Siebenzehntes Kapitel.

Hans Jochem.

[201] Ein grauer Himmel lag ausgespannt über dem Lande, und das schien Vielen gut. Es war so Vieles, das besser bedeckt blieb mit einem Schleier. Die Trauerglocken läuteten von Früh bis Abends auf den Schlössern derer, die mit den Lindenbergern verwandt waren, und über dem Wedding kreisten Schwärme von Raben. Wer da nichts zu schaffen hatte, blieb hinweg. Beim Einbruch der Nacht sah man aber verhüllte Reiter über die Haide sprengen, daß die Raubvögel aufflatterten vom Hochgericht. Was ihre Lippen murmelten, was ihre Zähne knirschten, was ihre Arme, zu den Wolken gestreckt, schworen, die Wolken hörten es nicht, noch der Schatten zwischen den drei Pfeilern, vom Winde geschaukelt, und der Kurfürst in seinem Schlosse zu Kölln hörte es nicht; und das war gut.

In Berlin war es still, und still in Kölln. Wie tief in die Nacht brannte das Licht an den Fenstern, wo der Kurfürst wohnte. »Er kann nicht schlafen,« flüsterten sie sich zu. – »Wo soll's hinaus!« sprach der Bürgermeister zum Syndicus. »Er ist Einer und sie sind Viele. Er setzt's nicht durch.« – »Und man spricht von seltsamen Zeichen am Himmel, die Schlimmes bedeuten,« sagte der Syndicus. – Im Rathe zu Berlin war der Schluß nicht durchgegangen, daß man eine Sendung an den Markgrafen verordne, ihm zu danken, daß er Gerechtigkeit geübt sonder Ansehen von Stand und Person. »Das ist ein weit schlimmeres Zeichen als die großen Vögel am Himmel,« sagte der Bürgermeister, »so die Bürger nicht den Muth haben, das auszusprechen, was sie denken, und es ist doch gut.« –[201] Der Rathsschreiber, ein hitziger, junger Mann, zog Einige in den Winkel, da setzte er ihnen auseinander, daß es nun an der Zeit sei, wenn je, ihre alten Gerechtsame wieder zu fordern, die verbrieften Privilegien und Freiheiten der Städte Berlin und Kölln, die Markgraf Friedrich der Zweite, der mit eisernen Zähnen, zerrissen, als er die Oeffnung der Stadt erzwang. »Nun ist er mit dem Adel zerfallen, nun braucht er Hülfe, jetzt angeklopft, erst leise, dann lauter, und unsere Stunde schlägt.« Da er ausgesprochen, war Einer um den Andern fortgeschlichen, und sie schüttelten die Köpfe: »Man weiß, was man hat, man weiß nicht was man kriegt!« – »Ja, Gevatter,« sagte ein Anderer auf der Treppe, »ein Sperling in der Hand ist besser, als eine Taube auf dem Dache.« – »Wenn man in dem alten Gleise bleibt, fährt man nicht so bald irre.« – »Was Dich nicht brennt, sollst Du nicht löschen.« – »Wenn Du überherret bist, ist Liegen keine Schand'.« – »Der oft allen Menschen rathen kann, weiß sich selbst nicht zu rathen, noch zu helfen.« – »Wer die Wahrheit geiget, dem schlägt man die Geige an den Kopf.« – »Die viel erfahren, reden wenig.« – »Und wer ist er denn! Vögel, die früh anfangen zu singen, haben bald ausgesungen.« – Es hat kein Volk so viel Weisheit als das deutsche, wo es gilt, daß es beim Alten bleiben soll, und käme es auf die Sprichwörter an, so säßen wir noch in den Wäldern und äßen Eicheln.

