Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Die Köpnicker Haide.

»Der kommt ungelegen,« sprachen zwei Reiter, die am grauenden Morgen durch' die Köpnicker Haide ritten, als der Wind einen ersten, leichten Schnee ihnen in's Gesicht trieb. Es waren ritterbürtige Leute; aber mit den kurzen Waffen und in ihren Büffelkollern und Wolfspelzen, unter denen die Panzerhemden verrätherisch blinkten, ritten sie nicht zu Hof und Hochzeit.

Der Morgen war rauh und unfreundlich wie ihre Gesichter. Sie folgten einem wenig befahrenen Holzwege. Wo der Wald sich lichtete, hielten sie, wie um zu horchen. In weiter Ferne hörte man dumpfe Hufschläge. Auf der andern Seite der Lichtung schimmerte aus der Niederung eine verfallene Lehmhütte, deren wettergepeitschtes, schiefes Dach allmälich seine braune Farbe verlor.

Der eine, Ritter schien gerade dies Dach mit besonderer Aufmerksamkeit zu betrachten: »Siehst Du, Wedigo, es wird weiß.«

Der andere strich aus seinem rothen Knebelbart den Morgennebel: »Es bleibt aber nicht weiß. Der Rauch schmilzt es da am Schlott. Die Sonne thut's für uns nachher.«

»Bis 9 Uhr, wo er kommen soll, hat sie nicht die Kraft.«

»Und wenn nicht, was weiter!«

»Was weiter, schwere Noth! Sollen wir wie die Eichkatzen an den Baumästen klettern? An die siebzig, die von links und rechts kommen, müssen doch Tapfen lassen. Es wäre die Pestilenz, wenn er Wind bekäme, und es ginge wieder quer.«

»Ist er nur bis zum Süßengrund, dann mögen sie uns wittern.«

»O dieser süße Grund!« knirschte der Andere, »er soll ihm ein bittrer, saurer werden!«

»Wenn Kaspar Flanz pfeift, so laut er will, mag ihm ein Vöglein singen, 's ist zu spät. Er kommt nicht mehr nach Köln zurück.«[266]

»Mordio!« Der Andre schüttelte an seinem Degen. »Nur heut keine Memmen!«

»Kannst Du noch zweifeln?«

»Was Adelige sind, nein. Aber daß wir bei so was nicht unter uns sind! Ich ward überstimmt.«

»Was plagst Du Dich mit Argwohn, Adam! Unsere Knechte sind Dir Kerle, die im Feuer gesotten wurden. Was hat so ein Bauersohn, dem sie sein Haus in Asche gelegt, und auf seinem Acker wachsen Nesseln? Meinst Du, daß sie lieber Disteln ausreuten und hinter'm Pfluge keuchen, als mit uns durch die Haide preschen? Satan könnte sich keine bessere Gesellen wünschen, als märkische Bauern, die nichts mehr hinter sich haben und ein frei Leben vor sich. Ich habe so ein Paar Lümmel: ihre Schwielenhaut ward in Sonne und Sturm wie ein Panzerhemd, und ihre Sehnen sind wie Eisen. Auf die ist Verlaß; ließen sich für mich ein Stündlein zum Vergnügen auf die Folter recken. Wenn man den Menschen die Krippe nicht zu hoch schnallt, sind alle Menschen gut.« Sie ritten, am Waldrande sich haltend, auf das Haus zu, um, nach der Verabredung, die ersten zu sein, schienen aber verwundert, als sie im Wege schon eine frische Pferdespur fanden.

»Das fordert Vorsicht,« sprach Wedigo und sprang vom Roß, das er an einen Ast band, um von hinten an das Haus zu schleichen.

