Sechszehntes Kapitel.

Der Befreite und der Gerichtete.

Sechs kurfürstliche Trompeter in ihrer Sonntagslivree und mit silbernen Mundstücken hielten vor dem Mühlenhofe, und vom Mühlendamm, von der Stralower Gasse und den Quergäßchen um Sanct Nicolas kamen sie in Schaaren, um zu sehen, wie der Markgraf den edlen Ritter Götze Bredow mit Ehren aus dem Gefängniß abholen ließ. Auch die Lehns-Vettern kamen auf stattlich geschmückten Pferden, ganz anders trabend als vorhin, da sie in die Stadt einritten. Der Vogt von Hoym hatte Mühe, daß er die Leute nur abhielt vom Gitterthor, die alle den trefflichen Mann mit Augen schauen wollten, der ohne Schuld wie ein Räuber und Mörder gefesselt worden und die Unbill über sich kommen ließ, fromm wie ein Lamm. Kaum ließen sie sich's in ihrer Ungeduld bedeuten, daß der Geistliche noch bei ihm sei, und er zum Unterschiede doch einen Imbiß und Trunk einnehmen müsse, Stadt und Gefängnis; zu Ehren, und da er noch nicht selbst erschien, drängten sie um sein Roß und streichelten es, das, mit Federn und bunten Decken aufgeputzt, von zwei Stallmeistern geführt ward. Einige meinten, das sei noch nicht genug, der Kurfürst hätte selbst kommen müssen, ihn abzuholen, und nicht aus der Stadt hinaus müßte er solchen Mann mit Ehren geleiten lassen, sondern zu sich in's Schloß und dort eine Woche lang traktiren. Das waren ehrenwerthe Bürger, die es meinten, und von den Ritterbürtigen nickte Mancher dazu: Er hätte auch mehr thun können!

Von alledem sah, hörte und dachte der nichts, den es anging.

»Den Seinen giebt er's im Schlafe«, hatte der Dechant gesagt.

Das erinnerte Herrn Gottfried daran, daß er geschlafen[186] hatte. Man hätte eher daran zweifeln können, ob er wirklich schon erwacht sei.

»Wie kam's denn nun aber?«

»Wer sich selbst erhebt, der wird erniedrigt werden, aber wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöhet werden. Grade dadurch, mein werther Ritter, daß Ihr Euch hergabt seinem Willen, wie ein Kind, das den Vater walten läßt, weil es weiß, daß der Vater Alles doch am besten macht, Eures blinden Glaubens willen hat Euch der Herr gerettet. Ja, wenn Ihr auf weltliche Klugheit gelauscht, wenn Ihr den Advokaten angenommen, den Euch Euer Schwager schickte, da hättet Ihr geleugnet, bestritten, da wäret Ihr verhört worden, wer steht dafür, daß Ihr nicht gar peinlich befragt wärt, und Ihr läget vielleicht jetzt unten im Thurm, auf faulem Stroh, Gott weiß, wo es noch ein Ende nähme. Aber Ihr wähltet das bessere Theil, Ihr gabt Euch Gott an Heim in den bangen Zweifeln Eurer Seele, die Kirche riefet Ihr um Hülfe an, und das Wunder war geschehen.«

»Ein Wunder!«

»Ihr könnt doch nicht daran zweifeln? Bei solchen Beweisen, bei Eurem eignen Eingeständniß –«

»Ich hätt's eingestanden!«

Der Dechant warf ihm einen Blick zu, den Herr Götz nicht ertrug: »Die Kirche hat Mitleid mit den Schwachen. Lese ich nicht, was Satan Euch jetzt in's Ohr flüstert! ein Anderer hätte es Euch eingeredet, so zu thun. Das wolltet Ihr mir eben antworten: man hätte so lange zu Euch geredet, bis Ihr nicht aus- und ein gewußt, da hättet Ihr unterschrieben und wüßtet gar nicht wie Ihr dazu kamt. Nicht wahr, so flüsterte er Euch in's Ohr, und Eure Lippen öffneten sich schon, es nachzusprechen. Forderte er Euch nicht auf, mich anzuklagen? – Die Röthe Eures Gesichts sagt Ja. Wacht auf endlich! O lieber Herr, weist den Verführer fort, der die Sündigen immer sprechen läßt: Ich war unschuldig, aber der hat's gethan! Aus diesen Ketten seid Ihr los; fragt nicht warum? wie so? woher? Das sind die kleinen Krallen und Haken des Verderbers, mit denen er die Geretteten wieder langsam an sich zieht. Aus diesen Banden seid Ihr los, wißt Ihr, in welche neue er Euch reißt? Nur der bleibt frei, der sich ganz gefangen giebt dem Willen des himmlischen Vaters, wie ihn die Kirche erklärt. Darum, mein lieber, theurer Herr von Bredow, laßt all das Andre hinter Euch, denkt nur an das vor Euch, wie Ihr mit gerührtem Herzen dem Ewigen danken wollt für das wunderbare Werk[187] der Rettung, wie ein Strahl der Gnade grade den Lindenberger –«

»Sagt mal, Dechant, der Lindenberger: I der Tausend, wer hätt's gedacht!«

»Das ist gar nicht an Euch! Grübelt nicht nach über eines Andern Schuld. Ach! hat nicht mit seiner eigenen Rechtfertigung der wahre Gläubige so viel zu thun, daß er eigentlich nie damit fertig wird, daß er noch Andere anrufen muß, ihm zu helfen. Schütten wir nun zusammen unser gerührtes Herz aus in einem brünstigen Gebet zu den heiligen Fürsprechern.«

Dieses Gebet war vorüber, und man muß sagen, Herr Gottfried, als er einmal auf den Knien lag, hatte recht inbrünstig gebetet.

