Viertes Kapitel.

Der Krämer und der Sturm.

[32] Hans Jürgen und Eva hätten nicht nöthig gehabt, sich zu fürchten, weil sie der Edelfrau begegneten. Die Frau von Bredow sah nach andren Dingen. Ein Wunder daß sie nicht früher das Kichern, Schreien und Händeklatschen gehört, ein Lärm, den eine Hausfrau nimmer dulden durfte.

Sie standen, ihr den Rücken zugekehrt. Die schlugen in die Hände, die sprangen vor Lust. »Haidi mit ihm! So ist's ihm Recht!« schrieen sie und hörten darüber nicht, daß die Herrin zürnend fragte: wer denn schon Feierabend geboten?

Es war nicht der Feierabend, es war ein Reiter, der auf seinem athemlosen Gaule einen sehr unfreiwilligen Ritt machte. Muthwillige Buben hatten ihm das Geleit gegeben mit Ruthen und Stricken; aber mehr als ihre Streiche scheuchte das arme Thier der trockne Dornenbusch, den sie ihm an den Schweif gebunden. Der alte schwerfällige Gaul schoß über Stock und Block; unbekümmert, ob der Mann, der auf seinem Rücken saß und sich mit vorgestrecktem Leibe in seinen Mähnen festhielt, einen Willen hatte oder keinen; unbekümmert, ob er noch hing oder schon herabfiel.

Der Mann, der jetzt nur noch ein schwarzer Punkt war, war vorhin hier der Mittelpunkt. Es war viel vorgegangen.[32] Als er noch auf seinem Karren stand, wie hatten die Mägde Maul und Nase aufgesperrt. Litzen und Seidenbänder, Gespänge, Ketten und Ohringe, und die feuerrothen und schreiend gelben Tüchlein, wie hatten sie in der Sonne geflimmert. Solche Schätze, die ein ganzes Leben glücklich machen konnten, besaß ein Mann. Dann hatten sie mit ihrem Schatz verhandelt, und der Schatz zog endlich sein ledern Beutelein hervor und zählte die Pfennige, ob es reichen würde, und dann war gehandelt und gefeilscht worden, und der Krämer hatte Stein und Bein geschworen, daß das Bändchen und der Ring ihm selber mehr koste, als er fordere, aber um die Hälfte hätte er's doch gelassen, nur der Kundschaft wegen.

Hans Jochem, der Junker, der doch immer obenauf war, wo es was Lustiges galt und Schelmenstreiche, was war er mit einem Male ernst geworden und schaute auf ein Etwas, das der große Handelsmann vor ihm hinhielt. Zuerst sah es aus wie eine große Wurst, etwa zwei Schuh lang und gut einen dick; dann als der Kaufmann die Schnüre löste und es auseinanderlegte und immer weiter und weiter, da hätte Einer denken mögen, es wäre ein Sack, um einen Eber darin zu fangen. Aber nun steckte er beide Arme hinein und gar den Kopf auch, und so weit er auch mit den Armen fuhr, er erreichte nicht das Ende, denn ein Fältchen faltete sich nach dem andern, und es war pures schönes Tuch, ausgeschlitzt und gesäumt und gefuttert mit Seiden. Dann gab er's dem Junker zu halten, daß er es gegen die Sonne hielte, und als Hans Jochem es hielt, zitterte fast der Junker vor Freude.

»Ihre kurfürstlichen Gnaden haben selbst nicht bessere,« sagte der Krämer.

»Dann ist's nichts für mich,« sagte der Junker leise und wollte zögernd das Prachtstück dem Kaufmann zurückreichen.

»Was,« rief der, »nichts für meinen Junker von Retzow. Für wen denn sonst? Braucht ein havelländischer Junker sich zu scheuen, um den Leib zu gürten, was der Markgraf umthut? Der Wichard von Rochow, gnädiger Junker, hatte schon bei Lebzeiten Kurfürst Johann Ciceros ein Paar Hosen um, wenn man sie auspuffte, war er in der Breite so lang als groß, und er maß doch an sechs Fuß. Das kümmerte ihn gar nicht, als der Kurfürst hochseliger ihn fragte, ob die Ernte von Golzow im einen und die von Rekahne im andern Beine Platz hätte? Kurfürstliche Gnaden, erwiderte Herr Wichard, auch die von Potsdam, so mir das wiedergegeben würde, was meine Väter mit[33] Recht besitzen thaten. Da wandte ihm der Kurfürst den Rücken und sprach kein Wort, aber die andern Edelleute lachten für sich und drückten Eurem Vetter die Hand, daß er's ihm so gut gegeben hatte.«

»Kriegen Potsdam doch nicht wieder,« sagte Junker Melchior.