Aber lächelnden Gesichtes war Wedigo zu seinem Gefährten zurückgekehrt, flüsterte ihm einen Namen zu, der auch diesem ein Lächeln abnöthigte, derweil die Ankunft anderer Reiter beider Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Alle kamen auf Nebenwegen mit derselben Vorsicht heran; alle vermummt. Einige mit alten Helmen und geschlossenen Visiren, alle wohl bewaffnet. Ihrer Tracht nach schien keiner vornehmer als der andere zu sein. Aber in jeder Gemeinschaft muß es Führer und Häupter geben, und wo keine sind, da machen sie sich von selbst. Man ritt an einander, man wechselte leise Worte, Winke und Händedrücken, bis ihrer so viele beisammen waren, daß die Ordnung nöthig schien, welche nur ein Befehlshaber herstellen kann. Einer, der seine stolze Haltung nur schlecht unter dem Schafpelz verbarg, winkte seine Befehle einem andern im schwarzen Büffelkoller zu, der nun unter den Gruppen umherritt und sie austheilte. Einige stiegen von den Pferden, und vertheilten sich in den Wald, andere hielten zu Roß an dem Saum der Lichtung Wache. Erst dann traten die Andern in einen Kreis und pflogen, wie es den Anschein[267] hatte, Rathes, der aber bald lauter wurde, als sich für solchen Ort schicken mochte.

»Himmel und Hölle!« rief mit gedämpfter Stimme der im Schafpelz und hob beide Arme in die Höhe, »wir haben ihn noch nicht. Nachher davon, Ihr Herren, hier thut uns Anderes Noth!«

Aber seine Gründe schienen nicht Alle zu überzeugen, der Lärm, das Geschrei, wenn gleich mit unterdrückten Stimmen, ward lauter. Einige Mißvergnügte ritten auch schon aus dem Kreise, und sonderten sich in Gruppen.

»Dacht' ich's doch,« rief Einer. »Wo die Klugsprecher sind, ist auch Verrath. Wer setzt denn um nichts den Hals daran!«

»Warte nur, bis der Otterstädt kommt,« entgegnete der, welcher ihn zur Rückkehr zu bewegen suchte.

»Der! Wer am Hof ist, züngelt.«

»Gieb Dich nur jetzt Christoph.«

»Gieb Dich, gieb nach, warte nur, so heißt's allzeit. Wenn's nun nicht geschieht, hol's der Teufel, und ich konnte in Kyritz einreiten! Zusammenhalten! Schönes Wort! Der Hund heult und der Wolf schluckt's. Wovon sollen wir leben? An unsern Fingern kauen, wenn wir die Zeit nicht nutzen! Ich hab' nichts mehr, darum bin ich hier. 'S läuft Alles auf's Dienen raus, Adam, wo die Klugsprecher an's Regiment kommen.«

»Die Noth ist unser Aller. Die großen Herren –«

»Salviren sich, wenn's schlimm geht, uns hängen sie. Wenn's gut geht, ihre Taschen werden voll; uns schmieren sie Redensarten in's Maul. Hab' die letzte Kuh verkauft zur Rüstung, und nun soll ich warten auf den Landtag. Und da wird parlirt, und dann heißt's: Die Ordnung will – Ich kenne das. Ich – auf die Ordnung. 'S ist mir kein Wort so zuwider. Kriege Bauchgrimmen, wenn ich's höre.«

Adam flüsterte ihm Namen in's Ohr: »Volle Katzen haben sie mitgebracht. Es soll Keinem fehlen, der Geld braucht.«

»Das heißt, wenn Du gut Bedienter spielst, wirst Du gut bezahlt. Seine Leute bezahlt der Kurfürst auch. So kommt der arme Mann runter. So ist mancher gute Mann in der Mark zum Dienstboten wor den.«

»Wer nichts hat, muß dem Andern dienen, der was hat. 'S geht schon nicht anders in der Welt.«

»'S ginge schon, wenn« – antwortete Christoph.

