Neunundsechszigstes Kapitel.

Alles für einen Andern.

[579] Die verfinsterte Stirn des Ministers, mit welcher er eingetreten, erheiterte sich nicht, als er das Papier durchlas. Er flog es nur noch über, als er es auf den Tisch fallen ließ.

»Das ist nichts – gar nichts.« – »Euer Excellenz Ideen –« »Die Ausführung taugt nichts. Dilettantenarbeit für Herrn Merkel in den Freimüthigen. Oder an die Zeitung da in Leipzig. Wir arbeiten hier nicht für die elegante Welt.« Walter hielt den Hut schon unter dem Arm und verengte sich, den Entlassungswink anticipirend.

»Empfindlich! Das taugt nicht für die Staatskarriere.« – »Da meine Schrift nichts taugt, kommt wohl darauf nichts mehr an.« – »Man darf nicht der Empfindlichkeit nachhängen, wenn man sich berufen fühlt, für das Gemeinwesen thätig zu sein.« – »Mir wird eben der Beruf abgesprochen.«

Der Minister hatte, ohne ihm zu antworten, das Papier wieder in die Hand genommen, und klopfte, indem er sprach, mit der umgekehrten Hand darauf. – »Dürfte« – »sollte« – »wagte!« »Wie soll das wirken! Das gleitet an den blasirten Ohren vorüber, wie eine obligate Flöte, die den Waldsturm akkompagniren will. Das Gleichniß vorn, machen Sie ein Gedicht daraus. Diesen hier muß man derb, Schlag auf Schlag, die Nothwendigkeit vors Auge führen. Da ist ein guter Passus, aber die Worte auch wieder viel zu gehobelt. Und wie sollten sie die Anspielung verstehen? Mit der Trompete ihnen ins Ohr blasen, es ist noch immer sanftere Musik als die Kanonen.«

Walter äußerte etwas davon, daß die Stellung eines Anfängers, der kaum in das Geschäftsleben geblickt, ihm nicht erlaube, sich so fort in die Stellung des Ministers gegen seine Kollegen, oder gegen die Majestät des Königs zu finden. »Das glaube ich gern,« sagte der Minister, der, sichtlich erschöpft und mit andern Gedanken beschäftigt, sich auf das Ruhebett geworfen. »Man muß Vieles erst lernen.«

Walter wartete noch immer auf das Zeichen der Entlassung. Der Minister blätterte in einem Notizbuch. Hatte er ihn vergessen?[579] Plötzlich sprach er: »Setzen Sie sich und schreiben!« Walter folgte mechanisch. »Nein, hier neben mir; ich will Ihnen ins Gesicht sehen.« Der Minister sah ihm, kaum zwei Schritte entfernt, ins Gesicht. War das wieder eine seiner eigenthümlichen réparations d'honneur oder sollte es eine Prüfung sein? Der Minister dachte an beides nicht. Er übersann ein Thema, mit dem er nicht fertig werden mochte, er steckte das Gedenkbuch wie der in die Tasche: »Es ist gut, ein ander Mal.«

Was sollte das heißen? – Er bestimmte ihm einen anderen Tag. Nein, morgen: überhaupt erwarte er ihn jeden Tag um die und die Stunde. Weshalb? Wozu?

»Die Form Ihrer Anstellung wird sich später finden. Die Branche, für die Sie sich eignen, muß sich erst ermitteln.«

Walter sah ihn mit stummer Verwunderung an: »Eben war ich auf das Schmerzlichste in meiner Ehre gekränkt –« »Das ist ausgeglichen,« fiel der Andere ein. »Sie wollen Ihre Freiheit aufgeben, sich dem Staatsdienst widmen. Ich nehme Ihr Anerbieten an. Wie gesagt, bis sich etwas Bestimmteres findet, betrachte ich Sie als meinen Privat-Sekretär. Ich kann in vielen Dingen Ihre Feder gebrauchen.« – »Ich bin noch nicht gereinigt. Nach einer so schweren Anklage muß der Angeschuldigte auf einen klaren Richterspruch bestehen.« – »Sind Sie so punktiliös? Ich sprach mit Fuchsius. Die Sache klärt sich einfach auf. Während er in der Bearbeitung meines Entwurfs war, kam ihm Ihre Schrift zu Händen.« – »Er räumte ein –?« »Daß er sie benutzt hat.« – »Wer gab ihm ein Recht dazu?« – »Er hielt die Schrift für eine preisgegebene, verschollene – machen Sie das mit ihm aus.« – »So entblödete er sich nicht, eine fremde Arbeit für die seine auszugeben.« – »Er entnahm Ihnen nur die Entwicklung der Gründe, die Ausführung –« »Dreiviertel seiner Schrift –« »Unter anderen Verhältnissen auch würde ich es nicht gut heißen. Hier galt es, eine schwierige Arbeit bald und zum Zwecke tauglich herzustellen. Die suprema lex, das salus reipublicae. Warum doppelt schreiben, was einmal zum Zweck genug ist?«

