Fünftes Kapitel.

Die Burg Hohen-Ziatz.

[44] Der Wetterhahn auf dem Giebel des Wohnhauses drehte sich noch immer in seinen verrosteten Angeln, ob doch der Sturm längst aufgehört hatte. Der Mond sah durch die zerrissenen Wolken auf die alte Burg Hohen-Ziatz, und wenn er ein Gefühl für irdische Dinge hätte, müßte der Mann im Monde sich gewundert haben.

Ein altes verräuchertes Nest hätte es der Reisende bei Tage genannt. Auf einer Anhöhe, die aus den Sumpfwiesen vorragte, war es erbaut. Ringsum, wo die Gräben und Teiche aufhörten, zogen sich weite Föhrenwälder auf unebenem Boden, dessen Bestandtheil, der helle weiße Sand, schon dicht neben dem schwarzen Moorboden zu Tage lag. Enge und krumme Wege schlängelten sich mühsam durch die Waldung und die Roggen- und Haferfelder, die in der Lichtung der Forst lagen, schienen dem Auge im Verhältniß zu dem Walde so klein, daß es zweifeln konnte, ob die in der Burg lebten, wirklich davon leben konnten. Und doch stieß auf der einen Seite noch ein kleines Dorf daran, dessen elende Lehmhütten sich aus der Niederung in den Wald verloren.

Aber ein sicheres Nest mußte es in den alten Tagen gewesen sein, ein rechter Versteck für Verfolgte. Der Hügel, auf dem das Schloß gebaut war, war nicht Sand, sondern festgestampfte Erde, mit kurzem, dichten Rasen bekleidet; bei genauerer Betrachtung sah man's ihm an, daß er, wenigstens in seinen obern Theilen, nicht das Werk der Natur, sondern der Menschenhand war. Ein Bollwerk, ein alter Burgwall der Wenden, das Castell des älteren Dorfes, auf dem erst später die deutsche Cultur mit Steinen gemauert hatte. Aber ein Schloß, wie sie im Frankenlande, in Schwaben, auch drüben in Sachsen auf den Bergen und Hügeln mit den rothen Ziegeldächern in der Sonne flimmerten, war es doch nicht geworden. Die dicken Mauern und Thürme, die über und hinter den Erdwällen sich erhoben, waren nicht in dem Verhältniß ausgebaut,[44] als sie angelegt schienen. Mochten den Herren die Mittel oder die Lust ausgegangen sein, mit so schwerem Geräth ein Haus aufzubauen. Sie waren zu dem Stoff und zum Theil zur Sitte ihrer Väter zurückgekehrt, und wo der Stein aufhörte, war mit Holz gezimmert, und wo die gebrannten Steine ausgingen, selbst der Lehm nicht verschmäht, um das Fachwerk auszufüllen. Selbst die Umfassungsmauer schien nicht auf allen Seiten fertig geworden, und wo sie Lücken bot, waren diese durch eingerammte Stämme mit Klammern, Gegenbalken und eisenbeschlagenen Spitzen ausgefüllt. Das Thor war noch ein großer steinerner Bogen, freilich nicht größer als in manchem Bauerhofe der sächsischen Lande, aber der achteckige Thurm drüben war schon aus Holz in einander gefugt, das mit rothem Ziegelstein ausgemauert war, und wo der Ziegelstein ausgefallen, hatte man in spätern Zeiten sich mit Mörtel und Lehm genügen lassen. Bunt genug, und nicht immer sehr rechtwinklig, sah es von draußen aus; aber wenn Markgraf Friedrich der Erste, seligen Andenkens, vor hundert Jahren mit seiner faulen Grete vor der Burg sich gelagert, wäre es schneller zu Ende gegangen mit den Mauern von Hohen-Ziatz als mit denen von Plauen, Lentzen und den andern, die sieben Ellen dick waren.

