Achtzigstes Kapitel.

Verschlungene Hände.

[710] Ob die Fürstin in der Hedwigskirche ihr Herz ausgeschüttet, wissen wir nicht, aber einige Stunden, nachdem wir sie verlassen, finden wir sie schon in vollständiger Morgentoilette, wie sie mit[710] einiger Verwunderung die Meldung eines Besuches anhört. Der Besuch ward angenommen und der Gesandte, Herr von Laforest, erschien im Zimmer, um bald darauf im Fauteuil ihr gegenüber zu sitzen. Die Fürstin hatte diese – Aufmerksamkeit, wie sie sagte, nicht erwartet. »Die Scheidestunde ist so ernst, daß man über die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln wegsieht,« setzte sie hinzu. »Warum ernster, Fürstin, als jede andere Trennung?« – »Weil es eine auf immer ist.« – »Das Wort immer und ewig ist, dünkt mich, aus dem Lexikon der Diplomatie gestrichen. Nämlich aus dem zum Gebrauch der Adepten. In der Ausgabe, die ins Publikum kommt, ist es freilich dick unterstrichen; wir schließen immer ewige Verträge. Die Formeln aber dürfen wir nicht aus dem Auge lassen, sie sind die ewigen Fäden, an denen ein zerrissenes Gewebe wieder zusammengeknüpft wird. Man muß auch mit dem Teufel höflich sein, weil man nie weiß, ob man nicht seine Allianz einmal braucht« – »Sie können unmöglich glauben, daß man auch jetzt noch einmal den Bruch kittet.« – »Mit Diesen hier? Nein. Gott sei Dank, die Saat ist reif, zur Ernte, und die Sicheln geschliffen; für Körbe und Scheuern werden Napoleons Receveurs gesorgt haben. Preußen hat uns viel, sehr viel Geld gekostet. Es wird mit Zins auf Zins Alles wieder zahlen müssen, auch wenn es darüber drauf geht.« – »Ihre Assurance lass' ich auf sich beruhen, aber wir sind Preußens Alliirte.«

Laforest fixirte sie lächelnd: »Ist der starke Mann, der einen Knaben hinter sich aufs Pferd nimmt, weil das Kind allein durch den Wald sich fürchtet, der Alliirte desselben? Eigentlich ist's ein Zwerg, der sich an die Croupe des Riesen klammert.« – »Durch zehn Jahre hat das große Frankreich unter allen seinen wechselnden Regimenten diesem Zwerge geschmeichelt.« – »Um so verdrießlicher sind wir gestimmt, und um so schärfer wird die Züchtigung ausfallen.« – »Wenn der Riese es zugiebt!« – »Das ist der Punkt, Prinzessin. Wir müssen uns darüber klar werden. Der Zwerg hinten auf der Croupe wird auf die Länge dem Reiter eine lästige Zugabe, er hindert ihn in seiner freien Bewegung und will wohl gar mitsprechen und das Pferd mitlenken. Wenn man ihn vor aller Welt aufhob, und von seiner Großmuth ein Fait machte, kann man ihn nicht immer ohne Weiteres wieder in den Staub setzen.« – »Lassen wir die Gleichnisse. Sie sind merveillös in Ihrer Zuversicht auf Sieg.« – »Mein Kaiser schlägt nur los, wenn er ihn schon in Händen hat.« – »Das kontrastirt furchtbar gegen den Glauben hier.« – »Desto besser. Seit Friedrichs Auge erlosch, sieht man hier durch eine Brille, die ihnen immer das Gegentheil von dem zeigt, wie die Dinge sind. Eine wahre Wohlthat der Vorsehung. Was braucht ein Maulwurf in die Sonne[711] zu sehen! Den Lauf der Gestirne berechnen Andere.« – »Sie gefallen sich heute in Paradoxieen.«