»Probirt sie nur an,« fuhr der Handelsmann fort, der sich um das Prachtstück nicht viel mehr zu kümmern schien, indem er schon in neuen Schubläden nach neuen Schätzen suchte. »Nehmt Ihr sie nicht, nimmt sie ein Anderer. So was verkauft sich von selbst. Bloß probiren, Junker, weiter nichts, damit die Frölein sehen, wie es sitzt. – Ei der Tausend, und wie angegossen, wie zugeschnitten für Euch. Nun häckeln wir's nur ein bischen fest und dann die Knieschnallen.«

Junker Hans Jochem hatte probirt. Ueber die knappen Drilchhosen waren die weitgebauschten Tuchhosen mit Leichtigkeit gefahren, und der Handelsmann hatte sie mit fertigen Händen zugenestelt.

»Nein so schön und fürnehm sahen wir unseren Junker doch noch niemals,« sagten die Mägde, und Alles trat zurück, ihm Platz zu machen, und seine Wangen glühten einen Augenblick im Abendroth, wie der Saum der Purpurschlitzen, die sich öffneten und schlossen.

Als er schüchtern gefragt, was sie wohl gelten thaten, hatte der Krämer: Pah! gerufen, sie würden auch nicht das römische Reich kosten. Unversehens, meinte Hans Jochem, war er an's Fließ getreten und hatte sich unversehens im Wasser beschaut. So hatte ihm nie ein Kleid gestanden. Und er dachte: Ei, und wenn's auch eine Mark ist! »Frag' ihn aber genau, Hans Jochem, der Hedderich ist ein Schelm,« hatte Mühmchen Agnes ihm besorglich zugeflüstert. Und das Wort war nun ausgesprochen, das alle Freude vergällte, und eiskalt und schwer bauschten sie ihm um die Hüften und schienen den armen Thor auszulachen. »Fünfzig Ellen Zeug verschnitten!« fuhr der Krämer fort. »Und Flamländisches, vom Feinsten, wie es nur in's Land gekommen, und die Schlitzen von mailändischer Seide und die Schnallen von Venedig. Ein Paar Mark ist gar kein Geld dafür!« –

»Ach armer Hans Jochem!« hatte Agnes leise geklagt.

Der ist mir sicher, hatte Klaus Hedderich gedacht. »Wer wird von jungen Leuten baar bezahlt nehmen. Im Stock zu Havelberg, da liegt mein Schilling gut aufgehoben, und nur ein Wort vom gnädigen Vormund, so zahlt er auch drei Mark für's Warten.«[34]

Wie sollte Junker Gottfried zahlen wollen für ein Paar Pluderhosen, er, der – Welche niederschlagenden Wetterwolken zückten da um Alle. Wär's doch für ganz Hohen-Ziatz eine Ehre, so dachte der Meier, so dachte der Knecht. Und der unterste leibeigene wendische Mann, der mit den Schweinen unter einem Dache verkehrte, der nie sich unterstehen dürfte, mit seinen Bastschuhen über die Schwelle zu treten, wo die Herrschaft saß, er dachte auch so. Er hätte sich auch freuen müssen und hätte sich gefreut, wenn das hübsche Ziehkind von Hohen-Ziatz das Leibstück gewann. Was hatte er vom Junker? Der sah ihn nicht an, wenn er auf's Roß stieg. Einmal, als er nicht schnell genug bei Seite sprang, hatte er ihm mit der Gerte einen Riß gegeben, der durch die Schwielenhaut drang, und viel fehlte nicht, hätte er ihn übergeritten, aber der Junker gehörte doch zum Haus. Des Hauses Ehre war auch des armen Leibeigenen Ehre. Eigene hatte er nicht.