Die Bredow von Hohen-Ziatz hatten sich gefügt. Was nicht zu ändern ist, muß man gehen lassen, hatte der Vorfahr des Herrn Götz gedacht, als der erste Spaß vorüber war von der lustigen Schlacht am Kremmer Damm. Sie dankten Gott, daß die fränkischen Kriegsleute an ihrem Sumpf vorübergingen und Keiner Lust zeigte, den geschlängelten Damm durch die Wiese hinaufzureiten. Hätte doch Herrn Gottfrieds Großvater für den Fall sich sogar entschlossen, die alte Fahne auszuliefern, die er damals dem Hohenloher im Getümmel abnahm. Nun war sie in Hohen-Ziatz geblieben; nicht im Saal unten bei dem andern Rüstzeug, vielmehr hing sie oben in der Giebelkammer, über Götzens Bett, wohin der Ritter sich zurückzog, wenn's ihm zu kraus und wirr unten ward. Der Stiel war schon von den Würmern zerfressen, die Seide auch, von der Zeit und dem Staub; ja ein Käuzchen hatte in einem Sommer darin genistet, und der gute Herr Gottfried hatte es erst gemerkt, als die Kleinen einmal in der Nacht zu pipen anfingen. Zuerst hatte er etwas anders gedacht, was ein christlicher Ritter ohne Schande immer denken mag, denn vor bösen Geistern kann auch der Frömmste einmal erschrecken; dann aber hatte er gedacht: I was thut's; die Kleinen[45] wollen auch leben, und hatte sich umgedreht und war eingeschlafen.

Es war ein rechtes Nest für Eulen, hätte Einer denken mögen, wenn er Abends einen Blick in den Hof warf.

Aber wieder war Alles so klein, daß man auch hätte fragen können, wo denn die Eulen und Nachtvögel Platz fänden neben den Menschen? Doch in den Häusern unserer Vorfahren war immer viel Raum für Andere, weil sie für sich selbst wenig brauchten. Was brauchte der Mensch mehr als ein Lager und ein Dach darüber für die Nacht? Das Kind, das zur Welt kommt, muß die vier Wände anschreien, so ist's alte Sitte; das Heimliche soll nicht vor aller Welt geschehen. Aber wenn er aufwächst und groß wird, baut ihm der liebe Himmel sein großes Haus, wo immer Platz ist für Tausende und Hunderttausende mehr, als leben und leben werden. Die Sonne war die Kerze und das Feuer, und wenn es heiß war, der Baum und Wald unserer Väter Schatten, und die Luft wehete ihnen bessere Kühlung zu, als die dicksten Mauern. Nun, und wenn keine Sonne schien, und es regnete und stürmte, dann fand sich doch in jedem guten Haus eine Halle, ein Flur, eine Diele, wo die Genossenschaft am Feuer sitzen und durch Scherz und Gespräch die Ungunst des Wetters vertreiben konnte. Es thut nicht gut, daß der Mensch allein sei mit seinen Gedanken. Und die Halle fehlte auch nicht in Burg Hohen-Ziatz.

Die Pferde hatten ihren Stall im Hof, die Hunde ihre Hütten am Thor, die Schweine ihre Koben daneben, auch Kühe und Stiere wurden unterweilen bei schlimmer Zeit in den Zwinger getrieben; wie sie da mit den Rossen sich vertrugen war ihre Sorge. Der Storch nistete auf der Dachfirste vom Herrenhause, die Schwalben an den hölzernen Galerien, die um den Hof liefen, die Tauben beim Thürmer, die Eulen in den alten Mauerblenden, die Schwaben in den Ritzen, der Wurm im Holze, die Mäuse im Keller und Flur, und die Menschen, jeder in seiner Kammer; und war dem Knecht keine zugewiesen, da stand doch eine Bank in den Gängen und lag schon ein anderer darauf, so jagte er die Hunde fort, die unter'm Vordach im Hofe schliefen. Item es fand sich und ging; wer schlafen wollte, der fand immer einen Platz, wer fror, ein Feuer, sich daran zu wärmen, wen hungerte, Brot und Brei, die Speisekammer war nie leer, dafür sorgte die gute Hausfrau, die nie den Schlüssel aus der Hand ließ, und wer bangte, fand auch ein freundliches Gesicht und gute Zusprach. Die Frau[46] von Bredow duldete Alles in ihrem Haus, nur nicht Faullenzer und Duckmäuser.

