Achtzehntes Kapitel.

Unterricht im Denken.

[212] Wenn die großen Wagenräder sich durch den tiefen Sand mühsam Bahn brachen, und Kaspar abgesprungen, und bald den Falben, bald den Schecken klopfte und Scherznamen ihnen in's Ohr rief, ritt Hans Jürgen neben dem Wagen, und neigte seinen Kopf zur Muhme.

Schien's ihm doch bisweilen, wenn sie sprach, Agnes wäre um zehn Jahre gewachsen, und war doch kaum fünfzehn Jahre alt. Sie hatte anfangs viel geweint, und das war Hans Jürgen ganz recht, denn ihm war gar nicht zu Muth, daß er mit einem hätte freundlich sprechen sollen. Nachdem sie aber die Thränen getrocknet, sprach sie so vernünftig, das macht wohl die Weihe, dachte er, die wirkt schon zum voraus. Da hatte sie ihm gesagt, daß ihr der Abschied wohl schwer geworden, von ihrer lieben Mutter und lieben Schwester und allen ihren lieben[212] Blutsfreunden, nun aber sei es überwunden, und da sei sie recht herzlich froh, denn nun könne sie erst recht für sie Alle leben.

Das verstand Hans Jürgen Anfangs nicht, denn was konnte sie denn, im Kloster eingesperrt, für die in Hohen-Ziatz thun, bis sie's ihm erklärte, daß sie für ihr Seelenheil beten werde, Tag für Tag.

»Ja, es mag schon gut sein,« sagte er, »so einer aus der Sippschaft geistlich wird, und für uns betet, denn wir draußen auf dem Lande haben doch nicht Zeit.«

Agnes meinte, dazu müsse jeder die Zeit finden. Hans Jürgen aber zählte ihr auf, was Einer wie er, zu thun habe, von wenn die Sonne aufgeht, bis sie untergeht, und wenn er's verrichten thäte, wie die Edelfrau es wolle, dann könne er bei Tage gar nicht dazu kommen, an den lieben Gott zu denken, und des Nachts sei er zu müde. Das sei auch des Dechanten Meinung, daß man den Geistlichen das überlassen müsse; wozu wären sie auch sonst da? Und von dem Ueberschuß der guten Thaten der Heiligen könne mancher ehrliche Mann selig werden.

Dazu mußte nun Agnes wohl schweigen, wenn sie keine Ketzerin sein wollte, und die Vorstellung, daß sie selbst eine Heilige werden, durch ihre guten Thaten ihre Verwandten dereinst selig machen könne, mochte sogar für ihre Einbildungskraft etwas Lockendes haben. Aber ganz wollte es ihr doch nicht zu Sinn, und ihre künftige Würde erlaubte ihr schon ein wenig zu predigen. Wozu wären denn die Kanzeln und die Predigermönche und Pfarrer, wenn die Heiligen mit ihren Werken allein es thäten? Und da kam ihr zu Sinn, was der Verwundete zuletzt gesprochen von dem wüsten Leben und der Gedankenlosigkeit.

Nun gab sich das gute Kind rechte Mühe, ihren Vetter auf Gedanken zu bringen, und zwar auf gute; aber aus seinen Antworten sah man, daß er wenigstens zu einem Heiligen nicht viel Anlage hatte.

»Das ist schon ganz recht, Agnes, was Du sagst von der Geschichte neulich, und ich hab's mir schon selbst gesagt, daß es unrecht war. Nun aber hat's der liebe Gott so gefügt, wie's sein mußte. Hans Jochem brach ein Bein, und ich mußte nach den Hosen. Also hat's der liebe Gott allein und für sich gemacht, daß wir keine Sünde begangen haben, siehst Du, der macht es doch gewiß zum besten, und besser als ich und Hans Jochem es vorher bedacht hätten. Freilich der Hans Jochem hätte nicht das Bein gebrochen, aber Du sagst ja selbst, das wär' zu seinem Heil, und darum soll er Gott preisen. Warum soll ich Gott[213] denn nicht auch preisen, und das könnte ich doch nicht, wenn ich's vorher bedacht, da müßt ich mich ja selbst preisen. Denk drum, 's ist am besten, man läßt's gehen, wie es geht.«

Es ward Agnes Bredow recht schwer, ihren Vetter eines Bessern zu belehren, weil es überall schwer ist, zu lehren wo man selbst nicht recht Bescheid weiß. Während sie lange hin und her stritten, ob jeder Mensch selbst denken müsse, und was und wann und wie weit? schienen sie sich darin zu nähern, daß man's in jungen Jahren noch nicht nöthig hätte, wer nicht geistlich werden wollte; aber daß es gut sei, wenn man älter würde, das mußte auch Hans Jürgen zugeben.