»Ohne alle Gleichnisse, Prinzessin, und aufrichtig, Gedanke gegen Gedanke! Wenn große Mächte über große Fragen miteinander in Streit liegen, so ist die Einmischung der kleinen immer verdrießlich. Was haben sie in die Wagschale zu legen, wo Kraft, Wille, Genie auf beiden Seiten stehen?« – »Wo das Zünglein der Wage hin und her schwankt, dünkt mich, giebt grade ein kleines Gewicht den Ausschlag.« – »Das bestreite ich. In der Theorie mag es richtig sein, in der Praxis grundfalsch. Bundesgenossen bringen Prätensionen mit, und beschweren, und hemmen die Macht, die zu entscheiden hat. Wodurch siegte Friedrich? Weil er keine Bagage von Alliirten hatte, weil er immer frei handeln konnte. Wodurch ist dies deutsche Reich mit seinem König und Kaiser römischer Nation, das ehedem die Weltherrschaft prätendirte, unter gegangen? Weil seine Kaiser nie frei handeln konnten; an den Rücksichten, die sie allen möglichen Berechtigungen in dem bunten Reiche gewähren mussten. Oesterreich verblutet, England lassen wir auf seinem Brett im Meer Rule Britannia singen, die Frage steht nur noch zwischen Frankreich und Rußland. Ich bin wenigstens des Glaubens, daß Rußlands große Staatsmänner die Sache so ins Auge fassen. Es ist der Kampf um die Herrschaft auf dem Continent zwischen dem Occident und dem Orient. Was soll, was hat da mitzusprechen in diesem Kampfe zwischen zwei Kolossen, die Bagatelle Preußens?«

»Und doch ist jetzt von ihr allein die Rede. Sie ruft unsern Beistand an, wir gewähren ihn ihr. Alexander lässt marschiren. Herr von Laforest. Möge Ihr Kaiser auf einen ernsteren Zusammenstoß bereit sein, als – Sie denken.« – »Wir sind bereit und – freuen uns darauf, denn endlich muß es doch entschieden werden, wem zwischen zwei gleich großen Spielern das Schachbrett gehört. Aber das ist ein Kampf, der im Jahre 1806 noch nicht ausgefochten wird. Jetzt räumen wir nur das Feld von kleinen Mitspielern, unnützen Rathgebern; es könnte eigentlich beiden Großmächten gleichgültig sein, welche es über sich nimmt, diese Parteigänger fortzukehren, denn Beide haben den Vortheil, wenn das Feld frei wird. Ihre Armeen können sich entwickeln. Und« – setzte er aufstehend hinzu – »sie können ihre ganze Stärke zeigen, sie kämpfen nicht für einen Vorwand, sie kämpfen für sich – wer weiß, ob es dann zum Kampfe mit den Massen kommt, ob beide Gewaltige sich nicht besser im Frieden über die Theilung der Erde zu verständigen wissen.«

»Nur nicht Menschheitsbeglückungsträume, Herr von Laforest!« sprach die Fürstin. »Mit dem Ossian konnten Sie diese hier nicht[712] beschwatzen; uns in Rußland –« »Männer wird Napoleon nicht mit Kinderspielzeug fangen wollen. Die Welt bedarf der Autorität. Ein Stempel der Kraft muß den Völkern wieder aufgedrückt werden, damit sie nicht vom Winde der Meinungen wie Flugsand durcheinander treiben. In Frankreich hat sein Fuß die Jakobiner zertreten, er hat die zerrüttete Ruhe und Ordnung der Gesellschaft wiedergeschenkt, er ist des Willens, sie auch den Völkern wieder aufzudrücken, wenn – wenn nicht, die seine Bundesgenossen darin sein sollten, mit dem gemeinschaftlichen Feind gemeinschaftliche Sache machen.«