»Der beredete Quell, der von Euren Lippen strömte, sagte mir, daß Satan sich nun nicht wieder nähern darf! Möchte ich doch auch fast die Gelöbnisse lesen, die aus Eurer befreiten Seele aufsteigen. Ja, theurer Herr von Bredow, die Zeiten sind vorüber, wo es den frommen Ritter, wenn er aus schwerer Drangsal erlöst war, nach Jerusalem zog. Für das Kreuz stehen keine Kreuzfahrer mehr auf. In Euren Jahren, bei der ansehnlichen Beleibtheit, mit der Gott Euch bedachte, möchte Euch auch das Pilgern nach dem heißen Lande beschwerlich fallen.«

»Ich pilgern!«

»Ich rathe es Euch auch nicht. Ihr müßt Euch den Eurigen erhalten. Was würde der lange Abschied die gute Frau Brigitte Thränen kosten. Wäre es noch eine kleinere Pilgerfahrt nach Wilsnack.«

»Pilger sind Tagediebe.«

»Gewissermaßen. Auch ist das heilige Blut in Wilsnack leider in Verruf, seit der Erzketzer Huß sein Buch dagegen schrieb. Das ist das Betrübte, daß eine jede Ketzerei, wie man auch meint sie ausgetilgt zu haben, immer doch etwas Gift zurückläßt. Nun ist Huß zwar, durch Gottes Gnade, verbrannt, aber haben nicht die Zweifel, die er hingestreut hat über das Wunder zu Wilsnack, so gewuchert, daß, man muß es mit Bedauern sagen, selbst der heilige Vater sich veranlaßt sah, die Andacht davor zu verbieten. Das Städchen hatte so hübschen Verdienst, und er blieb im Lande.«

»Ja, dazumal schnappten Viele nach der Pfründe.«

»Die Opferstöcke werden überall immer leerer, die Gottlosigkeit nimmt zu. Ich wollte Euch auch nicht anrathen, lieber Ritter, wie Mancher in Eurer Lage thäte, einen Stellvertreter[188] nach Jerusalem zu schicken. Das ist nur halbes Werk, kostet sehr viel Geld, und wer weiß, ob der Mensch nicht schon unterwegs die Zehrung verpraßt und vertrinkt.«

Darin war Herr Götz ganz einer Meinung mit dem Dechanten.

»Was Ihr gebt, müßt Ihr durch sichere Hände gehen lassen. Es wird jetzt durch alle christliche Länder zur Restitution des Tempels in Jerusalem gesammelt; der allerchristlichste König hat es beim Großtürken durchgesetzt. Ihr braucht Eure Scherflein nur nach Brandenburg zu schicken; wir sammeln auch am Dome.«

Herr Götz warf einen eignen fragenden Seitenblick auf den Sprecher: »Nach Jerusalem? Das bleibt ja nicht im Lande?«

»Freilich nicht, indessen –«

Es schien, als habe Herr Götz mit einem Male den Schlaf abgeschüttelt. Er sah fast pfiffig den Geistlichen an: »Es bleibt doch Manches im Kasten kleben in Brandenburg, nicht wahr? Da ist's besser, ich schick's gar nicht erst nach Jerusalem.«

»Wenn ich Euch riethe, eine neue Lampe in unserm Dome zu stiften, sähe es wie Eigennutz von mir aus. Aber wir finden schon etwas zur Beruhigung Eures Gewissens. Das fällt mir ein, es thun sich in Rom fromme Leute zusammen, die das Kreuz den Heiden predigen wollen in der neu entdeckten Welt und in Asien. Für diese Bekehrer wird gesammelt. Was müssen sie leiden, diese heiligen Männer, unter den Teufelsdienern: Qualen, Martertode, Hitze, Kälte, Hunger und Durst. Wenn wir nur an ihr Dürsten in der Wüste bei jedem Becher dächten, ach mein Herr von Bredow, der Tropfen Wein würde uns auf den Lippen zum Gifte. Wer spendet da nicht aus vollem Herzen, was er kann. Was Ihr geben wollt –«

»Will's mit meiner Frau überschlagen.«

»Die gute Frau, wenn sie nur die Noth dort kennte, wie sie barfuß durch den glühenden Sand laufen müssen, die armen Kindlein zu ihrem Heil, sie zöge ihre eignen Strümpfe aus.«

»Barfuß?«

»Alle barfuß, die in Indien und bei den Tartaren, und wollen Christen werden! Ist das nicht schrecklich?«

»Laufen bei uns auch genug ohne Strümpfe rum.«

»Die gute Frau von Bredow wird gewiß ein hübsches Päckchen schnüren, aber es braucht auch Geld, und mein Freund Götz wird gewiß mit Freuden –«[189]

»Ne,« sagte Herr von Bredow, mit einem ganz besonderen Lächeln den Dechanten anschielend, »dazu geb' ich nichts.«