Auch auf dem Lande war es still. Die Bauern schüttelten auch den Kopf. Es hatte blutige Kreuze geregnet, die waren auf Nacken und Arme gefallen, und auf den Wegen sah man sie noch liegen. Aber eines Morgens stürzten die Weiber und Kinder, so Buchnisse und Eicheln im Forst gesammelt, mit Geschrei und Weinen in's Dorf zurück. Sie hätten auf den Bäumen Thiere gesehen, mit feurigen Augen und großen krummen Schnäbeln, wie sie zu Land Keiner kennt; die hatten mit den Flügeln geweht, daß die Luft gezittert. »Das sind die Sturmvögel von über der See, aus dem Lande Norwegen,« sagten die alten Leute, »die kommen nur, wenn Krieg wird.« Hörte man heimlich doch hämmern und rüsten in den Edelhöfen, und Nachts kamen schwerbepackte Wagen, die klirrten von Eisen. Da sahen die Alten sich noch bedenklicher an: »Den Herren bringt's Freud', uns Leid. Die Schloßgesessenen ziehen ihre Zugbrücken auf, und wenn der Sturm nicht zu arg wird, halten sie's aus. Wer schützt unsere Schilfdächer und Lehmhäuser? Die brennen und fallen, wenn es nur losbläst.« – Da sah[202] man sie um Mitternacht bei verhangenen Fenstern in ihren Läden kramen und Schaumünzen und Ketten und Ringe und Spangen, wer es hatte, in einen Topf thun. Wenn dann die Wolken über den Mond zogen und der Wind in den Bäumen pfiff, gruben sie still ein Loch zwischen den Wurzeln des alten Birnbaums im Garten, stellten den Topf hinein, sprachen mit gefalteten Händen einen Spruch und schaufelten Erde drüber, und deckten Laub und Moos drauf. Das war des Bauern Sicherheit im Mittelalter.

In Burg Hohen-Ziatz sah es auch traurig aus, aber nicht mehr still. Die gute Frau von Bredow, der ihr Herr fortgeführt ward, hatte drei Stunden lang geweint, und ihre Töchter und Mägde und die Knechte auch, was sie nur konnten, daß die Katzen auf den Dächern verwundert herabgeschaut, und die Hunde heulten dazu. »Ach, er kehrt niemals wieder,« hatte sie gesagt zu denen, die sie trösten wollten, und dann die Schüsseln mit dem, was er über gelassen, unter'm Arm genommen und in die Speisekammer getragen. »Das war sein letztes Essen hier.« Aber kaum hatte sie die Kammer abgeschlossen, da mußte sie wieder aufschließen, denn die Einlagerung war gekommen, die Landreiter aus Potsdam. »Das fehlte auch noch zu der Bescheerung!« hatte sie gesagt, und wieder decken und anrichten lassen für die Gäste, die in keinem Haus willkommen sind. Die sangen und tranken in der Halle, spielten und fluchten und zerbrachen Gläser und Teller. Die Mägde wollten gar nicht mehr zu ihnen hinein, wenn nicht die Hausfrau mitging.

Und was war das für eine Nacht gewesen! In den Wäldern hatte es gerauscht und geschrien und unten in der Halle getobt, und wenn es einmal stille ward, hatten die Schmerzenstöne aus der Thorstube ihr in's Ohr geklungen. Sie sagten Wunderliches von Hans Jochem. Es kenne ihn keiner wieder, so sei es in ihm gefahren; ob der böse Geist oder der gute, das wisse Keiner. Und der Dechant, der's ihnen sagen konnte, war nicht da: »Wenn man sie braucht, sind die Pfaffen nimmer da,« sagte Frau von Bredow. Einige meinten, es klinge ihnen so, wenn er an die Wände schreie, als da der wandernde Dominicaner gepredigt in den Fasten. Das sei gewesen, daß Einem das Herze brach und die Knie zusammensanken.