Da schlug er sich plötzlich auf die Lende: »Aber Blitz noch mal Agnes, Dein Vater denkt ja auch nicht. Meinst Du, daß er nicht in den Himmel kommt? Er ist doch ein so guter Christ wie einer.«

Agnes besann sich: »Weißt Du was? Für den denkt die Mutter. Das mag wohl so eingerichtet sein vom lieben Gott, wenn zwei verheirathet sind, so hilft Einer dem Andern aus, und dem Einen wird angerechnet, was der Andre Gutes thut.«

»Aber was er Böses thut, muß der Andere auch mittragen?«

Agnes nahm sich vor, ihren Beichtvater darüber zu fragen.

»Wenn Einer nun aber allein stehen bleibt, und wird nicht geistlich, der hat es recht schwer,« sagte Hans Jürgen.

»Freilich,« und dem armen Mädchen kam ihr Ohm Peter Melchior in den Sinn. »Ach Gott, Hans Jürgen, nimm Dich in Acht, daß Du so einer nicht wirst. Was muß da von den Werken der Heiligen drauf gehen, um den selig zu machen!«

Sie faltete unter'm Mantel ihre kleinen Hände, und nahm sich vor, wo sie eine Stunde sich absparen könne, für Peter Melchior zu beten, den sie doch gar nicht leiden konnte.

»Bewahre mich der liebe Himmel vor 'ner Sünde, aber ich denke so eben was,« fuhr Hans Jürgen plötzlich aus sichtlichem Nachdenken auf.

»Siehst Du, Vetter, nun fängst Du auch schon an, das ist gut.«

»Ach nein, Agnes, das ist nur so gedacht. Der Peter Melchior, und wie der ist, das wissen wir Alle. Der Dechant! Hast Du nicht auch gehört, wenn Deine Mutter sagt, der Teufel steckt in ihm? Der hat nun kein Weib, wer soll für den beten, daß er selig wird. Und alt genug ist er.«

Das machte Agnes genug Kopfbrechen. Daß der Dechant nicht so sei, wie er sein sollte, konnte sie nicht leugnen. Sie[214] meinte der liebe Gott werde vielleicht ein Nachsehens mit ihm haben, weil er für Andere soviel Gutes und Erbauliches spräche, wenn er selbst dafür nichts Gutes und Erbauliches thäte.

Hans Jürgen schüttelte den Kopf: »Wer anders spricht als er thut, das gerade ist schlecht, Agnes, das laß ich mir nicht nehmen und wenn's der Bischof, ja, wenn's der Papst selber wäre!«

Sie meinte nun, weil er ein Domherr wäre, so beteten und dächten die anderen Domherrn für ihn, und da übertrüge es wohl auch einer auf den Andern. Hans Jürgen aber meinte, es wären ihrer doch gar zu viele, die es nicht verdienten, und wenn zwei Geistliche immer zu sorgen hätten, daß sie das gut machten, was der dritte schlecht gemacht, wo bliebe ihnen da Zeit für sich und die übrigen Menschen zu beten?

Agnes senkte ihr Köpfchen; sie konnte auch das nicht ableugnen. In welchem Hause, auf dem Lande und in den Städten, ward nicht damals gegen die Geistlichkeit geschimpft, und den Kindern selbst konnte man's nicht verschweigen, was sie für schlechte Streiche machten.