»Gar nichts, ei, mein theurer –«

»Wollen erst warten bis die Jungen und Mädel bei uns im Dorfe Strümpfe haben. Aber wißt Ihr was, Dechant? – Wollen Eins mit einander trinken auf das Wohlsein der armen Leute, die da dürften, auch auf die, die barfuß laufen.«

Aber der Dechant trank diesmal nicht mit dem Ritter, den der Voigt von Hoym in die Halle geführt, wo der Imbiß für ihn angerichtet stand. Herr Götz aß und trank allein, was indeß seinem Appetit gar keinen Abbruch zu thun schien. Zwar war Herr Götz der Meinung, daß gute Gesellschaft zu einer guten Mahlzeit sich schicke, wenn aber eines von beiden fehlen sollte, hielt er dafür, daß man darum die Mahlzeit nicht im Stich lassen muß, weil die Gesellschaft uns im Stich gelassen hat. Er ließ es sich vielmehr wie ein rechtschaffener Mann schmecken, der nicht absieht, warum Einer, der schwer gekränkt ist, drum noch hungern soll.

Der Voigt von Hoym aber sah wie Einer aus, dem ein Leidwesen widerfahren und er kann sich noch nicht fassen:

»Bitt' Euch um aller Heiligen Willen, und der Lindenberger?«

Der Dechant zuckte die Achseln.

»Solch ein Herr, und hat's eingestanden?«

»Er dürft' es doch nicht auf' die Beweisprobe ankommen lassen! Der Krämer war schon bereit dazu mit seinen Zähnen!«

»Mir gehts wie ein Mühlrad im Kopf rum. Der Lindenberg war doch so eigentlich Alles.«

»Und ist nun weniger als nichts.«

»Ich bitt' Euch, was soll draus werden! Wen er befahl, steckte ich ein, wen er loslassen wollte, ich ließ ihn los. Ich wußte, ich that immer recht. Der kurfürstliche Befehl kam hinterdrein. Hatte mich so hineingefunden in seine Art und Launen. Und nun soll's wieder anders werden! Wer meint man denn, daß dran kommt?«

»Man will behaupten, der Kurfürst wolle allein regieren.«

Mit einem verwunderten Blicke sah der Voigt ihn an: »Ihr wollt es mir nicht sagen. Lieber Herr Dechant, ich bin ein alter Mann, möchte auch in Ruhe leben; bitt Euch, gebt mir aus alter Freundschaft 'nen Wink, wenn Ihr's erfahrt. Einmal geht's noch, einmal find ich mich noch zurecht, aber[190] wenn's wieder und wieder wechseln sollte – das wär zu viel. Aber was Ihr sagt, er wollte allein steh'n, hochwürdiger Herr, dazu bin ich zu alt, um's zu glauben. Einer muß doch sein, der's für den Fürsten thut, und hinter ihm steht, ob er nun Hinz heißt oder Kunz, ob er's grob oder fein, heimlich thut oder vor aller Welt; Einer thut's, Einer ist's. An Einen muß man sich halten können, und wenn Jeder es weiß, ist's besser, als wenn Jeder es rathen muß.«

»Das ist ein braver Mann!« – »So müßten alle Ritter sein!« riefen die Bürger Herrn Gottfried noch lange nach, wenn sie ihn mit lautem Zuruf und Mützenschwenken begrüßt hatten. Durch alle Hauptgassen beider Städte ging der Zug, und die sechs Trompeter schmetterten in die Luft, daß es für alle Bredow's wie eine Hochzeit war. Nur einmal hieß Herr Gottfried sie inne halten, als ein Wagen vorüber fuhr, in dem ein Gefangener auf Stroh saß. Der Herr Lindenberg ward nach dem Schloß gebracht, der Eine, geschlossen und bewacht, zu Verhör und Gericht, der Andere, mit Freunden und Musikern, zu Ehren und Freiheit. So begegnen sich Menschen wohl öfters im Leben; der früher den Hut zog und tief sich bückte, geht aufrecht und nickte kaum, und der sonst den Kopf im Nacken trug, schleicht, das Kinn in der Brust, froh, wenn der Andere ihn nicht erkennt. Götze Bredow hatte den Lindenberg nie gemocht, aber ihm schien's unrecht, daß Einer sich laut freue, wenn ein Anderer tief trauert. Darum hieß er die Trompeter schweigen und hob sich im Sattel, und hielt den Hut gelüftet, bis der Wagen vorüber war. Der Lindenberger grüßte nicht wieder.