Die Fürstin blickte ihn scharf an. Sie war verwundert, sie wollte mehr hören. Der Mund schien, halb geöffnet, als ein Zeichen der Aufmerksamkeit, aber er spitzte sich auch wohl schon zu einer satirischen Entgegnung, während Laforest fortfuhr: »Ist dies Preußen nicht das wahrhafte Wespennest der Sektirer, Illuminaten, wo täglich Ideen und Neuerungen geheckt werden, Laiche und Brut zu neuen Revolutionen? Und das Schlimmste, sie wurden von oben unterstützt, oder gingen von oben aus; die Philosophen lässt man Systeme bauen, man schmeichelt ihnen, ruft sie in den Staatsdienst, und was man niedertreten und ausrotten sollte, begießt man noch! Können wir, nach solchen Erfahrungen, uns noch täuschen, wie weit diese Systeme tragen, wie sie das Blut vergiften, den Glauben an die Autorität in Kirche und Staat untergraben, wo jeder dürftige Verstand sich anmaßt, selbst Alles von vorn an zu prüfen, bis in den Grund der Dinge hinein! Täuschen wir uns auch darüber nicht, daß die Könige von Preußen noch die Macht hätten, wenn sie wollten, das Unkraut auszujäten. Wir sahen ja, wie der Versuch unter dem vorigen Monarchen mißlang. Es hat sich so eingefressen in den fruchtbaren Boden, daß es den Weizen nicht mehr aufkommen lässt; ja, man wird noch oft Versuche machen, aber ich besorge, immer vergebens. Was hat selbst in Oesterreich das kurze Beispiel Josephs geschadet; nun bedenken Sie, was und wie tief eine sechsundvierzigjährige Regierung, und eines Friedrich, das Blut des Volkes vergiften musste! Voran dem Reigen ging, um das Maß voll zu machen, sogar eine philosophische Königin! Es ist in der Nation zur Tradition geworden, daß die Macht ihres Staates auf der sogenannten Intelligenz beruht, und sie hat, meines Dafürhaltens, darin nicht so ganz Unrecht. Darum, Prinzessin, darf dieser Staat keine Macht bleiben, oder wird der Funke zu einem Brande für alle Staaten. Und welche Verpflichtungen haben denn die alten Mächtigen, in ihrer Mitte einen Emporkömmling zu dulden, der auf seine Bildung sich geckenhaft brüstet, und sich zuweilen die Miene giebt, sie zu verachten; stand er nicht jetzt eben noch, es war unerhört, wie der[713] Minos da, und maßte sich an, zwischen den Kombattanten über Europa's Schicksal zu richten?«

Die Gargazin war ihm mit gespannter, dann, wie es schien, gesättigter Aufmerksamkeit gefolgt: »Herr von Laforest überraschen mich. Wer hätte das vermuthet. Auch Ihr Kaiser will, als ein neuer Sankt Georg, den Drachen des Unglaubens zertreten! Seit wann ging diese remarquable Veränderung in Sr. Majestät vor?«

»Können Sie mit Spott das Einmaleins umändern, oder einen mathematischen Lehrsatz umstoßen? Der Satz heißt in diesem Falle: er folgt den Maximen, die er zu seiner Selbsterhaltung für nothwendig hält. Seine Pläne gehen tiefer, als Sie glauben. Von wo entspringt alles das Unheil, an dem die Völker leiden? Aus den Beispielen, die wir unvorsichtig aus dem Alterthum holten, aus der unverständigen Anwendung der Begriffe, die damals galten, auf die Verhältnisse von heut. Schon lange geht er mit dem Projekt um, das Studium der Klassiker von den Schulen zu verbannen. Das, was uns nützlich ist, soll daraus übersetzt werden, eine Uebersetzung unter dem Stempel der Autorität; mit dem anderen klassischen Kram fort als Zeitvertreib oder Gift. Stimmte dies nicht mit den Ansichten meiner erlauchten Frau? Ihre Kirche giebt aus der Bibel dem Volke nur, was sie für gut hält. Napoleon will dasselbe, das Heidenthum will er verbannen. Mich dünkt, da gehen wir noch Hand in Hand. Er hat die Pariser Universität zum Instrumente seiner Macht umgeschaffen. Sind wir da nicht auch einig? Er will nicht, daß, wie in Deutschland, so viel Lehrstühle sind, so viel Irrlehren der Jugend gepredigt werden. Der Staat soll eine Lehre prüfen, als gut und richtig approbiren, und diese soll dann in allen Schulen vorgetragen werden. Stimmen wir darin nicht? Er hasst die Ideologie, weil sie den Menschen vom Praktischen und Nothwendigen entfernt, weil sie ewig an der Autorität rüttelt, Stolz, Ueberhebung, Schwärmer hervorruft. Will Ihre Kirche die? darf der Staat des großen Czaren sie dulden? Deutschland ging daran unter. Preußen schmeichelt ihnen, weil die ganze Nation aus Ideologen besteht. Darum nennt mein Kaiser sie die Jakobiner des Nordens. Mich dünkt, eins der treffendsten Worte, die aus seinem Kopf entsprangen.«