»Hans, Du mußt Heirathen, das ist das Beste.«

»Ich, Agnes, ich heirathe nicht.«

»Ja, ja, Du mußt 'ne gute Frau haben, die für Dich denkt, wie Mutter für den Vater.«

»Nein, nun nicht, das ist nun vorbei, Agnes.«

»Ich sage ja nicht jetzt; wenn Du so alt bist, Hans Jürgen. Geistlich wirst Du nicht werden. Hans Jochem geht in's Kloster, und Eva ist Dir gut; ich weiß es.«

»Sprich doch nicht so dummes Zeug, Agnes. Ich hab's auch mal so gedacht, das ist nun aber nichts. Ja, wie der Herr von Lindenberg mich nach Berlin mitnehmen wollte, und dem Kurfürsten vorstellen, da konnte was aus mir werden, da hatte ich so meine Gedanken. Nun hat's der liebe Gott anders gemacht.«

»Hat er's nicht gut gemacht, Hans Jürgen? Du hast nun ein rein Gewissen; Und hörtest Du nicht, was sie munkelten, daß der Herr von Lindenberg in Berlin in Ungelegenheiten gekommen wäre. Die Schulzenfrau wußte nur nicht recht was. Ist's nicht der Herr von Lindenberg, so ist's ein Anderer. Der Herr von Rochow auf Plessow ist gar nicht übel. Wenn wir ihn recht bitten, nimmt er Dich auch mit und stellt Dich vor. Du mußt nur was auf Dich geben, und den Kopf nicht immer so in den Schultern tragen, und dann auch nicht so die Zähne[215] ziehen, wenn Du Einen schief ansiehst, den Du nicht magst. Ja ein bischen freundlicher könntest Du schon werden. Du bist doch manchmal ein Bär. Vielleicht bringen sie Dich bei der kurfürstlichen Jagd an, da brauchst Du nicht zu denken.«

»Beim Kurfürsten! Lieber will ich Ziegel streichen. Bin ein freier Mann, eines Edelmanns Sohn. O pfui! Der Deinen Vater hat lassen in's Gefängniß schmeißen, dem ich dienen! Und wär's auch nicht Eva's Vater, er ist –«

»Hans Jürgen, er kommt schon wieder frei. Vater hat gewiß nichts verbrochen.«

»Was thut's! Der Kurfürst hat ihn in's Gefängnis schmeißen lassen, ja, das hat er. Das vergeß ich nimmer. Ist mein Feind. Und seine Reiter, die! Wär's nach mir gangen, der Wenzel, der Konrad, o sie Alle, und die aus dem Dorf, wir hätten ihnen wollen Mores lehren, so wahr ich Hans Jürgen bin!«

»Gott sei uns gnädig, das hätte Blut gesetzt!«

»Wozu hat man denn Blut im Leibe? Blut soll's auch noch setzen. Wenn die Herren im Lande es ruhig hinnehmen, wenn die Sippschaft im Havellande nicht aufsteht, ich stehe auf. Ich schnüre mein Bündel ich ziehe fort, wo's Krieg giebt, zu den Pommern oder zu den Polen, mir gleich. Reiter werden sie überall brauchen; wenn es nur gegen den Kurfürsten losgeht!«

Daß Hans Jürgen, wenn er sich zum Kriege werben lasse gegen den Kurfürsten, auch gegen sein eigen Land kriegen müsse, fiel Agnes als nichts Unrechtes auf. Daß er Einem absage, dem er Feind war, däuchte ihr ganz in der Ordnung, daß er so ihres Vaters und der Ehre seiner und ihrer Familie sich annehme, sogar lobenswerth. Aber Alles miteinandergenommen, schien es ihr doch nicht recht, wenn sie sich auch nicht Rechenschaft geben konnte, warum, und sie bat ihn, daß er sich gedulden möge.

Das wollte ihm nicht recht in den Sinn, und sie wußte nicht recht, wie sie es ihm zu Sinne bringen sollte. So blieben sie beide eine Weile schweigend neben einander, bis sie sich plötzlich erinnerte, wie unter dem vorigen Kurfürsten Einer vom Adel gerichtet worden, der mit den Fremden in's Land gefallen war, und es hatte ihm nichts geholfen, daß er vorher einen Absagebrief geschickt. Hans Jürgen mußte zugeben, daß das eigentlich eben so schlimm wäre, wenn er darum gerichtet würde, als wenn er auf den Stegreif ausgeritten und gefangen worden.[216]

»Das mag schon recht sein, aber wie soll sich denn Einer helfen, wenn ihm Unrecht geschieht. Denn Recht muß doch Recht bleiben, und der Kurfürst hat uns Unrecht gethan. Drum muß doch Einer sein, der dem Kurfürsten wieder Unrecht anthut.«

Das schien auch der kleinen künftigen Heiligen ganz richtig, aber sie zerbrachen sich beide den Kopf, wie das in der Welt zu machen wäre.