Vor ihrem Haus am hohen Steinweg hielt die Sippschaft an. Da ward Herrn Gottfried ein Ehrentrunk aus goldenem Pokal gereicht, und der alte Bodo schüttelte ihm die Hand und sagte, daß er sich herzlich freue. Die jüngern Vettern und die Trompeter gaben ihm aber noch das Geleit zum Spandauer Thor hinaus bis an's Weichbild der Stadt. Er hatte gedacht noch heut Abend bis Ziatz zu kommen, aber jeder Vetter verlangte und er mußte es versprechen, daß er bei ihm einspreche. Da dachte er, Frau Brigitte wird wohl warten müssen bis morgen. Wer bei allen Bredows im Havellande einsprechen will, der kommt auch morgen und übermorgen nicht nach Haus.[191]

Der alte Schlieben hatte es nicht gut geheißen, daß der Kurfürst den Ritter Lindenberg noch einmal sehe, er wollte ihn denn nicht richten lassen. Des Fürsten Angesicht und Zuspruch sei für den Verbrecher Gnade. Er hatte eifrig widersprochen, wie es eines guten Dieners Pflicht ist; Joachim hatte ihn ruhig angehört: »Hast Du nun ausgesprochen?« – »Ich hab's, gnädiger Herr, und da Ihr ihn richten wollt, könnt Ihr ihn nicht vor Euch lassen.« – »Er ist gerichtet,« antwortete Joachim, und ein seltsames Lächeln lag auf seinen Lippen, und sein Blick war der, den der alte Rath gar nicht mochte, als er die Hand auf die Brust schlug. »Aber ich will's!«

Der Lindenberger stand unfern der Thür, wo er eingetreten, der Kurfürst an seinem Sessel, die Arme verschränkt. Als er zu ihm sprach, waren seine Blicke halb zum Fenster, halb auf die Wand gerichtet.

»Ich ließ Dich rufen, damit Du mich nicht anklagst, daß ich einen alten Freund ungehört von mir stieß.«

»Von meinem Herrn und Kurfürsten konnt ich mich deß versehn.«

Joachim unterbrach ihn: »Das Recht geht seinen Weg, täusche Dich nicht. Nur dem Freunde von ehemals gestattet der Freund von ehemals ein letztes Wort.«

»Dies Band mußte gesprengt werden, gnädigster Herr. Meine Ahnung trog mich nicht. Es lastete etwas seit Wochen auf meiner Brust. – Doch nichts davon! Mein Glück war zu groß, der Neid zu mächtig.«

Joachim warf ihm einen ernsten Blick über die Schulter zu: »Ich ließ Dich rufen, damit Du Dich vertheidigen könntest. Vor mir, nicht vor dem Gesetz.«

»Vor dem hab' ich gefehlt. Fern sei es, wie ein gemeiner Sünder leugnen zu wollen. Das ist das Arge in dieser Welt, das Einer vor sich im Rechte sein kann, und doch vor dem Gesetze sündigt.«

»Bist Du's vor Dir, sollst Du's vor mir sein.«

»Um gerecht zu werden vor Joachim dem Gerechten, müßte ich mit viel Besserem als einem Fastnachtsschwank sein Ohr ermüden. Mein gnädiger Herr kennt den Bredow, den Gottfried mein ich. Daß ich ihm von der landkundigen Geschichte erzählen muß, von seinen Elennshosen! Wäre mir scherzhaft zu Muthe, sagte ich, von ihm könne man nicht sagen, sein Herz steckt in den Hosen, weil der ganze Mann drin streckt. Ich will ihn gewiß nicht verreden; er ist ein trefflicher Mann; aber wer[192] schützt uns vor einer Grille, einer Schrulle! Und das Verdrießlichste, daß solche Grille anstecken anstecken kann! Ihm sind sie ein Talisman, sein Amulet, wie anderen Familien ein Waffenstück, ein Ring, ein Becher, eine alte Fahne. Nein gnädigster Herr, gewiß, wenn ich ernsthaft darüber nachdenke, weiß ich keinen Zusammenhang zu finden zwischen leblosen Gegenständen und dem Schicksal, das unser Herr Gott und die Heiligen über uns bestimmt.«

»Um Kindermährchen stehst Du nicht hier.«

»Ach gnädigster Herr, sind wir nicht Alle zuweilen Kinder; unser Sinn klebt sich an ein Spielzeug. Wir meinen zu vergehen, wenn es uns fehlt. Gottfried Bredow könnte uns Allen eine Mahnung sein an die eigne Schwäche. Was Andern eine Puppe, ein Spielzeug ist, ein Wahn, dem jagen wir nach. Hättet Ihr nur den Wirrwar gesehen, die Bestürzung –«

»Wo?«

»Vergebt, ich rede in Sprüngen. Mein Blut ist noch erhitzt von dem Gedanken, in falschem Licht vor meinem Fürsten zu erscheinen. In Ziatz war's. Sie waren ihm gestohlen, auf der Wäsche, glaub' ich. Er schlief; Ihr hättet sie zittern sehen sollen, die wackere Frau, die armen Töchter, wenn er erwachte, ehe sie wieder da waren. Ich gestehe es war dumm von mir. Man hatte mir stark zugetrunken; der Wein, die Erschöpfung, die Nacht; ehe ich es wußte, saß ich auf dem Sattel, und dem Dieb nach. – Vernünftige Leute würden sagen, ich handelte unvernünftig, das Alles hätte ich Andern überlassen können, und dann wäre das und auch das nicht nöthig gewesen, und das gar unrecht. Diese vernünftigen Leute sollen in ihrem Recht bleiben, und ich im Unrecht. Aber die Hitze hat mich übermannt; auch der Aerger, ich leugne es nicht, über diesen Lumpenkrämer, der in Saarmund mit meinem Herrn sich zu handeln unterstand. Ja der Schurke zählt noch das Geld nach, er fühlte heimlich ob die Silberstücke gerändert waren. Himmel und Hölle, es überlief mich da schon, daß ich fast meines gnädigen Fürsten Gegenwart vergessen und ihm ins Gesicht geschlagen hätte. Ich weiß, das wär' ein Frevel gegen die Majestät gewesen, aber ich habe Tage, wo es überkocht.«