Der kluge Knecht Ruprecht hatte die ganze Nacht auf der Mauer gelegen und hinausgeschaut, als wolle er das Gras wachsen sehen, meinten die Leute. Er hatte den dummen Leuten nicht geantwortet, die nicht verstanden, daß er auf mehr sah;[203] aber als die Burgfrau in der Frühe zu ihm trat, schüttelte er den Kopf:

»'S ist was im Anzuge, Gestrenge! So was ist mein Leblang mir nicht vorgekommen. Als die Fehde in Stendal war, rauschte es auch wohl über den Kiefern, aber das waren nur Einige. Die Nacht war's doch, als rauschte die ganze Luft und die Wälder zitterten. Und das schrie, daß Einem die Ohren weh thaten.«

»Wer schrie denn, Ruprecht?«

»Die Seeraben aus dem Nordland, die Cormorans, groß wie ein Storch und stärker als der Adler, und wehren sich gegen den Förster noch, wenn er sie angeschossen hat. Wo sie hausen, gehn die Bäume aus von ihrem Unrath, und sie fischen die Seen aus. Auch der Has' ist vor ihnen nicht sicher, noch das junge Reh.«

»Wer ist itzund sicher! – Sie meinen, 's giebt's Krieg.«

Der Knecht schüttelte wieder, aber langsamer den Kopf: »Da schlügen sie anders mit dem Schweif; was eigentlicher Krieg ist, das giebt's nicht. Unruh und Aufstand.«

»Ach Gott! Sie schleppen noch alle nach Berlin, wie meinen Herrn.«

»Werden sich auch schleppen lassen! Daß ich's sage, Gestrenge, 's ist vielleicht schlimmer als Krieg. Wie alte Leute sich entsinnen, kamen die wilden Raubvögel vor alten Zeiten auch einmal, ich glaube, 's sind hundert Jahr, als der erste Nürnberger Markgraf in's Land zog, und die Havelländischen aufstanden. Da war die Luft schwarz von ihren Flügeln. Und ich sagt' es gleich bei der Wäsche, als der Sturm kam. Uns gemeine Leute geht's nicht an, aber die Schloßgesessenen, die Ritter werden aufstehen.«

»Aber Ruprecht, wie kannst Du so abergläubisch sein! Der liebe Gott hat doch die Vögel nicht für die Edelleute allein gemacht.«

»Warum hat er sie denn aber so unterschiedlich gemacht, die Stößer, die Reiher, die Adler, die Finken, die Tauben, die Zeisige! Die Raben da auf der Kiefer, die haben mehr Verstand, als mancher Mensch. Wie der vornehme Ritter letzte Nacht ausritt und unser Junker mit, da flog die Alte mit den beiden Jungen ihnen nach, und kreisten um ihre Köpfe. Ich sah scharf zu. Als sie schon im Walde verschwunden waren, die Raben waren immer oben in der Luft. Na, nu haben wir's, den Junker Peter Melchior schüttelt das Fieber, unser[204] Hans Jochem brach's Bein, der Herr von Lindenberg, daß weiß ich nun nicht –«

»Schäm' Dich was, Ruprecht! – Sag' mal, als mein Herr rausgeführt ward –«

»Da saßen sie wieder auf ihrem Nest und guckten raus. Hat sich auch keiner gerührt.«

»Gottes Güte ist doch groß!« sagte Frau von Bredow, Athem schöpfend, und fuhr mit dem Finger etwas über's Auge. »Mein armer Götze, wo mag der sein! Der ist verloren, wenn nicht der Herr von Lindenberg sich seiner annimmt. – Gott, ach Gott, wer giebt ihm da zu essen, und wer wärmt ihn, wenn er friert! Du sollst nach Berlin fahren, Ruprecht. Will zwei Kober mit Würsten packen; auch 'ne gesülzte Gans sollst Du mitnehmen. Und dann fährst Du beim Herrn von Lindenberg vor – so schlecht wird er doch nicht sein! Ich trau' ihm eigentlich nicht viel. Aber das thut er schon. Auch seine Friesjacke und die wollenen Strümpfe, und wenn Du ihn siehst, dann sage ihm –«

Ach es gab so viel zu sagen und zu sorgen für die arme Frau. Der Meister Hildebrand wollte auf seinen Klepper steigen und fortreiten: »Sterben, ja das wird er schon,« sagte der Meister, »wir müssen Alle sterben, je wie's kommt; Einer früher, der Andere später; aber zum Trauertuch kaufen ist noch nicht Zeit, gnädige Frau. Lieber graues, auch weißes oder braunes, je wie's kommt. – Wird er ein grauer Bruder, graues, wird er ein Cistercienser, weißes. Rekommandire meinen Schwager in Brandenburg, dem Roland gegenüber, hat ausgesuchtes Zeug, für weltlich und geistlich, je wie's kommt.«