»Weißt Du was?« sagte sie. »Wenn Du mich nach Spandow gebracht, dann reite nach Friesack zum alten Herrn Bodo. Der ist klug, der wird's Dir sagen.«

Hans Jürgen kraute sich hinter den Ohren. Ganz recht war ihm das auch nicht, denn was er that, hätte er lieber für sich allein gethan, aber er mußte seiner Muhme Recht geben, als ihr jetzt einfiel, daß er ja der ganzen Familie Schaden dadurch thun könne, wenn er die Sache auf sich allein nähme. Sie alle ginge es doch auch an, als wie ihn, und sie würden schon darüber zu Rathe sitzen.

»Kaspar, was pfeifst Du?« fragte er.

»Das ist nur 'ne alte Geschichte, Junker, die mir einfiel, von den Mäusen und von der Katze. Die Mäuse saßen doch auch zu Rath, wie sie's anfingen, daß die Katze nicht so ran schliche und unversehens eine beim Wickel kriegte, und mit ihr abführe. Da hatte Eine, die war klüger als die anderen, den Einfall, man solle der Katze 'ne Schelle an den Schwanz bin den, dann hört man sie schon von fern. Der Rath war auch ganz gut, aber es fehlte nur was. Keine Maus war da zu kriegen, daß sie der Katze die Schelle anband. Und da dachte ich denn, 's geht manchmal so, wenn sie zu Rathe sitzen. Der Rath ist ganz gut, aber es fehlt was. Hui! Seht mal da.«

Er zeigte mit der Peitsche in die Luft. Eine Schaar von den großen Seeraben flog über die Kiefern, in ihren Schnäbeln und Krallen noch zappelnde Thiere.

»Das war ein großer Barsch, der hat auch nicht gedacht, daß ihn ein Stößer aus Norwegen fressen thun würde. Die Fische haben gewiß auch zu Rath gesessen, als die großen Vögel zuerst kamen und in die Weiher stießen, denn wenn sie auch stumm scheinen, unter sich sprechen sie, wir hören's nur nicht. Aber es fand sich kein Fisch, der den Raben die Klingel um den Hals hängen wollte. – Wetter noch mal, der Große, der so schwer hinterher fliegt, schaut, der schleppt 'nen kleinen Hasen.«

»'S ist ein schweres Unglück für die Thiere im Walde, daß[217] die Sturmvögel aus dem Eislande kommen mußten,« sagte Hans Jürgen.

»Das glaubt nur ja nicht, Junker! – Wenn die nicht da wären, so sind andere da. Nur für unsere Habichte ist's schlimm, weil die ihnen in's Handwerk greifen. Ist doch jedwed Vieh da, daß ein ander Vieh kommt, das größer ist und stärker, und packt es und Eins frißt das Andere, und wenn's den Magen voll hat, wird's wieder gefressen, und so geht's Reih um.«

Hans Jürgen machte den Einwand, die größten Thiere in Luft, Erd' und Wasser bleiben doch übrig.

»Die schießt der Jäger todt, oder ich weiß nicht, wie er den Wallfisch fangen thut.«

»Der Jäger ist aber ein Mensch.«

»Freilich, nun ja. Seht Junker, ich mein' es als wie wir gemeine Leute uns denken. Und da meine ich geht's allebenso wie beim Vieh! Einer sitzt auf's Andern Schulter, und drückt ihn. Auf dem Chorendejungen sitzt der Bacchant, auf dem Bacchanten der Präfect, auf dem Präfecten der Ephorus, oder wie sie's nennen thun, und auf dem, ich weiß nicht wer, und das ist allebenso bei den Großen, wie bei den Kindern. Auf dem Bauer sitzt der Edelmann, auf dem Edelmann der Kurfürst, auf dem Kurfürsten der Kaiser und auf dem Kaiser der Papst. Und auf dem, denk' ich mir so, der liebe Gott. Nun sagen sie: Recht muß immer Recht bleiben. Nun ja, meinethalben, aber wer schafft denn nun dem Kücken das Recht, wenn der Stößer es holt?«

»Du hast ja eben gesagt, Kaspar, das der liebe Gott über dem Papst ist, also er ist über Allen, und der wird ihnen das Recht schaffen,« sagte Agnes.