»Und was ist der langen Rede kurzer Sinn?« – »Das nur andeuten wollen, wäre Vermessenheit, wo die Weisheit eines Alexander selbst das Beste treffen und – Fürstin Gargazin das, was einschlägt, ihm anrathen wird.« – »Was aber würden Sie an meiner Statt meinem Kaiser rathen? Versetzen Sie sich einmal in meine Stelle.« – »Fürs Erste würde ich diese Don Quixoten anlaufen lassen, wie sie's verdienen. Wer den heißen Brei angerichtet, kann ihn aufessen. Ihnen ihren Willen gelassen! – Sie[714] lächeln, das wäre gut französisch gerathen, und so arglistig dumm, daß es eigentlich eine Beleidigung sei, einer Fürstin Gargazin es ins Gesicht zu sagen. – Erlauben Sie mir die Bemerkung, es ist nicht so ganz dumm. Buxhövden hat in Riga den Befehl, zu rüsten. Vergönnen Sie mir auch, zu bemerken, der Befehl ist etwas spät an ihn ergangen, viel zu spät. Ich tadle darum Ihre Staatsmänner nicht, denn konnten sie wissen, daß es hier endlich Ernst, daß man sich nicht doch einmal wieder anders besinnen werde? Eine Mobilmachung kostet viel Geld; man thut es doch nicht immer blos zum Vergnügen, besonders dann nicht, wenn eine ernsthafte, große Rüstung uns bevorsteht. Für die spart ein weiser Staatsmann die vollen Kräfte. Nun rüstet Buxhövden. Es ist jetzt Anfang Oktober. Bis spätestens Ende Oktober stoßen die preußischen und französischen Heere auf einander; irgendwo im Herzen von Deutschland, geht es nach den Feuerköpfen hier, so weit wie möglich nach dem Rheine zu. Nun bitte ich Sie, wie viel Truppen kann der wackere Buxhövden bis dahin disponibel machen, bis dahin durch Kurland, Lithauen, Preußen, Pommern, Brandenburg, durch unwegsame Sandsteppen, aufgewühlte Wege, dem Gros der Preußen nachschicken? Ich will das Höchste annehmen, daß dreißigtausend Mann in forcirten Märschen bis zum Entscheidungstage die Preußen erreichen, daß sie dieselben noch nicht geschlagen finden: würden diese dreißigtausend abgematteten Krieger, aus Complaisance auf die Schlachtbank geführt, das Schicksal ändern? Sie würden mit den Preußen aufgerollt, vernichtet. Und gesetzt, die Preußen siegten, wie viel Brosamen Ehre würden die Bramarbasse dem russischen Succurs zukommen lassen? – Rußland wäre noch einmal moralisch geschlagen, ohne geschlagen zu haben. – Nein, erlauchte Frau, ich versetze mich ganz in die Seele Ihrer klugen Staatsmänner, und spreche zugleich im Stolz eines Franzosen, wenn ich sie sagen lasse: Rußland ist es sich selbst schuldig, nicht mehr durch Echantillons seiner Macht gegen den Giganten zu kämpfen, es darf nicht mehr das Schwert ziehen gelegentlich für Andere, es ist Pflicht seiner Ehre, Gehorsam gegen seine Machtstellung, seine ganze Macht zusammenzuhalten, um sie für sich auf den furchtbaren Rivalen loszuwälzen, wenn – die Zeit kam.«

