demungeachtet seiner übrigen guten Eigenschaften wegen von den beiden Damen sehr wohl gelitten sei.

Quelle:
Charlotte von Ahlefeld: Erna. Altona 1820, S. 97-101.
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