Eilftes Kapitel.

Kloster Lehnin.

[113] »Hier gebt mir Eure Hand, Junker, oder faßt lieber meine Stange an, ein Schritt links oder rechts ab, und Ihr seid verloren,« sprach der Knecht Ruprecht.

Sie waren aus dem Dickicht des Waldes in die sumpfige Niederung hinabgestiegen, welche sich noch heut in weitem Halbkreis um Ort und Kloster fortzieht. Hier war kein Steg, kein Pfad zu sehen, ob doch die Dämmerung schon in den weiten Lug schien; nur Elsenbüsche, verräterisches Schilf und offene Lachen. An dieser Stelle ging der Führer selbst unschlüssig und prüfte vorher das trügerische, zitternde Erdreich, hier wand er sich in weitem Umkreis um mannshohe Rohrbüschel und gelangte nur durch einen Sprung mit der Stange hinüber, die er dann seinem Gefährten zu gleichem Dienste zurückreichte.

Jetzt standen sie ungefähr in der Mitte des Moors. Weithin zur linken blickten ewige Lichter aus den Klostergebäuden, während ringsum nur die dunklen Föhrenwälder im Nachtkleide ihre ungastlichen Schatten warfen. Ruprecht blieb stehen und schaute nicht unruhig, aber bedächtig nach Luft und Erde und den vier Winden.

»Wir hätten doch besser gethan, den großen Weg über den Damm und durch den Ort einzuschlagen.«

Ruprecht schüttelte den Kopf: »Daß wir die Hunde geweckt und dem Dieb die Spuren gezeigt.«

»Ruprecht, bleiben wir länger stehen? Unter mir bricht es schon.«

Der Knecht winkte ihm die Stellung zu wechseln, wie er selbst that: »Hört Ihr die Glocken?«

Es läutete vom Kloster zur Frühmette. Ruprecht faltete still die Hände; Hans Jürgen folgte unwillkürlich seinem Beispiel. Nach einer Weile hörte man über das Wasser den Chorgesang der Mönche. Als sie ausgesungen, wandte sich der Knecht zum Junker:

»Will's Euch nur gestehen, wußte 'nen Augenblick auch nicht aus und ein. So, nun sehe ich wieder klar; ich finde schon. Denke mir nun so, wie muß denen dazumal gewesen sein in der alten Zeit, die hier verirrten, und in der Wildniß war kein Licht, keine Glocken und kein Gesang!«[114]

»Sie sagen, das sei das erste Kloster, was sie in den Marken gebaut.«

Ruprecht nickte: »Muß doch grauslich gewesen sein in solchem Land, wo der Teufel sein Wesen trieb, ungestört, und überall umher nichts als Wald und Sumpf von Bären und Heidenmenschen. Wo kein Heiliger war und Keiner einen Schutzpatron hatte, wie man da nur durchkam durch die Finsterniß und das Kobolds- und Nixenzeug, das itzt noch so fest sitzt, und die Geistlichen können's nicht ausrotten.«

Hans Jürgen hatte gehört, das komme davon, weil die Mönche jetzt nicht wären wie sonst.

»Sie sind Schlemmer und Thunichtsgute, das ist schon recht, aber die Glocken haben sie noch. Ohne die hätten die Geister schon längst wieder Oberwasser. Das war wohl ein gut Werk, daß sie grad hier das Stift gründeten, was es auch kosten that an saurer Arbeit und auch Menschenblut. Da drüben bei Namitz erschlugen die Wendischen den Abt Seebald. Man sieht noch den Stock vom Baum, wo sie ihn runter schütteln wollten, aber da er sich festhielt, sägten sie den Baum ab und schlugen ihn dann todt, was auch die Mönche den Heiden Lösegeld boten. Friede seiner Seele! Ob sie den Frieden hat, das weiß ich nun nicht. Denn die Leute hier herum sprechen anders als in den Kirchenbüchern zu lesen steht. Mehr als Einer sah ihn im Dämmerlicht auf dem Stumpf sitzen, und wenn man ihn anrief, huschte es in den Wald.«

Hans Jürgen hatte immer nur gehört von dem frommen Abt Seebald, der ein Märtyrer geworden, weil er zu den Bauern umherging, in die schlechteste Hütte, um sie zu bekehren.