Das dachten die Andern, Hans Jochem aber nestelte an dem Bund, und ihm zur Qual hatte der Krämer den Riemen so fest verhakt, daß er's gar nicht loskriegen konnte.

Bald darauf hatte es aber ganz anders ausgesehen. Da stand der Krämer nicht mehr auf seinem Wagen, wie ein Herr der Herrlichkeit. Sie hatten ihn heruntergerissen und schrieen ihn an, und er hob umsonst die Hände und betheuerte umsonst seine Unschuld. Die Mägde hatten am Fließ an einem der bunten Tücher, die er als echt verkauft, die Probe gemacht, und: »es ist falsch!« schrieen die wüthenden Dirnen und die Knechte wiederholten: »er verkauft falsche Waare!« Das nasse Tuch schlug ihm um's Gesicht, daß es gelb und roth wurde. Vor Schrecken war der Anne Susanne der Silberring, den der Großknecht Christoph für sie gekauft, aus der Hand gefallen, und der ein Brautring werden sollte, zersprang am Stein, auf den er fiel; und das Silber war zusammengelöthet Blei. Nun schien es um den Krämer Klaus Hedderich gethan. Vergebens lag er auf seinen Knien und versprach Buße, vergebens rief er, er selbst sei von den Nürnberger Herren betrogen' worden, vergebens versprach er, schöne bessere Waare dafür, ein Goldringlein, das des Kurfürsten Goldschmidt selbst prüfen solle, für das Wollentuch eins von echter Seide. Vergebens rief er den Junker Melchior an, seiner sich anzunehmen, vergebens den Burgfrieden von Hohen-Ziatz und die Gerechtigkeit der edlen Herren von Bredow, vergebens den Junker Hans Jochem, er wolle ihm die Hosen lassen um den halben Preis. Er war ein ganz verlorener[35] Mann. Zum Galgen mit ihm! schrie es. Da waren die Pferde ausgespannt, da war sein Karren umgestürzt, die Riemen gesprengt und die Päcke und Kasten und Kisten rollten. Sie zerrten und stießen ihn, und die Peitschenschnüre der Knechte konnten gar noch nicht an ihn kommen vor den ergrimmten Mädchen, die mit ihren Fäusten und Nägeln gegen den gottvergessenen Betrüger eiferten.

Daß sie ihn gehängt hätten, will ich nicht meinen, aber schlimm wär's ihm ergangen, wenn nicht der Junker Peter Melchior sein Wort darein gesprochen. Er meinte, was es ihnen hülfe, so sie dem Mann die Haut gerbten oder ihn aufhingen mit den Händen an die Kiefer, oder in den Sumpf steckten bis an's Kinn; dann kämen doch Andere und zögen ihn raus, und man wisse nicht, was danach käme, wobei der Junker nach dem Waldweg zwinkerte, den die Burgfrau gegangen. Sie sollten ihn laufen lassen oder zum Teufel jagen. Ja, je eher man solchen falschen Kerl los würde, desto besser; dann könne man sich an seine Sachen halten und zusehen, ob in dem Plunder was sei, um den Schaden gut zu machen.

Ehe er sich's versah, saß nun der arme Krämer auf dem Gaul, ehe er noch ein Valet sagen konnte seinem Kram, sah er ihn nicht mehr.

So war es geschehen, und der Junker Hans Jochem sah auf seine schönen Hosen nieder, in deren Carmoisinpuffen die Abendsonne mit Wohlgefallen sich zu fangen schien, und er dachte, die hat der Mann nun vergessen, und zugleich dachte er, wie mag der Mann nun zu seinem Gelde kommen, und dann kam noch ein Gedanke, der machte sein Gesicht so roth wie die Puffen. Es klang ihm mit einem Male wie des Dechanten Stimme aus dem Dornbusch: »Da sieht man abermals Gottes Fingerzeig und sichtliche Fügung, er hat dich betrügen wollen, und nun ist er betrogen. Wollte den doppelten Preis, was sie kosten, und nun hat er nichts!« So lispelte es ihm zu, oder der Junker glaubte es, aus dem Dornstrauch, durch den ein gelbes Licht von der untergehenden Sonne streifte, und es ging ein seltsam Zittern und Knistern darin um, wie wohl zuweilen der Wind thut. Aber derselbe Wind schüttelte in den Wipfeln des Baumes, daran Hans Jochems Spieß stand, und der Spieß, der nicht fest stand, rüttelte. Da schien es ihm, als ob der Spieß flüstere: »Schäme Dich, Hans Jochem. Du bist ein Edelmann und kein Dieb. Ja, wenn Du ihn geworfen hättest, den schlechten Kerl, in den Graben mit ihm und einen blutigen[36] Kopf, wenn er raisonnirte, dann hättest du's ehrlich nehmen mögen, mit guter Sitte, und kein guter Mann hätte zu dir sagen können, du seist ein Dieb. Aber so du sie behältst und hast nichts für gegeben, nicht Streiche, nicht Geld, das kann das Bettelmensch auch und der Zigeunerbub, die hängt man, und die Hand wird unehrlich, die sie anrührt!«