Der Mann im Monde hätte sich wundern müssen, sagte ich, wenn er auf die Burg niedersah. Es gab Vieles, worüber er sich wundern konnte. Ist's doch allüberall ein eigen Ding mit dem sich wundern. Einige verwundern sich, wenn es in der Welt eine Weile still herging, daß die Dinge so lange halten in ihrer Ordnung, und Andere hinwiederum, wenn ein Sturm kommt und Alles umwirft, warum die alte Ordnung nicht ewig dauerte. Der Mann im Monde, wenn er sprechen könnte, würde es uns am besten sagen, worüber wir uns noch wundern dürfen. Durch so viele tausend Jahre schaut er auf die Erde und sieht Alles, was uns bewegt, und ihn kümmert's nicht; er lacht nicht und er weint nicht mit seinem kalten, gleichgültigen Gesichte; ob er aber bei sich denkt, was wir doch für Thoren sind, das weiß kein Mensch.

Ueber den Sturm konnte er sich wundern, denn er war ein Orkan geworden, wie dessen die ältesten Leute sich nicht entsannen. Wie er den Wald gepeitscht, als wären die Baumwipfel Meereswellen, hatte er auch an der Burg gerüttelt, daß die Balken knackten. Das Storchnest war von der Firste geworfen, im Schieferdache hatte er gewühlt und gewirthschaftet, und der Giebel, der schon überhing, sich noch um einen halben Schuh nach vorn geworfen. War das nicht zum Verwundern, daß der Giebel noch hielt, so war es doch, daß der Hausherr in der Erkerkammer auch davon nicht aufgewacht war! Und nach solchem Sturm eine solche Ruhe!

Winde im Spätherbst bringen Kälte und Frost oder Schlacken; aber als wäre nur das wilde Heer vorübergeras't, so war es still geworden darauf, und die Nachtluft schwül. Und das war doch auch zum Verwundern, daß man nirgend mehr etwas sah von der großen Wäsche. Sie war eingebracht und Alles an seinem Fleck; zwei Stunden schon nachdem der letzte Wagen über die Zugbrücke rollte, und nichts war verloren gegangen auf dem langen Wege. »Das ist eine Frau, die nimmt's auch mit Wetter und Wind auf!« sprachen die Dienstleute.

Nun dampften die Kessel über dem prasselnden Feuer und die Schinken brodelten und schwitzten am Spieß. Auch in den Keller war sie gestiegen und hatte an den Fässern gezapft, und die Knechte trugen schwere, volle Kannen in den Flur. Denn nach der Arbeit ziemt den Leuten Ruhe und auch etwas mehr, dachte die Hausfrau, nur sich selbst gönnte sie's nicht, denn[47] während die andern um den großen Tisch saßen, stieg sie noch treppauf, treppab, und ihr Schlüsselbund klirrte durch den Becherklang.

Hoch war die Halle gerade nicht, und auch nicht gewölbt. Die Balken angerußt vom Rauch, wenn er aus dem Kamin zurückschlug, drückten wie braune Rippen über den Köpfen, und was von Schnitzwerk ehemals daran gewesen, davon war nicht mehr viel zu sehen; und wo die Schnörkel und Spitzen noch hielten, hatte man sie benutzt, wie man mit Wandnägeln thut. Da hing ein Schild, ein Harnisch, ein Helm, auch wohl ein Kessel, oder gar ein Schinken daran. Der Boden war festgestampfter Lehm und die Tische und Bänke von solchem Kerneichenholze, daß es dem Zimmermann Schade gedünkt, viel mit Hobel und Meißel daran zu schnitzen und zu glätten. Eine Schwelle nur und eine Thür schied die Halle vom Hofe. Wenn die Thür aufging, drang Regen und Wind ein; darum that man sie lieber nicht zu, wenn es nicht zu arg stürmte und stiebte. Und das kam dem Feuer im Kamine zu gut; denn wenn der Rauch, der seine Launen in alten Häusern hat, nicht hinaus wollte, wo er hinaus soll, und lieber im Saal bleiben mochte, zwang ihn die Zugluft, daß er prasselnd durch den Schlott fuhr. Und für den Schornstein war es auch gut, daß die Flammen nicht zu lange darin spielten und weilten, denn er war von Holz; zwar waren's junge Eichenstämme, mit Weidenruthen durchflochten und mit Lehm gefüttert; aber wenn das Feuer nicht durch wollte, fingen die Wände doch auch an zu sengen, und wenn die Frau es merkte, mußte ein Knecht auf's Dach und einen Eimer Wasser hinuntergießen. Schadete gar nichts; der Rauchfang stand schon über hundert Jahre und noch mehr konnte er stehen, wenn nur immer Einer da war mit einem Eimer Wasser. Zwar das Feuer ging dann aus, aber Holz war immer da.