Ruprecht machte ein eigen Gesicht: »Davon sollte man eigentlich hier nicht sprechen, aber die Bauern meinten, zum Bekehren ist er wohl ausgegangen, aber ihm war's mehr um die Frauen zu thun als die Männer. Einst kam er in Namitz in eines Fischers Haus, und die junge Frau, die grade buk, kriegte einen Schreck und wußte sich nicht anders zu verstecken, als sie kroch unter den Backtrog. Da, als der Abt sie nicht sah, setzte er sich auf den Trog und wollte warten bis sie käme. Doch ihre kleine Tochter lief erschrocken auf's Feld und schrie: ›Vater! Vater! der Abbat sitzt auf der Mutter.‹ Da liefen sie alle vom Felde und schworen ihm den Tod. Als der Abt sie nun herankommen hörte, mit Mistgabeln und Sensen, lief er, was er laufen konnte, aus dem Hof in den Wald. Sie hinter ihm drein, und da er nicht weiter konnte, denn er war dick, kletterte[115] er auf eine alte Rüster und drauf kam denn die Geschichte. Alle die Mönche waren erschrocken über den wilden Grimm der Heiden, daß sie das Kloster wieder verlassen wollten und auswandern, und es wäre geschehen, wäre ihnen nicht da am Ausgang der heilige Johannes erschienen, grad wie er dem Wußo erschienen.«

Derweil hatten sie das Ende der Niederung erreicht, zwar oft bis unter die Knöchel im Wasser schreitend, doch ohne weitere Fährlichkeiten, und die Hallen des Lehniner Waldes, schlanke, himmelhohe Kiefern mit uralten Eichen untersprenkelt, nahmen die Wanderer unter ihrem Schattendach auf.

Wohl hatte Hans Jürgen von seinem Ahnherrn Wußo gehört, aber das war dunkles Gerede gewesen, auf das er wenig geachtet, hier in den feierlichen Waldhallen, durchschauert vom Morgenhauch, klang es anders.

Wußo war ein wilder Heide gewesen, der nur gedürstet nach dem Blut der Fremden, welche eine fremde Sitte und einen fremden Gott in das Land seiner Väter einführen wollten. Oft hatte er sich unterworfen der wilden Gewalt, weil er ihr nicht länger widerstehen konnte, aber eben so oft, wenn die Gelegenheit sich bot, hatte er in das Horn des Urs gestoßen, die alten Freunde und Genossen gerufen, die Crucifixe niedergerissen, die Capellen zerstört und verbrannt und das Joch abgeworfen, das ihm eine Schmach dünkte. Und auch jetzt, als die Herrschaft der Sachsen in der Nordmark gefestet schien, diente er nur mit innerem Grollen den Söhnen des Bären Albrecht. Da war er einst zur Jagd ausgeritten mit dem Markgrafen Otto, und sie waren in eine Wildniß gekommen, die der Markgraf noch nicht kannte. Und darauf rechnete Wußo. Der Böse gab es ihm ein, daß er den Markgraf verlocken sollte, fernab von den Seinen, und da ihn tödten, wo Keiner es sah und Keiner die Spur finde. Dann werde alles bleiben und werden, wie es gewesen; denn was thue das Neue, das die Christen gebracht, dem Lande und Volke gut, als daß es die Leute unzufrieden mache mit dem was sie hätten und ihre Väter. Die an Eicheln und Buchnüssen sich genügen lassen, wollten nun Brod essen, und die auf fauler Streu lagen, wollten in Betten schlafen und aus Höhlen und Hütten in Häuser und Thürme überziehen. So überredete sich Wußo und machte seine schwarzen Gedanken weiß, weil doch auch diesem Heiden, denn das war er trotz des Taufwassers, das Gewissen anging, daß Markgraf Otto ihm so viel Liebes erzeigt und sein Vertrauen auf ihn gesetzt.[116]