»Nun ja, da hab' ich auch nichts gegen, und der liebe Gott wird's wohl am besten wissen, warum der Storch den Frosch frißt, und der Bauer den Rücken halten muß, wenn der Edelmann prügelt, und der Ritter auf's Hochgericht muß, wenn der Kurfürst ihn köpfen läßt, das muß nun so sein, weil's nicht anders eingerichtet ist; aber was sie vom Recht sagen, das ist man ebenso. Wenn ich ein Frosch wäre, würde ich mich denn, wenn der Storch auf der Wiese spaziert, aufblähen und vor ihm quaken: Du hast kein Recht mich zu fressen! So mein ich auch, wenn ich ein Edelmann wäre, und der Kurfürst ginge wüthig durch das Land, um die Edelleute zu fahnden, da würde ich mich auch nicht vor mein Schloß stellen, und in die Trompete stoßen und rufen: Hie Kurfürst, hie bin ich, das ist mein Recht![218] I bewahre, ich zöge die Brücke auf und ließe das Gitter nieder, und die Fahne nehme ich ab, und thäte, als wenn ich schliefe, bis er vorüber ist. Es stürmt nicht immer, es regnet nicht immer; wie sollte denn das Korn wachsen.«

»Recht muß aber doch Recht bleiben,« wiederholte Hans Jürgen, der jetzt anfing zu verstehen, was der Knecht gemeint.

»I freilich, Junker. Wer der stärkste ist, der ist allemal im Recht. Und wer nun schwächer ist, für den kommt auch die Zeit, muß sich nur ducken und schicken, bis es mal umkippt, denn das thut es schon. Wenn der Gestrenge losschlägt, nun lieber Gott, 's thut ein bischen weh, aber ich hab' auch schon gelernt, mich zurecht biegen, und am Ende thut's mir auch nicht mehr weh, und nachher weiß ich, thut's ihm leid, da räuspert er sich, knipst mit Pflaumenkernen nach mir, fragt, was ich denn grunze? Na, und wenn ich nun fortgrunze, nämlich was so meine Art ist, und komm' ihm nicht näher, so kommt er mir näher, und da macht sich's denn so, manches Mal hat er mir den Bart gestreichelt, und mich 'nen verfluchten, eigensinnigen Kerl gescholten. Da weiß ich, die Glocke hat Feierabend geschlagen. Da muß ich in den Keller. Vergiß Dich auch nicht, Kasper, sagte er. Ja, ich kann's wohl sagen, ich hab's recht gut in Ziatz, und wenn ich mir was wünschen thu, da weiß ich schon, nach der Prügelsuppe krieg' ich's. O ich könnte noch viel mehr kriegen, aber ausverschämt muß kein Christenmensch nicht sein. Hätt's mir auch jetzt gesagt: Kaspar, willst Du nicht nach Brandenburg reiten auf den Markt, und wenn Dir ein Wamms in die Augen sticht, da hast Du 'nen Gulden, aber sag's der Frau nicht. Nu so klug bin ich auch. Wer wird denn plaudern! Aber da sind die Hosen zwischengekommen; drum geh' ich das Wamms quitt.«

Die Mauern von Spandow wurden jetzt sichtbar. Der Knecht hielt ein wenig an, weil die künftige Klosterfrau ihren Anzug in Ordnung bringen wollte. Da sprach Kaspar wie vor sich hin:

»'S könnt mit den Edelleuten auch besser gehen, meine ich, wenn sie's mit dem Kurfürsten machen thäten, wie ich mit meinem Gestrengen. Eigentlich ist's Vieh doch klüger als der Mensch«, brummte er fort. »Keine Maus kriecht in keine Speiskammer, wo sie nicht ein Loch gemacht, da sie wieder raus kann.«