»Meister, der Hans Jochem geistlich! Ach du meine Güte!«

»Ist gut für's Haus, Gnädige, wenn man sich Einen zuzieht aus eigener Sippschaft. Für allerhand Fälle, zum Trauen, zum Taufen, zum Sterben auch, je wie's kommt. Auch zum Beichten! Wer vertraut's denn jeder Kapuze gern in's Ohr, was man im Herzen hat!«

»Der Hans Jochem im Beichtstuhl!«

»Kann auch auf den Bischofsstuhl mal kommen, wer weiß das Alles! Hinken wird er sein Lebtag. 's hat mancher Bischof gehinkt, mancher Kurfürst und mancher König, je wie's kommt. Wir gehen Alle der Grube zu. Wer läuft, kommt schneller, wer hinkt, kommt langsamer an.«

Da war wiederum Lärm in der Halle, als der Meister kaum aus dem Thore war. Hans Jürgen stürzte heraus, blutig.[205] Er schrie nach Waffen und Rache. Es wär' zum Schlimmen gekommen; und der kluge Knecht Ruprecht, ja selbst die Frau von Bredow hätte den tollen Jungen nicht zur Ruhe gebracht, und da fehlte nur ein Funke, daß es überall aufflackerte. Hatte sich Einer unterstanden, Eva Bredow »ein schmuck Blitzmädel« zu nennen oder gar Aergeres, ich weiß es nicht. Hans Jürgen mußte es doch gehört haben; konnte er's ertragen! Und als er mit der Faust auf den Tisch geschlagen, flog's ihn an, und ihm floß Blut.

»Die Schandmäuler!« riefen die Diener. »Wär's noch Ensereins, aber unser Frölen!« »Und unser Junker blutet«, schrieen Andere. – »Er ist verwundet.«

»Selbst verwundet,« beschwichtigte der kluge Knecht Ruprecht, der Hans Jürgen unterfassen wollte, »schlug mit der Hand in die Scheiben.«

»In ihre Hirnschädel will ich schlagen,« und er hatte nach einer Stange gegriffen.

»Hans Jürgen, Wetterjunge!« rief die Burgfrau und faßte nach der Stange, die er wie eine Lanze in der Luft schwang. »Das sind des Kurfürsten Leute.«

»Schlimmers!« flüsterte Kasper ihm in's Ohr. »Sind unadlich und unehrlich. Büttelsknechte, nicht viel besser.«

Hans Jürgen gingen die Worte doch immer sehr verdrossen ab, wie einem Brunnen, wo man lange pumpen muß, dann erst kommt etwas Wasser. Die Landreiter mußten gut gepumpt haben, denn als er die Stange über sich mit beiden Händen wirbelte, fuhr es, wie ein Fluß aus den Bergen heraus: »Kurfürst hin, Kurfürst her! So soll doch das Kreuz-Himmel-Donnerwetter drein schlagen.« Aber da er der Base den Rücken wandte, schlug er nicht los, weil Eva vor ihm stand, die beiden kleinen Arme in ihren Hüften: »Hans Jürgen, willst Du mich schlagen?« schien ihr schelmischer Blick zu sprechen, und was sonst wohl ihre Augen sprachen. Die Stange blieb zuerst ein Weniges in der Luft schweben, dann senkte sie sich langsam, bis Eva mit einem leichten Sprung die Spitze ergriff, und mit einem Male lag sie auf der Erde. »Hans Jürgen, sie spaßten ja; das Ding aber ist zu schwer zum Spaß.« Hans Jürgen stand wie Einer, der mit Wasser begossen ist, es muß aber nicht sehr kalt gewesen sein. Er fror nicht, da ihn Eva bei beiden Ohrläppchen faßte und etwas links und etwas rechts zauste. Was sie dabei sprach, hörte Keiner; muß aber auch nichts Böses gewesen sein, denn sein Gesicht ward immer freundlicher.[206]