»Ist das Deine Vertheidigung?«

»Ich könnte noch von einem Spuk erzählen, es klänge aber zu albern.«

»Was Dich vertheidigen kann, sprich.«

»Seit ich mich bei Beelitz verirrte, gaukelte um mich ein[193] fataler Spuk. An jedem Ast, wo ich hinsah, hing, Thorheit! aber Ihr befehlt's zu sagen, das Kleid, was dem guten Götz gestohlen ist. Ich konnte mich täuschen, aber auch mein Pferd scheute. Ich riß es um, über die Haide, da flatterte es drüben an einer Kiefer. Ich wollte lachen, aber ich mußte zittern. Weiß Gott, ich hatte damals noch keine Ahnung von dem, was in Ziatz sich ereignet. Sollte es nur eine Vision gewesen sein! Ich habe nie viel an Zeichen geglaubt, aber –«

»Lindenberg, ist das Deine ganze Verteidigung?«

»Ich erwarte mein Gericht.«

»Du hast Dich selbst gerichtet. Die Hosen hast Du dem Schelm gelassen; sein Geld nahmst Du mit.«

Der Kurfürst sah nicht die Blässe, die Lindenberg's Gesicht überzog, nicht wie die erzwungene Fassung ihn verließ, wie die Glieder zitterten. Er hatte sich in den Armstuhl geworfen und bedeckte mit den Händen sein Gesicht. Der Verurtheilte versuchte noch Unzusammenhängendes zu stammeln. Plötzlich verstummte er und stürzte auf die Knie: »Gnade!«

Als er die Augen aufschlug, stand Joachim drei Schritt vor ihm, und der kälteste Blick aus den blauen Augen sagte dasselbe, was der Mund jetzt tonlos sprach: »Von Gnade ist nichts zwischen uns; Du wirst büßen den Lohn, den Du verdient. Stehe auf.«

Lindenberg sprang auf: »Ernst?«

»Hab' ich je mit Dir gespielt?«

»Wozu riefst Du mich?«

»Daß Du Dich, daß Du mich vor Dir und mir vertheidigtest.«

»Himmels Donner und Blitze, ich will's nicht glauben, ich kann es nicht glauben. Um die Lumperei –«

»Stirbst Du als Straßenräuber.«

»Und Du –«

»Drei Schritt zurück, Herr von Lindenberg.«

»Und aus dem tiefsten Keller Deines Thurmes schrei' ich Dir's zu; es soll durch dicke Mauern in Deine Ohren gellen: Das wage nicht! Du bist zu jung, wir sind zu alt. Das hätte Dein Vater nicht gewagt, und Johannes durfte viel wagen. Zog ich mein Schwert, Pflanzt ich auf das Banner der Empörung? Brach ich in eine Stadt? – Züchtige die Banden, strafe die gegen Dich rüsten und Pechkränze in die Städte schleudern, aber –«

»Laß ungestraft die Wegelagerer, wenn meine Geheimräthe[194] darunter sind. Ich bin nicht gesonnen, darüber mit Dir zu streiten.«

»Es werden Andere für mich streiten. Das ist unerhört! Um einen Schelm, einen Betrüger, um das freche Gesindel, diese Hausirer, diese Bauernschinder, diese Plage des Landes; um den Kitzel eines tollen Augenblicks –«

»Um der Gerechtigkeit willen.«

»Ein lebloses Wort, das nicht Fleisch, nicht Blut, eine dürre Blase, in die man haucht, was man Lust hat.«

»Genug, Herr von Lindenberg! Deiner Todesangst sei die freche Drohung verziehen.«

»Gerechtigkeit! Bei meinem Schutzpatron, wer schreit nach Gerechtigkeit, und Ihr seid taub? Wir? Nun ist's heraus, Mann gegen Mann, Mund gegen Mund. Bilde Dir nicht ein, Joachim, daß Du es so zwingst. Um eines Krämers willen, Edelmanns Blut! Wo ist die Gerechtigkeit, Das schwarze Blut, das allerwegs kocht, hat sich wieder gesammelt seit dem Cremmer Damm. Es wartet nur auf einen Ausbruch. Das ist zuviel, das ertragen sie nicht. Beim allmächtigen Gott, ich spreche jetzt als Dein Freund. Damals krachte die faule Grete Mauern auseinander; wir gewöhnten unser Ohr daran. Treibst Du's auf die Spitze, so kann Anderes krachen. Scheuche Spatze mit einem Pustrohr, aber zitt're, wenn Männer aufstehen.«

»Ich werde ihnen in's Gesicht sehen. – Hast Du nicht mehr zu sprechen?«

»Was Deine Ohren kitzelt? Nein! – Soll schön reden, daß es eine tragische Action gäbe, daß es Deinem Ohr schmeichelte, daß die Wimper naß würde, und Du, mit dem Finger sie streichend, Dir sagen könntest: Du wärst gerührt worden. Ich will Dich nicht rühren; ich will nicht die Maus sein, mit der die Katze spielt, ehe sie sie erwürgt.«