Der Sturm und das heftigere Schneegestöber trugen das Wenn des Junkers in die Luft, und trieben die Versammelten[268] in's Haus, zum Vortheil der Anführer vielleicht. Die niedrige Stube des Haidewirths mochte noch nie eine so ansehnliche Versammlung in ihren zerbröckelten Wänden gesehen haben; mit ihren Fensteröffnungen, die mit Lumpen verklebt waren, und einem Lehmboden, der an Stellen einem Sumpf ähnlich sah. Hitze und Dampf qualmten aus dem gemauerten Ofen. Rohe Bänke und Tische, zerbrochene Gläser und Krüge im Schrank und ein Himmelbett waren die einzigen leblosen Dinge. Der Wirth, ein verdächtiges, tückisches Gesicht, mit einem Auge, und ein gespornter Mann, der, mit dickem Wolfspelz überdeckt, auf der Ofenbank schlief, die einzigen lebendigen Wesen, als die Ritter hereindrängten, und den Schnee von ihren Schultern abstampften, was kaum nöthig schien, da ihn die Hitze sogleich schmolz.

»Unsinn!« rief der Anführer, der von den Andern Wigand genannt wurde und warf sich auf einen Schemel, daß die Rüstung unterm Pelz klirrte. »Unsinn in diesem Augenblick damit vorzukommen. Ich sage Euch, wenn wir uns nicht bändigen, haben wir verloren auch wenn's gelang. Meint ihr denn, daß es ein leichtes Ding ist? Ihn zu fassen, ja. Aber so wir's nicht geschickt angreifen, bleibt es ein Ast, den wir vom Baume reißen, und der Baum steht da und lacht uns aus. Vor hundert Jahren war es anders, und unsere Väter haben doch verloren. Jetzt hat der Baum hundertjährige Wurzeln unter sich, Deutschland war ein anderes, die Meinung ist für ihn, es ist ein gewaltiger Kaiser da. Wenn wir nicht jetzt mit aller Vorsicht zu Werke geh'n, wenn wir nicht die Meinung für uns gewinnen, haben wir ein schlecht Schauspiel zum schlechtesten, kläglichsten Ende gebracht. Verrückt, toll wären wir, so wir in dem Augenblick die Städte gegen uns aufbrächten. Jetzt an Wegelagerung, an Plackereien zu denken, ich sage Euch, besser, Ihr schnittet Euch die Kehle mit dem Brodmesser ab. Es kommt nur, es kommt Alles darauf an, der Sache ein gut Gesicht zu geben. Es kommt darauf an, jetzt zu geben, nicht zu nehmen. So unsere Väter es damals nicht mit den Städten verdorben, hätten sie auf die Dauer verschlungene Arme mit uns gemacht, die faule Grete hätte nicht vor unsern Schlössern gebrummt, sie wär' im Sande stecken blieben; wir hätten die Nürnberger wie den Hohenloher zu Paaren getrieben, bis ihnen die Lust verging.«

»Hätten ist nicht hatten,« sagte Einer. Die Rede schien wenig Eindruck auf die Mehrzahl gemacht zu haben.

»Beim Blut von Wilsnack! was wollt Ihr denn?« rief[269] der erste Redner, den eisernen Arm auf den Tisch legend. »Wer nicht die Zeit, wie sie ist, im Aug' hat und faßt, der verspielt auch die Gunst des Augenblicks. Was haben wir denn, wenn wir ihn haben; und auch wenn er nicht mehr ist, was denn? – Das Herzblut springt Euch bei dem Gedanken, daß Ihr Eure Rache kühlt. Glaubt Ihr, daß mein Herz nicht auch jubelt? Aber so handelt das Vieh. Könnt Ihr nur an heut denken? Ist das Morgen Euch mit Brettern vernagelt?«

»Sprich, sprich, Wigand!« sagten Einige.