»Nachdem die preußische Armee vernichtet ist!« – »Die wird es ohnedies. In ihrem Dünkel wollen es die Herren, die den König zum Kriege zwingen, auf einen Schlag ankommen lassen. Durch einen Effektstreich soll wieder gut gemacht werden, was so lange Jahre durch versäumt ist. Sind sie besiegt, so ist Preußen zertrümmert, das Land liegt vor uns, eine offene Beute.« –

»Und Rußland, das zusieht?« – »Behält die Kraft, auf einen Feind sich zu stürzen, der zwar Sieger ist, aber blutet.[715] Denn auf einen verzweifelten Widerstand dieser zweimalhunderttausend Preußen sind wir gefasst. Was dann weiter, steht im Rath der Götter, aber ich meine, daß Kaiser Alexander, an der Spitze seines Reiches, soutenirt von seiner Grenze, ein Wort darin mitsprechen wird, das nicht verhallen kann. Wo zwei Gleiche sich gegenüberstehen, ist aber Zeit zum Verhandeln.«

»Ich könnte es eine Gnade Gottes nennen, daß Preußen keine Staatsmänner hat, wie Herrn von Laforest.«

»Und ich Rußland Glück wünschen, daß sein Czar eine Freundin hat, deren hellerem Blick er traut. Unter uns, Napoleon hat keine solche Freundin, er glaubt nicht an das wunderbare den Frauen geschenkte Ahnungsvermögen. Er traut nur auf sich. Das ist – ein Unglück, denn über aller menschlichen Weisheit schwebt doch ein Etwas – was wir mit dem Verstande nicht ergründen. – Gleichviel nun, ob Sie Buxhövden die Regimenter, die er zusammentreibt, marschiren lassen, oder ihn freundlich warnen, daß er die Dinge sich vorher ansieht, daß er mehr an Rußlands Ansehen denke, als an die momentane Freundschaftsaufwallung Alexanders für Friedrich Wilhelm – das, theuerste Frau, sind Bagatellen – so oder so, ein höherer Wille lenkt dennoch Alles, und – ich denke, unser Abschied ist nicht auf lange, wir sehen uns bald unter andern Verhältnissen wieder.« –

An der Thür war der Gesandte noch einmal umgekehrt, und zog ein gedrucktes Blatt aus der Brusttasche: »A propos, Prinzessin, Sie kennen vermuthlich das noch nicht. Ein Korrekturabzug, durch Zufall mir in die Hände gerathen, ein Avantcoureur des kommenden Manifestes, in die Erfurter Zeitung gestreut. Bemerken Sie den Passus!«

Die Fürstin überflog das Blatt: »Nicht blos Preußen, die deutsche Nation sollte, ihrer Selbstständigkeit beraubt, aus der Reihe unabhängiger Völker gestoßen, einer fremden Souverainetät untergeordnet werden. Diesem Schlage, dem schrecklichsten, der Deutschland noch treffen könnte, zu begegnen, ehe es zu spät ist, dieses ist, nach glaubwürdigen Nachrichten, der einzige Zweck von Preußens gegenwärtiger Rüstung.«

»Qu'en dites-vous, Madame? Preußen rüstet nicht für sich, sondern für die deutsche Nation! Wenn es nicht so entsetzlich naiv wäre, könnten Andere als wir vor den Konsequenzen erschrecken. Aber ich hoffe, man wird weder in der Hofburg zu Wien blaß werden, noch in Sanct Petersburg roth, noch wird mein Kaiser fragen: wer in aller Welt gab denn Preußen die Vollmacht für die deutsche Nation? Denn in Wien, Petersburg und Paris weiß man, daß Phrasen tönender Wind sind. Nicht wahr? Aber ein wenig Achtung giebt man doch, wenn die Kinder in Phrasen zu[716] sprechen anfangen, die sie freilich gelernt haben, aber man fragt doch: von wem?«