Dazumal war die Gegend ganz anders als sie jetzt ist. Wo jetzt die Fichten lustig und schlank in's Blaue schießen, war ein Dickicht von Eichen und Rüstern und Buchen, die ineinanderwuchsen und Krieg führten um das bischen Boden und Luft. Da lagen umgeworfene Stämme faulend einer über dem andern, und Gewürm, Kröten und Schlangen wimmelten am Boden, auf den nie ein Lichtstrahl fiel. Und wo der Wald aufhörte, war die Haide mit stachlichten Ginster- und Wacholdersträuchen besetzt, und wo die Haide aufhörte, war das Bruchland; verwachsene Elsen und wilde Schlingpflanzen, daß kein Lüftchen durchdrang, und in dem warmen, feuchten Dunst nisteten Schwärme giftiger Stechfliegen. Wer sich verirrte und nicht untersank, blieb stecken in den Dornen und kam jämmerlich um vor Hunger und Qual unter den Stichen des Geschmeißes. Und auch das Wasser, wo es zu Tage lag, spiegelte nicht die Sonne und die Sterne und den blauen Himmel. Da trieben umgefallene Bäume umher, mit dickem Moos und Pflanzen überzogen, Inseln schwammen und ein buntes, schillerndes Netz von faulenden Stoffen schien darüber ausgebreitet. Die wilden Katzen kletterten in den verwachsenen Baumkronen, Krieg führend mit den Habichten, den Raben und Krähen. Der Bär schlich noch brummend in den Schatten um, ein Schrecken der andern Thiere, und die Waldameise baute ihre hohen Kegelhäuser, das einzige geordnete Gemeinwesen. Nur den Auerochsen hatte schon der Mensch vertrieben, und auf die stolzen und wilden Elennthiere richtete er eine verderbliche Jagd, daß sie weiter gen Osten flohen, und die wenigen, die noch waren, scheu im tiefsten Dickicht sich verbargen.

»Wird Euch in der Wüstenei nicht bang, Herr Markgraf?« fragte Wußo, da sie nun auf der Spur eines großen Elennhirsches ganz ab waren von ihrem Gefolge, und die Töne in's Hüfthorn riefen Keinen, und die Luft war schwül und Gewitterwolken zogen am Himmel auf. Und Wußo war doch selbst bang geworden, denn vorhin, als der Fürst über einen Baumstamm setzte und sein Thier zu kurz sprang, daß er herabglitt, hatte der grimme Mann schon die Axt geschwungen, die ihm am Sattel hing, um dem Herrn den Garaus zu machen. Aber sein Arm blieb in der Luft hangen, ein ferner Donner rollte über die Wälder.

»Was soll mir bange werden!« antwortete Otto. »Da Sanct Johannes bei mir ist in den Wüsteneien, der mein Schutzpatron ist und auch Deiner, Wußo.«[117]

Nun dachte Wußo heimlich: Ob Dir der Sanct Johannes jetzt den Weg zeigen wird! und blieb tückisch zurück, da der Fürst, den Speer über sich schwingend, der Fährte des Elenns folgte, ohne viel vor sich auf den Boden zu sehen. Ihre Rosse, die nicht weiter konnten durch den Moor, hatten sie nämlich verlassen und anbinden müssen, und Otto ging mit kühnen Schritten den Tapfen des Hirsches nach. Nur Wußo kannte den einzigen schmalen Weg durch das Bruchland, und bei jedem Schritt meinte er, der Fürst werde sinken. Dann überhob ihn der Morast der Mordarbeit, und wie viele Deutsche waren in den Kriegen, von den tückischen Wenden in die Moräste gelockt, da versunken.

Aber der Fürst fand den Weg, ohne daß er ihn kannte, sein Fuß traf immer das Feste und sank nie ein. Da er fast drüben war, rief er dem Wenden zu: »Was scheust Du, Wußo? Kommst Du mir nicht nach?« – Wußo machte sich nun auf den Weg, den er so oft zurückgelegt, aber seine Augen waren wie geblendet, oder war es die Unruhe in ihm. Er sank mit dem Fuß ein, zwei mal, und plötzlich, als der ganze Boden unter ihm zu zittern anfing, ward er inne, daß er falsch gegangen, und es war zu spät, die Richtung zu ändern. Da in seinen höchsten Nöthen rief er: »Ach Sanct Johannes, wie Du den da rüber gebracht, hilf auch mir, wenn Du den Weg kennst«. Und ihm war's, als liege um ihn eine Wolke, und ein Mann halb nackend, mit zottigem Haar und einem Fell um die Schulter, aber einem lichten Streifen um die Stirn, reichte dem Versinkenden die Hand und hob ihn und führte ihn sicher hinüber. Da verschwand er, und der Fürst lächelte: »Ei Wußo, kennst Du so wenig Dein Land, daß Du selbst eines Führers bedarfst?«