So sprach's im Busch und so im Baum zu Hans Jochem, und er stand wie eingewurzelt und hörte noch nichts von dem Donnerwetter. Mit der einen Hand nestelte er am Gurt und mit der andern streichelte er die schönen Carmoisinpuffen. Da flüsterte ihm wieder etwas in's Ohr: »Thu sie los, lieber Hans Jochem, thu sie los, es thut nicht gut. Ach, heilige Agnes, da ist sie, schon,« seufzte die kleine blasse Agnes.

Es frommt nicht, zu viele Ungewitter zu malen, nicht für den Maler, nicht für den Dichter. Wer immer Sturm und Nacht vorbringt, von dem meint man wohl, daß er das liebe Sonnenlicht nicht ertrage und vor der stillen Luft sich fürchte.

Und wir haben noch von so vielen Unwettern zu erzählen.

Also, es hatte gedonnert und gewettert, und wer denkt sich nicht wie, der unsere Frau von Bredow kennt, und wie ein Kornfeld mit geknickten Aehren standen sie blaß umher und ließen die Köpfe sinken. Nun hatte sich Frau Brigitte umgesehen, wer dem Krämer nachreiten sollte und ihr Auge fiel auf Hans Jochem. Der ist nicht der Schlimmste, dachte sie, er ist von gutem Blute.

Wie sollte Hans Jochem auf's Pferd! Der konnte nicht reiten, das sagte der erste Blick; aber rasch hatte die Edelfrau nach dem Nächsten sich umgeschaut, der's konnte: »Hans Jürgen!« Hans Jürgen ward auch blutroth, und er hatte doch keine Pluderhose an. Eva sah erschreckt die Mutter an, die auch roth war, aber vor Zorn. »Auf's Pferd!« Wo stand auch gleich ein gesatteltes Pferd bereit?

Ein Kärnergaul trabt dem andern am besten nach. Hans Jürgen mußte auf das Thier ohne Bügel und Sattel. Alt war es, hochbeinig und mehr Knochen als Fleisch, und ein Ritt war es, der durch Mark und Nieren ging. Zu anderer Zeit hätten sie aus Herzenslust gelacht; wer sich aber fragte, ob er lieber Hans Jochem war, der zurück blieb, oder Hans Jürgen, der fort mußte, beneidete heut den armen Hans Jürgen, den der Gaul in die Lüfte warf.

Eine dunkle Wetterwand war im Abend aufgezogen. Sie stieg höher und höher; ein verrätherischer Wind streifte über[37] die Haide und regte die Wipfel der Bäume. Zu anderer Zeit hätte meine Frau von Bredow, deren scharfem Auge nichts entging, das anziehende Unwetter längst gemerkt, und sie würde, wie der Schiffscapitain, rasch und kurz ihre Befehle ausgeschrieen haben, die Segel einzuziehen, die Päcke und Ballen zu schnüren, um das Schiff nach dem Hafen zu steuern. Aber die beste Frau bleibt eine Frau. Die Beichte im Walde, das Gericht im Lager, sie die Richterin und vor ihr der arme Sünder, das war zuviel innerer Sturm, um auf die Zeichen des Sturmes draußen Acht zu haben.