»Das wär' ja nur Vergeltung, Lindenberg, für das lange Spiel, das Du mit mir gespielt.«

»Verflucht der Augenblick, wo ich's anfing!«

»Mutter Gottes und Ihr Heiligen Alle, so gestehst Du's – Alle Deine schönen, tönenden Reden –«

»Waren der Widerhall von Deinen.«

»Beim Blut des Erlösers, so schamlos verdammst Du Dich selbst.«

»Ich war ein Mensch, Du bist ein Fürst. Prätendirst Du Anderes?«

»Ich wollte Wahrheit hören.«[195]

»Das sagen Alle. Die Wahrheit ist ein bitterer Trank, schon für den gewöhnlichen Menschen, was mehr für Einen, der mit Schmeichelliedern eingelullt und mit Schmeichelliedern geweckt wird. Einmal, zweimal wagt man's. Wird man angefahren, sieht man das saure Gesicht, dann überzuckert man die bittere Pille, bis man den verwöhnten Kindern den Zucker allein giebt. Wir athmen nur ein Mal; ein Thor, wer sich die Spanne Zeit vergällen wollte, wenn er mit der Lüge süßen Sonnenschein erkauft.«

Joachim war wieder auf den Stuhl gesunken, und wieder verbarg er sein Gesicht: »Seine Puppe – ein Spielball in der Hand eines herzlosen Betrügers!«

»Verlange nicht Herzen, wo Du Gehorsam willst für Grillen. Schneide Dir Günstlinge, aus welchem Holz es ist, knete sie Dir, aus welchem Thon Dir behagt. Ein Günstling bleibt das Geschöpf des Meisters. Er wird pfeifen, blasen, athmen, sprechen, blicken, wie es dem Herrn gefällt, bis er selbst Herr wird. Glaubte es schon da zu sein, bis ein unbewachter Augenblick mich um die Frucht der langen Arbeit brachte. –«

»Bis das zähnefletschende Thier zum Herrn ward über den gleißenden Betrüger.«

»Sei's! Meinst Du, ich wollte um nichts bei Dir dienen! Die lange Qual, die es mich kostete, schön zu reden, lieblich zu duften, immer tugendhaft geschniegelt zu denken, die Glieder und Gedanken zu strecken auf ein Folterbett, das japste einmal nach Erholung. Nun ist's vorüber.«

»Schäume aus die Rohheit. Mir wird wohl, daß ich endlich Wahrheit höre.«

»Willst weiden Dich an Deiner eigenen Vollkommenheit, während Du Einen siehst den Träbern nachgehen, weil seine Natur ihn trieb. Aber vermeine nicht, wenn Du mich los bist, wär'st Du frei. Nur vielleicht auf einen Klügern stößt Du, der zäher ist, und länger in die Schule ging, als ich, daß er sich auch im Schlaf bewacht. Wahrheit willst Du? Sprich es nur aus, und er wird Dein Ohr mit plumper nackter Wahrheit, wie Du sie wünschest, täglich bewerfen. Frömmigkeit? O sie werden in die Messe stürzen – vor Deinen Fenstern nämlich; ihre Reden werden duften von Gottseligkeit, werden schaudern vor jedem gottlosen Wort, nämlich, wenn Du es siehst. Nichts leichter, als einen Fürsten betrügen, weil er immer betrogen sein will. Mein Gängelband riß ab, weil's an eine scharfe Ecke streifte. Ein Anderer wird es schlaffer halten und desto sicherer.«[196]

»Nein, Lindenberg, ich gehe fortan allein. – Lache nur in Dich. Der Herr des Weltalls, der die Würde auf meine Stirn drückte, wird mir auch die Kraft verleihen. Keinem mehr will ich trauen, ich werde mein eigener Rath sein.«

»Da wirst Du erst recht betrogen werden. Ja, wär'st Du Dein Vater Johannes mit seinem Fischblut. Der nahm auch die Miene an, als achte er nicht auf unsere Reden; in der Stille horchte er und wußte Alles. Er ging seinen graben Weg, und leckte nicht gegen den Stachel; damit zwang er uns. Du hast Blut und Passionen, Visionen und Missionen, möchtest über unsere Köpfe spazieren geh'n, Dich zu freuen an Deiner Höhe und unserer Niedrigkeit. Was nicht Alles besseres möchtest Du aus uns machen, nur nicht, was wir sind und bleiben wollen, Märker. Der Topf ist ausgeschüttet, nun kein Blatt mehr vor dem Mund. Meinst Du, daß Einer von uns an Deinem Spielzeug Lust hat? Wenn er die Zunge spitzt, um entzückt zu reden, sag ihm dreist auf den Kopf: Du lügst! Ruf mich zum Zeugen! Uns schiert nicht Deine lateinische Gelehrsamkeit, Deine Universitäten, Deine Zollordnungen, Deine Kammergerichte, Erbconstitution, und was Alles in Deinem Kopfe rumgeht; das mag gut sein, wo die Leute danach verlangen, in unserm Stande wächst kein Strohhalm mehr davon. Wer die Märker rumkriegen will, muß selbst ein Märker sein, ein Fleisch, ein Blut; er muß mit ihnen schlagen und schlafen, auf ihren Schildern kann er sich tragen lassen, aber er muß auch mit ihnen zechen und schwatzen, mit ihnen lustig sein und traurig und sich nicht für zu hoch halten, daß er nicht auch mit ihnen irrt und sündigt.«