Der Tag war heiß und die beiden wurden müde von der Jagd, denn der Hirsch, wie oft sie ihn auch sahen, immer verschwand er wieder. Da rief Markgraf Otto: »Den Hirsch muß ich zum Stehen bringen; ist mir doch, als hinge mein Heil und Leben von seinem Leben ab. Ich hab's gelobt dem heiligen Hubertus; aber itzt kann ich nicht mehr.« Und er sank um, den Speer in der Hand, todtmüde unter einer alten Eiche.

Aber Wußo hatte auch gelobt bei seinem Götzen, das ist der Teufel, sein Heil und Leben solle davon abhängen, daß er das Leben des Markgrafen nehme, was es ihn auch koste. Schwer ward es ihm, denn er war kein schlechter Mann, und glaubte es nur zu thun um seines Landes Wohl. Und da es Nacht[118] wurde von den Wolken, die aufzogen, drückte er die Augen zu und faßte den Wurfspieß mit beiden Fäusten und wild rannte er auf den schlafenden Fürsten zu. Da fuhr ein Blitz aus der Eiche nieder und ein Donner krachte, als wäre der Baum von seinen Wurzeln gebrochen. Vor dem Mörder stand wieder derselbe Mann, der ihn über den Bruch geführt, drohend den Arm aufhebend und Wußo's Wurfspeer blieb wie angelöthet in der Hand: »Ist das Dein Dank, daß ich Dich hergeführt?« sprach Sanct Johannes. Und in demselben Augenblick fuhr auch der schlafende Fürst in die Höh', mit einem Schrei, der Wußo wie die Trompete des Gerichts durch die Seele ging: »Ha es ist überstanden!« Und Wußo lag auf den Knieen und wollte Worte stammeln, aber seine Zunge klebte am Gaumen, und in ihm brannte es wie ein stilles Feuer.

Markgraf Otto rieb den Schlaf vom Auge: »Wo ist nun das Ungethüm? Er stürzte mir ja zu Füßen?«

»Hier, Herr,« sprach Wußo, »zertritt es.«

Der Fürst schüttelte das Haupt und stierte in die Wolken, wie noch im Traum: »Den großen Hirsch meine ich, mit seinem gezackten Geweih, und sein Rachen sprühte Flammen. Heiß setzte er mir zu, und ich hatte schweren Kampf. Nun ist er überwunden, der mir will streitig machen das Reich, so mein Kaiser mir zuwies, daß ich lichten soll in der Finsterniß, ausroden die alte, schlimme Weise, und bauen und bahnen die Wege zur Erkenntniß des wahren Gottes. Sein Licht war über mir; es schmetterte ihn nieder, aber wo ist der Feind? Eine Mark Goldes, wer ihn mir schafft!«

Da waren die vom Gefolge des Fürsten herangekommen, und als er ihnen erzählte, was er geträumt, und er glaubte, es sei Wahrheit, erkannten alle Gottes Finger. Der grimmige Elennhirsch, der ihn im Schlafe umbringen wollte, könne nur der Satan gewesen sein, der Wuth schnaube und zittere in seinem Ingrimm, weil der Markgraf in dem Lande schon so Großes vollbracht und noch mehr vollbringen wolle, daß seine, die Herrschaft der Finsterniß, aufhöre. Der Markgraf erkannte, daß sie Recht hätten, und gelobte zur Stunde, daß er zum Gedächtniß des schrecklichen Traumes, und auf derselben Stelle, wo er gelegen, ein Kloster bauen wolle. Von da solle das Licht des Glaubens und die gute Sitte und ehrbarer Fleiß ausgehen über das ganze Heidenland, und er wolle es reich begaben mit Gütern, und es fest machen zum eigenen Schutz gegen jeden Angriff und darin eine Gruft bauen, in der man ihm,[119] wenn er zur Ruhe gegangen, die letzte irdische Stätte bereiten solle, und nach ihm seinen Kindern und seinem ganzen Geschlechte. So stiftete der Markgraf Otto, nachdem er die Wälder gelichtet, Sümpfe getrocknet, Wege in das Holz gehauen, die Abtei und das Kloster Lehnin, das erste in diesen Marken, und ließ Cisterciensermönche dahin kommen aus Seevenbeeke drüben im Mansfeldischen, welche die hohe Kirche bauten und Thürme und die Klostergebäude und die Wälle, und Mauern zum Schutz gegen die heidnischen Wenden, denen diese Stätte des Herrn noch lange ein Stein des Anstoßes und des Aergernisses war. Lehnin aber nannte, er es, weil auf Wendisch der Elennhirsch den Namen führt, und noch heut zu Tage ist am Chor in der Kirche der Eichenstamm zu sehen, unter dessen Wipfel der Markgraf Otto geschlafen und den schweren Traum gehabt.