Holz und Luft war der Reichthum unserer Väter, und an beiden war auch im Saal der Bredows auf Hohen-Ziatz ein Ueberfluß. Die Luft kam wie gesagt durch die Thür und durch den Schlott, aber außerdem auch durch die Treppenmündung aus dem oberen Geschoß. Denn nicht weniger als zwei Treppen führten zu beiden Seiten des Heerdes, den wir eigentlich mit Unrecht Kamin nannten, hinauf, schwer, eckig und fest und mit rothem Schnitzwerk verziert. Und so wenig es an der Treppe, war das Holz an den Wänden gespart, die mit glatten, bunt gestrichenen Bohlen von oben bis unten ausgelegt waren. Wäre[48] der Rauch und das Alter nicht gewesen, hätte man noch die sieben Todsünden daran erkennen und manchen frommen Spruch lesen mögen. Aber das Alter drückte überall auf das Haus und seine Balken, und was ehedem in der Richte war und sich schickte, das war heute nicht mehr in der Richte und schickte sich auch vielleicht nicht mehr.

Ehedem, wenn hier der Herr saß und tafelte mit seiner Familie und seinen Knechten, die Herren und die Nächsten ihm oben am Feuer, die Knechte unten an der Thür, ward wohl noch an dem Herde selbst gebraten und gekocht; jetzt war schon seit zwei Menschenaltern die Küche in ein Seitenhaus gebracht. Nur ein warmes Morgenbier oder eine Ingbersuppe kochte bisweilen die Burgfrau ihrem Eheherrn hier, wenn er über Land ritt und es zu garstig blies. Getafelt ward noch, aber es waren nicht mehr die alten lustigen Zeiten. Herr Gottfried war grämlich, und wenn er lustig ward, dann schickte Frau Brigitte die Knechte hinaus. Die Knechte waren eigentlich froh, wenn sie ihre Schüssel Brei im Stall oder auf dem Hofe verzehren konnten, und die Hausfrau war auch froh, wenn sie früher den Tisch aufbrechen konnte. Sie meinte, was das lange Plaudern thäte. Gescheidtes käme nicht raus. Herr Gottfried Bredow aber meinte, sie hätte Unrecht, denn der Wein sei da, daß er des Menschen Herz erfreue; mit Andern zusammen trinken, sei eine gute Gewohnheit aus alter Zeit, aber da die gute alte vorüber sei, müsse er sich in die Zeit schicken, wie sie ist, und allenfalls auch allein trinken.

Schien es doch, als habe der Wein die Geister dies mal nicht aufgeregt: sie saßen alle da, nicht schläfrig, aber auch nicht lustig um den schon etwas dunklen Tisch. Denn das Feuer auf dem Herd verglimmte, und die Kienfackeln an den Pfeilern hingen mit langen Aschenzöpfen zur Erde gesenkt. Der Zeiger der Thurmuhr hatte neun geschlagen.

»Müßte man sich doch grauen zu Bett zu gehen,« sprach Einer.

Der Dechant, der eine Weile vor sich sinnend gesessen, räusperte sich: »Mit Nichten, werthe Herren! Bei den furchtbaren Meteoren sah wohl Keiner recht genau, was ihm und Andern passirte. In solchen Augenblicken des Schreckens und der Verwirrung glaubt der schwache sündige Mensch allerlei außer ihm zu erblicken, was nur in ihm ist.«

Ihr Gespräch hatte sich um die kurz erlebten Begebenheiten gedreht: ob der Junker Hans Jochem wirklich verhext gewesen,[49] ob man Hexen im Sturm daher fahren gesehen, und ob der Krämer, wie einige behaupteten, den bösen Blick habe? Ein halb dunkles Zimmer, in einer einsamen Burg, bei einbrechender Nacht ist nicht geeignet die Gespensterfurcht zu vertreiben. Und doch wollten die, welche vorhin sichtlich dieser Angst erlegen waren, es jetzt am wenigsten haben. Hans Jochem war wieder oben auf und meinte, die Finger wären ihm verklammt gewesen, sonst hätte er das Zeug gleich vom Leib gerissen. Nur Peter Melchior schwor Stein und Bein, daß es nicht mit rechten Dingen zugegangen, wobei er doch auch der Lust nicht widerstand, den Dechanten zu hecheln. Der gab es redlich wieder, was Peter Melchior ihm versetzte, nur daß er nicht wie dieser die Gelegenheit vom Zaun brach, sondern sie im Augenblick faßte, wo sie ihm handrecht entgegen kam.