Der Minister wollte den Regierungsrath gerechtfertigt sehen, es wäre von Walter thöricht gewesen, jetzt mit Hartnäckigkeit auf seiner Meinung bestehen. Er gab sie nicht auf, aber er schwieg, weil er auf des Staatsmannes Stirn andere Gedanken gelagert sah. »Ich brauche Jemand, auf den ich mich verlassen kann, der, offenen Kopfes, fähig ist, im Umgang, in der Gesellschaft sich geltend zu machen. Verstehen Sie, Jemanden, der nicht mit de Thür ins Haus fällt, was man mir wohl zum Vorwurf macht der das Metall der Gesinnung in eine gefällige Form zu schmelze weiß. Nicht ein Haarbreit darf er abgeben, aber den Widerstößen[580] soll er eine gewisse Elasticität entgegensetzen. Ich muß ihn brauchen können, nicht zu förmlichen Missionen, für die Form ist Vorrath die Fülle, aber zu gelegentlichen. Keinen Spion, aber er soll die Sinne wach haben. Keinen –« der Minister hielt inne, und als er Walters sich röthende Stirn bemerkte, kam er schnell dem Mißverständniß entgegen. »Er muß von Geburt sein, einen Namen haben, der ihm überall Eingang verschafft, auch am Hofe. Das ist das Traurige, daß die Minister nie mit voller Kraft nach außen und nach innen wirken können, daß sie der Vermittler, Unterhändler bedürfen, nennen Sie's immerhin Kundschafter, die sie mit dem Hofe, den höchsten Personen in Rapport setzen und zugleich Kabinetsräthen aufpassen. Jammervoll, unnatürlich ist es, ein Kraftzersplittern, was die besten Intentionen erlahmt, aber es ist nun mal so, und gegen ein Gift braucht man ein Gegengift.«

»Unter den Männern von Geburt werden Excellenz eine reiche Auswahl haben.« Der Staatsmann verstand den kleinen Parirhieb, aber mit einem vornehm leichten Aufzucken ging er über etwas hinweg, was zu beachten er nicht für werth hielt.

»Die besten sind geschulte Puppen, wenn redlich, steif wie ein Wegweiser. Sie machen Front dahin, wo sie vor zwanzig, dreißig Jahren den Feind sahen; daß die Dinge sich verändert, daß er jetzt von den Flanken, vom Rücken droht, ist ihnen nicht begreiflich zu machen. Friedrichs Schule hat sich schlecht bewährt. Über das Militär rede ich nicht, nur vom Civil. Da stehn die Posten, wo man sie hingestellt, sich brüstend, daß sie die Stelle nie um einen halben Fuß breit verlassen, aber unaufmerksam, wenn die Contrebande drei Schritte von ihnen bei hellem Tage über die Grenze dringt. Was geht es sie an, sie thun ihre Pflicht! Wenn die dumpfe Tugendtreue, eigentlich nur Bequemlichkeit, sie auszuhalten drängt, so wäre ihre höhere Tugend und Treue, ihre Befehlshaber aufmerksam zu machen, daß man ihre Kräfte besser verwende. Vor dieser Anmaßung, Überschreitung ihres Dienstes, erschrecken diese Menschen wie vor einer Sünde gegen den heiligen Geist. Mag das Vaterland untergehen, wenn sie nur an ihrem Schilderhaus präsentiren. So nicht Einer, nein, Alle, keine Freiheit des Urtheils, keine selbsteigene Bewegungskraft. Je besser die Normalpreußen geschniegelt, gebürstet und geschnürt sind, so kleiner der Kern des Menschen darin. Ja, in Manchem, wenn man ihn aushülst, ist's hohl, das Mark in die Rinde geschossen.«