So ungefähr hatte Ruprecht auf dem langen Wege dem Junker die Legende von der Stiftung des Klosters Lehnin erzählt. Aber was hatte der Ahnherr seiner Familie damit zu thun? War er vom Markgrafen bestraft worden?

Er strafte sich selbst. Er stürzte fort, und lange Zeit wußte Niemand, wo er geblieben. Aber er irrte im Wahnsinn durch Wald und Haide, und war er hingestürzt wo, müd und erschöpft, so fuhr er wieder auf, wenn er Hundeklaffen und ein Jagdhorn hörte, denn so hatte der Wahnsinn sein Hirn umdüstert, er glaubte der Hirsch zu sein, den der Markgraf niedergestoßen, und hinter ihm jage die wilde Jagd, geführt von Sanct Johannes, daß sie den letzten Elennhirsch fange, auf den der Fürst den großen Preis gesetzt.

Da nährte er sich von Wurzeln und Gras, trank das Wasser aus dem Fließ und scharrte sein Lager in den Gebüschen. Im Traume zuckte er auf, von den Speeren und Pfeilen durchbohrt; er stöhnte vor Schmerz und wünschte doch, daß seine Stunde komme.

So hatte der Wahnbethörte sich hineingedacht in die Seele eines Thiers, das dem Untergang geweiht war, als eines Nachts der Mann mit dem zottigen Haar und dem Fell über dem Nacken ihm auf die Schulter klopfte: Nun hast Du gebüßt Deine bösen Gedanken durch böse Gedanken, aber das ist nicht genug. Du wardst ein Thier und folgtest Deinem Triebe. Nun wache auf als Mensch und büße durch freie That Dein böses Thun. Tödte und zerfleische Dich selbst. Dann erst wirst Du rein sein von der Schuld.

Als Wußo aufsprang, war der heilige Johannes verschwunden,[120] aber unfern von einem Spring sah er den großen Elennhirsch seinen Morgentrunk schlürfen. Da war er auch erwacht aus seinem Traume und seinem Wahnsinn. Den Hirsch mußte er tödten. Das war seine Aufgabe; sein Herr, dem er das Leben verwirkt, hatte es geboten. Der Hirsch floh. Wer kannte, wie Wußo, die Schluchten des Waldes, die jähen Seeufer, die Erdstürze, die Fährten des Wildes durch das Dickicht. Da endlich hatte er es in die Enge getrieben, wo es nicht mehr fliehen konnte. Es machte Kehrt und stand. Aber nicht mit der Wuth des gehetzten Wildes, das sein Leben im letzten Verzweiflungskampfe theuer erkaufen will. Das kluge Thier schien sein Loos zu kennen, nicht wie ein grimmer Feind, wie ein Opfer, das den Todesstreich erwartet stand es vor ihm.

Den Jäger, der den Elch endlich stehen sieht nach langer, heißer Jagd, ergreift ein sonderbar Gefühl. Der Elch mit dem langen, weit ausgreifenden Geweih, wie ein König des Waldes, mit den klugen, schönen Augen, wie ein Mensch, mit dem struppigen grauen Bart, wie ein Geist aus einer andern Welt. Dem rauhesten Jäger schlägt das Herz, der Finger zittert ihm am Rohr. Er glaubt der Elch spreche mit ihm, und sein Auge strafe ihn. Was mußt du mich vernichten? Bin ich ja doch dem Untergang geweiht.