»Städte, Fürsten, Kaiser, Reich stehen auf. Die Acht wird gegen uns geschleudert. Meint Ihr, daß die Sachsen, die Pommern, die Mecklenburger, die Magdeburger nur einen Augenblick anstehen, Exekutionsheere zu schicken! O, wir haben gute Nachbarn. Wo sind unsre festen Burgen, wo die dicken Mauern, dahinter wir ihnen in die Zähne lachen können? Wollt Ihr Alles auf's Spiel setzen um einen heißen vollen Trunk?«

»Wigand hat Recht!« sagte Einer. Die Andern schwiegen.

»Ich habe Recht. Ich weiß, daß Joachim grad jetzt Boten ausgesendet zu den Pommern, zu allen Fürsten in der Runde zu einem großen Vertrage gegen die Plaker, wie sie's nennen, gegen die Ritter aus dem Stegreif. Jeder macht sich anheischig, die Landschädiger zu fahnden, greifen und richten, auf weß Gebiet sie betroffen werden. Wird unsere That laut und wir thun jetzt nichts weiter, so heißt's durch die ganze Welt: wir sind Stegreifritter, wir thaten nichts als uns zu rächen, und Ihr wollt doch mehr, Ihr Herren, Ihr wollt andere Unbill rächen, alte, schlimme, verjährte, Ihr wollt Euer Recht wieder fordern, das Gott Euch gab, und die Fürsten aus Nürnberg nahmen's Euch.«

»Das wollen wir,« rief Wedigo, an seine eiserne Brust schlagend. »Das Land war unser, die Wege und Straßen, unserer Väter waren sie, unser das Recht und ihrer das Unrecht. Das wollen wir und weiter jetzt nichts, dazu zeigt Gott uns den Augenblick. Wozu langes Fackeln! Viel Reden kühlt das heiße Blut. Was nachher, findet sich nachher.«

Ein Dritter fiel ein: »Daß wir nicht hier sind, einen Milchbrei zu essen, weiß Jeder. Mag's ein heißer Brei sein, daran wir uns den Mund verbrennen; genug, wir sind geschworen, und unter uns ist kein Hundsfott, der den Eid bricht.«

»Was sollen uns die Städte?« sagt ein Anderer. »Die liegen wie der Dachs in ihrem Fett, froh, wenn man sie in Ruhe läßt. Schüchtert sie ein, so geben sie sich in das, was[270] nicht zu ändern ist. Aber sie stehen nicht zu uns, und wenn sie zu uns ständen –«

»So hätten wir eine Macht auf unserer Seite, die Ihr hoch anschlagen könnt,« fiel der Anführer ein. »Um aller Heiligen Blut willen, hört mich noch an. Die Bürger knurren, glaubt mir's, es gährt auch dort. Nur einen Brand hinein geschleudert. Wenn wir die Städte gewinnen, nur einige, nur die bessern, so können wir sagen, das ganze Land hat sich erhoben, die Unbill, die Ungerechtigkeit war nicht mehr zu tragen. Das giebt unserer Sache ein Ansehen. Vor einem ganzen Lande, das aufsteht seine Voigte, seine Zwingherren abschüttelt, hat auch das Reich Respect. Hat Österreich die Waldstätte wieder gewonnen? Dort traten Alle zusammen, Bauern, Städte, Adel. Wär' unsere Sache schlimmer, so wir Alle, Einer nach dem Andern, hingen, Gut, Blut, Leben für die Freiheit einsetzen? Die alten Voigte, so die Kaiser in die Marken setzten, waren gut. Darauf kamen schlimmere und immer schlimmere, die Baiern, die Luxemburger; sie halfen uns nicht, wir mußten uns selbst helfen. Wer beweist uns, wenn wir das Schwert zücken, daß unser Recht ausging, uns wieder selbst zu helfen! Wagt es, Freunde, das auszusprechen! Wer wagt, gewinnt. Verwirkt hat er, der tolle, eigensinnige Knabe, der nicht mehr Voigt sein will des Reichs, der unsere Statuten, Satzungen, unsere alten Rechte freventlich zertritt, der adlig Blut vergießt um Lumpereien, der seine Grillen uns zu Gesetzen geben will, verwirkt hat er die Herrschaft. Erhebt Eure Stimmen, schreit Zeter mit tausend Kehlen, laßt tausend Briefe es schreiben, schickt Druckschriften durch das Reich, klagt, um nicht angeklagt zu werden. Er hat keine Kinder, keine Brüder. Bis die Sippschaft aus Franken klagt, bittet, belehnt wird, bis sie mit Truppen anrückt, sind wir in Besitz und stark, wenn wir einig sind.«