»Die Klage der Patrioten ist doch, daß von dieser Schule sich nur zu Viele frei gemacht,« entgegnete Walter. –

»Wo aus dem Leibe die Seele längst entwichen ist, was wundern wir uns über die Überläufer zum andern Extrem? Diese Ungebundenheit, Frechheit, Lascivität in der Meinung und den[581] Sitten, preise man sie immerhin als Geistesfreiheit, Aufklärung und Liberalität, es sind nur die Symptome einer Auflösung –« »Vor der Gott uns bewahre!« fiel Walter ein. – »Und nicht bewahren wird, wenn wir nicht selbst etwas dazuthun, wenn wir nicht –« Der Minister war aufgesprungen, er unterbrach sich selbst gewaltsam. Daß er so weit in der ersten Stunde des Vertrauens gegen seinen neuen Bekannten gegangen, schien diesem ein besseres Zeichen der Ehrenrettung. – »Kennen Sie den Legationsrath Wandel?« fragte der Minister plötzlich. – »Er ist ein Ausländer.« – »Ausländer!« – Mit einem Lächeln fuhr der Minister fort: »Scheint doch dieser Staat destinirt, von Ausländern seine Impulse und seine ausgezeichneten Männer zu empfangen. Schwerin war ein Schwedisch-Pommer, Keith ein Brite, Derfflinger ein Österreicher; auch ist der wackere Blücher ein Mecklenburger, Hardenberg ein Hannoveraner. Moses Mendelssohn stammt auch nicht aus den Marken, und die Väter eines guten Theils unserer Diplomatie, unserer Staatsmänner und Offiziere wussten vor den Dragonaden in ihrer Normandie und Provence kaum von der Existenz eines Landes, das Brandenburg heißt. Vergessen Sie auch nicht, junger Mann, daß die Hohenzollern aus Franken oder gar aus Schwaben sind. Eingewanderte, wenn Sie wollen, ich hielt sie für mehr, für Eroberer, – wie der Nilstrom Ägypten erobert hat.« – »Man sagt, Herr von Wandel sei im Thüringischen angesessen. Noch Andere geben ihm die Niederlande oder eine dänische Kolonie zum Vaterlande.« – »Meinethalben Island oder Teneriffa, wenn – man muß sich gewöhnen, Preußen anders zu betrachten, als nach dem Naturprozeß. Nation und Staat waren hier nicht eins, sie wurden es. Es kostet auch mich zuweilen Mühe, von den mitgebrachten Vorstellungen zu lassen. Aber es geht nur so, nicht Anders, oder Alles zerfällt. Es war allein der Geist dieser großen Fürstin, der das Verschiedene, Fremdartige aneinander kittete, einen Hauch hineingoß. Diesen Geist muß man lebendig erhalten, immer wieder wärmen die junge Tradition, damit sie nicht alt wird. Finden wir innerhalb unserer Grenzen nicht den Licht und Wärmestoff. so greifet nach draußen. Was anderwärts Verbrechen, hier ist es erlaubt, Gebot der Notwendigkeit, der Selbsterhaltung.«