Der Hausherr fortgeschleppt, Gott weiß wohin, Gott weiß wozu; das Haus voll Landreiter, die das Unterst zu Oberst kehrten; Streit, Zank, Blut sogar; die Seeraben; der Meister Wundarzt, ein Neffe und künftiger Schwiegersohn halb todt oder geistlich; ach, und noch mancherlei Gedanken, die auch die frommste Frau um ihre Ruhe bringen. Was konnte da noch Leides hinzukommen! Und doch kam es. Ein Schrei aus der Thorstube. Hans Jochem war der Verband aufgegangen, und das war auch noch nicht das Schlimmste; der Wachtmeister, der so was zu flicken verstand, wie er sagte, verband ihn wieder. Aber Ihre Tochter Agnes, die stand da wie ein Bild aus Stein, das sie an die Wand gelehnt. Sie hatte es gesehn, wie das Blut spritzte, und sah noch drauf, wie mit gläsernen Augen, und konnte nicht den Arm rühren, noch den Kopf bewegen. »Das ist am End noch schlimmer,« dachte Frau von Bredow.

Ein Starrkrampf geht schon vorüber, aber das kleine Herz schlug so stark nachher; dafür, dachte Frau von Bredow, muß ein Mittel sein, und schnell. Sie hatte sich den ganzen Abend mit der Tochter eingeschlossen, und Agnes lag auf ihren Knien wie ein Beichtkind vor der Mutter Schooß, und nun ihre Hand küssend, sagte Agnes: »Ja, so wird's am besten sein, Mutter.« – »Und morgen in der Frühe, daß Du ihn nicht wieder siehst.« – »Nein, Mutter,« sagte Agnes, »ein Mal noch, ein mal noch, das hab' ich ihm versprochen, das muß ich. Wir sehn uns ja dann nimmer wieder.«

Die Mutter hatte den Kopf geschüttelt, aber doch nicht Nein gesagt. Wie hätte sie's auch mögen! Mit dem Knecht Ruprecht sprach sie am Abend noch vielerlei:

»'S ist besser so, Ruprecht, Du bleibst hier. Das versteht der Kasper besser. Erst bringt er, verstehst Du, mein Kind nach Spandow und dann die Würste nach Berlin.«

»Und der Junker?«

»Reitet mit nach Spandow. Dann sind wir den auch los, hier finge der Ungeschick doch wieder neue Stänkerei an,« wobei Frau von Bredow tiefer als sonst aufseufzte.

Der kluge Knecht Ruprecht sagte im Hinausgehn: »Wie Gott es fügt. Der Mensch will Manches zusammenthun, und dann geht's doch auseinander, und was er zerschneiden will, das thut sich von selbst zusammen.«

»Das wäre ja schreck–«, fing Frau von Bredow an, aber sie verschluckte das Wort wieder und faltete ihre Hände zu einem stillen Gebet.[207]

Auch Agnes schien ein langes Gebet geendet zu haben und fühlte dann mit der einen kleinen Hand auf die Stirn des Kranken, der jetzt wieder sein Auge aufschlug. Er hatte zu viel vorhin gesprochen, daß er wieder unmächtig auf's Kissen zurückgesunken war.

Der Morgen graute unheimlich durch das verhangene Fenster in das Krankenstüblein; ein Hahn fing schon an zu krähen und die Rosse stampften vor dem Wagen, den der Knecht Kasper anschirrte. Agnes saß im grauen Reisehabit, den Schleier um die Kappe; sah sie doch schon fast aus wie eine fromme Schwester, die der Welt ihr Valet gesagt, und das blasse Gesicht war doch nur das eines freundlichen Kindes.

Nun sahen sie sich an wie zwei liebe, gute Freunde, die sich trennen müssen; er reichte ihr die Hand.