So sprachen des Hirsches Augen zu Wußo. – Mußt du mich tödten, so tödtest du dich selbst. Leben kann ich nicht mehr, wo ich der einzige bin meiner Art, der nur umschleicht wie das Gespenst auf den Grabhügeln derer, die mit ihm lebendig waren; und ihnen gehörte der Wald, die Wiese, das blaue Wasser. Nun gehören sie Andern, die uns nicht dulden wollen; die den Wald, die Wiese, das Wasser anders machen wollen, als der Herr es machte, der uns hineinsetzte. Bist du nicht ich? Ist dir's heimisch noch im Land, wo die Fremden deine Wälder roden, in denen du Schatten hattest und Lust; deine Götterbilder verbrennen, vor denen du betetest, und sie schützten dich; die Grabhügel deiner Väter durchwühlen; wo sie Thürme bauen in den Himmel, der frei war; wo sie Crucifixe aufrichten, daß du denken sollst mit Zittern und Grauen nur an Qual und Graus, und unter deinen alten Göttern ging der Pokal um in Freude und Lust? Ist's noch dein Land und dein Geschlecht, wo die fremde Zunge die Sprache verdrängt, so deine Väter sprachen, und du lalltest sie schon als Kind; magst du leben in Freudigkeit, wo sie auf dich und deine Brüder herabschauen als Wesen schlechterer Art, nur aus Gnaden aufgenommen,[121] und du warst frei wie der Vogel in der Luft, wie der Fisch im Wasser, wie wir im Walde? Ich bin der letzte meines Geschlechts, willst du's nicht sein, willst du dich fügen als ein Knecht in die fremde Knechtschaft, so hilf ihn ausrotten und roden, hilf ihnen verläumden und schmähen, die alten Freien, hilf ihnen den Boden der Väter umackern, ihre Gräber zerstören, ihre Heiligthümer verbrennen, und schleudre dein tödtlich Geschoß mir in die Brust, aber laß mich noch einmal athmen die Luft, die frei war, noch einmal blicken in den grünen Wald und den blauen Himmel, dann – dann tödte dich selbst.

Wieder mit zugedrückten Augen warf Wußo seinen Speer. Er hoffte, daß wieder der heilige Mann mit dem zottigen Haar den Speer fassen werde. Aber die Luft sauste, es krachte, und nieder stürzte der stolze Zehender. Die Bäume rauschten wie vor Schrecken. Wußo mochte nicht ertragen den letzten Blick des Elchs, er sah sich selbst in den sterbenden Zügen. Zusammenstürzte auch er, nicht in seinem Blute, im hitzigen Fieber. Als er genas, wollte er nicht mehr in den Wald, auch nicht zu Hof und nicht ausreiten mit dem Fürsten. Sein Sinn war dieser Welt erstorben, und er pries den Herrn, daß es so war. Ein hären Gewand zog er um den nackten Leib und ging in das Kloster Lehnin zu den Cisterciensern. Da hörte man ihn oft seltsame Gebete murmeln, daß es die andern Mönche graute; die dachten, es sei etwas Heidnisches darin. Zu keinem Heiligen waren sie gerichtet, auch nicht zu Gott Sohn und nicht zur Gottesmutter, er wagte zu beten zu dem Gott Vater selbst, der Himmel und Erde geschaffen, er, der noch vor wenigen Jahren ein Götzendiener gewesen, und es graute die frömmsten Mönche vor der Vermessenheit. Da rief er den Gott an, der über Alle ist, ob er recht gethan oder gesündigt, daß er sein Volk und den alten Glauben verlassen, um den neuen Glauben, den er nicht fasse und der doch so allmächtig sei, wie der Sturm, der die Vögel und Wellen treibt, und so mild und warm wie die Sonne, die die Keime lockt aus den Bäumen und die Saat aus der winterlichen Erde? Er oben, unter den Unerschaffenen thronend, werde wissen, ob die Welt erschaffen sei, daß die Wälder bleiben oder die Städte werden. Wenn sie das hörten, erkannten die Mönche, daß er wieder verfallen sei in seinen alten Irrsinn und scheuten vor ihm. Drauf starb er schon nach wenigen Jahren an den Stufen des Chors mit den Armen den Stamm der Eiche umklammernd, wo dazumal der Markgraf geschlafen.[122]

Das war's, was Ruprecht dem Junker in seiner Art erzählte, und aus der Legende war eine Sage geworden, die in der Familie fortging von Mund zu Munde.