»Ich habe nicht die Ehre, Herrn von Wandel näher zu kennen.«

»Das Mysteriöse, womit er sich umgiebt, schreckt die Menschen zurück. Ich mag Die nicht tadeln, welche sich hier vor den Blasirtenen verschließen. Eine eiserne Maske vors Gesicht, um die warmen Pulsschläge des Herzens nicht zu verrathen!« – »Man gesteht ihm ebenso die Gabe zu fesseln zu, als abzustoßen.« – »Charaktere und ernste Sitte bedarf die Nation; der Staat darf es nicht so genau nehmen. Eine Libertinage, die nicht die publiken[582] Sitten verletzt, darf ich übersehen. Er weiß das Siegel des Anstandes darauf zu drücken. Er beobachtet scharf, hat merveillöse Kenntnisse, Takt, mit seiner Suada entlockt er Geständnisse, ohne selbst etwas zu verrathen, er ist bei den Frauen beliebt, eine fast unerlässliche Eigenschaft eines Diplomaten, den man brauchen will,« setzte der Minister lächelnd hinzu. – »Seine Liaisons mit der Fürstin Gargazin sind Stadtgespräch.« – »Die sind in diesem Augenblick nicht hinderlich. Und zudem kann Haugwitz ihn nicht leiden, er fürchtet ihn. Das spricht zu seinen Gunsten.« – »So haben Excellenz bereits entschieden –« »Wenn er Feuer in der Brust sich bewahrt hat. Er muß noch glauben können, wenn er nicht mehr lieben kann, hassen, doch aus Herzensgrunde, das Schlechte, Erbärmliche, die Verrätherei, das Schönthun mit den Fremden; er muß noch hassen können, denn wer nur im Sumpfe fortschwimmt, mit der Resignation, endlich doch zu ertrinken, passt nicht für mich.« – »Er gilt als in intimem Conner mit den Männern der Lombardischen Clique.« – »Wissen Sie, ob er diese Kreaturen nicht nur belauschen, durch Gefälligkeiten ihre innerste Natur, wenn sie eine haben, ihre geheimsten Gedanken herauslocken will? Wissen Sie, ob hinter dieser Indifferenz, diesem blasirten Weltbürgerthum nicht ein Haß glimmt, wie ich ihn wünsche? Ja, dahin sind wir gekommen: bis er seine philanthropischen Schwärmereien, jenen Allerweltsgerechtigkeitssinn, ohne sich selbst je gerecht zu werden, nicht durch Kasteiungen und Blut sühnt, bis er nicht wieder zum Egoisten wird, ist Deutschland verloren.«

»Ich glaube, Excellenz, in diesen Studien befindet sich auch unser Volk.« – »Studien!« Da liegt das Elend. Studien vor einer Krisis! »Der Haß, der seine Verwünschungen ins Firmament speit, thut es nicht, der Weltsturm treibt die Dünste fort, ehe es zum Gewitter kommt! Handeln! und bis dahin ließen wir's kommen, daß wir nicht mehr offen handeln dürfen; die Tugend, die Thatkraft muß sich verbergen, hinter einer Larve agiren. Schlimm, daß es ist, aber es ist. Wir brauchen die Tugenden der Brutus, behüte uns Gott vor ihren Dolchen, aber jener zähen Festigkeit, die ihre Gefühle nicht bei jedem Gegenstand aufflackern lässt, sondern sie verschließt, im Stillen nährt, bis der Augenblick der That kam. Weshalb preisen wir jenen Mann, mit dem unsere Geschichte anfing? Spielte der römische Rittmeister in Rom den deutschen Patrioten, radotirte Arminius in den Kaffeehäusern über Deutschlands Unglück, sang er Lieder zur Guitarre, zum Ruhm seines unvergänglichen Vaterlandes, damit die Römerinnen dem blondhaarigen Schwärmer Bravo klatschten? Er schwieg und hatte die Augen auf, er schwieg und diente, um zu lernen, er schwieg und sammelte Haß und Haß, bis es ein Stock ward, den Feind[583] zu zermalmen. – Wir sind herabgedrückt, entwürdigt, bis zu dieser Lage.« fuhr der Minister nach einer Pause fort; »aber noch schlimmer als die wirkliche Thatsache. wenn wir sie uns zu verbergen suchen. Offen es uns selbst eingestanden, daß ist der erste unerlässliche Schritt zur Rettung. Mir graut vor diesem Bramarbasiren, vor diesem Kornetsdünkel. Ich liebe die stillen Menschen, die sich des Urtheils enthalten, weil ich denke, sie könnten doch Vernünftiges, denken, wo die lauten Denker nur Unsinn zu Tage bringen.« Der Minister hatte ausgesprochen. Er ging noch in Aufregung umher, aber sein Blick forderte unsern Freund auf, seine Meinung auszusprechen.

»Einige, dünkt mich, sind still aus Überzeugung, weil ihre Ansicht nicht verstanden würde, Andere aus Furcht, die Mehrzahl aber, meine ich, aus Spekulation, um sich nicht zu kompromittiren, wenn die Dinge anders ausschlagen, als sie berechnet hatten.«