Die Bilder, welche der Redner erweckte, hatten etwas Anziehendes. Die Roheren schienen verstummt. Andere warfen ein, das Reich könne es nicht dulden, der Kaiser werde es nicht.

»Wenn wir unterliegen!« rief Wigand. »Der Sieger schreibt überall Gesetze vor. Schlagen wir die Ersten, die kommen, aus dem Felde und warten die Andern ab, gesattelt und gerüstet, sie werden wahrhaft nicht lüstern werden nach der unfruchtbaren Erbschaft. Ich wiederhole Euch, hätten die Puttlitze, die Quitzow, die Rochow, die Bredow vor hundert Jahren den Städten nur den kleinen Finger gereicht, statt ihre Bürger zu zwicken und zu werfen, so gäb's keinen Nürnberger zwischen[271] Elbe und Oder, wir hätten reichsfreie Geschlechter, reichsfreie Städte. Und nichts ist zu spät, wo es gilt, sich selbst zu retten. Die Fürsten überall im Reich, freilich sie möchten oben hinaus, den freien Adel knechten, die Städte bändigen. Aber anderwärts lassen sie sich nicht bändigen. Seht auf die Bündnisse im Schwabenland, in Franken, in der Pfalz. Die Sickingen, Berlichingen, die Kronberg, die Brömser rühren sich, sie werden den Fürsten, die nicht mehr sind als sie, noch manche Nuß zu knacken geben. Sind wir schlechter als die? Ja, wenn wir nicht den Mut haben, besser sein zu wollen. Wir haben keine Burgen auf steilen Felsen, meint Ihr. So haben wir Sümpfe, Wälder, Brüche, Seen und zähen Muth. Schaut Euch um, wenn Ihr doch zagt, nicht nach Abend, nach unsern Nachbarn im Morgen. Da ist Freiheit. Erinnert Euch, daß von Euren Urgroßmüttern noch slavisches Blut in Euren Adern rinnt. Der Pole hat auch einen König, aber wehe ihm, wenn er die Hand anlegt an die Rechte des Adels. Solche Markgrafen wollten wir dulden, selbst erkoren, aus freier Wahl hervorgegangen. Da hat der Adel Rechte, da schirmen die Großen die Kleinen, da wagt kein Fürst, den freien Mann unter seine willkürlichen Satzungen zu drücken. Was hindert uns, wenn das deutsche Reich uns nicht will, wenn es über uns als Stiefbrüder die Achseln zuckt, uns dem mächtigen freien Polen anzuschließen. Freunde und Brüder! wo es Freiheit gilt, ficht sich's so schön mit dem krummen Säbel wie mit der graden Klinge!«

»Der Otterstädt kommt noch immer nicht,« rief Einer, der ungeduldig schon mehrmals zur Thür hinausgegangen.