Das Schrauben ist eine uralte Lust bei den Menschen, wenn Mehre bei einander sind, und Einer dünkt sich klüger als der Andere. Nun kömmt's aber, daß Einer in dem einen Ding und der Andere im andern sich klüger dünkt; und wenn sie dann sich Einer den Andern schrauben, giebt das viel Lustigkeit, zuweilen aber auch ein traurig End. Die beiden jungen Vettern hörten vergnügt zu, wie der geistliche Herr und der Junker sich aufzogen, und Hans Jochem gab auch wohl mit sein Wort zu, wo es sich schickte, und wo sich's nicht schickte; nur Hans Jürgen hörte, ohne ein Wort zu sagen, im Winkel zu.

Nun war es Allen bekannt, daß der Junker Peter Melchior ein Verschwender war, der das Seine verthan hatte und auch wohl noch verthat, wenn er wieder was fand. Und wenn er nichts hatte, zechte er bei seinen Vettern und Freunden umher. So ward es dem geistlichen Herrn leicht ihm auf die Finger zu klopfen, mit denen er eben seinen Gegner gekitzelt hatte. Und wie der Junker unverdrossen im Angreifen war, so war er dafür gar leicht verdrossen und geschlagen, wenn Einer ihn bei seiner Schwäche stachelte.

Da stritten sie, was der Teufel lieber fasse, einen Pfaffen oder einen Junker. Peter Melchior versicherte, Satan wäre nichts lieber, als viel Pfaffen unten in der Hölle. Der Dechant sagte, das glaube er wohl, dann hätten die Junker oben frei Spiel und kämen ihm von selber zugelaufen. Peter Melchior versicherte, dem Gottseibeiuns mache nichts mehr Vergnügen, als wenn er einen dicken Chorherrn bei den Haaren durch die Luft schüttele. »Was hätte er auch zu schütteln bei manchem Junker,« entgegnete der Dechant, »wenn er sie kriegt, ist gemeinhin[50] ihr Bestes schon fort.«

Darauf stritten sie, wer den Teufel am besten zu betrügen verstände, und der Dechant schien gar nicht abgeneigt, dem Junker zuzugeben, daß die geistlichen Herren darin noch geschickter wären als die Weiber, denn den Teufel betrügen sei eigentlich keine Sünde. Vielmehr sei es die Aufgabe eines guten Christen, den Teufel um seinen Antheil zu täuschen so gut er könne.

Peter Melchior erzählte die Geschichte von dem Abt, der mit dem Teufel um seine Seele gewürfelt. Der Teufel verlor. »Als er nun abzog, lachte er. Und wißt Ihr warum? In der Tasche hatte er die Seele nicht, aber er hatte sie doch gewonnen. Der Abt hatte mit falschen Würfeln gespielt. Man soll auch nicht den Teufel betrügen.«

»Wie war doch die Geschichte mit dem Nippel Bredow?« sagte der Dechant nach einigem Schweigen, als wisse er auf den Trumpf des Junkers einen Gegentrumpf.

Hans Jochem's muntere Augen glänzten schalkhaft, er verstand den Blick, den der Dechant ihm zuwarf.

»Die weiß ich haarklein und kann sie Euch erzählen. Ihr meint doch den Nippel, der in Saus und Braus lebte, und immer Alles ausgegeben hatte, eh' er's eingenommen. So was kann auch nur in der Heidenzeit geschehen sein, was man davon erzählt.«

Aber Alles, was der Schalk erzählte, von den sechs Trompetern, die zu Tische blasen müssen, wie er die Brosamen den Hunden vorwerfen ließ, statt sie den Armen zu geben, wie er dann ein Gut ums andere versetzt, bis er durch die Hinterthür auch aus dem letzten bei Nacht und Nebel ausgeritten, war vielleicht die Geschichte Nippel Bredow's, aber gewiß auch die Peter Melchior's, nur etwas in's Boshafte übersetzt, weshalb man den Junker wohl spottweis den armen Nippel nannte.

Der Junker verstand es vollkommen, weshalb er Hans Jochem einen bösen Blick zuwarf. Sie konnten sich beide nie gut leiden.