»Das ist lieb von Dir, daß Du noch da bist.«

»Du wolltest mir ja noch sagen, wie Alles so gekommen ist.«

»Ach Agnes, noch flimmert mir's vor den Augen wie Einem, denk' ich mir, sein muß, der lange, lange blind war, und plötzlich gehn ihm die Augen auf, und grade geht auch die Sonne auf; das sticht, glänzt, tanzt um ihn. Es ist Einem so wohl und auch so weh.«

»Daß die Wölfe nur nicht ran kamen, wie Du da lagst, das freut mich.«

Er athmete tief auf, dann hub er an: »Der Schmerz war wohl schrecklich, aber es ward gleich Nacht um mich. Das Blut, das aus der Wunde floß, kam mir wie ein Balsam vor, der sanft um die Glieder leckte. Da hörte ich auch nicht mehr die Wölfe heulen, auch die Raubvögel in den Aesten, die ihre Flügel schlugen und mit den feurigen Augen und den grimmigen Schnäbeln gierig auf mich schauten, ließen die Flügel sinken und zogen die Köpfe in's Gefieder und nickten auf den Zweigen, bis Alles nickte, alles zu schlafen schien, die Blätter, die Sträucher. Die Würmer nagten nicht im Holz, die Frösche schrieen nicht mehr. O da wär's mir auch lieb gewesen, so einzuschlafen, und da kam es –«

»Du wachtest auf.«

»So denk ich, muß Einem sein, der vom Blitz getroffen ward. Ich wachte nicht, ich schlief nicht; ich konnte mich nicht regen, ich war aber auch nicht gebunden. Als wie ein Quell, der durchbricht, war es; so sickerte, pulste und strömte es durch die Adern mir; o nun fühlte ich, nun sah ich, was ich nicht aussprechen kann.«[208]

Agnes senkte erröthend die Augen.

»Es war etwas gesprengt wie ein Eisenband, das um die Brust mir gelegen; wie auf einen hohen Thurm war ich gehoben und sah weit umher die Wege, Fel der, Städte, die Pfade, wo ich gegangen, die Mauern fielen, die Berge sanken vor meinem Blicke.« Da war mir unaussprechlich wohl und weh. Es war eine andere Luft, ein anderes Wehen, so rein durchströmte es mich. Wie gern hätte ich mich da oben gehalten in der Herrlichkeit; selbst die Thorheit, die ich hinter mir sah, war nur wie ein leiser Schattenstreif, der in Nichts verschwindet, wenn die Sonne zur Mittagshöhe steigt. Ich hätte fliegen mögen; aber dann war ich plötzlich von der schönen luftigen Höhe versunken, tief, tief unten. Lag wieder angeschmiedet, angelöthet an den Felsblock; wie schwer waren die Glieder, ringsum Nacht, Wüste, Grauen. Die Raubvögel reckten wieder ihre Hälse. Was jagte, was tobte, was tanzte um mich! Ein Zug, der kein Ende nehmen wollte. Alle meine Thorheiten, aller Schabernack, den ich im Muthwillen verübt, ach den ich längst vergessen hatte, jeder eitle Wunsch, jeder dumme Spaß schoß vor mir auf, ein seelenloser Kobold, der seine Künste zeigen wollte. Da gingen ein Paar Stelzen mit weißen Betttüchern und verfolgten ein armes Weib, das vor ihnen floh. Sie stürzte auf mich zu, sie rief um Hülfe. Ach ich war es ja selbst, der sie jagte. Da summte eine Bremse um mich, immer weiter und immer größer, jetzt ward's ein Kalb, das ich geneckt und gequält, jetzt ein Pferd, das athemlos um mich galoppirte. Das arme Thier, es keuchte, gern hätte ich's gehalten; aber ein Paar Sporen schlugen blutig tief in seine Weichen. Es waren meine Sporen; ich hatte es zu Tode geritten aus Uebermuth. Da flogen bunte Mützen durch die Luft, Faugebälle der Kobolde; ich konnte sie nicht bunt genug haben, nicht oft genug wechseln. Hupp, hupp, da tanzten ein Paar Locken! Der Adelheid Marwitz ihre, die konnt ich nun gar erst nicht aus den Augen kriegen. Und dann Wirbel und Wirbel. Ach die Weisen, an denen ich mich sonst nicht satt hören konnte, summten und summten ohne Aufhören, daß ich wünschte, die Wölfe möchten nur wieder heulen, damit das wüste, dumpfe Einerlei fort wäre. Da galoppirte ich hinter dem Ritter Lindenberg, und der helle Angstschweiß stand mir auf der Stirn; nun sah, nun wußte ich ja, wie schlecht das war, und doch mußte ich ihnen nach und immer nach, und sie lachten mich aus, und nun konnte ich mich wieder nicht rühren, und oben glänzte die Morgensonne auf die lichte Thurmhöhe,[209] wo ich gewesen, und ich reckte meine Arme verlangend hin; aber eine Stimme rief: »Was willst Du hier? Dein höchster Wunsch ist da!« Und vor mir faltete sich's aus, was erst aussah, wie eine Binsenmatte, dann ward es bunt, weit, Bänder und Puffen, die Pluderhosen des Krämers. Als führe ein Wind hinein, blähten sie sich, sie wurden wie ein Baum, wie ein Thurm bis zu den Wolken, ein scheußliches Gespenst, und heraus rutschte es, eins, zwei, drei, wieder and're Hosen, kleine, große, o zehn, hundert, tausend und sie faßten sich an und tanzten um mich im Reigen. Immer enger, immer enger. Ich meinte, vor'm Staube zu ersticken, bis ich aus der gepreßten Kehle um Hülfe schrie. Da rief die Stimme: »Was willst Du Hülfe vor dem, was Deine Wonne ist! Ging doch Dein Sinnen und Trachten nur nach dem Eitlen. Wer schaalem Witz und hohlem Spaß sein Lebelang nachläuft, der kann in unsrer Luft nicht athmen. Der Staub, den die Sohlen der Tänzer aufwirbeln, ist Dein Aether. Zum Ländler wurde ja Deinem Ohre der Chorgesang der Engel!«