»Es kommen ihrer Viele nicht, auf die wir rechneten.«

Einer zählte am Finger die Namen mehrerer großen Familien: »Es hat mir das Mark im Leibe gesotten, was Du sprachst, Wigand, das ist wahr, aber wo soll's hinaus, wenn die Wedel fehlen, die Puttlitze, die Reder, Rochow, Bredow, Alvensleben?«

»Der Sturm kräuselt zuerst nur Staub, zuletzt reißt er Dächer ab. Uns läßt man anfangen; glückt es, so zweifle nicht, daß auch die Reichen zur Ernte sich einfinden. Das ist der Lauf der Welt. Es kommt nur darauf an, daß man stark genug sich fühlt, um anzufangen.«

Andere hatten eine Liste vorgezogen und musterten die Köpfe der Anwesenden. Der Anführer riß schnell das Papier fort:

»Nichts Geschriebenes! Keine Namen.«

Er warf das Papier in den Ofen und ließ sein Auge nicht[272] davon, bis der letzte Zipfel sich in Gluth und Asche krümmte. Einige lächelten über die Vorsicht:

»Wir sind ja unter uns.«

»Um so weniger thut Papier noth, wo Blut und Ehre unsern Bund kitten. Wir kennen uns doch Alle?«

Seine Augen flogen im Kreise umher. »Nicht wahr, Hans Zarnekow? – Ihr vom rothen Haus, Peter Lüdke?« Ein Nicken und ein Handschlag antwortete: »Wer ist der auf der Ofenbank?«

»'S ist ja der Götz von Ziatz!« lachte Wedigo.

»Was Teufel, und kann schlafen!«

»Er kam vor 'ner Stunde todtmüde vom Nachtritt an. Der Wirth sagt, er fiel auf die Bank.«

»Seid Ihr's gewiß?«

Wedigo zeigte auf die Büffelhaube, den Pelz und lächelte etwas: »Wer im Lande kennt nicht Götzens Elennsbüchsen!«

»Das ist gut,« sagte Wigand. »Er schwor im Rausch; ich zweifelte, ob er nüchtern kommen würde.«

»Will auch keinen Eid darauf ablegen, daß er nüchtern kam,« lachte ein Anderer.

»Genug, er ist gekommen, sein Name ist bei uns, und das ist viel, und vielleicht mehr, als wenn er erwachte«, setzte er leise hinzu.

Ein freudiges Holla draußen, ein Gewirr von Rüstungen, ein Pferdewiehern unterbrach sie und im nächsten Augenblicke stürzte ein Ritter herein und warf ungestüm den Helmsturz zurück:

»Da bin ich! – Er kommt.«

Otterstädt's Augen rollten wie eines Irren, seine Brust hob sich und senkte sich, sein Athem versagte ihm.

»Er kommt?«

»Vor einer Stunde ritt er durch's Köpnicker Thor. – Das sah ich noch von Waldeck aus – flog wie der Wind. – Wenn er an den drei Eichen ist, schrillt Kaspar Flans in die Pfeife – Aber der Teufel, der Ritt griff mich an. –«

»Verschnaufe Dich.«

»Er reitet –«

»Mit wie Vielen?«

»Nicht der Rede werth. Heintz von Redern ist's, und Kaspar Köckeritz von den Seinen. Den Pommerschen Abgesandten Hans von Pannewitz nahm er mit, und damit ihnen die Zeit nicht lang werde, seinen lieben Bischof Scultetus, der ihnen Schnurren erzählen muß. Mit zehn Reisigen werfen wir sie[273] alle. Aber – er reitet nicht nach dem Süßen Grund, durch's große Gestell nach dem Spechtgraben zu.«

»Das ändert unsern Plan.«

»Ihr müßt Euch theilen,« sagte Otterstädt, »rechts an die Spree, links an die Sümpfe. Ein Stündlein mehr, aber wir haben ihn im Netz. Einen Trunk Meth – ich brauche Lebensgeister.«

»Und? –« fragte der Anführer, der seine Befehle ausgetheilt und zurückgekehrt war, mit einem forschenden Blick.