»Wird Deine Schuld geringer, wenn Du einen Andern anklagst?«

»'S ist Jeder unterthan seiner Grille. Wer sein Müthchen kühlt, handelt recht vor sich; wer's durchsetzen kann vor den Andern. Du strebst nach hohen Dingen, ich nach geringen. Du gehst dem Wahn nach, Dein Volk zu corrigiren, ich dem Kitzel, daß ich nach eines Bettlers Ranzen griff. Ich seh' nur einen Unterschied zwischen Dir und mir. Ich soll es büßen mit dem Hals, für Dich büßt Dein Volk.«

Joachim stand auf. Es war ohne Leidenschaft, was er sprach, kein Zorn lag in seinem Blicke, mit dem er aushaltend den Andern anschaute:

»So willst Du vor mir scheinen, jetzt, wie Du damals auch nur vor mir schienst. Was bist Du? – Das laß mich wissen, ehe wir scheiden. Deine Verteidigung ist schlechter als[197] Deine That; ich will ein besserer Defensor sein: daran magst Du die Liebe erkennen, die Du mißbrauchtest. Auch die Lüge ist eine Lehrmeisterin. Wer so geschickt wie Du in ein besseres Selbst sich hineinlog, bekommt doch von dem Edleren einen Abgeschmack. Er kehrt nicht wieder freiwillig zur alten Rohheit zurück. Unwillkürlich impft sich ein die feinere Sitte, der adlige Gedanke. Ist's nicht das Herz, so arbeitet doch der Verstand, der Stolz, er dünkt sich besser als die Andern. Lindenberg, Du kannst es wieder gut machen; laß mir ein besseres Bild von Dir zurück. Wenn abendlich Dein Schatten an der grauen Mauer dort vorübergleitet, wenn ich noch lausche auf die Tritte, die Wendeltreppe herauf, – laß mich dann zu mir sprechen dürfen: Er hatte ein besseres Loos verdient! Laß nicht den giftigen Wurm zurück, daß ich so grauenhaft, so entsetzlich mich täuschte.«

Lindenberg schwieg.

»Wir sind alle Kinder der Sünde ohne die Heiligung, die nicht von uns kommt. Widerrufe es, was Du sprachst. Du warst besser, Deinen Verstand ruf ich als Richter an. Wilkin, es ist unmöglich, wer, wie Du, in Sitte und Bildung über ihnen allen stand! Nur in einer unbewachten Stunde brach das Thier, die Bestie, heraus. Sage Ja.«

»Soll das Bekenntniß die Brücke zur Gnade sein? Wer fühlt nicht Lust zum Leben –«

»Mit dem schließ ab. Das ist und bleibt verwirkt.«

»Dann bekehre, wer Lust hat, sich bekehren zu lassen. Meinen Henker mag ich nicht zum Beichtvater. Was ich that, ich will's nicht loben, aber bereuen auch nicht, nicht vor Dir. Du greifst in unsere Rechte, ärger als Deine Väter. Das gehört nicht hierher, aber kannst Du Dich wundern, wenn wir ausschlagen? Das Gesindel willst Du begünstigen auf unsere Kosten, auf wohlfeile Art zum Ruhme des Gerechten kommen. Da Du uns zu stark, werfen wir uns auf Deine Schützlinge. Meinen Verstand rufst Du an, der sagt mir, daß Jeder recht thut, der nicht schlechter, noch besser handelt, als seine Genossen! Möglich, daß eine Zeit kommt, wo sie anders denken, ich lebe in meiner; ich that, was da unter den Guten nicht für schlecht gilt. Ein Thor, wer besser sein will. Die Zukunft gehört andern Geschlechtern.«

»Und Du sündigst in sie hinein. Mein Herz schlug warm, mein Arm war weich. Ich hoffte, ich glaubte. Du hast den Glauben mir ausgerissen. Nach Dir, nie kann ich Jemand mein[198] volles, heiliges Vertrauen wieder schenken. Wenn ich die Arme verlangend ausstrecke nach Einem, dessen Geist in seinen edlen Zügen zu leuchten, auf seinen beredten Lippen zu schweben scheint, wird Dein Gespenst drohend dazwischen aufschießen. Ich werde Euch bändigen, Euer Trotz soll ohnmächtig sich krümmen unter meinen Füßen, denn mit mir ist Gott; aber des Sieges werde ich mich nicht freuen, ich habe Keinen, mit dem ich mich freue. Mein Argwohn wird die verwunden, die es wirklich gut meinen, Du trägst die Schuld. Eine Eiskruste wird sich mit den Jahren um meine Brust lagern, die warmen Gefühle, wenn sie noch aufsprudeln, werden nicht mehr durchdringen. Ich werde verdrießlich, hart, vielleicht ungerecht scheinen, vielleicht es sein. Ich, der sein ganzes Dasein aushauchen wollte für das Glück seines Volkes, werde nicht geliebt, nur gefürchtet werden. Von ihnen nicht verstanden, vielleicht sie nicht verstehend, werde ich auffahrend, jähzornig, ich kann ein Tyrann werden. Es ist Dein Werk!«