Es trifft sich wohl, wo Viele sündigten, daß Gericht und Strafe wie Gewitterwolken über die Häupter der Schuldigsten fortrollen, um einzuschlagen auf einen armen Sünder, der den geringsten Theil der Schuld trägt. War Hans Jochem so arg, wie die Frau ihn schalt, so war er darin wenigstens noch unverdorben, daß er sein Schuldbewußtsein nicht zu bemänteln wußte; es stand auf seiner Stirn geschrieben und sein kreideweiß Gesicht sagte zu Allem ja, als die Base ihm seine Eitelkeit und Hoffahrt in Worten zu kosten gab, die wie Hagel auf eine Fensterscheibe klirrten.

Er wußte sich nicht zu vertheidigen, er verwirrte sich in seinen Worten, wie seine Hände in den Schlingen des Gurtes, den er durchaus nicht los kriegte. Er hatte das Prachtstück gewollt und auch nicht gewollt, aber Agnes Bredow trat plötzlich als seine Advocatin auf. Das stille Mädchen ward zur Rednerin. Ihr Vetter hatte es nicht gewollt, versicherte sie, aber der Krämer hatte es ihm angethan; trotz seines Sträubens hatte er sie anprobiren müssen, und da saßen sie ihm fest, man wußte nicht wie. Selbst hatte sie's gesehen, wie er die Schnallen und Binden geschlossen, der schlimme Mann, und durch's Herz war's ihr gefahren, wie es da aus seinen Augen geblitzt. O es war ganz gewiß, daß ihr armer Vetter besprochen war, und der Beweis dafür war zu deutlich, daß er noch jetzt den Bund nicht los kriegte.

Eva sah verwundert ihre Schwester an, wie ihre Augen glänzten: »Und er ist verzaubert! Ich laß mir's nicht nehmen!« schloß Agnes und sah sich nach Hülfe um, wobei ihr Blick fast bittend auf dem Dechanten haften blieb. Der zuckte die Achseln, und meinte, daß allerdings Einige in Berlin meinten, wie es mit dieser Mode, die aus den Niederlanden herüber gekommen, nicht seine Richtigkeit habe, und von Dämonen wissen wollten, die in diesen zerhackten und geschlitzten Ungethümen säßen, um[38] des Menschen Sinne zu bethören, wie er indeß in solchen weltlichen Dingen zu wenig Erfahrung habe, um darüber zu entscheiden. Peter Melchior, der sich sehr in den Hintergrund gedrückt hatte, gab auch jetzt sein Wort darein, es sei ihm sehr wahrscheinlich, er habe dem Hedderich nie getraut. Der Knecht Ruprecht nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe, die Großmagd Anne Susanne schrie und weinte über den gottlosen Zauberer, und der Dechant, der sich in die allgemeine Stimme fügte, zuckte wieder die Achseln und erklärte sich wohl bereit, wenn der Bund nicht aufginge, durch einen gehörigen Exorcismus die bösen Mächte zum Weichen zu bringen; aber Frau Brigitte meinte: »den Exorcismus überlaßt mir!«

Mit einem Ruck von ihren kräftigen Händen war es geschehen, der Gurt gerissen. Da aber die Knieriemen noch fest verschnallt waren, fiel die ganze Wucht der fünfzig zerschlitzten Ellen wie ein Faß, dessen Reifen gesprungen sind, nach allen Seiten und bedeckten in flammendem Carmoisin des Junkers Füße. Jetzt sah Hans Jochem allerdings wie verzaubert aus.

»Verhext war er auch, das hat seine Richtigkeit, Herr Dechant,« sagte die Edelfrau ruhig. »Will's Euch aber erklären, wie es zuging. Als er das bunte Satanszeug um hatte, will's gern glauben, daß er's nicht genommen, überkam ihn die Lust, daß er's nicht wieder abthäte. Da war's ihm schon angethan; das ist der eine Teufel. Und weiter ward's ihm angethan, als ihr den Schelmen einen Schelm nanntet und jagtet ihn über alle Berge, doch seine Sachen, da hattet Ihr kein Aergerniß dran, daß er sie hier ließ. Und Hans Jochem hatte auch kein Aergerniß, daß ihm der Plunder fest am Leibe saß, mit der einen Hand hat er genestelt, daß er ihn los bekäme, aber mit der andern sie wieder festgehalten. Da kam der zweite Teufel und hat ihm zugeflüstert: Wenn der Hedderich sie nicht kommt holen, wer zwingt Dich, daß Du sie ihm bringst? Nun betete er, zu wem, das will ich nicht sagen, daß er sie nicht holen möchte, und das war der dritte Teufel. Einer, drei, meinethalben sieben, damit ein Junker ein Paar Hosen umsonst kriegt, aber ich will sie alle Sieben austreiben, so wahr ich Brigitte Bredow heiße, und dazu brauch' ich kein Weihwasser und keinen Priester.«