Hans Jürgens Gedanken gingen ihren eigenen Weg. Agnes, als sie der Stadt sich näherten, drückte ihrem Vetter die Hand:

»Ach Hans Jürgen, weißt Du, vorhin auf dem Weg überkam[219] es mich manchmal recht bang, daß ich in's Kloster müßte. Aber nun ist mir wieder ganz wohl und leicht um's Herz. Da in den Mauern ist der Friede Gottes. Sag' ihnen das zu Haus. Und Du, armer Hans Jürgen, Du mußt zurück in die Welt voll Ungerechtigkeit! Was willst Du da anfangen? – Ach, wenn Du nicht heirathen thust, dann gehst Du auch mal in's Kloster.«

Hans Jürgen sagte nicht Ja und nicht Nein.

»Weil Du's gern hast, Agnes, will ich zu den Vettern nach Friesack. Aber blos darum.«

»Sie werden itzo nicht hochmüthig sein. Das Unglück macht weich.«

»Aus Mitleid! – Ich will gar nicht, daß Einer sich mein erbarmen soll.«

»Bringen Eine von Bredow zu den Ursulinerinnen!« antwortete der Knecht dem Wachthabenden am Thor, denn schon war der Wagen über die Hangebrücke und hielt unter dem finstern Thor.

»Marsch!« rief der Waibel.

»Ach, Hans Jürgen,« sagte Agnes ängstlich, als der Wagen wieder sanfter durch die ungepflasterten Gassen fuhr, »wie grimmig sahst Du den Waibel an; mir war schon angst, er würde Dich in's Thorhaus stecken lassen.«

»Mich ärgerte sein kurfürstlicher Rock.«

»Nimm Dich in Acht, Hans Jürgen, lieber Junge, daß Dir kein Unglück geschieht. 'S ist schon genug über die Familie kommen.«

Sie waren wieder aus der Stadt heraus, der Wagen hielt vor der Klosterpforte. Ein banger Augenblick war's für Agnes Bredow, ihr Herz pochte, als der Knecht an der Schelle zog.

Den Abschied von ihrem Vetter zu beschreiben, ist nicht unser Wille; auch nicht den Abschied von der Welt. 'S ist überall gut, einen Abschied kurz zu halten, wer nun nachmals will leben für die Welt oder für den Himmel. Auch durfte sie ihr Vetter noch in den Vorhof begleiten, um sie der Priorin zu übergeben. Dort im Sprechzimmer durfte sie die letzten Worte mit ihm wechseln, die letzten Grüße ihren Lieben senden, den letzten Schwesterkuß ihm auf die Stirne drücken.

Aber was sie ihm jetzt noch zu sagen hatte, das schien ihr besser gesprochen unter Gottes freiem Himmel, als da, wo die Heiligen an den Wänden auf ihre Worte lauschten.

»Vetter, treibt's Dich, und Du kannst nicht anders, so zieh[220] Dein Schwert gegen wen es sei, als ehrlicher Mann. Ist's Sünde, wird Gott es Dir verzeihen. Aber lieber Hans Jürgen, thu's nicht wie der Kasper sagt. Der Kasper, der mag Recht haben, aber vor Schlägen fürchtest Du Dich doch nicht. Wenn's auch klug ist, thu's nicht so mit dem Kurfürsten, wie er mit dem Vater. Halt' auf Dich selbst.«

Mit einem frohen Blick schlug er sich an die Brust: »Ich dienen, Männerchen machen, ich schweigen und lügen, damit – Agnes, so wahr –«

Sie griff den Arm, den er zu einem Gelöbniß in die Höhe hielt: »Schwören sollst Du nicht. Um Gotteswillen schwöre nichts, denn Niemand weiß – aber lieber Hans Jürgen, so gefällst Du mir. So sollte Dich Eva sehen.«

Sie wandte sich rasch ab, sie ergriff seine Hand, und mit hastigen Schritten eilte sie der Schwelle und der Thür zu, die jetzt in ihren Angeln knarrte, um hinter ihr – sich auf immer zu verschließen.

Quelle:
Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow. Vaterländische Romane. Berlin 9[1881], Band 3, S. 212-221.
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