Markgraf Otto schenkte den letzten Elennhirsch zum ewigen Andenken Wußo's Nachkommen. Auf dem Thore ihrer Burg prangte noch lange der Kopf des Elenns mit seinem Geweih und nachmalen auch auf dem Wappen des Hauses. Die Formschneider und Maler aus Franken, die es nicht verstanden, weil sie nie ein Elennthier gesehen, machten daraus einen Widderkopf. Mit dem Fell des Hirsches hat Mancher sich des Nachts zugedeckt, bis die weichlichere Sitte kam – weiß der Himmel woher –, daß sie den Gänsen die Federn ausrupften, in einen Sack stopften und damit ihren Leib zudeckten. So ward das schöne Fell in die Rumpelkammer geworfen, und nur den Freunden der Sippschaft als eine Reliquie gezeigt, aus der Zeit, wo es noch Elennhirsche in der Mark gab. Da einmal eine Kranke, die man darauf legte, genesen war, kam die Haut wieder in Ehren, doch nicht so, daß ein Besitzer, der etwas geizig war, und was ihm im Hause unnütz schien, zu Gelde machte, sie um ein Geringes einem Handelsmann verkaufen wollte. Seine Ehefrau berief sich auf jene Eigenschaft des Felles, und endlich kam man überein, daß man es gerben und zu einem Kleidungsstück zuschneiden wolle. Dann war es kein unnütz Stück mehr, und wenn eine Heilkraft darin stecke, meinte der Mann, es sei ihr unbenommen, daß sie auch in der neuen Gestalt sich zeigen thäte. So ward das Fell, da es zu einem Koller sich nicht paßte, der Besitzer auch fast immer auf dem Pferde lebte, das, was es ist, und erbte vom Vater auf den Sohn.

Bis dahin war der Knecht Ruprecht in der Erzählung gekommen, welcher Hans Jürgen so aufmerksam zugehört, daß er gar nicht bemerkt, wie der Dämmerschein immer heller geworden, als er plötzlich still hielt und dem Andern winkte. Hans Jürgen hörte ein leises Wimmern. Er sah in die entlaubten Zweige, durch welche das graue Morgenlicht schien, und sein Blick fragte den geisterkundigen Gefährten, ob die Unheimlichen etwa auch in dieser Stunde Macht hätten, aber Ruprecht, der ganz andern Spuren folgte, schüttelte den Kopf und gab ihm nur ein Zeichen, stille zu sein. Nachdem er auf eine Höhe geklettert, winkte er ihm wieder mit vergnügtem Gesicht, und als er heruntersprang, rief er laut: »die kluge Elster am Wege hat mich nicht getäuscht, wenn der Krämer der Dieb ist, haben wir[123] ihn; und das Jucken im Daumen sagt mir, daß wir bei ihm finden, was wir suchen.«

Auf dem Wege am rauschenden See stand ein Karren mit verkoppelten Pferden: aber die Kisten und Packen, die zerbrochen auf der Straße lagen, sprachen nur zu deutlich, daß schon Andere dagewesen, die den Inhalt untersucht hatten. Von diesen war zwar keine Spur, als die ihrer Rosse im Wege. Aber auch der Fuhrmann war verschwunden: »Wenn sie den Hedderich mitgeschleppt hätten!« rief Hans Jürgen. Ruprecht schüttelte den Kopf und sah nach dem See: »Junker, lieber Junker! preist Euren Herrn, daß Ihr nicht mitgeritten. Wenn es ehrlich herging, hätten sie ihn an einen Baum gebunden. Ich fürchte, die Sonne, die aufgeht, färbt sich in Blut.«

Er schwieg und horchte wieder. Es schien über den See her in der Luft ein Wimmern zu kommen. »Nein, von da, Ruprecht.« Das Laub raschelte, ein tiefes, gurgelndes Stöhnen kam von ziemlich nahe. Mit einem Satz waren Beide durch die niedrigsten Büsche und dem Seeufer hinab, und zugleich entdeckten sie einen Mann, gebunden und geknebelt am schrägen Ufer liegen: »Vorsichtig!« rief Ruprecht, »sonst kugelt er hinunter. Die haben ihn wie der Teufel gebettet, wenn er sich rührt, plautzt er in's Wasser. Beim Kopf, Junker, fest, dann bind ich ihm die Beine los.«