Der französische Gesandte, Herr von Laforest, war längst in seinem Wagen fortgerollt. »Und doch betrügt er mich nur!« war das Ende eines langen Selbstgespräches, aus dem die Fürstin bei diesen Worten zu erwachen schien. »Aber man lässt sich zuweilen gern betrügen.« Sie setzte sich an ihren Sekretär, und schrieb hastig. Das Billet auf Rosenpapier mit der Aufschrift: »An den Legationsrath, Herrn von Wandel,« ward einem Diener übergeben, mit dem Befehl, auf der Stelle dahin zu fliegen und Antwort zu bringen. Die Antwort ließ doch eine Stunde auf sich warten, welche für die Prinzessin in sichtlicher Spannung verging. Mehrmals hatte sie sich wieder zum Schreiben niedergesetzt, aber Alles, was sie angefangen, gefiel ihr nicht, sie zerriß es wieder. »Es geht nicht schriftlich,« sprach sie. »Solche Botschaft kann nur mündlich an Buxhövden gebracht werden.« Endlich kam Wandels Antwort. Sie lautete:

»Die ehrenvolle Mission, welche Fürstin Gargazin mir zugedacht, wie sie auch laute, ist mir der sicherste Beweis für das, was mein Herz mir sagt, daß es eine Selbsttäuschung war, als ich einen Moment glaubte, daß sie im Zorn von mir scheiden wollte. Eine Heilige kann nicht zürnen.

Um so schmerzlicher trifft es mein Herz, daß ich dem Rufe nicht folgen kann. Meine Verhältnisse, meine Ehre gebieten mir, hier zu bleiben. Die Dame, um deren Hand ich mich bewerbe, wird eine Aufwallung, zu der ich mich hinreißen ließ, vergessen, und die Gerüchte, die man über eine Entzweiung aussprengt, selbst widerlegen. Wenn die geringen Gaben, welche die Natur mir schenkte, die Kenntnisse, welche ich mir erwarb, in Mancher Augen mir vielleicht eine höhere Sphäre anweisen, so fühle ich doch nur zu sehr, daß der Mensch, der immer in weiteren Peripherieen sein Glück sucht, so oft das übersieht, was ihm zunächst liegt, und worauf Natur oder Geburt ihn gleichsam hinstieß. Meine physikalischen und chemischen Kenntnisse berechtigen mich zum Glauben, daß ich in der Tuchfabrikation Verbesserungen einführen werde, welche dem Lande, dem ich fortan gehören will, von, wenn auch nur geringem, doch von Nutzen sein werden. Lächelt Fürstin Gargazin darüber, so denkt sie doch vielleicht milder, wenn sie den Spruch sich zuruft von dem, der sich selbst erniedrigt.

Und doch würde ich Ihrem Rufe folgen, wenn nicht die heiligste Pflicht mich fesselte. Jene Aussichten bei Seite gesetzt, in diesem Augenblick kenne ich nur eine Pflicht, eine unschuldig verfolgte Frau, die mir einst theuer war, gegen die Barbarei der Gesetze zu schützen. Ja, ihr gehört mein Leben.[717]

Urtheilen Sie über mich, verdammen Sie mich, ich werde nie vergessen, was seiner Wohlthäterin, der edelsten Frau des Jahrhunderts, der Fürstin Gargazin verdankt

Ihr unterthänigster –«


Die Fürstin zerriß mit einem verächtlichen Lächeln den Brief in kleine Stücke: »Nun muß ich selbst –« In ihrem Hause war helle Unruhe. Um Mittag fuhr ihr Reisewagen, mit vier Courierpferden vorgespannt, aus dem Thore von Berlin. Eine Relaisbestellung bis Riga flog ihr voraus. Von der Höhe draußen wandte sie sich noch einmal um: »Lebe wohl, Babel! du und dein Reich sollen vergehen!«

Quelle:
Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Vaterländische Romane, Berlin: Otto Janke, 4[1881], Band 7, S. 710-718.
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