»Hilf Dir selbst, so hilft Dir Gott,« sagte Otterstädt aufspringend. Er riß ab den unscheinbaren Pelzrock, der seine Rüstung verbarg, und zog sein Schwert. »Blank, Mann gegen Mann, so ist's am besten.«

»Und in Sonnenwalde?«

»Calkulirt Niclas Minckwitz mit seinen Vettern, wann's am sichersten für ihn sein wird, Fürstenwalde zu überrumpeln.«

»Und die Birkholze?«

»Das Frösteln überkam sie, je näher der Tag rückte. Ersäuften mich mit schönen Worten und klugem Rath, daß Joachim ein mächtiger Fürst sei, und sie hätten's nur mit dem Lebuser Bischof zu thun. Wann und wie und wo es ihnen mit dem, ihrem Feinde gelänge, und dann und da und dort wollte Joachim sich einmischen, alsdann und insofern und alldieweil würden auch sie – Kreuzdonner Himmelwetter Sapperment, ich sattelte und machte, daß ich reine Luft kriegte. – Was lächelst Du?«

»Daß wir so sichere Bundesgenossen haben. Oder zweifelst Du, wenn wir ihn fortgeschleppt, daß ihre Bedenklichkeiten wie eine Schnuppe vom Licht gefallen sind!«

»Fortgeschleppen! Wohin?«

»Thürme giebt's noch in der Mark. So lang's im Lande zweifelhaft aussieht, geht's mit ihm heimlich aus einer Veste in die andere, daß Niemand weiß, wo er sitzt.«

»Und?«

»Knöpft er sein Ohr zu auf die Propositionen, steigt er immer ein Stockwerk tiefer –«

»Bis –«

»Hörst Du nichts draußen?«

»Bis er unter der Erde liegt?«

»Davon nichts jetzt, Otterstädt, nicht vor einem solchen Augenblick.«

»Jetzt, grade jetzt, Hallo! Nachher ist's Henkerdienst.«[274]

»Hast Lust, wie Kunz von Kaufungen durch die Gassen geschleift zu werden! Prinzenraub! Pfui über das Dumme und Halbe. Unter die Erde, aber nicht im Kerker. Gottes freie Luft soll das Gericht der Freien anschauen.«

»Otterstädt! Still, zügle die stille Wuth.«

»Ich will nicht zügeln!«

»Wir verderben die beste Sache –«

»Was schirt mich die Sache! Ich hab's mit Menschen zu thun. Mein Feind ist er, mein Todfeind; ich hasse, verabscheue nichts so auf Gottes Erdboden. Meinen Freund hat er gemordet, seinen eigenen Busenfreund; Pest und Tod, wer mich hindern will! Ich hau' ihn nieder, Basta!«

»Achtet auf ihn, wenn's losgeht!« flüsterte der Anführer zu seinem Vertrauten, als das Zeichen draußen gegeben ward. Die Verschwornen stürzten zur Thür hinaus, daß die Wände der morschen Hütte zitterten.

»Götze! Herr Götze von Ziatz, wacht auf!« hatte Einer der Letzten dem Schläfer auf der Bank zugerufen und ihn gerüttelt; doch erst nachdem er hinaus war, hatte der Schläfer sich aufgerichtet. Als er die leeren Wände sah, flog er an's Fenster und lauschte. Als die letzten Reiter zum Gehöft hinaus waren, sprang er auch in den Hof, riß sein Pferd aus dem Stalle und schwang sich mit einem Satz hinauf. Zum Thorweg hinaus, gab er dem Thiere die Sporen, daß die Weimen bluteten.

Der Haidewirth schrie ihm verwundert nach: »Da nicht, Herr Ritter! Nicht in's Gestell, da treibt Ihr grad auf ihn zu; links, durch den Wald!«

Der Reiter hätte ihn noch hören können, aber er hörte nicht. Ehe der Wirth dreißig Pulsschläge zählte, war er ihm aus dem Gesicht.

»Ein Bredow mag's sein,« sprach der Wirth; »aber Götz von Ziatz ist's nimmer.«

Quelle:
Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow. Vaterländische Romane. Berlin 9[1881], Band 3, S. 266-275.
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