Der Kranke athmete schwer auf, und die Lippen bewegten sich, ohne Töne vorzubringen. Agnes faltete die Hände über ihm zu einem stummen Gebet. Als lauschte er mit Wohlgefallen den Tönen, die noch über ihre Lippen kamen, winkte er ihr zu. Er hatte die Sprache wieder gewonnen:

»So sah ich Dich da in Deinem Kämmerlein, so hast Du für mich gebetet. Du warst aus Deinem Bett gehuscht, über der Schwester Bett beugtest Du Dich, ob sie schliefe, dann warfst Du Dich vor das Betpult; durch die zerbrochene Fensterscheibe wehte der Wind und lüftete das Tüchlein an Deiner Schulter –«

Sie wollte ihm die Hand vor den Mund halten: »Heilige Mutter Gottes –«

»Die sah es auch und lächelte. Sie war es, die Dich geweckt. Ich allein, Agnes, o wer hätte mein Gebet gehört! Die heiligen Schutzpatrone, die den andern sündigen Menschen helfen, wandten mir den Rücken. Da hätte ich gelegen, bis mein Blut erstarrt war, bis die Wölfe – ich wäre ja ohne Heiligung, ohne Erkenntniß aus der Nacht hinübergegangen in die Ewigkeit. Die Liebe nur that es, die nicht gerechnet und nicht gefragt. Du schwebtest, ein Engel mit dem Palmenzweig, durch den Spuk. Du winktest, da betete ich zuerst, da wichen die häßlichen Bilder, Du reichtest mir die Hand, da löste es sich, athmete ich wieder, da hob ich mich auf, da –«[210]

Er hörte wieder nicht, was sie in ihrer Herzensangst sprach, daß er nicht lästern solle, daß die Heiligen allein den Hans Jürgen und den Ruprecht durch die Wildniß zu ihm geleitet, daß er gesund werden würde, wenn –. Seine Pulse schlugen so laut, seine Stirn brannte.