»Und darauf verschrieb sich der arme Nippel dem Teufel,« sagte der Dechant! »Das pflegt wohl so zu gehen in der Welt, wenn man nicht mehr aus und ein weiß.«

»Und Niemand mehr borgen will,« sagte Hans Jochem, »dann borgt der Teufel.«

»Erzählt doch weiter, lieber Herr von Bredow; ich will Euch nachher auch eine Geschichte erzählen,« sagte Peter Melchior, mit anscheinender Ruhe.[51]

»Da lebte denn der Nippel wieder groß wie vorher«, fuhr Hans Jochem fort, »bis die Zeit heranrückte, wo der Vertrag zu Ende ging. Er hatte ihm nichts verschrieben für alle die Herrlichkeiten, als seine Seele, weil Nippel gar nichts weiter zu geben hatte. Da wards ihm aber ganz kurios zu Muthe, und sein großes Maul wurde mit einem mal klein. Wenn's Abend wurde, graute ihn. Es durfte Niemand von Gespenstern reden, und wenn der Wind Spreu und Lumpen trieb, sah er nichts als Hexen reiten. Nun hatte er einen Schäfer, der war klüger als sein Herr. Der merkte, was ihm war, und Nippel, der keinem Priester beichten durfte, beichtete dem Schäfer. Der Schäfer sann eine Weile nach, und endlich knipste er mit den Fingern und sagte, ich hab' es! Muß Euch nicht gnädiger Herr, der Teufel bis auf die letzte Stunde thun, was Ihr verlangt? – Freilich so ist der Pact. – Nun dann ist Alles gut, sagte der Schäfer. Da gruben sie des Nachts, der Schäfer und sein Herr, beim Dorfe Landin das Loch in den Berg, das noch da ist, und der Berg heißt heut noch der Teufelsberg, aber noch, viel tiefer, so tief, daß gar kein Ende da war. Und darüber stellten sie einen Scheffel, aber so, daß wenn er voll war, schlug er über, und Alles, was drin war, rollte ins Loch. Nächste Nacht nun rief Nippel den Teufel und sagte ihm: ›Füll' mir den Scheffel mit Gold.‹ Der Teufel sah ihn verwundert an; Denkst du Alles noch zu brauchen, dachte der Teufel. O noch viel mehr, dachte Nippel. Und der Teufel ging an die Arbeit. Einen Sack um den andern schmiß er in den Scheffel, um bald fertig zu werden, aber sobald er sich umdrehte, kippte der Scheffel um, und wenn er mit einem neuen Sack wieder kam, war der Scheffel leer und kaum ein paar Goldstücke lagen am Boden. Zuerst merkte er's nicht. Nippel hatte ihn vielleicht aus dem Schlaf geweckt, oder der arme Teufel hatte auch einen Schluck über den Durst genommen. Als er's aber inne ward, da ward er erst gar hitzig und heulte und warf und schmiß, denn er meinte, jedes Loch müsse doch ein Ende haben. Endlich rief er zornig aus:


Nippel, Nappel, Neepel,

Wat hest vöörn grooten Scheepel!


und er fragte den Herrn, ob er denn wirklich schütten solle bis er voll sei? – Eher darfst du nicht ausruhen, antwortete Nippel. Da der arme Teufel nun voraussah, daß er dann bis an's Ende der Welt tragen und schütten müßte, und schon ganz außer Athem war, rief er ärgerlich: Hol' der Teufel nun[52] solchen Vertrag! und raus zog er das Pergament aus der Brust, zerriß es, schmiß es Nippeln vor die Füße und, den Schweif zwischen den Beinen, flog er wie eine Fledermaus davon.«

Der Dechant schielte auf den Junker: »Daß nun dem armen Nippel all sein Witz nichts geholfen hat! Weil er mit falschem Spiel den Teufel betrog, mußte seine Seele auch ohne Teufel zur Hölle fahren. So meinet Ihr ja wohl?«