»Man weiß nicht, wie es Hans Jochem ergangen wäre, und ob die Base zu ihm gekommen wäre, wenn er nicht zu ihr kam, was aber gar nicht gehen wollte, da ihm die Knieschnallen noch fest saßen, und als er sich bewegte, der halbe[39] Kramladen Tuch an seinen Beinen schleppte und eine Wolke Staubes auffegte, wenn nicht jetzt sein Vetter Hans Jürgen ihm zu Hülfe gekommen wäre.«

Ohne Sattel und Bügel zu Roß, und doch lenkte er noch ein ander Roß mit einem Manne drauf, und zog es hinter sich an einem Seil, wie der Knochenhauer das Kalb, das er zu Markt schleppt, und jetzt riß er es vor, ohne den Mann drauf drum zu fragen, daß es sich überstürzte und der Krämer Hedderich fast auf seinen Kram gefallen wäre.

»Mir gefällt etwas hier nicht,« sprach der Junker Peter Melchior bei sich. Da doch Alle vom Herzensgrund lachten, die Einen vor Schadenfreude über den Krämer, die Andern vor Freude über Hans Jürgen, daß er es so gut gemacht. Der Dechant, der neben ihm stand, sagte, es sei die Luft, und schlug sein Gewand fester um.

»Was ist das!« schrie Einer, »Sieh da!« und der Wind antwortete. Es war nicht mehr das Flüstern und das Lispeln in den Wipfeln, es wehte wie warmer Brodem aus dem Ofen und pfiff und schrillte dazwischen. Das Wasser war unruhig und die Krähen flogen krächzend um die Kiefernwipfel.

Die Wetterbank im Abend war aufgestiegen, unmerklich, aber schwarz wie ein Gebirg, und unten riß es wieder und theilte sich, ein großes Thor, und ein gelbes Licht strahlte draus hervor.

»Jesus Maria, sei mir gnädig, das will was bedeuten!« So rief Eine, und die Andere dachte es. Die Edelfrau hatte, die Hand vor'm Auge, ruhig hingeschaut.

»Ein Sturm, das will's bedeuten, wie Gallus ihn nachschickt!«

Es fuhr, kaum daß sie's gesprochen, wie ein Schlag oder Schuß. Die eine Wand des letzten Zeltes war losgerissen, es schlug über, der Sturm faßte die Leinwand, und mit einem Krachen fuhr es über die Köpfe sausend hin. Nicht das Zelt allein, Leinen, Zeug, wie ein Schneetreiben flog es. Mützen, Mäntel, Hüte hinterdrein, wer sie nicht fest hielt. Wo die Fichten sich beugten wie Rohr, was sollte man da nicht kreideweiße Gesichter sehen und von den blassen Lippen Stoßgebete murmeln und die Heiligen angerufen hören.

»Es ist hier nicht richtig, ich hab's immer gesagt,« wiederholte der Junker Peter Melchior.

»Da fliegt die Hexe leibhaftig!« schrie es. Nicht die Wolken, die, mit gelbrothen Streiflichtern vom Sturm getrieben,[40] über die Köpfe sausten und ihre Bäuche an den Fichten schlitzten, ein Klumpen, ein Ungethüm von allerhand Farben breitete in der Luft seine Polypenarme aus.