»Der Wagen steht angespannt. Ich hör die Rosse stampfen,« flüsterte sie, »Hans Jürgen wartet auch.«

»Worauf?« fuhr der Fieberkranke auf. »Daß der Blitz Niederschlag in die trockene Wüste? O Agnes, ich allein kann's nicht, Du mußt mir helfen.«

»Ich nicht, lieber Hans Jochem, bete zur Jungfrau Maria. Die wird Dir helfen.«

»Mir! Mir ist geholfen. Ich trank aus dem vollen Becher der Gnade. Aber die Andern, die noch dürsten, für die laß' uns beten, für die Armen im Sande, und sie wissen nicht, was ihnen fehlt; denke doch, sie Alle denken nichts! Hans Jürgen nicht der Vater nicht – die Mutter nicht! In das Leben hinein, wie der Maulwurf – Und sie fühlen nicht den Durst, das ist das Entsetzlichste!«

»Der Herr wird ihnen schon zu trinken geben.«

»Wo ist der, der an den Fels schlägt! – Ich stand auf dem Felsen, Agnes,« sprach er leise, sie mit krampfhaftem Druck an sich ziehend. »Du mußt mich nicht verrathen. Ich sah hinter mich in die Wüstenei. Ach, das sah gräßlich aus. Die schaukelten sich wie die Halme im Winde; die krochen hin und her, wie die Ameisen; die wirbelten und tanzten wie die Wassermücken im Sonnenstrahl. Alle wie die Thiere, die nach der Atzung wittern, den Kopf zur Erde und Keiner, Keiner die Augen nach der Sonne.«

Das arme Mädchen und der Fieberkranke allein! Sie drückte ihm sanft seinen aufgerichteten Leib an die Kissen. Seine Hände glühten nicht so als sein Auge.

»Wir wollen für sie beten, Hans Jochem, gleich zum lieben Gott. Die Heiligen werden es uns wohl verzeihen –«

»Wir sind die Erwählten! – Wenn wir mit einander beten, öffnet sich das Himmelsthor.«

»Mutter Gottes, verzeih ihm die Sünde!«

»Die lächelt herab auf uns, daß wir –« Die Ruhe schien einen Augenblick auf sein Gesicht zurückzukehren. – »Du und ich, wir gehören zu einander und haben uns nicht gefunden. Das geht wohl so in der Wüste. Der Staub verwirrt auch die Erwählten. Nun erst, da wir hinaus sind, da ist's zu spät,[211] meinst Du. Nein, Agnes! Wenn Du im Chor zu Spandow auf den Knieen liegst, lieg' ich auch auf den Knieen – wo – wo doch? – O Du wirst von mir hören! – Was von mir hören! Du wirst deutlich hören mich beten, siehst mich knieen, die Mauern zwischen uns sinken. Wir sehen uns Beide an, wie die seligen Märtyrer auf den Bildern mit süßen Liebesblicken –«

»Ach Himmels-Königin! Hans Jochem, das ist arge Sünde –«

»Sünde!« rief er mit dem zufriedenen Lächeln eines Irren. »Uns kann sie nicht mehr berühren. Wir sind Erwählte, berufen, die Andern zu retten. – Sie schwimmen im Meer, das ist das Leere – sieh, sieh die wenigen Wasserbläschen, die sich herausringen, o Gott, das sind die Gedanken; fischen wir – Netze hinein – eine Angel mit süßem Köder – Agnes, sieh, wie schwer ich ziehe – hilf mir – nun – nun –«

Was ihr nicht gelungen, wirkte die Erschöpfung. Er sank ohnmächtig zurück.

»Agnes!« rief der Mutter Stimme. »Agnes!« wiederholte Hans Jürgen.

Sie riß sich los; aber wandte sich wieder um, und zitternd hauchte sie einen Kuß auf die Stirn des Ohnmächtigen. »Mutter Gottes sieh es nicht! – Mutter Gottes, verzeihe ihm und mir die Sünde!«

Quelle:
Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow. Vaterländische Romane. Berlin 9[1881], Band 3, S. 201-212.
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