»Ich meine,« sagte Peter Melchior, »daß ich dem Junker da auch eine Geschichte erzählen will. – Wißt Ihr, woher die vielen Bredows ins Havelland kommen? Vor alten Zeiten mal stand es schlecht auf der Welt. Zu unserem Herrgott im Himmel kamen so viele Klagen über die Edelleute von damals: sie scharrten zusammen und gäben nichts wieder aus. Wenn einer zu seinen Freunden käme, dem's mal schlimm ginge, da zuckten sie die Achseln, klammten die Hände zusammen und verredeten ihn gar noch. Da sprach unser Herrgott ärgerlich zum Teufel: Dazu hab' ich die Edelleute gemacht, daß sie ausgeben sollen, was sie einnehmen; er solle mal Musterung halten, und wenn's so wäre, die Knauser und Filze gleich mitnehmen. Also mein Teufel nimmt einen großen Sack und fliegt durch die Länder und mustert. Da hatte er bald eine Ernte gemacht, und der Sack war schon übervoll, als er zur Hölle fuhr. Aber weil der Sack so schwer war, mußte er niedrig auf der Erde fliegen, und so ging's über die Mark Brandenburg weg. Aber gerade über Stadt Friesack wird ihm der Arm so schwer, daß er den Sack etwas sinken läßt, und da streift er mit dem untern Ende an dem Kirchthurm. Der Teufel war auch müde wie der, den Euer Nippel halbirte, denn er merkte es nicht, daß der Sack riß und wohl ein Viertel von seinen Edelleuten raus fiel. Vielleicht hat er's auch gemerkt, aber er dachte, was thut's, die Hölle ist doch voll genug. Wie er mit dem Sack schlenkerte, da fiel der erste in Friesack nieder, was davon seinen Namen hat, daß hier der Sack frei wurde. Das sind die Bredows auf Friesack. Der sagte nun zum zweiten, der nach ihm fiel, daß er weiter hin gehen sollte, er wolle Friesack für sich allein behalten. Besser hin! (Beß hin) rief er ihm zu, bis er weit genug war und sitzen blieb. Davon heißen die Bredows noch die auf Peßin. Den Dritten, der gern mochte bei ihnen sitzen bleiben am großen Luch, wiesen sie auch fort, landeinwärts: Land in! riefen sie ihm zu, davon heißt sein Dorf Landin. Der vierte ging denselben[53] Weg lang, und wo er sich niederließ, heißt noch Selvelang. Der fünfte ging rechts zu, (rechts to), und jedes Kind weiß, daß die Bredows in Retzow sitzen. So sind also die Bredows des Teufels Bescheerung im Havelland. – Der sechste, als er aus dem Sack fiel, stieß mit der Stirn grad an ein Brett. Da rief er: O! Davon heißt er Bredow. Junker Hans Jochem, wenn ich recht gehört, war das Euer Urgroßvater. Nehmt Euch in Acht, daß ihr mit Eurem Witz nicht an ein Brett stoßt, denn das Brett stößt wieder. Dem Brett thut's nicht weh, sondern Euch, und wenn Ihr sie lachen hört, lachen sie nicht das Brett aus, sondern Euch.«

Peter Melchior war aufgestanden, und den Hut aufgestülpt, legte er die Hand dem Junker auf die Schulter, wie Einer, der mit sich zufrieden ist. »Für heute gute Nacht!« sprach er. Aber als er hinaus wollte, war Hans Jürgen von der Bank aufgestanden und vertrat ihm den Weg.

»Ich heiß' auch Bredow, Herr von Krauchwitz, Hans Jürgen Bredow aus Selbelang bin ich, vom Havelland.«

»Wahrhaftig! Du bist Deines Vaters Sohn.«

Hans Jürgen ward über und über roth: »So Einer auf meine Sippschaft losziehen thut, und die Andern, die reden sollten, das Maul zuthun –«

»Sperrst Du's auf! Nimm Dich in Acht; es fliegen keine gebratene Tauben 'nein.«

Hans Jürgen ballte die Hand: »Ich frag nicht viel, wer vor mir steht.«

»Du bist Hans Jürgen.«

Damit ging er an ihm vorüber, und seine Sporen klirrten, als um Hansen zu bedeuten, daß er noch keine habe.

Alle lachten, auch Hans Jochem, der noch eben verdrießlich schaute.

»Hans Jürgen, Du bist nicht zum Ritter gemacht,« sprach die Edelfrau, die durchging nach der Thür draußen, da es im Hofe laut ward und der Thürmer blies. Die Andern folgten ihr.

»Warum denn nicht!« brummte Hans Jürgen. »Er hat meinen Vater seliger schlecht geredet.«

Quelle:
Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow. Vaterländische Romane. Berlin 9[1881], Band 3, S. 44-54.
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