»Ave Maria, alle Heiligen!« stöhnte der Dechant. »Es sitzt auf ihm.« –

Er lag auf seinen Knieen; es zog ihn nieder, eine dunkle, unwiderstehliche Macht. Er rang vergeblich, wie der unglückliche Heerführer der Griechen, als sein treuloses Weib ihm das faltenreiche Gewand über den Leib geworfen. Jeder hatte mit sich und dem Seinen zu thun, selbst die Edelfrau flog an ihm vor über, unbekümmert um ihren Seelsorger. Aber das tüchtige Weib packte den Hans Jochem, dem's endlich gelungen war, die Knieschnallen zu lösen, und der mit aufgerissenem Munde dem Pluder nachsah, als ihn der Wind forttrug. Nun drohte sie ihm, hier sei nicht Maulaffen feil zu halten. Seinem Vetter Hans Jürgen ging's nicht besser. Den riß sie von der Arbeit, die sie ihm kaum aufgetragen, denn in der Noth ist Jeder sich selbst der Nächste. Der Krämer Hedderich war auch wohl der Mann für sich allein zu sorgen, wenn man ihn nur sorgen ließ. Mit einem Satz war er auf den Dechanten losgestürzt. Der arme Dechant! Auf schrie er, denn nun glaubte er, der Gottseibeiuns selbst liege auf ihm, und stöhnte Gebete unter dem Alp. Aber der Alp löste sich, und unversehens hatte er ihm die Wolke vom Gesicht gerissen. Nur die Worte des Verderbens hörte noch der fromme Mann: »Daß Dich –! lüstet's dem Pfaff auch nach Pluder, das giebt L – –.« »Sanctissima!« kreuzte sich der Dechant und floh in den dichtesten Wald den Andern nach.

Wer das vorhin gesehen und es nun sah, hätte mit guten Ehren an einen Hexensabbath denken mögen. Noch eben so viel Wirtschaft und Wirrwarr, und kaum das Viertel einer Stunde, so war es still und einsam am Lieper Eck. Menschen, Thiere und Wagen waren in den Wald verschwunden. Noch hörte man die Räder knarren, noch das Blasen des Hornes, wenn der Sturm einen Augenblick schwieg, aber von Allen, die hier eine Woche so lustig handtirt, war nicht übrig geblieben ein Tüchlein am Strauch, nicht ein Strumpf in den Büschen. Das Auge der Edelfrau spähte wie der Uhu durch Sturm und Nacht, das Verlorene wieder zu holen.

Wenn noch etwas Weißes durch die Föhren jagte, war es der Schaum vom See, den der Sturm auftrieb. Wenn es sich noch regte in der Dämmerung, waren es die Stämme, die sich[41] schüttelten. Wenn noch Stimmen ertönten durch das Nachtgrauen, waren's die Eulen, und fernher schlich der Fuchs, zu sehen, ob auch für ihn nichts im Lager zurückgeblieben.

Doch war noch ein menschlich Wesen zurückgeblieben in der Nachteinsamkeit. Es stöhnte tief auf wie der Schmerz in einer Brust, die lange, lange ihn verhalten, und nun kann er sich Luft machen, da seine Peiniger nicht da sind. Kreischend, rauh, halb Verzweiflung, halb teuflischer Grimm, preßten sich die Worte heraus, als der Krämer Hedderich sich aufrichtete:

»Schinder und nicht Menschen! Raubmörderisch Gesindel, und das heißt Burgfrieden! Was wär's denn schlimmer, so ich den Köckeritz und Lüderitz in die Hände fiel! –«

Wie er zähneknirschend beide Hände gen Himmel ballte, da leuchtete der Mond durch die zerrissenen Wolken auf ein häßlich Gesicht, ein Gesicht, über das der böse Feind sich im Stillen freut. Den braucht er nicht zu ködern, nicht Reiche zu verheißen; selbst sucht er ihn auf am Kreuzweg.

»O Ihr Edelleute, Ihr Ritter, Ihr Herren, Ihr Gewaltigen, einen Wurm zertreten, ihn kitzeln mit den Spießen, daß die Eingeweide ihm brennen, ihn rollen mit den Sporen im Sande, schinden und anspeien! Das ist Zeitvertreib, juchheißa! Sanct Nikolas hilf mir, ich wollt mir auch das Herz aus dem Leibe lachen, wie 'nen Maikäfer Euch zappeln lassen am Faden, reißen und schmeißen. Sohlen hab' ich wie Ihr, langsam zertreten, wie ein Regenwurm solltet Ihr Euch krümmen, Stück für Stück; Stück für Stück habt Ihr mich auch zerschlickt, meine Seiden, meine Tücher, meine Wollen! Allbarmherzige Mutter Gottes, gnadenreiche – Pestilenz, Höll' und Teufel, ein verlorener Mann bin ich, wenn sie –«

Er schien nicht zu wagen, den Gedanken auszusprechen. Er zitterte, fuhr mit der Hand durch die wilden Haare, warf sich auf das Gepäck, umklammerte es, und doch suchte er schon durch verstohlene Drücke den Inhalt der Ballen zu prüfen, während er die dürren Finger zum Gebete zusammenpreßte.