»So kennen Sie Wandel?« fragte der Minister scharf, vor ihm stehen bleibend. – »Ich sehe ungern in dies unbewegliche Gesicht.« – »Das stimmt mit Fuchsius. Weiter!« – »Ich kenne – ihn wirklich nicht, Excellenz.« – »Weiter!« sprach der Minister. – »Wenn der tiefste Grund des Menschen sich auf dem Gesichte irgend ein Mal abspiegelt, so erschrecke ich, daß ich nie einen Zug auf seinem sah, der den Menschen verrieth. Die Diplomatie mag andere Gesetze haben, ich aber könnte Dem nie vertrauen, der stets Herr ist über sich. Wer alle Gefühle und Leidenschaften kostete, wie Mithridates die Gifte, um sich ihrer zu erwehren, hat den göttlichen Menschen in sich ertödtet. Wer den Ausdruck für Liebe, Haß, Furcht, Ehrgeiz, Lüsternheit und Habgier bis zum unkenntlichen Schattenspiel überwunden hat, scheidet für mich aus der Reihe der sinnlichen Geschöpfe. Ohne Sinnlichkeit kann ich mir aber keine Sittlichkeit denken, und keinen Charakter, der nicht die Sitte zum Fundament hat.«

Der Minister sah ihn eine Weile an. Die Schärfe seines Blickes ging in Wohlgefallen über. Er klopfte ihm auf die Schulter: »Wir werden uns näher kennen lernen. – Aber – ich will ihn doch noch nicht aufgeben. Ich glaubte indeß, das in ihm zu entdecken, was ich hier nirgend finde. Dies unausstehliche Sich spreizen und Knistern, um vornehmer scheinen zu wollen, als man ist, macht für mich diese Menschen um zehn Prozent schlechter, als sie sind. Wir wollen ihn auf die Probe stellen, Sie sollen behüflich sein.« – »Als Kundschafter!« – »Ihr Vater steht mit ihm in Relation, wie Fuchsius mir mittheilte. Ein guter Kaufmann giebt nur Kredit Dem, der Kredit hat.« – »Auch ein Kaufmann ist Illusionen unterworfen.« – »Das sollen Sie ermitteln, mit Fuchsius sollen Sie sich darüber verständigen. Fuchsius hat Antipathieen[584] gegen Wandel. Das muß ein Staatsbeamter sein lassen, ich meine persönliche Antipathieen. Aber er will Renseignements haben, erinnere ich mich recht, aus den Niederlanden, daß hässliche Schatten ihm folgen. – Irgendwo hat ein Glücksritter – es ist ein Entführungsroman, mit Tod, Erbschleichers und so weiter gekuppelt, – für Romane habe ich keinen Sinn, Fuchsius wird Ihnen das Nähere mittheilen. Aber auch er mag in seinem Argwohn zu weit gehen. – Haben Sie Bedenken?« – »Ich kenne bis jetzt weder den Roman, noch die Wahrheit.« – »Oder wissen Sie ein taugliches Subjekt? Ein seiner Beobachter, oder ein blitzendes Talent. Auch Sarkastik oder Humor wären treffliche Eigenschaften, Feuer, wenn auch mit etwas Qualm, daß die Salonmenschen hinreißt. Mag er auch sonst ein verlorener Sohn sei, wenn er nur kein verlorener Sohn vom Vaterland ist. Es giebt viele verlorene Söhne, die nur eines Impulses bedürfen, damit das erstickte Feuer aus der Schlacke auflodere. Englands erste Staatsmänner gingen diesen Weg, aus einem Rouné ward ein Charles For. – Sie denken an Jemand. Sinnen Sie nach. Er darf nicht scheuen, die Stellung anzunehmen. Es ist ein Sort. Den Rathcharakter, mit einem ansehnlichen Gehalt, habe ich, um der Form zu genügen, für ihn bereit; die eigentlichen Dienste ergeben sich mit der Zeit. Morgen sehen wir uns wieder. – Jetzt gehen Sie ins Bureau, und besprechen sich mit Herrn von Fuchsius.«