Der unglückliche Krämer mochte zuerst glauben, daß er auf's Neue in die Hände der unersättlichen Ritter aus dem Stegreif gerathen sei, die zurückgekehrt, um noch etwas zu erpressen. Denn kaum, daß sein Knebel gelöst und die Stricke zerschnitten waren, und sie den Unmächtigen mit ihren kräftigen Armen hinaufgerissen auf die Straße, als er ihnen zu Füßen fiel und bei allen Heiligen schwor, er habe nichts versteckt und Alles offen und ehrlich angezeigt, was er mit sich geführt; sie möchten seines Lebens schonen um seines Weibes und seiner Kinder willen. – Hans Jürgens Gelächter brachte ihn zur Besinnung, wenigstens zeigte es ihm andere Gesichter, als er erwartet hatte. Nun ergoß sich aber seine Zunge in Verwünschungen gegen die schändlichen Räuber, die ihn, den friedlichsten und rechtlichsten Handelsmann von der Welt, hier überfallen, durch ihre Uebermacht bewältigt, dann grausam gemißhandelt, beraubt und in den Zustand zurückgelassen, wie sie ihn fanden. »Ich will verkrummen wie das Eisen in der Schmiede, wie die Buche, wenn der Stellmacher sie biegt, wenn sie mich nicht niedergeschmissen, auf's Gesicht, dann knieten sie auf mir,[124] daß mir das Rückgrat brach, mit Stricken banden sie, mit dem Helfter knebelten sie mich wie ein Pferd. Dann wußte ich nichts mehr von mir.«

Knecht Ruprecht zeigte mit grinsendem Lächeln auf ein Etwas, das Hans Jürgen jetzt erst erkannte und seiner Freude nun kaum Herr ward.

»Curiose Räuber,« rief der Knecht, »die Einen, den sie ausziehen, auch anziehen. Du hast Dich versehen, Claus, das waren keine Räuber, Schneidergesellen waren's, die Dir ein Paar Hosen anmaßen.«

Der arme Mann fühlte jetzt, was es galt. Blaß, die Hände ringend, stotterte er Entschuldigungen über Entschuldigungen vor den neuen Peinigern, die er nun erkannte, und die ihm mit wenigen raschen und unsanften Griffen die Lederhosen abstreiften. Er lag wieder auf den Knieen, während Hans Jürgen die Elennshaut wie eine Wurst zusammenstreifte.

»Das war mein Unglück ja, gestrenge Herren! Mich fror in der Morgenluft, da zog ich sie mir über. Da kamen sie auf mich los, ehe ich wieder zurecht saß. Wer weiß, ob sie mich gekriegt hätten!«

»Aber, wo kriegtest Du die Hosen her, Dieb!«

Wo er hinsah Verderben. Vor ihm Hans Jürgen mit dem Plumpsack, hinter ihm der Knecht. Was konnten sie ihm Schlimmeres thun, da er auf seine Waaren sah. Heulend warf er sich mit dem Gesicht darauf: »Schlagt, tödtet, hängt mich, was Ihr wollt, reißt mir das Herz aus dem Leibe, Ihr könnt nichts mehr ausreißen. Das ist Gerechtigkeit um den alten Plunder! Wollt, ich soll Euch was vorlügen. Ich will nicht lügen, will verdammt sein, wie sie Alle. Ja, ja, ich riß es von der Leine, Berlin ist weit – der Kurfürst ein Kind. 'S wird noch mehr von den Leinen gerissen werden, Meßgewänder und Fürstenmäntel. Wem's gehört, kriegt's nicht wieder. Aber die Gerechtigkeit kommt doch auf Erden. Der Bauer ist geschunden, der gemeine Mann gegerbt. Immerzu, das Schinden und Gerben geht Reih' um.«

Der Wuthausbruch Eines, der keine Hoffnung mehr hat, hat für einen, der auf dieser Erde noch hofft, etwas Überwältigendes! Ruprecht zog sanft seinen Pflegebefohlenen am Arm: »Laßt den, Junker. Er hat seine Strafe. Wer zu stark schlägt, schlägt seine eigene Hand.«

Quelle:
Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow. Vaterländische Romane. Berlin 9[1881], Band 3, S. 113-125.
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