Stück um Stück umwerfend, kam er an ein Pack. Der Angstschweiß perlte auf seiner Stirn. Jetzt konnte er es mit dem Finger erreichen. Er klopfte daran; ein feiner Silberklang antwortete. Des Mannes Züge erheiterten sich, oder vielmehr ein grinsendes, widerwärtiges Lächeln breitete sich um seinen Mund. Die thierische Lust flammte auf. Höhnisch lachte er auf, und die Hand, eben noch zum Gebet gefaltet, schnellte die Finger höhnisch:[42]

»Habt Ihr das nicht gefunden, Ihr Geier von Rabenstein, Ihr Habichte vom Garaus, Ihr Falken vom Lug in die Noth! Blinde Köter bellen zu früh. Aber wartet nur, die Wölfe haben zu lang die Hürde umschlichen. Die Gerechtigkeit wird losgebunden; Euch wird Heulen und Zähnklappern kommen, wenn sie Euch in die Waden fahren. Ich bin ein schlechter Mann, aber Euch soll's schlechter gehen als meinem schlechtesten Hund. Der Kurfürst, sagt Ihr, ist ein Knabe. Aus Knaben werden Männer, was aber aus Euch werden wird, fragt nach des Henkers Freiknechten. Mir im Burgfrieden die Rosse ausspannen, mein Gefährte umschmeißen, wer zählt die Stücke! Und die Rieme zerrissen. Wer knüpft mir die Riemen zusammen? Der Deckel ist eingeschlagen. Ich will klagen. Schwören will ich, auf den Hals Euch schwören, so wahr Niemand hier mich hört, Gold und Perlen waren drin, drei Tausend – Ave Maria, was ist das?«

Es rauschte und klatschte. Der Sturm hatte doch ausgetobt, nur ein leiser Luftzug wehte noch.

Es rauschte und klatschte; ein Wesen erhob sich in den Lüften, langsam zwei Riesenarme unter den Kiefern.

Klaus Hedderich war wie eine Katze vom Wagen geglitten. Drunter lag er, platt auf der Erde, zähneklappernd.

»Sanct Nicolas, Sancta Ursula, gebenedeite, allerheiligste Mutter Gottes, schütze mich. Gott, Vater, Sohn und heiliger Geist, ich habe immer ein Kreuz geschlagen am Kreuzwege, ich hab' nie eine Messe versäumt, wenn ich konnte, ich habe keine Todsünde begangen, kein Blut vergossen, ich beichte und bete, wenn die Straßen frei sind und der Markt aus, der Ketzer Lehren sind mir ein Gräuel, und die Juden speie ich an, Mariä Lichtmeß hab' ich geopfert eine geweihte Kerze im Dom zu Havelberg und den Rabbiner Eliezar stieß ich mit dem Ellenbogen an der Treppe. Sancta Clara, Sancta Martha, Sancta Ursula, Sancta Beata und das heilige Blut in Wilsnack, Gold und Perlen waren nicht drin, die lieben Heiligen sollen's zählen; zehn zum Aufgeld, was mich's kostet und Zehrgeld, den Hafer nur einen Groschen über'm Marktpreis will ich schwören. Alle gute Geister –«

Die Hexe hatte ihn noch nicht am Schöpfe gegriffen; er murmelte noch, als er den Kopf leise aufhob und unter den wirren Haaren vorschielte; aber je schärfer er blickte, um so leiser wurden die Töne. Es rauschte und klatschte noch immer zwischen den Kiefern, als er plötzlich sich aufrichtete und ärgerlich,[43] den Staub abklopfend, rief: »Dummes Zeug! das sind des alten Herrn Götz seine. Sollen mir wenigstens für die zerrissenen Riemen gut sein.«

Quelle:
Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow. Vaterländische Romane. Berlin 9[1881], Band 3, S. 32-44.
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