Walter trat einen Schritt zurück: »Excellenz. eine erste Bitte, und wenn sie mir abgeschlagen würde, meine letzte, erlassen Sie mir diese Konferenz. Ich kann nicht mit Herrn von Fuchsius – dienen.« – Die Brauen des Freiherrn zogen sich zusammen, die Augen wurden kleiner, ohne die Schärfe ihres Blickes zu verlieren. Er warf einen Gegenstand, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. »Soll ich etwa ihn um Sie aufgeben! – Herr, ihn kenne ich, Sie noch nicht.« Er wandte sich wieder, um nach einigen Schritten zurückzukehren. Das Ungewitter war verzogen und die Stirne war heiterer, als er zum zweiten Mal die Hand auf Walters Schulter legte: »Junger Mann, Sie müssen noch viel lernen. Glücklicherweise nur, was jeder Fant, der ein Jahr in der Routine ist, an den Fingern weg hat. Ist ein Staatsmann ein Gott, ein Deukalion. daß er seine Menschen sich machen kann, wenn ihm die nicht gefallen, die ihm das Schicksal zuweist? Er hat genug gethan, wenn er Jeden an den Platz stellt, den er füllt. Findet er nur das heraus, ist er schon weise. Den er zum Steineklopfen braucht, von dem darf er nicht fordern, daß er Nähnadeln spitzt. Und wen er zum Schatzmeister gemacht, und seine Läden bleiben verwahlt, soll er ihn fortjagen, weil er sich einmal einfallen ließ, in seines Herrn Sonntagsrock auf der Promenade zu stolziren?[585] Hab' ich etwa hier Vorrath, daß ich nur zu wählen brauche? Wollte ich Alle um solches Vergehen fortjagen, so könnte ich vom Thürsteher bis zum ersten Geheimrath die Geschäfte allein übernehmen. Herr von Fuchsius ist ja jung, und sieht in die Zukunft, er denkt ans Vaterland und denkt richtig, soll ich ihn zum Teufel schicken, weil er nebenher auch an sich denkt? Fordere vollkommene Menschen, und Du wirst als Eremit zu Grabe gehen. Kein Wort mehr davon. Die Ehre meiner Beamten, die ich mir bildete, ist meine Ehre. Es kann Ihnen auch einmal zu Gute kommen.«

Jetzt war Walter entlassen. An der Thür blieb er stehen. »Ich wüsste« – Er stockte; es schickte sich nicht mehr. – »Presst es die Brust, heraus damit« – »Einen Mann« – »Der geeignet. Nennen Sie ihn. Ich sann eben auch nach.« – »Er ist mein Freund« – Walter stockte. – »Desto besser.« – »Ja, ich kann aus vollem Herzen sagen, er ist der Mann, wie Excellenz ihn suchen.« – »Sein Name?« – »Wird ihn hier nicht empfehlen.« – »Wenn es ein guter ist?« – »Der Sohn des Geheimrath von Bovillard.« – »Der Tolle?« – »Louis von Bovillard. Für sein Herz, das fürs Vaterland schlägt, sag' ich gut. Das erstickte Feuer kann aus der Asche zu einer Flamme aufglühen, wenn er an edle Schmiede kommt.«

Walter blickte zweifelnd auf den Minister, der nachdenkend stand: »Senden Sie ihn zu mir, ich glaube, Sie haben gut getroffen. Er hat seine Wiener Mission mit mehr Eifer ausgeführt, als Haugwitz wünschte. Aber« – »Euer Excellenz Bedenken soll mir Befehl sein.« – »Nein – der alte Bovillard hat ja seinen provencalischen Adel renoviren lassen. Es sind die Bovillard Maitres de Cerise. Ich danke Ihnen, Herr van Asten, daß Sie mich an ihn erinnert haben. Über wen diese Menschen hier entrüstet sind, muß kein gewöhnlicher Mensch sein. – Bringen Sie ihn mir. – Ist er noch mit seinem Vater überworfen? Gleichviel. Die Bovillard de Cerisé waren schon in den Kreuzzügen genannt, und was mehr ist, wahrscheinlich von reiner keltischer Abkunft. Fast unbegreiflich, wie ein solches Mondkalb von Vater da hinein kam. Schicken, bringen Sie ihn bald. – Da erinnere ich mich, dem jungen Mann wird eine fixe Anstellung jetzt sehr gelegen kommen.« – »Um die Aussöhnung mit dem Vater zu erleichtern?« – »Nein, die Gargazin sagte mir neulich, er ist so gut wie verlobt mit einem schönen jungen Mädchen, einer Beauté der Stadt, es wäre aber viel Jammer von beiden Seiten, weil nichts daraus werden kann. Nun kann ja etwas daraus werden. Wie gesagt, führen sie ihn zu mir, und freuen sich, daß Sie Ihres Freundes Glück machen.«[586]

»Ich freue mich,« entgegnete Walter mit voller Stimme, aber sie klang wie ein Grabesgeläut, und entfernte sich.

Quelle:
Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Vaterländische Romane, Berlin: Otto Janke, 4[1881], Band 7, S. 579-587.
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