Kindermisshandlung

[205] Der Richter: »Sie, Frau Katharina Hölzl, derzeit in Kriegszeiten Tramway-Kontrolleurin, haben also Ihre 11jährige Stieftochter splitternackt ausgezogen, mit einem Rohrstaberl überall am ganzen Leibe hingedroschen, sie am Schreien verhindert durch Schläge auf den armen Mund!«

»Wenn man wochenlang nicht ausgeschlafen ist, wenn man noch fünf eheliche Kinder hat, wenn man noch andere Zustände hat, und sieht wie die anderen reichen Mistviecher leben, dann wird man so!«

»Ja, aber was kann denn dieses ärmste unschuldige Mäderl dafür?!«

»Dafür kann sie freilich nichts, aber sie muß es büßen. Ich kann auch nichts dafür, und muß es büßen.«

Der Richter spricht sie frei, denn für Kinder-Mißhandlung an »Stiefkindern« ist im Gesetze noch kein Paragraph! Weshalb?! Na, weshalb?! Die Bertha Suttner hat von der dankbaren Menschheit den Friedens-Preis erhalten von 200000 Kronen! No, hat sie ihn nicht vielleicht ehrlich verdient mit ihrem Geschmuse?! Ist nicht Friede geworden in der Welt?! Dum-Dum, nein, dumm, dumm!

Quelle:
Altenberg, Peter: Mein Lebensabend. Berlin 1–81919, S. 205-206.
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Mein Lebensabend: [Reprint der Originalausgabe von 1919]