»Dank für den bittern Trank, den Du mir mitgiebst auf meinen letzten Gang. Der Lohn für all die süßen Stunden, wo ich mein Hirn quälte, die Sorgen von Deiner Stirn zu schwatzen.«

»Dafür den Lohn!«

»Ich könnt's Dir wieder eingeben, einen so bittern Trunk, Dein Leben lang sollte er jeden süßen Becher Wein vergällen. Warum griffst Du mich heraus? Bin ich der Einzige, der Nachts satteln läßt, die Kappe über's Gesicht, auf die Straße reitet! Leg' Dein Ohr auf die Schwelle, schleiche in den Gängen Deines Schlosses um und horche an den Thüren, wo sie ihre Klingen wetzen, horche auf ihr Gespräch, mit welchem Ehrennamen sie Dich nennen! Nennen könnte ich – ich will's Dir zu rathen geben. Das mein Gegengift!«

»Lindenberg!« rief der Fürst ihn von der Thür zurück.

»Ich habe nichts mehr zu sagen.«

»Ich zu fragen. Hast Du Mitschuldige?«

Der Ritter schwieg einen Augenblick: »Nein!«

»Du hattest sie!«

»Es lohnt nicht, sie zu nennen. Die blasse Furcht schlottert in ihren Gliedern. Von denen hast Du nichts zu fürchten. Laß sie laufen. Ich will reine Luft auf dem sauren Weg.«

»Gar nichts hättest Du mir zu sagen, keinen Auftrag, keinen Wunsch?«

»Was soll's? Habe nicht Weib, nicht Kind, was geht mich[199] das an, – was hinter mir bleibt! – Und doch noch etwas. Allein willst Du stehen, auf Niemand hören, weil Einer, Zwei, Drei Dich täuschten! Wer ist denn so überreich an Gottesgnaden, daß er den Hauch der Lüfte nicht braucht, der ihm Athem zubläst, daß er die Farben der Blumen, das Grün der Wiesen nicht ansieht, nicht das Blau des Firmamentes, weil es Täuschung der Sinne ist! Wo willst Du die Wahrheit suchen, die, mein' ich, die Du unter Deinem Volke brauchst? Einen verwirfst Du nach dem Andern, weil er nicht die Wahrheit spricht, die Du willst. Der redet Dir zu frech, der zu sclavisch, der nur zu seinem Vortheil, der versteht Deine hohen Intentionen nicht, der geht nicht oft genug in die Messe, der ein Thor, der ein Schwärmer; weiß ich's, was Du an Jedem auszusetzen hast, bis Du, wie die Schöne, der kein Freier gefällt, weil sie sich für zu schön hält, zuletzt den ersten besten auf der Straße aufgreifst. Den Adel stößt Du vor den Kopf, er ist zu eigenwillig; dem Bürger zeigst Du ein kraus Gesicht, weil er anders möchte, als Du willst; den Clerus möchtest Du bessern, aber er will nicht gebessert sein. Was ist denn Dein Volk? Was bleibt davon, wenn Du Einem nach dem Andern davon ausstreichst? Werden Deine lateinischen Freunde aus der Fremde Dir helfen, wenn Du nicht aus und ein weißt? Sie verstehen ja nicht unsre Sprache! Wenn sie zittern wie Espenlaub und keiner ihrer Zaubersprüche mehr hilft, wen wirst Du anrufen?«

»Einen!«

»Der giebt uns Augen zum Sehen und Ohren zum Hören. Durch Wunder redet er nicht mehr zu den Brandenburgern. Du wolltest nicht hören, nicht sehen, wo's an der Zeit war, nun wirst Du horchen und lauschen müssen auf den Schatten an der Wand, auf den Wind, der um die Ecke kommt. Die zu rechter Zeit den Mund aufthaten, denen schlossest Du ihn; dafür wird das Gesindel Dich umsurren! Denn irgendwoher muß doch auch den Fürsten Kunde zukommen. Die Angeber, die Heimlichen, denen ist ein Regent verfallen, der sich so gut und klug dünkt, daß er nur auf sich hört. Deren Beute wirst Du, die wie der Mehlthau auf ein frisches Saatfeld fallen, es ist zerfressen, und wer faßt ihn, wer bezahlt den Schaden! Dann, Joachim, wenn Alle schweigen, die hätten reden sollen, denke an Einen, den Du im Zorn von Dir stießest, er sprach, was Dir nicht gefiel, er sprach nicht im Groll, er sprach, weil es wahr ist, weil Du ihm weh thust.«

»Lindenberg!« rief der Kurfürst ihm nach. »Wem der Herr[200] das Köstlichste nahm, den will er prüfen, ob er ihn zu seinen Erwählten reihe. Du hast mir das Köstlichste gestohlen, was ein Fürst besitzen kann, das Vertrauen; aber ich zürne Dir nicht, Du warst sein Werkzeug. Ja, ich könnte den Geist Gottes auch in Dir ehren, der so spricht, wär ich nicht Fürst und Richter. – Ich scheide nicht im Groll. Nimm diesen Wunsch als letzte Mitgift auf Deinen schweren Weg – stirb, wie Du gelebt, als Mann!«

Der Kurfürst wandte ihm den Rücken; er hat ihn nicht wiedergesehen.

Quelle:
Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow. Vaterländische Romane. Berlin 9[1881], Band 3, S. 186-201.
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