Eine Szene
(Nach einer Novelle aus dem Französischen, mit einem veränderten Schlusse)

[188] Arbeitszimmer des Herrn.

In einen Fauteuil gekauert, die ineinander gerankten Finger zwischen den Knien, sitzt die junge Frau. Der Gatte sitzt an seinem Schreibtische, raucht Zigaretten, geht auf und ab, setzt sich wieder, geht auf und ab, setzt sich wieder.

Sie blicken sich nie an. Lange bange Szene.

Der Gatte öffnet eine Schreibtischlade, nimmt ein Kästchen hervor, öffnet es, nimmt den Revolver heraus.

Die junge Frau blickt schief hinüber, erschauert, bleibt in ihrer Stellung, regungslos.

Der Gatte: »Ans Telephon, Raymonde!«

Sie erhebt sich, geht zum Telephon an der Wand. Der Gatte gibt ihr die eine Hörmuschel, nimmt selbst die andere.

»Welche Nummer hat dein Geliebter?!?«

Sie schweigt.

»Welche Nummer hat dein Geliebter?!?«

»5712«.

Sie klingelt, ruft dann hinein: »5712« – – –.

Pause.

Der Gatte, ihr es vorsagend: »Hier Raymonde –.«

Sie: »Hier Raymonde – – –.«

Kleine Pause für die Antwort des Herrn.

Der Gatte: »In Liebe und Sorge verbringe ich meine verfluchten Tage – – –.«

Sie wiederholt es.[188]

Der Gatte: »Nur bei dir, bei dir fühle ich mich geborgen – – –.«

Sie wiederholt es.

Der Gatte: »Mein Mann ist heute morgen unversehens abgereist für drei Tage. Komme daher sogleich zu deiner Raymonde – – –.«

Sie schweigt.

Er blickt sie an.

Sie schweigt.

Er erhebt den Revolver.

Sie sagt es ins Telephon.

Unhörbare Antwort des Herrn.

Sie schreit ins Telephon: »Komme nicht! Er ist da! Wir sind entdeckt!«

Der Gatte hebt den Revolver, um loszudrücken. Sie starrt ihm direkt ins Gesicht, aufgerichtet, todesbereit, tieftraurig.

Er läßt den Revolver sinken, geht zum Schreibtisch, setzt sich. Lange Pause.

Dann sagt er langsam: »So also ist es, wenn eine Frau einen Menschen wirklich lieb hat?!? Raymonde, ziehe hin in Frieden!«

(Sie geht langsam hinaus.)[189]

Quelle:
Peter Altenberg: Märchen des Lebens. Berlin 7–81924, S. 188-190.
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